Wer ist denn der Herr eigentlich? -- --

Ich nähere mich dem Schlusse meines Berichtes und werde im Gegensatze zu

meinen, derartige psychologische Raritäten novellistisch aus der Tiefe

ihres Talentes herauffischenden Kollegen von Wort zu Wort, von Satz zu Satz

ehrlicher und wahrer. Diese an das alberne Gänschen, das Trudchen Tofote

gerichtete Frage: Wer ist der Herr? ich sollte ihn eigentlich kennen! --

fibrierte zu allen Stunden scharf und schrillend mir durch die innigsten,

wehmütigsten Gemütsbewegungen der letzten Tage und Nächte. Wir mögen noch

so sehr in das Schicksal anderer Leute verflochten werden, unser eigenes

Schicksal behalten wir darum doch für uns allein, und es ist uns stets --

manchmal unsern tiefsten Empfindungen und Anmahnungen zum Trotz, das

wichtigere.

Das Wort der Hexe ärgerte mich durch die Stunden am Bette des sterbenden

Steuermanns, setzte mir seine scharfen Nägel mitten im Verkehr mit dem

Meister Autor und der Base in das weiche Herzfleisch, war mir in der heißen

Sonne unter den hohnlachenden Lebensbäumen am Grabe des Seefahrers Karl

Schaake wie ein eisiger Hauch im Nacken und zwang mich mehrmals, mich

umzusehen, _wer_ »eigentlich« da hinter mir stehe und mich anblase.

Was waren mir alle versunkenen und versinkenden Gärten gegen dieses

höhnische, lebendige, blühende Lächeln der Hexe, der Frau Christine von

Wittum?!...

Wir kannten uns recht gut; wenn wir uns auch durch manches Jahr aus dem

Gesichte verloren hatten. Als wir uns kennen lernten, waren wir noch --

»Oooooh!« stöhnte ich, und mit dem Griffe, mit welchem andere Leute dann

und wann nach der Pistole, dem Strick oder dem Rasiermesser griffen, faßte

ich meinen Hut und ging -- ging zur Frau Christine, die mich durch den

Zaubermohr und Diener weiland Mynheers van Kunemund hatte ersuchen lassen,

noch einmal bei ihr vorzusprechen.

Es lag mir schwer in den Gliedern, und ich wunderte mich gar nicht über

die müden, verdrossenen Gesichter der Leute in den Straßen. Langsam, ein

Bein dem andern nachschleifend, erreichte ich die Haustür der gnädigen

Frau, und auch hier wieder fand ich natürlich den Signor Ceretto

Wichselmeyer am Pfosten lehnend, -- wie in jener Mondnacht unter dem

Torbogen des Cyriacihofes. Außer der Hautfarbe hatte er von seinen

afrikanischen Ahnen noch dieses an sich behalten, daß ihm nicht leicht bei

irgendeiner europäischen Temperatur (physischen wie moralischen) zu schwül

zumute wurde. Er nickte mir freundlich und aufmunternd zu, geleitete mich

die Treppe hinauf, öffnete mir die Tür des Salons und meldete mich:

»Herr Baron von Schmidt!«

Da vernahm ich denn aus der Tiefe des bereits bei der Schilderung jenes

Gesellschaftsabends erwähnten tropischen Zimmergartens ein sonores,

wohlklingendes:

»Endlich!«

und entgegen meinem Herzklopfen rauschte die Frau Christine von Wittum,

reichte mir die Hand und rief:

»Ich habe zu Ihnen geschickt, um doch _einen_ Menschen zu haben, an dem ich

mein Mütchen kühlen konnte. Welche ärgerlichen, verdrießlichen,

langweiligen Tage! Aber Sie haben mich zu lange warten lassen, mein Herr;

und während des Wartens hab' ich mich eines andern besonnen: Lieber Baron,

ich würde noch einmal zu Ihnen geschickt haben, um Sie bitten zu lassen,

ruhig zu Hause zu bleiben, wenn mich diese fürchterliche Luft nicht

vollständig unfähig gemacht hätte, nochmals die Hand nach dem Klingelzug

auszustrecken. O ihr Götter, was alles muß man in dieser trostlosen Welt

ausstehen!«

»Allerlei Art von Dasein, liebe Gnädige,« sagte ich.

»Und ist das nicht gerade die Dummheit? Weshalb allerlei Dasein? Was geht

uns das anderer Leute an? Ich bitte Sie, was zum Beispiel hatten Sie sich

in die Verhältnisse dieser guten Menschen, die seltsamerweise

augenblicklich uns beide zu gleicher Zeit quälen und beunruhigen, zu

mischen?«

»Ich habe mich nicht hineingemischt, meine Gnädige. Mit Behagen, Spannung,

Rührung, Trauer und --«

»Und? und?«

»Und Mißbehagen habe ich als Zuschauer dagestanden und wahrlich mehr guten

Rat empfangen als gegeben.«

»Sie behaupten also, mein Herr, mir das törichte Ding, dieses hübsche aber

gänzlich unbedeutende Waldblümchen, diese Gertrud Tofote, aus welcher ich

in einer Laune mein Püppchen, mein Spielzeug gemacht hatte, nicht genommen

zu haben?«

»Mein Wort darauf!«

Es trat eine Pause in der Unterhaltung ein. Draußen in der Gasse trieb sich

jetzt ein heißer Wind um, und die Staubwirbel bis zu unserm Balkon in die

Höhe.

»Schließen Sie doch die Balkontür, bitte,« sagte die Frau Christine.

»Heute bin _ich_ meinerseits in der Stimmung, alles um mich symbolisch zu

nehmen und mich darüber zu ärgern.«

Meister Autor; oder, die Geschichten vom versunkenen Garten · 第 6 / 7 题