Ein wildes Schluchzen, das wie das Bellen eines Hundes klang. Aufgelöste

Gesichter drehten sich einander zu. Weit offene Augen. Wortloses Fragen.

Die Agentenwitwe sah Farben kreisen. Und taumelte dem Nächststehenden an

die Brust.

Das Gesicht der Menge leuchtete wieder weiß auf.

»Ich sage euch: von diesem Zeitalter der Nützlichkeit, Ordnung,

Organisation und Vernunft, von diesem Zeitalter des Egoismus, des Geldes,

der Macht, Gewalt, Lüge und Autorität wird nichts übrig bleiben als ein

Grauen davor und für die noch späteren Geschlechter ein Gelächter.«

Da spannte er weit die Arme aus, daß hinter ihm der von der Abendsonne

rosig beleuchtete Kirchturm zum riesenhaften Kreuzespfahl wurde:

»Wir wollen uns jetzt endlich besinnen. Wollen denken. Uns daran erinnern,

daß der Mensch gut und unser Bruder ist. Wir wollen endlich herausreißen

aus unseren Herzen: die Gewohnheit, die Lüge, die Gewinnsucht, die

Bewunderung der Gewalt, Autorität und Macht, damit nicht auch der Same der

noch ungeborenen Geschlechter den Keim in sich trage zu neuem Morde.«

Plötzlich klang Kraft und großes Flehen in seiner Stimme:

»Jeden Tag werden zehntausend Menschen getötet, die so gerne, ach so gerne

noch hätten leben wollen. Und doch sitzt der Schuster wie sonst in seiner

Werkstatt, besohlt Stiefel, macht der Schreiner Möbel, steht der

Fabrikarbeiter vor der Maschine, den ganzen Tag, der Kaufmann hinterm

Ladentisch; es schreibt der Beamte Kanzleibogen voll und der Buchhalter

rechnet, der Kellner bedient . . ., während jeden Tag zehntausend Menschen

fallen und verenden, die vorher selbst Menschen töten mußten. Welch ein

wahnwitziger, gedankenloser Egoismus! Wenn wir das Recht nicht verlieren

wollen, uns noch Menschen zu heißen, dann müssen wir ohne Besinnen von den

Hämmern, Hobeln, Schreibpulten und Maschinen weglaufen auf die Straße, den

Nächstbesten am Arme packen, ihn packen, und unsere Stimme muß ihm das Herz

durchgellen: >Es werden jeden Tag zehntausend Menschen erschlagen. Was

sollen wir tun? Wie dürfen wir arbeiten, unserem Verdienste nachgehen,

schlafen, essen, während jeden Tag zehntausend Menschen ermordet werden?

Das darf nicht sein. Was sollen wir tun?< . . . Ich rufe euch zu, ich trage

die Worte in euere Herzen hinein: wer heute, da täglich zehntausend

Menschen grauenvoll verenden, seine Hand hebt zur Arbeit, ist ein Mörder.

Denn er läßt Menschen töten und fragt nicht: was soll ich tun, daß sie

nicht erschlagen werden.«

Da erbrach, ihre Petroleumkanne schwingend, die robuste Kriegswitwe ein

wildes Gelächter.

Und die Sätze: »Man muß doch leben; was bleibt uns übrig; wir müssen doch

verdienen, essen«, sprangen, von ihr zuerst geschrien, aus tausend Mündern

heraus, dem verstummten Redner entgegen. Es schwoll der Tumult, vom Hasse

in ein Ganzes zusammengeschmolzen, und stieß den Schrei ab und zum Himmel

empor: »Was sollen wir denn tun! Was? Was sollen wir tun?«

Das war eine furchtbare Frage. Eine Frage, rund umstellt von grinsenden

Ungeheuern, die eine Antwort nicht hereinlassen wollten.

>Wenn ich ihnen sage: jede Arbeitsleistung fügt sich in das Getriebe ein,

das die Fortsetzung des täglichen Massenmordes ermöglicht, deshalb wird der

Schlosser, der heute eine Schraube dreht, praktisch zum Mörder, wie auch

der Bäcker, der heute Brot backt, rufen sie: wir müssen doch verdienen,

leben, essen und deshalb arbeiten.<

>Aber das dürft ihr nicht. Arbeiten dürft ihr nicht. Arbeiten ist heute

Mord.<

Das weiße Gesicht der Menge war eine Frage, die gleich einer Lichtreklame

selbsttätig die blutrote Antwort »Revolution« langsam, Buchstabe nach

Buchstabe, an den dunklen Himmel schrieb.

Die tödlich bedrohte Liebe, die dem Untergange nahe Menschlichkeit, die den

Kellner gewählt, ihn aus dem mörderischen Wahnsinn dieses Zeitalters

herausgehoben und ihm das Wort auf die Lippen gegeben hatte, erleuchtete

ihn, so daß die ewige Seele, für alle sichtbar, ihm in die weitgeöffneten

Augen trat:

»Wir wollen nicht das Unmögliche versuchen: die Gewalt mit Gewalt

auszurotten. Wir wollen nicht töten. Aber von dieser Sekunde an soll alle

Arbeit ruhen. Denn alle Arbeit würde noch im Dienste dieses Zeitalters des

organisierten Mordes stehen. Das Zeitalter des Egoismus und des Geldes, der

organisierten Gewalt und der Lüge hat in dieser weißen Sekunde, hat in uns

eben sein Ende erreicht. Zwischen zwei Zeitalter schiebt sich eine Pause

ein. Alles ruht. Die Zeit steht. Und wir wollen über die Erde, durch die

Städte, durch die Straßen gehen und im Geiste des kommenden neuen

Zeitalters, des Zeitalters der Liebe, das eben begonnen hat, jedem sagen:

>Wir sind Brüder. Der Mensch ist gut.< Das sei unser einziges Handeln in

der Pause zwischen den Zeitaltern. Wir wollen mit solch überzeugender Kraft

des Glaubens sagen: >Der Mensch ist gut<, daß auch der von uns

Angesprochene das tief in ihm verschüttete Gefühl >der Mensch ist gut<,

unter hellen Schauern empfindet und uns bittet: >Mein Haus ist dein Haus,

mein Brot ist dein Brot.< Eine Welle der Liebe wird die Herzen der Menschen

öffnen im Angesichte der ungeheuerlichsten Menschheitsschändung.

Und wenn der Zehnmillionenmord, den jeder Einzelne von uns mitverschuldet

hat, Martyrium von uns verlangt, wenn die Menschheitsfeinde Gewalt gegen

uns anrollen lassen, so wollen wir uns sagen: >Wir haben erschlagen,

gelitten, geblutet, gearbeitet für falsche, lügenhafte Ideale, sind

schuldig, sind Mörder geworden; wir wollen uns entsündigen, wollen den

gegen uns gehetzten Brüdern, dem Heere der Gewalt, uns als stilles,

unüberwindlich starkes Heer des Geistes und der Verbrüderung

entgegenstellen, bereit zum Leiden für das ewig unverrückbare Ideal der

Menschheit: für die Liebe.< Und unsere Brüder werden, bezwungen von unserem

Glauben an das Gute im Menschen, in ihren Augen plötzlich die Frage tragen,

die zugleich die Antwort ist: der Mensch ist gut.

Der Mensch ist gut. Er ist gut. Geht hin, jeder durch seine Straße, in die

Häuser, läutet, klopft an. Und verkündet den Satz des neuen Zeitalters:

>Der Mensch ist gut.< . . . Es stehen die Transmissionen! Es stehen die

Maschinen! Die Arbeit ruhe! Die Zeit steht. Heutige Gesänge der Liebe

durchfliegen die Städte, öffnen die Herzen, die Tore der Paläste, die

Magazine. Und Menschenarme, die dem Morde dienten, umfangen jetzt den

Bruder . . . Und wenn wir dann in diesem Geiste wieder zu arbeiten

beginnen, wird unsere Arbeit nicht mehr Mord sein, sondern Geschenk für den

Bruder, und seine Arbeit Geschenk für uns . . . Jetzt ruhe die Arbeit. Die

Zeit steht. Die Pause zwischen zwei Zeitaltern ist da.«

Das Gesicht der Agentenwitwe war von wilder Hingabe zerklüftet; das Kind in

ihrem Leibe bewegte sich.

Da geschah etwas Unerwartetes: ein bärtiger Herr sprang aus seiner

eleganten Equipage heraus, stand auf dem Bock und brüllte: »Landesverräter!

Vaterlandsverräter! Herunter mit dem Schuft, der den Sieg, der das

Durchhalten unseres Volkes verhindern will!« Wutspeichel spritzte aus

seinem Munde heraus.

Das weiße Profil der Menge drehte sich dem Bärtigen zu.

Der warf die Fäuste vor und bewegte sie, in großem Bogen die Menge

überdachend, wagrecht über die Köpfe weg, stieß sie himmelwärts und knallte

sie auf seine Brust:

»Mein einziger Sohn ist gefallen. Auf dem Felde der Ehre! Ist tot. Und

dieser bleiche Schuft wagt es, das Volk gegen das Vaterland aufzuhetzen.

Tausendfachen Tod diesem bestochenen Hundsfott, der den Sieg verhindern

will! Umsonst wäre mein Sohn gestorben. Umsonst wären alle Söhne und Väter

gestorben. Millionen wären umsonst gefallen. Alles Blut würde umsonst

geflossen sein, wäre der Sieg nicht unser.« Er riß den Browning aus der

Hintertasche.

So still war es auf einem Platze nie gewesen.

Der Kellner sagte: »Mein junger Sohn ist gefallen. Umsonst wäre sein und

alles Todesblut geflossen, wenn in diesem dampfenden roten Meere auch

diesmal das Prinzip des Egoismus, der Gewalt und der Macht nicht verlöschen

würde, umsonst, wenn die Liebe auch nach diesem Kriege das Menschenherz

nicht berühren könnte. Umsonst die den Himmel verdunkelnde

Menschheitsschändung, wenn aus Lüge, Macht, Gewalt, wenn aus Mord . . .

Sieg hervorgeht, der den neuen Krieg in sich tragen muß. Nicht Demütigung

für ein Volk sei das Ende und der neue Anfang, sondern Demut aller Völker

. . . Demut, die tiefen Glanz, Stille, Menschlichkeit und Lebensfreude in

sich schließt.«

Der Bärtige war fassungslos. »Schuft! Und das Vaterland? Unser heiliges

Vaterland? Unsere heiligsten Güter? Unser Vaterland!«

Dunkle, unbezähmbare Wut war urplötzlich in der robusten Kriegswitwe

entstanden. Da stieg, von ihr entladen, ein vielstimmiger Protestschrei,

der erst an seinem Ende in helles Gelächter und in den Hohnruf: »Heiligste

Güter!« zersplitterte.

Die Morgenröte einer kommenden Zeit traf das Gesicht des verblüfften

Bärtigen; er legte den Browning neben sich auf den Bock.

Der Kellner sagte weich: »Das Vaterland ist eine Gasse, in der wir als

Kinder am Abend gespielt haben, ist ein von der Petroleumlampe sanft

beleuchtetes Tischrund, ist das Schaufenster des Kolonialwarenhändlers im

Nachbarhause; das Vaterland ist im Garten der Nußbaum, auf dessen Früchte

wir gewartet haben, ist ein Flußtal, die Biegung eines Flußtales; das

Vaterland ist eine altersgraue Holzpforte an der Rückseite des Gartens, ist

der Geruch von Äpfeln, die auf dem Ofen brieten, ist Kaffee- und

Kuchengeruch im durchwärmten Elternhause, durch Wiesen ein schmaler Pfad,

der zur Stadt zurück oder aus der Stadt hinausführt, ist ein Gang auf

diesem Pfade, das Verklingen eines Kinderliedes, das Abendläuten an einem

bestimmten Tage unserer Kindheit . . . Nicht der Staat -- die Organisation

der Lüge, Macht, Gewalt und Autorität -- ist das Vaterland für den

Menschen, sondern die Erinnerung an freundliche Minuten der Kinderzeit, die

Erinnerung an die von Hoffnung noch verschönten Blicke ins zukünftige

Leben.«

In diesem Momente, da er das Gesicht der Menge ansah, erkannte er

entsetzlich klar, daß bei der großen Mehrzahl auch diese Erinnerungen vom

ununterbrochenen Lebenskampfe, von den Leiden des Krieges, vom Hasse gegen

seine Entfeßler aufgefressen worden waren, und fühlte, daß ein Wort der

Liebe jetzt noch nicht vordringen konnte bis zu diesen verarmten,

haßverkrampften Witwenherzen. Nur bei wenigen war der suchende Kinderblick

wieder erwacht und zum Rückblick auf das vergangene Leben geworden.

Und als der Bärtige der Witwen nicht mehr vorhandene Gefühle für das

Vaterland erneuern wollte mit dem Worte »national«, stieg aus des Kellners

plötzlicher Hoffnungslosigkeit, die Liebe in die Herzen führen zu können,

Zorn auf, der zur Menge hinunter den Satz trug: »International ist alles

Große: die Kunst, der Gedanke, der Glaube, die Sinne, das Leben, der Tod.«

Und der Zwanzigjährige schrie zurück: »Es gibt National-Banken,

National-Speisen, National-Registrierkassen, National-Hymnen.«

Vor Wut verlor der Bärtige die Sprache, konnte das Gegenargument, daß auch

die Sprache national sei, nicht finden und griff automatisch zum Browning,

um mit dem zu argumentieren.

Der robusten Witwe mit der Petroleumkanne waren der Bärtige und sein

Gefährt zu elegant. Noch bevor er den Mund wieder öffnen und den Browning

heben konnte, rief sie unwirsch: »Halt's Maul, du!« Und ihr Wort war von

einer Armgebärde begleitet, die hundert Fäuste mit in die Höhe riß. Sie

stürzte zum Bock, kletterte hinauf.

Sein Wutschrei: »Verräterisches Pöbelpack! Man wird euch einsperren. Alle

einsperren!« gab das Signal für alle zum Sturze auf den Bärtigen, so daß

der Browningschuß, der dem Kellner gegolten hatte, schräghoch ging und den

Kirchturm traf.

Ein Schrei dauerte minutenlang.

»Uns könnt ihr nicht einsperren. Zwei Millionen Kriegswitwen könnt ihr

nicht einsperren.«

Der Petroleumstrahl schoß farblos durch die Luft.

Hochgebäumte Pferde. Die Equipage brannte hell und farbig. Wurde von den

rasenden Pferden zerstörerisch schnell über den Platz und die Straße hinauf

getragen, von der stürmenden Menge verfolgt.

Die robuste Kriegswitwe stand, ringend mit dem Bärtigen, flammenumloht auf

dem Bocke.

Eine Anzahl Witwen und Mütter, im Blick noch das große Fragen, blieben

zögernd zurück.

Die Agentenwitwe trug im schmerzdurchwirkten, aufgelösten Gesicht den

unbegreiflich tiefen Glanz stiller Bereitschaft, als sie zum Kellner trat,

der in der Dämmerung erschöpft an der Hausmauer lehnte und auf das in der

Ferne verklingende, fanatische Triumphgebrüll der Kriegswitwen lauschte. Er

glaubte, den anhaltenden, zündenden Schrei der robusten Witwe

herauszuhören.

Teile von Gedanken, für die er vorhin Worte nicht gefunden hatte, kehrten

wieder: >Die Gewalt, den Menschen gelehrt und aufgezwungen, untersteht dem

furchtbaren Gesetze alles Bösen, muß weiter wirken . . . Wer in dieser Welt

der Schmerzen das Leid nicht auf sich nehmen kann, bleibt böse.<

Er blickte zur Agentenwitwe hin, die in ungeheurer Befreiung vor dem neuen

Anfang stand, entrückt, wie vor einer Wiege, in der sie selbst lag. Horchte

auf das ganz ferne Knallen mehrerer Schüsse. (Das stärker werdende ferne

Gebrüll wurde wieder hörbar, schwach, wie das Summen einer Fliege.)

>Revolution steht auf den Stirnen der Menschen; und was auf den Stirnen der

Menschen steht, wird Ereignis.<

Von schwarzen Blitzen durchzuckt, brach aus seinem Herzen lautlos donnernd

die entscheidende Menschheitsfrage heraus: >Werden Wille und Sehnsucht die

Gewalt sprengen, die Finsternis durchstoßen, den Geist befreien und sich

von ihm führen lassen in das Land der Seele, wo die tiefste, die radikalste

Revolution, die Revolution der Liebe zum Ereignis werden kann? Oder wird

auch jetzt die Gewalt weiter bestehen und weiter siegen über Freiheit,

Gleichheit, Brüderlichkeit, die der Menschheitszukunft in ewigem Flusse

immer neu geboren werden vom tiefsten Sinne der Welt: von der Liebe?<

Der Platz, vom Tumulte verlassen, sah verbraucht aus.

Dämmerung, Luft und Sein gebaren auf ihm eine stille Sekunde.

III. Die Mutter

Ihr Sohn war nicht als Freiwilliger an die Front gefahren.

Wenn die Mutter aus dem Bette stieg, um sechs Uhr morgens, sah sie ihren

Sohn. Sah ihn, wenn sie in der noch kalten Küche stand. Sah ihn im

Hausflur. In der Holzlage. Im Keller. Auf der Straße. Immer.

Durch ihren Schlaf schreitet der Sohn durch; er marschiert durch. Wird

kleiner, nebelig, verschwindet. Und marschiert trotzdem ununterbrochen

durch. Durch jeden Schlaf. Durch jede Nacht und jeden Traum.

Der Sohn sitzt auf einem Stuhle, an der verschwimmenden Peripherie des

schweren Angsttraumes, der an ihr Bett den harten Hauswirt stellt: »Jetzt

endlich das Geld für die Miete!«

Drohender Hauswirt, alle Qual der Pfennigsorgen, alle Mühe und Not der

Täglichkeiten werden gewichtlos, verdunsten; denn der Stuhl mit dem Sohne

rückt in den Mittelpunkt des Traumes, ihr auf die Brust.

Sie wischt den Staub von den lackierten Muschelmöbeln; der Sohn steht neben

ihr, begleitet sie: vom Schrank zur Kommode, vom Bett zum Tisch.

Sie sieht ihn und sich hinauswandern zur Kaserne. Viele junge Männer, noch

in Zivilkleidern. Ärmliche Köfferchen und Pappschachteln. Viele Menschen

stehen vor der Kasernenhofmauer: Frauen, Kinder, Bräute, Mütter. Machtlos.

Diese entsetzlich kalte, mitleidlose Eisenkonstruktion der Bahnhofshalle.

Stumme und weinende Mütter und Frauen. Trockene Gaumen. Zerrissenes Lächeln

der jungen Soldaten. Wie Leichen mit Blumen geschmückt. Wilde, mit Blumen

geschmückte Machtlosigkeit.

Der Zug fährt ab. Er fährt. Fährt. Verschwindet.

Einsames, furchtbares Nachhausegehen.

Zwischen der Mutter Hand und den Deckel des Kochtopfes schiebt sich die

graue Gestalt des Sohnes. Die Überlegung, ob das Gemüse noch etwas Salz

brauche, wird zerschnitten vom Sohne, der in den Schützengraben springt.

Immer wieder rasend schnell in den Schützengraben springt, aus dem heraus

die Bajonette nach ihm stoßen.

Jeder Gedanke wurde vom Denken an ihren Sohn durchschnitten.

Während der Bäcker das Brot für sie einwickelte, entdeckte sie in einer von

weißen Schußwölkchen bösartig still belebten, öden Flachlandschaft, die sie

nie gesehen hatte, den Sohn, wie er mit der ihm eigenen Handbewegung sich

über das rechte Auge streicht.

Und in dem Moment, da sie sagte: »Frisches Brot wäre mir lieber gewesen«,

streckt der Sohn den Kopf zu weit aus dem Schützengraben heraus.

Entsetzt ließ sie das Brot auf den Ladentisch zurückfallen, preßte beide

Fäuste an die Wangen und starrte; sieht, wie der feindliche Soldat auf den

Kopf des Sohnes zielt.

»Jesus! Kind, wie kannst du mir . . .«

Sohn beugt sich zum Kameraden hinab.

». . . das antun.«

Der feindliche Soldat senkt das Gewehr.

»Morgen gibt es wieder frisches Brot.«

Die Mutter verließ die Bäckerei, den Blick stier auf der Szene: der

gegnerische Soldat lugt, das Gewehr wieder schußbereit an der Backe, zum

hinabgebeugten Sohn hinüber.

»Wenn er sich jetzt aufrichtet. Mein Gott, wenn er sich aufrichtet . . .

Allmächtiger Gott, lasse den Kameraden eine Geschichte erzählen, damit mein

Sohn zuhört, sich nicht aufrichtet. Lasse den Kameraden eine Bitte

aussprechen, die mein guter Sohn erfüllen wird, so daß er sich nicht

aufrichtet.«

Das feindliche Gewehr sinkt.

Da steigt des Sohnes Kopf: das feindliche Gewehr hebt sich zur

entsetzlichen Wagrechten.

Ein Schrei der Mutter.

Sie glotzte auf die zwei langhaarigen Hunde, die knapp vor ihr aufeinander

losfuhren. Gefletschte Zähne. Ineinander verbissene Mäuler.

(Graue Gestalten verlassen den Graben, huschen farblos über die farblose

Fläche. Wildes, entsetzlich lautloses Handgemenge.)

Die Mutter stürzte sich zwischen die zwei kämpfenden Hunde, die der Sohn

und der gegnerische Soldat sind. Mit ihren alten, von der Lebensarbeit

stumpf gewordenen Händen riß sie die Hunde auseinander, die knurrend in

entgegengesetzten Richtungen forttrabten. (Die farblosen Gestalten huschen

in die Gräben zurück.)

Die Mutter lehnt atmend an der Hausmauer und vernimmt das lautlose Stöhnen,

das aufsteigt vom tiefsten Urgrund des Weiblichen, vom mystischen Punkt:

Mutterliebe.

Die Mutter hat während der drei Kriegsjahre gelernt, vollkommen lautlos zu

stöhnen. Denn würde ihr und aller Mütter Stöhnen Ton, ganz Europa würde Tag

und Nacht ununterbrochen klingen von wildklagendem, dumpfem Stöhnen, für

das noch keine Sprache Worte gefunden hat.

Über Europa lastet Stille, das qualvollste Leid: das >Leid Machtlosigkeit<.

Furchtbarste Stille, unter der Menschenherzen sich krümmen. Lebendem Wurme

am Angelhaken ist kein Ton gegeben.

Und an den Fronten zucken, in geistschänderischem Kreise aufgestellt, die

Rohrläufe der Geschütze vor, gleiten zurück, zucken, vor, zurück, werden

heiß: ein Donnerkreis. Kreis von Blut. Zerfetzten Menschenleibern.

Losgetrennten Armen, Beinen. Ein Riesen-Kreis-Grab umspannt das stille

Europa. Grab-Blut-Geschützdiagonalen durchschneiden es, grenzen stille

Leidbezirke ab, in denen die Mutter Europas bebend kniet, nicht atmen kann.

Denn sie hört den Schuß krachen, sieht die Kugel fliegen, auf den Sohn zu,

sieht Milliarden Kugeln fliegen. Denn sie sieht beständig eine Kugel

fliegen. Auf den Sohn zu.

Das Herz tut ihr weh. Tag und Nacht. Schon drei Jahre lang. Drei

Ewigkeiten.

Die Mutter -- ein wandelndes, verzerrtes Herz, das Antlitz, Gehirn und

Augen bekommen hatte, die kopflose Mutter, die nur noch mit dem Herzen

dachte und sah, deren Gefühl die Last, die Angst, die Schmerzen, das Leid,

den Jammer ganz Europas trug, die europäische Mutter eilte, das Brot gegen

die schlaffen Hautsäcke ihrer Brust gedrückt, nach Hause, den Feldpostbrief

zu erwarten, der den krachenden, blutigen Kreis des Menschenmordens --

»vielleicht, vielleicht doch nicht, vielleicht doch« -- verlassen haben und

mit der nächsten Post in der verdüsterten Vorstadtwohnung eintreffen

konnte.

Sie eilte. Ihre Gedanken, alle vom Herzen gedacht, eilen voraus: sehen den

Briefträger.

Der winkt. >Ich habe etwas für Sie<, sucht, reicht ihr einen Brief. >Halt,

noch etwas.< Reicht ihr noch zwei. Noch fünf. Reicht ihr eine Hand voll

Briefe. Alle sind vom Sohne. Sie rennt mit den Briefen die Treppe hinauf.

Und biegt in die leere Gasse ein. Blickt: >Kein Briefträger.<

Während sie die Treppe hinaufsteigt, sieht sie den Sohn, wie er vor dem

Leutnant steht.

Der sagt: >Wenn ich noch einmal bemerke, daß Sie absichtlich nicht

schießen, melde ich Sie. Dann werden Sie erschossen.<

Von wilder Angst befallen, bleibt die Mutter auf dem Treppenabsatze stehen

und fleht: »Schieße!«

Der Sohn hebt das Gewehr, zielt auf den Franzosen.

Die Mutter sieht die französische Mutter, die in Paris am Fenster sitzt und

an ihren Sohn denkt, auf den in diesem Augenblicke gezielt wird vom Sohne.

Die Mutter schreit: »Schieße nicht!«

Der Leutnant: >Schießen! Oder Sie werden erschossen.<

Fleht die Mutter: »Schieße! O Gott, schieße!« Sieht die französische

Mutter. »Nicht! Schieße nicht!«

Läßt das Gewehr sinken. >Ich schieße nicht, Herr Leutnant.<

>Ihn sofort abführen<, befiehlt der Leutnant.

Und die Mutter brüllt: »Um Gotteswillen! Schieße! Schieße!«

Da reißt der Sohn das Gewehr an die Backe, zielt: der Franzose wirft die

Hände hoch, krümmt sich und stürzt aufs Gesicht.

Die Mutter preßt die Hand aufs Herz, deutet entsetzt mit der Rechten nach

Paris zum Fenster, wo die französische Mutter sitzt, eben den amtlichen

Brief öffnet und liest: »Ist gefallen.« Sieht, wie die französische Mutter

aufschreit, gläsern glotzt.

Langsam, wie mit einer furchtbaren Mordtat belastet, steigt die Mutter die

zweite Treppe hinauf, und ihr sehendes Herz verfolgt den mörderischen Lauf

der Kugel, die durch den Franzosen durch und weiter fliegt, nach Paris, der

französischen Mutter ins Herz.

Aber der Sohn lebt, wird nicht erschossen, weil er erschossen hat, auf das

Flehen der Mutter hin.

Immerzu sieht das Herz der Mutter, wie die Kugel ihres Sohnes den Franzosen

durchschlägt, weitersaust, bis nach Paris: der französischen Mutter ins

Herz.

Schritte klingen auf der Gasse. Blitzschnell fährt ihr Oberkörper durchs

Fenster: >Nicht der Briefträger.<

Ungedacht, ungewollt, dunkel steigt vom Urgrund des Seins schicksalhaft das

Gesetz »Schuld und Sühne« auf und stellt die Mutter vor die tödliche

Gewißheit: der zum Mörder gewordene Sohn wird ermordet werden.

Ihr Oberkörper fährt durchs Fenster. Der Blick blitzt die Gasse hinunter,

die Gasse hinauf. Kein Briefträger.

Und wie sie den Blick zurückzieht: -- Landschaft mit künstlich

aufgeworfenen Hügeln. Schutzwehre, Dämme, Hecken. Ausgetretene, lehmige

Pfade.

>Wir schleppen die mit Munition gefüllten Bastkörbe an die vorderste Linie.

Über uns zeichnen Granaten drohende Bogen an den Himmel. Weiße Explosionen.

Links und rechts, vor und hinter uns. Erdwolken. Leichen. Menschenteile.

Unermeßlich furchtbar<, hatte der Sohn geschrieben.

Die Mutter sieht, wie weiter rückwärts, noch in Sicherheit vor den

einschlagenden Granaten, der Sohn und der Kamerad den Munitionskorb

hochheben, ihn vorschleppen in die rote Feuerwolke.

Und kann den Sohn nicht zurückhalten, ihn nicht zurückreißen, ist machtlos.

>Hat es geläutet?< Sie zerrt die Tür auf. Stiert in den leeren Hausflur.

Und als die Wohnungsglocke später wirklich läutete und das Aufreißen der

Tür den Briefträger zeigte, griff die Hand der Mutter nach einer Postkarte,

auf der stand: >Den verehrlichen Mitgliedern zur Kenntnis, daß der

Gesangverein >Frohsinn< bis auf weiteres die Singproben ausfallen lassen

muß, da immer mehr Sänger dem Rufe des Vaterlandes gefolgt sind und es

keinen Zweck mehr hat. Der Schriftführer<.

Sie legte die Karte auf den Tisch, neben den Suppenteller des Vaters.

»Nächste Post . . . Jetzt kann vor vier Stunden kein Brief kommen.« Vom

Sohne,

der in diesem selben Augenblicke, da seine Mutter das in Angst, Qual und

Machtlosigkeit dachte, im Schützengraben auf einer Munitionskiste saß.

Der Mensch ist gut · 第 3 / 10 段