er, der Träger eines tiefen, von eigener Meinung diktierten
Verantwortungsgefühls, schon viele, die nicht so elend waren, durch
Morphium erlöst hat.
Knapp unter den Schulterblättern, knapp unter dem Rumpfe starren die
Gliederstumpfe. Rosaviolett. Nach obenhin braungrüne Ränder. Die Spitzen,
zusammengedrehte Mißgewächse aus Muskelsträngen und Haut, sind grau.
Wie der Säugling im Kinderwagen, ist der Rumpf auf die Bettpritsche
festgeschnallt. Dem Rumpfe wird das Gesicht gewaschen. Dem Rumpfe wird die
Nase geputzt. Der Rumpf wird gefüttert. Der Rumpf wird auf das Klosett
gesetzt. Wird dabei gehalten. Der Rumpf hat noch einen Geschlechtsteil, hat
Augen, in denen die Seele steht, hat einen Mund, mit dem er sagt:
»Bitte, Herr Stabsarzt, sagen Sie mir, wie soll ich leben? Was soll ich
tun? Was soll ich tun?«
>Diese Frage soll einer von den Herren beantworten, die an Ketten gelegt
werden<, denkt der Stabsarzt. Und schweigt; denn er weiß die Antwort nicht.
»Hurr . . . . . . a!«
Der langgezogene Schrei eleganter Sommerfrischler, die an der Schranke
stehen, trifft die Ohren von dreihundertfünfzehn still- und langgestreckt
liegenden Schwerverwundeten, trifft die Ohren des Rumpfes.
»Was soll ich tun, Herr Stabsarzt?«
Der Sanitäter steht am Fenster, schüttelt den Kopf, versucht, mit der
abwinkenden Hand die Begeisterungsschreie in die Münder zurückzudrücken.
»Hurr . . . . . . a!«
Der Stabsarzt zieht den Blick von dem Stück angeschnallten Menschenfleisch
zurück; er sieht die weiche, schmachtende Hüftlinie der schönen Blondine,
deren hochgestreckte Hand mit dem Spitzentüchlein winkt, vorübergleiten.
Und weiß die Antwort nicht. >Diese entzückende Körperlinie . . . Wie schön.
Wunderschön. Aber dumm, so dumm.<
». . . . . . a!«
Die behutsam vorgreifende Kolbenstange der Lokomotive zieht den Zug am
anhaltenden Schrei vorüber. Langsam.
»Schmeckt Ihnen das Essen?« fragt der Stabsarzt. Und wendet sich weg. Denn
er fühlt wieder, daß ihm der Glaube an das Vorhandensein der Realität
entgleiten will, beim Anblick des Rumpfes.
»Zu Befehl, Herr Stabsarzt!«
>Zu Befehl! . . . Das ist nicht möglich. Nicht möglich! Daß er >zu Befehl<
gesagt hat<, schreit innerlich der tief entsetzte Stabsarzt. >Nicht
möglich! . . . Der seelenmordende Herrengeist, der Geist der Knechtschaft,
Disziplin, Unterordnung und der falschen Pflicht, der selbst diesen Rumpf
noch sagen läßt >zu Befehl<, hat den Krieg mitverschuldet.<
Der Stabsarzt denkt noch brennend scharf, daß dieser Geist mit Halbheiten,
mit kleinen oder großen Reformen nicht überwunden werden kann; und wird von
einer Empfindung, die vom tiefsten Urgrunde des Seins aufsteigt, plötzlich
zum Rumpfe zurück und auf die Knie gerissen.
Unbewußtes Zartgefühl veranlaßt ihn, die Hände nicht zu gebrauchen, da ja
auch der Rumpf Hände nicht gebrauchen kann in dieser großen Sekunde, in der
das Wort »Bruder« wiedergeboren, neugeboren, der Wahrheit und der
Menschheit zurückgegeben wird vom Stabsarzt, der, die Hände auf dem Rücken,
die Augen, die Stirn, die Wangen des Rumpfes küßt und in wilder Hingabe:
»Bruder« sagt. »Wir sind Brüder. Du und ich sind Brüder.«
Zwanzig erschütterten Soldaten wird das verarmte Herz berührt von dem Worte
»Bruder«. Nicht mehr erhofftes Glück steht groß im Wagen.
Der Stabsarzt steht in der Mitte und verkündet allen das neue, das wieder
erneute Gesetz der Liebe: »Ich sage euch: wir sind Brüder.« Er sagt das
Wort laut, nicht weich. Die Wahrheit klingt im Tonfall seiner Stimme.
Finsternis reißt entzwei; die Morgenröte der neuen Zeit steigt, trifft und
verklärt die zwanzig Soldatengesichter.
Verkünde einem zu lebenslänglichem Zuchthause Verurteilten, der schon zehn
Jahre, Nacht um Nacht, dreitausendfünfhundert lange Tage in der gleichen
Zelle geatmet hat, und der weiß, daß er diese Zelle nie verlassen wird,
verkünde ihm plötzlich, er sei frei, könne gehen, könne jetzt sofort
hinausgehen in die Freiheit, so wird er noch eine halbe Stunde in seiner
Zelle bleiben wollen. Das plötzliche Glück ist so ungeheuer groß, daß es
ihn zu verbrennen droht.
Auch der Rumpf wagt nicht, sich dem Glücke sofort zu überlassen. Schon
allein die ihn plötzlich durchfließende Gewißheit, daß es da ist, daß auch
für ihn ein Glück noch möglich ist, kann seine Seele verwirren. Er wagt
noch nicht, das Wort »Bruder« zu flüstern, und weiß, daß er es flüstern,
sprechen, beten wird. »Bruder.« So schläft er ein. Und träumt sofort die
wunderbare Antwort, die ihm der Stabsarzt gab auf die Frage: »Was soll ich
tun? . . . Bruder.«
Der Geist durchdringt den Zug, dringt in alle Wagen, in die Herzen aller
Soldaten ein. Und wird von der Lokomotive langsam in das Innere des Landes
getragen, der Absicht des Stabsarztes zu dienen, der im Gange bei den
Blinden steht, vor einem Soldaten, der kein Gesicht mehr hat.
Von der Stelle, wo das Kinn war, bis zum Haaransatz bei der Stirn: -- eine
Fläche. Oben verbreitert durch die Ohren. Kein Mund. Keine Zähne. Keine
Nase. Keine Augen. Alles ist weg. Zwei Löcher, wo die Nase war. Ein
kleines, lippen- und formloses, narbiges, schiefes Loch, wo der Mund war.
Die Augenlider, die Augenbrauen, die Augen sind ganz weg: eine grauenvolle
Fläche, entstellt durch farbige Narben und Mißgewächse aus Haut.
Der Stabsarzt sieht die flache, leere Riesennarbe an und fragt: »Sagen Sie,
Lieber, erkennen Sie Ihre Bekannten schon an der Stimme?«
Der Soldat macht eine ungeheure Anstrengung, ein Wort zu formen. Die rote
Zungenspitze durchstößt immer wieder das schiefe, lippenlose Loch. Er
gestikuliert mit den Händen.
Jetzt erst erinnert sich der Stabsarzt, daß der Mann nicht sprechen kann,
weil er keinen Mund, keine Zähne mehr hat. Und drückt in grenzenloser Liebe
die Narbe an seine Wangen.
Der Gefühlssturm, der den Soldaten durchfliegt, wird nicht sichtbar, da der
Soldat kein Antlitz hat. In wilder Erregung tastet er nach der
Menschenhand, preßt sie. Und steht im Glücke, das nicht sichtbar werden
kann.
Der Stabsarzt verkündet den Blinden das neue, das erneute Gesetz.
Herzen ziehen sich zusammen. Krampfhaft. Schmerzlich.
Und öffnen sich weit.
Die Alarmglocke ruft. Zusammen mit dem aufgeregt winkenden Sanitäter
springt der Stabsarzt in den Wagen der Irrsinnigen hinein.
Das in der Lokomotive über dem Manometer angebrachte Telephon klingelt. Der
Lokomotivführer wird hastig aufgefordert, schneller zu fahren und im
nächsten Dorfe zu halten.
Ein Irrer hat sich unterm Knie die Sehnen, die Hauptadern, die
tieferliegenden Arterien durchschnitten, die ganze Wade weggeschnitzt. Bis
zum Knochen. Das Blut strömt. Niemand weiß, woher er die kleine
Gilletterasierklinge hat.
Alle Irren sitzen dicht nebeneinander an den vier Wänden entlang, reglos
auf der Bank. Ernstes Publikum. Der Schwerverwundete wird hinausgetragen.
An den Blinden vorbei. In den Operationswagen.
Die Apfelbaumallee gleitet schnell nach rückwärts. Schneller. Saust nach
rückwärts. Die Stöße erfolgen schneller, heftiger. Schmerzensschreie werden
laut.
Telegraphenstangen, ein vereinzelt stehendes Haus, ein pflügender Bauer,
eine Scheune stürzen nach rückwärts. Die weiße Landstraße saust mit dem
Zuge.
Der Irre ist schon entkleidet. Liegt auf dem Operationstisch. Wehrt sich
wütend. Kann schwer gehalten werden.
Donnernd über eine Brücke, Wasser blitzt auf.
Das Blut strömt dick. Wird vom Herzen stoßweise zu den offenen Adern
hinausgepumpt. Der Stabsarzt kann die Adern des Wütenden nicht abbinden.
Läßt ihn festschnallen. Äthermaske.
Der Turm der Dorfkirche erscheint gleichzeitig mit dem Ertönen des
langgezogenen Warnungspfiffes.
Die Mütze des herbeieilenden Stationsvorstandes leuchtet rot auf. Und
während der Zug einläuft und, unter Schmerzen für die Verwundeten, heftig
stoßend allmählich auf ein Nebengeleise rangiert wird, ist der Stabsarzt
schon mitten in der blutigen Arbeit.
Der Zug steht.
Jetzt erst vernehmen die still werdenden Bauernkinder das laute,
vielstimmige Stöhnen.
Der Stabsarzt arbeitet hastig. Die obere Gesichtshälfte des Narkotisierten
gewährt den Anblick eines friedlich Schlafenden; der ganz schmal geöffnete,
starre Mund lächelt ein spitziges, bewußt boshaftes Lächeln. >Ich sterbe
doch.<
>Ich muß das Bein retten . . . Gerade dein Lächeln veranlaßt mich, das Bein
zu retten<, denkt der Stabsarzt, während er mit der Sonde arbeitet, mit der
Pinzette die Arterien zurechtlegt in ihre anatomische Ordnung, die Arterien
und die Hauptadern abklemmt, die durchschnittene, zurückgeschnellte Sehne
hervorzerrt. Schnell, exakt, fast schon automatisch. >Wärst du unheilbar
irr, dann würdest du mir nicht dieses schadenfrohe Lächeln zeigen können,
das deiner Tat so genau entspricht. Bist heilbar. Und kannst deine Beine
brauchen!<
Dabei sieht er, so oft er den Kopf hebt, über die Bauernkinder, die auf den
Zehenspitzen stehen und doch nur die blutigen Arzthände sehen können,
schnell hinweg und zur Güterhalle, wo eine Menschenansammlung ist, die sich
beständig vergrößert: Weiber, Bauern, einige Soldaten, die auf Urlaub sind.
Die rote Mütze des Stationsvorstehers. Auf einer Kiste steht ein Mensch und
spricht.
Satzfetzen dringen bis zum Stabsarzt herüber.
Ein kleiner Bauernjunge neigt sich zu einem andern, flüstert, deutet mit
dem Zeigefinger. Er hat ein Instrument aufblitzen sehen. Sein Mund bleibt
offen.
». . . und wenn im Kriege fremdes Land erobert wird, dann ist das gar keine
Ehre, sondern Raub«,
hört der Stabsarzt, wundert sich, daß jetzt das boshafte Lächeln
verschwunden ist.
»Wenn ein Bauer glaubt, er könne, nur weil er kräftiger ist, einem
schwächeren Bauern Land wegnehmen, dann ist er kein Ehrenmann, sondern
einfach ein Räuber.«
Der Stabsarzt vernimmt zustimmende Antworten. Und einen lauten Zuruf. Sein
Staunen wird zu Befriedigung. Seine Absicht steht groß und ausführbar vor
ihm.
». . . natürlich, da haben Sie ganz recht, natürlich ist der Bauer außerdem
noch dumm. Denn er wird gestraft. Muß gestraft werden.«
>Werden an Ketten gelegt werden.<
»Es wird einen Prozeß geben. Streit und Haß . . . Ebenso ist es, wenn im
Kriege Land erobert wird: Haß, Vergeltung. Ein neuer Krieg.«
>Ist denn das wirklich eine Frau? Eine Frau?< denkt der Stabsarzt und hört
sie sagen:
»Mein Mann war Versicherungsagent . . .«
Die Glocke der Dorfkirche beginnt zu läuten, übertönt die weiteren Worte.
Der D-Zug saust durch die Station. Der Operierte wird vorsichtig vom Tische
heruntergehoben.
Die Art, wie die Bauersleute um die Sprechende herumstehen, zuhören, kommt
dem Stabsarzt bekannt vor. >Das Ganze sieht improvisiert aus.< Der
Stabsarzt möchte hingehen. >Und vielleicht fünf Minuten lang sprechen
. . . Drei Minuten Zeit könnte ich mir vielleicht nehmen.<
Das Stöhnen der dreihundertfünfzehn Soldaten klingt zusammen in einen Ton.
Im Wagen der Irrsinnigen platzt eine Lachsalve.
Der Stationsvorsteher springt von der Menschenansammlung weg zum
Lazarettzug: der Schnellzug sei durch; der Lazarettzug müsse jetzt
weiterfahren, damit die Strecke frei werde.
>Tatsächlich, der Vorsteher läuft gleich wieder hin. Interessiert sich.<
Das freut den Stabsarzt sehr. Jetzt erst erinnert er sich, daß er, wenn der
Zug langsam an den Dörfern vorübergefahren war, vor den Kneipen, vor den
Kirchen, vor den Rathäusern schon öfters solche improvisiert aussehenden
Gruppen herumstehender Bauern bemerkt hat, die aussahen, als warteten sie
auf etwas.
>Hat die alte Ordnung, Zucht und Meinungslosigkeit Risse bekommen? Ist auf
unkontrollierbaren Wegen der neue Geist schon bis zu den Bauern gedrungen?
. . . Die Bewohner vieler Dörfer haben nicht hurra geschrien, sind stumm
und nachdenklich an den Schranken gestanden, im auffallenden Gegensatze zu
den noch hurra schreienden Bewohnern der Grenzdörfer.<
Der Zug hat nach mehrfachem Vor- und Rückwärtsfahren, unter Pfiffen und
Pufferstößen und unter Wimmern, Stöhnen und Keuchen der Verwundeten das
Hauptgeleise wieder erreicht. Und rollt.
Während der Stabsarzt zurückblickt und sieht, wie der Weichensteller aus
dem Hebelhäuschen schnell heraus und auch auf die Gruppe zuläuft, stoßen
seine Gedanken vor in die kommende Zeit. Er empfindet das erstemal in
seinem Leben, mit einer ihn tief berührenden Feierlichkeit, daß der Gedanke
Macht und Wirkung erlangt hat; daß die Untertanen, die bisher als
meinungslose, gedankenlose Einzelzellen dem nationalen
Riesenuniversalgehirn willen- und machtlos zugeteilt und untergeordnet
waren, begonnen haben, sich loszureißen, Einzelwesen mit eigenem Gehirn,
eigener Meinung zu werden.
>Sie beginnen, zu denken. Das ungeheure Leid hat die Verkalkung zerbrochen.
Der Geist zieht über das Land. Das Alte bricht auseinander, getroffen vom
Leide und von der wilden Sehnsucht nach Freiheit. Der Einzelne will sein
Schicksal selbst gestalten. Der Einzelne beginnt, zu denken.<
Mit feierlicher Gewißheit weiß der Stabsarzt, daß der Anbruch des neuen
Zeitalters, in dem der Mensch gut sein darf, nahe herbeigekommen ist.
Frohlockend fühlt er, daß seiner Absicht, der neuen Zeit, dem neuen Geiste,
dem revolutionären Geiste der Liebe zum Durchbruch zu verhelfen, die
Ereignisse entgegenkommen.
Damit, wie der Stabsarzt durch den Gang und durch die Wagen schreitet, zu
den Verwundeten spricht, sie anblickt, revolutioniert er den ganzen Zug.
Das Überzeugende liegt mehr im Tone seiner Stimme und im Ausdruck seines
Gesichtes, als in den Worten, mit denen der Stabsarzt ohne Haß und ohne
Freude den Soldaten beweist: »Die werden an Ketten gelegt werden.«
Augen glänzen. Verehrung und stürmische Liebe empfängt überall den
Stabsarzt.
Er bittet zwei Sanitäter, einen hilflosen Krüppel vom Bett herunterzuheben.
Der Krüppel soll zeigen, ob er in einem fahrenden Zuge laufen kann; er
bekommt seine zwei Spazierstöckchen in die Hand. Die Stöckchen sind nur
fünfzig Zentimeter hoch. Der Krüppel gewährt den Anblick eines
halbgeöffneten Taschenmessers. Der Krüppel ist ein rechter Winkel. Ein
Geschoß hat ihm den Rückenwirbel zersplittert. Und der Rückenwirbel ist
falsch zusammengewachsen. Der Krüppel kann sich nicht aufrichten. Kann sich
in seinem Leben nie mehr aufrichten. Er geht, ein wandelnder rechter
Winkel, am Stabsarzt vorüber, wendet sich um, langsam wie eine Kuh, hebt
mühsam das Gesicht, fragt den Stabsarzt mit den Augen. Und muß den Kopf
gleich wieder sinken lassen: das Gesicht steht wieder horizontal zum Boden.
Der Mensch mit den zwei niedrigen Spazierstöckchen sieht aus wie ein
vierbeiniges Tier.
Der Stabsarzt überlegt, was er schon während der ganzen Reise überlegte: ob
er wagen soll, den Rückenwirbel noch einmal zu brechen und den Mann
aufzurichten, damit der Wirbel richtig zusammenwachsen kann. >Es ist fast
unmöglich, eine tödliche Verletzung des Rückenmarkes dabei zu vermeiden<,
denkt der Stabsarzt. Denkt: >Werden an Ketten gelegt werden.<
Und läßt den Menschenwinkel wieder auf das Bett zurücklegen.
»Und im Grunde sind wir alle Kameraden«, sagt zu sich selbst ein Soldat,
der sich vorstellt, daß auf vielen Geleisen von Europa langsam solche Züge
fahren, gefüllt mit Krüppeln, Irren, Blinden. »Sie haben uns verwundet, wir
haben sie verwundet. Und im Grunde sind wir alle Kameraden.«
Das lange, schmale Spital schiebt sich durch die schon abendliche
Herbstlandschaft. Der Stabsarzt muß immer wieder das Wort >Auflösung<
denken, wenn er vom Fenster aus die improvisierten Gruppen herumstehender
Bauern sieht. Auch einen mit hinkenden Soldaten untermischten großen Zug
von Bauern, dem ein Kruzifix und eine rote Fahne vorangetragen werden,
überholt langsam das Spital.
An die Realität dieses Ereignisses will der Stabsarzt nicht glauben. Erst
die Einzelheiten überzeugen ihn: ein Feldarbeiter, der seine Hacke
schultert, eine Ackerfurche entlang läuft und sich dem Zuge der Bauern
anschließt; ein beinloser Soldat, der, neben der Fahne, mitkrückt; die
lange Staubwolke, die hinter dem Zuge steht.
Der rote Schein der untergehenden Sonne trifft den Zug, das Kruzifix, und
durchleuchtet rosa die Staubwolke.
>Sie trieben die Lüge auf die Spitze: sie befahlen, die Kirchenglocken in
Geschosse umzugießen, und gebrauchten zu diesem Befehle die Worte >Gott<
und >Christentum<. Sie vergaßen, daß der Untertan begonnen hat, zu denken.<
Die Hauptstraße eines Städtchens, an dem das Spital vorbeikriecht, ist
schwarz von langsam sich bewegenden Menschen.
>Das Leid zog durch das ganze Volk, ließ sich in jedem Hause nieder. Das
Leid entfesselt das Ereignis.<
Im Stabsarzt läßt sich Stille nieder, voll und schön wie die Nacht, aus der
das Frührot bricht.
Überrascht bleibt er vor dem Wagen der Irrsinnigen stehen: sie hocken nicht
am Boden in dreifachem Kreise, sitzen nicht, ernsten Puppen gleich, reglos
an den Wänden entlang, sondern gehen alle im Wagen umher, um einander
herum, in Schlangenlinien kreuz und quer, beständig und unregelmäßig,
meditierend, gestikulierend, den Blick zu Boden gerichtet. Tief mit sich
selbst beschäftigt. Der Schein der untergehenden Sonne trifft rot ihre
Gesichter.
Ein Irrer wendet sich plötzlich um, geht schnell auf den Stabsarzt zu und
sagt: »Jehovah sitzt in meinem Bauche . . . Jehovah ist eine der
Wissenschaft ganz unbekannte Masse.« Er lächelt den Stabsarzt wohlwollend,
mitleidig und mit einem Schein von Schadenfreude an, weil der davon nichts
weiß. Hebt die Schultern: »Tut mir leid, eine der Wissenschaft ganz
unbekannte Masse.«
Erst als der Stabsarzt den zweiten Alarmruf vernimmt, klingt auch der
erste, den er überhört hat, in seinen Ohren.
Der übermüdete Sanitäter, der den operierten Irren bewachen sollte, war
sitzend eingeschlafen und zu spät aus dem Schlafe aufgefahren.
Die blutigen Fetzen des Verbandes liegen auf dem Boden, im blutnassen Bett,
hängen vom Bein herunter. Fleischfetzen hängen vom Bein herunter. Der
Operierte hat die sorgfältige Arbeit des Stabsarztes zerstört. Hat die
Fingernägel in die Wunde tief hineingebohrt und alles herausgerissen. Das
Herz pumpt das Blut stoßweise zu den offenen Adern hinaus. Der Mann ist bei
Bewußtsein und keucht. Das Bein ist verwüstet. Muß amputiert werden.
Der Kranke liegt still, blickt den Stabsarzt wie aus einem tiefen Abgrunde
heraus ruhig und müde an. Und sagt plötzlich, langsam und klar: »Lassen
Sie, bitte. Will nicht.«
Der Stabsarzt bittet zögernd zwei Sanitäter, den Blutüberströmten in den
Operationswagen zu tragen.
Und wendet sich um zu einem andern Kranken, der vorgebeugt auf dem Stuhle
sitzt und, mit jedem Buchstaben mehrere Male Atem holend, »Herr Stabsarzt«
zu sagen versucht.
Der Mann hat einen Schuß in den Magen bekommen. Das Zwerchfell ist
verletzt. Luft ist in die Brusthöhle eingedrungen und komprimiert die
Lunge. Unaufhörliche schwerste Atemnot. Auch wenn er nicht spricht, muß er
ununterbrochen in rasender Folge Atem holen. Sein Gesicht ist blau. Er ist
total abgemagert. Sieht zum Stabsarzt auf mit einem Blicke, der aus Bitten,
Frage und Angst besteht. Und atmet. Und atmet. Schnell wie ein Hund, der
einem Automobil nachgerast ist. Er will am Leben bleiben. Sein bittender
Angstblick fragt, ob es ihm einmal wieder besser gehen werde.
»Ja, es wird besser werden«, sagt der Stabsarzt. Und denkt: >Im Laufe von
drei bis vier Jahren . . ., wenn nicht vorher seine Kraft schon erschöpft
und seine komprimierte Lunge nicht schon vorher abgestorben ist.<
Schon oft hat der Stabsarzt überlegt, welcher von seinen Kranken der
Beklagenswerteste sei. Und hat sich, wenn er machtlos vor diesem Atmenden
stand, der während des ganzen Tages und in den schlaflosen Nächten nie eine
Sekunde lang von seiner schweren Not zu erlösen ist, für ihn entschieden.
Und wenn er dann vor dem Rumpfe steht -- -- --
Und wenn er vor dem Menschen steht, der keine Augenbrauen, keine
Augenlider, keine Augen, keine Nase, keinen Mund, kein Gesicht mehr hat --
-- --
Und wenn er vor dem >Rechten Menschenwinkel< steht -- -- --
Und wenn er im Wagen der Irrsinnigen steht -- -- --
Langsam kriecht der Zug durch die breite Landschaft in den Abend hinein.
Der Stabsarzt steht vor dem Operationstisch. >Das Kniegelenk wenigstens
kann gerettet werden<, denkt er. Und beginnt: klemmt die Hauptadern und die
tieferliegenden Arterien ab, zerrt so weit wie möglich die Sehne vor, die
unter dem Stumpfe verwachsen und, zusammen mit der Haut und den
Muskelsträngen, das Polster für das künstliche Glied liefern soll.
Der langsam fahrende Zug klappert dazu langsam die Melodie von
>Deutschland, Deutschland über alles<, tröpfelt die Melodie in das
vergebens widerstrebende Gehirn des Stabsarztes hinein. Er will dem
langsamen Tempo des Zuges die Melodie von >Nun danket alle Gott<
unterlegen. Es gelingt ihm nicht. >Deutschland, Deutschland über alles<
behauptet sich hartnäckig. Und zu der Melodie entstehen im Gehirn des
sägenden Stabsarztes plötzlich von selbst die Worte:
Zwang und Blut, Gewalt und Messer
Über alles in der Welt!
»Sieg!« schrein Land- und Menschenfresser,
Damit nichts zusammenhält.
Amputiert die Menschentröpfe,
Resezieret alles mit,
Öffnet Bäuche, Mägen, Köpfe,
Schneidet durch den Lebenskitt!
Die furchtbare Wildheit erstarrt im Gesichte des Stabsarztes. Der Knochen
ist durchgesägt. Unterm Knie. Der Sanitäter schiebt das abgesägte Bein zur
Seite.
Der Amputierte liegt reglos. Seine Lippen sind weiß.
>Sein Mund weint . . . Kann denn ein Mund weinen?< denkt der Stabsarzt,
nimmt die Metallklemmen von den Adern ab, reinigt noch einmal sorgfältig
die blutrünstige Innenseite der aufgesparten Haut.
Und während er die Hautlappen und die durchschnittenen Muskelstränge unter
dem Stumpfe miteinander verbindet, klappert langsam der Zug weiter seine
Melodie von >Deutschland, Deutschland über alles<. Und aus dem Gehirn des
Stabsarztes fallen die Worte heraus und in sein Herz:
Dunkle, wilde Leidenssphäre
Hüllet die Millionen ein.
Seht das neue Feld der Ehre:
Kampf um Liebe, Recht und Sein!
Die gewaltgen Krüppelheere
Brechen in den Lichtkreis ein
Jener großen, tiefen Lehre:
Menschen werden Brüder sein.
Eine weithin übersehbare Ebene, die schon in abendblauer Dämmerung liegt.
Der Zug schleicht langsam weiter, vorüber an großen Reklametafeln.
Der Stabsarzt denkt: >Von allen Seiten kommen die langen, schmalen Spitale
ins Land, auf allen Geleisen tragen die Lazarettzüge die Krüppel ins Land.
Täglich seit drei Jahren. In alle Städte, in alle Städtchen, in alle
Dörfer.<
Er sieht in der Ferne die niedere, schwarze Silhouette von Berlin. Das Ziel
der Reise.
Er will nicht glauben, daß dies die Sonne ist: eine ganz kleine Scheibe,
nicht größer als eine halbierte Blutorange, dunkelrot wie eine halbierte
Blutorange, steht tief am gefleckten Himmel krank und düster hinter Berlin.
>Wie eine tödliche Wunde.<
»Dunkle, wilde Leidenssphäre
Hüllet die Millionen ein«,
singt der Stabsarzt im Tempo des Zuges und trocknet, den Blick auf Berlin
gerichtet, die Hände ab am Tuche, das sich rosa färbt.
* * * * *
»Wenn Sie den Vertrag nicht einhalten, gerate ich mit meiner ganzen Familie
ins Elend.«
»Das täte mir ja sehr leid, wirklich sehr leid . . . Aber in unserer
Branche muß, wie Sie ja wissen werden, mein Vertreter fortwährend mit in
der Regel sehr vornehmen und, sagen wir . . . empfindlichen Damen verkehren
und unterhandeln. Im Geschäftsinteresse. Er muß diese Damen unausgesetzt
mit allen möglichen Feinheiten bearbeiten. Das verlangt nun einmal das
Geschäftsinteresse. Es handelt sich in jedem einzelnen Falle um den Gewinn
oder den Ausfall von Tausenden. Sehen Sie ein, mein Vertreter muß diesen
Damen doch . . . die Hand geben können. Das zum Beispiel ist unbedingt
notwendig. Aber Sie können das nicht . . . gut, da Sie ja keine Hände haben
. . . Tut mir ja wirklich sehr leid, aber diesen Direktorposten können Sie
nicht versehen. Das ist unmöglich.«
»Das mag ja . . .«
»Wirklich unmöglich!«
». . . vor dem Kriege so gewesen sein, . . .«
»Ganz und gar unmöglich!«