doch jeder anständige Mensch in dieser Hinsicht rücksichtsvoll. Jetzt stößt
sich doch niemand daran, stößt sich doch eine noch so vornehme Dame nicht
daran, daß ein Mensch . . . keine Hände hat.«
»Jetzt? Gewiß, jetzt vielleicht noch nicht. Aber -- es tut mir ja wirklich
sehr leid, Ihnen das sagen zu müssen -- meiner Meinung nach wird das nicht
immer so bleiben. Es wird nicht einmal allzu lange so bleiben . . . Das
Leben geht weiter. Bekanntlich. Und ich brauche für mein großes,
erstklassiges Unternehmen einen repräsentativen Vertreter, der im vollen
Besitze seiner, sagen wir . . . gesellschaftlichen Fähigkeiten ist. Das
begreifen Sie. Ja wirklich leid . . . Eine entsprechende Entschädigung --
in Grenzen -- steht Ihnen natürlich gerne zur Verfügung.«
»Danke. Da bleibt mir nichts anderes übrig, als mich auf den gesetzlichen
Rechtsstandpunkt zu stellen. Ihr früherer Vertreter hat, während Sie im
Militärdienste waren und bevor er selbst einrücken mußte, einen
rechtsgültigen Vertrag mit mir abgeschlossen. Er war von Ihnen ermächtigt,
Angestelltenverträge abzuschließen. Der Vertrag ist juristisch
unanfechtbar.«
»Also tun Sie mir den Gefallen, und reden Sie nicht von Verträgen. Verträge
sind nur . . . Papier. Kanzleipapier.«
Auch der verstümmelte Herr erhebt sich. »Darin wird Ihnen kein Richter der
Welt, kein objektiver Richter recht geben. Keiner wird sagen, Verträge
seien nur Papier.«
»Möglich. Aber, sagen Sie selbst, was kann ich tun? Es handelt sich hier um
den exponiertesten, wichtigsten Posten meines ganzen Unternehmens. Halte
ich den Vertrag ein, dann wird meine Firma mit mathematischer Sicherheit
von der Konkurrenz überflügelt. Und in der Not . . . was tut ein Mensch,
der vorwärts kommen will, der etwas erreichen will, sagen wir, ein
bestimmtes Ziel erreichen will, was tut der nicht alles in der Not . . .
Wir haben in dieser Hinsicht schon ganz andere Dinge erlebt.«
Der Herr ohne Hände fragt noch ganz ruhig: »Und wenn nun alle nach . . .
diesem Prinzip handeln würden? Wenn das ganze Geschäftsleben unseres Landes
nach dem Prinzip: Verträge sind nur Kanzleibogen, gehandhabt würde?«
Der Kaufmann hebt die Schultern. »Jeder sehe, wie er fertig werde . . .
Soweit wie möglich will ich ja gerne die Sache wieder gutmachen. Zu einer
entsprechenden Entschädigung -- in Grenzen -- bin ich jederzeit bereit.«
»Ich sage Ihnen aber: Verpflichtungen müssen eingehalten werden. Verträge
müssen eingehalten werden. Das ist ein moralisches Gesetz, das in ganz
Europa sogar zum geschriebenen Gesetze erhoben worden ist.« Das Gesicht des
Verstümmelten wird dunkelrot. »Und ich sage Ihnen: es gibt im deutschen
Volke noch Menschen, die das Raubsystem nicht mitmachen. Die unser Volk
wieder rehabilitieren werden . . . Auf Kosten der Straßenräuber Ihrer Art.«
»Das ist eine Beleidigung. Ich kann Sie belangen«, schreit der Kaufmann in
falschem Zorne und freut sich.
Der Verstümmelte geht. Sein Schicksal ist das Schicksal der
Kriegsbeschädigten.
Hunderttausende werden mit ähnlichen Gründen abgefertigt von den
Unternehmern. Hunderttausende -- Schlosser, Schreiner, Spengler, Maurer,
Schmiede, Bergleute, Handlanger, Taglöhner, Erdarbeiter, Bauarbeiter --
verlassen als Abgewiesene, stillgeworden und hoffnungslos, die Fabriken,
die Werkstätten, die Baubüros. In den Arbeitsnachweisen hängen Tafeln, auf
denen steht: >Für diese Arbeiten kommen nur kräftige, unbeschädigte Leute
in Frage<. >Kräftige, unbeschädigte Leute haben den Vorzug<. >Für diese
Stellen kommen . . .<
In keinem Berliner Grandhotel sind Servierkellner angestellt, die
künstliche Hände haben. Der Anblick einer Kunsthand verschlägt Gästen, die
zehn Mark für das Diner bezahlen, den Appetit. Sie bezahlen in einem
anderen Grandhotel lieber zwölf Mark für das Diner und lassen sich dafür
von gepflegten Händen bedienen, die gewachsen sind. Das weiß der gebildete
Hotelier. Aber sein Konkurrent weiß das auch. Der Servierkellner begreift
das auch sehr schnell und wird Zuhälter oder Bordellwirt.
Kinder und Frauen, die sich während des Krieges in die Berufe eingearbeitet
haben, lassen sich nicht verdrängen, werden von den Unternehmern den
Krüppeln vorgezogen. Nur wenn große Aufträge schnell ausgeführt werden
müssen und Mangel an tüchtigen Arbeitskräften ist, stellt der Unternehmer
Krüppel vorübergehend ein. Auf Akkordarbeit. Die Entlohnung entspricht
genau der Leistung. Die Leistung bleibt weit zurück hinter der des
unbeschädigten Arbeiters. Der Krüppel wird entlassen, sobald Ersatz für ihn
zu haben ist.
Für Sentimentalität ist jetzt nicht die Zeit. Jetzt nicht. Gewaltige
Steuern. Gewaltige Konkurrenz. Gewaltige Bestellungen. Phantastisch
kurzbemessene Lieferungstermine. Atemlose Hetze des Unternehmers nach
Verdienst. Sein oder Untergang.
Das Tempo eines Kartonnagenarbeiters, der, wenn er das Allernötigste
verdienen will, jetzt nicht mehr in zwölf Minuten vierzehnhundertmal,
sondern sechzehnhundertmal in zehn Minuten denselben Handgriff machen muß,
kann der Beschädigte, auch wenn ihm nur ein halber Finger fehlt, nicht
einhalten.
Das Mitleid mit den invaliden Vaterlandsverteidigern fliegt weg. Das Wort
des Kaufmanns >Das Leben geht weiter< schlägt seinen Bogen über die
Enterbten des Lebens.
Und gegen die verkrüppelten Kopfarbeiter -- Lehrer, Wissenschaftler, Bank-,
Magistrats- und Staatsbeamten -- holt das Leben von einer andern Seite her
aus: junge, streng erzogene Bürgermädchen vertrauen einander freimütig den
Entschluß an, Krüppel zu heiraten, um versorgt zu sein, und sich dann an
den Gesunden, die zu selten und nicht zu haben sind, schadlos zu halten.
Das werde jeder Mensch begreifen.
Der verstümmelte junge Kaufmann steht noch im kostbar und geschmackvoll
eingerichteten Vorraume des Geschäftspalastes. Sieht, wie eine jener
vornehmen Damen vorfährt, vom Besitzer devot empfangen wird. Und begreift
in einer Sekunde, daß das Leben weitergeht. Sein knabenhafter Glaube an die
strömende Dankbarkeit gegenüber den tapferen Opfern des Krieges fliegt weg,
als er die Verbeugung und das zerfließende Gesicht des Geschäftsinhabers
sieht, hinter dessen Rücken das Unternehmen zittert und wackelt und die
gewaltigen Steuern und die rücksichtslos strebende Konkurrenz grinsen.
Die heimatlosen, alternden Landstreicher, die Leierkastenmänner, die
Straßensänger, die verkrüppelten Bettler, die an der Hausmauer auf dem
Pflaster hocken und den Filz vorstrecken, sind keine aussterbenden
Erscheinungen einer alten Zeit mehr, sondern zählen nach Hunderttausenden
und sind deshalb von Geldsorgen und gewaltiger Konkurrenz nicht weniger
hart bedrängt, als der Besitzer des Geschäftspalastes.
»Ich habe >Uu!< geschrien. Tag und Nacht >Uu!< geschrien. Das half mir«,
erzählt in der Stadtbahn der verstümmelte Kaufmann einem jungen Burschen.
Der Stabsarzt nennt seinen Namen. Wird erkannt. Und läßt sich die Adresse
des Verstümmelten geben. Nichts sonst wird gesprochen. >Ist auch nicht
nötig<, fühlen beide.
Es liegt in der leidgesättigten Zeit, daß Dinge, die früher erklärt werden
mußten, jetzt als Selbstverständlichkeiten ohne Erklärung von manchen
Leuten begriffen werden.
Die Absicht, die den Stabsarzt veranlaßt, in Fühlung zu bleiben mit den
dreihundertfünfzehn revolutionierten, invaliden Soldaten, die in Berliner
Irrenhäusern, Krankenhäusern und zum Teile bei ihren Angehörigen
untergebracht sind, führt ihn auch mit dem Kellner zusammen.
Der Kellner sagt unvermittelt: »Uns alle wird man hinrichten . . . vorher.«
Und das kleine Lächeln zeigt seine absolute Bereitschaft zum Sterben für
die Idee.
Die Stille steht im Zimmer.
»Sehen Sie«, sagt der Stabsarzt, »das können die Herren heute nicht mehr
wagen; sie wissen, daß für jeden Platz, der heute auf diese Weise frei
wird, sofort hundert Anwärter da sind, hinter denen Millionen Anhänger
stehen. Heute ist das so . . . Auch der mutige Sozialdemokrat sitzt nicht
umsonst im Zuchthause; dieses Ereignis bohrt in hunderttausend Köpfen.«
Der Zwanzigjährige sagt: »Zum Beispiel könnte man die ganz hartnäckigen
Untertanen auch auffordern: gut, stellt euch einmal glatt auf den
Standpunkt der Regierung: >Kriege müssen sein. Sieg bringt Macht und
Reichtum<. Und jetzt betrachtet das Resultat: Millionen Tote, Millionen
Krüppel, Elend und Leid in jedem Hause, in jeder Familie, ein
ausgehungertes Volk, hundert Milliarden Schulden, für die wir, unsere
Kinder und Kindeskinder die Zinsen erarbeiten sollen. Und die ganze Welt
gegen uns . . . Und jetzt fragt euch: hätten zwölf Männer, die aus dem
Vertrauen der Massen emporstoßen, das nicht verhindern können? Nicht
verhindern können, daß die ganze Welt gegen uns aufsteht? Besitzen diese
Männer aus dem Volke nicht soviel einfache Lebensklugheit, daß sie diesen
Krieg und den Zusammenschluß der ganzen Welt gegen uns hätten verhindern
können?«
Der verstümmelte junge Kaufmann tritt ein; er kommt von der Unterredung mit
dem Besitzer des Geschäftspalastes, erzählt sachlich, was er eben erlebt
hat. Und geht wieder.
>Solche und Milliarden ähnliche Erlebnisse, dazu der Hunger, die
phantastischen Steuern und Milliarden andere Erlebnisse<, denkt der
Stabsarzt und denkt an die >Metzgerküche<, >ballen sich zusammen . . . Und
platzen endlich.<
Jemand sagt: »Wirklich, eine Sekunde spielt jetzt labil im Raume, schwebt
jetzt labil zwischen zwei Ewigkeiten. In dieser Sekunde geschieht der neue
Anfang.«
Und der Stabsarzt denkt: >Man kann nur auf die Sekunde warten, lauern, in
der das Leid so ungeheuer geworden ist, daß das Volk nicht mehr nur leidet,
sondern auch darüber nachzudenken beginnt, was und wer dieses ungeheuere
Leid verursacht hat. Man muß fühlen, wann dieser Augenblick da ist. Dann
muß man die Sekunde aufreißen. Den letzten kleinen Stoß geben.< Er denkt
brennend an die zwischen zwei Ewigkeiten labil spielende Sekunde, der sich
die Ereignisse nähern. >Vielleicht schon morgen? In einem Monat? In einem
Jahre? In einer Woche? . . . In einer Woche?<
Der Zwanzigjährige bemüht sich, den Gedanken zu formulieren, daß die
Bewegung nicht vom Hunger -- »wenigstens nicht vom Hunger allein« -- ihren
Antrieb bekommen dürfe. »Das ist nicht durchgreifend genug und reicht nicht
weit . . . Dreht sich ins Alte zurück.«
»Der Mensch ist gut«, sagt der Kellner. »Das Gute im Menschen und das
unermeßlich furchtbare Leid werden die Bewegung verursachen.«
>Die Leidtragenden<, denkt der Stabsarzt, denkt an die
zweitausendfünfhundert Kilometer amputiertes Menschenglied.
Und der Kellner sieht die Agentenwitwe, die fanatisierten Kriegswitwen. Er
sieht die Mutter, die den gekreuzigten Sohn dem gewaltigen Zuge der Mütter
voranträgt.
Alle schweigen. Alle glauben an die Sekunde.
Und plötzlich gewähren alle den Anblick von zertrümmerten Kindheiten, von
seelisch restlos erschöpften Menschen, denen nichts mehr geblieben ist, als
ihre Idee und der Ausblick in die nahe Zukunft.
Da tritt dieser Mensch ein, über den ein Wort auszusagen, dessen Namen zu
nennen, keine Tortur der Welt von den im Zimmer Versammelten erzwingen
kann.
Und draußen in den Straßen der Millionenstadt, in allen Häusern aller
Städte, in allen Dörfern arbeitet das Leid, rundet sich die Zeit, rollt der
Sekunde entgegen.
Massenstreike, nicht nur vom Hunger verursacht, entstehen von einem Tage
zum andern, brechen aus, brauchen nicht gemacht, nicht organisiert zu
werden. Sind da. Plötzlich legen Hunderttausende das Werkzeug hin. Trotz
des raffiniert und glänzend organisierten Zwanges, ruhen die Maschinen.
Aus jedem Fenster jeden Hauses schaut dunkel das Leid heraus. Es gibt
keinen Pflasterstein mehr, der nicht schon vom Leide berührt worden ist.
Denn es gibt keinen Menschen mehr, den das Leid nicht schon getroffen hat.
Und verwandelt hat.
Und das Ungeheuerste wird zum Ereignis: es kommt vor, daß man auf der
Straße Menschen begegnet, denen man ansieht, daß sie nicht nur leiden,
sondern auch . . . denken.
Der Stabsarzt auf Urlaub, immer unterwegs, von Krankenhaus zu Krankenhaus,
von Krüppel zu Krüppel, blickt auf der Straße die Menschengesichter an und
denkt: >Der Geist bricht los. Und wo der Geist losbricht und Macht und
Wirkung erlangt, gehen die Herren der Gewalt von selbst . . ., wenn sie
klug sind.<
* * * * *
Seismographen, die ausschlagen, noch bevor das Erdbeben Ereignis ist, gibt
es nicht. Es gibt Seelenseismographen, Menschen, die fühlen, wann die
Sekunde da ist, in der das verhärtete, versteinerte Leid eines ganzen,
niedergehaltenen, unermeßlich gequälten Volkes plötzlich in Fluß gerät und
die Dämme des organisierten Zwanges, der Gewalt, der Lüge, der Autorität,
der falschen Pflicht sprengt.
An diesem Tage reißt der Stabsarzt die erste Sekunde des neuen Zeitalters
auf:
mit einem Krüppelzuge, der schon früh um neun Uhr aus zwanzigtausend
amputierten Soldaten besteht.
Eine halbe Stunde später fünfzigtausend; das Leid schmettert die
niedergehaltenen, plötzlich fanatisierten Arbeitermassen in den Zug hinein.
Jedes Lazarett am Wege wird vom vorüberwallenden Krüppelzuge ausgesaugt.
Blinde, die Hand auf den Schultern der Armlosen. Irre, die, ernst und
schweigend, aufgeregt sprechend, gläubig lächelnd, mitgehen. Beinlose in
Selbstfahrern. Zwischen Krücken rhythmisch baumelnde Soldatenkörper. Hinken
der Invaliden. Stampfen der Stöcke, Krücken und Kunstbeine auf dem Asphalt.
Ein grauer Zug. Stiller Zug. Endlos. Langsam durch die Straßen. Nicht einem
Ziele zu. Sie bewegen sich im Ziele. Tragen das Ziel in sich. Sind selbst
das Ziel: denkende Seelenträger.
Sie sprechen nicht. Beratschlagen sich nicht. Das verlorene Augenlicht, die
Gliederstumpfe, der entschwundene Verstand, das losgebrochene Leid des
ganzen Volkes spricht: lehrt allen leiddurchseuchten Zuschauern,
Spaziergängern und Geschäftigen in einer Sekunde das ABC: >Einander zu
erschlagen, einander zu zerfetzen, ist der Sinn des Lebens nicht.<
Bei den Zuschauern platzt die dünne Haut. Ekstase flammt. Schreie steigen.
Die Wahrheit gerät in Fluß. Die Seele tagt. Und reiht die Träger der
befreiten Seele ein in den Zug.
Kein Mensch bleibt zurück. Die durchkrückten Straßen sind leergesaugt.
Kleine Trupps stoßen aus den Nebengassen im Laufschritt auf den Zug zu.
Siebzig Fensterausschnitte eines Lazarettes, dicht ausgefüllt mit den
Köpfen heißblickender Soldaten, werden plötzlich siebzig leere, schwarze
Löcher: und dreihundert Krüppel und Invalide, noch in der blauweiß
gestreiften Anstaltskleidung, humpeln, hinken, schwanken, krücken mit dem
Zuge.
Kinder, auf dem Wege in die Schule, verlängern den Zug. Verzweifelte, auf
dem Wege zur Kirche, verlängern den Zug. Die Bewohner der engen Gassen, in
denen der Gestank der Armut steht, verlängern den Zug. Aus den
Parterrefenstern einer Fabrik springen die Arbeiter heraus.
Zwei Regimenter siebzehnjähriger Infanteristen, auf dem Wege zum
Religionsunterricht, werden geschluckt.
Dem Zuge voran fährt langsam ein flacher Lastwagen, auf dem sonst
mehlgefüllte Säcke transportiert werden. Zwölf kräftige Männer, die
zusammen fünf Arme und sieben Beine haben, stehen und sitzen auf dem Wagen.
An der Längsstange, an der sonst das zum Schutze für das Transportgut
bestimmte Segeltuch befestigt ist, hängen große, farbige Papierlampions.
Blau. Rot. Grün. Violett. Rot. Eine Reihe schaukelnder, erleuchteter
Papierlampions. Auch die Sonne leuchtet.
Der Atmende, dem ein Geschoß den Magen und das Zwerchfell verletzt hat, ist
um acht Uhr früh verendet. Sein noch uniformierter Leichnam sitzt neben dem
Kutscher auf dem Bocke. Die angebundene Leiche wackelt. Das Gesicht ist
weißlich-grün. Die toten Augen sind offen.
Von der Stange, an der die leuchtenden Papierlampions schaukeln, hängt ein
Seil herunter; und in der Schlinge, die unter den Armen um die Brust
herumgelegt ist, hängt der Soldat, der kein Kinn, keinen Mund, keine Nase,
keine Augen, kein Gesicht mehr hat. Links von ihm hängt ein Seil herunter,
das den >Rechten Menschenwinkel< hält. Er stützt sich auf seine fünfzig
Zentimeter hohen Spazierstöckchen. Die Asphaltstraße gleitet vorüber unter
seinem Gesicht, das der Krieg horizontal gestellt hat.
In der Mitte hockt der Rumpf erhöht auf einem thronartigen Aufbau mit
Rückenlehne, an welcher der Rumpf festgeschnallt ist. Der Rumpf ist nackt.
Eine Infanteristenmütze sitzt schief auf seinem Kopfe. Die inkarnierte
Liebe lebt in seinen tiefen, ruhigen Augen.
Untertanen, die ihn erblicken, bekommen weiße Lippen, erleben die Sekunde.
Menschen, die ihn erblicken, brüllen auf und brechen brüllend in die Knie.
Eine Katze faucht entsetzt den Rumpf an und rettet sich unter den Wagen.
Kinderhänden entfallen die kleinen Spielzeug-Degen, die Schießgewehrchen
aus Blech. Elegante Damen brechen im Weinen zusammen und erheben sich als
Magdalenen.
Jesus-Christus allein hat, als er am Kreuze hing und für die Menschheit
starb, im Leiden so tiefstes Glück der Liebe empfunden, wie der nackte, von
farbigen Lampions beleuchtete, auf den Thron des Krieges festgeschnallte
Rumpf empfindet.
Schutzleute erbleichen, erlahmen, erleben die Sekunde. Sein Anblick saugt
die Straße leer. Saugt die Menschen aus den Häusern heraus. Aus den
Ladengeschäften heraus. Aus der Lüge heraus. In die Wahrheit, in die Liebe
hinein.
Es gibt keinen Soldaten, der den Befehl, auf den Rumpf zu schießen,
ausführt. Die Division, die hineinschießt in den Zug der Krüppel, in den
Zug der Kameraden, gibt es nicht.
Die Rolläden der Geschäfte, an denen der Zug vorüberwallt, rasseln
herunter. Ladnerinnen, Hausdiener, Liftjungen schließen sich an. Staunende
Kommis zögern, begreifen das Ereignis, daß die vom Leide durchstürmten
Bewohner der Millionenstadt in Bewegung geraten sind, und schließen sich
an.
Der Zug schließt die Werkstätten, schließt die Büros, schließt die
Geschäfte, schließt die Fabriken. Der Zug zieht durch lange
Geschäftsstraßen, in denen er noch nicht gewesen ist. Und doch sind alle
Rolläden schon heruntergelassen. Das Ereignis fliegt dem Zuge voraus. Es
gibt in der ganzen Stadt keinen Menschen mehr, dessen Seele nicht schon
berührt worden ist von dem Ereignis.
In den Vorstädten bilden sich schnellmarschierende Züge, die zum Hauptzuge
stoßen.
Aus den letzten Fabriken brechen die Arbeiter aus: Fanatismus in den
ölverschmierten, rußigen, bleichen Gesichtern; Hämmer und kleine, spitzige
Dreikantfeilen in den Fäusten.
Dieser Mensch, der zum Kellner ins Zimmer getreten ist, spricht zu den
Arbeitern. Und sie legen, von der Macht des Geistes berührt, Hämmer und
Dolchfeilen weg, auf den Wagen, von dem der Rumpf pyramidisch aufsteigt als
nacktes Symbol des Krieges.
Gewaltige Züge leiddurchtobter Mütter, Kriegswitwen, Väter, Bräute stoßen
im Eiltempo durch die Menge, lösen sich auf, bilden sich neu.
Die Knechte der Liebe verlassen die aufspringenden Zuchthauszellen und
stoßen, geführt von dem Einen, dessen Namen die ganze Menschheit kennt und
ehrt, zum Zuge.
Die breiten, unübersehbar langen Asphaltstraßen sind zu schmal und zu kurz
für den Zug. Der Zug schwillt von Sekunde zu Sekunde. Strömt über. Steht.
Ist kein Zug mehr. Alle Straßen stehen voll Menschen.
Die entfesselten Bewohner der Millionenstadt stehen.
Um fünf Uhr nachmittags fliegt die Nachricht von Herz zu Herz, daß auch in
den großen Provinzstädten das Leid geplatzt ist und die Menschen
zusammengeschweißt hat in Züge von Frauen, die ihre Männer, von Müttern und
Vätern, die ihre Kinder, von zahllosen Kindern, die ihre Väter, von
Soldaten, die ihre Glieder, von Blinden, die das Augenlicht, von Irren, die
den Verstand verloren haben.
Das ganze vergewaltigte Volk steht.
Die uniformierte Leiche des Atmenden auf dem Bocke glotzt tot und wackelt.
An seinem Seile schwankt rhythmisch der rechte Menschenwinkel. Der Krieg
ist plakatiert auf der Riesennarbe, die an der Stelle des Menschengesichtes
grinst. Der nackte Rumpf thront erhöht und blickt die Menschheit an.
Der Anblick der hunderttausend Krüppel reißt die Untertanen hoch ins
Menschentum. Leidausströmende Freiheitsschreie ordnen sich zu
Liebesgesängen. In den Gesängen der Liebe pulst die Ekstase der
Verbrüderung und Freiheit.
Die vom Blitze der Liebe getroffene, erleuchtete und dem Zwange entrissene
Militärwache des Gebäudes, in dem der Herr und alle Machthaber versammelt
sind, wird aus der Wachstube herausgesaugt und geschluckt vom Krüppelheere
der Kameraden, in deren Augen die Freiheit brennt.
Dieser Mensch, der zum Kellner ins Zimmer getreten ist, geht ganz allein
durch das Tor. In das Gebäude hinein.
In dieser weißen Sekunde wird es vor dem Gebäude totenstill.
Die Stille wirft Wellen, breitet sich aus; eine Bewegung zieht über den
Platz:
die Menge, die Menschheit steht, steil durchstoßen und im Tiefsten berührt
von dem Triumphe, das zukünftige Geschehen in das Zeichen der großen Liebe
gestellt zu haben, und blickt empor zum Fenster, an dem, neben einer
Uniform und den Gesichtern der Machthaber, der Mensch erscheint und
herunterdeutet.
Der Atem setzt aus.
Der Mensch tritt vom Fenster zurück. Die Gesichter verschwinden. Die
Uniform verschwindet.
Verschwindet aus der Welt.
Minuten später telegraphieren die vor den Morse-Apparaten sitzenden
Beamten, die kurz vorher noch Bekanntmachungen, Erlasse, Befehle,
Zwangsverordnungen in das gemarterte Volk hineingestoßen haben, die Namen
der neuen Männer: den Aufstieg der Freiheit und der Liebe ins Land.
Inhalt:
Der Vater 7
Die Kriegswitwe 23
Die Mutter 72
Das Liebespaar 113
Die Kriegskrüppel 146
Von _Leonhard Frank_ erschienen
bei Georg Müller, München:
_Die Räuberbande_
Roman, Zehntes Tausend
_Die Ursache_
Erzählung, Zehntes Tausend