2. Die Liebe als historisches Problem.

Die Liebe als geschichtliche Erscheinung ist nichts an und für sich.

Sie ist, ganz evolutionistisch gefasst, das zu immer grösserer

Freiheit fortschreitende Verhältnis zwischen der physischen Liebe und

den aus der Selbstentfaltung des Geistes hervorgegangenen Formen der

+Gesellschaft+, des +Rechtes+ und der +Moral+, der +Religion+, der

+Sprache+ und +Dichtung+. Es ist wichtig zu betonen, dass es auf diesem

Gebiete keine Kausalität, keine Gesetze in naturwissenschaftlichem

Sinne geben kann, dass die von +Herbert Spencer+ inaugurierte

„organische Methode“ der Soziologie den geschichtlichen Erscheinungen

nicht gerecht zu werden vermag. Es gibt bei der Betrachtung sozialer

Phänomene keine Gesetze, sondern +nur Rhythmen+[19]. „Den Schritt

vom Rhythmus zum Gesetz können wir heute noch nicht wagen, wenn wir

gleich der Ueberzeugung sind, dass Rhythmen letzten Endes auf (uns

noch verborgene) soziale Gesetze zurückdeuten.“ (+Stein.+) Trotzdem

ist hierbei blinder Zufall ausgeschlossen. Denn dieser soziale

Rhythmus stellt sich bei bestimmten Bedingungen und Voraussetzungen

regelmässig wieder ein und nimmt damit für uns das Gepräge bestimmter

Gesetzlichkeit an. +Achelis+ (a. a. O. S. 68) macht in dieser Beziehung

auf die bekanntesten statistischen Erhebungen über Wiederkehr derselben

Vergehen, über den wahren Zusammenhang von Moral und wirtschaftlichen

Verhältnissen aufmerksam. Es handelt sich also auch, insofern die Liebe

als +geschichtliche+ und +soziologische+ Erscheinung in Betracht kommt,

nur um Auffindung jener Rhythmen, jener regelmässig wiederkehrenden

Formen und Typen des Geschehens.

Die Liebe als eine +soziale+ Erscheinung, als Produkt der Gesellschaft,

erscheint wesentlich in den beiden Formen der +Ehe+ und der

+Prostitution+.

+Eduard Westermarck+, Professor an der Universität in Helsingfors,

hat das für alle Zeit grundlegende Werk über die Geschichte der

menschlichen Ehe geschrieben, welches wir nicht anstehen, den

besten kulturhistorischen und soziologischen Werken eines +Buckle+,

+Tylor+, +F. A. Lange+ u. a. ebenbürtig an die Seite zu stellen.[20]

Dies Buch weist in der unwiderlegbarsten Weise mit der gediegensten

wissenschaftlichen Argumentation die Ehe als die überall wiederkehrende

+primitive soziologische Form+ und das +soziologische Endziel+ der

Liebe nach und macht der noch bis in die neueste Zeit von +Bachofen+,

+Mc.-Lennan+, +Morgan+, +Lubbock+, +Bastian+, +Lippert+, +Kohler+,

+Post+ vertretenen Lehre von der ursprünglichen geschlechtlichen

Ungebundenheit, der sogenannten +Promiscuität+ für immer ein Ende. Die

„Kritik der Promiscuitätslehre“ (a. a. O. S. 46-130) gehört zu den

glänzendsten Leistungen der modernen Soziologie. Ihr Ergebnis muss auf

die Anschauungen über das menschliche Geschlechtsleben nicht blos in

soziologischer, sondern auch in philosophischer Hinsicht den grössten

Einfluss ausüben.

Nach +Westermarck+ kommt die Ehe schon bei vielen niedrigen

Tiergattungen vor, bildet bei den menschenähnlichen Affen die Regel

und ist bei den Menschen allgemein. Ihr Ursprung muss offenbar einem

durch den mächtigen Einfluss der natürlichen Zuchtwahl zur Entwickelung

gebrachten Instinkt zugeschrieben werden. Dass der Urmensch die Ehe

kannte, darf man mit grösster Zuversicht mutmassen. Denn die Ehe der

Primaten (Menschen und Affen) scheint aus der kleinen Anzahl der

Jungen und aus der Länge des Kindesalters hervorgegangen zu sein. Mit

aller Wahrscheinlichkeit bezeichnet +Westermarck+ die menschliche

Ehe als ein von den +affenähnlichen Urmenschen überkommenes Erbe+.

Ferner weist er nach, dass gerade bei den am niedrigsten stehenden

Völkerschaften die geschlechtlichen Beziehungen sich +am wenigsten+

der Promiscuität nähern. Wir haben sogar Grund zu dem Glauben, +dass

mit dem Fortschreiten der Kultur die ausserehelichen Beziehungen der

Geschlechter zugenommen haben+. Demgemäss hat in Europa die Zahl der

Ehelosen eine Zunahme, das Durchschnittsalter der Eheschliessung eine

Hinaufschraubung erfahren.

Allerdings ist die +Lebenslänglichkeit+ der Ehe durchaus nicht ganz

allgemein. Bei den meisten unzivilisierten und vielen vorgeschrittenen

Völkern darf der Mann der Gattin jederzeit nach Belieben den Abschied

geben. Bei sehr vielen anderen jedoch -- auch solchen auf niedrigster

Stufe -- bildet die Scheidung den Ausnahmefall. Es kommt auch vor,

dass dem Weibe gestattet ist, dem Gatten den Laufpass zu geben. Im

allgemeinen nimmt die Dauer der Ehe mit der Vervollkommnung des

Menschengeschlechts stetig zu.

Während die Ehe als die eminent +soziale+ Form der Liebe zu betrachten

ist, in welche sich seit jeher das menschliche Geschlechtsleben

gekleidet hat, muss als ihr Gegenpol, als absolut +antisoziale+

Erscheinung die +Prostitution+ bezeichnet werden. Man nennt sie, wie

bekannt, ein „notwendiges Uebel“. Eine wissenschaftliche, dem Stande

der modernen Forschung entsprechende Geschichte der Prostitution

existiert noch nicht. Das grosse achtbändige Werk von +Dufour+[21]

enthält zwar eine grosse Menge Material, dasselbe ist aber gänzlich

unübersichtlich zusammengestellt. Zudem verliert auch diese

Zusammenstellung jeden Wert durch den gänzlichen Mangel der genauen

Quellennachweise. Nur aus einer gleichmässig die Ergebnisse der

Soziologie, Hygiene und Nationalökonomie verwertenden geschichtlichen

Darstellung der Prostitution würde sich ein sicheres Urteil über

die +Ursache+ und die +Abhilfe+ dieses sozialen Uebels gewinnen

lassen. Besonders +Bebel’s+ Werk „Die Frau und der Sozialismus“ hat

manche unrichtigen Anschauungen über die Ursachen der Prostitution

verbreitet, indem dieser Autor dieselben auf die wirtschaftliche

Ausbeutung und die Hungerlöhne zurückführt. Demgegenüber sei nur auf

die gediegene, aus langjähriger Erfahrung hervorgegangene Arbeit über

Prostitution von +G. Behrend+[22] hingewiesen, der ganz andere Ursachen

derselben aufdeckt, dieselben vor allem in einer fast stets erworbenen

Lasterhaftigkeit sieht und ganz richtig bemerkt, dass man meist die

veranlassenden äusseren Momente für die eigentlichen Ursachen ansieht.

Der bedeutendste Forscher über Prostitution neben +Behrend+ ist +B.

Tarnowsky+[23], der bemerkenswerter Weise zu den gleichen Ergebnissen

wie jener gelangt ist und als eine Fabel nachweist, dass die Armut die

nie versiegende Quelle der Prostitution sei. Auch +A. Hegar+ hat den

Versuch gemacht, +Bebels+ Behauptungen zu widerlegen, und zugleich in

seiner sozialhygienischen Studie Vorschläge zu einer Beseitigung des

„geschlechtlichen Elends“ gemacht.[24]

Den kühnsten Vorstoss in der Erklärung der Prostitution hat aber wohl

+Lombroso+ unternommen. Er geht von dem unzweifelhaften Zusammenhange

zwischen Prostitution und Verbrechen aus und statuiert, dass die „Donna

delinquente e prostituta“ nur eine besondere Abart des „reo nato“, des

„geborenen Verbrechers“ sei[25]. Ganz richtig bemerkt er, dass daher

die Dirnennatur nicht nur in den unteren Klassen vorkomme, sondern

ihr Aequivalent auch in den höheren Gesellschaftsschichten habe, was

wiederum ein Beleg dafür ist, dass man nicht die Armut als Ursache der

Prostitution anschuldigen kann. Trotzdem halten wir die Theorie der

„geborenen Prostituierten“ für verfehlt und müssen auch wiederum den

äusseren Einflüssen wie falscher Erziehung, Umgebung u. s. w. mehr

Bedeutung zuerkennen. Jedenfalls bringt das Buch +Lombrosos+ wertvolle

Aufschlüsse über den niemals bestrittenen innigen Zusammenhang von

Prostitution und Verbrechen.

Das Verhältnis der Liebe zum öffentlichen +Recht+ spiegelt sich

vor allem in der sogenannten +Frauenfrage+ wieder. Nimmt man,

wie wir gesehen haben, die Ehe als Grundlage der Gesellschaft

und als das soziologische Endziel der Liebe, so ist eine

allgemeine „Frauenemanzipation“, d. h. die völlige Aufhebung aller

gesellschaftlichen, staatlichen und wirtschaftlichen Unterschiede

zwischen Mann und Frau ein Widerspruch in sich selbst. Denn die

Ehe bedingt allein schon durch die Geburt der Kinder, die Sorge

für diese und die wirtschaftlichen Angelegenheiten der Familie

eine Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau. Auch lassen sich

trotz glänzender Ausnahmen die grossen körperlichen und geistigen

Verschiedenheiten von Mann und Weib nicht verleugnen. Hiermit ist das

Zugeständnis grösserer Rechte und zahlreicherer Bildungsgelegenheiten

an die Frauen wohl vereinbar, besonders angesichts des grossen

Ueberschusses der Zahl derselben über diejenige der Männer, sowie der

späten Heiraten der letzteren. Anfang und Ende der „Frauenfrage“

ist für uns in dem einen Satze beschlossen: Die Frau ist die

gleichberechtigte aber nicht gleichmächtige Gefährtin des Mannes.

Die rechtliche Beurteilung des Verhältnisses zwischen Mann und Weib

hängt aufs innigste zusammen mit der ethischen Seite. Eine wichtige

Aufgabe einer Wissenschaft des Geschlechtslebens wird darin bestehen,

den Einfluss der jeweiligen Lehren der Moral auf die menschliche Liebe

und ihre Aeusserungen zu studieren und im Zusammenhange darzulegen.

Für Deutschland ist in neuester Zeit ein derartiger, freilich noch

unvollkommener Versuch unternommen worden.[26] In der Tat bildet die

Regelung des sexualen Lebens „innerhalb der Oeffentlichkeit“ einen

integrierenden Teil der Moralgeschichte überhaupt, und +Rudeck+

hat Recht, wenn er diese zugleich als eine „Kritik der gesamten

Kultur“ bezeichnet, deren Art und Bedeutung sich nirgends so treu

wiederspiegelt wie auf geschlechtlichem Gebiete. Dass die moralische

Beurteilung geschlechtlicher Verhältnisse zu verschiedenen Zeiten

und bei verschiedenen Völkern eine ganz verschiedene gewesen ist,

ist eine längst bekannte Tatsache. Und doch wird auch hier eine

kritische Untersuchung gewisse Normen feststellen können, die

Allgemeingültigkeit beanspruchen. Mit der +Vervollkommnung+ des

Menschengeschlechts entwickelt sich auch eine Ethik des Sexuallebens.

So führt +Westermarck+ in seiner „Geschichte der menschlichen Ehe“ den

stringenten Nachweis, dass das +Schamgefühl+ etwas sekundäres und zwar

die +Folge+, nicht die Ursache der Bekleidung ist.

Ein sehr grosses Forschungsgebiet ergiebt sich aus den Beziehungen

zwischen Liebe und +Religion+. +G. Herman+, dessen Buch wir oben

erwähnten, hat im Detail geschildert, wie alle Mythologie und Religion

auf +sexueller+ Grundlage erwachsen ist, und deduziert mittelst einer

höchst interessanten Beweisführung, dass aus den geschlechtlichen

Feiern und Mysterien der Urvölker die Riten der heutigen Konfessionen

geworden sind. Man darf behaupten, dass die Religion oder besser der

Konfessionalismus das menschliche Geschlechtsleben im ganzen höchst

ungünstig beeinflusst hat. Man denke nur an die religiöse +Mystik+

mit ihren sexuellen Ekstasen und Ausschweifungen, an den Kult der

„Satanskirche“, die „schwarze Messe“ u. dgl. mehr. Die monotheistischen

Religionen, sobald sie zum Konfessionalismus entarten, sind hierin

um nichts besser als die heidnischen Religionen, ja vielleicht noch

schlimmer, und es liegt etwas Wahres in +Nietzsches+ Ausspruch[27]:

„Das Christentum gab dem Eros Gift zu trinken: -- er starb zwar nicht

daran, aber entartete, zum Laster“. Die meisten +erotischen Epidemien+

sind religiösen Ursprungs.

Dass die Erscheinungen der Liebe bei verschiedenen Völkern

gewissermassen +nationale+ Formen annehmen, lehrt die Ethnologie. Die

Liebe des Russen ist eine andere als die Liebe des Franzosen, die

Liebe des Griechen eine andere als die des Böhmen. Einen wahrhaft

objektiven Ausdruck findet diese ethnologische Verschiedenheit in der

+Sprache+. In ihr werden die feinsten Nüancen sexueller Gefühle durch

die betreffenden Worte sichtbar. +Abel+ hat in einer höchst schätzbaren

Abhandlung den ersten Versuch einer derartigen +linguistischen+

Erforschung der Liebe gemacht.[28] Er untersucht so die Worte für Liebe

in der lateinischen, englischen, hebräischen und russischen Sprache.

Die Sprache führt uns zur +Dichtung+. Die Werke der Literatur bieten

uns ein dankbares Feld für vergleichend-geschichtliche Untersuchungen

über die menschliche Liebe. Die Weltliteratur liefert das Baumaterial

für eine +historische Psychologie+ der Liebe. Sie bietet, wie +Stein+

(a. a. O. S. 33) sagt, „den dankbarsten vergleichenden Stoff, der

seiner sozialgeschichtlichen Bezwinger harrt“. Hier sind noch wahre

wissenschaftliche Schätze zu heben. Homer und die Bibel, die Veden und

Upanishaden, die gesamte Weltliteratur in allen ihren Auszweigungen

enthalten die getreuen Abbilder dessen, was die Liebe bei jedem Volke

und zu jeder Zeit gewesen ist.

Endlich wird das menschliche Geschlechtsleben beeinflusst durch die

+materielle Kultur+ einer bestimmten Epoche. Krieg und Frieden,

städtisches Leben und ländliche Idylle, Kleidung und Nahrung u. v. m.,

verschieden nach Zeit und Ort, üben auch auf die menschliche Liebe die

grössten Wirkungen aus.

So ist die Liebe als +geschichtliche+ Erscheinung unendlich reich an

Beziehungen jeder Art, welche eine höhere Bedeutung des Eros ahnen

lassen als sie die rein +physische+ Liebe erkennen lässt. Untersuchen

wir daher

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 15 / 180 题