Jahre in einem Schützengraben in Rußland an eine imaginäre Person
geschrieben, abgesandt und jetzt, machtlos eingemauert in einen
Schützengraben der Westfront, zurückbekommen hatte, mit der Aufschrift:
Adressat unbekannt.
Als er beginnen wollte, zu lesen, brüllte das tausendfache Brüllen der
Geschütze ihm zu, er brauche nicht den Brief zu lesen, er könne die
Wirklichkeit ablesen, die entsetzlich genau der an der Ostfront gleiche.
Er hob den Blick: eine weite, öde, gelbliche, leere Fläche, stellenweise
dicht bedeckt mit alten und frischen Leichen, langsam sich bewegenden
Verwundeten, die nicht geholt werden konnten und langsam starben.
>Alles geschieht nahe der Erde. Niedrig, tückisch, gefährlich, flächig,
farblos, grau . . . Frischfröhliche Reiterattacken, nach denen wir uns auch
vor dem Kriege nicht gesehnt hatten, gibt es nicht mehr<, las er. Und sah
hinaus: der Brief aus gelber Erde lag flach aufgeschlagen vor ihm.
Zwischen dem feindlichen Graben und dem des Sohnes lagen sie: flach, schon
halb in die Erde versunken. Tote. Eigentlich nur Uniformfetzen; Gesichter
und Hände waren schon der Erde gleich geworden. Eine zweite Erdschicht, die
aus Toten bestand. Ganz nahe beim Sohn lag ein Toter und glotzte blau. Auch
der konnte, obwohl er kaum zwei Meter entfernt lag, nicht geholt werden.
Denn hob sich nur ein Kopf, so hoben sich zehn feindliche Gewehre. Der Tote
lag schon sechs Wochen vor dem Graben, glotzte und stank. Das Wimmern des
Verwundeten, der neben dem Toten lag, hörte nie auf. Horte seit drei Tagen
und seit drei langen Nächten nie auf.
>Brand- und Leichengestank ist unsere Luft. Seit drei Jahren<, las der
Sohn.
Und betrachtete seinen links neben ihm hockenden Kameraden, der
gesund-rote, dicke, feste Backen hatte und, vollkommen gleichgiltig
gegenüber all dem Entsetzlichen, das um ihn herum geschah, vor sich hin
glotzte. Apathisch. Stumpf. Entseelt.
>So weit bin ich noch nicht. Ich schreibe noch Briefe. An die Mutter. An
die Mutter. Schreibe alles Elend, alle Schmach, alles Grauen aus mir
heraus, um atmen zu können. An die Mutter . . . Und dann kann die Mutter
nicht atmen.<
Ein qualvolles Lächeln der Selbstverachtung zog seinen linken Mundwinkel
herunter, bei der Erinnerung, daß er, damit seine seit drei Jahren im
Zeichen von Blut-, Brandstiftungs- und Morddunst stehenden Gefühle nicht
ganz unkontrolliert bleiben, ihm die Seele nicht auf Lebenszeit verhärten
sollten, immer wieder Briefe geschrieben hatte. Viele Briefe. An die
Mutter. Beichten. Anklagen. Selbstanklagen. Schreie. An fingierte
Adressaten. Nicht mehr an die Mutter. Um die Mutter zu schonen. Briefe.
Briefe. Um sich mitzuteilen. Um nicht zu vergessen. Um sich der
Furchtbarkeiten bewußt zu bleiben. Um nicht ein ebenso vollkommen
fatalistischer, vollkommen abgestumpfter, gegen alle Entsetzlichkeiten
gleichgiltig gewordener, maschinierter Mörder zu werden, wie sein neben ihm
hockender armer Kamerad, der sich die Seele aus dem Leibe hinausgemordet
hatte. Der auf Befehl geschossen hatte. Geschossen hatte. Weiter schoß,
schoß, schoß. Automatisch wie ein automatisches Gewehr.
>Hinter uns, mörderisch genau eingestellt, kracht die Geschützkette,
schleudert Granaten über uns weg in die feindlichen Stellungen.
Ununterbrochen. Ununterbrochen Mord! Tag und Nacht. Zahllose Granaten, die
den ununterbrochen herüberfliegenden Granaten begegnen. An der ganzen Front
entlang. Laut meckerndes Maschinengewehrfeuer. Menschen fallen und sind
still. Menschen fallen, stöhnen, brüllen, wimmern, bellen. Fernes
Maschinengewehrfeuer. Gegnerisches Maschinengewehrfeuer. Bomben und Minen
platzen. Schußwölkchen. Zahllose Schußwölkchen, soweit ich sehen kann
. . . Alles flach, grau, farblos, tückisch.<
Der Sohn sah auf: sah alles, was er gelesen hatte. Und sein vor Entsetzen
kranker Blick traf heute zum tausendsten Male den Soldaten, der schwer
verwundet und lebendig seit fünf Tagen und fünf langen Nächten im
Stacheldrahte hing, grauenhaft langsam die Glieder bewegte. Ganz lautlos.
Immer matter. Manchmal schrie er. Immer den gleichen Ton, für den noch
keine Sprache das Wort gefunden hat.
»Ein Mensch schreit«, fühlte des Sohnes ganzes Wesen. »Ein Mensch schreit.«
>Menschen, Millionen Menschen, Menschen schießen aufeinander, ermorden,
erschlagen, erwürgen, zerfetzen einander. Seit drei Jahren. Warum?<
Interesse und gleichzeitig Staunen darüber, daß er sich für einen Gedanken
noch interessierte, berührte den Sohn, als er las:
>Aber nicht gegen das, was hier im Felde geschieht, muß gekämpft werden.
Denn diese paradoxe Menschenschlächterei ist nur vordergründlich, ist nur
die Oberflächenwirkung des gemeinen Geistes im Lande. Wenn dieser
räuberische Geist, der als das lügenhafte Ideal »Nationalismus« gepredigt
und gefeiert wird, überwunden ist, verrosten die Geschütze von selbst.
Wir wollen uns opfern,
wollen lieben,
denkend die Gefühle sieben,
daß der Präsident der Erde
Präsident der Liebe werde.<
Der Leutnant, den Revolver in der Knabenfaust, schritt gebeugt durch den
Graben, vorbei am Sohne, vorbei am Kameraden, der zielte und schoß.
Lautlos, ununterbrochen und qualvoll langsam bewegte der im Stacheldraht
hängende Soldat die Glieder.
Der Sohn suchte die Sätze, die er vor einem halben Jahre geschrieben hatte.
>Gestern ist ein Kamerad neben mir Mensch geworden. Er legte das Gewehr
weg, sah uns an, lächelte beseligt. Und als der Vorgesetzte befahl: »Nicht
lachen! Schießen!« lächelte der Mensch ihn an und schüttelte den Kopf. Mit
welch kindlicher, grenzenloser Liebe lächelte er uns an. Er hatte durch
eine mystische Kraftkurve den Geist der Disziplin, der Knechtschaft, den
Geist des Militarismus überwunden, war wieder Mensch: war wahnsinnig
geworden. Er wurde ins Irrenhaus gebracht. Es hieß, er würde wieder gesund
werden, wieder schießen können. Vielleicht schießt er jetzt auf dem
Balkan.<
Das Geschützfeuer war immer wilder geworden, hatte sich vervielfacht, stieg
rasend an. Die einschlagenden Granaten rissen Unterstände, Ballen und
Menschen auseinander. Trotzdem verließen, vom Befehle vorgestoßen, lange,
dichte Reihen lehmiger Gestalten die gegnerischen Gräben, wurden vom
flankierenden Maschinengewehrfeuer glatt auf die Erde gestrichen.
Heulen. Schreie. Wimmern, zuckende Körper. Augen glotzten tot. Ungezählte
frische Leichen lagen auf den alten Leichen.
Und nach dem abschließenden wilden Grabenkampfe las der Sohn:
>Hunderttausende überwinden den Militarismus durch den Wahnsinn. Zehn
Millionen verwesen. Zehn Millionen sind Krüppel. Und von den übrigen werden
die meisten als präzis funktionierende Mordmaschinen heimkehren. Wie den
Kindern das ABC, hat man ihnen den Geist der Gewalt eingepflanzt. Der
sitzt. Muß weiter wirken. Mein neben mir hockender einfacher Mordkamerad,
der reine Repräsentant seiner Millionen einfacher Mordkameraden, wird in
der Heimat automatisch jeden niederstechen wollen, der Recht vor Gewalt zu
setzen versucht. Auch der wildeste Schmerzensschrei berührt die im täglich
gleichen Laufe von drei Jahren gegen alle Entsetzlichkeiten abgestumpften
reinen Träger der Gewalt nicht mehr. Wie auch euch in der Heimat das Leid
der Menschen nicht mehr trifft, da ihr, ohne den Verstand zu verlieren, in
der Zeitung lesen könnt: dreißigtausend sind gefallen.<
Da erlebte der Sohn etwas, dem er sich nicht entziehen konnte: er fühlte,
wie seine rechte Körperhälfte dagegen war, diesen Brief doch noch an die
Mutter zu senden; und fühlte gleichzeitig, wie die Herzseite ihn zwang, den
Brief abzuschicken an die Mutter: das einzige europäische Wesen, das
niemals abgestumpft und gleichgiltig werden konnte gegenüber dem Leide der
Menschen, die alle von Müttern geboren wurden.
Vergebens versuchte er, das immer noch von Sekunde zu Sekunde rasend
ansteigende Artilleriefeuer nicht zu hören. Die Erde knallte. Seine Ohren
knallten. Sein Gehirn knallte. Er sah, wie der Hammer des neben ihm
hängenden Telephons trommelte, las von des Leutnants Lippen das auf die
Membrane gebrüllte Wort »Jawohl« ab. Und wußte, daß die Todesstunde
gekommen war für die Grabenbesatzung, die zum Sturmangriffe vorgeschickt
wurde.
Fäuste packten die Gewehre. Bajonette starrten. Graue Gestalten, im Graben
eng zusammengedrängt. Das waren keine Menschengesichter mehr. Gesichter aus
Glas. Augen aus Glas. Das Denken, jede Überlegung war aus dem Sein der
Soldaten hinausgefallen.
Auch der Sohn steckt das Bajonett auf den Rohrlauf, denkt noch: >Und dann
kann die Mutter nicht atmen, wenn sie den Brief bekommt.< Denkt: >Falle
ich?< Und wurde vom Befehle vorgestoßen,
während die Mutter machtlos am Eßtische stand und des Vaters Suppenteller
füllte.
Ihr abwesender Blick traf die farbige Photographie des beliebtesten
Heerführers, die der Vater gekauft und an die Wand gehängt hatte. Der lange
Perpendikel der höher hängenden Schwarzwälderuhr schwang über dem Gesichte
des Heerführers hin und her.
Genau senkrecht unter dem beständig überquerten Heerführergesicht saß der
Vater und las zur Suppe >Ein kühnes Patrouillenstückchen< in der Zeitung.
Die Mutter wußte nicht, ob sie sich den Sohn hinter der Front oder in der
vorderen Linie denken sollte,
während in dieser Sekunde der Sohn, von geschwungenen Gewehrkolben und
wildglotzenden Menschengesichtern überdacht, im feindlichen Graben ins Knie
glitschte.
>. . . und machte ihn kurzerhand nieder<, las der Vater zu Ende. ». . . Was
gibts denn?«
»Es ist wieder kein Brief gekommen.«
»Nein, was du zu essen hast . . . Wird schon kommen. Ist ja noch immer
gekommen.«
Dann las er den Leitartikel, in dem geschrieben stand, daß das Volk, in
unerschütterlichem Vertrauen zu seiner bewährten Regierung, ausharren und
infolge seiner Einigkeit neugestärkt aus diesem blutigen Ringen hervorgehen
werde. Angefangen bei den geistigen Spitzen und durch alle Volksschichten
durch, wisse jeder Soldat, jeder Heim-Krieger, jedes Schulkind, daß dieser
Krieg, ein uns aufgezwungener Krieg sei, und daß das Vaterland in Gefahr
war.
Das las er der Mutter vor. Und sagte: »Da ist wieder einmal alles ganz klar
auseinandergesetzt . . . Diese ausländischen Sakramentslumpen!«
Die Mutter hätte nicht sagen können, weshalb sie unter die Uhr trat und den
Perpendikel anhielt, so daß er das Gesicht des beliebten Heerführers in
zwei Teile schnitt. Sie sagte müde: »Woher soll denn ein Schulkind wissen,
ob uns der Krieg aufgezwungen worden ist . . . Und auch wir gewöhnlichen
Leute, was wissen denn wir davon.«
»Das weiß doch jeder Mensch. Und die Kinder . . ., für was sind denn die
Schullehrer da. Und wir, wir könnens doch jeden Tag in der Zeitung lesen
. . . Was gibts denn?«
». . . Nur diese Karte ist gekommen . . . Iß halt noch einen Teller Suppe.
Vor dem Metzgerladen sind zwei Polizisten und vielleicht dreihundert Frauen
gestanden. Ich habe nichts mehr bekommen.«
»Hättest eben früher dort sein müssen . . . Wenn nur dieser Saukrieg einmal
ein Ende hätte . . . Diese ausländischen Sakramentslumpen!«
Hungerschwäche und Angst um den Sohn, den sie plötzlich lautlos auf das
Gesicht stürzen sah, verdunkelte der Mutter den Blick. Und als sie wieder
sehen konnte und den alten Vater betrachtete, der schwer arbeiten mußte und
stark abgemagert war, weil er oft nur eine Wassersuppe vorgestellt bekam,
schob sie ihm ihren Teller hin. »Das Vaterland war in Gefahr? Nun und
jetzt? Eine größere Gefahr für das Vaterland ist überhaupt nicht möglich.
Jetzt ist das ganze Volk in Gefahr. Ich weiß ja nicht -- ich brauche aber
nur in seinem Briefe nachzulesen --, wieviel schon gefallen sind, und
wieviel Krüppel sind und wieviel im Lande krank werden und sterben, weil
sie so wenig zu essen haben. Und die Kinder, die so aufwachsen! Schau sie
nur einmal an. Und daß sie jahrelang nur von Mord reden hören. Was werden
denn das für Menschen. Von uns alten Leuten will ich ganz schweigen. Und
von den Soldaten draußen sollen ja so viele krank sein. Du weißt schon
wie.«
»Was der dir immer schreibt.«
»Daß das Volk jetzt in allergrößter Gefahr ist, das kann man leicht wissen.
Das weiß jeder. Dazu braucht man nicht viel Verstand zu haben . . . Der
Krieg wäre auch sicher gar nicht gekommen, wenn die vorher gewußt hätten,
was jetzt daraus geworden ist. Die haben sich einfach verrechnet. Und
grauenhafter Weise nicht wie der Kaufmann nur um eine Geldsumme, sondern um
das Blut von Millionen. Um das Blut unserer Söhne. Jetzt würden sie nicht
mehr anfangen . . . In seinem letzten Briefe schreibt er: >Der Schuß, der
den Einzelnen trifft, hat das ganze Volk in die Brust getroffen.< Und so
ist es.«
»Brust getroffen! Wenn wir doch siegen!«
»Was gibts da noch zu siegen, wenn die Lebenskraft, ja, >die beste
Lebenskraft des Volkes<, schreibt er, >versiegt ist durch den Tod von
Millionen junger Männer; wenn das Volk nur noch aus Verrohten und aus
Krüppeln, Kranken, Irrsinnigen, verhungerten Kindern und Frauen und aus
ganz alten Leuten besteht<.«
»Ja warum nicht gar.« Er klammerte sich an seine Zeitung an, las die
neueste Siegesnachricht des Kriegsberichterstatters: in sein sofort wieder
beruhigtes Gehirn ließ sich ein Ausschnitt leichenbedeckte Erde nieder. >.
. . in einer seitlichen Ausdehnung von mindestens 500 Metern, bei reichlich
achtzig Meter Tiefe . . . Von unseren sturmerprobten Stoßtruppen im
Handgemenge unter auffallend geringen Verlusten mit einer Bravour genommen,
die . . .<
»Lies das, dann kommst du gleich auf andere Gedanken.«
»Ja, ich will die Zeitung gar nicht mehr lesen.« In der des Denkens
ungewohnten Mutter löste sich ein Gefühl los und sank bleischwer in die
Worte hinein: ». . . Wenn nur alle einmal nicht mehr daran denken wollten,
was in der Zeitung steht; wenn nur alle einmal an die Menschen denken
wollten, die jetzt da sterben müssen.«
»Das ist ja Unsinn.« Der Vater packte die Zeitung fester, sah den leeren
Suppenteller an, sah die danebenliegende Postkarte. »Und was ist denn das?«
». . . Nur diese Karte ist gekommen.«
. . . »daß der Gesangverein >Frohsinn< bis auf weiteres die Singproben
ausfallen lassen muß, da immer mehr Sänger dem Rufe des Vaterlandes gefolgt
sind und es keinen Zweck mehr hat.«
Eine schwarze, durch nichts auszufüllende Lücke tat sich auf in seinem
Leben. Er suchte in der Zeitung nach Fettgedrucktem.
»Keinen Zweck mehr hat. Unsinn!«
Plötzlich schrie er wütend die verstört blickende Mutter an: »Warum hältst
du denn die Uhr auf«, begann noch einmal, >Ein kühnes Patrouillenstückchen<
zu lesen.
»Dann ist ja gar kein Zusammenhalt mehr, wenn die Proben jetzt ganz
ausfallen . . . Singen hätten wir immer noch können«, sagte der Vater,
während der Sohn, verdreckt, mit Menschenblut bespritzt und vor Grauen und
Entsetzen gläsern glotzend, mit den wenigen noch übriggebliebenen,
verdreckten und mit Menschenblut besudelten Kameraden über die gefallenen
Kameraden weg, wieder zurück in den Graben taumelte.
Die Artillerie arbeitete weiter. Die Schüsse krachten in rasender Folge.
Der Sohn fiel sofort in Schlaf.
Die Mutter trat unter die Uhr: der Perpendikel schwang weiter hin und her
über dem Gesichte des beliebten Heerführers. Das sah in dem düstern
Hofzimmer aus, als hätte der Heerführer an Stelle des Gehirns eine
Maschinerie, die unabänderlich weiterging, wenn nicht ein Mensch vortrat
und sie aufhielt.
Wenn nicht ein Mensch oder Gott selbst vortrat.
So eine wunderschöne, unbeschreiblich süße, herrlich durch den Weltenraum
schwingende Musik hatte der Sohn noch nie gehört. Wer sie vernahm, wurde
gut. Scharfrichter warf das Beil weg, stürzte in die Knie zu dem am Blocke
knieenden Mörder. Und beide begriffen ihr früheres Leben nicht mehr.
Der Sohn fragte den guten Herrn, der ihn in den deckenlosen, vom
Sternenfirmament blau überdachten Saal geführt hatte, wer diese Musik
geschrieben habe.
Der gute Herr mit den traurigen Augen flüsterte: »Diese Musik hätte ein
Soldat geschrieben, der gefallen ist.«
»Ach«, flüsterte der Sohn, fühlte aber im selben Augenblicke, wie sein
ganzes Wesen sich in weißfließendes Glück verwandelte. Denn plötzlich sah
er >Die einfache Stadt<: Gebäude von solch unsäglich durchseelter
Architektur, daß, im Angesichte dieser göttlichen Klarheit, alle schweren,
dunklen Gefühle aus den Menschen hinaus- und in das Nichts zurückfielen.
Der Sohn stand so im Glücke, daß er kaum wagte, es zu betasten mit der
Frage: »Wer hat diese Stadt gebaut?«
Die Lippen des guten Herrn bebten.
»Nein! Schweig«, flüsterte der Sohn, entsetzt, wie nie in seinem Leben.
»Wahrlich, diese Stadt hätte ein Soldat gebaut, der gefallen ist.«
Da verschwand die Stadt. Und der Sohn hielt >Das Buch der
Menschheitszukunft< in der Hand. Und las in einer Sekunde das ganze Buch
von Anfang bis zu Ende. Denn öffnete man es, so flossen alle seine Bilder
und Gedanken zusammen in ein einziges Wort. Und wessen Seele von diesem
Wort berührt wurde, der war erlöst und gut. Liebe stand auf seinem
Angesichte. »Da brauchen wir dieses herrliche, allmächtige >Buch der
Menschheitszukunft< ja nur vor das Auge der Menschheit zu legen, und die
Welt ist von allem Bösen erlöst und der milden Regierung der Liebe
heimgegeben. O, fließende Verschwisterung«, flüsterte der Sohn. »Wer hat
denn dieses Buch geschrieben?«
»Das hatte ein junger Dichter geschrieben, der gefallen ist.«
Schwarzer Donner klang von fernher.
Von seiner klagenden Seele getragen, flog der Sohn erbebend vor die dunkle
Frage hin: »Welcher Nation gehörten diese Toten an?«
Das Gesicht des guten Herrn wurde zu zwei trostlos weinenden Augen, deren
Blick langsam und deutlich die Worte sprach: »Das weiß man nicht.«
Plötzlich sah, mit allen grausigen Einzelheiten, der Träumende, was er vor
einer halben Stunde beim Sturmangriff wirklich erlebt und gesehen hatte:
das leinenweiß gewordene Gesicht des jungen Franzosen, der in das Bajonett
des Sohnes hineingerannt war.
Und er brüllte in der ewigen Sekunde, die zwischen Schlaf und Wachsein
stand, dem zum Unteroffizier werdenden guten Herrn in unermeßlichem
Entsetzen zu: »Aber ich weiß es. Ich!«
»Auf! Noch ein Sturmangriff!« schrie der Unteroffizier, der den Sohn
wachgerüttelt hatte.
»Ich! . . . Ich weiß es.«
»Warum schlafen Sie denn dann?«
Der ganze Himmel donnerte. Von Menschenblut noch durchnäßte Soldaten, im
Graben eng zusammengedrängt. Gesichter aus Glas. Augen aus Glas.
Die Welle entseelter Menschen wurde vom Befehle vorgestoßen. Und das zu
einem einzigen ungeheuren, erderschütternden Knall zusammentönende Knallen
der mit rasender Schnelligkeit feuernden Geschützkette wurde mild
überflüstert von des Sohnes Seele, die ihm gebot, zu sühnen, indem er
sterbe, damit er lebe.
Er stand reglos, umtobt von den in wildem Kampfe ineinander Verbissenen.
Hier, im Mittelpunkte des Knallens, war es totenstill. Es wurde
handwerklich und ganz lautlos gemordet.
Eine nachkindliche, zweite Naivetät beseelte ihn mit der Frage: »Weshalb
tun die Menschen das? Das darf kein Mensch befehlen. Kein Mensch darf
diesem Befehle folgen.«
Die Sekunde gebar ihm ein letztes, noch irdisches Bild: er sah den ganzen
Erdball sich zu einer Trommel ordnen, auf der der Militarismus mit Granaten
einen Wirbel schlug.
>Menschen, die einander nie gesehen, einander nichts getan haben, Menschen,
die sich lieben, ja, sich lieben, Kameraden, Kameraden erschlagen
einander<, fühlte er noch, vom Jenseits schon berührt. Und das schon nicht
mehr gedachte, nicht mehr gefühlte, als zerfließendes, jenseitiges Bild
geschaute Ahnen besuchte ihn: >Die Seele, die den ganzen Umfang dieser
Furchtbarkeiten sähe, müßte sterben; die Seele macht das Auge zu.<
Die Augen des Sohnes, der inmitten von mordenden und fallenden Menschen
reglos stehen blieb, waren weit geöffnet.
Das Bajonett fuhr unterm Kinn beim Halse hinein, durch den Kopf: sein
Körper schlug, wie der Akrobat, einen Bogen nach rückwärts, daß die
Fußsohlen und die Handflächen die Erde berührten, und verharrte tot, von
Leichen gestützt, in dieser Stellung, einem Brückenbogen gleich.
Die Mutter, die unter der Haustür stand und auf den Briefträger wartete,
baute sich das Glück auf, daß der Sohn leicht verwundet und auf diese Weise
dem Unausdenkbaren entronnen sei. Er befindet sich schon auf der Heimreise.
Er kommt sogar mit einem früheren Zuge an, als die Mutter erwartet hat.
>Gut, daß ich früher da war<, fühlt sie. Und steht in der Bahnhofshalle, an
das Gitter gelehnt, blickt hinaus, die Schienen entlang, auf denen der Zug
eben einläuft. >Entronnen<, fühlt sie, >entronnen<, sieht, wie der Sohn aus
dem Zuge herausspringt und schon von ferne den verwundeten Arm grüßend
hebt. >Eine kleine, ganz ungefährliche Verwundung, sonst könnte er den Arm
ja nicht heben. Glücklich dem Tode entronnen<, fühlt immerzu die Mutter,
fühlt gleichzeitig immerzu das schwarze Gespenst, daß ja alles nur ein
Wunsch von ihr war. Und springt, lautlos jubelnd, in das Glück hinein: dem
Sohne an die Brust.
Der Postbote bog langsam um die Ecke, den sortierenden Blick auf die Briefe
in seiner Hand gerichtet. Und die Mutter stürzte in die Wirklichkeit
zurück: dem lächelnden Postboten entgegen, der ihr den seit vierzehn Tagen
und vierzehn Nächten erwarteten Brief gab; einen der Beruhigungsbriefe des
Sohnes, in denen er, gepeinigt von Selbstanklagen und in Angst um die
Mutter, seine mit Schrecknissen angefüllten Beichtbriefe wirkungslos zu
machen versuchte.
>Eigentlich, genau besehen, weißt Du, geht es mir ausgezeichnet. Ich war
körperlich nie so gesund wie jetzt. Denk an, körperlich nie so gesund wie
jetzt<, schrieb der tote Sohn. >Und wenn ich zurückkomme, dann gehen Du und
ich zusammen einige Wochen aufs Land. Einmal sind wir vornehm und gehen
auch aufs Land. So viel Geld habe ich gespart. Wir wohnen an einem Flusse.
Direkt, am Flusse. Du in einem sonnigen Zimmer, ich daneben; es ist eine
Verbindungstür da. Unsere Fenster gehen auf den Fluß hinaus. Hinter dem
Flusse sind die Hügel, steht der Wald. Es wird gerade Frühling sein, wenn
ich zurückkomme. Solltest mich sehen: so gesund wie jetzt war ich nie<,
wiederholte der Sohn, der, von Leichen gestützt, als toter, verwesender
Brückenbogen zwischen den Schützengräben stand.
Das Glück floß breit in der Mutter.
Wie immer, wenn sie einen Brief erhalten hatte, war ihr der Sohn so nahe,
daß sie seine körperliche Anwesenheit fühlte, mit ihm sprach, ihm
Ratschläge erteilte, solche von ihm annahm, ihm Vorwürfe machte. >Jetzt
setze dich einmal dorthin, dort in die Kanapee-Ecke.<
>Nun, also jetzt sitze ich.<
>Sieh mal, du weißt doch, daß der Vater für nichts Interesse hat, als nur
für seine Zeitung und für seinen Gesangverein.<
>Aber das kann ja vielleicht gar nicht anders sein, Mutter. Er ist
fünfundsechzig Jahre alt und steht seit fünfzig Jahren täglich von früh
sechs bis abends sechs an der Hobelbank. So ist er aufgewachsen; so ist er
alt geworden. Deshalb hat er nichts als seine Zeitung und seinen
Gesangverein.<
>Aber er konnte sich doch denken . . .<
>Er hat längst vergessen müssen, daß er ein Mensch ist, Mutter. Abgerackert
und totmüde ist er seit fünfzig Jahren am Feierabend. Er darf nicht denken;
denn sonst würde er sich vielleicht daran erinnern, daß er einmal ein
Mensch war.<
>Davon wollte ich überhaupt gar nicht reden. Ich wollte ja . . .<
Der Sohn saß nicht mehr in der Kanapee-Ecke. Er war, vom Tode bedroht, in
der vordersten Linie.
>Ich wollte ja den einundneunzigsten Psalm beten<, dachte die Mutter, die
im Laufe eines Lebens immer sich gleichgebliebener grauer Not und absoluter
Aussichtslosigkeit, daß jemals eine Besserung eintreten könnte, ihren
Glauben verloren und das Beten verlernt hatte; die fünfundsechzig Jahre
unter der Eisenplatte geatmet hatte, unter der die europäischen Träger der
Armut stehen und vergehen, und durch die sie hoffnungslos getrennt bleiben
vom Geiste, vom Lichte, vom Leben, vom Menschentum. Nur wenn der Sohn auf
dem wüsten Wege, der, durch die Eisenplatte, empor zum Geiste führt, von
einer Gefahr bedroht gewesen war, hatte die Mutter den einundneunzigsten
Psalm gebetet.