»Versicherungsagent . . . Er hätte ebensogut irgend ein Hand

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Europäische Bücher

Leonhard Frank

Der Mensch ist gut

Sechstes bis fünfzehntes Tausend

Max Rascher, Verlag, Zürich, 1918

Copyright 1918 by Max Rascher, Verlag, Zürich

Den kommenden Generationen

Geschrieben 1916 bis Frühling 1917

I. Der Vater

Ihr Otterngezüchte, wer hat denn euch gewiesen,

daß ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?

Es ist schon die Axt an die Wurzel gelegt.

Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringt,

wird abgehauen und ins Feuer geworfen.

Ev. Matth. Kap. III

Robert war Servierkellner in einem deutschen Hotelrestaurant. Gewöhnlich.

Blond. Und wenn er, in devoter Verbeugung erstarrt, vor dem Gaste stand und

eine Bestellung entgegennahm, kroch der Gedanke durch sein Gehirn: jeder

andere Beruf verträgt sich eher mit der Menschenwürde.

Auf ihn wirkte das hingeschobene Trinkgeld wie eine Ohrfeige, für die man

sich bedanken mußte. Und wenn das Trinkgeld von einem Gaste kam, der ärmer

als der Empfangende war, stieg aus Roberts verletzter Menschenwürde

sichtbar die Verachtung empor, steigerte sich manchmal zu Rachsucht und

Frechheit. Es kam vor, daß Robert solch einem Gaste das Trinkgeld

zurückschob. Vornehmen Gästen Kredit zu gewähren, war ihm eine Erlösung.

Im Jahre 1894 bekam seine Frau den lange vergeblich erwarteten Sohn. Und

Roberts Liebe stürzte sich auf dieses Kind. Das bekam alles: ein

Kinderzimmer, sterilisierte Kindermilch, einen federnden Kinderwagen, einen

weißlackierten Stall, Hampelmänner. Später Dampfmaschinchen, Eisenbahnen,

Luftballons, Trommeln, Säbel, Schießgewehrchen, Bleisoldaten. Später ein

Spazierstöckchen, einen Matrosenanzug mit einer Mütze, auf der stand »S. M.

S. Hohenzollern«, einen rindsledernen Bücherranzen, eine Rechenmaschine mit

roten und weißen Kugeln, einen polierten Griffelkasten.

Der Sohn bekam Geigenstunden, mußte Klavierspielen lernen. Und durfte das

Gymnasium besuchen. Er sollte studieren. Nicht Kellner werden. Schon mit

zehn Jahren besaß der Sohn ein Fahrrad. Und gehörte mit zwölf Jahren der

patriotischen Jugendvereinigung an.

Roberts Leben erschöpfte sich im Dasein des Sohnes. Und der Satz: jeder

Arbeiter ist seines Lohnes wert, war ihm zur Weltanschauung geworden.

Robert flog, die Bestellungen auszuführen, verbeugte sich, dankte fürs

Trinkgeld, verbeugte sich, dankte, sparte, scharrte zusammen, rechnete,

strebte, wurde Zimmerkellner, dann Oberkellner, wies heimlichen

Liebespärchen stille Zimmer an für ein paar Stunden, drückte Augen zu, sank

in einen Abgrund der Liebe für seinen Sohn, schickte ihn auf die

Universität, bekam graue Haare, war selig im Dienen, selig in seinem Sohne,

besaß hundert Photographien von ihm, hatte die Kinderkleidchen aufgehoben,

das Spielzeug: die Säbelchen, die Gewehrchen, die Bleisoldaten. Das

Mützchen, auf dem stand »S. M. S. Hohenzollern«.

Der Sohn war zwanzig Jahre alt. Er bekam die Einberufung an einem Dienstag,

bekam ein halbes Jahr später das eiserne Kreuz.

Und im Sommer 1916 bekam Robert die Nachricht, daß sein Sohn gefallen war.

Auf dem Felde der Ehre.

Eine Welt war erschlagen.

Der Erschlagene las immer wieder: »Gefallen auf dem Felde der Ehre«. Den

Zettel trug er bei sich in der Brieftasche, zwischen den Banknoten. Er las

ihn, wenn ein Fremder kam und ein Zimmer verlangte, wenn er an der

Billardecke stand und Bestellungen erwartete, wenn er, von der Glocke

gerufen, durch den langen Gang lief, las ihn, bevor er das Zimmer betrat

und nachdem er, die bezahlte Rechnung und das Trinkgeld in der Hand, das

Zimmer wieder verlassen hatte. Er las ihn in der Küche, im Weinkeller, auf

dem Klosett. »Gefallen auf dem Felde der Ehre«. Ehre. Das war ein Wort und

bestand aus vier Buchstaben. Vier Buchstaben, die zusammen eine Lüge

bildeten von solch höllischer Macht, daß ein ganzes Volk an diese vier

Buchstaben angespannt und von sich selbst in ungeheuerlichstes Leid

hineingezogen hatte werden können.

Das Feld der Ehre war nicht sichtbar, nicht vorstellbar, war Robert nicht

begreifbar. Das war kein Feld, kein Acker, war keine Fläche, war nicht

Nebel und nicht Luft. Es war das absolute Nichts. Und daran sollte er sich

halten. Sein ganzes Leben lang. Hinter ihm lag nichts und vor ihm lag

nichts. Robert stand in der Mitte auf dem Nichts.

Seine Hände servierten, quittierten, empfingen Trinkgelder. Wofür? Es gab

keine Banknoten mehr. Und sein Sparkassenbuch war für ihn das Feld der

Ehre. Und das Feld der Ehre war nicht begreifbar.

Robert gab die besten Zimmer auf Wunsch um die Hälfte des festgesetzten

Preises ab, gab noch einen Salon dazu, ein Badezimmer. Wurde zum

Servierkellner degradiert. Gab im Restaurant ohne Widerstreben die teueren

Speisen und Weine billiger ab, wenn den Gästen die Rechnung zu hoch

erschien. Wurde daraufhin nur noch zur Mithilfe herangezogen, wenn im

großen Hotelsaal ein Fest, eine Versammlung war.

Gab es etwas Gleichgültigeres, als aus der Lebensstellung verdrängt worden

zu sein? Das alles war nur das Feld der Ehre. War ein absolutes Nichts.

Oft fand er sich in seines Sohnes Zimmer, wohin er während des Krieges die

Photographien, Kinderkleidchen, Säbelchen, Trommelchen, Gewehrchen,

Bleisoldaten zusammengetragen hatte, und empfand nichts beim Betrachten

dieser vergilbten und verkratzten Überbleibsel, ging, automatisch wie er

eingetreten war, wieder hinaus.

Dieser Zustand, in dem Robert sich nur noch wie eine Maschine bewegte,

dauerte wochenlang, bis eines Tages der Mensch in ihm die Kraft fand, sich

dem Schmerze zu stellen. Seiner Hand entfiel die Photographie des Söhnchens

-- in Infanterieuniform, mit präsentiertem Gewehrchen --, und Robert

sauste, von einem Dampfhammerschlag getroffen, hinunter in den Abgrund, das

Herz bloßgelegt dem Schmerze und der Liebe. Robert schrie. Nur einmal. Und

ganz kurz.

Von etwas Unnennbarem berührt, wich er der Erlösung, die im Schmerze liegt,

aus.

Und als seine Frau ihn trösten wollte mit den Worten, die sie von dem unter

dem gleichen Leide stehenden Kolonialwarenhändler, Bäcker, von der

Nachbarin übernommen hatte: jetzt müsse man sich halt damit abfinden,

schrak sie zurück vor Roberts gefährlich blickenden Augen und schwieg

fernerhin.

Auch Robert schwieg, tat die Arbeit, die man ihm zuwies. Und da man ihn,

der wiederholt Gäste fortlaufen ließ, ohne daß sie bezahlt hatten, nur noch

als Wasserträger im Hotelcafé verwenden wollte, erklärte er sich auch

hierzu bereit.

Robert wußte, daß etwas geschehen werde. Deshalb ertrug er weiter diese

gefährliche Ruhe. Denn wie konnte es möglich sein, daß nichts geschah durch

ihn, der nichts mehr verlieren konnte, da er alles schon verloren hatte?

Der von einer dünnen Kellnerhaut überzogen war, unter welcher der Mensch

schrie, entsetzlich lautlos der Schmerz, die Liebe schrieen? Durch den

geringsten Anlaß konnte die Haut zerspringen. Dann stieg der Schrei.

Die Kindergewehrchen und Säbelchen hatte er, sich aus den Augen, hinüber

ins Hotel getragen und hinter das Klavier gesteckt. Denn wenn er dieses

Spielzeug nur anblickte, brannte ihn die Schuld. Aber wenn er einen mit dem

Kriegsorden verzierten Leutnant bediente, zitterten seine Hände nicht.

Und als eines Tages ein patriotischer Jugendverein -- halbwüchsige Jungen

unter Gewehr -- die Straße herauf und am Hotel vorbei das Lied trug: »Kann

dir die Hand nicht geben, dieweil ich eben lad' . . .«, fraß sich das

Schuldbewußtsein glühend in Robert hinein. Denn auch er hatte seinen Sohn

solche Lieder gelehrt und lehren lassen und voll Vaterstolz ihm zugehört.

In wilder Spannung stand er unterm Hotelportal und fühlte, daß sein Sprung

auf die vorbeimarschierenden, schlecht beratenen Jünglinge ein Sprung in

die Luft sein würde. Denn hinter den Jünglingen und hinter dem Kampfliede

stand etwas, das nicht zu greifen war: ein unsichtbarer, unkörperlicher

Gegner. Gott hielt ihn zurück von dem Sprunge. Gott hob ihn auf für die

Minute, da der Feind greifbar werden würde, fühlte Robert.

Und eines Tages hatte er den Feind, der im Menschen selbst und nicht außer

ihm ist, so scharf erkannt, daß seine Augen die eines schuldbewußten

Mörders wurden. Da geschah es, daß Tränen wilden Zornes ihm hinter die

Augen traten, wenn er ein Mädchen sah, das ihren Bräutigam, eine Frau, die

ihren Mann, ein Elternpaar, das seinen Sohn verloren hatte und doch lächeln

und wie immer das Glas Bier bestellen konnte.

Einer Mutter, der ihre Stütze fürs Alter, ihre Hoffnung, der Zentralpunkt

all ihrer Liebe -- ihr einziger Sohn zerstampft worden war auf dem Felde

der Ehre und die zu Robert sagte, >jetzt muß man sich halt damit abfinden<,

griff er wild an den Hals.

Gott strich über des Kellners Hände und legte dessen plötzlich von Liebe

durchbebten Finger der Mutter sanft auf die Schulter. Denn nicht die Frau

war schuld, nicht sie war der Feind und nicht ihre Worte, sondern das, was

hinter den Worten stand. Und das war etwas, das nicht da war. Es war das

Nichtvorhandensein der Liebe.

Das mörderische Schuldbewußtsein brannte die kleine Vaterliebe weg, so daß

das Urgefühl der großen Liebe aufstehen konnte in ihm.

In tiefster Demut, in deren Mittelpunkt die unversiegbare Kraft der Liebe

stand, verrichtete er die Arbeit des Pikkolos, trug den Gästen Wasser zu,

spülte Gläser aus, ging, als die Glocke ihn rief, in den großen Hotelsaal.

Schlosser, Maurer, Schreiner, Spengler, Tapezierer, Glaser -- zerarbeitete

Männer, die haarigen, abschreckend häßlichen Tieren mit Menschenaugen

glichen -- füllten den großen Hotelsaal: die Bauarbeitervereinigung hielt

ihre Jahresversammlung ab.

Robert brachte dem Redner, der auf dem Podium stand, eine Flasche voll

Wasser und hörte, ans Klavier gelehnt, hinter dem die Säbelchen und

Schießgewehrchen steckten, dem Redner zu.

Der erklärte, daß Unterstützungsgelder an arbeitslose und kranke Mitglieder

dieses Jahr nicht ausbezahlt werden könnten. Denn es seien so gut wie keine

Beiträge eingelaufen. Zudem habe man den Mitgliedern, die im Felde standen

-- und die gingen allen andern vor -- fortlaufend Unterstützungsgelder

geschickt. »Die Reserven sind aufgebraucht. Die Kasse ist leer.« Es frage

sich nun, ob die Mitglieder, die noch gesund seien und Verdienst hätten,

über ihren Beitrag hinaus zusammensteuern wollten für die kranken und

arbeitslosen Mitglieder. Wenn nicht, dann bleibe nur noch übrig, die seit

fünfzig Jahren bestehende Bauarbeitervereinigung samt der

Krankenunterstützungskasse aufzulösen. »Sozusagen den Konkurs anzumelden.«

Siebenhundert Augenpaare von siebenhundert dumpf schweigenden Menschen

blickten ratlos auf den Redner. Die Frauen, deren Küchentöpfe leer waren,

und die Frauen, deren Männer im Felde standen oder schon gefallen waren,

hatten rotgefleckte Wangen bekommen. Die Eisenplatte, die seit zwei Jahren

über ganz Europa lag, lag sichtbar auch über diesen siebenhundert in Leid

und Not verkrampften Lasttieren.

Ein kleiner Junge hatte das Kinderschießgewehr hinterm Klavier, das auf dem

Podium stand, hervorgezogen und zielte, den Schaft an der grauen Backe,

hinunter auf die siebenhundert reglosen Männer und Frauen. Alle blickten

auf das Loch des Rohrlaufes aus Weißblech.

Und draußen standen, den Gewehrschaft an der Backe, in Schuld und Sünde

Millionen Menschen gegenüber Millionen Menschen, die in Schuld und Sünde

standen.

Da tat Robert den Sprung. Es war ein ganz langsamer Sprung. Er ging

traumwandlerisch sicher auf den Jungen zu, nahm ihm das Spielzeug von der

Backe weg und trat vor, bis an den Rand des Podiums.

Und während der Redner Wasser trank und seine Abrechnungslisten

zurechtlegte, sagte Robert:

»Das hier ist ein Schießgewehr. Das habe ich . . . ich selbst habe das

meinem Jungen gekauft. Damit hat er gespielt. Damit hat er sich unmerklich

die Liebe aus seinem Herzen hinausgespielt. Damit hat er schießen gelernt.

Ich habe ihn das Schießen, habe ihn das Morden gelehrt. Mein Sohn ist

gefallen. Er ist tot. Ich bin sein Mörder . . . Vaterstolz, Ruhmsucht,

Gedankenlosigkeit und Gewohnheit haben mich zum Mörder werden lassen. Und

doch habe ich nur getan, was auch ihr getan habt. Auch von euch hat mancher

seinen Sohn . . . verloren.«

Robert hieb das Gewehrchen gegen die Knie und legte die zwei Stücke ruhig

zu seinen Füßen nieder. »Das hätte ich vor fünfzehn Jahren tun müssen

. . . Habt ihr es getan? . . . Also seid auch ihr Mörder.

Unsere Männer und unsere Söhne erschießen Männer und Söhne. Und jene Männer

und Söhne erschießen unsere Männer und Söhne. Und jeder Daheimgebliebene

hofft: mein Mann, mein Sohn kommt zurück; mögen die anderen fallen und

sterben.

Solches kann nur ein Wahnsinniger wünschen . . . Ich frage euch: ist der

kein Mörder, der ein unschuldiges Kind so erzieht, daß es erst zum Mörder

werden muß, bevor es selbst ermordet wird? Wird der so erzogene

Unschuldige, wenn er einen gleichfalls schlechtberatenen Unschuldigen

erschießt, nicht zum Mörder? Es gibt heute in Europa keinen Menschen mehr,

der nicht ein Mörder wäre! . . . Wir sind verblendet und Mörder, weil wir

den Gegner außer uns suchen und zu finden glaubten. Nicht der Engländer,

Franzose, Russe und für diese nicht der Deutsche, sondern in uns selbst ist

der Feind. Und wir sehen deshalb in anderen Menschen den Feind, weil der

tatsächliche Feind in uns etwas ist, das nicht da ist. Das

Nichtvorhandensein der Liebe ist der Feind und die Ursache aller Kriege.

Ganz Europa weint, weil ganz Europa nicht mehr lieben kann. Ganz Europa ist

wahnsinnig, weil es nicht lieben kann.

Oder ist es nicht Wahnsinn, wenn ihr euch freut über die Notiz: zweitausend

französische Leichen lagen vor unserer Linie? Ist die Einwohnerschaft von

Paris nicht wahnsinnig, wenn sie sich freut über die Notiz: zweitausend

deutsche Leichen lagen vor unserer Linie?

Wir schreien vor Schmerz oder die Augen bleiben trocken vor Schmerz, wenn

unser Sohn fällt. Solange wir nicht ebenso vor Schmerz schreien, wenn ein

Franzose fällt, lieben wir nicht. Solange wir nicht fühlen: ein Mensch, der

uns nichts getan hat, fiel und starb, so lange sind wir Wahnsinnige. Denn

dieser Mensch, der fiel und starb, hatte eine Mutter, einen Vater, eine

Frau, die vor Schmerz schreien. War ein Mensch. Wollte so gerne leben. Und

mußte sterben. Wofür? Warum? Er mußte sterben, weil er nicht liebte. Und

wir, seine Mörder, ließen ihn sterben, weil wir nicht lieben.«

Robert machte während des Sprechens ganz kleine Bewegungen mit der Hand,

daß die weiße Serviette baumelte. Es war so schwer, auch den anderen

mitzuteilen, was man selbst fühlte und erkannt hatte. Und dabei war das

Ganze doch so einfach, so selbstverständlich. Aber die Menschen hatten sich

von der Selbstverständlichkeit weggestellt. Sie hatten die Liebe einfach

vergessen, wie man seinen Schirm stehen läßt.

»Man braucht ja nur zu lieben, dann fällt kein Schuß mehr. Dann ist der

Friede da. Kinder sind wir dann auf unserer Erde . . . Der ganze Erdteil

weint. Daran merkt man doch, daß der Erdteil fähig ist zur Liebe. Ganz

hoffnungslos wäre erst dann alles, wenn Europa lachen würde, weil ganz

Europa blutet. Aber es gibt kein Haus in Europa, in dem nicht die Tränen

fließen. Das ist die Liebe, die aus den Menschenaugen heraus weint, weil

sie vertrieben worden ist aus den Herzen der Menschen.

Was tut ihr, wenn jetzt im Augenblick ein euch fremder Mensch in den Saal

hereintritt und einem von euch, den er nie gesehen hat, das Bajonett in den

Leib stößt? Ihr würdet den Wahnsinnigen nicht begreifen. Genau dasselbe tun

eure Männer und Söhne; auch sie stoßen Männern und Söhnen, die sie nie

gesehen haben, das Bajonett in den Leib, daß der Durchstoßene aufschreit,

sich krümmt und fällt. Was hat er eurem Sohne getan? Und was hat euer Sohn

dem getan, der ihm das Bajonett in den Leib stieß? . . . Habt ihr euch

schon einmal vorgestellt, auf welche Weise euer junger Sohn, der so gerne,

ach so gerne noch hätte leben mögen, sterben mußte? . . . Mädchen,

vergegenwärtige dir den letzten Blick deines Bräutigams, der verwundet,

dürstend sechs Stunden lang in der Sommerhitze im Stacheldraht hing. Stelle

dir seinen letzten, furchtbar langen Blick vor.

Frau«, sagte Robert zu einer Erbleichenden, leise, daß es alle

Siebenhundert hörten, »was hat dein Mann, den du liebtest, der dir Brot und

Kinder gab, dem getan, der ihm das Bajonett in den Leib stieß?«

Die Frau wimmerte, ihr Kopf sank dem neben ihr Sitzenden auf die Schulter.

»Die Menschen sind wahnsinnig, wirklich und wahrhaftig wahnsinnig, weil sie

die Liebe vergessen haben. Und weil sie die Liebe vergessen haben, glauben

sie, es müsse alles so sein, wie es ist . . . Unser Volk, wie wir es sehen,

besteht nur noch aus Krüppeln und elend aussehenden Kindern, Frauen und

Greisen. Wenn man jetzt noch die Arme und Beine, die losgetrennten

Körperteile, die Millionen zerrissener Leichen, unter denen auch eure Söhne

und Männer sind, von den Schlachtfeldern holen und auf eure Straßen werfen

würde, euch vor die Augen, würdet ihr auch dann noch sagen: man muß sich

halt damit abfinden? Oder würdet ihr endlich bereit sein zum Lieben, was

auch dabei herauskomme? Würdet ihr dann endlich sagen: ich will nicht

leben, wenn ich nicht lieben darf? Würdet ihr einsehen, daß diejenigen, die

euch das Lieben verbieten, Feinde sind? Feinde des Menschen! Volksfeinde!

Seht ihr nicht die Berge zerrissener Menschenleiber? Sie liegen vor euren

Augen, liegen auf euren Straßen, daß kein Wagen mehr fahren kann und ihr

keinen Schritt mehr machen könnt. Eure Söhne! Eure Söhne! Eure Männer!

Väter! Blutig! Zerrissen! Unkenntlich!«

Ein Schrei stieg aus der Saalmitte empor. Hinten, beim Saaleingang, erklang

ein tierisches Stöhnen. Einem alten Manne fiel die Stirn in die Hand. Ein

Mädchen verließ die Stuhlreihen; sie hatte große Augen bekommen und stürzte

in die Kniee.

»Wir dürfen uns nicht länger belügen und sagen: nur der Zar, der Kaiser,

der Engländer ist schuld.« Robert legte langsam die Hand mit der Serviette

an die Brust: »Ich bin schuld. Und du bist schuld. Und du und du . . . Denn

auch wir hatten, ebenso wie der Zar, der Engländer, der Kaiser, der

Millionär und der Milliardär, die Liebe vergessen. Nehmt die Schuld auf

euch, damit ihr der Liebe wieder teilhaftig werden könnt. Denn nur wer hier

sich schuldig fühlt, kann entsündigt werden und wieder lieben.

Und jetzt wisset: die Liebe trägt in sich ein hartes Gebot. Die Liebe sagt:

wer nicht liebt, ist schuldig und böse und soll weichen, damit der Liebe

auf Erden keine Schranken mehr gesetzt werden können. Wir wollen fallen und

sterben dafür, daß der Liebe die Regierung Europas übergeben werde.«

Die Menschengesichter unten im Saale waren aufgelöst.

Weitersprechend stieg Robert vom Podium herunter. Alle waren aufgestanden,

drängten ihm nach.

»Das Gebot der Liebe ist: wer sich nicht schuldig fühlt, die Schuld nicht

auf sich nimmt, liebt nicht, ist unser Feind und muß weichen. Das ist

Gesetz. Neues Gesetz! Ihr, die ihr nichts mehr verlieren könnt, da ihr

alles schon verloren habt . . .«

Roberts Worte gingen unter in den hundertstimmig wiederholten Worten:

»Alles verloren! Wir haben nichts mehr zu verlieren! Wir, die wir nichts

mehr zu verlieren haben . . . Nichts! Nichts!«

Die Nachricht hatte sich schon verbreitet, als sie durch die Straßen zogen.

Voran der Kellner, ohne Hut, im schmierigen Smoking, die Serviette in der

Hand. »Die wollen Frieden machen. Die wollen Frieden machen.«

Verkäuferinnen -- verwaiste Bräute -- verließen den Ladentisch und

schlossen sich an. Zwei Schaufensterreiniger, alte Männer, ließen die

Leiter stehen und schlossen sich an. Der Wagenführer der Elektrischen hörte

das Wort »Friede«, erstarrte und sprang vom Wagen herunter, schloß sich an.

Die Fahrgäste schlossen sich an. In wenigen Minuten hatte sich die Menge

verdreifacht. Und verzehnfachte sich, als Robert, auf dem Platze angelangt,

auf der Brunnenschale stand und sprach. Sein Mund zeichnete den letzten

Satz in weithin sichtbaren Buchstaben an den Himmel: »Es ist schon die Axt

an die Wurzel gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird

abgehauen und ins Feuer geworfen.«

Eine junge Frau stand da und tat nichts als lächeln und »Friede« sagen.

Reisende, die vom Bahnhof kamen, vergaßen alles und schlossen sich an, als

die Menge weiterzog. Flammend. Schnell. Entzündet vom Glauben. Eine Schar

Urlauber, feldmarschmäßig ausgerüstet, das Gewehr quer über dem Rücken und

das Grauen des Schlachtfeldes in den Augen, schloß sich an. Alte Mütterchen

kamen kaum mit. Kinder bekamen schmale Gesichter vor Staunen und ahnten das

Große. Ein alter Polizeiwachtmeister mit grauem Spitzbart, das Trauerband

am rechten Arme, bekam fanatische Augen und schloß sich an. Menschen, die

dem Zuge entgegenkamen, machten kehrt, vom Feuer ergriffen. Radfahrer

sausten durch die Straßen. »Die wollen Frieden machen!« Die Wirtshäuser

entleerten sich. Werkstätten, Baustellen entleerten sich. Transmissionen

standen still. Eine Abteilung Soldaten unter Gewehr wurde mitgerissen.

Gesänge der Liebe ertönten im Marschtempo. Kranke stiegen aus den Betten,

schleppten sich ans Fenster. Kilometerlange Linien von Frauen, schräg

bewegt, trieben aufeinander zu, stießen zum Zuge.

Ein Zwanzigjähriger -- Fanatismus und Geist auf der Stirn -- sprang aus

einer menschengefüllten Seitengasse heraus, auf den Kellner zu, küßte ihn.

Und sein heißer Blick öffnete die Herzen.

Die ganze Stadt war aufgestanden und schrie ein Wort. Friede! Das so

gesprochene Wort wurde zu vieltausendstimmigem, gewaltigem Gesange. Alle

Kirchenglocken läuteten.

II. Die Kriegswitwe

Ihr Mann war Versicherungsagent gewesen, war gefallen, gestorben.

Kopfschuß.

»Die Kugel hätte ihn auch in die Brust treffen können, ins Herz, in die

Lunge. Die Kugel hätte ebensogut . . . den Magen meines Mannes zerfetzen

oder die Wirbelsäule zersplittern können. Der eine stirbt so, der andere

so. Das ist ganz gleich. Tot ist tot . . . Oder ein Bajonettstich in seinen

Unterleib, daß mein Mann seine Gedärme, die er nie gesehen hatte, noch ein

paar Minuten lang hätte betrachten können.«

Unwillkürlich legte die Frau schützend die Hand auf ihren hohen Unterleib:

das Kind des toten Vaters bewegte sich.

»Versicherungsagent . . . Er hätte ebensogut irgend ein Handwerker,

Kaufmann, Arbeiter, Beamter, Gelehrter sein können, ganz gleich was, die

Kugel hätte ihn doch getroffen . . . Sauste auf meinen Mann zu und machte

keinen Bogen um ihn herum, machte natürlich keinen Bogen um den armen

Versicherungsagenten herum. Die Kugel wählt ja nicht aus. Trifft jeden

. . . Ich, eine Versicherungsagentenwitwe, könnte ebensogut eine Beamten-

oder Arbeiterwitwe sein. Zwischen mir und allen anderen gibts keinen

Unterschied. Ich bin eine Kriegswitwe. Wie alle. Eine Kriegswitwe . . . Und

wenn meinen Mann eine Granate so zerfetzt und in die Luft gesprengt hätte,

daß nicht ein Teilchen seines Körpers mehr zu finden gewesen wäre? Ganz

gleichgiltig! Tot ist tot . . . Mein Schicksal ist das Schicksal von

Millionen Frauen. Einen Unterschied gibts gar nicht zwischen mir und allen

anderen Frauen . . ., zwischen mir und der Nachbarin, die an der Ecke wohnt

und seit drei Wochen auch keinen Mann mehr hat, zwischen mir und den

. . . Ja wieviel Frauen sinds denn? Zwei Millionen vielleicht, die in ihrem

Zimmer sitzen und, wie ich, an ihren toten Mann denken? Zum Fenster

hinaussehen und an ihren toten Mann denken, Staub wischen, Kinder warten,

Strümpfe stricken, kochen, auf die Arbeit gehen und an ihren toten Mann

denken, an ihren toten Mann denken, toten Mann denken. Sich abends ins Bett

legen und an ihren toten Mann denken. Zwei Millionen vielleicht? Zwischen

all denen und mir gibt es keinen Unterschied. Unsere Männer sind tot

. . . Der Nachbarin ihr Mann ist in einem Lazarett gestorben. Meiner durch

Kopfschuß. War sofort tot. Ganz gleichgiltig . . . Kopfschuß! In die Stirn?

Vielleicht bei der Nasenwurzel hinein? Oder durchs Auge hinein? Durch sein

Auge? Ja aber, was geschah mit seinem Auge? Mit seinem lieben Auge. Mit dem

Auge meines lieben Mannes . . . Ist ja ganz gleichgiltig; es ist ganz

gleichgiltig, ob das Auge, die Brust, die Lunge, das Gehirn, der Unterleib

zerfetzt wird. Tot ist tot . . . Millionen Kriegswitwen sitzen wie ich da

und stellen sich vor, wie der Mann eigentlich gestorben sein mag. Es ist

aber ganz gleich, wie er den Tod fand. Fand? Sucht man denn den Tod?

. . . Und ob er jetzt Schlosser oder Student, Fabrikarbeiter oder Bauer,

Gelehrter oder Beamter gewesen wäre, ganz gleich. Das ist ganz gleich

. . . Es geht Millionen Frauen so wie mir. Gott sei Dank.«

>Wieso denn Gott sei Dank?<

Sie stand schwerfällig auf; die Hand blieb auf die Tischkante gestützt.

»Das lindert.« >. . . Was lindert?< ». . . Doch, das lindert. Es ist doch

ein Unterschied, daß es nicht mir allein, sondern Millionen Frauen so geht.

Ein bedeutender Unterschied. Der Unterschied ist sehr groß. Und es lindert.

Ich würde es einfach nicht ertragen, wenn es mir allein so ginge. Sich das

nur vorzustellen! Könnte ich es denn ertragen? Ich ganz allein! Das wäre

unmöglich . . . Es geht Millionen Frauen so wie mir.«

Schon eine Weile hatte sie gedankenversunken in den Spiegel gesehen; jetzt

erst bemerkte sie die Miene befriedigter Rachgier in ihrem Gesicht. Und sah

ganz plötzlich Millionen Frauengesichter, schmerzbehangen.

»Das läßt einen das Unglück leichter ertragen, ertragen . . . Es geht eben

allen so wie mir. Wir müssens ertragen, wir Frauen.«

»Und wenn du einen Menschen leiden siehst, so verdopple sich dein eigener

Schmerz«, heißts, glaube ich, in der Bibel. Ganz im Gegenteil. Das lindert.

Entweder lügt die Bibel oder wir Kriegswitwen lügen. Alles ist auch nicht

wahr, was in der Bibel steht. Wir Kriegswitwen lügen nicht. Wer behauptet,

daß wir Kriegswitwen lügen! Wir haben unsere Männer dem Vaterlande

geopfert. Auf dem Altare des Vaterlandes geopfert. »Al . . . tar des Vater

. . . landes«, schmeckte sie mit der Zunge, sah fernhin, versuchte, sich

den Altar des Vaterlandes vorzustellen. Das gelang ihr nicht.

Immer wieder sah sie den Altar, vor dem sie als Mädchen das erste Abendmahl

genommen hatte, sah Kerzen und das Christusbild. »Aber Altar des

Vaterlandes? Gibts denn das überhaupt?«

Da machte ihr Wesen einen blitzschnellen Sprung zurück zu dem Glauben: »Ich

habe meinen Mann auf dem Altare des Vaterlandes geopfert . . ., wie alle

andern Kriegswitwen auch.«

»Der Altar steht allerdings nicht in einer Kirche, sondern ist ein mit

Elektrizität geladener Stacheldrahtzaun, in dem dein Mann hängen geblieben

ist«, versuchte der Schmerz zu flüstern, »also müßte man eigentlich sagen:

geopfert im Stacheldrahte des Vaterlandes.«

Es gelang ihr, den noch ganz undurchlittenen Schmerz um den toten Mann

wegzuhalten mit den Worten: »Er starb den Heldentod fürs Vaterland.«

Stolz glitt mit diesem Worte in ihr armes Herz hinein.

»Die Befriedigung, daß es Millionen Frauen so geht, und die Worte:

>Geopfert auf dem Altare des Vaterlandes, Er starb für eine heilige Sache,

Er starb für den Sieg unserer Waffen<, sind Betäubungsmittel gegen den

Schmerz um deinen geliebten Mann; aber nicht immer kannst du

Betäubungsmittel nehmen; einmal wirken sie nicht mehr«, flüsterte der

Schmerz, der empfunden sein wollte und so fest in Worte eingepackt war, daß

seine Stimme von der Kriegswitwe nicht gehört wurde.

Die Abzementierung des Gefühls, des Schmerzes war undurchdringlich; so

undurchdringlich war die einzementierte Wortplatte -- von den noch im

dunkelsten Geiste alter Jahrhunderte Stehenden einzementiert in das

empfängliche, gedankenlos-gläubige Gehirn des Volkes --, daß der noch

undurchlittene Schmerz nicht eine Sekunde lang in ihr Herz vordringen

konnte.

Der Gesichtsausdruck der Witwe wurde, da Gefühl und Schmerz nicht fließen

konnten, von Tag zu Tag steinerner. Die Tränen wurden nicht vom Herzen

geschickt; sie liefen von oben weg.

Und der immer steifer werdende Haß gegen den Feind machte sie im Traume zur

Mörderin.

Ein verspäteter Brief des toten Mannes kam an. Der Schmerz setzte sich in

den Brief hinein, wollte mit jedem Worte, das die Frau las, ihr ins Herz

springen.

Das war abzementiert.

Er erzählte vom Schützengraben, vom Feuer des Feindes, vom Essen. »Ich

rauche jetzt viel, das tut gut«, schrieb der tote Mann. »Und wann werde ich

dich wiedersehen? Sende mir eine wollene Unterjacke; es ist kalt geworden.

Und bleib mir treu.«

Die einzementierte Platte rückte; Schmerz schoß heiß auf. Ganz kurz. Dann

saß die Platte wieder fest. Das eine Sekunde lang ungeheuer verändert

gewesene Witwengesicht wurde wieder steinern.

In ihrem Kopfe war verwirrender Nebel zurückgeblieben, von dem sich vage

der Gedanke loslöste: »Zwei solche wollene Unterleibchen müssen doch noch

da sein, Trikotleibchen. Da könnte er immer das eine waschen, wenn er das

andere anhat . . . Müssen doch noch da sein.«

Der Schrank öffnete sich. Das Unterleibchen wurde bei den zwei Ärmelenden

gefaßt, untersucht. »Nur den Knopf, muß ich annähen.«

Der Schmerz hatte sich im Unterleibchen versteckt; sein Sprung ins

Witwenherz wurde vom Nebel in ihrem Gehirn verhindert.

Während sie den Knopf annähte, packte sie in Gedanken das Unterleibchen

schon ein, trugs zur Post: es rollte an die Front, wurde vom toten Mann

ausgepackt, angezogen.

Da verschwand der Nebel. Und ihr ganzes Wesen flüchtete hinein in das Wort:

»Ich habe meinen Mann auf dem Altare des Vaterlandes geopfert, für eine

heilige Sache . . ., wie alle andern Frauen auch, wie viele Frauen, wie

zwei Millionen Frauen. . . . Es geht mir nicht allein so.«

Sie trug das Leibchen in den Schrank zurück. Da hing eine alte Hose. Bei

den Knien war die Hose etwas heller und herausgedrückt, als seien die Kniee

des Mannes noch in der Hose.

Sie tippte mit dem Zeigefinger gegen das herausgedrückte Hosenknie, in dem

der Schmerz saß, lauernd, sprungbereit.

Und flüchtete, den Blick auf die schaukelnde Hose gerichtet, in die kleine

Befriedigung hinein: »Die hätte er doch nicht mehr lange tragen können.«

Automatisch ging sie fort, um Einkäufe zu machen für den Haushalt. »Lange

hätte er die nicht mehr tragen können . . . Wenn er zu den Leuten geht, um

sie zu überreden, sich versichern zu lassen, und ist nicht gut angezogen,

wer läßt sich da von ihm in die Versicherung aufnehmen . . ., wenn er

schlecht angezogen ist. Die Leute sind ja gleich so mißtrauisch.«

Sie hatte ein schwarzes Kleid an. Ihr Gesicht war leblos, weiß, das Auge

leblos: nicht starr, nicht ruhig, nicht glänzend; es sah tot aus. Die Witwe

sah tot aus. Wie ein Gipsabguß. Mechanisch bewegte sich ihr Körper

vorwärts, in den Kolonialwarenladen hinein.

»Aber wenn er abends heim kam, und es waren ihm ein paar Abschlüsse

gelungen. Wie schön! Die Prozente! . . . Da sind ein paar ganz Hartnäckige.

Gott, wie oft war er schon bei denen! Die sind sehr reich; die Versicherung

wäre sehr hoch; und wenn ihm der Abschluß gelingt . . . Die Prozente! Wenn

er vielleicht jetzt noch einmal hinginge, wer weiß? . . . Er soll doch noch

einmal hingehen.«

Der alte, nach Petroleum riechende Kolonialwarenhändler bediente die

Kriegswitwe mit besonderer und bedeutsamer Zartheit.

Und ihr stieg schmerzhaft schnell die unabänderliche Tatsache wieder ins

Bewußtsein, daß ihr Mann zu den paar Hartnäckigen, die so reich waren, gar

nicht mehr gehen konnte, weil er ja nicht mehr lebte.

Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich; und der Kolonialwarenhändler, von

ihrer Miene zum stärkeren Bezeugen seines Mitleids aufgefordert, zeigte

deutlicher, daß er wohl wisse, was es für eine Frau bedeute, den Mann

verloren zu haben. Seine gespannte Bereitwilligkeit, wie er ihre

Bestellungen entgegennahm, tat ihr wohl. Mit einem leisen Druck legte er

die gefüllte Düte vor sie hin, sah ihr, Oberkörper vorgebeugt, ins Auge.

Und die Hausfrau in ihr versuchte, das Zartgefühl des Kolonialwarenhändlers

zu benützen: ob sie den Kaffee noch einmal zum alten Preis bekommen könne.

Da hob er die Schultern: das täte ihm leid.

Sofort verschloß sich ihr Gesicht. Und wie ein Grammophon >Die Wacht am

Rhein<, spielte ihr wundes Gehirn automatisch: >Ich habe meinen Mann auf

dem Altare des Vaterlandes geopfert, für die Verteidigung des Vaterlandes,

des heimatlichen Herdes hingegeben; er ist auf dem Felde der Ehre gefallen,

damit dieser schmutzige Krämer weiter sorglos seine Kaffee verkaufen kann,

und mir gibt er ihn nicht zum alten Preis.<

Der Kolonialwarenhändler hob das Klappbrett des Ladentisches, schlüpfte

vor, öffnete höflich die Tür: »Die enormen Einkaufspreise jetzt. Nicht zu

sagen.« Es täte ihm ja wirklich sehr leid, aber da sei nichts zu machen.

Tief beleidigt und scharfen Haß in den Augen, verließ sie den Laden.

Ein Schaufensterspiegel zeigte ihr, daß sie gebeugter ging, als es ihr

momentaner Seelenzustand verlangt hätte. Bewußt brachte sie den

Gesichtsausdruck in Übereinstimmung mit ihrer Körperhaltung und ging

gebeugt und langsam weiter,

vorüber an einem spielenden Kinde, das, seinen mit Ahnung gefüllten Blick

zu ihr emporgerichtet, im Halbkreise auswich und ihr nachsah.

Daß sie eine Kriegswitwe war, konnte jeder sehen. Auch die Leute im

Trambahnwagen fühlten das sofort, schlossen jedoch die Augen. Denn da war

nichts zu machen. Krieg ist Krieg. Und dabei fallen Männer. Alles Mitleid

nützt nichts. Mitleid ist hier Schwäche. Außerdem gehts vielen so. Die

Kriegswitwe stierte wie ein Mensch, der in seinem Blute liegt. Und alle

gehen vorüber. Sie steckten die Gesichter in die noch feuchten Zeitungen,

lasen die neueste Siegesnachricht: wieviel Feinde gefangen, wieviel

gefallen waren, freuten sich und nahmen sich konzentriert vor: >Mich solls

nicht packen . . . Aber denen werden wirs zeigen!<

»Siebentausend!« las laut ein gutmütig aussehender alter Mann und sah die

Kriegswitwe an. »Siebentausend Gefangene! Ungeheuer blutige Verluste! Berge

von feindlichen Leichen!«

Gesichter glänzten. Freudenworte sprangen durch den Wagen. Hände

flatterten. Befriedigter Haß saß auf den Bänken.

Die bisher tot und blau gewesenen Augen der Agentenwitwe waren schwarz

geworden vor befriedigter Rachgier. »Was steht da? Berge von feindlichen

Leichen? Berge?«

Da trat, gleich einem Fremden, der unerwartet und unerwünscht in eine

geschlossene Gesellschaft eindringt, von der Plattform aus der Kellner in

den Türrahmen: »Über was freut ihr euch denn so? Über was? . . . Weil jetzt

wieder einige tausend Euresgleichen auf dem Felde der . . . Ehre liegen?

Blutig und zerfetzt! Noch atmend oder schon tot! . . . Vielleicht ist auch

Ihr Sohn unter den zerstampften Opfern. Und liegt seit der gestrigen

Schlacht ohne Hilfe schwer verwundet zwischen Toten und glotzt zu seinem

Beine hin, das zwei Meter von ihm entfernt liegt. Glauben Sie denn, daß Ihr

Sohn den wahren Grund gekannt hat, der ihn veranlaßte, zum Mörder zu

werden, bevor er selbst ermordet wurde?« fragte er, mühsam seine Erregung

bändigend, den gutmütig aussehenden alten Mann,

in dessen Gesicht die Siegesfreude fassungslosem Staunen wich.

Der Zwanzigjährige, der seit dem Tage, da der Kellner in seiner Heimatstadt

die Herzen für die Liebe aufgerissen hatte, mit durch das Land und durch

die Städte fuhr und, scheinbar ganz unbeteiligt, auf der Plattform stand,

machte plötzlich einen schnellen Schritt in den Wagen hinein, auf den

Offizier zu, der abweisende Glasaugen bekam: »Steht auf gegen den Krieg.

Protestiert! Alle! Alle!«

»Sie sind ruhig jetzt! Hier wird nicht so gesprochen«, sagte der Schaffner.

»Bleibt nicht sitzen in eurer Freude darüber, daß Ochsen und Kälber humaner

als Menschen, humaner als eure Männer und Söhne geschlachtet werden.«

Sekundenlang stand das Schreckgespenst der Wahrheit im Wagen.

»Wenn man's richtig überlegt, sind das natürlich auch Menschen . . . die

Feinde«, sagte jemand und wunderte sich, daß er diese Worte gesprochen

hatte.

Da wurden alle erlöst vom gutmütigen alten Manne, der sich schon wieder

beruhigt hatte: »Ja, Menschen! Warum haben sie uns dann überfallen? . . .

Hätten wir uns nicht verteidigen sollen?«

Das Leben kehrte zurück: Köpfe nickten. Augen blickten glänzend und hart.

Die Agentenwitwe richtete sich straff auf.

Der Kellner blickte hilflos wie ein Toter.

Der gutmütige Alte stieß mit dem Zeigefinger auf seine Zeitung und rief,

hassend und frohlockend: »Unsere Verluste sind ja ganz gering. Hier steht's

ja.«

»Immer heißt es: >Unsere Verluste sind gering<. Wie steht's dann damit, daß

wir bis jetzt schon mehr als zwei Millionen Tote haben? Und wie viele sind,

so wie ich, für das ganze Leben ruiniert?« fragte ein invalider Soldat, in

einem Tonfalle, der aus einer anderen Haßquelle kam, und starrte

unbekümmert dem Offizier ins Gesicht.

»Berge von feindlichen Leichen!« wiederholte der Alte und faltete die

Zeitung zusammen.

Der Schmerz um den toten Mann war von einem Leichenhaufen zugedeckt. Erregt

vom befriedigten Hasse, schritt die Agentenwitwe aus dem Wagen hinaus, die

Mundwinkel in die Wangen zurückgezogen, daß die Lippen verschwunden waren

und ihr mit Rachgier gefülltes Gesicht voller erschien.

Die Zeit ging hin. Mit Hilfe des Glaubens, daß ihr Mann für eine heilige

Sache, für den endlichen Sieg gestorben sei, auf dem Felde der Ehre, und

mit der lindernden Tatsache, daß es Millionen Frauen so ging wie ihr, hielt

sie den Schmerz auch noch während der nächsten Wochen von sich weg.

Gläubiger schickten Rechnungen, dann Mahnungen, dann Drohbriefe, in denen

noch der Satz stand: die Zeiten seien schlecht, jetzt brauche jeder sein

Geld; dann kurze Mitteilungen, in denen die Pfändung unverschleiert

angekündigt wurde.

Das hatte die Kriegswitwe, deren Mann doch auf dem Felde der Ehre gefallen

war, nicht für möglich gehalten. Diese Rücksichtslosigkeit und

Ungerechtigkeit übertraf alles, was ihr bisher widerfahren war, übertraf,

wenn sie genau überlegte, sogar die Ungerechtigkeit, daß ihr Mann, gerade

ihr Mann, der arme Versicherungsagent, der doch, weiß der liebe Gott, schon

vor dem Kriege in Not und Krieg gestanden war, in den Krieg hatte ziehen

und fallen müssen.

Monatelang trug sie noch das Gefühl und das gepeinigte Gesicht eines

unschuldig verfolgten Menschen herum, bis sie, täglich und durch

verschiedenerlei Erlebnisse immer wieder daraufgestoßen, einsehen mußte,

daß das Leben keine Rücksicht auf ihr Schicksal nahm, das ja schließlich

das Schicksal von Millionen Kriegswitwen war, sondern offenbar kraß

weiterschritt, ganz unverändert, was die Geld- und Selbstsucht anlangte.

Dieser bitteren Erkenntnis setzte sie anfangs soviel Härte und dunkle Wut

entgegen, wie in einem Menschenkörper Platz hat.

Aber das Leben war noch härter und mürbte täglich und mit mörderischer

Monotonie weiter, bis die Witwe dieser aussichtslosen Wut müde wurde.

Der noch undurchlittene Schmerz hatte Zeit, konnte warten, bis die

Schutzwehren -- der Altar des Vaterlandes, das Feld der Ehre und die

lindernde Tatsache, daß es zwei Millionen Frauen so erging -- ins Nichts

zurückstürzten und das Herz der Kriegswitwe bloßgelegt war für den Sprung

des Schmerzes, hinein ins Witwenherz.

Und was dem Tage nicht ganz gelang, vollbrachten die Träume. Dem Tage, da

ein Bekannter es sich wohl sein ließ bei der Bemerkung: »Liebe Frau, die

Zeit lindert jedes Leid«, folgte die Traumnacht, in der der Schmerz

erstaunlich deutlich erklärte: »Aber den noch undurchlittenen Schmerz kann

die Zeit nicht lindern. Kann Liebe vergehen, bevor sie da war und empfunden

worden ist? . . . Erst muß der wahnsinnig singende, mörderische Schmerz

empfunden worden sein, ehe die Zeit ihn lindern kann.«

In derselben Nacht träumte die Witwe: der Mann kommt zu spät nach Hause.

Sie liegt schon lange im Bett. Sie ist böse, schimpft: »Wo bleibst du

denn!« »Je, je, ich kann mich doch auch einmal ein bißchen unterhalten.«

»So! Und ich?«

Er zieht sich aus (jede seiner Bewegungen ist ihr genau bekannt), legt sich

neben sie ins Ehebett. Sie beobachtet alles durch die Wimpern, hört seinen

Erleichterungsseufzer und wartet auf des Mannes verlangende Hand, hüstelt,

um ihm die Annäherung zu erleichtern, bewegt den Körper, lockt, bis der

Mann zu ihr schlüpft.

Alles könnte schön sein, wenn sie nicht plötzlich merkte, daß nicht ihr

Mann, sondern ein Fremder sie umfangen will.

»Es erfährts ja niemand«, sagt der Fremde. Und sie denkt: das ist wahr, es

erfährts ja niemand. Ist bereit. Und alles wäre in Ordnung, wenn nicht im

Rebenzimmer ein Mensch herumginge, der jeden Moment ins Schlafzimmer kommen

konnte. Dieser Mensch ist der Schmerz um den toten Mann, hat eine feldgraue

Uniform an, das Gewehr quer über dem Rücken.

Jetzt steht er unterm Türrahmen, ist aber nicht mehr der Schmerz in

Uniform, sondern der Fremde, während bei ihr im Bett der Schmerz liegt, der

zugleich ihr Mann ist.

Sie will ihren Mann zu sich nehmen und kann nicht, weil der im Türrahmen

stehende Fremde nicht wegsieht. Und wie der Fremde endlich geht, die Tür

hinter sich zuschlägt und die Treppe hinunterpoltert, kann der Mann seine

Uniform nicht ausziehen. Und immer ist das Gewehr zwischen ihm und der

Frau.

»Das Gewehr könnte losgehen«, sagt sie, »nimm das Gewehr weg.« Sie will ihm

helfen.

Und erwacht. Ruft nach ihrem Manne, horcht. Und tastet das Ehebett ab. »So

eine Gemeinheit! Jetzt ist er noch nicht heimgekommen.« Sie schimpft:

»Dieser Lump!«

Der Mann lacht: »Schon seit zwei Stunden liege ich neben dir, und, du hast

es nicht bemerkt.«

Sie ist froh, lacht auch. Er zieht sich aus, kommt zu ihr. Und wieder liegt

das Gewehr, in dessen Rohrlauf ein Blumenstrauß steckt, hindernd zwischen

ihnen. »Nimms doch weg . . . Warte, ich drehe das Licht an.«

Die Hand am Schalter, erwacht sie diesmal wirklich, dreht das Licht an,

sucht neben sich im leeren Bett. »Der gemeine Kerl ist noch nicht da.«

Jetzt erst ergreift eine dunkle Faust das Herz. Und wie sie dem Schmerze

entfliehen will aus den Worten: »Er ist den Heldentod gestorben«, preßt die

Faust das Herz zusammen.

»Wie allen andern Frauen auch, geht es mir«, will sie flüstern. Und ihre

Lippen formen diese Buchstaben nicht. Die Begriffe >Altar des Vaterlandes,

Heldentod, Feld der Ehre< zerflattern, sinken ins Nichts zurück vor der

entsetzlichen Wirklichkeit, daß der Mann niemals mehr zu ihr kommen kann.

Und wie ein Mensch, der ein auf seiner Handfläche liegendes Brettchen unter

die Bohrmaschine hält, schmerzlos das monotone Wühlen des Bohrers fühlt,

empfand sie, starren Auges, noch schmerzlos, das rapide, unabänderlich

näherkommende Bohren, bis plötzlich der Schmerz das letzte Hindernis

durchstoßen hatte und, wie der Bohrer in die Handflüche, hineinsauste ins

Herz der noch schlaftrunkenen Kriegswitwe.

Sekündlich und mit der ganzen Kraft ihres Wesens versuchte sie, die

Begriffe >Heilige Sache, Altar, Feld der Ehre, Heldentod< als

Betäubungsmittel dem Schmerze wieder entgegenzustemmen.

Es gelang ihr nicht mehr, diese Begriffe wie bisher mit Glauben an sie, mit

falscher Empfindung, mit irgend einer Bedeutung zu füllen. Da löste sich

auch der Haß gegen den Feind in nichts auf.

Und der Schmerz um den toten Mann war, in den Zeitraum weniger Sekunden

zusammengepreßt, ganz plötzlich so unmenschlich furchtbar, daß die Witwe,

wollte sie nicht im Augenblick Besinnung und Verstand einbüßen, mit einem

gewaltigen innerlichen Sprung von ihrem Leben der Lüge, Gedankenlosigkeit

und Selbstsucht heraus -- ins höhere Menschentum hineinspringen mußte. Sie

hatte das tief entsetzliche Gefühl, die Kraft ihres Wesens reiche nicht aus

zum Sprunge, umklammerte, aufrecht im Bette sitzend, mit beiden Händen den

Hals, den Wahnsinnsschrei abzuwürgen, der gurgelnd hervorquirlte. Flog aus

dem Bett in den Rock hinein. Und raste, halb angekleidet, durch die

Straßen. Suchte sich eines Menschen zu entsinnen, der, vom gleichen

Seelenschlag zertrümmert, ihren vom Wahnsinn schon bedrohten Zustand

begreifen könnte. Und fand keinen in ihrer Welt. Alle trösteten sich selbst

und wollten sie trösten mit dem Altare des Vaterlandes, mit dem Felde der

Ehre.

Plötzlich sprang aus diesen trostlosen Worten der Kellner heraus und in den

Türrahmen der Straßenbahn: >Steht auf! Auf! Protestiert! Alle! . . . Glaubt

ihr denn, daß eure Söhne, eure Männer den wahren Grund kannten, der sie

veranlaßte, Menschen zu morden, bevor sie selbst ermordet wurden? . . .

Bleibt nicht sitzen in eurer Freude darüber, daß Ochsen und Kälber humaner

als Menschen, humaner als eure Söhne und Männer geschlachtet werden.<

Dunkel stieg der Protest in ihr auf.

Gegen Abend traf sie im Laden des Kolonialwarenhändlers mit der an der Ecke

wohnenden jungen Arbeiterwitwe zusammen, deren Mann im Lazarett verendet

war.

Die war in den wenigen Monaten eine alte Frau geworden; ihre Augen, durch

das Weinen blutrot und um die Hälfte verkleinert, glichen nicht mehr

Menschenaugen, sondern furchtbaren Wunden, die sich tief in die Höhlen

hineingefressen hatten. Ihr Mann war erschlagen. Ihre Welt war erschlagen.

Sie war erschlagen. Lebte nicht mehr.

Ihrem tödlichen Schicksale unterstellt, lehnte sie zermürbt und verbraucht

am Ladentisch.

Und als der Kolonialwarenhändler den Tagesbericht vorlas: »Unsere

todesmutigen Helden verteidigten mit bewunderungswürdiger Tapferkeit

. . . jeden Handbreit Boden«, bat sie mit dünner Stimme, er möge ihr doch

die drei Düten zusammen in eine Düte geben, so sei's leichter zu tragen.

»Handbreit Boden! Handbreit!« schrie die Agentenwitwe und erblickte, von

Wut und Abscheu in die Vision hochgerissen, ein nur handgroßes Stück Erde,

auf dem sich eine ungeheure Pyramide von hunderttausend zerfetzten Siegern

und Besiegten erhob.

Der alte Kolonialwarenhändler erschrak, als seinem beifallslüsternen

Patriotenblick ein von Mordwut verzerrtes, wildes Frauenantlitz

entgegengestellt wurde. Instinktiv flüchtete er in das Wort hinein: »Sie

sterben den Heldentod, auf dem Felde der Ehre.«

»Ja, Feld der Ehre! Ihr habt meinen Mann erschlagen. Mein Mann ist tot.

Tot!«

»Aber Frau! Und die Heimaterde? Die muß doch schließlich verteidigt werden.

Unsere heiligsten Güter stehen auf dem Spiele.«

Die Gedankenfetzen: >Güter, heilig . . . Güterschuppen steht auf dem

Spiele, Heimat . . . Börsenspiel mit Heimaterde<, passierten das

Witwengehirn. Sie schleuderte die gefüllte Düte zurück. »A was! Heiligste

Güter! Mein Mann war mein heiligstes Gut. Er lebte, hatte Augen, verstehen

Sie -- Augen! Hatte Arme, die er um mich herumlegen konnte, und hatte

. . . hatte, hatte, hatte -- war mein Mann. Ja, glotzen Sie mich nur an,

ist mir gleichgiltig. Was sind denn eigentlich die heiligsten Güter? Wo

denn? Ich hab sie nicht. Ich habe keine. Heiligste Güter! Heilig! Nichts

als Lüge und Schwindel. Schwindel! Ah . . . ihr Hunde!«

»Aber Frau! Sie machen sich ja unglücklich, werden eingesperrt. Sie werden

eingesperrt, das prophezeie ich Ihnen, wenn Sie so über . . . unsere

heiligsten Güter sprechen.«

»Ich, eingesperrt?«

Unvermittelt fühlte der Kaufmann die Macht der Kriegswitwe, legte einen

geradeliegenden Notizblock gerade.

Alter Schmerz hatte der anderen Kriegswitwe die Brauen hochgezogen, daß die

Stirn nur noch aus drei dicken Querfalten bestand. Aus ihren Wunden liefen

zwei Tränen heraus, glitten schnell in die Wangenlöcher, in den offenen

Mund hinein. Ob sie noch etwas Malzkaffee dazu bekommen könne. Ihre

langsame Hand schob das Geldstück hin.

»Wieviel Kaffeemalz? Ah so, es gibt keinen mehr.«

»Einsperren? Das wollen wir sehen, ob die mich auch noch einsperren.«

»Liebe Frau, hier dürfen Sie nicht so reden, hier bei mir . . . Sie müssen

sich trösten, müssen sich trösten. Da hilft alles nichts. Vielen geht es so

wie Ihnen. Ja, es geht Millionen so.«

»Dann halt adieu, wenn Sie keinen Malzkaffee haben«, sagte die andere

Kriegswitwe. Das Tränenwasser lief in den gewohnten Bahnen herunter,

schaukelte am Kinn. Die mit den drei kleinen Düten gefüllte große Düte in

die konkave Brust hineingepreßt, ging sie langsam hinaus.

Der Mensch ist gut · 第 1 / 10 段