höchste, herrlichste Ziel für den Menschen: das >Reine Ich< und eine
menschliche Gemeinschaft, für die er als Reines Ich handeln, leben und auch
sein Leben hingeben kann. Diesem Ziele kann der Mensch nur so lange
zustreben, solange er mit der Korruption, der Lüge, dem Zwange, dem
Ungeiste unablässig kämpft. In dem Moment, da er eine Handlung begeht, die
zu diesem Streben im Widerspruche steht, ist die Linie gebrochen. Der
Mensch, der für eine, für seine Idee kämpft und stirbt, ist groß, denn er
kämpft und stirbt auf dem Wege zu sich, stirbt im Kampfe um sein Reines
Ich. Der Mensch, der sich zwingen läßt, zu handeln, zu kämpfen, zu sterben
für eine Idee, die zu dem Streben nach seinem Ich im Widersprüche steht,
ist der Ärmste der Armen; denn er verliert das Kostbarste, das einzige, das
der Mensch in Wahrheit besitzen kann: verliert sein Ich, verliert sich, ist
nicht mehr, wird von den andern, die selbst nicht sind, besessen.<
In Gedanken las er das Wort >Stellungsbefehl<.
>. . . Wenn ich dieser Aufforderung, mich zu stellen -- wem stellen? ich
habe mich nur mir selbst, nur der reinen Idee zu stellen, und einer
menschlichen Gemeinschaft nur dann, wenn sie das Streben der Menschen nach
ihrem Ich als berechtigt anerkennt und fordert -- wenn ich dieser
Aufforderung folge, werde ich, zusammen mit einer Reihe von Menschen,
vermutlich zuerst im Kasernenhof aufgestellt, in dem der Grundsatz
herrscht: >Du hast keine eigene Meinung zu haben<. Und der Grundsatz:
>Macht und Gewalt stehen über Geist und Recht<. Ein Unteroffizier, ein
Vorgesetzter -- nur das Reine Ich ist mein Vorgesetzter -- ein
Unteroffizier, ein Mensch, der sich, der sein Selbst aufgegeben hat, also
nicht mehr ist, ein Etwas wird im Auftrage derer, die ihn besitzen, sagen:
>Das dürft ihr nicht tun; und das müßt ihr tun.< Ich werde also gezwungen,
irgend etwas zu tun, oder nicht zu tun. Gezwungen! Das heißt: ich werde
schlecht behandelt, eingesperrt, oder erschossen, wenn ich mich diesem
Zwange nicht füge. Mit andern Worten: ich werde erschossen, wenn ich weiter
gehe auf dem Wege, der zur Wahrheit, zum Geiste, zu Gott, zum Reinen Ich
führt . . . Ich werde erschossen, wenn ich mich bemühe, so zu sein, wie ich
bin!<
Der Philosoph rief seine Frau, die im Hintergrunde des Zimmers reglos am
kalten Gasherd saß, vom Dunkel schon halb verschlungen.
»Weißt du, was Militarismus ist?«
Sie wollte antworten: >Wenn uns das Einzige, das Liebste, das wir haben,
genommen, erschlagen wird.< Und sagte: »Du meinst die Schiffe, die Kanonen
. . . die Rüstungen.« Sie konnte nicht weinen.
»Nein, diese Sachen aus Stahl und Eisen, die dem Volke so viel Geld und
Arbeitsschweiß kosten, sind ungefährlich, verglichen mit dem, was
Militarismus ist. Gefährlich und tötlich ist der geistige Zwang, der
negative Geist, der konservierende Kollektiv- und Staatsgeist, der sich
gegen den Geist richtet . . . Ich werde dir an einem Vorfall erklären, was
Militarismus ist.«
>Er will mir nur deshalb erklären, was Militarismus ist, um mir begreiflich
zu machen, daß ihm nichts anderes übrig bleibe, als sich umzubringen<,
fühlte die Frau und sah schon jetzt ihre armen Einwände zerflattern.
»Was ich dir jetzt erzähle, denke ich mir nicht zurecht. Alle Zeitungen
haben das berichtet:
Ein deutscher Soldat, der ein Stück der Grenze zwischen Deutschland und der
Schweiz zu bewachen hatte, sah, wie ein Mensch über die Grenze sprang. Die
Pflicht dieses Soldaten war, hörst du, seine Pflicht war, gut zu zielen und
sofort auf diesen Menschen zu schießen, diesem Menschen dadurch, daß er ihn
verwundete oder erschoß, das Passieren der Grenze unmöglich zu machen. Das
war seine . . . Pflicht. Aber sein Wesen, sein eigenes Ich stand dunkel auf
gegen diese . . . Pflicht. Er wollte nicht schießen und . . . schoß. Sah,
wie der Getroffene fiel, sich bäumte und verröchelte. Und wurde . . .
wahnsinnig. Der Widerstand gegen das Morden muß also sehr stark gewesen
sein; aber die Disziplin war noch etwas stärker . . . Hier hast du auf der
einen Seite, repräsentiert durch diesen Soldaten, die guten Eigenschaften
des Volkes, und auf der andern Seite, gleichfalls repräsentiert durch
diesen Soldaten, den Militarismus.«
Die Frau bewegte die trocken gewordenen Lippen.
»Du meinst«, sagte der Philosoph, »der Soldat hätte ja nur so zu tun
brauchen, als ziele er, hätte in die Luft schießen können. Das wäre dann
sozusagen nur eine kleine Notlüge gewesen. Aber selbst dies lassen die
Disziplin und das falsche Pflichtbewußtsein, die seit Generationen mit
allen erdenklichen Mitteln in das Volk hineingepaukt worden sind, nicht zu
. . . Außerdem trieb den Soldaten auch noch der Wunsch, von seinen
Kameraden nicht für empfindlich und schwächlich gehalten zu werden. Dieses
falsche Ehrgefühl, das sich allmählich beim ganzen Volke herausgebildet
hat, ist das Allergefährlichste. Einem Menschen ohne Besinnen einen
gutgezielten tötlichen Treffer in den Kopf hineinzujagen, ist eine Ehre;
ihn nicht zu treffen, ist ein wenig ehrenrührig . . . Dieser arme,
bedauernswerte Mann will nicht schießen, zielt schnell und genau, schießt,
trifft gut und wird wahnsinnig. Das ist Militarismus.«
»Du mußt hingehen. Vielleicht kommst du nur in ein Bureau.« Das hatten nur
ihre Lippen gesprochen.
»Nein! . . . Höre, ein vielleicht noch klareres Beispiel dafür, was
Militarismus ist: ein Soldat bekommt den Befehl, einen siebzigjährigen
Bauern zu erschießen. Das war in Serbien. Der Soldat weiß nicht einmal,
weshalb der Alte erschossen werden soll. Der Soldat bekam nur den Befehl,
in dem stand, daß er den Alten in das zwei Stunden entfernt liegende Dorf
zu führen und dort zu erschießen habe . . . Sein ganzes Wesen, das heißt,
sein eigenes Wesen empört sich dagegen, diesen vollkommen wehrlosen alten
Mann zu erschießen, dessen Verbrechen er nicht einmal kennt, und der auf
dem Wege zwei Stunden lang seine Unschuld beteuert in einer Sprache, die
der Soldat nicht versteht, und mit Tränen und Gebärden, die der Soldat
ungeheuer versteht. Zwei Stunden lang kämpft der Soldat, während er neben
dem Opfer über Feld geht, mit seinem Gewissen, hinter dem starr die Pflicht
und die Disziplin stehen. Dieser Soldat hat für sich persönlich folgende
Lösung gefunden: er schoß zuerst den Alten nieder, und dann erschoß er sich
selbst . . . Jetzt meinst du vermutlich wieder: wenn sein Gewissen, der
dunkle, wilde Drang nach Wahrheit, nach seinem eigenen Ich, nicht zuließ,
den Alten zu erschießen, ohne auch sich selbst zu erschießen, hätte er doch
wenigstens nur sich selbst erschießen und den Alten laufen lassen sollen
. . . Aber das wäre ja gegen die Disziplin, wäre ja eine Pflichtverletzung
und wäre ehrenrührig gewesen. Das eben ist Militarismus. Nicht die Kanonen,
sondern der negative Geist des Zwanges ist der Militarismus, den der
Grenzsoldat und dieser Soldat als gegen den Geist, gegen das Gewissen,
gegen ihr eigenes Ich gerichtet empfunden haben, und den gleich ihnen noch
viele empfinden. Diese erleiden ein tragisches Schicksal; denn sie erkennen
dunkel das vor Gott und den Menschen sündhafte dieses Geistes, leiden unter
diesem Geiste. Und können sich nicht vor ihm retten. Millionen andere --
nicht nur die Soldaten, sondern das Volk in seiner großen Mehrzahl --
haben, zwar nicht vor Gott, aber vor ihrem, allerdings nur scheinbar
vorhandenen, eigenen Selbst -- das Recht, im Dienste dieses Geistes zu
kämpfen, Menschen zu ermorden und selbst zu sterben; denn sie morden in dem
guten Glauben, nicht zu morden, sondern für ein Ideal zu kämpfen, für ein
Vaterland, für den Staat, für eine Gemeinschaft, die wert ist, beschirmt
und erhalten zu werden. Man hat sie von ihrer frühesten Kindheit an mit
diesem Geiste getränkt und gefüttert, ihr eigenes Wesen, ihr Ich in diesem
Geiste total ertränkt. Sie sind für ihre Handlungen nicht verantwortlich zu
machen. Denn sie konnten zu eigenem Denken, zu der Fähigkeit, sich
moralisch zu entscheiden, konnten zu sich selbst, zu ihrem Ich nie kommen;
sie sind nicht, sind nicht vorhanden, sind keine Menschen, sondern
denkunfähige, seelenlose, unverantwortliche Automaten, die funktionieren
. . . Verstehst du jetzt, daß es sehr schwer sein wird, den Militarismus
umzubringen?«
Er bekam keine Antwort; die Frau war ganz plötzlich, von einer Sekunde zur
andern, eingeschlafen.
Unter dem Philosophen versank die Welt. Sein Wesen wurde grau vor
Einsamkeit.
Erst Minuten später betrachtete er wieder das Gesicht der Schlafenden, das
den Ausdruck furchtbarster Trauer und Klage trug.
Sie sieht aus wie ein ungeborenes Wesen, das klagt, weil es nicht geboren
werden kann, dachte der Philosoph. Und wußte plötzlich: >Sie ist
eingeschlafen, weil sie erkannt hat, daß sie selbst eines dieser Wesen ist,
die zu eigenem Denken, zu eigenem Leben, zu sich selbst nicht kommen
durften.<
Wilde Liebe und schmerzdurchtobtes Erbarmen drückte des Philosophen Kopf
auf die Tischplatte. Vor seinem inneren Gesicht stand klar der Gedanke:
>Für eine Gemeinschaft zu handeln, deren Geist die Mitglieder zwingt, nicht
zu denken, kein eigenes Leben, kein eigenes Ich, kein warnendes Gewissen zu
haben, sondern seelenlose, unverantwortliche Automaten zu sein, die, wenn
sie nicht jede befohlene Schandtat willenlos ausführen, eingesperrt oder
erschossen werden, für eine solche Gemeinschaft zu handeln, ist ein
Verbrechen wider den Geist, das nicht vergeben werden kann. Es bleibt die
sittliche Pflicht gegen Gott, gegen unser reines Ich, diese Gemeinschaft zu
bekämpfen und damit für die Möglichkeit zu arbeiten, daß einmal eine
Gemeinschaft entstehe, in welcher der Mensch . . . gut sein darf, in
welcher der Mensch er selbst, ein Ich, ein für seine Handlungen moralisch
verantwortliches Ich und als solches . . . gut, das bedeutet: für die
Gemeinschaft sein kann.<
»Vielleicht kommst du nur in ein Bureau.«
Der Philosoph hob den Kopf; die Frau hatte aus dem Schlafe gesprochen. Ihr
Gesicht war tränennaß. Durch eine leise Berührung erwachte sie sofort.
Er sprach eindringlich und sanft: »Nehmen wir einmal an, ich käme nur in
ein Bureau. Und müßte nur ganz untergeordnete Arbeiten verrichten . . .
Vielleicht nur Stellungsbefehle ausfüllen, mit den Namen derer, die
daraufhin, meinungslos-pflichtbewußt oder vielleicht gegen ihren Willen,
sich einfinden und, nach der Ausbildung, Menschen erschlagen oder selbst
sterben würden für eine Gemeinschaft, deren Geist schwer mitschuldig ist an
diesem Kriege.«
»Ich weiß nichts mehr.« Die Frau hätte schwören können, daß sie diese vier
Worte nicht gesagt habe.
»Es könnte aber auch sein, daß ich, eingefügt als meinungsloser Handlanger
in die Maschinerie dieses höllischen Geistes, den Befehl schreiben müßte:
>Sie haben den Mann, namens so und so, serbischer Staatsangehörigkeit,
siebzig Jahre alt, nach . . . zu führen und ihn dort zu erschießen.<
Was sollte ich dann tun?«
Nach minutenlanger Stille fragte er noch einmal: »Was sollte ich dann tun?«
Die Frau wußte und gab auch diesmal keine Antwort. Aus ihren Augen heraus
fragte stumm das ganze Volk: >Was sollen wir denn tun?<
In der Stube stand schon die Finsternis. Und in ihr die dunkle Gewalt, die
den Körper töten kann.
Da fühlte plötzlich der Philosoph, wie im tiefsten Urgrund seiner Seele, im
mystischen Punkt, die Flamme entstand, die rapid zur Feuersbrunst wurde und
seine Bereitschaft, sich wieder protestlos ins Leichenschauhaus zu legen,
sekündlich verbrannte.
In ihm stand ein ungeheurer Wille auf: die Bereitschaft eines tödlich
verzweifelten reinen Geistes, sich der Notdurft der Gegenwart
anheimzugeben.
Von dieser Stunde an begann der stürmische Pilgergang.
Die schwangere Frau hatte nur ein wollenes Brusttuch mitgenommen aus ihrer
Wohnung, in die sie nicht mehr zurückkehrten. Der Stellungsbefehl lag auf
dem Tische.
Aus der unvermittelt in ihm entstandenen wilden Hoffnung, daß das unmeßbare
Leid dreier Kriegsjahre den Aufstieg des Menschenrechtes ermöglicht habe,
wuchs dem Philosophen die Kraft zu dem Versuche, den vergewaltigten
Menschen zu erklären, weshalb ihr Ausharren und ihre Arbeit Mord und gegen
sie selbst gerichtet sei.
Seine Stimme hallte durch die Stadtviertel, in denen der Gestank der Armut
und des Hungers stand.
Die >Unbekannten<: dunkle Existenzen, aus dem nie versiegbaren Behälter der
Volksseele plötzlich emporgestoßen in die ewige Freiheitsidee, stiegen auf
die Straße. Volk, dem Zwange entrissen, ins Menschentum hochgerissen, stieg
auf die Straße.
Und während die Führer des Volkes in blutüberströmter Bescheidenheit weiter
über kleine Reformen resultatlos diskutierten, weiter unverdrossen neue
besetzte Länder, neue Versenkungen und neue Kriegserklärungen buchten,
neuen Zwangserlassen gegen das gemarterte Volk und neuen Dankadressen an
die Sieger zustimmten, während so das Volk zu Millionen im Blute ersoff,
versuchten in der überreif gewordenen Zeit der Philosoph und seine
Anhänger, zusammen mit dem Kellner und dem Zwanzigjährigen, die gequälten,
vergewaltigten Herzen für die Idee der Freiheit und der Liebe aufzureißen.
Versuchte mit letzter Hingabe der Philosoph, dem Volke zu zeigen, auf
welcher Seite im Lande der Feind, die Brutalität und die Dummheit waren.
Das Netz maßlosen Leides und dunklen Aufruhrs lag über der Stadt.
Erst bei der wuchtigen Massenerhebung gegen den Raubrittergeist einiger
zehntausend mittelalterlicher Existenzen, gegen den Raubrittergeist, der
den Krieg losgebunden hat, traf die Gewalt den Philosophen, als er in der
Menschengasse, die von herangaloppierenden Schutzleuten in die Menge
hineingeritten worden war, das Recht des Menschen proklamierte; vor dem
Leutnant,
der den Befehl zum Feuern gab.
Die Frau ging langsam auf den Ermordeten zu: schritt langsam hinein in die
zweite Gewehrsalve junger Soldaten, die, bleich und im Herzen schon empört,
noch in der falschen Pflicht standen. Die vierzig- und fünfzigjährigen
Landsturmmänner hatten sich geweigert, ins Volk und damit sich selbst ins
Herz zu schießen.
Am andern Morgen lagen der Philosoph und die Ladnerin, als Repräsentanten
des Volkes, wieder im Leichenschauhause, nebeneinander.
Die Idee, die nicht erschossen werden kann, brach in Millionen Herzen ein.
Der Wärter stand vor dem Paare. Und plötzlich rückte er die zwei Pritschen
dicht zusammen. >Man liebt doch die Menschen. Liebt doch die Menschen
. . . Die armen Menschen.<
Das Leichenschauhaus war vergrößert, die Wand, die das Zimmer des Wärters
und das Wartezimmer für die Angehörigen abgesondert hatte, war
herausgebrochen, der weiße Steinplattenboden fortgesetzt und die Pritschen
um sechzehn Stück vermehrt worden.
Der Bruch war, wie bei Typenmöbeln, die glatt aneinander gefügt werden
können, nicht zu bemerken.
Ein vierter, neuer Horizontalventilator kreiste zusammen mit den drei alten
über den zweiunddreißig Leichen.
V. Die Kriegskrüppel
>Die Metzgerküche< ist ein sehr großer Raum, doppelt so lang wie breit, und
so niedrig, daß der Stabsarzt, im langen, von frischem und altem
Menschenblute steifgewordenen Operationsmantel, die Handfläche an die Decke
legen kann.
>Ein Kino hätte man hier nicht einrichten dürfen. Ein Kino nicht<, fällt
ihm immer wieder ein. Denn schließlich sind alle seine Wünsche
zusammengeflossen in den einen unerfüllbaren Wunsch, wieder einmal ruhig in
einem Kino sitzen zu dürfen.
Auf dem Steinplatten-Boden Strohsack neben Strohsack. Auf jedem Strohsack
ein Mensch; auf jedem Strohsack das, was von einem Menschen übriggeblieben
ist. Zugedeckt bis zum Kinn.
Die abgesägten Hände, Arme, Füße, Beine schwimmen in Blut, Watte und Eiter
in einem meterhohen, zwei Meter breiten, fahrbaren Kübel, der bei der Tür
in der Ecke steht und jeden Abend ausgeleert wird. Tadellose Ordnung. Kein
Strohhalm auf den nur zwanzig Zentimeter breiten Zwischengängen und im
Mittelgang. Fünf Reihen Strohsäcke.
Der mit Zinkblech beschlagene Operationstisch steht im Mittelgang.
Die Fenster werden geschlossen. Und drei Minuten später steht wieder der
dicke, warme Gestank von faulenden, brandigen Wunden, Eiter, altem Blute,
Todesschweiß, Schmerzausdünstung, Karbol und Lysol in der Metzgerküche, so
daß ein gesunder, kräftiger Mensch, der, an frische Luft gewöhnt,
hereintritt, eine Minute später Farben vor seinen Augen kreisen sieht und
den Boden unter seinen Füßen schwanken fühlt.
In der Metzgerküche, knapp hinter der Front, wird die erste Hilfe gewährt.
Schnell. Keine Sekunde Zeitverlust. Hier wird amputiert. In die
Metzgerküche werden, direkt vom Schlachtfeld weg, die
Amputationsbedürftigen geschleppt, wahllos: Offiziere und Soldaten. Eine
Viertelstunde Zeitverlust kann den Tod bedeuten.
Diejenigen Amputierten, die nicht bewußtlos sind, nicht schlafen und doch
reglos liegen, ganz unbeweglich und lautlos liegen, glänzende Fieberkugeln
im Gesicht, sind verloren, entschweben schon.
Die andern brüllen, schmeißen sich hoch, krümmen, winden sich, wimmern wie
neugeborene Katzen, lachen im Fieberirrsinn, oder bewegen die verstümmelten
Körper ganz langsam, aber ununterbrochen.
Das Leben der Glücklichsten besteht abwechselnd darin, daß sie aus der
Ohnmacht erwachen und wieder ohnmächtig werden. Dazu trägt der dicke
Gestank bei. Es ist nicht sehr hell in der Metzgerküche.
Der Stabsarzt muß nach ein bis zwei Amputationen, muß nach jeder halben
Stunde hinaus in die Luft, damit ihm während der nächsten Amputation die
Säge, das Messer nicht aus der Hand fällt.
Jeden Tag werden vier bis sechs Tote hinausgetragen.
Frisches Stroh, frische Leintücher. Frische Verwundete. Kein Halm auf den
Zwischengängen. Ordnung. Der Gliederkübel in der Ecke füllt sich. Und leert
sich pünktlich um sechs Uhr abends. Die Strohsäcke liegen genau
ausgerichtet in linealgeraden Reihen.
Der Stabsarzt sägt.
In die Metzgerküche kommt keine Zeitung. Hier wird gelitten. Hier
interessiert man sich nicht für Siegesnachrichten. Hier interessiert man
sich für das Bein, das abgesägt wurde und vom Sanitäter eben in den Kübel
geworfen wird. Man will sein Bein wieder haben. Es noch einmal in die Hände
nehmen. Betrachten. Sehr genau betrachten.
»Mein Bein! Es ist mein Bein. Meines! Mein Bein!« Zuerst schreit er nach
seinem Beine, dann bettelt er: »Gib her. Komm, gib her. Gib mirs.«
Der Bettelnde liegt nicht in den Fensterreihen; er liegt in der dunklen
Reihe, im vierten Bett, von der Rückwand aus gezählt. Er muß doch wieder
schreien, das Schmerzgebrüll, Gewimmer, Geheule überschreien, damit der
Sanitäter ihn hört.
»So ein Unsinn! Verfluchter Unsinn!« schimpft der erschöpfte Sanitäter. Und
trägt dem Bettelnden ein langes Bein hin, das zwischen dem Knie und der
Schnittfläche am Schenkel ein furchtbares, tiefes, brandiges, stinkendes
Loch hat. Legt es ihm wagrecht auf die gierig ausgestreckten Hände.
Der Soldat betrachtet, die Augen weit aufgerissen, von einem mystischen
Schauer durchjagt, das lange, schwere Bein, das zwanzig Jahre ihm gehört
hat, hält es weg von sich, immer weiter weg, weicht mit dem Oberkörper
immer weiter zurück. Und schmeißt das Bein, plötzlich von tödlichem Ekel
geschüttelt, in den Mittelgang. Brüllt: »Das ist nicht mein Bein.«
Es war nicht sein Bein. Der erschöpfte Sanitäter hatte ein falsches Bein
aus dem Kübel herausgezogen.
Der Mann im vierten Bett ist jetzt ruhig. Er ist ohnmächtig geworden.
Der neben ihm Liegende, der auch nur noch ein Bein hat, dreht das Gesicht
zum Ohnmächtigen hin und sagt zu ihm: »Du schläfst ein, Lieber, und hast
zwei Beine, und wenn du aufwachst, hast du nur noch ein Bein.« Dabei
lächelt er: ein Lächeln, das dafür zeugt, daß die gramvollste
Hoffnungslosigkeit mit einem Lächeln ausgedrückt werden kann. »Schläfst
ein, Lieber, und hast zwei Beine, und wenn du aufwachst, hast du nur noch
ein Bein.« Diesen Satz hat er gefunden und sagt ihn immer wieder.
Das vierte Bett in der dunklen Reihe, von der Rückwand aus gezählt, quält
den Stabsarzt. Mit diesem vierten Bett hat er Unglück. Entweder sterben ihm
die Inhaber des vierten Bettes unter der Säge, oder sie führen sich ganz
besonders wild auf.
>Wieder das vierte Bett<, denkt der Stabsarzt, krank vor Überarbeitung,
wirft einen Blick auf das Bein, das noch im Mittelgang liegt und die
tadellose Ordnung stört. Dann einen Blick zur niedrigen Decke. >Ein Kino
hätte man hier nicht einrichten dürfen. Ein Kino nicht.< Und sägt
vorsichtig und mit Kraft den Oberarmknochen knapp unterm Schulterblatt
durch.
Der Soldat auf dem Operationstisch, ein uniformierter Knabe, hat nur eine
blutnasse Hose an. Der Oberkörper ist mager. Schmale Brust. Unausgewachsen.
Der Knabe ist bewußtlos. Die blauen Lippen sind fest aufeinandergepreßt.
Nur beim rechten Mundwinkel ist ein kleines, ganz rundes Loch offen
geblieben, wie bei einem total erschöpften Wettläufer, der durch einen
Mundwinkel die Luftmassen hinausstößt.
Manchmal schreien und stöhnen gleichzeitig alle Verwundeten wilder auf, als
würden in dieser Sekunde alle Wunden von einem bösen Weltgeist betastet.
Dann werden die Mittel angewandt.
Es werden verschiedene Mittel angewandt, um den Schmerz erträglicher zu
machen. Der eine hat gefunden, daß der Schmerz geringer wird, wenn er die
Zunge herausstreckt, mit all seiner Kraft die Zunge so weit wie nur irgend
möglich herausstreckt. Noch einen Millimeter weiter. Er hockt aufgerichtet
im Strohsack, die Zunge lang und blau gebläkt, und keucht.
Ein anderer kann sich nur helfen, wenn er »Uu!« schreit. Er hat das
Alphabet durchprobiert. E hilft ihm nicht. I hilft ihm nicht. Nur U. Er
brüllt mit der ganzen Kraft seiner Lungen: »Uu!«
Der Stabsarzt sägt.
Einer muß, die Muskeln angespannt, den Arm senkrecht emporrecken und die
Luft zurückhalten, so lange zurückhalten, bis der Schrei als
wildansteigendes »O!« aus seinem Munde herausplatzt. Das hilft ihm.
Der Stabsarzt sägt.
Langsam und unaufhörlich schwingt einer den Oberkörper hin und her. Wenn er
das nicht tut, kann er den Schmerz nicht aushalten.
Ganz feines Wimmern neugeborener Katzen.
Einer schlürft, als habe er einen zu heißen Bissen im Munde.
Bewegung bei der Tür: zwei Amputationsbedürftige werden hereingetragen.
»Ganz unmöglich! Kein Platz!« Dabei sägt er weiter, ein dünnes Handgelenk
durch.
Die Bahrenträger bleiben stehen. Ratlos.
»Tragt sie hinüber in den >Tanzsaal<.«
»Zu Befehl! Aber in den Tanzsaal haben wir eben sechs getragen. Man hat uns
hierher geschickt. Der Tanzsaal ist überfüllt.«
»Uu . . . . . . . . . .!«
»Hier auch! Voll! Voll! Alles voll! Kein Platz mehr!«
Ganz feines Wimmern neugeborener Katzen.
Der Oberkörper kreist langsam und ununterbrochen.
Es wird Platz gemacht: die Strohsäcke werden noch enger zusammengeschoben,
so daß auch die Zwischenräume von zwanzig Zentimetern nicht mehr da sind.
Ein einziges, langes, genau ausgerichtetes, brüllendes, stöhnendes,
wimmerndes, ordentliches Schmerzenslager.
Als wild ansteigendes »O!« platzt der Schrei aus dem Munde heraus, während
die Bahrenträger gehen.
Die Zunge bläkt lang und blau. Warmer, dicker Gestank.
Die Metzgerküche ist nur eine kleine Nebenabteilung vom immer vollen
>Tanzsaal<, der fünfmal mehr Strohsäcke faßt als die Metzgerküche.
>Und wieviel >Tanzsäle< gibt es in Europa? Wie viele, in denen erste Hilfe
gewährt wird? Und wie viele, in denen solche liegen, die in Schmerzen auf
die Heilung warten? Wie viele Schmerzenslager gibt es knapp hinter der
Front? Und wie viele in allen Städten und Städtchen des Heimatlandes? Wie
viele in Rußland, Frankreich, England, Italien? Wie viele Schmerzenslager
gibt es in Europa?
Für was, für wen leiden diese Millionen ihre Schmerzen? Warum müssen
Millionen Menschenbeine, Millionen Arme abgesägt werden? Für was wird
gekämpft und ermordet? Und verstümmelt und gesägt und gelitten? Für was ist
dieser Krieg? Für was?< denkt der Stabsarzt und schneidet erst sauber und
exakt ein Pfund Menschenfleisch aus einem Oberschenkel heraus, bevor er zu
sägen beginnt. >. . . Viel zu niedrig für ein Kino.< Farben kreisen vor
seinen Augen.