»Was gehen mich die andern an. Und wenn es zehn Millionen so geht. Das gibt

mir meinen Mann nicht zurück.« Der Schmerz hockte und hüpfte in ihrem

zuckenden Gesicht. »Mein Mann ist fort, tot, weg, kommt nie mehr, nie mehr.

Verstehen Sie: nie mehr!«

»Ist ja wahr, aber warum sagen Sie denn mir das alles? Habe ich den Krieg

gemacht? Warum sagen Sie mir das alles?«

»Warum?« fragte sie in ungeheuerem Erstaunen. »Warum kommen Sie mir mit

Ihrem Felde der Ehre, mit Ihrem Heldentod, mit Ihren heiligsten Gütern

daher? Sie . . . stehen da und verkaufen Ihr Zeug.«

»Wir werden siegen«, sagte der Mann einfach. »Dann ist der Krieg aus.«

Als hatte er ihr eine weißglühende Eisenstange wie eine Längsachse in den

Körper gestoßen, bei der Schädeldecke hinein und beim Unterleib heraus,

drehte sie sich einmal blitzschnell um sich selbst, herumgeschleudert vom

höllischen Schmerze, der ihr Herz gesprengt hatte mit der Vorstellung: der

Krieg ist aus, alle Menschen freuen sich grenzenlos . . ., und mein Mann

ist tot, kommt nicht zurück. Kommt nie mehr! »Und was wird dann mit mir?

He? Sie! He, was wird dann mit mir? He! He!«

»Sagen Sie mal, bin ich denn schuld daran? Sie tun ja gerade, als ob ich

. . . Was kann ich dafür.«

Von einem Blitze der Intuition grellweiß erleuchtet, erkannte sie: »Ja, du

bist schuld, du, du . . . ihr Hunde! Ihr alle seid schuld daran. Alle!«

Da konnte der Kaufmann nur die Schultern heben, wie er tat, wenn er eine

Ware nicht billiger abgeben wollte.

Und als sie schon hinausgerast war auf die verkehrsreiche Straße, sprach er

noch: »Sie werden todsicher eingesperrt. Sie sperrt man ja glatt ein.« Sah

die Banknote liegen. »Und ihr Geld vergißt sie auch noch. Die scheint

endgiltig närrisch zu sein . . . Was wünschen Sie?«

Die Kundin wünschte Petroleum, stellte die Kanne auf den Ladentisch.

»Na, jetzt das ist mir aber eine«, begann er und erzählte der neuen Kundin

die ganze Sache. ». . . Was sagen Sie dazu?«

»Recht hat sie«, erklärte die Frau mürrisch. »Was haben denn wir davon,

wenn die Land erobern. Wir haben nichts davon.«

»Ist Ihr Mann auch im Krieg?«

»Schon tot ist er, wenn Sie's wissen wollen.«

»Er starb für unsere gerechte Sache, Frau, müssen Sie sich sagen.«

»Ja, Sache«, sagte die Frau, dumpf wie ein Hund, der verhalten knurrt. Dann

sagte sie noch, was sie jedem sagte: »Sie haben seinen Kopf nicht gefunden.

Nur das Andere. Die Erkennungsmarke war weg; deshalb wollten sie mir erst

keine Unterstützung geben.«

»Aber jetzt bekommen Sie doch, wie?«

»Meine zwei Söhne sind auch schon verreckt. Im Westen.«

»Jetzt bekommen Sie doch?«

»Ich pfeif darauf. Verdiene mir selbst mein Geld. Will nichts haben von

diesen . . .«

Der vorsichtige Kolonialwarenhändler schnitt das Gespräch ab; denn neue

Kunden waren eingetreten. »Nun, was sollst du holen?«

Das Kind streckte sich, legte das in Papier eingewickelte Geld auf den

Ladentisch.

»Da vorne auf dem Platz ist eine Menschenansammlung. Jemand spricht gegen

den Krieg«, erzählte ein grauer Alter, der Zigarren verlangte. »Und

plötzlich kommt eine Frau gesprungen. Ganz außer sich. Die schreit und

schimpft nicht schlecht . . . Was will der Schutzmann machen: -- es ist

eine Kriegswitwe.«

»So, schreit sie? Die wird natürlich eingelocht . . ., wenn sie solche

Sachen daherredet.«

»Nun, so ohne weiteres kann man eine, die ihren Mann im Kriege verloren

hat, auch nicht einsperren . . . Wenn sie doch ihren Mann verloren hat. Das

ist keine Kleinigkeit.«

»Aber das Vaterland ist doch schließlich auch keine Kleinigkeit. Und

. . . unsere Kultur, was?«

Während der Alte seine Zigarre anzündete: »Schon recht, gewiß . . .

Vaterland . . . gewiß . . ., aber wenn eine ihren Mann . . .«

»Na ja, da haben Sie auch wieder recht.«

». . . verloren hat, kann sie schon rabiat werden. Das ist zu verstehen

. . . Es ist ein Riesenmenschenauflauf. Dreitausend Menschen, schätze ich.

Können auch viertausend sein. Die Frauen schreien . . . Gerade als ob sie

am Kreuz hingen, als ob jede an einem Kreuz hinge. Der Redner kann nicht

mehr weitersprechen . . . Ich bin weggegangen. Will nichts zu tun haben mit

so was. Bin ein alter Mann.« Übrigens habe er sich schon lange gewundert,

daß bis jetzt nicht mehr Kriegswitwen . . .

»Ja, es ist schon am besten, man kümmert sich nicht darum.«

Auch manche von den Männern, die um die schreiende Agentenwitwe, um den

verstummten Kellner herumstanden, dachten das. Die Frauen dachten das

nicht; es waren viele Kriegswitwen darunter und Mütter, die ihre Söhne

verloren hatten.

Der Schutzmann sagte: »Schreien Sie jetzt nicht mehr.«

Die Agentenwitwe schrie: »Ich schreie!«

Ein Bürger dachte: man kann's ihr nicht verdenken. Und ging nach Hause.

Die Trambahnwagen konnten nicht weiterfahren. Droschkenkutscher standen auf

den Böcken, Fahrgäste streckten die Oberkörper, schief wie gotische

Gestalten, aus den Wagenfenstern heraus. Die Menge vergrößerte sich rapid.

Auch die Seitengassen, die zum Platze führten, waren schon schwarz von

Menschen.

Der Schutzmann faßte die Kriegswitwe am Arme: »Gehen Sie jetzt heim.«

»Loslassen! Loslassen!«

»Heim? Habe ich denn ein Heim?« Ihr Lachen war Tiergebrüll, riß

Hohngelächter aus tausend Frauenmündern heraus. Sie hatte sich mit einem

kurzen Ruck losgemacht von der Schutzmannsfaust.

Ein Frauengesicht, höhnisch und gefährlich, schoß dem Schutzmann vor die

Augen: »Gehen Sie einmal nach Hause in ein Heim, in dem niemand mehr ist.«

»Auseinander jetzt!« rief der Schutzmann. »Macht euch nicht unglücklich.«

Das war für alle Kriegswitwen zum Lachen.

»Bin schon unglücklich. Mehr kann ichs nicht werden«, schrie die

Agentenwitwe, immer mit dem gleichen schmerzdurchtobten Tiergebrüll.

Dieselbe Gefühlswelle bewegte gleichzeitig alle Witwenleiber. Und alle

Münder schrien dem Schutzmann und einander zu: »Wir sind schon unglücklich.

Unglücklich!«

Die Macht der Frauen war sehr groß.

Der Schutzmann sah plötzlich wie ein hilfloses Kind aus.

Da krachte ein Schuß. Knapp neben dem Zwanzigjährigen.

Menschenohren horchten, daß es nachtstill wurde. Dann stieg der

tausendfache, wilde und ganz wortlose Schrei. Das klang in der Ferne wie

Kirchengesang.

Johlen. Gebrülle. Die Menge war ein einziger, langsam bewegter Riesenkörper

geworden. Der Schuß hatte die Gemüter von Zwang und Ordnung entbunden und

in anarchische Freiheit hineingestellt.

Der Schutzmann drückte sich, seitwärts gedreht, durch die drohend enge

Menschengasse durch und verschwand.

Jetzt erst bemerkten der Zwanzigjährige und die Nächststehenden, daß nicht

ein Schuß gefallen, sondern ein Automobilschlauch geplatzt war.

Die Agentenwitwe machte mit den Händen ganz kleine, gebundene Bewegungen,

die mit den Zuckungen ihres Gesichtes korrespondierten, und bemühte sich,

den andern zu erklären, wie qualvoll es sei, wenn ihr ein alter Anzug, ein

Trikotleibchen, eine gebrauchte Hose des toten Mannes vor die Augen komme.

»Ich sehe den Stuhl an, auf dem sonst mein Mann gesessen war, sehe den

Stuhl an . . . Und wenn ich unsern Sekretär ansehe, vor dem oft mein Mann

gestanden war, ist das gar kein Sekretär mehr . . .«

Alle sahen in der Zimmerecke den lackierten Muschel-Sekretär stehen, der

die unabänderlich sich gleich bleibende Einsamkeit war und jede aufkeimende

Hoffnung erschlug. Qualvolle Hilflosigkeit strich lautlos über die

Menschengesichter und erzeugte bei allen den toten Blick.

Da griff der Kellner auf den Grund der Sehnsucht und rief: »Wir wollen

Frieden machen!«

Sofort öffneten sich die Menschengesichter; eine Wolke heißen Gefühles

ballte sich zusammen und platzte: das Wort >Friede< donnerte hoch,

umdonnerte minutenlang den Kellner, der auf einem leeren Lastwagen stand

und sich unter tiefer Qual den Entschluß abrang, in die plötzlich

entstehende, offene, fruchtbare Stille die kalte Wahrheit hineinzustoßen:

»Aber wir können nur dann helfen, Frieden zu machen, wenn wir wissen und

zugeben, daß auch wir den Krieg mitverschuldet haben.«

»Was sagt der? Was?« Die Agentenwitwe war vor Empörung und Staunen gelähmt.

»Nur wer denkt und die Menschen liebt, kann ihnen den Frieden bringen

. . . Wir denken nicht und lieben nur uns selbst.«

Die Gesichter veränderten, verschlossen sich; eine leere Fläche entstand

zwischen der Menge und dem Kellner.

Der sagte: »Schon vor dem Kriege war die Liebe tot in uns. Wir waren

gedankenlose, meinungslose Maschinen. Deshalb hat jeder Einzelne von uns

den Krieg mitverschuldet.«

»Krieg mitverschuldet? Wir haben den Krieg nicht gewollt. Das Volk nicht!

. . . Wir nicht!« Eine Welle des Zornes bewegte die Menge.

»Laßt euch das sagen. Das müßt ihr euch sagen lassen. Wir müssen erst

umkehren zur Wahrheit: wir hatten das Gute -- die Liebe -- vergessen; wir

hatten uns gar nicht überlegt, was gut ist; wir haben überhaupt nichts

überlegt, überhaupt nicht gedacht und Zeit unseres Lebens das Böse wachsen

lassen, bis es uns zur Gewohnheit geworden war, und wir mit entsetzlicher

Selbstverständlichkeit glaubten, daß das Böse -- Egoismus, Gewalt, Macht,

Erfolg, Geld und Autorität -- das Erstrebenswerteste im menschlichen Dasein

sei. Und dieses zur Selbstverständlichkeit gewordene, kalte, mörderische

Prinzip jeden Europäers, den Mitmenschen übervorteilen zu wollen, mußte die

Menschen dazu führen, daß sie am Ende einander erschlagen . . . Dann wird

von Ehre, Heldenmut, Heldentod, von einem Felde der Ehre gesprochen.«

Da flog, die Zustimmungsrufe auseinanderschneidend, die Agentenwitwe durch

die vor ihren geballten Händen entstehende Menschengasse durch, bis zum

Wagen. Ihr Schmerz hatte sich gegen den ersten gedreht, der anderer Meinung

war als sie. »Krieg mitverschuldet? Wir? Mein Mann? Mein Mann wollte nur

leben«, schrie sie fassungslos. Kletterte hinauf. Wurde heruntergezogen.

Kletterte wieder halb hinauf. Erleben, das keinen Widerstand mehr fand,

durchströmte und befreite sie.

Noch bevor sie vom Wagen wieder losgerissen werden konnte, beugte sich der

Kellner herab und berührte mit seiner Hand sanft ihren zerrauften Scheitel.

»Red du nicht so weiter«, drohte ein Arbeiter.

Johlende, halbwüchsige Burschen, zum Kriege noch nicht tauglich, klebten

auf den Mauervorsprüngen.

»Wir alle haben rücksichtslos nach nichts anderem gestrebt, als so viel

Erfolg wie nur möglich zu haben, unbekümmert, daß wir dadurch das Bild

unserer Seele zerstörten, unbekümmert, ob dadurch ein Mitmensch ins Leid

und in das Elend sank. Wie ich, habt auch ihr die erfolgreichsten

Gewalttätigen, die am meisten Macht, Besitz und Autorität auf sich

vereinigen, gedankenlos als Autoritäten anerkannt und bewundert . . . Wir

alle waren stolz, wenn unsere schlecht beratenen Kinder patriotische Kampf-

und Mordlieder sangen. Und als die mächtigen Autoritäten die Truppen

marschieren ließen, jubelten wir und waren begeistert. Wir jubelten, als

die ersten Siegesnachrichten einliefen. Wir jubelten. Und kümmerten uns

nicht darum, daß beim Erstürmen einer Festung fünfzigtausend Menschen

zerrissen werden. Zerrissen werden mußten, damit durch diesen ungeheuer

verbrecherischen Gewaltakt die Erfolgreichsten noch mehr Macht, die

Besitzenden noch mehr Besitz bekommen können. Wir kümmerten uns nicht

darum, weil wir selbst nichts anderes als das Verlangen nach Erfolg, Besitz

und Macht in uns trugen. Und dieses Verlangen logen wir um in Patriotismus.

Wir müssen den Frieden bringen. Wir haben den Krieg mitverschuldet. Wir

sind Mörder. Wir müssen uns entsündigen.«

Gefährliches Murren wuchs an, verdichtete sich zu einzelnen Zornrufen, die

sich schnell aneinanderreihten, bis zuletzt ein einziger langer Schrei, so

dick wie der Platz, zum Himmel stieg.

Den Tumult durchstach die sich überschlagende Stimme der Agentenwitwe: ihr

Mann sei kein Mörder gewesen. »Kein Mörder! Mein Mann nicht! Kein Mörder!«

Ihr Wort >Mörder< tanzte messerscharf und hoch über das zusammengeballte

Brüllen der Menge hin. Sie taste, streckte ihre Hände, halb flehend und

halb würggespreizt, zum Kellner hoch.

Der trug in den Gesichtszügen die Kühnheit eines Menschen, welcher infolge

übergroßen persönlichen Leides persönliche Gefahr nicht mehr fürchtet und

persönliches Leid nicht mehr kennt.

Ein junger Mensch, fanatisiert und bleich, klärte erregt die

Nächststehenden auf: das sei ein Mensch, der's gut meine.

»Ja, gut meine! Krieg mitverschuldet! Mein Mann Krieg mitverschuldet!«

»Ruhe jetzt! . . . Ruhe!« Das Wort wurde von dieser Gruppe weitergegeben,

lief in Diagonalen kreuz und quer. Und erzeugte schnell erwartungsvolle

Stille für den Sprecher.

»Wir haben erst dann das Recht, nach dem Frieden zu rufen, wenn wir nicht

mehr, wie bisher, gedankenlos und meinungslos falsche Pflichten erfüllen.

Und wir können erst dann den Frieden auf Erden verwirklichen, wenn wir

aufhören, die großen Nichtigkeiten in den Mittelpunkt des Lebens zu

stellen, wenn wir keine entseelten, gewohnheitsmäßig funktionierenden

Besitzanhäufungs-Automaten mehr sind, sondern Wesen mit dem göttlichen

Wissen, daß jeder Mensch unser Bruder ist, daß alle Menschen dieser Erde

Träger der ewigen Seele sind, und daß das Wort: >In dem Augenblicke, da du

dir vornimmst, einem Menschen zu schaden, hast du schon dir selbst

geschadet<, unumstößliches, göttliches Gesetz ist.

Nur der Mensch, der sich zu seiner Seele bekennt, die ihm verbietet, dem

Bruder zu schaden, ist reich, steht ununterbrochen im glühenden Fluß der

Gefühle. Wir sind ganz verarmt . . . Das gewohnheitsmäßige Übervorteilen

des Mitmenschen, das Verlangen nach Besitz und die gewohnheitsmäßige

Anhäufung von Besitz, weswegen die Europäer heute einander erschlagen

müssen, haben uns ganz erniedrigt, gemein und arm gemacht . . . Die

Kathedrale der Seele ist zusammengebrochen im Europäer. Deshalb wird er

Offizier, Staatsbeamter, Börseaner, deshalb ist er habgierig, brutal,

elegant, schuftig, gebildet, deshalb stiehlt er, raubt und wuchert, wird

reich, bleibt arm, mordet, duelliert sich, macht Kriege und Geschäfte, läßt

Erfolglosere für sich arbeiten, so schwer für sich arbeiten, daß der großen

Mehrzahl des Volkes nicht eine Minute Zeit zur Selbstbesinnung bleibt, so

daß auch diese Armen nicht mehr an die Liebe im Menschen glauben können,

und ihr ganzes entgöttlichtes Streben darauf richten müssen, ebenfalls in

die Klasse der Besitzenden aufzurücken.

Wir alle -- Reiche und Arme -- sind brutal wie Mörder, schamlos und gierig

wie harte Wucherer, wir alle sind Offiziere und Börseaner, auch wenn wir

erfolglose Sklaven geblieben sind . . . Glückliche, unendlich reiche Kinder

könnten wir sein auf unserer unendlich reichen Erde, und sind erfolggierige

Geldmenschen, bedauernswerte, erlebnisarme Schurken, die zu staatlich

sanktionierten Mördern wurden. Der Krieg ist durch den Krieg nur sichtbarer

geworden.«

Die Menge, berührt vom Worte des Kellners, war schwankend geworden; nie

empfundene Gefühle standen auf, gerieten in Schwingung, erklangen und

verdichteten sich zu vereinzelten Zustimmungsrufen.

Da schrie die Agentenwitwe einen Satz, der die Nächststehenden in den

Mittelpunkt des Gefühles traf und, mit Zusätzen versehen und von Mund zu

Mund weitergegeben, die Menge durchlief, so daß den Kellner plötzlich die

tausendfach gebrüllten Schreifetzen umtosten: »Ganze Volk! Leid gestürzt!

. . . Millionen Tote! . . . Hunger! Kriegsgewinne! Hallunken!«

Im tiefsten Grunde des Brüllens klang ein ferner Jubel mit.

Mit der ganzen Kraft seines Wesens versuchte der Kellner, die Menge erst

auf der Irrtumsspirale zurückzuführen bis zum Ausgangspunkt, wo die

Wahrheit steht, während die Agentenwitwe ohne Besinnen mit den Irrtümern

vorwärtsstürmen wollte und die ganze Menge geschlossen hinter sich hatte.

Noch einmal gelang es ihm, die anarchisch bewegte Menge aufzuhalten und

still werden zu lassen, da er sagte: »Unsere Autoritäten konnten uns

marschieren lassen, jeden Einzelnen von uns als Menschenmetzger anstellen

und ganz Europa in ein Menschenschlachthaus verwandeln, weil unsere

Lebensauffassung entsetzlich genau ihrer Lebensauffassung entspricht. Weil

wir, in notwendiger Folge unserer Gedankenlosigkeit, Meinungslosigkeit,

unseres Verlangens nach Geachtetwerden, nach Besitz, Stellung und Macht,

bisher immer nur die Luft geatmet, die Worte gesprochen, die Gedanken

gedacht und nach den Gefühlen gehandelt haben, die uns von der Autorität

geliefert worden sind . . . Von der Autorität, die mit dem gleichen Munde,

mit dem sie den Befehl zum Feuern auf Menschen gibt, uns von Zivilisation

spricht. Bedeutet das nicht, von allem Anfang an in der Lüge ertrunken

sein, von Zivilisation zu sprechen, solange noch durch jede Straße Europas

Menschen gehen, die an der Seite Messer hängen haben, dafür bestimmt, in

Menschenleiber hineingebohrt zu werden? Zivilisation!

Zehn Millionen Menschen sind jetzt verendet. Warum? Für was sind diese zehn

Millionen Menschen gestorben? Hat ein einziger von euch darüber

nachgedacht, weshalb die Europäer ihre Jugend, ihre Jünglinge abschlachten?

Warum dieser Krieg ausgebrochen ist? Ausbrechen mußte!« Er wartete. Lange,

bis ein abgearbeiteter Mann die für ihn selbst verbraucht und nicht mehr

überzeugend klingende Antwort gab: »Unser Volk ist angegriffen worden und

mußte sich verteidigen.«

Getroffen von diesem oft vernommenen Satze, rief der Kellner: »Und ich sage

euch, so lautet -- und mit mindstens demselben Recht wie bei unserem Volke

-- die Antwort von jedem Volke, von jedem Einzelnen jeden Volkes; von den

neunzigjährigen Greisinnen, die nur noch lallen können, bis zum

Premierminister jeden Volkes lautet die Antwort: >Wir sind angegriffen

worden und mußten uns verteidigen.< . . . Wie kommt das? Wo ist die

Wahrheit?

Die Wahrheit ist, daß ein meinungsloses, kritikloses Volk gar nicht wissen

kann, ob es angegriffen wurde oder angegriffen hat, und daß nichts leichter

war, als es glauben zu machen, es sei angegriffen worden. Die furchtbare

Wahrheit ist, daß die falschen Ideale, deren vollkommener Sieg den Tod der

Ideale -- der Menschlichkeit, der Liebe -- bedeuten würde, daß diese

Lügenideale -- Macht, Gewalt, Erfolg, Autoritätsglaube, Heldentum,

Weltherrschaft, Vaterlandsverteidigung -- im Gehirne jeden Europäers ein

solch mächtiges Eigenleben führten, daß jeder zum Schießen bereit war.

Ich sage euch: die Kultur eines Volkes ist unabhängig von der

Besitzanhäufung. Die Größe eines Volkes liegt nicht in seinen

Interessensphären, nicht bei seinen Rohstoffquellen, nicht auf seinen

Absatzgebieten. Größe, Kultur, Glück und Zukunft eines Volkes liegen

niemals auf dem Wasser. Aber der geistige Tod eines Volkes liegt in seinen

Geldschränken. Der Geist Europas, die Menschlichkeit und die Liebe sind im

Gelde erstarrt. Und das bedingt mit entsetzlicher Sicherheit das Elend, die

Zukunftslosigkeit, den Untergang des europäischen Menschen.«

Auch die Agentenwitwe war erstarrt. Auch die Menge war erstarrt und quälend

still.

Die robuste Kriegswitwe, von deren Mann der Kopf und die Erkennungsmarke

nicht hatten gefunden werden können, stellte ihre Petroleumkanne auf den

Wagen, zu Füßen des Kellners. Alle Fenster, rund um den Platz, waren

schwarz von Menschen.

Der Kellner, tief leidend unter dem Gesetze, daß die Liebe hart sein muß,

weil sie das Herz der Wahrheit ist, redete eindringlich hinunter zum

düsteren Gesicht: »Wir haben zugesehen, wie Kampfparteien gebildet wurden;

wir haben Kanonen, Schiffe, gewaltige Menschenmordmaschinen erfunden,

gebaut. Bezahlt. Bewundert! Trotzdem wir hatten wissen können, daß die von

uns bezahlten, bewunderten Massenmordmaschinen eines Tages sich gegen die

Menschheit und auch gegen die Brust unserer Männer, Söhne, Väter richten

würden. Das war unausbleiblich . . . Dann wird gesagt und geglaubt, von den

meinungslosen, gedankenlosen, von den immer noch gedankenlosen Volksmassen

geglaubt: wir sind angegriffen worden und müssen das Vaterland verteidigen,

unsere Kultur schützen. Es wird von Heldentum und von einem Felde der Ehre

gesprochen . . . War alle Ehre nicht schon tot, noch bevor der Krieg

begonnen hatte? Ist es eine Ehre, ist es Heldentum, um Besitz und Macht und

für falsche Ideale Menschen zu erschlagen? Wenn das Ehre ist, dann wollen

wir ehrlos sein, um wieder ehrenvoll leben zu können. Wenn das Heldentum

ist, dann wollen wir Feiglinge sein, damit der Mut in dieser Welt nicht

aussterbe . . . Man spricht von Zivilisation. Ist das Zivilisation, daß

ganz Europa schon vor dem Kriege ein einziger großer Fabriksaal war, in dem

nicht Menschen lebten, sondern Maschinen automatisch sich bewegten?

Maschinen aus Fleisch und Blut, die nicht mehr denken, keine Meinung haben,

keine Erinnerung mehr daran haben, daß sie einmal Menschen waren, sondern

wie die Maschinen aus Stahl, die sie bedienen, betrieben werden? Betrieben

werden von der Notdurft, von dem Verlangen nach Achtung der Mitmaschinen,

vom Verlangen nach Besitz, betrieben von Gewohnheit, Egoismus und Lüge.

Lüge, in der die europäische Menschheit ertrunken ist, so daß es keinen

Europäer mehr gibt, der eine eigene Meinung hätte, keinen, der das Feuer

der Wahrheit in den Augen trüge . . . Wenn das Vernunft ist, dann wollen

wir unvernünftig sein, dann wollen wir wahnsinnig sein, damit die

Weltvernunft sich in uns am Leben erhalten kann. Wenn das nützlich ist,

dann wollen wir unnütze Menschen sein. Wenn das Resultat der Organisation

und Ordnung ist, daß die Menschheit verelendet, blutet und sich abwürgt,

dann wollen wir diese mörderische Ordnung sprengen mit Unordnung, damit der

Sinn des Lebens sich wieder manifestieren kann. Wenn Organisation, Ordnung,

Gewalt, Macht, Gewohnheit, Meinungslosigkeit, Lüge, Besitz und Egoismus

. . . Zivilisation ergibt, dann wollen wir Wilde sein, wollen wir die Liebe

im Herzen tragen und das Gesetz: jeder liebe jeden, so wird jeder von allen

geliebt . . . Das wollt ihr nicht? Habt den Mut, Menschen zu erschlagen und

nicht den Mut, Menschen zu lieben? Weil ihr lieben würdet, aber die anderen

euch nicht lieben, sondern ausnützen und erdrücken würden? Wollt nicht

Märtyrer sein? Da Märtyrer ausgenützt, erdrückt, eingesperrt und

hingerichtet werden . . ., weil sie lieben? Es fliege die Frage donnernd

über den Erdball: was ist menschenwürdiger und ehrenvoller, Menschen, die

uns nichts angetan haben, im Kriege zu erschlagen und selbst zu sterben,

oder dafür zu leiden und zu sterben, daß der Liebe die Regierung der Erde

übergeben werde?«

Der Blick der schweigenden Menge fragte dumpf zurück. Zwei Equipagenpferde,

zwischen Menschen eingekeilt, bewegten sich. Die Agentenwitwe fühlte

körperlich, wie, von ihrer Seele überglänzt, die Finsternis in ihr zur

blendend weißen Fläche wurde. Ihr Gesicht war plötzlich tränennaß.

Der Kellner warf die Hand an den Hals, die andere in den Nacken; seine

Augen wurden groß und sahen:

»Zehn Millionen Leichen! Zehn Millionen Menschen sind jetzt verendet. Das

fließende Blut dieser zehn Millionen Ermordeten -- vierzig Millionen Liter

dampfendes Menschenblut -- könnte einen ganzen Tag lang die riesenhafte

Wassermenge des Niagarafalles ersetzen und durch seine Sturzkraft den

elektrischen Strom für eine ganze Weltstadt liefern . . . Sämtliches

Rollmaterial der Eisenbahnen von ganz Preußen würde nicht ausreichen,

allein die losgetrennten Köpfe dieser zehn Millionen Ermordeten auf einmal

zu transportieren. Zivilisation! . . . Stellt euch den phantastisch langen

Eisenbahnzug vor: es steht der erste Wagen schon in München, im Berliner

Hauptbahnhof noch der letzte, und alle sind gefüllt mit blutigen

Menschenköpfen. Zivilisation! . . . Man lege die zehn Millionen armen

ermordeten Mörder Kopf an Kopf, Fußsohlen an Fußsohlen! Das gibt eine

sechzehntausend Kilometer lange, lückenlose Leichenlinie, ein

sechzehntausend Kilometer -- nicht Meter -- Kilometer langes Grab, das ganz

Deutschland umspannt. Sechzehntausend Kilometer Leichen! Zivilisation!«

Der Mensch ist gut · 第 2 / 10 段