Schrecken und Zorn wechselten in schneller Folge in den Augen des Anwaltes,

beim Erblicken dieses hellblauen Gesichtes, das erstarrt war in der Klage

darüber, daß ein dreist-materialistisches, ungeistiges Zeitalter nicht

erlaubt hatte, das Lebenswerk aufzubauen und zu vollenden.

»Weshalb hat er sich denn umgebracht? Weshalb denn?«

»Weiß nicht. Aber gewöhnlich liegt die Einberufung zum Militärdienst auf

dem Tische; oder die Nachricht, daß der Mann gefallen ist, der Sohn . . .

Bei dem Mädchen dort wars der Bräutigam.« Er deutete auf das Mädchen, das,

von links gezählt, auf der sechsten Pritsche neben dem Philosophen lag und

wie er ein zart hellblaues Gesicht hatte.

Beide hatten sich mit Gas vergiftet.

»Weshalb griff er denn dem Schicksal vor? Er hätte sich doch sagen können:

nicht alle fallen an der Front.«

»So habe ich bis vor zwei Jahren auch gedacht; seither habe ich mit vielen

Angehörigen gesprochen . . . Es ist bei vielen nicht die Furcht vor dem

Tode; es ist die Furcht vor der Kaserne. Es gibt Leute, die den Kasernenhof

. . . und so weiter, nicht ertragen.« Der Leichenwärter setzte sich,

stützte den Ellenbogen auf eine Bahre, auf der eine Wasserleiche lag: ein

schlammiges, grünes Etwas ohne Nase und Augen. Der Bauch war hoch

aufgetrieben. Wasser tropfte immer noch gleichmäßig von der reinen, weißen

Bahre hinunter auf den reinen, weißen Boden. Die Leiche war drei Wochen

lang geschwommen.

>Ist das Leichenschauhaus auch ein Feld der Ehre, auf dem Menschen liegen,

die gestorben sind für des Reiches Größe und Weltmachtstellung?< ». . . Wer

ist dieser Ertrunkene?«

»Das weiß man nicht. Zurzeit werden siebzehn Leute in Berlin vermißt. Einer

von diesen ist er . . . Man kommt gar nicht mehr zu sich.« Der

Leichenwärter war stark abgemagert, sah übermüdet und schwindsüchtig aus

und trug ein offenes Hemd mit Schillerkragen.

»Viel zu tun?« . . . >Weshalb frage ich ihn das?<

»Es geht ununterbrochen. Ununterbrochen! Jeden Tag werden durchschnittlich

acht bis zehn Selbstmörder eingeliefert . . . Vor dem Kriege einer,

höchstens zwei im Tage.«

»Jeden Tag acht? Allein in Berlin?« Dabei werden längst nicht alle

Selbstmörder ins Leichenschauhaus gebracht, weiß ich aus Erfahrung, dachte

der Anwalt. »Elektrisches Licht ist auch hier?« >. . . Weshalb frage ich

das?<

Ein paar Sekunden blieb es still im Schauhause. Die Morgendämmerung lag

noch über den Leichen, schmolz sie zusammen zu einer dunklen Masse.

»Ja, auch elektrisches Licht . . . Und rollbare Pritschen. Elektrische

Weckapparate. Dynamoventilatoren. Überhaupt das Allerneueste auf diesem

Gebiete . . . Dieses Luftsaugröhrensystem ist ganz neu.« Er stand müde auf,

drehte am Schalter; drei Bogenlampen zischten, spritzten grellweißes Licht:

die zwanzig Leichen schienen lebendig geworden zu sein. Stille und wilde

Gesichter. Manche sahen aus, als wollten sie etwas sagen.

»Auch ein Sauerstoffapparat für die mit Gas Vergifteten ist da. Und ein

kleines Wartezimmer für die Angehörigen. Nebenan wohne ich.«

»Wohnen Sie? . . . Alles tadellos.« >. . . Was geschieht mit diesem Volke?

Warum ruiniert man dieses Volk? Dieses geduldige, fleißige, tüchtige,

temperamentlose, gründliche Volk, das protestlos alle Qualen des Daseins

trägt und protestlos stirbt, an der Front und in der Stadt. Dieses

Duldervolk, dem mit Hilfe des denkbar raffiniertesten Systems das Denken

und damit schon von vornherein jeder Einzelprotest unmöglich gemacht worden

ist . . . Wenn es endlich einmal protestiert, wird sein Protest geduldig,

fleißig, temperamentlos und ungeheuer gründlich, ungeheuer blutig sein

. . . falls seine Herren in dem von Gott gesetzten Augenblick nicht

freiwillig gehen.<

Ohne gefragt worden zu sein, sagte der Wärter: »Ich führe eine Statistik

der Todesarten Berliner Selbstmörder. Momentan habe ich drei Erhängte, fünf

Wasserleichen, zwei Giftleichen, sieben Gasleichen, drei, die sich aus dem

Fenster gestürzt haben, und nur einen, der sich erschossen hat; einen

Soldaten, der auf Urlaub war. Dort liegt er . . . Die Pritschen reichen

nicht mehr aus. Am häufigsten sind die Gasleichen.«

»Weiß man, weshalb sich der Soldat erschossen hat?«

»Wird seine Frau nicht so vorgefunden haben, wie sich das gehört. Oder er

wollte nicht mehr hinaus. Viele wollen nicht mehr hinaus . . . Der Mann

bringt sich wegen seiner Frau um. Und die Frauen bringen sich um, weil die

Männer gefallen sind. So löscht kreuzweise Eines das Andere aus.« Er

deutete auf das Mädchen, das neben dem Philosophen lag: »Das ist eine

Ladnerin; bei ihr wars der Bräutigam.«

»Das haben Sie mir schon gesagt.« >. . . Und jetzt liegt der Philosoph

neben der Ladnerin. Der Knabe neben der alten Dame. Die Wasserleiche neben

der Giftleiche. Und am häufigsten sind die Gasleichen. Und an der Front

liegen Millionen Leichen. Und in Berlin lebt, siegt und verdient man

weiter. Die Elektrischen fahren. Und in den Theatern wird gespielt. Und

darauf ist man stolz. Denn das ist ein Zeichen von Kultur.< »Haben Sie von

der revolutionären Friedensdemonstration gehört?«

Der Leichenwärter gab keine Antwort; er wischte wieder das Wasser auf, das

von der Leiche heruntergetropft war auf den weißen Steinplattenboden.

Plötzlich zerbrach ein letzter Widerstand, eine letzte Vorsicht im Anwalt:

er entschloß sich, sofort den Hotelkellner aufzusuchen.

Unwillkürlich drehte er beim Abschiednehmen das Licht aus. Die Leichen

schwammen wieder zu einer dunklen Masse zusammen.

Die Rechnung des Leichenwärters war einfach: >Da sich in Berlin, das drei

Millionen Einwohner hat, in den letzten drei Jahren achttausendfünfhundert

Menschen wegen des Krieges umgebracht haben, werden sich in ganz

Deutschland, das siebzig Millionen Einwohner hat, wohl

hundertneunzigtausend Menschen wegen des Krieges das Leben genommen haben

. . . Und wieviele sind aus Gram über den Heldentod ihrer Angehörigen

allmählich eingegangen? Und wieviele sind wahnsinnig geworden? Und wieviele

Protestler sitzen im Zuchthause? Wieviel Schwache, Widerstandsunfähige sind

krank geworden und eingegangen, bei denen der Befund des Arztes nur hätte

lauten können: eigentlich sind sie verhungert?<

Der Wärter war ein vorsichtiger Mann; er stand in seinem Privatzimmer vor

dem Tisch und wog seine Tagesbrotration pedantisch genau ab; er wollte

nicht verhungern; er wollte den Krieg überleben; er war interessiert, zu

erfahren, welches positive Resultat das Leid und der Tod so vieler Menschen

nun eigentlich haben werde.

>Das sind die Hinterlandkriegstoten: bis jetzt, vorsichtig gerechnet,

hundertneunzigtausend Kriegsselbstmörder in Deutschland. Macht mindestens

eine Million Selbstmörder in allen kriegführenden Nationen zusammen. Kommen

hinzu die zehn Millionen Heldentote. Total: elf Millionen Tote . . . Kommen

hinzu die zehn Millionen lebens- und arbeitsunfähig gewordenen Krüppel. Und

fünfhundert . . . nein achthundert, nein tausend verpulverte Milliarden,

für die den Zins zu erschuften, den arbeitenden Massen überlassen werden

wird . . . Wenn ich nun noch das leider nicht zahlenmäßig errechenbare

Seelenleid der Hinterbliebenen als unbekannte Pauschalgröße hinzunehme,

habe ich ein Recht, auf das positive Resultat, das dieser ungeheure

Gesamteinsatz zeitigen wird, neugierig zu sein.<

Er betrachtete, mit diesem Gedanken beschäftigt, das von einer mächtigen

elektrischen Glocke überdachte Klappensystem, das -- wie das Klappensystem

in einer Telephonzentrale mit den Teilnehmern -- durch elektrische

Drahtleitung mit den Toten verbunden war. Gift- und Gasleichen und solche,

bei denen die Todesursache nicht bekannt war, lagen drei Tage unter Kontakt

mit dem Weckapparat. Ein Erwachungsseufzer, die winzigste Fingerbewegung

löste den Kontakt aus.

Eine Weile saß der Wärter ganz reglos am Tische; er hörte nur das Rauschen

der Ventilatoren in der Leichenhalle, glitt immer tiefer in einen

Gefühlstrichter hinunter und kam wieder zu dem alles zusammenfassenden

Schlusse: >Wenn man sich überlegt, daß alle, daß auch die kompliziertesten,

phantastischesten Scheußlichkeiten, die sich ein Menschengehirn auszudenken

vermag, in diesem Kriege begangen worden sind, daß man sich keine

Grausamkeit, keine Ungerechtigkeit, keine Niedertracht ausdenken kann, die

nicht begangen worden wäre, und daß, außer diesem Vorstellbaren zahllose

Schandtaten geschehen sind, die man sich gar nicht ausdenken kann, ist

Jeder, der im Angesichte dieser Bluttatsache nicht als Protestler im

Zuchthause sitzt, nicht irrsinnig wird oder sich das Leben nicht nimmt, ein

robustes, gemeines, erbärmliches Individuum. Ein anständiger Mensch, ein

Mensch erträgt das Leben nicht, in dem solches möglich ist und auch noch

als Heldentum gefeiert wird . . . Unter den hundertneunzigtausend

Kriegsselbstmördern waren -- und in den Irrenhäusern und Zuchthäusern sind

-- die anständigsten, edelsten Menschen unseres Volkes.<

Da riß das markerschütternde Läuten der Totenglocke den Wärter aus der

Tiefe des Gefühlstrichters heraus. Im selben Moment sah er, daß eine Klappe

gefallen war, sah die Zahl 6. »Einer aufgewacht!« Stürzte hinüber in die

Leichenhalle.

Und wurde, trotz seiner naturwissenschaftlichen Weltanschauung: >tot ist

tot; und lebendig ist lebendig<, von einem gewaltigen Schrecken in den

Türrahmen festgenagelt:

denn zwei Wiedererwachte, der Philosoph und die Ladnerin, die erst vor

einer Stunde kurz hintereinander eingeliefert worden waren, saßen aufrecht

auf den Pritschen.

Schneller, als die Frage: >Sind die Gasleichen vielleicht infolge der ganz

besonders frischen Ventilatoren- und Eisluft wieder zu sich gekommen?< in

seinem Kopfe entstand, sprang er zum Sauerstoffapparat, mit den roten

Schläuchen zu den zwei Wiedererwachten, schob ihnen die Mundstücke zwischen

die Lippen. »Tief einatmen!« Und rannte zum Apparat zurück, drehte die

Kurbel.

Die mächtige Totenglocke läutete weiter.

Ein Lächeln, so winzig und fein, als habe er es aus der endlosen Ferne des

Todes mit herüber ins Leben gebracht, saß zwischen den halbgeschlossenen

Augenlidern des Philosophen.

Die weißgesichtige Ladnerin hatte das klare Gefühl, daß sie wieder bei

Bewußtsein war, noch nicht erlangt.

»Tief . . . gleichmäßig und tief . . . einatmen und ausatmen . . . und

einatmen«, bat der kurbelnde Wärter.

Die summenden Horizontalventilatoren bestimmten das Atemtempo. Die achtzehn

nicht wiedererwachten Leichen umgaben -- wie an den Fronten die Heldentoten

ihre noch mordenden Kameraden -- bleich und blau, steif und krumm, blutig,

totenstill und ungeheuer interesselos die zwei Atmenden.

Der Philosoph war schon bei dem Gedanken angelangt: >Ich hatte die

Einberufung bekommen, hatte mich konsequenterweise umgebracht, war . . .

tot im Leichenschauhause gelegen. Das ist ein Vorteil. Jetzt werden sie

mich wohl in Ruhe lassen. Werden doch wenigstens einen, der von den Toten

auferstanden ist, in Frieden lassen. Werden doch nicht zum zweiten Male

versuchen, einen konsequenten Geist in den Kasernenhof zu stellen, um ihn

für den Menschenmord brauchbar zu drillen. Man hat doch auch Christus,

nachdem er gestorben und wieder auferstanden war, nicht noch einmal

gekreuzigt.< Das ferne, kleine Lächeln der Befriedigung steckte noch immer

zwischen seinen halbgeschlossenen Augenlidern.

Während er folgsam atmete, saß er in Gedanken schon wieder am Schreibtisch

bei seinem unvollendeten Lebenswerke, dessen Geist und Idee dem

Kasernenhofgeist entgegengesetzt waren.

»Einatmen! Ausatmen! Tief atmen!« Der Wärter schaltete den Strom für den

elektrischen Betrieb des Sauerstoffapparates ein,

sprang hinüber in sein Privatzimmer, um einen leichten Tee für die

Wiedererwachten zu kochen.

Die Totenglocke trommelte immer noch: rufend, alarmierend, ohrenbetäubend.

Elementarster Lebenswille stand auf in der entsetzten Ladnerin, als sie die

dunkelvioletten Zungen der Erhängten, die aufgetriebene Wasserleiche, den

Haufen blutigen Drecks, Gedärme und Knochen erblickte.

Vom Grauen wurde ihr Oberkörper auf die Pritsche zurückgedrückt; sie wandte

hilfesuchend die Augen weg vom Tode, nach links, wo das Leben aufrecht auf

der Pritsche saß, streckte ihre flehende Hand aus.

Und plötzlich lagen die vom Tode umgebenen zwei Lebenden Hand in Hand und

senkten Jeder den Blick auf den Seelengrund des Andern: der Philosoph aus

Freundlichkeit und deshalb, weil ihm zur Schärfung seiner

Erkenntnisfähigkeit die Menschheitsschande nicht erst plakatiert zu werden

brauchte, die Ladnerin, um auf dem Grauen nicht in den Wahnsinn

hineinzugleiten.

Der Wiedererwachte legte den Schlauch weg; als Philosoph ohne Verdienst und

Privatvermögen hatte er sich daran gewöhnen müssen, körperliche Schläge

schnell zu überwinden. Er beobachtete aufmerksam seine wieder folgsam ein-

und ausatmende Leidensgenossin: eines der geduldigen, ältlichen Mädchen,

die, damit ihre glücklicheren Schwestern gepflegt, sorgenlos und mit

äußerlichem Glanze umgeben im Leben stehen können, sich für einen

Monatsgehalt von hundertzwanzig Mark in die Tretmaschine der ewig gleichen

Täglichkeiten einspannen lassen müssen und sich ihre Brautausstattung --

einmal drei Hemden, im nächsten Jahre die Bettstellen, dann die Matratzen,

hin und wieder ein Stück von der Kücheneinrichtung -- allmählich anschaffen

und endlich, wenn die Haut grau, das Blut schon still geworden ist und die

Sehnsucht nach dem Wunder schon im Sterben liegt, dem Bräutigam in eine nur

etwas anders geartete Tretmaschine folgen.

Dieses kleine, armselige Lebensziel hatte der Krieg gefressen: der

Bräutigam war zerstampft worden.

>Auf dem Felde der Ehre. Für Deutschlands Weltmachtstellung. Für Kaiser und

Reich und Erzgruben und Eisenbahnkonzessionen<, dachte der Leichenwärter.

Und der Philosoph dachte: >Zwei sehen einander, werden miteinander bekannt.

Und heiraten, ohne einander zu kennen. Dreißig Jahre später kennen sie

einander auch noch nicht. Und wenn der eine stirbt, weiß der andere immer

noch nicht, mit wem er eigentlich verheiratet gewesen war. Denn jeder gibt

sich sein Leben lang die größte Mühe, nur ja nicht zu erfahren, wie und wer

er selbst ist. Wie könnte er da die Fähigkeit besitzen, zu erkennen, wer

ein Anderer ist? . . . Wenn aber zwei tot im Leichenschauhause

zusammentreffen, miteinander wieder aufwachen, sozusagen als Geschwister

von der >Allmutter Nichts< neu geboren werden --<

Der Philosoph betrachtete die Dampfheizung, die Warmwassereinrichtung mit

den vernickelten Hähnen und der großen, weißglasierten Schüssel darunter.

>Diesen Komfort werden wir allerdings nicht haben in unserer Wohnung.<

Der Wärter kam mit dem Tee zurück. »Sie atmen nicht?«

»Sagen Sie mir«, fragte der Philosoph dagegen, »für was ist denn eigentlich

die Dampfheizung nötig in diesem Hause, wo doch für einen glatten Betrieb

die erste Grundbedingung ist, daß alles . . . frisch bleibt?«

»Ganz leichter Tee. Und ohne Zucker muß er getrunken werden . . . Wenn ich

in einem kalten Winter die Temperatur von wenigstens ein Grad über Null

nicht beibehalten könnte, müßte ich ja die Wasserleichen von den Pritschen

loseisen.«

»Also alles bedacht! Hier wenigstens ist für alles gesorgt, wie?«

»Ja, hier fehlt nichts . . . Die Organisation für die Toten ist bei uns

einwandfrei. Und die Organisation für das Massensterben ist, wie wir jetzt

zugeben müssen, bei uns ebenfalls einwandfrei.«

»Sie sind also auch gegen den Krieg?« Der Philosoph betrachtete die

achtzehn Selbstmörder, die blauzüngig, starrgesichtig und stumm gegen den

Krieg protestierten. ». . . Dieses Leichenschauhaus ist ja geradezu ein

pazifistischer Schlupfwinkel.« Er stieg von der Pritsche herunter.

Die Ladnerin hatte das Mundstück noch zwischen den Lippen, sah aus wie ein

Kind, das in ein Spielzeug bläst.

>Am allermeisten, mehr als die graue Not ihres Lebens und mehr als ihr

Selbstmordversuch, rührt mich an ihr die Spitzen-Halskrause: dieses

schüchterne, mißglückte Bestreben, schön zu erscheinen<, dachte der

Philosoph.

* * * * *

Die Truppen näherten sich im Laufschritt. Der vorauswippende Leutnant, mit

geschultertem Degen, schien nur aus einer Brust zu bestehen.

»Ob sie schießen werden?« Der Rechtsanwalt riß den Philosophen in ein Haus.

»Hat noch einen Ausgang. Durch die andere Tür kommen wir auf den Platz und

näher an das Denkmal heran.«

Eine gewaltige Menschenmenge. Auf dem Sockel des Denkmals stand der

Kellner.

Die beiden verstanden keines seiner Worte. Hörten nur das fanatische

Bravogebrüll von der anderen Seite herüberklingen.

Hoch auf dem Maste, knapp unter dem weißviolett leuchtenden

Bogenlampen-Dreistern, hing der Zwanzigjährige. Mit wilder Körpergebärde.

»Den werden sie herunterknallen.«

In der Allee stand eine lange Reihe Fuhrwerke, die den Platz nicht

überqueren konnten.

Plötzlich hing an Stelle des Zwanzigjährigen hoch am Lampenmaste ein

flatternder, roter Fetzen.

Das tausendfache Jauchzen wurde von den im Laufschritt ankommenden Truppen

auseinandergeschnitten. Die Menge -- junge Burschen und hauptsächlich

Frauen mit aufgelösten Gesichtern -- wich durch das dreiteilige Tor und in

die Parkanlage zurück.

Eine knabenhaft hohe Kommandostimme. Klatschen auf Gewehrkolben. Drohendes

Gelächter. Fliehende, dunkle Rücken.

Eine Frau mit loderndem Antlitz trat vor: »Schießt! Schießt!« Sie wurde

verhaftet.

Der Kellner stand dicht beim Leutnant und sah ihm in die Augen.

Als der Philosophiedoktor und der Rechtsanwalt den Platz schon verlassen

hatten und sich umwandten, sahen sie, wie ein Soldat am Lampenmaste

emporkletterte und die Hand nach dem roten Fetzen ausstreckte.

»Es ist doch nicht unmöglich, daß die revolutionäre Geistigkeit das letzte,

entscheidende Wort haben wird«, sagte der Anwalt.

Sie gingen eilig durch eine menschenleere Geschäftsstraße; nur in der Ferne

rannte ein dunkler Frauentrupp davon.

»Leider ist die revolutionäre Geistigkeit, bis auf zwei oder fünf

halbverhungerte Vertreter, die gleich Irrsinnigen in einem Blut- und

Lügenmeere ohne Balken machtlos herumschwimmen, schon in den Massengräbern

oder in den Zuchthäusern. Das muß zu ihrer Ehrenrettung den kommenden

Generationen gesagt werden . . . Hier! Sehen Sie, hier!«

Das Schaufenster war eingeschlagen; der Lebensmittelladen leergeplündert.

Frauen hatten die Gelegenheit, daß Polizei und Truppen auf dem Platze

beschäftigt waren, schnell benutzt.

»Das ist nackter Hunger. Kein revolutionärer Geist«, sagte der Philosoph.

Und hob einen geräucherten Fisch von der Straße auf. ». . . Wegen des

Fisches und auch aus Kameradschaftlichkeit.«

Er schob ihn unter seinen schwarzen Havelock. »Dieses rapid ins

Geldverdienen hineingeratene Volk hat, aus einem öden Materialismus heraus,

vor dem Kriege >Hoch< geschrien, bei Kriegsausbruch nichts, als >Hoch<

geschrien. Und jetzt schreit es nur deshalb nicht mehr >Hoch<, weil der

Magen schreit.«

»Wenn aber in jenem entscheidenden Moment die Führer nicht abgeschwenkt

wären, in das Lager, das sie bis dahin bekämpft hatten? Dann würden

wenigstens die . . . organisierten Massen schon lange in den Protest

hineinmarschiert sein, ebenso geschlossen, wie sie in den Krieg marschiert

sind.«

»Und ebenso ahnungslos, wie sie in den Krieg marschiert sind . . . Daran

können Sie das menschenunwürdige und überaus gefährliche System einer

Organisation erkennen, die ihre Mitglieder nur für den Klassenkampf um

materielle Vorteile drillt, sie in allen Städten jährlich in

dreihundertfünfundsechzig Parteiversammlungen nur zum Durchbringen von

Resolutionen im politischen Parteiinteresse benutzt, anstatt sie . . .

geistig zu befreien, sie zu denkenden Menschen eigener Entschlußfähigkeit

für das Gute zu machen . . . Da braucht sich im entscheidenden Moment nur

der Hauptführer als Dummkopf zu erweisen, braucht nur der Hauptführer zum

Verräterchen zu werden, und die . . . organisierten, denkunfähigen Massen

schwenken mit ab, folgen ihm in den Krieg, ebenso geschlossen, wie sie ihm

in den Protest gefolgt wären . . . Die Geistigkeit ist verurteilt, untätig

am Rande dieses Krieges zu verharren. Denn zwischen ihr und dem Volke

besteht nicht der geringste bewußte Kontakt. Und selbst der Tod der

Millionen konnte bei den Hinterbliebenen nicht den geringsten

geistesverwandten Gefühlsprotest auslösen. Nur der Magen protestiert. Das

ist Materialismus. Christus und Kant, Schiller und Goethe sind vor dem

Kriege für eine Leberwurst, für drei Mark Wochenlohn mehr, für eine Wohnung

mit Dampfheizung, für das Aufrücken in die ungeistige bürgerliche

Lebenshaltung, oder für das Verharren in ihr hingegeben worden.

Materialismus: angefangen beim entseelten, maschinierten Fabrikarbeiter,

über den vor Bequemlichkeit stinkenden Kanapeebürger und über den

Kapitalisten, den modernen Philosophen und Dichter weg, bis hinunter zum

ersten Diener des Staates. Hier haben Sie die Ursache des Krieges . . .

Dieser gewaltige Block von Egoismus, Gemeinheit und granitener Dummheit

kann schwerlich von heute auf morgen gesprengt werden.«

»Und deshalb, meinen Sie, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als den

Gashahn zu öffnen, wenn die Einberufung kommt?«

»Es gäbe noch etwas anderes: ich könnte (>weg von meinem Werke, weg von

meinem Werke<) den Sprung in die blutnasse Gegenwart, den Sprung ins

blutnasse Volk machen und, gleich den vielen dunklen Volksexistenzen, die

vom Gifte der Organisation verschont geblieben sind und deshalb

protestierend auf die Straße steigen konnten, zusammen mit den, vor

Machtlosigkeit schon irrsinnig gewordenen, wenigen jungen Dichtern, die

noch leben, unter beständiger Todesgefahr versuchen, das wegzureden, was

seit Jahrzehnten in das Volk hineingeredet worden ist . . . Der dritte Weg,

den der Stellungsbefehl dem Untertanen aufreißt, existiert für mich nicht.

Da das tiefste Wort von Jesus Christus: >Jede Sünde kann euch vergeben

werden, nur die Sünde wider den Geist nicht<, sich mit meiner

Weltanschauung scharf deckt, kann ich nicht in den Kasernenhof gehen, oder

ins Kriegspresseamt, oder in irgend ein Ernährungsamt . . . Ich bin mit

einer Ladnerin und mit meiner Philosophie verheiratet. Und kann zur Not in

ein Christushoch, in ein Sokrateshoch, in ein Kanthoch einstimmen. In ein

Hindenburghoch oder in ein Kaiserhoch kann ich nicht einstimmen; denn ich

bin kein Sozialdemokrat.«

Das Sprechen hatte ihn angestrengt und erregt; ein Abglanz geistiger

Heiterkeit war nie ganz aus seinem Gesichte verschwunden.

Und entstand wieder, als er, heftig atmend im vierten Stocke angelangt,

seine Frau begrüßte.

Die scheintot gewesene Ladnerin hatte sich wenig verändert; die

Spitzenkrause schmückte noch ihren kindlich-dünnen Hals. Und in ihren Augen

stand der innere Blick, den Menschen haben, die halb dem Tode gehören.

Behutsam führte er seine schon schwangere Frau in den niedrigen,

schiefdeckigen Raum, der Wohn-, Schlaf-, Arbeitszimmer und Küche in einem

war.

Und sah plötzlich, daß auf dem weißgescheuerten Küchentisch, den er auch

als Schreibtisch benutzte, wieder ein Stellungsbefehl lag.

Der ungeheure Schrecken, gepaart mit augenblicklichem Erkennen seiner

Situation, riß ihn sofort auf die reine Fläche, wo alle Dinge und Gedanken

im schärfsten Lichte stehen, so daß keinerlei Ausflucht, Vorspiegelung,

Selbstbelügung mehr möglich ist.

Da fühlte er wieder das furchtbare innere Weinen, das nicht bis in sein

geistesstarr werdendes Gesicht vordrang. Es glich dem kalten Antlitz

Gottes, als er dachte:

Der Mensch ist gut · 第 6 / 10 段