hinter der Front, oder in der Heimatstadt, oder gefangen im Feindesland,
oder in einem indischen Urwald sich winden, »Uu« schreien, »O«, die Zunge
bläken, fein wie neugeborene Katzen wimmern. Und wer den Krieg gewinnt, das
ist ihnen so gleichgiltig wie der Schneefall von vorgestern.
>Der Bürgermeister irgend eines kleinen Dorfes soll ganz allein den
Weltkrieg gewinnen, wenn dadurch meine Schmerzen nur um einen Grad geringer
werden. Und wenn ich mein Bein wieder hätte<, denkt der plötzlich ganz
schmerzlos und gefährlich still liegende, zwanzigjährige Dichter, der schon
entschwebt, >mein weißes, langes, hunderttausend Kilometer langes Bein mit
dem herrlichen Knie wieder hätte, würde ich das Leben lieben so ewig wie
. . . die Sonne
tönt, nach alter Weise,
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.<
>Mein Bein! das heißt, wenn ich mein Bein wieder hätte, wäre ja überhaupt
gar nicht Krieg . . . Krieg ist ja gar nicht möglich. Krieg gibt es nicht.
Krieg ist Einbildung. Ist Lüge. Mein Bein allein ist die Wahrheit.< »Die
Wahrheit«, sagt er laut und deutlich in die Metzgerküche hinein. Und
schließt die Augen.
Fünf Minuten später wird er tot hinausgetragen.
Frisches Stroh. Frische Leintücher. Kein Strohhalm im Mittelgang. Ordnung.
Eine Fußsohle ragt über den Rand des Gliederkübels heraus.
Der andere Beinlose dreht sich um und sagt zum frischen, leeren Strohsack:
»Du schläfst ein, Lieber, und hast zwei Beine, und wenn du aufwachst, hast
du nur noch ein Bein.«
Die Augen des jungen, kräftigen Bauschlossers im Nebenbett glotzen glanzlos
und wütend. Er hat keinen rechten Arm mehr. Mächtiger Brustkasten. Gesundes
Blut. Mächtige Muskeln, gewölbt, glatt. Wie geölt. Er weiß, daß er alles
überstehen wird, knirscht den Schmerz nieder. Und grübelt in seine Zukunft
hinein: >Ein Tübelloch werde ich in meinem ganzen Leben nicht mehr schlagen
. . . Künstlicher Arm? . . . Ist Scheiße. Mit einem künstlichen Arm schlägt
keiner ein Tübelloch in harten Stein . . . Ein Bein, meinethalben ein Bein;
warum fehlt nicht das rechte Bein, anstatt des rechten Armes. Das Bein! Das
Bein!<
Im ersten Bett der Fensterreihe, bei der Tür, liegt ein junger Offizier,
der kein Bein mehr hat. Seine Gedanken steigen auf, über sich windende,
brüllende Menschen weg, bis zum Strohsack des Schlossers, und schieben sich
zwischen dessen Verzweiflungsgrübelei als gedachte Gegenreden hinein: >Wenn
nur ein Arm fehlen würde. Ein Arm! Ich würde mir einen weiten Mantel machen
lassen. Weite Ärmel. Künstliche Hand in der Tasche. Und auf der Straße
würde kein Mensch etwas bemerken. Auch mit den Frauen wäre es nicht so arg,
lange nicht so arg. Aber wenn ein Bein fehlt. Bei einer Frau sein . . . und
nur ein Bein.<
>Mir kann doch niemand weismachen, daß einer, der einen künstlichen rechten
Arm hat, mit der Schrubbfeile arbeiten kann. Aber ohne Bein geht das
alles.<
>Und reiten? Mit einem Bein?<
>Oder schmieden und schweißen kann . . .<
>Bei einer Frau liegen, mit nur einem Bein.<
>. . . oder nieten, oder eine Schloßfalle feilen, die genau passen muß
. . . mit einem künstlichen Arm? Ja, Scheiße . . . Warum fehlt nicht ein
Bein? Ein Bein!<
>Tanzen ohne Bein? . . . Ausgetanzt . . . Ohne Arm kann man tanzen . . .
Alles ist aus.<
>Ohne Arm . . . Mein ganzes Geschäft ist futsch.<
Beide haben während der letzten Tage alle Möglichkeiten abgegrübelt. Und
plötzlich stellen sie sich der Wahrheit: gestehen sich ein, daß es sich im
Grunde ja gar nicht um das nicht mehr Tanzen-, Reiten-, Feilen-,
Schmiedenkönnen handelt, sondern nur um das schöne Bein, einzig und allein
um den prachtvollen, dicken Arm. Um mein, mein, mein Bein, meinen Arm,
meinen, meinen Arm. Um meinen! Meinetwegen nie mehr tanzen, nie mehr
reiten, und mögen sich die Weiber zweibeinige Männer nehmen, wenn ich nur
mein schlankes Bein wieder hätte . . . Ich scheiße ja auf das ganze
Schlosserhandwerk; ich werde Landstreicher; wenn ich nur meinen Arm wieder
hätte, wieder hätte, wieder hätte.
>Meinetwegen blind sein.< Beinahe gleichzeitig steigt diese Überlegung in
beiden auf. >Nur das Bein, nur den großen, starken Arm wieder haben. In
Gottes Namen blind sein; aber die Glieder beisammen haben<, denken sie
tausendmal im Tag, tausendmal in der Nacht. >Lieber blind sein.<
Und der neben dem Gliederkübel liegende blinde Soldat, dessen schwere
Schenkelwunde überraschenderweise verheilte, so daß die Amputation nicht
nötig ist, denkt ununterbrochen und wird sein ganzes Leben lang denken:
>Meinetwegen beide Beine weg, beide Arme weg. Nur nicht blind sein. Nicht
blind sein. Nie mehr sehen . . . Ich werde meine Frau nie mehr sehen. Nie
. . . mehr . . . meine Frau sehen . . . Und wer führt mich? . . . Und nie
mehr eine Straße sehen . . . Wie sieht ein Pferd aus? Braun. Es gibt auch
Schimmel . . . Und die Hunde? Wie laufen sie? Wie laufen die Hunde? Und und
und und . . .< Tausend Gegenstände stürzen vorbei. Zuletzt versucht er
krampfhaft, sich vorzustellen, wie das Gepäcknetz in einem Eisenbahnwagen
aussieht. Das gelingt ihm nicht. Er schläft darüber ein. Und sieht sofort
wieder alles. Strahlender Helligkeit weicht die Finsternis, die, begleitet
von einem wild ansteigenden O-Schrei, von langgezogenem U-Gebrüll, von ganz
feinem Wimmern neugeborener Katzen, von der Erdkugel hinunterstürzt.
Der bärtige Bauer hockt aufgerichtet in seinem Strohsack und winkt den
Sanitäter heran, in ungeheurer Spannung. Er winkt, macht: »Pst!«
»Nun, was denn?«
»Es mußte also nicht abgenommen werden? Aber furchtbare Schmerzen habe ich
in der Wade.«
Der Sanitäter hat gehört, daß es Reflexgefühle gibt. Er sagt beruhigend:
»Das sind nur Reflexschmerzen.«
Des Bauern Bein mit der schmerzenden Wade liegt schon seit zwei Stunden im
Gliederkübel.
»Aber die Wade zieht und brennt und reißt . . . So, nur Reflexschmerzen?«
fragt er noch einmal und steigt zu kirchturmhohem Glück empor; denn jetzt
weiß er ja ganz bestimmt, daß er sein Bein noch hat. Und sinkt beseligt in
Ohnmacht.
Aus der er wieder erwachen wird.
Der fiebernde Stabsarzt kann nicht mehr; er sieht den reglos und
langgestreckt auf dem Operationstisch liegenden Menschenkörper doppelt.
>Und wenn ich den Arm erst heute abend abnehme, stirbt der Mann vielleicht.
Und wenn ich den Arm erst morgen früh abnehme, stirbt der Mann sicher.< Der
Stabsarzt beginnt. Sein kleiner, leichenblasser Unterarzt taumelt schon wie
ein leicht Angetrunkener.
Der Stabsarzt schneidet und denkt: >Krieg<.
Er denkt: >Dieses Wort >Krieg< offenbart den gedankenlosen Menschen nicht
den billionsten Teil von der unmeßbaren Menge Ungeheuerlichkeiten, die mit
dem Worte >Krieg< bezeichnet werden . . . Das Wort selbst ist schwach wie
der Atemzug eines Säuglings; und verglichen mit dem Inhalte des Wortes
>Krieg<, ist ein Taifun, der Schiffe und Städte und Inseln verschlingt, nur
der Atemzug eines Säuglings . . . >Krieg< ist ein Wort von fünf Buchstaben.
Und wenn es ohne e geschrieben würde, hätte es nur vier Buchstaben<, denkt
der fiebernde Stabsarzt. Dabei operiert er.
Der Stabsarzt hat in einer klinischen Wochenschrift einen Artikel über
Staatenbevölkerungs-Politik gelesen: einen statistischen Bericht, in dem
als >Minimalzahl< zehn Millionen Gefallene angegeben sind.
»Als Minimalzahl . . . Minimalzahl zehn Millionen Tote. Das ergibt die
Minimalzahl, vorsichtig angenommen, die Minimalzahl . . . nur ja sehr
behutsam und vorsichtig«, flüstert lautlos der Stabsarzt sich selbst zu und
legt sehr behutsam und vorsichtig mit dem Messer den Oberschenkelknochen
frei, »die Minimalzahl von fünf Millionen Amputierten.«
»Uu . . . . . . . . .! Uu . . . . . . . . .!«
Der Stabsarzt richtet sich auf, betrachtet den nackten Mann, übersieht mit
einem Blicke den eingeschrumpften Geschlechtsteil, die abgebundenen
Hauptadern, den für die Säge freigelegten Knochen. >Sieht aus wie eine
Stange des Lebens . . . Er liegt so still, so langgestreckt. Seine Lippen
sind so blau. Himmelblau . . . Und draußen donnern die Geschütze. Donnern
seit drei Jahren die Geschütze. Warum? Wann wird man darüber nachzudenken
beginnen? . . . Donnern stille und langgestreckt liegende Menschen zu mir
in die Metzgerküche herein.<
Er betrachtet die Sägezinken, die ganz eng beieinander und schon stumpf
sind. >Knochenmehl vom Arme mischt sich mit dem Knochenmehl vom Bein.<
Betrachtet den eingeschrumpften Geschlechtsteil. >Das Leben schrumpft ein
. . . Minimalzahl fünf Millionen Amputierte. Minimalzahl . . . Jeden Tag,
seit drei Jahren, von früh bis in die Nacht hinein, jeden Tag: sägen,
sägen, sägen . . . und wenn das Wort mit e geschrieben würde, hieße es:
Segen . . . Säge ich Arme, Beine, Hände ab. Sägte fünf Millionen Beine,
Arme, Hände ab. Ich allein, der Stabsarzt von Europa.<
Er legt, wie der Schreiner an das Brett, den Daumennagel an den Knochen,
setzt die Säge an, sägt und rechnet: >Siebzig Zentimeter lang ist ein
Menschenbein. Der Arm nur sechzig.<
>Die Länge der abgeschnittenen Hände, Arme, Beine ineinander gerechnet,
ergibt -- vorsichtig . . ., sehr . . . vorsichtig . . . sein --, eine
Minimaldurchschnittslänge von fünfzig Zentimeter für das amputierte Glied.
Fünf Millionen amputierte Glieder mit einer Durchschnittslänge von je
fünfzig Zentimeter ergeben zweimillionenfünfhunderttausend Meter . . . sind
gleich zweitausendfünfhundert Kilometer Menschenglied.<
»Uu . . . . . . . . .!«
>Der Herr segne und behüte euch Amputierte, er lasse sein Angesicht
leuchten über euch. Segen, Segen . . . sägen, sägen, absägen.
Zweitausendfünfhundert Kilometer Menschenglied absägen . . . Bei der
Peripherie von Berlin das Menschengliedgeleise begonnen: die zwei ersten
Arme in Geleisespannweite niedergelegt. Dann zwei Beine, dann zwei Arme,
dann zwei Beine, Arme, Beine, Arme, zwischenraumlos zusammengefügt, als
Geleise gelegt, bis nach Essen. Um Essen herum. Und -- vorbei an Dörfern,
Städten, vielen Dörfern, bergauf, bergab, Flußläufe, Wälder, Felder entlang
-- flach nach Berlin zurück und herum, bis die Hände der zwei letzten Arme
die Hände der zwei ersten Arme fassen können . . . Ein Geleise von
blutigen, brandigen, stinkenden, amputierten, jungen Menschengliedern,
durch Schwellen abgeschnittener Menschenhände verstärkt und
zusammengehalten. Ein Gliedergeleise, herumgelegt um den Militarismus: ein
Menschengliederkranz, der umgelogen wird in einen Lorbeerkranz.<
»Uu . . . . . . . . .!«
>Wer fährt auf diesem Geleise? Wer setzt sich diesen Gliederlorbeerkranz
aufs Haupt?< grübelt der sägende, fiebernde Stabsarzt. >Wer? Wer setzt ihn
auf? Will ihn am düsteren Ende vielleicht doch niemand aufsetzen?<
Der Spalt klafft; der Knochen ist durchgesägt. Er rückt das Bein bis ans
Ende des Operationstisches, so daß der Soldat plötzlich ein kurzes und ein
sehr langes Bein hat. Denn der Stabsarzt sieht den Zwischenraum nicht; er
sieht nur noch Beine, Millionen Beine, alle von ihm allein abgesägt. Sieht
Farben: Rot, das in Violett übergeht und zu einer gelbumrandeten,
giftgrünen Scheibe wird, in deren Mittelpunkt klar und scharf der Gedanke
steht: >Die Herren, die mit einem Worte, mit einem Wunsche, mit einem
Traume, mit einem Gedanken, mit einem Befehle dazu beigetragen haben, daß
dieser Krieg kam, müssen an Ketten gelegt werden.<
Plötzlich weiß er mit lautlos donnernder Gewißheit: >Werden an Ketten
gelegt werden<, und beugt sich tief und treu zu seiner blutigen Arbeit
hinunter.
Bewegung bei der Tür: acht Krankenträger marschieren hintereinander herein,
mit vier Bahren, auf denen zwei ganz stille Männer liegen, ein brüllender
und einer, dessen zersplittertes Bein, nur noch durch die Haut gehalten,
verdreht am Rumpfe hängt. Die Ferse steht nach oben.
Der Stabsarzt sagt sehr ruhig: »Hier ist kein Platz mehr.«
Der bärtige Bauer erwacht aus der Ohnmacht, hat unerträgliche Schmerzen im
Bein, das er nicht mehr hat. Und ist ungeheuer glücklich. Schiebt die Hand
vorsichtig unter die Decke zum schmerzenden Beine, greift behutsam an die
Schmerzen und greift doch kein Bein.
»Diesmal müßt ihr die Leute in den Tanzsaal hinübertragen.«
Der blonde Soldat hockt aufgerichtet im Bett, bläkt die Zunge lang und blau
und keucht. Sein Nachbar kreist den Oberkörper, langsam und ununterbrochen.
Der O-Schrei platzt.
»Zu Befehl! Aber der Tanzsaal ist überfüllt.«
»Uu . . . . . . . . .!«
Ganz feines Wimmern neugeborener Katzen.
»Uu . . . . . . . . .!«
»Drüben beim Tanzsaal ist ein großes Klosett; legt die Leute ins Klosett.«
Der mit Glück, Schmerzen und Zuversicht ausgefüllte bärtige Bauer wundert
sich über seine Ungeschicklichkeit, das Bein nicht zu finden, das ihm so
entsetzlich wehtut. Er greift resoluter an die Schmerzzentrale und langt
immer ins Leere. Tastet den wütenden Schmerz der ganzen Länge nach ab und
hat dabei ganz unbegreiflicherweise doch die Empfindung, immerzu in die
Luft zu langen, trotzdem er den Schmerz gleichsam in der Hand hält.
»Auch das Klosett ist besetzt, Herr Stabsarzt.«
»Uu . . . . . . . . .!«
Der Stabsarzt, tief und treu bei der Arbeit, und innerlich erleuchtet von
der Gewißheit: >Werden alle an Ketten gelegt werden<, sagt weich: »Meine
Kollegen dürfen halt das Klosett nicht benützen; sie müssen hinters Haus
gehen.«
Der bärtige Bauer winkt: »Pst!«
»Das sind nur Reflexschmerzen«, beruhigt der Sanitäter.
Ein Lächeln wächst in der Metzgerküche, wächst im Gesicht des ersten
Bahrenträgers: »Nicht so besetzt, Herr Stabsarzt. Von Kranken besetzt. Es
liegen zehn Kranke im Klosett . . . Überall. Ganz überfüllt.«
Welcher Mensch weiß, woher das Lachen kommt? Der Stabsarzt erinnert sich,
daß er bei seiner Konfirmation in dem Moment, da ihm der Pfarrer den Kelch
mit dem Blute des Herrn an die Lippen ansetzte, gelacht hat, lachen mußte,
in das Blut des Herrn hineingelacht hat.
Der Stabsarzt lacht. Das Lachen donnert unterirdisch in ihm, quirlt zum
Halse empor. Und platzt heraus. Er lacht und sägt. Er meckert, brüllt,
winselt, lacht in allen Tongraden. Und sägt.
Sprechen kann er nicht. Nur seine Hand, die das Messer hält, sagt: >Bitte,
abstellen. Stellt nur ab.<
Der bärtige Bauer sieht plötzlich wie ein Christus aus, schlägt, den Blick
noch geradeaus auf die Wand geheftet, die Decke zurück, senkt den Blick.
Und sieht, daß da, wo die ungeheuren Schmerzen sind, kein Bein ist.
Blitzschnell saust er vom kirchturmhohen Glück herunter, kommt ins Bett zu
hocken und schaut. Sieht den großen, weißen Verbandstumpf an, der knapp
unterm Rumpfe sitzt. In seinem Gehirn ist gar nichts. Nicht der fernste
Abglanz eines Gedankens ist in seinem Gehirn. Das Gehirn ist leer. Er
gleitet in die Ohnmacht hinein.
Die vier Bahren werden in den Mittelgang gestellt. Verstellen den
Mittelgang.
»Ja aber! Ja aber!« schreit der Stabsarzt auf und springt, das blitzende
Messer in der Hand, zur ersten Bahre, trennt mit einem schnellen Schnitt
das ganz lose hängende Bein vom Rumpfe. »Ja aber! Ja aber! Der Mann . . .«
>verblutet ja<, will er sagen, und sagt: ». . . ist ja schon tot.«
Aus den Hauptadern tropft noch das wunderbar rote Blut heraus. »Ist
verblutet . . . Den könnt ihr gleich wieder mitnehmen«, sagt der Stabsarzt,
reicht dem Sanitäter das Bein. Und wird plötzlich zur Karussellachse der
Welt, die sich schwankend um ihn zu drehen beginnt. Farben kreisen. Grün
herrscht vor. Vorbei gleiten der Pfarrer mit dem Kelche, der bärtige Bauer,
der Gliederkübel. Die Geschütze donnern. Die lang und blau gebläkte Zunge
gleitet vorbei und verlängert sich aus sich selbst heraus, wird ungeheuer
lang, saust aus sich heraus und vorwärts, unbegreiflich schnell hinaus an
die Peripherie der Welt, rundet sich zum weltumspannenden
Menschengliederkranze, in dessen Mitte ganz allein der Stabsarzt steht und
schwankt und sanft und weich in Ohnmacht gleitet. Alles gleitet.
»Uu . . . . . . . . .!«
* * * * *
Der Lazarettzug mit Irren, die durch das Grauen oder durch eine
Schußverletzung in das gewaltige Heer der Lebendig-Toten eingereiht worden
sind, mit Blinden, deren feste Arbeitshände sich in kraftlose,
durchsichtige Krankenhände verwandelt haben, mit Amputierten, mit
Schwerverwundeten, kriecht langsam durch die Landschaft, bohrt sich ganz
langsam vorwärts in die heimatliche Landschaft hinein. Frühherbst.
»Zweiundzwanzig«, sagt das Kind, das an der Landstraßenschranke steht und
dem Zuge nachsieht.
Es sind nur zwanzig Wagen; das Kind hat die Lokomotive und den Tender
mitgezählt. In jedem Wagen zwanzig Kranke, langgestreckt und unbeweglich in
den übereinander befestigten Betten.
Die Blinden stehen im Laufgang an den Fenstern und schauen hinaus in die
wunderbare, schimmernde Herbstlandschaft. Sie fühlen die Sonne und sehen
die Finsternis.
Die Irrsinnigen sind beisammen in einem Wagen. Eine Bank an den vier Wänden
entlang. Genügend viel Sitzplätze. Aber alle Irren hocken am Boden, in
einem dreifachen Kreise, und lachen, lächeln, schwätzen, schweigen,
schütteln schlau den Kopf. Nur einer steht. Er betrachtet die Wand. Er
betrachtet seit sechzig Stunden die Wand.
Im Wagen hinter dem Tender ist die Apotheke und das Operationszimmer, mit
dem Zinkblechtisch in der Mitte. Im vorletzten Wagen schlafen die
Sanitätssoldaten. Im letzten Wagen des Zuges liegen die, die während der
Reise verendet sind. Der letzte Wagen füllt sich allmählich.
Niemand weiß den Grund, auch der Stabsarzt weiß nicht, weshalb die Irren,
die kurz vorher noch lachend und schwätzend in dreifachem Kreise am Boden
gehockt sind, jetzt ganz still an den vier Wänden entlang auf der Bank
sitzen. Einer dicht neben dem andern. Aufrecht. Schweigend. Blicklos. Alle
Hände liegen auf den Schenkeln. Ernste Puppen.
Ein Irrsinniger, ganz unverwundet, ein dreißigjähriger Mensch, in dessen
ernstem Gesicht noch die Züge früheren Geistes zu sehen sind, steht auf,
streckt ein geöffnetes, leeres Streichholzschächtelchen dem Stabsarzt hin
und sagt: »Sehn Sie, hier sind die Augen meiner Mutter. Meine Mutter hat
sich um mich die Augen herausgeweint und sie mir in diesem Schächtelchen
zugeschickt . . . Braune Augen. Sie hat sie sich herausgeweint.«
»Ja, das stimmt«, sagt der Stabsarzt, der in vielen >Metzgerküchen< und
>Tanzsälen< drei Jahre lang knapp hinter der Front amputiert hat und, von
einem Plane, von einem Entschlusse, von einer scharf umrissenen Absicht
plötzlich erleuchtet, sofort nach dem Erwachen aus der Ohnmacht Urlaub
verlangt und erhalten hat.
Der Stabsarzt liebt die Nebenwege und Winkelzüge nicht. Nach seiner Meinung
sind das herrschende europäische Winkelzugsystem, die Halbheiten, der
Lügenknäuel mitschuld am Kriege.
>Wenn mich der Oberst fragt, warum ich Urlaub haben will, antworte ich
nicht: >Weil ich überarbeitet bin<, sondern ich sage zu ihm: >Ich habe drei
Jahre lang Soldatenbeine und -arme abgesägt; jetzt habe ich die Absicht,
dafür zu wirken, daß Soldatenbeine nicht mehr abgesägt werden. Dazu muß ich
ins Land zurück.<
In zwei Ecken erheben sich ganz gleichzeitig zwei Irre; sie hocken auf den
Boden nieder. Und unversehens steht der Stabsarzt wieder im Mittelpunkt
eines dreifachen Kreises von Irren, die am Boden hocken, lächeln, lachen,
schweigen, schwätzen. Einer schreit lustig und ausdauernd »Bö!« zur
Wagendecke empor. Dabei schließt er die Augen; seine Nase bekommt Runzeln
und der gespitzte Mund wird klein und rund. »Bö!«
Der Stabsarzt wird von der Alarmglocke aus dem Wagen der Irrsinnigen
herausgerissen. Und springt, schneller als der Zug fährt, in der
Fahrtrichtung den Gang vor, in einen Wagen. Und hinein in die Blutlache am
Boden.
Der von den Schmerzen auf die Pritsche festgenagelte, reglos liegende
Soldat kann nur mit seinen Augen den Stabsarzt aufmerksam machen auf den
Kameraden, für den er geläutet hat.
Der Kamerad hat den Verband von seiner zerfetzten Hüfte heruntergerissen,
ist dabei aus dem Bett gestürzt, macht ein sehr befriedigtes Gesicht, und
ist schon tot. Er wird, vorbei an den Blinden, die fragend und tot blicken,
hintergetragen in den Leichenwagen. Ein armlanger, scharfzackiger Fetzen
von einem großen Geschoß hat ihm die rechte Bauchwand eingedrückt, die
Hüfte zersplittert und die Hoden weggerissen. Zehn Tage und zehn lange
Nächte hat er gebraucht zu dem Entschlusse, den Verband herunterzureißen.
Alle liegen, von den Schmerzen auf die Pritschen festgenagelt, reglos wie
Tote. Jeder fühlt dem nächsten Stoß entgegen, der bei jeder
Schienenverbindung erfolgt. In jeder Sekunde ein Stoß, hinein in die
Schmerzzentrale.
Das schmale, lange, rollende Spital, gefüllt mit dickem Karbol- und
Wundgestank, tastet sich, von frischer Luft umspielt, durch die
schwerfarbige, schimmernde Herbstlandschaft, vorüber an den Grenzdörfern,
deren Bewohner an den Schranken stehen, Hüte und Taschentücher schwenken,
»Hurra!« schreien. Viele Militärzüge, mit Truppen, die an die Front oder in
Urlaub fahren, passieren diese Gegend.
Der Sanitäter steht am Fenster und schüttelt den Kopf, winkt mit der Hand
ab; die schon zum Hurraschreien aufgerissenen Münder bleiben rund und
lautlos offen. Langsam kriecht der Zug vorüber an den Verstummten, die nur
die Hinterköpfe der liegenden Soldaten sehen. Die Kolbenstange der
Lokomotive steigt, greift vorsichtig und behutsam wie die Hand eines
Taschendiebes vor, sinkt, zieht zurück, stiehlt sich vor. Langsam.
Der Stabsarzt kann den Grad der Gefühlsverfeinerung der Dorfbewohner am
Aussehen und an der Lage des Dorfes erkennen, am Baustil der Kirche, an der
Profillinie der umliegenden Wälder und Hügel; daran, wie das Dorf in die
Landschaft hineinkomponiert ist, erkennt der Stabsarzt: >Die werden nicht
hurra schreien.< Der Stabsarzt macht über viele Gedankenzwischenglieder weg
einen Sprung zu dem Gedanken: >Die Landschaft ist das Vaterland für den
Menschen.<
>Die schönen Felder, die schönen Felder, o, das Vaterland<, denkt der
Soldat, der für den Kameraden geläutet hat und hinaussieht auf die Felder,
die, langsam und sanft einen Bogen beschreibend, an seinen Augen
vorüberziehen. Er hat seit langer Zeit die heimatliche Erde nicht gesehen.
Und in die Weichheit seines Herzens brennt sich tief das unabänderliche
Unglück ein: »Was sind für mich die schönen Felder, die Wälder, das
Vaterland . . . Mein Arm, den ich nicht mehr habe, ist mein Vaterland
. . ., das ich nicht mehr habe.«
Und der Bauer, im Bett über ihm, weiß, daß kräftige Beine vor Müdigkeit
singen, wenn man einen kilometerlangen Acker Furche neben Furche umgelegt
hat, und weiß, daß er nie mehr pflügen wird, da er nur noch ein Bein hat.
>Schön, schön, wunderbar, aber nicht für mich<, ist der Gedanke, der in
jedem Wagen von zwanzig auf Lebenszeit ins Siechtum gestellten Soldaten
gedacht wird, von dreihundertfünfzehn Soldaten gedacht wird. Fünf sind
während der Reise gestorben. Und die fünfundzwanzig Irren leben auf einem
anderen Planeten.
>Das Unikum<, ein Soldat, dem beide Arme und beide Beine fehlen, auch
dieser Rumpf denkt noch; er denkt: >Schön, schön, wunderbar, aber nicht für
mich.<
>Was nützen mir die schönen Auen.< Diese Verszeile, die am Morgen ein irrer
Soldat in den Wagen hineingerufen hat, entsteht immer wieder im Gehirn des
Unikums. Meistens schläft er; er schläft ein mit der Verszeile: >Was nützen
mir die schönen Auen.<
Er ist nicht der einzige, dem der Stabsarzt beide Arme und beide Beine
amputiert hat; aber alle anderen sind gestorben. Das Unikum ist am Leben
geblieben.
Der Stabsarzt schlägt die Decke zurück, betrachtet das Unikum und denkt:
>Wie schmal ist der Zug im Vergleiche zu der weiten Breite der Landschaft,
durch die er fährt . . ., deshalb fährt auch die Landschaft nicht durch den
schmalen Zug, sondern der Zug fährt durch die breite Landschaft.<
Derartig überspitzte Gedanken hat der Stabsarzt oft in der letzten Zeit.
Mit ihnen will er die Realität festhalten. Die Realität, die er im Laufe
von drei Jahren, ausgefüllt mit Gliederabschneiden, in einer solchen
Furchtbarkeit kennen gelernt hat, daß er oft stundenlang an das
Vorhandensein der Realität nicht glauben kann. Aber er rechnet mit ihr,
will mit ihr rechnen. Seine Absicht, wegen der er Urlaub genommen hat,
veranlaßt ihn, sich die Realität nicht entgleiten zu lassen. Er will die
furchtbare Realität in den Dienst seiner Absicht stellen.