Sie mußte nicht suchen: die Bibel, immer nur und oft an dieser Stelle

gebraucht, tat sich beim einundneunzigsten Psalm auf. Und die Mutter sah,

wie die auf ihren Sohn zusausenden Kugeln, vom Gebete in ihrem mörderischen

Fluge aufgehalten, vor des Sohnes Brust senkrecht zu Boden fielen, als sie

die mit Bleistift unterstrichenen Stellen wiederholte:

»Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt, und unter dem Schatten des

Allmächtigen bleibt,

der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf

den ich hoffe.

. . . Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,

daß du nicht erschrecken müssest vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen,

die des Tages fliegen,

vor der Pestilenz, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die im

Mittage verderbt.

Ob tausend fallen zu deiner Seite, und zehntausend zu deiner Rechten, so

wird es doch dich nicht treffen«,

betete die Mutter. Und blieb, in Hoffnung und in düstere Angst gespalten,

sitzen und war nicht erlöst.

Denn die Welt war nicht erlöst, da nicht alle Menschen gleich den Müttern

und nicht alle Mütter . . . Mütter waren.

Der Brief, den der Sohn in Rußland an eine imaginäre Person geschrieben,

nach einem halben Jahre an der Westfront zurückerhalten und doch noch an

die Mutter geschickt hatte, traf erst Wochen nach dem Tode des Sohnes ein,

zu einer Zeit, in der die Mutter noch immer nicht wußte, daß der Sohn schon

gefallen war. Von den fetten Schützengrabenratten schon halb aufgefressen

war.

Der Sohn hatte vergessen, die Überschrift zu ändern; die bebende Mutter

las:

»Sehr geehrter Herr, erlauben Sie mir, Ihnen den Seelenzustand meines

Freundes zu schildern. Es ist Ihnen gewiß auch schon widerfahren, daß Sie

beim Hinabsteigen einer Ihnen seit Jahren vertrauten Treppe, im Dunkeln vor

der letzten Stufe irrtümlich vermuteten, schon ganz unten zu sein: Ihr zum

Ausschreiten vorgestrecktes Bein findet keinen Boden. Sie kennen diese

körperliche Erschütterung, die so plötzlich eintritt, daß Dunkelheit und

Tiefe, in die Ihr Bein versinkt, in die Höhe und in das überraschte Gehirn

hineinsausen und einen seelischen Schreck verursachen. Stellen Sie sich

vor, Sie würden drei Jahre lang, so ununterbrochen wie Sie atmen, in diese

unerwartet vor Ihnen sich auftuende Tiefe hineintreten, drei Jahre lang

ununterbrochen diesen kleinen Seelenschreck erleben. Und stellen Sie sich

jetzt, wenn Sie können, diese beständige Seelenerschütterung millionenfach

gesteigert vor.

Dagegen gibt es, wie unglaublich Ihnen das auch erscheinen mag, ein

Hilfsmittel. Die Gewohnheit. Die meisten Menschen vermögen an Stelle ihrer

Seele die Gewohnheit zu setzen. Das tun die Millionen entseelten Soldaten,

die dann gewohnheitsmäßig weiterschießen, weiter ihre Gewehrkolben in

feuchte Menschengehirne hineinschlagen, weiter das leise zischende Bajonett

in weiche Unterleiber hineinstoßen und nicht erschüttert werden, weil der

sich Krümmende genau so glotzt wie der, der sich gestern krümmte und fiel.

Es gibt, sehr geehrter Herr, noch ein Mittel. Den Wahnsinn. Diesen Vorgang

brauche ich Ihnen nicht näher zu erklären; ich brauche Ihnen einstweilen

(denn ich werde Ihnen noch viele Briefe schreiben) nur zu sagen, daß die

Träger einer stärkeren Seele, eines empfindlicheren Gewissens sich in die

Gewohnheit nicht hineinzuretten vermögen und deshalb natürlich wahnsinnig

werden müssen.

Ich habe versucht, Ihnen die Seelenerschütterung begreiflich zu machen, die

ein drei Jahre lang uns unterbrochen treppab steigender Mensch empfände,

der drei Jahre lang bei jeder Stufe ununterbrochen mit dem zum Ausschreiten

vorgestreckten Bein in die nicht erwartete Tiefe sänke. Und habe gesagt,

daß diese beständige Seelenerschütterung beim Frontsoldaten millionenfach

gesteigert ist. Setzen Sie beispielsweise an Stelle der nicht mehr

erwarteten Treppenstufe folgenden unwahrscheinlichen Vorgang (auch die

Menschenschlächterei ist absolut unwahrscheinlich): Sie mieten ein

möbliertes Zimmer im vierten Stock und öffnen zum erstenmal die Balkontür,

treten hinaus, um sich an der schönen Fernsicht zu erfreuen, und stürzen

hinunter, weil hinter der Tür kein Balkon ist. Stellen Sie sich vor allem

den Moment vor, in dem Ihr überraschtes Bewußtsein in blitzartiger

Erschütterung erkennt, daß kein Balkon da ist und daß Sie rettungslos

hinunter in die Tiefe stürzen müssen. Da der Mensch Mitgefühl mit seinem

Nächsten hat, werden Sie, auch wenn Sie nicht dieser Unglückliche sind,

sondern unten auf der Straße stehen und zusehen, wie ein Mensch vom vierten

Stocke herabstürzt, ebenfalls diese plötzliche Seelenerschütterung erleben.

Und wenn Sie eine Woche lang ununterbrochen zusehen müßten, wie Menschen

aus dem vierten Stocke herabstürzen, würden Sie endlich zu lachen beginnen,

das heißt, wahnsinnig werden. Oder Sie würden die Augen zumachen, das

heißt, sich allmählich daran gewöhnen, daß Menschen vom vierten Stocke

herabstützen.

Vergegenwärtigen Sie sich jetzt, wenn Sie können, diesen Seelenschlag in

unausrechenbarer Steigerung und ununterbrochen drei Jahre lang erfolgend,

dann werden Sie begreifen, daß die große Mehrzahl meiner armen Kameraden

sich in die Gewohnheit und die übrigen sich in den Wahnsinn hinein retten

müssen.

Und nun bitte ich Sie, eine Seele schreit in Todesnot, ich bitte Sie, raten

Sie mir, was soll mein Freund tun, der nicht wahnsinnig und auch nicht eine

gewohnheitsmäßig funktionierende Mordmaschine werden kann, da er, göttlich

auserkoren, Träger eines beständig wachen Gewissens, Träger einer beständig

fließenden Seele ist.

Ich bitte Sie, verschieben Sie jede noch so wichtige Tätigkeit und

beantworten Sie mir erst diese Frage, wenn Sie eine Antwort auf diese Frage

haben. Legen Sie diese Frage allen Ihren Freunden und Bekannten, legen Sie

diese Frage der ganzen Menschheit vor. Eine Seele wartet auf Antwort.

Sollte jedoch Ihre Antwort sein, daß meine Ausführungen die

gefühlsmathematische Notwendigkeit ergeben, solch einem Menschen bleibe

nichts anderes übrig, als zu fallen und zu sterben, dann brauchen Sie mir

nicht zu antworten, da ich selbst schon seit langer Zeit diese Antwort auf

die Frage meines Freundes bereithalte. Sollten Sie und die Welt dieselbe

Antwort haben, so würde die Erfahrungstatsache, daß unter den Gefallenen

immer die Besten des Volkes sind, zu der seelischen Gesetzmäßigkeit erhoben

werden, daß unter den Gefallenen die Besten des Volkes sein müssen. Daß die

erkorenen, jungen Träger der Wahrheit fallen müssen. Daß die jungen,

feurigen Träger des ewig unverrückbaren Menschheitsideales >Liebe< fallen

müssen. Daß die jungen Dichter nicht zurückkehren können. Daß bei ihnen

allen einmal der Augenblick kommen muß, in dem sie ganz bei sich selbst

angelangt sind, ihr Körper sich bedingungslos der Seele unterordnet und

ohne Gegenwehr den Todeshieb empfängt . . .«

Weiter las die Mutter nicht. Die Möglichkeit, weiter zu lesen, war nicht

mehr vorhanden; die Denkfähigkeit war aus der Mutter hinausgefallen. Und

ihr Gefühl war abgekapselt. Sie saß ganz unbewegt am Tische und sah

interesselos den zweiten Brief an, den sie noch nicht geöffnet hatte, weil

die Adresse nicht vom Sohne geschrieben war.

Dieses amtliche Schreiben enthielt die kurze Nachricht, daß der Sohn

gefallen sei. »Auf dem Felde der Ehre«. Die ahnungslose Mutter ließ das

Schreiben uneröffnet liegen.

Plötzlich und schnell, als dürfe nicht eine Sekunde Zeit verloren werden,

wurde ihr Körper vor die Kommode gestellt; sie nahm aus dem Drahtkörbchen,

das einen bemalten Porzellanboden hatte, den alten Trostbrief heraus und

las:

>Eigentlich, genau besehen, weißt Du, geht es mir ausgezeichnet. Ich war

körperlich nie so gesund wie jetzt. Denk an, körperlich nie so gesund wie

jetzt . . . Zurückkomme, dann gehen Du und ich einige Wochen aufs Land

. . . In einem sonnigen Zimmer, ich daneben . . . Verbindungstür da . . .

Gerade Frühling sein . . .<

Neue Hoffnung durchbrach die Kruste. Und in der Mutter stand ein ungeheurer

Wille auf, den Sohn aus der Todesgefahr heraus-, in diese Frühlingswochen

hineinzureißen, wo nur noch Glanz und Liebe war.

Ihr werde es gelingen, bis zum Kaiser vorzudringen. Und wenn es nicht

anders ginge, sie werde hinauslaufen an die Front, in den Schützengraben

und ihren Sohn holen. Sie werde sagen: >Das ist mein Sohn. Mein! Mein

Sohn!< »Es gibt Mittel und Wege. Mittel und Wege. Viele Mittel und Wege.

Ich werde totkrank, damit der Sohn Urlaub bekommt. Was auch geschieht, ich

lasse ihn nicht mehr fort. Ich werde ihn einsperren. Ich werde ihn

verstümmeln. Verstecken. Keller. Wald. Meinen Sohn in meinen Leib

zurücknehmen.«

Automatisch öffnete sie das amtliche Schreiben. Las: >Feld der Ehre

gefallen<.

»Wer denn? Wer?« Sah auf.

Die glänzende Kante des lackierten Kleiderschrankes, das Gesicht des

beliebtesten Heerführers, der hin- und herschwingende Perpendikel stürzten

auf sie zu.

Ohne den Bruchteil einer Sekunde zu warten, machte sie eine blitzschnelle

Drehung türwärts. Und flog schreilos aus dem Zimmer, den dunklen Gang vor,

aus der Wohnung hinaus, die Treppe hinunter, die Gasse hinunter, die breite

Asphaltstraße hinunter. Immer in der Mitte: schwarz, vornüberstürzend,

lautlos. Sie hatte Filzschuhe an.

Passanten blieben stehen; es bildeten sich Gruppen. »Was hat sie?« Das

selten berührte Gefühl gedankenlos lebender Menschen wurde von etwas

Unbegreiflichem getroffen. Kein einziger wußte, daß es die absolute

Ziellosigkeit war, die sie erschüttert aus dem Rennen der Mutter

herausfühlten. Und als ein junger Arbeitet das amtliche Schreiben, das er

gefunden und aufgehoben hatte, vorlas, sanken die Worte in die

aufspringenden Herzen hinein. Junge Leute galoppierten der Mutter nach.

Sie hetzte durch Stadtviertel, dem Schrei entgegen, der zusammengeballt in

ihrem Halse saß und nicht durch konnte.

In allen Straßen bildeten sich Gruppen betroffener Menschen, die von den

Nachspringenden über das Unglück der Mutter aufgeklärt wurden, sich ihnen

anschlossen.

Eine Kompanie junger Soldaten, feldmarschmäßig ausgerüstet,

blumengeschmückt, singend auf dem Wege zum Bahnhof, sauste auf die Mutter

zu und im Fluge an der Rasenden vorbei.

». . . dir die Hand nicht geben . . .«

Ein Lastfuhrwerk. Ein Schutzmann zu Pferde.

». . . dieweil ich eben lad' . . .«

Schon weit hinter ihr verklingend.

Erst Minuten später sprengte das von ihrer Seele im Fluge aufgenommene

Mordlied den Schrei, der sich im Halse zusammengeballt hatte.

Der Schrei platzte. Die Mutter schrie und rannte. Schrie länger als ein

Atemzug reicht. Stolperte. Fiel nicht. Holte Atem. Schrie weiter.

Das war kein Klagegeschrei. Rennen und Schrei kamen aus einer Quelle und

verschmolzen in Eins. Stille auf der ganzen Erde. Nur die europäische

Mutter schrie. Schrie jetzt die unterdrückten Schreie dreier Jahre.

Niemand wagte den Versuch, sie aufzuhalten. Denn hier schrie nicht ein

Mensch; hier schrie die Menschheit. Alle fühlten das.

Und eher könnte es einem neben dem Geleise Stehenden gelingen, den

heransausenden D-Zug mit dem Zeigefinger aufzuhalten, als daß es aller

Macht der Welt zusammen gelänge, Schweigen zu erzwingen, wenn die

getroffene Menschheit schreit.

Der Schrei wurde gehört. In Paris, London, Rom, in Amerika, in Kasernen und

in Dachkammern. Er wurde in Petersburg gehört. Er sauste hinein in die

Herzen. Und er riß die Herzen der Menge auf, die der springenden Mutter

straßenentlang folgte.

Die ganze Stadt fühlte zum ersten Male plötzlich den Tod der Millionen

Söhne, das Leid der Millionen Mütter, da sie das Leid dieser einen Mutter

sah.

Ihr Schrei war schon nicht mehr der einer Frau; er war tief und rauh

geworden, geschlechtlos: ein Menschenschrei, unterbrochen von kurzen

Atempausen, in denen das horchende Herz der Menschheit stockte.

Ein junger Schutzmann überholte galoppierend die gewaltige Menge und packte

den Arm der schreienden Mutter, die mit dem Schutzmann weitersprang, als

habe sie einen brüderlichen Leidensgenossen bekommen. Seine Hand wurde lahm

und sank, als er, beim Blick in ihr Gesicht, fühlte, daß er dem Schmerze

der Menschheit ins Gesicht sah.

Jetzt erst stieg der tausendstimmige Entrüstungsschrei der Menge, getragen

wie ein Choral, und der junge Schutzmann ahnte, von diesem Tone tief

getroffen, daß hier nicht Sensation, sondern der unbesiegbare Geist der

Menschlichkeit sich kundtat.

Hemmungslos, blind für alle Hindernisse, sprang die vornüberstürzende

Mutter wie eine schwarze Kegelkugel die Asphaltstraße, die vom Dome

abgeschlossen war, hinauf, durch das offene Portal in die Kirche hinein,

lautlos weiter geradeaus, durch den Mittelgang, bis vor den Altar,

über dem der Sohn am Kreuze hing und hinuntersah zum Priester, der, von

Kindheit an in der Lüge versunken und ertrunken, eben zum schmerzverzerrten

Gesicht empor log:

». . . der du unseren Waffen deinen göttlichen Beistand schenktest, Lob und

Preis und Dank sei dir, der du unsere Waffen gesegnet und mit Sieg gekrönet

hast.«

Sie rannte die drei Stufen hinauf, prallte gegen den Priester.

Durch alle Türen drängte die Menge herein. Und die Veranlassung dazu

verbreitete sich schnell unter den Kirchenbesuchern: fast nur alten Frauen,

von denen die meisten ihrer Söhne beraubt waren. Mütter, die, von tödlicher

Verzweiflung getrieben, ihre letzte Zuflucht bei Gott suchten, und von

Gott, von der Liebe getrennt blieben durch die Lügenmauer, die der um Sieg

und Segen für unsere Waffen und um Verderben und Tod für den Feind bittende

Priester vor ihren Seelen auftürmte.

Die Mutter vernahm seine letzten Worte und stand, wie von Gott gesandt,

eine ewige Sekunde aufgerichtet vor dem Priester. Da flog das von Gott

selbst ihr auf die Lippen gegebene Wort »Lüge!« durch die Kirche und zerriß

die ungeheure Spannung.

Sie warf in einem wilden Schwung die Hände empor zum schmerzverzerrten

Sohne. Der geängstigte Priester wollte die Mutter wegreißen. Während des

kurzen Kampfes prallten beide gegen den Altar:

der Sohn schwankte und neigte sich und sank nach vorne in die empfangenden

Arme der Mutter.

Der entsetzte Priester trat zurück.

Ein Hauch zog durch die Kirche, verdichtete sich zu vielstimmigem Geflüster

und wurde ein Ton, den die Orgel aufnahm und motivisch mit dem melodisch

ansteigenden Vorspiele verband.

Die erhöhte Mutter stand, das Gesicht den Gesichtern zugedreht, den

umschlungenen Sohn an der Brust, reglos vor dem Altare, entschlossen zum

Sturme gegen Gewalt und Mord. Und alle sahen, daß sie das persönliche Leid

hinter sich gelassen hatte und nach dem wilden Schmerzenslauf durch die

Stadt in dieser Sekunde den dunklen Mächten entronnen und eingetreten war

in die weißfließende Liebe.

Ganz in ruhevollem Glanze versunken, stieg die Verklärte die drei Stufen

herunter, ging langsam durch den Mittelgang.

Und die unglücklichen Mütter brachen, vom Unnennbaren berührt, los von der

Lüge und folgten. Es wurde kein Wort gesprochen, und nicht ein Mensch blieb

zurück.

Nur noch der Priester stand seitwärts neben dem Altare, die weitgeöffneten

Augen auf die einmütig Abziehenden gerichtet. Da brach sein Kopf auf die

Brust, als habe er einen Hammerschlag in den Nacken bekommen. Er hob das

nicht wieder zu erkennende Gesicht und folgte

dem Zuge, der schweigend und mit göttlicher Selbstverständlichkeit die

Stadt durchzog und von Minute zu Minute mächtiger anschwoll, beständig

vergrößert durch die plötzlich Sehendgewordenen.

Drei Jahre, gefüllt mit Begeisterung, mit Blut, mit zehnmillionenfachem

Morde, mit Glauben an die Lüge, mit Standhaftigkeit, Arbeit, Hunger, mit

Leid und Leid und Leid waren durchschritten. Nichts war unversucht

geblieben; alles war ertragen worden. Vergebens. Der blutige Kreis hatte

keinen Ausweg.

Jetzt schritten die Menschen geschlossen und still in den Ausweg: in die

Wahrheit hinein. Ohne Worte der Erklärung. Die Neuhinzukommenden fragten

nicht. Niemand sprach ein Wort. Die Wahrheit braucht nicht den Ton. Die

Wahrheit ist still.

Der für die Menschen am Kreuze gestorbene Sohn, von der Mutter Europas dem

Kriege vor das Mordgesicht gehalten, öffnete von neuem die Herzen für die

Liebe, deren weißglühender Strom den kilometerlangen Zug beständig

durchfloß und allen Widerstand der noch von dunklen Mächten Gefesselten

verbrannte.

Aus den Augen eines reitenden Schutzmannes, der den Zug begleitete, brach

plötzlich das innere Licht. Er stieg ab.

Und das Pferd, getrennt von seinem Herrn, ganz verbunden mit den Menschen,

schritt mit und blickte tief, kindlich und gut.

Stumpfe Menschen, vom Leide ausgehöhlt, empfingen den Keim neuen Lebens.

Väter, Mütter, Kriegswitwen, Krüppel, in den mildglänzenden Augen die

unmeßbar tiefe Freude von Menschen, die alles hingegeben und verloren

hatten und nun plötzlich zusammen mit Brüdern gingen.

Von Zweifel und Frage nicht berührt, dicht hintereinander, fast am Platze

marschierend, dem Ziele zu, das alle im Herzen trugen.

Ein endloser, schweigender Zug von Brüdern, dem Menschheitsziele entgegen,

über den Untergang hinaus, hinein in das neue Zeitalter, das im Zeichen der

Wahrheit, der Freiheit und der Liebe steht.

Sie schritten ganz langsam eine breite, unabsehbar lange Asphaltstraße

hinunter und nahmen, tief vertraut mit der Atmosphäre der großen Zeitwende,

in der die Ereignisse ohne Frage und Antwort begriffen werden, mit

göttlicher Selbstverständlichkeit wahr, daß ihrem Zuge ein gewaltig langer

Bruderzug entgegenkam. Ganz langsam und schweigend.

Voran der Kellner, auf dessen von Mund zu Mund getragenes Wort Millionen

horchten.

Neben ihm die Versicherungsagentenwitwe, die vom Kellner dem Hasse

entrissen und in den tieferen, in den radikalsten Protest gegen den Mord:

in die Liebe gestellt worden war.

Der von diesen beiden angeführte Revolutionszug der Liebe traf mit dem

unabsehbar langen Revolutionszug der Liebe, den die Mutter und der

Gekreuzigte anführten, bei einer asphaltierten, breiten Querstraße

zusammen.

Keine Frage. Keine Erklärung. Kellner und Agentenwitwe und die Mutter mit

dem gekreuzigten Sohne blieben voreinander stehen, Auge in Auge.

Die Seitwärtsgehenden beider Züge bogen links und rechts in die Querstraße

ein: ordneten sich zu einem riesenhaft großen, schwarzen Menschenkreuz, zu

dessen Mittelstück das neben der Mutter stehenbleibende, reiterlose Pferd

des Schutzmannes wurde.

Unvermittelt kam die Erleuchtung über abgearbeitete, vom Hunger geschwächte

Menschen. Sie lösten sich los, standen plötzlich auf Balkonen.

Und sprachen hinunter zum schwarzen Menschenkreuz, in dessen Mitte der

gekreuzigte Sohn ragte.

Das zu den Rednern emporgerichtete Gesicht der verbrüderten Menge leuchtete

weiß. Und die Worte des neuen Zeitalters sanken, wie vor zweitausend

Jahren, hinein in die durch mörderisches Leid wieder für die Liebe bereit

gewordenen Menschen.

IV. Das Liebespaar

Früh um fünf Uhr läutete die Wohnungsglocke langgezogen in den Traum des

Rechtsanwaltes hinein.

Der Schlaftrunkene tappte durch den dunklen Wohnungsflur zur verschlossenen

Tür. »Wer ist da?«

»Die Polizei.«

Sofort fiel ihm ein, daß er am Tage vorher in einer Gesellschaft gesagt

hatte: »Der Hotelkellner, der die revolutionären Friedensdemonstrationen

verursacht und dabei den Leuten erklärt, daß militärische Eroberungen

menschenunwürdig und militärische Siege nicht maßgebend sind für den

inneren Wert einer Nation, leistet für die Zukunft des Volkes mehr als

unser berühmtester Heerführer.«

Und jetzt lassen mich die Scharfrichter der Menschlichkeit verhaften,

dachte der Rechtsanwalt und öffnete. »Wen suchen Sie?«

»Der bin ich selbst.«

»Sie möchten ins Leichenschauhaus kommen, Herr Doktor. Dort ist ein

Selbstmörder eingeliefert worden, bei dem nur Ihre Visitenkarte gefunden

wurde. Sonst nichts.«

»Sonst nichts? . . . Ich meine, sonst liegt nichts vor?«

»Sie möchten feststellen, wer der Selbstmörder ist.«

Noch Morgenstille in Berlin. Dämmerung in den Asphaltstraßen.

Eine leicht bewegte, in Viererreihen streng geordnete Menschenmenge steht

an der Markthalle entlang. Grau, spukhaft und ungeheuer bedrückt.

»Auf was warten die Leute?« fragte der Anwalt einen alten Arbeiter, der

zerrissene, mit Bindfaden geflickte Lackschuhe anhatte.

»Es gibt städtische Fische . . . Um ein Uhr mittags beginnt der Verkauf.«

»Und da stehen die Leute jetzt schon hier? Früh um fünf Uhr?«

Wie die Worte klingen in der Stille, dachte er.

»Wir stehen schon seit gestern abend um zehn Uhr hier . . . Die

Rückwärtigen, die erst gegen Mitternacht gekommen sind, kriegen

wahrscheinlich nichts . . . Vielleicht aber doch; wahrscheinlich aber

nicht.«

Der Anwalt ging mit dem Schutzmann weiter. >Man hat diesem wunderbaren,

geistig entsetzlich ruinierten Volk die Pflicht, für den Staat zu leben und

zu sterben, eingegeben, und an diesem Brocken würgen die siebzig Millionen

-- daheim und an den Fronten -- so lange, bis sie erstickt sein werden im

Dienste eines Staates, dessen Geist -- vorsichtig gesprochen -- schwer

mitschuldig ist am Kriege. Millionen sind schon an dieser falschen Pflicht

erstickt. Wann wird dieses Volk ebenso stoisch für die Freiheit dulden?<

»Hier ist das Leichenschauhaus.«

»Danke. Ich schreibe den Bericht heute noch an das Polizeipräsidium.« >Wenn

täglich Tausende an der Front krepieren, weshalb da nicht täglich Hunderte

in der Stadt für die hohe Idee? Für die Freiheit? Für die Verbrüderung?

. . . Wo ist der Idealismus dieses Volkes geblieben?<

Der lag im Leichenschauhause, in Gestalt von momentan zwanzig

Selbstmördern, die, ohne zu revoltieren, protestlos die Kulturgemeinschaft

verlassen hatten.

Ein mit den letzten Errungenschaften der Hygiene ausgestatteter Raum: große

Glasscheiben, große Ventilatoren, große Eisblöcke, die langsam schmolzen

und die Leichen frisch erhielten. Kein Gestank. Peinlichste Ordnung,

etwas gestört, dadurch, daß fünf Selbstmörder, für welche Pritschen nicht

übrig geblieben waren, auf dem reingewaschenen, weißen Steinplattenboden

lagen.

>Jetzt, beim Morgengrauen, wird an den Fronten die phantastisch wilde

Mörderei armer Menschen schon wieder begonnen haben<, dachte der Anwalt und

betrachtete die zwei Erhängten, die, schief und steif, in der Ecke hockten,

nebeneinander: ein Ehepaar, dem der Krieg zum Stricke geworden war. Aus den

weitaufgerissenen Mündern heraus strotzten die zwei Zungen: dick, steif,

lang, blau.

>Und wieviele Mütter, Bräute und Väter Europas liegen in dieser Sekunde

wachend in den Betten, mit starr offenen, sehenden Augen? . . . Es gibt

städtische Fische<, dachte der Anwalt. >So beginnt der Tag.<

Beim Fenster lag ein Haufen blutiger Dreck, Gedärme, Knochen: ein alter

Mann, der vom vierten Stocke aus hinunter auf das Pflaster gesprungen war,

nachdem sein Sohn den Heldentod gefunden hatte.

Auf dem niedrigen, breiten Fenstersims, in das die Dampfheizung eingebaut

war, lag langgestreckt eine sehr elegante, leichtgeschminkte alte Dame, die

Gift genommen hatte und mit ihren toten Augen einen toten Jüngling

anstarrte, dessen Lippen leises Erstaunen offen hielten.

>Und wie haben der alte Mann und die alte Dame und der Knabe gelitten,

bevor sie den letzten Schritt taten? Und wie die Millionen Soldaten, bevor

sie ins Nichts stürzten?<

Die übrigen sechzehn Kriegsselbstmörder lagen langgestreckt oder

krampfkrumm, blutig oder giftbleich auf den abwaschbaren, weißlackierten

Pritschen, über denen die drei großen Horizontalventilatoren kreisten. Auch

in die Fenster waren sausende Ventilatoren eingebaut, die das Wort >Krieg<

Tag und Nacht in die Länge zogen.

Der Leichenwärter führte den Anwalt zu dem vierzigjährigen Manne, der, von

links gezählt, auf der fünften Pritsche lag und ein ungeheuer klagendes,

zart hellblaues Gesicht hatte.

Der Anwalt erkannte in der Leiche sofort den Philosophen, dessen

Einleitungsband einer >Gegensatzphilosophie< erst kürzlich erschienen war.

Der Mensch ist gut · 第 5 / 10 段