Es ist eine im Grunde lächerliche und dem denkenden Menschen auffällige

Tatsache, daß je mehr das unbefangene Interesse am Dasein und den

Bedingungen desselben wächst, in demselben Grade das Vergnügen und Behagen

dran abnimmt. Denn wenn auch in früheren Epochen die Menschen es sich

gleichfalls recht sauer haben werden lassen in der Arbeit, sich es

behaglich auf dieser Erde zu machen, so fehlte ihnen doch das intensive

Bewußtsein dieser großen Mühe, und das haben wir jetzt im vollsten Maße,

und das ist das Elend! Darüber habe ich lange und tief nachgedacht, auch

kluge Nachbarn zur Rechten und Linken um ihre Ansicht und Meinung darob

befragt, und nachdem auch sie länger und genauer darüber nachgedacht

hatten, haben sie die Achseln gezuckt, mich seufzend von der Seite

angesehen und sind -- wieder an ihre Geschäfte gegangen. Wer Ohren hat zu

hören, der höre, und nehme Rat an und setze sich hart! -- ein Schemel von

weichem Holz, vor dem Lehrstuhle der Erfahrung ist das einzige, was der

Menschheit noch helfen kann. »Bitte Platz zu nehmen,« sagt der Mann aus

Sinope; und: »Bitte Platz zu behalten!« sagte schon lange vor ihm der

Prediger Salomo; -- »Wer aber stehend besser hören kann, den soll man

gleichfalls nicht hindern!« sprach lange nach den beiden der heilige Simon

Stylites, der syrische Mönch mit einem sonderbaren Blicke auf die Stadt

Antiochia; -- ich persönlich setze mich selbstverständlich am Schlusse

dieser Historia so weich als möglich. --

Man spinnt dergleichen philosophische Gedankengespinste dann und wann nicht

ungern und, seltsamerweise, dann am liebsten, wenn der Lehnstuhl recht

bequem ist, und man auch sonst durch keine geistige und körperliche

Abhaltung gehindert ist, sich seinem asketischen Behagen mit vollkommener

Freiheit hinzugeben. Mit diesen und ähnlichen Gedanken, wie man das nennt,

beschäftigt, drehte ich in meinem Lehnstuhle vor meinem Schreibtisch die

Daumen umeinander, als es an meiner Tür pochte.

Es klopft häufig an meiner Tür, wie der Leser bereits erfahren hat, und

ich pflege mich nie durch ein »Nicht zu Hause« zu verleugnen; den Kreis

meiner Bekannten habe ich niemals zu verengern gesucht, und dazu gehörte

der Mensch, der jetzt kam, sogar zu meinen Freunden, und nach dem Meister

Autor konnte mir niemand gelegener kommen.

Der Teufel, dem das weißeste Weiberfleisch nicht zu weiß und zu zart und

nicht zuwider ist, wenn er in der Maske das Seinige bequemer zu verrichten

hofft, kann schwarz, recht schwarz auf der Bühne erscheinen; aber schwärzer

kann er sich unmöglich aus der Kulisse schieben, wie mein jetziger Besuch.

»Ceretto! Signor Ceretto!« rief ich. »Von Allen aller Hautschattierungen

mir Gesegneter! Mein schwarzer Diamant! mein Sonnenstrahl vom Mondgebirge!

mein unsträflicher Äthiopier aus dem Schüsselkorbe zu Bremen, -- seid Ihr

es denn wirklich? Alter Freund, ist es wirklich kein Gerücht, wandelt Ihr

wirklich noch unter den Lebendigen, um mit dem Meister Kunemund dieser

schlechten Welt die Stange zu halten?«

»An jedem Ende einer,« lachte der Schwarze, den schlossenweißen wackelnden

Haarwulst mir entgegenschüttelnd. »Und sie springt, Herr! sie springt gut

und überschlägt sich mit Grazie. Ich hab' es meiner Zeit im Zirkus kaum

besser gemacht; aber ich verstehe mich eben drauf, und habe also auch heute

noch mein Vergnügen dran, was auch der Herr Kunemund seinerseits dagegen

vorbringen mag.«

»Und wie er sich konserviert hat!« rief ich, entzückt und zärtlich das

schwarze Greuel in die Arme fassend. »Seine siebenzig Jahre hat er bald gut

auf dem Nacken; aber wie steht er noch auf den Füßen! wie sieht er noch aus

den Augen!«

»Und erst der Magen, Herr,« grinste der Alte, den zahnlosen Mund vor

Behagen so weit als möglich öffnend. »Ich brachte ihn schwach mit auf die

Welt, den Magen, aber die Mäßigkeit und solide Diät hat ihm und mir

durchgeholfen. Die Leute sollten nur recht wissen, wie gut einem das

Feuerschlucken, Säbelklingenverschlingen und Lebendige-Kaninchen-fressen

tut; -- wahrhaftig, sie ließen sich bald viel mehr auf den Jahrmärkten als

in den Bädern sehen. Da muß man in seiner Jugend den wilden Indianer selber

gespielt haben, um darüber mitreden zu dürfen; übrigens glaube ich, gibt es

keinen zweiten Menschen, der sich so fest vorgenommen hat, noch einen Blick

in das zwanzigste Jahrhundert zu tun, wie ein gegenwärtiger Wichselmeyer,

Signor Ceretto Meyer aus Bremen.«

»Und nach einem zweiten gleich gebildeten Mohren, Neger oder Nigger wird

man gleichfalls lange suchen dürfen!« rief ich lachend. »Daß Sie Ihre

Diätetik aus sich selber haben, weiß ich; aber woher Sie den Blick in das

zwanzigste Jahrhundert nehmen, das mag der Teufel raten.«

»Danke, Mynheer. Vielleicht kommen Sie noch dahinter; verlieren Sie nur den

Mut nicht. Ei freilich, wir haben unsere Gelegenheiten, uns zu bilden, und

nehmen sie auch wahr; sonst aber, verehrter Herr von Schmidt, lassen Sie

sich jetzt vor allen Dingen sagen, daß ich diesmal nicht aus eigenem

Antrieb die Ehre habe, sondern mit einem Kompliment und einer Bestellung

geschickt werde. Wenn Sie es gütigst erlauben, will ich ein andermal --«

»Aus eigenem Antrieb kommen und vorlieb nehmen; -- natürlich. Wer aber

schickt Sie heute denn, alter Freund?«

Da verwandelte sich das breite Grinsen auf der uns Japhetiden trotz allem

stets so verwunderlichen Physiognomie des Spötters Ham in sein

vollständiges Gegenteil.

»Sie!« sagte der Mann aus dem bremischen Schüsselkorbe kurz.

»Sie? ja freilich sie! Das läßt sich wohl erraten, ohne daß man lange

darüber nachzudenken braucht. Was wünscht das Fräulein?«

Ich hatte dem Greise meinen weichsten und bequemsten Sessel zugeschoben,

und da saß er, eine wahre, wirkliche echte Meßrarität, den Kopf zwischen

den Schultern und nur das Weiße in den Augen zeigend -- eine Rarität, auch

für die Büchermesse.

»Was wünscht das Fräulein, Ceretto?«

Das ganze Elend Hams, nachdem der Vater Noah das Seinige gesagt hatte, sah

mich aus den Augen dieses Mohren an, als er endlich erwiderte:

»Vielerlei. Das heißt, wahrscheinlich sehr vieles; -- vor allem andern aber

wünscht sie, daß Sie die Freundlichkeit haben möchten, morgen abend eine

Tasse Tee bei ihr zu trinken.«

»Mit Vergnügen!« sagte ich, zustimmend das Haupt neigend. »Der Wunsch mag

dem Kinde in Erfüllung gehen; aber, Freund, da ich Euch habe und halte,

lasse ich Euch nicht eher wieder, bis ich -- ein wenig genauer weiß, wie

Euer Leben verlaufen ist, -- seit -- seit jenem Tage, an welchem Ihr uns

über Mynheer van Kunemunds Gartenhecke aus unserm Suchen nach der Erbschaft

Mynheers in dieselbe hineinwinktet.«

»Ich habe eben mit zu der Erbschaft Mynheers van Kunemund gehört, mein

Herr.«

»Wahrhaftig! und Sie und unser schönes naives Waldkind wohnen mit der Frau

von Wittum unter _einem_ Dache. Der Förster ist tot, der Meister Autor

haust einsam und geheimnisvoll in seines Vaters Hütte, und Herr Vollrad von

Wittum kommt von Berlin, um sich der Gertrud vorzustellen zu lassen:

weshalb, weshalb und hundertmal weshalb dieses alles?! Wir leben in Tagen,

denen es auf eine genaue Einsicht in die Dinge überall im hohen Grade

impertinent ankommt, und Sie, Ceretto, sind der Mann, der diesmal hier die

nötige Aufklärung geben kann. Nehmen Sie eine Zigarre!«

Der Alte griff dankend in das angebotene Kistchen und sagte lächelnd:

»Wenn ich nur das erzähle, was ich weiß, so nehmen Sie mir dieses wohl

nicht übel?«

»Die Frage tut man auch nur an einen, den man bereits genauer kennt. Ich

werde es nicht übel nehmen; aber Ihr habt Glück, Wichselmeyer; Tausende

würden es sehr übel nehmen und allem Eurem Widerstreben zu Trotz alles

Mögliche in Euch hineinfragen.«

»So ist es,« sagte der Schwarze, »kommen wir also wie alles Gute und

Verständige schnell zu Ende. Es war ein zierlich, einfach, niedlich Ding,

Herr, was Sie in unsern Garten einführten, und es kam in glücklicher

Begleitung, aber es ging unsichtbar hinter ihm etwas, was nicht zur

Gesellschaft gehörte, was sich aber, wie Sie wissen, merkwürdig fein und

frech aufzudrängen versteht, bis es alles, was es nicht auf dem Wege vor

sich brauchen kann, richtig und ruhig im Graben hat. Wir aus der

Bedientenstube sehen es häufiger, als die Herrschaften meinen, die Treppe

hinaufschleichen; und wenn wir es zu melden haben, oder ihm nachher in der

Garderobe den Überrock hinhalten oder den Schal umhängen, so zahlt es

meistens durchaus nicht die schlechtesten Trinkgelder.«

»Signor Ceretto, Ihr seid ein großer Mann!« unterbrach ich in vollster

Bewunderung.

»Das heißt, wir haben die Jahrmärkte und Messen bezogen, sind alt geworden

und jung geblieben -- Herr, man kann das letztere auch, ohne auf dem Markte

ausgestanden zu haben -- der Herr Autor Kunemund kann sich in der Hinsicht

auf das Aushängeschild malen lassen -- na wie ist's, was das anbetrifft,

darf man Sie doch mit der Trompete vor die Bude schicken?«

»Sie sind ein großer Mann, Ceretto; und da Sie das auch wissen -- was

wollen Sie mehr?«

»Die beiden alten Herren, der Förster Tofote, der Meister Kunemund und --

ich, wir waren also machtlos gegen Das, was sich mit einschlich in den

Garten Mynheers, und der junge Mensch, der Leichtmatrose, ebenfalls,

obgleich der vielleicht noch am ehesten etwas dagegen hätte tun können,

wenn er nicht im natürlichen Lauf der Dinge den veränderten Umständen

gegenüber sofort so sehr verdrossen und unerträglich geworden wäre. Er ging

schneller wieder zu Schiff und auf die See, als er verantworten kann. Der

Teufel hole ihn dafür.«

»Das hat er bereits so halb und halb besorgt; -- erzählen Sie weiter,

Ceretto.«

»Hat er ihn geholt? Herr, entschuldigen Sie, aber es werden viele

Ansichten in Spiritus gesetzt, die ihn nicht wert sind! Uns -- uns hat er

am Kragen und hält uns ziemlich fest; aber Sie haben recht, und ich erkläre

weiter, wie ich in meiner angenehmen Jugend auf dem Hamburger Berg schon

berühmt dafür war. Also wir drei Alten mit dem Fräulein waren nun allein

unter uns -- eine fidele Menagerie, Herr, und das Publikum fand das auch,

ohne daß wir das Fräulein, sozusagen, den Honoratioren mit den Zetteln in

die Häuser zu schicken brauchten. Das Publikum kam ganz von selber, und das

Schlimme dabei war nur, daß das Fräulein binnen kurzem sich ein

Separatkabinett einrichtete, das Hauptgeschäft schädigte und uns den Stuhl

vor die Bude schob, natürlich ohne es selber ganz genau zu wissen. O Herr,

Herr, welche und wie viele Leute kamen, um uns zu gratulieren und um an

unserm Glück innigen Anteil zu nehmen, das heißt ihren Anteil! Ich hätte

Sie wohl dabei haben mögen, um den Spaß anzusehen. Für einen, der nichts

damit zu tun hatte, wie zum Exempel mich selber, war es wirklich eine Lust,

denn die drei -- der Arend, der Autor und die Gertrud waren wie die

unmündigen Kinder in der Hand der Kriegsknechte Herodis oder noch ein wenig

schlimmer. Zu Bethlehem war dem Jammer wenigstens schnell ein Ende gemacht,

aber hier zog sich das Vergnügen länger hin, und was das gnädige Fräulein

angeht, so --«

Hier griff sich der Greis so komisch-kläglich in die weiße Wolle und

seufzte so gewaltig, daß ich schnellstens in der Phantasie nach dem

Sonnenschein, Lerchensang, Wachtelruf und Thymiangeruch in den Dornstrauch

an jenem Hohlweg zu greifen hatte, um in meiner Teilnahme an den alten

Tagen des Meisters Autor nicht ins Bodenlose zu versinken.

»Die Obervormundschaft mochte manchmal ihr blaues Wunder haben,« fuhr mein

so sehr europäisch gewitzigter Afrikaner in seinem Berichte fort. »Erst

nach und nach, so ganz nach und nach konnte es zutage kommen, was für eine

Erbschaft eigentlich Mynheer van Kunemund uns hinterlassen hatte. Es fanden

sich ausgeliehene Kapitale an Orten, wo es sehr, sehr übel roch, --

Kapitalien, die nicht gewinnbringender angelegt werden konnten. Wir hatten

zwar unsere Advokaten dafür; aber dem Kunemund und dem Tofote konnte doch

niemand davon helfen, mit Volk verkehren zu müssen, das wie die Regenwürmer

bei Laternenschein aus der Erbschaft heraufwimmelte. Großer Barnum, jetzt

erst kam es so nach und nach heraus, was für ein Geschäft der Erblasser

selber besorgt hatte, ehe er es uns auf die Schultern ablud. O und an

Bekanntschaften fehlte es dem lieben Kinde bald gar nicht, -- wir fanden

sie von allen Sorten -- ganz herrliche und nobele Leute, die sich unserer

aufs freundlichste annahmen; aber auch das Gleiche von uns verlangten. Und

kurioserweise zeigte es sich bald, daß das, wobei den zwei alten Herren

übel genug wurde, diesen Eindruck auf den Magen der jungen Dame gar nicht

machte. Im Gegenteil fand sie sich mit vielem Geschmack in das neue gute

Leben hinein, nahm zu an Weisheit und Tugend, und wenn ich nicht schon

vorher gewußt hätte, was für ein Schlaukopf mein seliger Herr, der kleine

Bruder des langen Meisters, gewesen war, so wäre es mir jetzo wie durch ein

Gaslichtmikroskop deutlich gemacht worden. Eine hunderttausendfach

vergrößerte Käsemilbe ist mir heute gar nichts mehr gegen Mynheer van

Kunemund; ich bin selber einmal eine Zeitlang mit einem Doktor, der aus

einem solchen Vergrößerungsglase sein Dasein zog, gereist und muß das

wissen. Der selige Herr, mein Mynheer, hatte es sich genau überlegt -- er

überlegte sich alles genau -- und sein Vermögen war in den besten Händen.

Er hatte sich vorgenommen, seinen Herrn Bruder auch nach seinem Tode zu

ärgern, und er ärgerte ihn gründlich.«

»Sie sind ein großer Mann, Ceretto!« sagte ich leise, und viel mehr zu mir

selber, als um das meinem Besucher von neuem auszusprechen. Er aber nickte

und fuhr im kläglichen Tone in seinem Berichte fort, um ihn schnell durch

eine Frage zu unterbrechen:

»So lebten wir denn vergnügt hin ... Entschuldigen Sie, haben Sie sich

nicht wie die andern auf der Stelle in die gnädige Frau verliebt?«

»Die gnädige Frau? Frau Christine von Wittum? ... bei allen Fetischen Ihrer

Heimat, lieber Meyer, Sie bringen mich darauf -- es ist eine schöne Frau --

ein schönes Weib! Das aber habe ich freilich schon ziemlich lange gewußt.«

»Sie ist die Hexe in der Geschichte -- aber es ist eine junge und hübsche

Hexe, das muß ihr der Böse lassen; -- die beiden alten Herren aus dem

künstlichen Urwalde fanden das auch bald heraus, und der Herr Autor

Kunemund zuerst.«

»Wieso?«

»Er verließ uns zuerst; das heißt, sie jagte ihn zuerst zur Tür hinaus. Der

Herr Förster Tofote ging erst, als von der Gesellschaft der erste Baum im

Garten niedergehauen wurde, und die neue Straße über die alte Hecke, über

die ich Sie bewillkommnete, sich hinlegte. Der Herr Autor brannte bei

dunkler Nacht durch, aber der Herr Förster ging am hellen Tage, und die

gnädige Frau und das gnädige Fräulein brachten ihn zärtlich zur Eisenbahn,

und ich besorgte ihm sein Gepäck. Es war am besten so, denn den Tag darauf

kamen die Maurer, um das alte Haus im Garten niederzureißen, und im Hause

der gnädigen Frau würde der Herr Förster sich doch wohl ein wenig

unbehaglich gefühlt haben. In dem hundertjährigen Garten aber sind auch

nicht immer unschuldige Kinder- und Schäferspiele aufgeführt, also fort mit

ihm! das war meine Ansicht von der Sache, und da meine Hautfarbe der

gnädigen Frau konvenierte, so blieb ich und ging mit, denn ein Esel war ich

nicht, und in des Meisters Kunemund Dorfe würde ich ein recht liebliches

Dasein gelebt haben, wenn ich da den Tee hätte präsentieren wollen. Also

--«

»Also?« ...

»Bin ich hier und lade freundlichst ein, morgen abend eine Tasse Tee bei

dem gnädigen Fräulein zu trinken und -- wie man hier und da in der Provinz

sagt, mit _uns_ vorlieb zu nehmen.«

»Würden Sie mir raten, die Einladung anzunehmen, Ceretto?« fragte ich

nachdenklich.

»O gewiß! Ich an Ihrer Stelle würde sicherlich hingehen, -- schon des

Herrn Meisters und des seligen Herrn Vaters wegen würde ich mir den Spaß

ansehen. Es ist eine Hauptkomödie! -- in meinem ganzen Leben bin ich noch

nicht so an meinem Platze gewesen, wie jetzo in dieser gegenwärtigen

Kondition. Kommen Sie unter allen Umständen; Sie finden auch sonst bei uns

die schönsten Leute der Stadt, und daß Sie unserer gnädigen Frau nicht

übermorgen einen Heiratsantrag machen werden, davor sind Sie noch gar nicht

sicher; denn wenn die Gnädige ihren Kopf darauf setzt, so darf ich heute

schon gratulieren. Mir ist es mit ihr grade ebenso ergangen.«

»Ceretto?!« stammelte ich, im Gemüte schwankend zwischen Schrecken und

Heiterkeit; aber die letztere siegte ob, und ich rief lachend:

»Ich komme! ich komme! verlassen Sie sich drauf, Sie dunkelfarbiges

Meßungeheuer!«

»Es wird uns eine große Ehre sein,« sprach der Mohr aus dem Bremer

Schüsselkorbe mit der ernsthaftesten Miene; dann aber grinste er in einer

Weise, die die Wand ihm gegenüber hätte anreizen können, dasselbe zu tun

und einen Spalt zu erzeugen, querüber von der Decke bis zum Fußboden. --

Neunzehntes Kapitel.

Ich ließ mich erkundigen, wie es dem Steuermann Schaake gehe, und erhielt

die Antwort: Schlecht! -- Er liege im argen Fieber, berichtete mein Bote,

-- er spreche das tollste Zeug und halte sich meistens auf dem Wasser auf.

Mein Bote selber hatte ihn, von der Tür aus, reden hören.

»Es wird einem ganz schwindlig dabei zumute,« sagte er. Der alte

Hafenkapitän aber hatte geweint und ließ sagen: wenn es mir möglich wäre,

so würde es ein Trost im Hofe sein, wenn ich noch einmal im Laufe des Tages

vorsprechen wolle.

Ich ging am Nachmittage und ging ebenfalls aus der »langweiligen

Dasselbigkeit des Daseins«, aus der Trivialität der Werkeltagswelt und des

Alltagslebens hinaus auf die hohe -- hohe See.

Und sie kamen in langgezogenen weich-gewaltig sich rundenden und

majestätisch vornüberbrechenden Wogen heran, die großen Wasser. Sie wälzten

sich eine nach der andern her gegen das Ufer jener Dasselbigkeit, von der

Marina spricht; aber es war eine Täuschung, daß die Wellen den, der sich in

sie eintauchte, freudiger und lustiger an diesen langweiligen Strand

zurückbringen würden. Die bittern Wasser zogen dem Lebendigen die Füße vom

Boden weg, hoben und trugen ihn -- aber sie spielten mit ihm; nicht er mit

ihnen! -- nur die Leichen und Trümmer kamen zurück an den Strand.

Es war heiß in den Gassen der Stadt, aber kühl in dem dunkeln

mittelalterlichen Hofe, in welchem der Steuermann von der See träumte. Ich

saß am Bette des fiebernden Kranken zu Häupten, die Muhme zu Füßen, und

sie, die dem braven Schiffsmann so oft, seinen guten, sichern, behaglichen

Ankerplatz hinter dem Hafendamm angewiesen hatte, sie hatte die Schürze

über den Kopf gezogen und den Mut verloren.

Es hatte sich in der Tat mit dem armen Karl verschlimmert. Die Ärzte

sagten das, was sie zu sagen hatten, mit dem bekannten gedämpften Tone. Sie

hatten wenig Aussicht, ihren Patienten am Leben zu erhalten, und

gestatteten sich bereits vor der Tür die Bemerkung, daß dieser Mann von

Rechts wegen eigentlich nicht auf dem Lande und zwar so tief im Binnenlande

hätte begraben werden sollen. Es war eine naheliegende Bemerkung. --

Der Verwundete erkannte mich noch; er hatte mir die heiße Hand

entgegengestreckt und gerufen:

»Das ist schön! Nun was sagen Sie aber? das Schiff ist klariert bei Zoll-

und Hafenbehörde; -- alles fertig -- mit der Ebbe seewärts, und -- hoffe,

Maat, daß Sie nicht ausspucken werden, wie ein Chinese, wenn er eine

Sternschnuppe sieht.«

Ich sagte natürlich etwas Angemessenes; aber der Kranke, von einer neuen

Welle weiter von mir weggezogen, schüttelte heftig den Kopf:

»Da! ich sagte es doch, -- steif aus Norden. Leichte Segel fest! da haben

wir's -- große Royalrah zum Teufel. Wie gut, daß _sie_ es so gut am Lande,

im Walde hat, -- wenn ich nur des Alten Hunde noch einmal in der Ferne

hinter den Büschen anschlagen hören könnte!.. Was?.. und das schon die

Berge von Ceylon?... eben klarste Kimmung und bezogene Luft im Augenblicke

drauf! Der Teufel werde klug aus dem Wetter, daß man den Wald vor Bäumen

nicht sieht, wie der Meister Autor sagt.«

Nun erkannte er mich wieder und rief, das letzte Wort aus seinen Phantasien

mithernehmend:

»Es ist doch schön im Walde, in dem alten Hause bei dem Tofote -- man muß

die See befahren haben, um das auszufinden. =Ay, Sir=, aber Gertrud --

unser Trudchen, unser Trudchen, kennen Sie unser Trudchen Tofote? Sie haben

mir gesagt, der Herr Förster sei gestorben; aber das ist bloß der Nebel auf

dem Meer -- die bezogene Luft -- sehen Sie, Kapitän, wie ich es gesagt habe

-- gegen Abend schönes Wetter, abnehmender Seegang, leichte ebene Brise und

-- da stehen wir dicht unter der Küste von Travancore, es wird sich schon

machen, Supercargo, daß wir auch Arabien noch einmal im Mondschein liegen

sehen.«

»Nun hören Sie ihn nur! Haben Sie ihn gehört?« flüsterte die Muhme Schaake

in einer Pause, während welcher der Kranke unruhig hinschlummerte. Ich aber

nahm jetzt die Hand der Greisin und hielt sie stumm fest; der Kranke fing

bald wieder an, von neuem zu reden.

»In Arabien erzählt man Geschichten; die Bücher von den tausend Nächten

sind daher, sagt man. =Damn=, die Korallenbänke und blinden Klippen! die

ganze Küste von Aden soll zur Hölle fahren! Nicht wahr, Herr, die Gertrud

kommt so her wie aus dem arabischen Märchen und -- Mynheer -- van Kunemund

auch; -- wir gingen alle in den schönen Garten -- Schiff glatt vor dem

Winde unter beiden Marssegeln, und wäre der Stein der Abnahme nicht

gewesen, so hätt' mir kein größerer Spaß widerfahren können. Hab' ich's

nicht gesagt, Kapitän? von Aden an Sturm, -- da haben wir's, und das

Kajütendeck fängt sofort an zu lecken -- warmes Regenwasser in den Grog --

und da -- Bab el Mandeb -- das Tor des Todes!... ich wollte, wir säßen

sicher auf dem Lande und wär's auch bei Dscheddah in der Wüste auf Mutter

Evas Grabe!«

»Das muß man nun anhören!« klagte die Muhme Schaake. »Von Mutter Evas

Grabe hat er die letzten Tage durch alle Augenblicke angefangen zu

sprechen. Er muß wohl einmal dagewesen sein; -- o lieber Herr, manchmal hat

er während der letzten Tage fürchterlich auf die Weiber geschimpft, der

arme Junge. Ich habe es ihm für meine Part nicht übelgenommen, von mir

mochte er sagen, was er wollte; aber er muß uns auch wohl von allen Farben

gesehen haben -- schwarz und gelb und braun -- von den melierten und den

weißen gar nicht zu reden.«

Der Kranke lachte jetzt in seinem Fieber; es mußte doch wohl etwas von den

Worten der Greisin sich in seinem Bewußtsein festgehäkelt haben; er sprach

aber weiter nichts, sondern fiel in einen etwas festern Schlummer.

»Es wäre arg gewesen, Frau Schaake, wenn er von Ihnen etwas Böses hätte

sagen wollen,« bemerkte ich, jedoch ein wenig zerstreut, denn -- bei Mutter

Evas Grabe, ich sah plötzlich die Hexe vor mir -- ja die Hexe im Märchen --

hübsch, jung, wohlhabend und lebensfroh, und ich dachte daran, daß sie mich

auf morgen abend zum Tee eingeladen, und daß ich dem Zaubermohr Signor

Ceretto Wichselmeyer aus Bremen versprochen habe, zu kommen.

Eine ziemliche Zeit saßen wir einander nun stumm gegenüber, die alte Frau

und ich, und horchten den keuchenden Atemzügen des Verwundeten. Dann

flüsterte die Greisin:

»Und den Kunemund versteh' ich doch nicht. Jetzt müßte er doch Ihren Brief

längst erhalten haben.«

Ich konnte nur die Achseln zucken:

»Man weiß eben nie, was anderen Leuten passierte, während das Schicksal

einem selber in das Nackenhaar griff. Wenn der Meister morgen nicht kommt,

werde ich zu ihm gehen.«

»Oh, Herr, wenn Sie das tun wollten!« rief die Alte. »Sie verdienten sich

einen Gotteslohn an uns. Wenn einer dem armen Karl noch ein gutes Wort

sagen könnte, so ist das der Autor Kunemund. Nach uns Weibern hat der Junge

von keinem Menschen soviel in seiner Abwesenheit gesprochen, als von dem

Kunemund. Sehen Sie, es ist so gut von Ihnen, daß Sie doch ganz von selber

darauf gekommen sind, -- von meiner Seite wäre es zu unverschämt gewesen,

Sie darum anzugehen.«

Ich wies diese gute Meinung natürlich mit Wort und Gestus weit von mir.

»Dick mit Regen! wenn es gegen Abend nicht abklart, kriegen wir eine harte

Sturmböe dicht vor dem Ankerplatz; -- werden uns dem Hafenmeister mit allen

Segeln in Fetzen präsentieren!« rief der Steuermann, und die Alte mit dem

Schürzenzipfel wieder vor den strömenden blauen Wunderaugen flüsterte:

»Da spricht er wieder von mir! O Gott, zu solchem Elend so alt werden zu

müssen!«

Ich ging bald, und saß den Abend noch eine Stunde im Theater und sah den

geharnischten Geist des alten Dänemark über die Bretter schreiten, hörte

das: Sein oder Nichtsein -- sah die Komödie in der Komödie, aber sie

spielten und sprachen alle mit falschem Pathos und verrenkten Gliedmaßen,

und die ganze Geschichte kam mir entsetzlich einfältig vor. Wer hebt die

Gärten, die uns versinken, wieder herauf aus der Tiefe? --

Zwanzigstes Kapitel.

Also die Hexe -- die Hexe im Märchen, die junge schöne Witwe eines wahrlich

nicht sehr jung gestorbenen Ogers oder kleinstaatlich juristischen

Menschenfressers freute sich auf mein Kommen!? Sie, die den Vetter Vollrad

herbeschieden hatte, um ihren letzten Fang, das dumme Gänschen Trudchen

Tofote und die Erbschaft Mynheers van Kunemund zu heiraten.

Der Mohr hatte es gesagt, und mir träumten in der Nacht, die diesem

Teeabende voraufging, fast ebenso sonderbare Dinge wie dem Steuermann

Schaake in seinem Wundfieber; ich werde mich aber wohl hüten, das, was ich

sah, hörte und sagte, hier der Welt kundzumachen. Als die Hexe noch eine

Jungfrau war, kaum aus dem Backfischalter herausgewachsen, war sie mir

schon einmal quer über den Weg gelaufen; und gute Gesellen, treue

Kameraden, die sie damals bereits besser kannten, als ich heute, hatten

mich natürlich weniger vor ihr gewarnt, als ihren Spaß an der Verzückung

gehabt, in welche sie mich versetzte.

Und neulich hatte sie ebenso selbstverständlich nicht das mindeste von mir

gewußt, hatte sich meinen Namen nennen lassen, und nur durch eine dem

ganzen übrigen Universo unverständliche Fächerbewegung merken lassen, daß

-- sie mich sehr wohl kenne, daß ich ein guter alter Bekannter von ihr sei.

Die schöne Sonne des neuen Sommertags war wiederum untergegangen, und ich

verfügte mich nach der Höhle der Hexe, die natürlich nicht in der Mitte des

Zauberwaldes der alten Stadt gelegen war, sondern in ihrem modernsten

Quartiere.

Ich hatte aber die alte Stadt zu durchschreiten, und da mich mein Weg an

dem Cyriacushofe vorüberführte, so trat ich auch jetzt ein, um wenigstens

an der Tür Erkundigung über den Kranken einzuholen. Ich traf den Wundarzt

an der Tür, und er strich auf meine Frage glatt vor sich hin durch die

Luft, was soviel heißen sollte, als: O, er ist auf gutem Wege, unter den

irdischen Behörden kennen wir vom Fach keine, die ihn aufhalten könnte; der

Stadtphysikus ist ganz meiner Meinung.

Dabei fühlte der Mann nach seinem Handwerkszeug in der Brusttasche und

ging: ich aber hörte von der Tür -- wie gesagt -- aus, wie der Steuermann

mit klarer Stimme rief:

»Da haben wir die rote Tonne!« und dann den Lotsengruß:

»Willkommen in See!«

Ich wich zurück, ohne die Base Schaake begrüßt zu haben; ich traute mir

nicht recht, ihr in meinem Gesellschaftsanzuge die Hand zu geben. Ich kann

nicht sagen, ob ich mich richtig und verständlich ausdrücke; aber die

Sorgfalt, die ich auf meine Toilette verwendet hatte, hinderte mich: ich

kam mir zu gleicher Zeit abgeschmackt und allzu begräbnismäßig frisiert

vor. In ziemlich unbehaglicher Stimmung rief ich eine Droschke an und fuhr

weiter, von nun an mich ein wenig mehr mit der Tochter des Försters Arend

Tofote als mit der Frau Christine von Wittum beschäftigend -- wenigstens

bis zum Anhalten des Wagens und während des ersten Teiles des Abends.

Es sahen mir sehr hell erleuchtete Fenster in der Abenddämmerung entgegen,

und das erhob auch meine Lebensgeister wieder etwas; da jede veränderte

Dekoration und vor allem eine ins Freundliche und Helle veränderte

Bühnenbekleidung in Verbindung mit Zeit- und Ortswechsel auf das

vergrillteste Gemüt Wunder zu wirken vermag, -- was ich übrigens hier

durchaus als keine ganz neue Erfahrung vorführe.

Auf dem Balkon stand eine hellgekleidete Dame, die jedoch zurückwich, als

ich aus dem Wagen stieg. Auf der Treppe wurde ich von meinem alten

schwarzen Freunde begrüßt.

»Da sind Sie also! Na, dann gehen Sie nur hinein; Sie kommen früh, und das

ist recht hübsch von Ihnen. Das Kind finden Sie in einer merkwürdig weichen

Stimmung; aber die andere in ihrer richtigen Laune.«

Er war mir voran gewatschelt, hatte mir die Tür geöffnet, und nach einem

Augenblick stand ich abermals vor der Tochter des Försters Tofote in einem

ziemlich geräumigen, glänzenden, von einer Gaskrone tageshelle erleuchteten

Gemache. Ganz reizend sah das junge Mädchen in ihrer bunten, blendenden,

aber durch das verschiedenartige Grün vieler kunstvoll zusammengestellter

künstlicher Gärtnergewächse gesänftigten Umgebung aus, und einen Moment

lang verstand ich einmal wieder den Meister Autor, der sie doch auch wohl

in einer solchen Umgebung gesehen hatte, nicht mehr.

»Dieser Herr Vollrad von Wittum wär ein Urnarr, wenn er nicht bleiben

würde,« sagte ich in der Tiefe meiner Seele, als das Fräulein mir

entgegentrat, mir die Hand bot und sagte:

»Es ist sehr freundlich, daß Sie meine -- unsere Einladung nicht

ablehnten.«

»Haben Sie das glauben können, gnädiges Fräulein?«

Es war eine etwas heiße Hand, die sich in die meinige legte, und das Kind

sah ein wenig angegriffen aus; auch ein etwas unbehagliches Zucken spielte

durch das Lächeln, in welchem Gertrude meinte:

»Man hat jetzt so wenig Zeit. Jedermann ist so sehr beschäftigt -- so sehr

in Anspruch genommen. Nur wir -- haben immer Zeit.«

»Wer wir, mein Fräulein?«

»Ich!« sagte das Waldfräulein. »Ich habe Zeit -- o, ich habe viele Zeit!«

»In diesem bunten Dasein?«

»Ja, in diesem bunten Dasein. Wollen wir uns nicht setzen? wir sind noch

allein, -- die übrigen Herrschaften, welche die Freundin lud --«

Die Elfe vollendete ihren Satz nicht, und wir setzten uns, und zwar in

einen weich ausgepolsterten Winkel eines zierlichen Nebengemaches, das nur

durch eine einzige aus einem Lilienkelche züngelnde Flamme erhellt wurde.

Da fand ich denn bald im Laufe des Gespräches, daß sie beide lebten wie sie

mußten -- der Meister Autor Kunemund sowohl wie Gertrud Tofote, und daß der

Garten versunken war, wie die Gärten eben versinken; der Garten Mynheers

van Kunemund ganz beiseite gelassen. --

Wir unterhielten uns über dieses und jenes, und da das Trudchen schon seit

längerer Zeit daran gewöhnt war, von den Herren unterhalten zu werden, so

tat auch ich das Meinige, leider jedoch ohne sie zu dem gewöhnlichen

Gesellschaftslächeln bringen zu können. Ich erzählte von meinem Briefe an

den Oheim Autor, und wie es uns so sonderbar erscheinen müsse, daß wir bis

jetzt noch keine Antwort darauf erhielten. Ich berichtete, daß ich nunmehr

morgen selber zu dem Meister fahren werde, um mich persönlich nach den

Gründen seines sonderbaren Betragens zu erkundigen, und die Elfe sagte:

»Er hat vielleicht wieder etwas übelgenommen!«

»Den angenehmen Zug kenne ich noch gar nicht an ihm,« erwiderte ich

hierauf. »Nimmt der gute Mann wirklich so leicht irgend etwas übel,

Fräulein?«

»O -- nein,« stotterte die Waldelfe, »andern Leuten nicht; aber -- aber

mir. Er weiß sich so schwer in die selbstverständlichsten Dinge zu finden,

und wenn das auch nicht ganz seine Schuld ist, so kann ich doch auch nicht

einzig und allein dafür. O Gott, ich wollte gleichfalls, es wäre manches

anders in der Welt!«

»Wer wünschte das nicht, mein Fräulein?« rief ich höflich, und dann wurden

wir sehr philosophisch und trugen uns einander die tiefsten Wahrheiten, die

urälteste Kinderweisheit der Welt in den urältesten Fassungen,

Redewendungen und Sprichwörtern vor, bis uns auf einmal aller fester Boden

unter den Füßen weg und abhanden gekommen war, und wir die See -- den

Himmel und das Wasser um uns hatten, wie der Steuermann Karl Schaake in

seinen Fieberphantasien.

»Ja, es war ein guter Junge, und ich hatte ihn sehr gern!« flüsterte

Trudchen Tofote. »Er war zu Hause mein bester Spielkamerad, und er tut mir

so leid, so sehr leid! Wäre ich auch ein Junge gewesen, so hätte ich mit

ihm aufs Schiff gehen können; aber wir machen uns ja nicht selber, und

jetzt bin ich in einem eben solchen Wirbel, wie er, wenn er von einem

seiner schlimmsten Wirbelwinde und Stürme erzählte, wenn er nachher vom

Schiffe einmal wieder zu uns nach Hause in den Wald kam.«

Es kam mir vor, als spüre ich einen Hauch aus dem Walde im Gesicht und auf

der Brust. Die Frau Christine würde die Ausdrucksweise ihrer jungen

Schutzbefohlenen wahrscheinlich nicht ganz haben gelten lassen; aber ich

entnahm daraus einige Erfrischung, indem ich mir jetzt mit einem schwülen

Seufzer sagte:

»Ja, was kann denn das Kind eigentlich dafür? Wer will denn grade von

diesem kleinen Mädchen verlangen, daß es das Universum über den Haufen

werfe, indem es ein Glied in der Kette seiner Entwicklung überspringe?«

Wir sprachen nun davon, wie liebenswürdig und gutmütig die Frau Christine

von Wittum sei, und was alles das Trudchen ihr zu verdanken habe; von dem

Vetter Vollrad sprachen wir freilich nicht. So tief waren wir in unserm

Schlupfwinkelchen nach und nach in unser Gespräch hineingeraten, daß wir

gar nicht gemerkt hatten, wie sich die Gemächer jenseits des purpurnen

Türvorhanges allmählich mit den übrigen Gästen gefüllt hatten, und daß

unter denselben der Vetter wahrscheinlich auch bereits wieder gegenwärtig

war.

Wir sollten aber jetzt darauf aufmerksam gemacht werden; denn eben hatte

ich gesagt: »Aber mein Fräulein -- mein liebes Kind, weinen Sie doch nicht!

ich bitte Sie dringend, weinen Sie doch nicht so sehr!« als der rote

Vorhang plötzlich zurückgeschoben wurde, die schöne, schlimme, lustige Hexe

-- die gnädige Frau in einer Flut von blendendem Licht, begleitet von dem

lustigsten Stimmengewirr, auf der Schwelle erschien und fröhlich rief:

»Ich habe es wahrhaftig lange genug ertragen, aber jetzt ist meine Geduld

zu Ende, und ich ertrage es nicht länger. Ich habe euch Zeit gelassen, euch

gegeneinander auszusprechen, doch jetzt beanspruche auch ich mein Recht.

Ja, mein Herr, wir wollen auch unser Recht haben, -- wir!«

Ich war mit einer Verneigung aufgesprungen, und sie, die Hexe, lachte und

sah wundervoll aus in ihrer üppigen, reifen Schönheit. Das bleiche,

nachdenkliche Liebchen, das bis jetzt neben mir gesessen hatte, hatte aber

das Taschentuch auf das Gesicht gedrückt und war hastig durch eine

Seitenpforte entschlüpft. Was blieb mir übrig, als der Frau Christine den

Arm zu bieten und mit ihr in den mit fast sämtlichen geladenen Gästen

angefüllten Salon zu treten? Es war ein in seiner Raschheit etwas

peinlicher Übergang aus der Dämmerung in die glänzendste Helle; aber es war

doch ein Vergnügen -- ein gar nicht zu verachtender Genuß.

»Es ist zu drollig,« lachte die Hexe, »da sitzen sie wie ein Liebenspaar,

diese zwei Menschen, zwischen denen ein Ozean von Langeweile fließt! Was

haben Sie denn eigentlich miteinander gemein, Sie und mein Töchterchen?

Etwa die nämliche Anlage zum kläglichen oder verlegenen Anstarren des

Lebens? Ja, ja, wir andern harmlosen Wesen treiben uns um, wie wir können,

und nehmen jedes Ding und jegliche Bedeutung der Dinge, wie sich das

augenblicklich geben will; aber diese beiden behandeln jeden Stuhl,

Blumentopf, Glockenzug und Bedienten symbolisch und knüpfen eine Parabel

daran, selbst auf die Gefahr hin, sich nachher selber aufzuhängen; -- o,

ich kenne das. Nicht wahr, mein melancholischer tiefsinniger Ritter, es war

die höchste Zeit, daß wenigstens für diesen Abend eine verständige Frau dem

Trübsal ein Ende machte?«

Wenn ich das rechte Wort zur Hand gehabt hätte, würde ich es nur zu gern

hingegeben haben, -- aber sie hatte recht, die Hexe -- in diesem Moment

gaffte ich in der Tat die Welt in einiger Verlegenheit an, und so verbeugte

ich mich wiederum mit einem freundlich zustimmenden Lächeln, bot der Dame

den Arm, und wir traten in das Gesellschaftszimmer.

Darin war es recht lebendig, und wenn man eben noch nichts zu sagen gewußt

hatte, so konnte man wirklich sich um so mehr darüber verwundern, wieviel

doch Tag für Tag auf Erden vorging, worüber sich reden ließ. Selbst

diejenigen, welche sich gleichfalls stumm verhielten, hielten den Mund nur

in der festen Überzeugung, daß sie sich nur deshalb still langweilten, weil

sie eben noch Mehreres und Wichtigeres als die übrigen Herrschaften erlebt

und tiefer darüber nachzudenken hätten.

Ach, die Frau Christine von Wittum war eine ausgezeichnete Wirtin, sie

wußte es so ziemlich allen ihren Gästen behaglich zu machen, und mir machte

sie es sogar gemütlich. Gertrud Tofote blieb verschwunden; aber Herr

Vollrad von Wittum war vorhanden, und erwies sich als gar kein übler

Mensch, -- wenigstens was die Hauptsachen, das Gemüt und das Herz anbetraf.

Seinen Geist nahm die Hexe klugerweise selber durchaus nicht in Schutz.

»Was wollen Sie?« sagte sie. »Kann er denn etwas dafür, daß er noch nicht

Geheimer Rat ist und es wahrscheinlich auch nie wird?«

Dagegen ließ sich wiederum nicht das geringste einwenden, doch diesmal

mußte ich bereits laut und herzlich lachen; und die Hexe, die schöne,

ebenfalls lachende Hexe meinte:

»Sehen Sie, ich habe es gewußt, daß es Ihnen endlich bei mir gefallen

würde! =Duc ad me! Duc ad me! Duc ad me!= Sie wissen doch, daß das eine

griechische Beschwörung ist, um Narren in einen Kreis zu bannen? Seinerzeit

gebrauchte sie der melancholische Jacques gegen die Herren des vertriebenen

Herzogs im Ardennenwalde mit Erfolg, heute benutze ich sie. Wissen Sie,

Herr von Schmidt, der Zauber ist eben unter uns Frauen leise von Mund zu

Munde gegeben worden, und so bis auf den heutigen Tag und diese Minute

gekommen: =Duc ad me!=«

Wenn ich das nicht gewußt hatte, so mußte es mir jetzt ganz und gar klar

werden. Und sie spann ihre Gespinste schnell, schnellstens weiter -- die

golddurchwebten Purpurfäden, die sich um die Seele legen, leise,

unmerklich, einer nach dem andern, bis die arme =animula=, die =vagula=,

=blandula= kein Glied mehr regen kann, die prächtige Blutsaugerin nach Muße

und Appetit das Ding aussaugen mag, um nach Belieben die leere Hülse im

Busch und Gewebe hängen zu lassen, daß eine neue Schmetterlingsgeneration

in einem neuen Frühlinge sich über sie verwundere und lache.

Von Zeit zu Zeit ging der Schwarze, der vor so manchem Meßraritätenzelt in

die Trompete gestoßen oder durch das Sprachrohr gebrüllt hatte, durch den

Saal, oder schielte um eine Ecke oder hinter einem Vorhang hervor. Er

grinste jedesmal, wenn mein Auge das seine traf, und ich vermied das

zuletzt soviel als möglich. Da wendete er denn ein ander Mittel an, und als

die gnädige Frau sich wieder einmal in einer andern Ecke des Gemaches sehr

liebenswürdig zeigte, brachte er einen Präsentierteller mit irgendeinem

angenehmen Getränke und flüsterte mir dabei zu:

»Nun? haben Sie es ihr gesagt?«

»Ich glaube wohl,« murmelte ich, eines der Gläser nehmend, um es ihm

»symbolisch« an den schwarzweißen Wollkopf zu werfen.

»Haben Sie es beiden gesagt?«

»Nun, eine von ihnen hat es mehr mir gesagt!« murmelte ich weiter, »und --«

»Sehen Sie wohl! Was habe _ich_ Ihnen gesagt?« flüsterte Signor Ceretto

entzückt über seine geistige Begabung und scharfsinnige Lebensauffassung,

während ich lächelnd mich immer heftiger über die Impertinenz des schwarzen

Gesellen ärgerte, der doch nur ein einfacher, zum Bedienten avancierter

Meßfratz war und sich doch herausnahm, mich, seine Herrin, seine beiden

schönen weißen Herrinnen -- uns alle zu übersehen.

Da sich Gertrud noch immer nicht wieder blicken ließ, so mischte ich mich

nunmehr auch mehr in das Kreisen der Gesellschaft, begrüßte und unterhielt

mich aufs freundlichste mit Herrn Vollrad von Wittum, und erlebte noch

etwas höchst Sonderbares.

Man unterhielt sich natürlich über mancherlei; außer den Tagesneuigkeiten

wurden Politik, Wissenschaft und Kunst herangezogen und manchesmal sogar an

den Haaren. Vorzüglich hielt ein ältlicher, behäbiger Herr stets einen

Kreis von Zuhörern und Interlokutoren in gespannter Aufmerksamkeit um sich

fest, und auch ich trat zu diesem Kreise, nachdem mir eben die Frau

Christine zugerufen hatte:

»Ich muß mich doch wohl einmal nach meinem Kinde umschauen. Sie scheinen

ihr böse Dinge gesagt und ihr die Stimmung recht gründlich verdorben zu

haben, mein Herr.«

Ich hatte die Achseln gezuckt, und sie war entrauscht; aus der Mitte des

Ringes aber, der sich um jenen Herrn gebildet hatte, rief Herr Vollrad von

Wittum:

»Das ist in der Tat außerordentlich interessant!« --

Was war interessant? Mir alles, was dem Herrn Vollrad außerordentlich und

außergewöhnlich erschien, und so sah ich denn ebenfalls, einer

wohlbeleibten Dame über die Schulter blickend, meinerseits das an, was eben

unter den Damen von Hand zu Hand ging, und unterdrückte mit Mühe einen

hellen Ausruf des heftigsten Erstaunens:

»Der Stein der Abnahme!«

Bei allen Göttern und Göttinnen, Geistern und Geistinnen der Unterwelt und

des Zwischenreiches, da war es wieder, dieses geheimnisvolle Amulet, das

einst der Leichtmatrose Karl Schaake im Hause Mynheers van Kunemund in der

Hand gehalten, mir gedeutet und auf meinen Rat und meine Verantwortung aus

dem Fenster ins Wasser geworfen hatte! Da war es wieder, und mir war's, als

gehe ein unheimlich fahler Schein von ihm aus; und sein jetziger Besitzer

nannte es, wie Herr Vollrad von Wittum: ungemein interessant und seinen

Fundort fast noch interessanter, und das war er auch, das letztere freilich

mehr für den augenblicklichen Inhaber.

»Dieser Gegenstand, meine Herrschaften, ist kürzlich, das heißt vor einigen

Jahren beim Bau einer neuen Straße unserer Stadt in einem trockengelegten

Wassertümpel gefunden worden,« erzählte der glückliche Besitzer und

Sachverständige, »und mir in mehr als einer Beziehung ungemein wichtig.

Erstens wie kommt dieses seltene Artefakt gerade dorthin -- an diesen

seinen jetzigen Fundort?«

Die Damen wußten es nicht, die Herren auch nicht, gaben sich jedoch die

Mühe, nachdenklich auszusehen; was mich anbetraf, so hielt ich mich

selbstverständlich ruhig und ließ die Gesellschaft raten.

»Es bezeugt unbedingt, wie so manches andere, den weitesten Weltverkehr

unseres Gemeinwesens im Mittelalter,« sprach triumphierend bescheiden der

archäologische Sachverständige. »Aus den Händen hanseatischer Schiffer ist

es jedenfalls einmal in den Besitz und die Sammlung irgendeines

kunstsinnigen Patriziers der Stadt übergegangen, und --«

»Dem einmal gestohlen, oder aus dem Fenster in den Teich gefallen,« meinte

Herr Vollrad von Wittum.

»Wahrscheinlich,« erwiderte der Besitzer etwas trocken, »lassen wir das

doch dahingestellt sein; denn zweitens ist der Gegenstand auch schon an und

für sich sehr merkwürdig. Die Hand, welche diesen Stein modellierte,

stellte das Produkt unbedingt nicht als ein Objekt des Handels oder

Tausches her, sondern --«

»Sondern?« rief ich im höchsten Grade auf die Erklärung gespannt.

»Sondern wir haben es hier mit einem sozusagen streng

hieratisch-domestikalen Amulet -- arabisch =hamala= -- zu tun.«

»Was Sie sagen?!« rief ich unwillkürlich über die Schulter der noch immer

vor mir stehenden und sich gleichfalls wundernden Dame.

»Gewiß, mein Bester! Es ist ein streng domestikal-hieratischer Zauber --

ein glückbringender Zauber, den die Braut dem Bräutigam am Polterabend --

auch dort und damals kannte und kennt man den Polterabend, meine Damen --

in die Tasche schiebt, und den der Ehemann nachher bei Tage und bei Nacht

unter seinem Kopfkissen verwahrt, oder in gefahrdrohenden Zeiten im

verstecktesten Winkel seines Hauses -- seiner Bambushütte. Sie nennen das

den Apfel des Glückes, und ich jedenfalls bin glücklich, ihn in meinen

Besitz gebracht zu haben, meine Herrschaften.«

»Und bitte, Herr Professor,« fragte die vor mir stehende Dame lächelnd, »da

Sie ja auch verheiratet sind, so werden Sie diesen eigentümlichen Zauber

jetzt wahrscheinlich auch in Ihrem eigenen Hauswesen benutzen, -- nicht

wahr? Wie geht es denn unserer guten Charlotte? ich habe mich den ganzen

Abend vergeblich nach ihr umgesehen.«

»Abhaltung, meine Gnädige -- eine sehr große Wäsche, und sonstiger

mannigfaltiger häuslicher Verdruß,« stotterte der Gelehrte, und jetzt

lächelte der ganze Kreis, und trotz allem konnte ich nicht umhin, mit zu

lächeln.

»Mein verehrter Herr,« wendete sich Herr Vollrad an den Besitzer des

Apfels des Glückes. »Sie legen einen großen Wert auf dieses geheimnisvolle

Amulet und das mit vollem Rechte, aber wenn Sie ahnen könnten, welchen Wert

ich unter Umständen darauf legen könnte, so würden Sie gewiß nicht

anstehen, mir es abzulassen oder auszutauschen. Sie wissen, daß ich als

Erbe eines verrückten, gleichfalls archäologischen Onkels in den Besitz

einer Kollektion von Intaglien gekom --«

»Ich weiß das freilich, aber ich muß in diesem Falle doch herzlich und

freundlich danken,« erwiderte der würdige Inhaber des Apfels des Glücks ein

wenig sehr verdrießlich und sich dabei hastig nach der Hand umsehend, in

welcher sich sein Schatz augenblicklich befand. Die gutmütige, behagliche

Dame, die sich soeben so teilnehmend nach dem Befinden und Verbleiben der

Frau Professorin erkundigte, hatte das Ding, ohne es viel zu betrachten,

mir gereicht, und ich hielt es und besah es von neuem sehr genau. In

demselben Augenblick schritt die Hexe wiederum durch den Saal, trat in

einiger Aufregung an mich heran und flüsterte mit hastig-energischer

Betonung:

»Es ist eigentümlich, und ich verstehe das nicht recht, so viele Mühe ich

mir geben mag. Sie ist nirgends zu finden, und der Bediente sagt, man habe

ihr ein Billett gebracht, worüber sie heftig erschrocken sei, und dann habe

sie in großer Bewegung mit dem Neger, dem Ceretto, hin und her verhandelt,

und in seiner Begleitung das Haus verlassen! Wie weit fühlen Sie sich für

diese Vorgänge mir verantwortlich, mein Herr?«

Einundzwanzigstes Kapitel.

Ich gab rasch den Apfel des Glückes zurück in die Hand des Professors, der

ihn schnell, zärtlich und vorsichtig wieder in seine Hülle von Seidenpapier

einwickelte und in der Brusttasche seines Frackes barg. Der würdige

gelehrte Herr hatte uns seinen Vortrag gehalten, wußte ganz genau, was das

Ding bedeute, und mochte also die Folgen seines Besitzes tragen.

»Sie haben die Hand in alledem! leugnen Sie es nicht!« flüsterte mir die

schöne Hexe scharf zwischen den Zähnen durch ins Ohr, und ich hatte mich zu

sammeln, ehe ich imstande war, es unter nachdrücklichstem Kopfschütteln in

der Tat zu leugnen.

»Dann begreife ich nichts davon!« rief die Frau Christine. »Aber wenn ich

nicht dieses dumme Volk, das ich mir jetzt zu meinem Verdruß auf den Hals

geladen habe, anzulächeln und zu unterhalten hätte, so wüßte ich wohl, was

ich tun würde.«

»Und was würden Sie tun, Gnädigste?«

»Ich würde einen Mondscheinspaziergang wie die alberne Dirne, das Trudchen,

die Gertrud machen, und -- Sie zur Begleitung mit mir nehmen.«

»Ach! würden Sie?... Ja, aber beste Frau, dann bitte ich doch meinerseits

um Aufschluß über das Verschwinden unserer kleinen Freundin. Gnädigste, Sie

wissen es, wohin das Kind gegangen ist, seinerseits meinen Freund, Ihren

Mohren Ceretto, als Begleiter mit sich führend.«

»Wohin Sie es doch geschickt haben!« zischelte die Hexe böse, wendete sich,

trat zum Professor und bat lieblichst lächelnd:

»Teurer Freund, was habe ich versäumen müssen? Ist es gar nicht möglich,

daß ich es noch nachhole? O bitte, bitte, jetzt lassen Sie mich doch auch

betrachten, was Sie vorhin den Herrschaften zeigten. Wahrhaftig,

Doktorchen, ein Kreis, der Sie nicht in sich schließt, entbehrt seiner

besten Zierde, wie ein Kranz, in dem die Rose fehlt.«

Es war ein Glück, daß »unsere gute Charlotte«, durch ihre große Wäsche im

Hause festgehalten, das wonnige Lächeln nicht sah, mit welchem der Gelehrte

sich vor seiner schönen Wirtin neigte, das selige Behagen, mit welchem er

seinen hieratischen Glücksapfel von neuem aus der Fracktasche und dem

Seidenpapier hervorholte. Ich aber verlor mich aus dem zierlichen Getümmel,

nachdem ich mich möglichst in demselben verloren hatte. Ich machte den

Mondscheingang, den die wundervolle Hexe leider oder auch vielleicht

glücklicherweise anzutreten nicht imstande war -- weil -- sie ihre Gäste

anzulächeln hatte. --

Er war den Gaskronen und den aus Glaslilienkelchen leuchtenden Flammen zum

Trotz aufgegangen, der Mond, der deutsche Mond, und schien voll und rund

auf die Dächer und in die Gassen der alten Stadt, sowie auf ihre neuen,

modernen Teile. Daß das Haus der Hexe in der allermodernsten Vorstadt lag,

verstand sich von selber, und jetzo lag es auch hell im hellsten

Mondenschein, oder wenn man will, romantisierten Sonnenschein: es mußte ein

ausgezeichnet verständiger, klarer Tag auf dem Monde herrschen und das

Wetter dort himmlisch vernünftig sein. Die andere Seite der

»Promenadenstraße« lag natürlich tief im Schatten, und ich trat schnell in

diesen Schatten hinein, sah auf die roten Fenstervorhänge in der Höhe,

schüttelte den Kopf und seufzte:

»Und es ist doch eines der herrlichsten Weiber, welches je einen Ballsaal

verzaubert, einen alten Ehemann begraben und einen vernünftigen Menschen in

den besten Jahren gründlich um seine Kaltblütigkeit und alle ruhige

Überlegung gebracht hat!« Ich hätte beinahe hinzugesetzt »unglücklich

gemacht hat«, erfaßte jedoch glücklicherweise im letzten Augenblick noch

einen Binsenhalm und versank wenigstens nicht in diesen Abgrund der

Lächerlichkeit, entfernte mich jedoch mit den weitesten Schritten eilig von

seinem Rande.

Ich lief durch das Gebüsch und um die Blumenbeete der städtischen Anlagen

bis dahin, wo sich die begleitenden Häuserreihen dem Bahnhofe zu

erstrecken.

Es war noch ein später Zug angelangt. Gasthofswagen und Droschken rollten

an mir vorbei; Reisende in Gruppen oder einzeln wanderten mit ihrem Gepäck,

ohne solches, oder in Begleitung von Packträgern in die Stadt hinein. Die

Nacht schien von Minute zu Minute lieblicher werden zu wollen, und um das

letzte Rasenrund und Blumenbeet am Eingange der eigentlichen Straßen

biegend, traf ich auf den letzten Reisenden, der in der soeben

geschilderten Weise mit der Eisenbahn gekommen war und dem Weichbilde

zuwanderte, nämlich auf den Meister Autor Kunemund.

Er sah mich natürlich nicht. Er wollte hastig an mir vorüber. Er schien es

jetzt sehr eilig zu haben, er, der uns so lange auf eine Antwort hatte

warten lassen, und selbstverständlich packte ich ihn sofort fest am Oberarm

und hielt ihn auf.

»Alle Hagel! was soll -- was ist -- ja, Herr, sind Sie denn das?« rief er

anfangs erschreckt und zornig und dann um so freudiger. »Sind Sie es

wirklich? O, ich kann Ihnen gar nicht ausdrücken, was für ein Segen das für

mich ist, daß ich Ihnen hier so gleich zum Anfang in die Arme renne. Das

nenne ich wahrhaftig eine Schickung.«

Vor allen Dingen hatte er hastig meine Hände gefaßt und schüttelte sie

kräftig.

»Wer schickt Sie denn, Meister? Meiner Meinung nach haben wir Sie doch

kläglich genug gerufen! Kommen Sie nicht auf den Hülfeschrei in meinem

Briefe?«

»Ein Brief? Von Ihnen? Einen Brief von Ihnen habe ich nicht gekriegt --

wenn Sie mir wirklich geschrieben haben, wird er wohl noch beim Vorsteher

liegen -- das macht sich öfters so bei uns. Ich bin erst heute mittag mit

der Alten zu Hause angekommen! Herr, ich habe die Alte mir holen müssen,

und das ist wieder eine Geschichte für sich! Sie sollen sie beiläufig auch

ins einzelne hören -- ich sage Ihnen, ich habe Tage erlebt und Komödien an

meinem eigenen Leibe durchgemacht, wie das in keinem Buche steht. Sie saß

richtig schon vor dem Dorfe auf dem Anger, ihr Gerümpel um sie her; und

eine Woche von meinem Dasein hat's mich gekostet, um ihr zu ihren Rechten

und aber auch von drei Dutzend Injurienprozessen zu helfen. Jetzt habe ich

sie denn endlich glücklich bei mir unter Dach, und wenn Sie mir wieder

einmal die Ehre schenken wollen, mich zu besuchen, so -- doch, Herr, von

alledem später, mir wirrt der Kopf und gellen die Ohren, daß es gar nicht

zu sagen ist. -- Was passiert hier? was ist es, das mich hierher gerufen

hat, daß ich hätte kommen müssen, und wenn ich der alte Fritz an der Spitze

seiner ganzen Armee gewesen wäre und nicht gewollt hätte?! Herr, wer rief

hier um Hülfe? wer ist tot, oder wer will sterben?«

Mich überlief es weder heiß noch kalt, doch ich sah in dem bleichen Lichte

über die Schulter und dann empor und fühlte den leisen, schönen Nachtwind

mehr auf der Stirn und im Haar.

»Sind _die_ geheimnisvollen Hände immer noch an ihrem Werke? Nun, dann

mögen wir guten Leute mit unserm Erdentage anfangen, was wir wollen: es

bleibt doch beim alten und die Welt ein großes Wunder!... Mein alter,

teurer Freund, seit jenem Tage, an welchem wir vor Ihrem Dorfe am Hohlwege

zusammentrafen, kämpft jemand, von dem wir damals auch sprachen, einen

schweren Kampf, und es geht ihm sehr -- sehr schlecht.«

»Wer? wer?«

»Der gute Steuermann Karl, dem alle blinden Klippen und wilden Stürme

nichts anzuhaben vermochten. Bei jenem Eisenbahnunglück sind ihm die Füße

zerschmettert worden, und er liegt hier in der Stadt bei der Base Schaake,

und um seinetwillen habe ich Ihnen geschrieben.«

»Also das war es!« sagte der Meister Autor leise. »Ihren Brief habe ich,

wie gesagt, nicht erhalten, aber man hat mich heute nach dem Mittagsessen

gerufen. Ja, dann ist's der Karl, der stirbt und der rief; -- o ich habe

eine unbeschreibliche Angst gehabt, daß unserm Trudchen etwas Schlimmes

passiert sei.«

Wir gingen jetzt rasch vorwärts durch die Straßen der Stadt.

»Wer -- was hat Sie nach dem Essen gerufen?« fragte ich, den Alten im Gehen

stützend.

»Sie werden ja wohl nicht lachen, aber auch das würde mich nicht

verhindern, Ihnen das Ding zu erzählen,« sagte Herr Kunemund. »Lächerlich

genug ist's auch im Grunde, wenn sich gleich der Ernst schlimm genug dran

hängt! Sehen Sie, die Alte spielte natürlich ihre Rolle dabei; denn die

werde ich jetzt mal wieder aus nichts mehr los. Wir waren eingerückt, und

sie hatte Besitz von meinem Topfe und meiner Pfanne genommen, und ich

merkte gleich, daß nun wieder alles beim alten sein werde; denn da schon

ging es an, und nichts war ihr recht, und so brachte sie denn ihre erste

Suppe wieder auf den Tisch, und da sie zum ersten Anfang ihre Sache recht

gut hatte machen wollen, so war die Geschichte nicht allein versalzen,

sondern auch recht sehr angebrannt, und ich gestattete mir die erste

Bemerkung wieder darüber. Da ging die Unruhe an!«

»Aber das trieb Sie doch nicht dreiviertel Stunden Weges über das Feld zur

Eisenbahnstation und mit dem Nachtzuge hierher?«

»Nein; aber im Anfang schob ich es doch darauf; denn, Herr, ich war in

großen Sorgen, und mein Leben kam mir wieder einmal recht verdreht vor. In

der Stube hielt ich es nicht aus, -- suchte also meinen Mittagsschlaf im

Grasgarten unterm Baum abzutun; aber da wurde es nur schlimmer als arg. Ich

war grimmig über mich, über die Alte, über meine Bauern in meinem Dorfe und

über ihre in ihrem; ich hielt es nämlich zuerst für Ingrimm, bis ich

herauskriegte, daß es Angst war -- ich sage Ihnen -- Angst, Herr

Bergschreiber! Ja was denn? fragte ich mich. Ein Gewitter steckt nicht in

der Luft, das Unwetter, was du jetzo wieder im Hause hast, hast du doch

länger als zwanzig Jahre mit deinem Tofote ohne Schaden an Leib und Seele

ertragen! Sehen Sie da -- da -- da war es, am hellen Tage, in der hellen

Sonne, daß ich gerufen wurde! von hier gerufen wurde -- und natürlich sagte

ich mir mit dem kalten Schweiß auf der Stirn: Es ist das Kind, es ist unser

Trudchen! auf das Kind ist ein Unglück gefallen. Herr, lieber Herr, und

einen Gang wie meinen heutigen nach der Station, ein Warten wie das

stundenlange Warten da und eine Fahrt wie meine jetzige, die hoffe ich

nicht wieder durchmachen zu müssen.«

»Fassen Sie Mut, Meister. Wer weiß, was Ihr Kommen wenden soll? Wer weiß,

wozu Sie -- gerufen wurden? Nicht jedermann bekommt einen solchen Ruf, das

schon allein kann Ihnen eine Bürgschaft sein, daß alles im richtigen

Geleise sich befindet.«

»Da haben Sie vielleicht recht,« sagte der Meister Autor. »Seit ich den Fuß

aus dem Wagen gesetzt habe, ist es mir auch wirklich besser und ganz wie

gewöhnlich geworden. Seitdem die Alte über meinen ganz unschuldigen Spaß

sofort wieder die Schürze an die Augen brachte und losheulte, als ob der

Bock sie gestoßen habe, ist es mir durch den vollen Tag gewesen, als halte

mich eine Hand hinten am Rockkragen gepackt, dränge mich gegen die Wand und

wolle mich mit dem Kopfe zuerst durchstoßen. Dieser Karl, der arme gute

Junge tut mir mit seinen blutigen Füßen, weiß es Gott, herzinnig leid, aber

die Hand spüre ich nicht mehr im Genick; -- wissen Sie, mit der See und dem

Erdumfahren wird's aus und zu Ende sein; aber, was meinen Sie, er zieht zu

mir -- wir passen zueinander -- haben aneinander einen Trost und eine

Stütze gegen die Alte, und führen doch noch ein Leben, das sich tragen

läßt!«

»Möge es so sein,« sprach ich in der Seele, doch nicht laut. Wir hatten

jetzt die Altstadt wiederum erreicht und suchten unsern Weg durch die

dunkelsten Gassen derselben, über ein Pflaster, welches noch nie der Mond

mit seinen Strahlen hatte beleuchten können. Beizu erzählte ich dem

Meister, daß ich mit seinem Kinde, der Gertrud Tofote am heutigen Abend

auch bereits zusammengetroffen sei, und er erkundigte sich dringend und

hastig nach dem Wie, Wo und unter welchen Umständen. Ich gab ihm alle nur

mögliche und rätliche Auskunft, und dann rief er:

»Sie werden es unter den jetzigen traurigen Umständen für ein Unrecht

halten, daß mir immer stiller zumute wird, lieber Herr; aber ich kann

wahrhaftig nichts dafür. Zuletzt ist es doch immer nur einzig und allein

das Kind, welches mir im Sinne liegt. Wenn ich das Kind in Sicherheit und

Behaglichkeit weiß, ist mir alles übrige nur wie ein Unwetter, das man

unter einem Busch am Wege abwartet.«

Nun hätte ich dem alten Herrn um keinen Preis jetzt andeuten mögen, daß

das »Kind« sich recht unbehaglich gefühlt habe, als ich vor einigen Stunden

mit ihm zusammengekommen war. Ich sagte ihm auch nicht, wie man dann nach

ihr gesucht habe: vielleicht hatte er selber noch in dieser Nacht

Gelegenheit, sie zu sehen, und mußte sie selber ihm mitteilen, wie es ihr

ums Herz war. Hier war wahrlich Magie! ich sah das Erdenleben, wie ein

Taucher das Sonnenlicht in der Tiefe des Meeres schwebend sieht, und wie

paßte der greise Zaubermeister aus dem Elmwalde in die Beleuchtung und in

die sonderbare Nacht überhaupt! Nachdem er seine innerste Herzensmeinung

kundgemacht hatte, hatte er auch für den kranken Steuermann das höchste

Interesse übrig; -- er jammerte heftig um ihn und fragte bis auf die

kleinsten Einzelheiten nach allen ihn betreffenden Vorgängen der letzten

Tage. Auch die Base erhielt ihr Teil Teilnahme aus seinem guten Gemüte:

»Hätt' ich ihr das dadurch ersparen können, daß ich's auf mich genommen

hätte, so würde ich mich nicht besonnen haben. Aber so ist es, sie wird

expreß dazu hingesetzt sein, um dies Elend abzuwarten und den Jungen auf

ihrem Bette zu pflegen. Unsereiner meint immer, daß er um seinetwillen da

sei, doch das ist nicht so -- es ist wahrhaftig nicht an dem, man muß aber

alt werden, um es auszukundschaften. Zum Exempel, was sollte jetzt aus der

Alten (und da meine ich natürlich nicht den Hafenmeister) werden, wenn ich

nicht länger als siebenzig Jahre meinen Charakter darauf hingezogen hätte,

mir die Suppe versalzen und die gute Laune -- nicht verderben zu lassen?«

Da ich auf diesen Humor augenblicklich doch nicht recht eingehen konnte und

nur durch ein etwas dämpfig-trübsinniges: Ja, ja! darauf zustimmte, meinte

er kläglich:

»Der Arend hat das auch immer gesagt.«

»Was denn, Meister?«

»Sehen Sie, daß ich mich überall, wie man das nennt, unmöglich mache. --

>Herrgott, ich sage ja nie etwas!< antworte ich dem Arend, aber er weiß mir

Bescheid zu geben und sagt: Aber du lachst und grinsest und zwar niemals an

der richtigen Stelle, und das sollen dann die Leute nicht verquer

aufnehmen! -- Und wenn der Tofote das von sich gegeben hatte, ging er

jedesmal hinter die Stalltür oder die nächsten Bäume, zog den Kopf zwischen

die Schultern und grinste toller als ich. Ja es war ein gutes Leben mit ihm

und unserm Trudchen; selbst die Alte gehörte dazu.«

Er hatte keine Ahnung davon, wie tief ich in diesem Augenblicke in dieses

»gute Leben« hineinsah. In der Welt, in der ich hausete, pflegte der gute

beratende Freund nach erteiltem Rate zwar die Achseln auch zu zucken und

sich hinter den Busch zu schlagen; aber er tat's gewöhnlich wie jemand, der

seines eigenen Besten wegen seinen besten Freund aufgeben muß -- aufgeben

will -- aufgibt, und zwar auf der Stelle. Von dem, was vor langen, langen

Jahren, so ungefähr in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts

Eugenius zu Yorick sagte, wußte der Meister Autor Kunemund nichts. Er

erfuhr in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nur an seinem

eigenen Leibe wieder, was damals einige Leute auch schon an sich in

Erfahrung gebracht hatten. --

»Daß Sie, lieber Herr, sich hier am Orte so ohne weiteres und noch dazu in

der Mitte der Nacht, wenn auch bei Mondschein zurechtzufinden wissen, ist

mir auch eine Merkwürdigkeit. So oft ich auch am hellen lichten Tage

hierher kam, alle zehn Schritte lang hab' ich vor einer Mauer gestanden und

mich zurecht- und meistens auch zurückfragen müssen; aber hier -- hier sind

wir ja wohl? Herr, Herr, jetzt geht es mir erst recht auf, wie über alles

wunderlich es ist, daß ich wieder einmal hier bin und mit Ihnen und in

dieser Stunde!«

Wir waren beide mit gesenkten Köpfen gegangen, und jetzt erhoben wir

dieselben zu gleicher Zeit vor dem schon einmal beschriebenen Torbogen, der

in den Cyriacushof führte; und ein dritter, der mit untergeschlagenen Armen

dort lehnte und den Rauch einer Zigarre in das blaue Mondlicht hineinblies,

erhob ebenfalls das Gesicht.

»Ich wußte es ziemlich sicher, daß ich Euch hier treffen würde, Ceretto,«

sagte ich. »Ihr habt das Fräulein hierher begleitet; und seht -- der Herr

Autor ist ganz von selber gekommen, ich bin nur durch einen Zufall

unterwegs mit ihm zusammengetroffen. Wißt Ihr, wie es da oben geht?«

Der Mohr aus dem Schüsselkorbe beantwortete vorerst diese Frage nicht. Er

hatte vor dem Meister Kunemund den Hut gezogen, und nun warf er auch die

Zigarre fort und rief:

»So gerät man auseinander und wieder aneinander und zueinander; aber

solange ich denken kann, soll es stets der Zufall sein, der's zuwege

bringt; und wenn wir mit den Nasen zusammenrennen, geschieht's natürlich

ganz von selber. Wenn ich _die_ Weisheit in Spiritus, für jede Abart ein

besonderes Glas, der Menschheit in einer Bude zeigen könnte, so hinge ich

in dieser Nacht noch die gnädige Frau hinter die Tür und ginge wieder

einmal ohne Abschied durch.«

»Schwatze Er keinen Unsinn, Wichselmeyer,« sprach der Meister Autor, dem

Schwarzen die Hand reichend. »Und wenn Er sich wirklich bei Seinem Senf

etwas denkt, so gebe Er uns auch das Fleisch dazu oder behalte ihn nur

ruhig bei sich; -- was mein Junge macht, will ich jetzt wissen, und weiter

nichts!«

»Mir gefiel es eben nicht da in der Stube,« sagte der Mohr mürrisch. »Das

gnädige Fräulein winselt, die Alte sagt gar nichts; ich hab' mich leise

wieder heraus gemacht; denn da wir doch alle einmal dran müssen, so muß es

wenigstens von Zeit zu Zeit einen vernünftigen Kerl geben, der es sich bei

solcher Vorstellung lieber draußen in der frischen Luft und bei einer

Zigarre überlegt, wie er sich auf dem Seil ausnehmen wird, wann die Reihe

an ihn kommt. O meine Herren, dieser Herr Wichselmeyer hier ist klug und

alt genug geworden, um zu wissen, was das Beste für den Menschen ist.«

»Der Teufel soll dich braten, wie er dich schwarz geräuchert hat, du

Kaffer, du Hottentott, du hinterafrikanischer deutschgekochter

Jahrmarktslump!« schrie der Meister Autor wütend. »Was geht es hier mich

an, was für den Menschen das Beste ist? Ich bin doch auch ein alter Kerl

geworden und habe das Meinige in der Welt gesehen; aber solch ein

sackermentsches, in jeder Brühe umgewendetes Stück Vieh, wie dich, noch

nicht! Das Kind sitzt da oben in Tränen bei meinem armen Jungen, und dieser

Flegel stellt mir hier mit seiner Jahrmarktsweisheit ein Bein! Aus dem

Wege, sage ich!«

Der Meister stürzte in das Tor, ich wollte ihm rasch folgen; als Signor

Ceretto mir über die Schulter hastig zuflüsterte:

»Halten Sie ihn doch auf! Der Herr Steuermann befanden sich vor zehn

Minuten eben im Sterben. Lassen Sie den Alten doch nicht grade in den

letzten Jammer hineinbrechen. Zum Trost für die Damen kommt er am

richtigsten, wenn der junge Herr Abschied genommen hat.«

Das mochte wohlgemeint sein, und wurde jedenfalls gesagt, wie es gedacht

wurde, aber ich machte dessenungeachtet meinen Arm ziemlich grimmig von dem

Griff des dunkelfarbigen Weltweisen frei und hätte beinahe etwas sehr laut

gerufen, was ich keineswegs hier niederzuschreiben gewagt haben würde. Ich

eilte dem Meister Autor nach und irrte mich wahrscheinlich nicht, wenn ich

später beim Wiederüberdenken dieser Erlebnisse für gewiß angenommen hatte,

daß der schwarze Philosoph vor allen Dingen die bei unserer Annäherung

weggeworfene Zigarre vom Boden aufgelesen und von neuem in Brand gesetzt

habe.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Was die Sonne aus den gegebenen Verhältnissen im Cyriacihofe machen konnte,

das tat sie, wenn sie schien; aber der Mond gewann ihr hier doch den Kranz

ab. Bei Mondenlicht hatte jener bauverständige Herr den Hof, in welchem ich

ihn neulich traf, sicherlich nie gesehen, er würde sich sonst eher an einer

der wundervollen Dachtraufen aufgehängt, als so fröhlich beide Hände zu der

projektierten Zerstörung dargeboten haben. Selbst die erquickliche

Vorstellung, daß man ja bereits beginne, Nürnberg abzutragen, würde ihn

nicht zu seinem Werke ermutigt haben, wenn er nur ein einzig Mal sein

Zerstörungsobjekt so betrachtet hätte. --

Ich achtete darauf, denn ich hatte dergleichen schon früher zu schildern

gesucht, der Meister Autor aber nicht. Er war mir vorangestürmt und war

verschwunden in der dunkeln engen Spitzbogentür, von welcher aus die Treppe

zu der Wohnung der Base Schaake aufwärts führte. Ich erwischte ihn auch in

dem gewölbten Gange nicht mehr; er hatte bereits die Tür der Base hinter

sich zugezogen; ich würde ohne ihn jedenfalls vor dem Eintreten einen

Augenblick lang das Ohr an diese Tür gelegt haben, doch nun blieb mir

nichts übrig als ihm, so leise als möglich, auf den Fußspitzen zu folgen.

Die Sonne, die rote Sonne war's, deren Licht neulich durch das hohe breite

Bogenfenster auf das weiße Haar der Base Schaake strömte; jetzt flutete

auch hier das Mondenlicht herein, und die betaueten Blätter der Ulme

draußen vor dem Fenster glänzten silbern in dem Schein. Das Fenster stand

offen, der Gartenduft drang mit der schönen Helle herein. Das silberne

Licht lag auch auf dem Fußende des Bettes des guten Seefahrers Karl

Schaake, und die alte Frau mit dem Wunderhaar hatte die blauen Wunderaugen

auf die weiße Decke gedrückt, und ihre alten Arme umklammerten fest den

stillen Mann unter der weißen Decke; zu Häupten im Schatten saß Gertrude

Tofote. Der Bote, der aus dem Cyriacihofe nach dem Hause der schönen Hexe

gekommen war, war ein Kind des Hofes, und die Base hatte es geschickt mit

einem Zettel, auf welchem ungefüge und unorthographisch die Worten standen:

»Er will dich nochmal sehen. Tu's mir zuliebe -- der liebe Gott wird's dir

vergelten, Gertrud!«

Trudchen Tofote hielt den Zettel zerknittert noch immer in der Hand; später

hat sie ihn mir gezeigt. --

Ich stand in meiner Rolle als Zuschauer still an der Tür. Die hübsche

Waldelfe regte sich nicht von ihrem Stuhle; aber die Greisin erhob nun das

Gesicht aus den Kissen und sagte rührend ergeben:

»Ihr kommt zu spät, Vetter.«

Hätte ich dieses Buch, wie man es nennt -- gemacht, so würde ich mich

wahrhaftig hüten, hinzuschreiben, was jetzt zu allem übrigen kam. Aber es

ist damals so gewesen! -- bei der heißen Geisterhand, die mir heute noch in

der Erinnerung wieder an die Kehle greift, es machte sich ganz von selber

so! Es war eine Methodisten- oder Baptistengemeinde, die in dem alten

Barfüßlerkloster ihren Betsaal gemietet hatte und in diesem Augenblick

wegen einer außergewöhnlich heftigen Bedrängnis in der Kirche eine

nächtliche Betstunde abhielt und sang. -- Sie sangen in der einstigen

Choraley der Mönche, die im Laufe der Jahrhunderte alles gewesen war,

Viehstall im Dreißigjährigen Kriege, Speicher im Siebenjährigen, Lazarett

in der Franzosenzeit, und jetzo ihrem ersten Zwecke wenigstens annähernd

wieder zurückgegeben war. Die Töne klangen in der stillen Nacht, gedämpft,

um die Nachbarn nicht zu sehr in der Ruhe zu stören, geisterhaft zu uns her

aus der Ferne und dem Grundstock des Gebäudes, und wir horchten alle, und

_uns_ störten sie wahrhaftig nicht.

Aber auf die Anrede der Base hin ergriff der Meister Autor meine Hand und

drückte sie fest zusammen:

»Herr, _das_ war es, was ich heute mittag schon vernommen habe! Das Singen

hab' ich am Mittag in der hellen Sonne gehört! Ach Base, Base, ist er

gestorben? bin ich zu spät gekommen? Guten Abend, Trudchen! o Base Schaake,

was klingt alles um einen herum in der Welt! Karl, Karl, mein lieber Junge,

das dachtest du dir auch nicht, als du uns aus dem Walde durchgingest!

Jetzt laßt mich ihn aber doch sehen!«

Der Meister hatte sich über den Toten geneigt; ich, der ich immer eine

große Vorliebe für das Leben, das heißt für die Lebendigen gehabt habe,

faßte mein kleines, närrisches, hübsches Fräulein zu Häupten des Bettes ins

Auge.

Sie hatte sich von ihrem Sitze erhoben und war aus dem Schatten der Wand

in das bleiche Licht getreten, das durch das Fenster auf den untern Teil

des Lagers fiel. Da stand sie ratlos, zitternd, tränenüberströmt; der Tod

schien einen überwältigenden Eindruck auf sie gemacht zu haben, und als sie

mir das schmerzbewegte Gesichtchen entgegenhob, erschien sie mir reizender

denn je. Vom malerischen Standpunkte aus betrachtet, fehlte nur die schöne

Witwe, Frau Christine von Wittum an ihrer Seite, um die Gruppe in wahrhaft

künstlerischer Weise nach allen Seiten hin abzurunden.

»Trudchen hat ihn gottlob noch am Leben getroffen,« sagte die Base. »Er

hat sie so sehr gern gehabt, und so war's sehr gut und freundlich von ihr,

daß sie sich gar nicht besann und aufhielt, als ich zu ihr schickte,

sondern in ihrem schönen Ballkleide hierherkam. Er war in einer

schrecklichen Aufregung vorher und stritt sich heftig mit einem, den er

seinen Lotsen nannte; als aber unsere Gertrud so schön und glänzend

hereinkam, wurde er mit einem Male still und sah sie an -- sah sie immer

an. Dann sagte er wieder was, was sich auch auf sein Seehandwerk bezog, was

ich aber nicht verstand, und dann hielt er ihre Hand und sagte: Kein Mensch

hier weiß, wie viel größer das Wasser als das Land ist; jetzt sollst du's

sehen draußen vor der roten Tonne, jetzt hab' ich dich auf dem Schiff, und

in Indien sollst du auf einem Elephanten reiten, Trudchen!«

»Ich habe mich schrecklich gefürchtet,« schluchzte Gertrude Tofote. »O ich

wollte, mein Vater lebte noch, und wir lebten alle noch im Walde; aber er

-- er ist ja der Erste gewesen, der daraus fortging und auf die wilde See!«

»Dir sind die paar Minuten schon schrecklich gewesen, Trudchen,« sagte die

Greisin, »aber mich hat er Tage und Nächte lang fort und fort, immerzu und

immerzu rund um die Erde in seiner Hantierung mit sich gezogen und

gerissen. Jetzt hat er Ruhe, Vetter Kunemund, und die wilde See tut ihm

nichts mehr.«

»Hat er denn das Kind wirklich noch erkannt, oder waren es nur seine

gebrochenen Füße und das Fieber, die ihn so reden ließen?« fragte der

Meister Autor.

»Ei freilich hat er das Kind noch wieder gekannt; es hat ihm doch

wenigstens noch über das Letzte leichter weggeholfen. Nicht wahr, Gertrud,

es war gut, daß du kamst?«

Gertrud nickte und wendete sich hastig ab.

»Er sagte: Leb wohl, liebes Trudchen, und dann war es zu Ende, -- ja, zu

Ende, zu Ende,« schloß die Base Schaake.

Über ein Sterbebett läßt sich im Grunde immer wenig sagen; wenngleich

manches darüber denken. Der dunkle Pilot hatte eben Abschied genommen; --

Willkommen in See! war das letzte Wort gewesen, das ich meinesteils von dem

guten Steuermann Karl Schaake vernommen hatte. Die rote Tonne lag in

Wahrheit hinter dem seefahrenden Manne, und klare Kimmung war vor ihm. Was

half es am Ufer zu stehen und mit den Sacktüchern nachzuwinken? Ich führte

das Fräulein nach Hause; -- vom Uferdamm nach Hause.

Der Meister hatte den trüben Bericht der Greisin angehört und das weiße

Tuch wieder über das Gesicht des toten Seemanns fallen lassen; dann hatte

er sein »Kind« in die Arme genommen und es herzlich geküßt und manch ein

Schmeichelwort zu ihm gesprochen. Die schöne Elfe hatte herzzerbrechend

dabei geschluchzt und einmal übers andere dazu gerufen:

»Das ist so fürchterlich, so traurig-schrecklich! o morgen wirst du doch zu

mir kommen? nicht wahr, morgen früh kommst du gewiß zu mir?«

Und der Meister hatte eben so oft gesagt:

»Ja freilich! freilich!« und dann hatte er sich zu mir gewendet: »Wollen

Sie so gütig sein, das arme Ding nach Hause zu bringen. Es ist eine

schlimme, schwere Luft hier, und mit dem Halunken, dem Ceretto, allein

möchte ich das Kind doch nicht wegschicken. Es gehört Geschick dazu, mit

Menschen in Verwirrung gut umzugehen! Bitte, bringen Sie das Trudchen jetzt

nach Hause!«

Ich war natürlich bereit dazu, wenn ich gleich ohne alle Besorgnis die

junge Dame dem schwarzen Philosophen anvertraut haben würde. Wir gingen,

fast ohne Abschied zu nehmen; unser Trudchen befand sich dazu in der Tat

allzusehr in Verwirrung, und vor dem toten Mann fürchtete sie sich heftig.

--

Die Straßen waren jetzt ganz leer, und wir hatten auf unserm Wege die alte

Stadt so ziemlich für uns allein. Die wenigen Nachtschwärmer, die uns dann

und wann begegneten und die Ruhe und den Frieden der Nacht durch ihre

Heiterkeit um so bemerklicher machten, hielten sich mit dieser Heiterkeit

an den Freund Ceretto, der in bescheidener Entfernung gelassen hinter uns

drein wandelte und in der richtigen Weise auf jegliche Ansprache einzugehen

wußte. Indem ich nach besten Kräften das Fräulein unterhielt, horchte ich

doch stets halben Ohrs auf diesen schwarzen Mohren. --

»O was ist das für eine Nacht! ich werde mich mein ganzes Leben lang nicht

wieder zufrieden geben können!« schluchzte die Elfe.

»Es ist freilich ein trauriger Fall; aber wir müssen uns doch zu beruhigen

suchen, mein Fräulein,« tröstete ich. »Der arme junge Mann hat recht

gelitten -- für seinen Beruf war er untauglich geworden; vielleicht war es

doch das Beste --«

»Natürlich war es das!« brummte hinter uns der schwarze Signor. »Es konnte

ihm gar nichts Angenehmeres passieren! man kennt die Redensarten; -- nicht

wahr?!«

Die letzte Frage war, von einem außergewöhnlich gräßlichen

Zahnfleischfletschen begleitet, an zwei junge Männer gerichtet, die uns an

einer außergewöhnlich hell vom Monde beschienenen Stelle gestreift hatten,

und von denen der eine, stehen bleibend, den andern auf das Trudchen

aufmerksam gemacht hatte mit den Worten:

»Ein reizendes Geschöpfchen!«

In einigem Schrecken vor dem Schwarzen zurückprallend, hatten die Herren

ihren Weg fortgesetzt und wir den unsrigen gleichfalls.

»Der Onkel Kunemund war sehr betrübt. Er hatte unseren Karl recht lieb

gehabt, und ich hatte ihn auch sehr gern,« seufzte Fräulein Tofote. »Wir

sind so häufig zusammengetroffen und wieder voneinander gegangen; aber nie

unter solchen schrecklichen Umständen.«

»Jawohl,« brummte Ceretto hinter uns, »wenn das keine kuriose Geschichte

ist, laß ich mich hängen. O Donnerwetter, sie haben alle ihre Ahnungen und

geheimen und geheimnisvollen Beziehlichkeiten, weshalb sollte ich da nicht

auch die meinigen haben. Herr, es geht wer hinter uns!«

Dieser Ausruf war an mich gerichtet, wir standen still, die Gasse lag klar

und leer da -- nichts war zu sehen und zu hören, und das Trudchen klammerte

sich fester an meinen Arm.

»Sie haben den Herrn Autor bereits wütend gemacht; ärgern Sie mich nun

nicht auch noch, alter Freund,« rief ich; doch der Mohr sagte:

»Ich muß doch meines seligen Herrn Schritt kennen! So ging er auf seinen

Geschäftswegen; -- horch, -- hören Sie?«

Wir hörten natürlich nichts, aber Trudchen zitterte heftig; und ich rief

ärgerlich:

»Sie sind, -- nun ich werde es Ihnen an einem der nächsten Tage sagen, was

Sie sind; jetzt wollen wir uns beeilen, nach Hause zu kommen. Die gnädige

Frau wird sicherlich in einiger Unruhe auf das Fräulein warten.«

Wir beeilten uns in der Tat; ich aber sprach dem Kinde an meiner Seite noch

einmal guten Mut zu.

»Es war doch gut von Ihnen, Gertrud, daß Sie dem Rufe der alten Frau im

Cyriacihofe sofort nachkamen. Den Onkel Kunemund hat es auch recht gefreut,

und er wird Ihnen gewiß noch häufig seinen Dank dafür sagen. Ich, der ich

die Lage der Dinge so ziemlich genau kannte, ahnete wohl, wohin Sie uns

verschwunden waren; aber unsere Freundin, die Frau Christine war sehr

besorgt und in rechter Unruhe Ihretwegen.«

»Oh!« flüsterte die Elfe, und so erreichten wir die Tür der Hexe, und

nahmen auch wieder einmal Abschied voneinander.

»Da sind wir zu Hause,« sagte ich, »und nun bitte ich Sie herzlich, liebes

Fräulein, nehmen Sie sich das Elend der Welt nicht mehr zu Herzen, als

nötig ist. Es ist noch nie etwas Außergewöhnliches auf Erden vorgefallen.

Sie sind es sich und uns -- allen Ihren Freunden schuldig, daß Sie auf Ihre

Gesundheit Rücksicht nehmen. Jedenfalls müssen Sie fest überzeugt sein, daß

wir alles tun werden, um Ihnen fernere persönliche Aufregungen zu

ersparen.«

»Gute Nacht, mein Herr, ich danke Ihnen,« sagte Gertrud Tofote, und ich

wendete mich gegen unsern Begleiter, der sich jetzt dicht an uns hielt:

»Gute Nacht, Ceretto. Wir beide haben noch ein Wort demnächst miteinander

zu reden.«

»Ich wünsche Ihnen, recht wohl zu ruhen,« sprach der Alte. Mit welcher

Miene er das sagte, konnte ich leider nicht erkennen; denn der Mond hatte

seinerseits seinen Weg fortgesetzt, und das Haus der Frau Christine von

Wittum lag nunmehr im tiefen Schatten. Die Gesellschaft hatte sich längst

getrennt, die Fenster des Salons waren ganz dunkel, und nur hinter den

Vorhängen des Winkelchens hervor, aus welchem die Frau Christine mich und

die Base Schaake das Trudchen abgerufen hatte, leuchtete noch ein schwacher

Schein, das zierliche Flämmchen in dem weißen Lilienkelche.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Statt jetzt zu Bett zu gehen, ging ich von dem Hause der Witwe aus weiter.

Anfangs an zierlichen Gartengittern vorüber, dann durch taufrische, von

lebendigen Hecken eingefaßte Pfade und zuletzt im stillen, freien Felde. Es

verlockt nichts in gleicher Weise so weiter und weiter als solch ein

Feldweg durch das reife Korn und die Garben, dem Sonnenaufgang entgegen.

Nur ein erbärmlich kahlgezaustes Bauerngehölz warf einmal einigen Schatten

auf mich, doch das war bald durchschritten und das dicht dran gedrückte

noch im Schlafe liegende Dorf gleichfalls. Das nächste Dorf fand ich

bereits wach, und vor dem Kruge eine Bank und einen Tisch, an welchem

letztern ich mit dem zufrieden war, was die Wirtschaft zu bieten hatte. Da

sah ich die Sicheln und Erntewagen an mir vorüberziehen und hielt die Hand

in den ersten Sonnenstrahl des neuen Tages. Wer im Grunde nur für sich

selber zu sorgen hat, kann im Auskosten des Leidens und der Freude der Welt

um ihn her, sich Genüsse verschaffen, in welchen der sublimierteste

Egoismus, dessen der Mensch fähig ist, sich gipfelt. Das höchste, innigste,

innerste, schärfste Leben lebt man in diesen Momenten; -- wer es leugnet,

möge es mit einem Gesichte tun, wie ein Frauenzimmer, das nach einem in der

Familie eingetretenen Todesfall den Traueranzug vor dem Spiegel anprobiert.

--

Durch einen sehr heißen, wolkenlosen Morgen schlich ich müde und abgespannt

zur Stadt zurück, schlief totenähnlich bis zum Mittag auf dem Sofa und

fragte am Nachmittage bei den Leuten im Cyriacihofe an, ob ich mich ihnen

in irgendeiner Art nützlich erzeigen könne. Herr Autor sowohl wie die Frau

Schaake erkannten die Höflichkeit über Verdienst an, aber sie verwunderten

sich selber darüber, wie glatt in solchen Fällen das alles abgehe.

Geistliche wie weltliche Behörden machten den Trauernden die Tage so leicht

als möglich. Es waren Namen, Daten und Zahlen in gedruckte Schemata

einzutragen gewesen, und der Sarg im Hause ohne jegliche Weitläufigkeit.

Der gute Steuermann, der sich so lange ungestraft auf allen Meeren

herumgetrieben hatte, lag bereits tief, tief im Binnenlande in diesem

Sarge, und --

»Morgen um zehn Uhr wollen wir ihn hinausbringen,« sagte der Meister Autor.

Den Hafenmeister sah ich nicht. Er hatte alle Hände voll zu tun, berichtete

mir der Meister; denn so ziemlich der ganze Hof gehe mit, und jedermann

verlange sein Stück Kuchen.

Gertrud Tofote hatte bis jetzt nur viele schöne Blumen und Kränze mit

weißen Atlasschleifen geschickt und hatte dabei sagen lassen: sie sei sehr

betrübt und sehr unwohl und bitte den Onkel Kunemund nur auf ein einziges

Viertelstündchen zu ihr zu kommen.

»Vielleicht so gegen Abend werde ich es möglich machen,« sagte mir der

Meister: »jetzo sitze ich hier Wache und -- Herr, ich sage Ihnen, ich habe

trotz alledem in meinem Leben Stunden gehabt, wo ich das ganze deutsche

Volk zum Tanze hätte aufziehen mögen!«

Er saß mit seiner Pfeife in der kühlen steinernen Halle vor der Tür der

Base Schaake; die Tür stand halb offen, und ich sah darin grade auf den

sonderbaren Schimmer der Stearinkerzen im hellsten Tageslichte. Der Meister

Autor hatte eben wieder seine Pfeife anzuzünden und sagte:

»Ja, ja, sehen Sie diese Zündholzdose. Ich habe sie vom Arend geerbt. Er

hat sie auf manchem Anstande gebraucht. So um das Jahr Vierzig, wenn's mir

recht ist, fiel die Menschheit auf derartiges Feuerzeug. Vorher hatte man

sich arg mit Stahl und Stein zu quälen, doch das beizu; -- Herr, die

Lichter da, auf welche Sie eben sahen, hab' ich angezündet und, Herr, ich

habe dabei an den letzten Weihnachtsbaum denken müssen -- den letzten im

Walde, den die Alte, der Arend und ich unserm armen Trudchen aufputzten. O

lieber Herr, wie viele Gärten versinken dem armen Menschen in der Welt.«

...

Das war das Wort! -- Es fallen Schlösser -- Luftschlösser ein; aber das hat

nichts zu bedeuten: die Gärten allein, die den Menschen, den armen Menschen

versinken, die waren ein jeglicher eine Wirklichkeit von dem verlorenen

Paradiese an! Wenn ihr das leugnen wollt, so leugnet es aus der Mitte

eines, in dessen Besitze ihr euch noch befindet, aber nimmer vor der Pforte

eines solchen, der euch verloren ging; -- im erstern Falle ist wenigstens

die Aussicht vorhanden, daß es euch gelingen werde, euch selber zu belügen.

--

Der folgende Tag war einer der heißesten im ganzen Jahre. Die Sonne schien

die Erde wie mit einer glühenden Zange zu halten, die Hitze und der Staub

waren unerträglich; ein Schein, sozusagen animalischer Verdrossenheit legte

sich über alle Vegetation; und unsere Aufgabe ließ sich unter keinen

Umständen auf eine kühlere Stunde verschieben.

Wir führten den Steuermann Schaake hinaus vor die Stadt und begruben ihn.

So ziemlich der ganze Hof fand sich ein zu dem oben bemeldeten Kuchen und

einem Glase nicht teuern Moselweins.

Ein gut Teil der Freunde und Bekannten ging auch mit hinaus auf den

Kirchhof und, nachdem das feierliche: Von Erde bist du genommen usw. --

gesprochen worden war, soviel als möglich im Schatten sich haltend, wieder

nach Hause. Der Meister Autor und ich blieben noch ein Weilchen, der --

Erde und der Sonne zum Trotz.

»Es ist doch kurios,« sagte Herr Kunemund, nachdem wir einige Minuten stumm

neben der halbzugeschütteten Grube gestanden hatten, »sonderbar ist's

eigentlich, daß man grade bei solchen Gelegenheiten am deutlichsten spürt,

daß man vorhanden -- daß man da ist.«

»Freilich,« sagte ich, »aber Meister, dazu gehört eben doch auch, daß man

wenigstens ein einziges Mal schon vorher wirklich und im Vollen gefühlt

hat, daß man da ist, und das ist keineswegs so häufig der Fall.«

»Darüber hab' ich noch nicht nachgedacht,« sprach der Meister Autor; und

dann tauschten wir einige andere Gedanken und Bemerkungen aus, die zwar

weder groß noch tiefsinnig waren, dessenungeachtet aber doch gedacht und

gemacht werden mußten.

»Am meisten kümmert mich der Hafenmeister,« seufzte der Alte. »Was dieser

hier mich angeht, so bin ich zufrieden, weiß mich zu schicken und zu

fassen; ich setze mich da nur ein wenig fester auf meiner Schnitzbank. Aber

was denken Sie über die Base Schaake?.. Der Junge war ihr Liebling und ihr

ganzes Leben; und wenn er auch oft lange Jahre von ihr weg war, und sie es

also schon gewohnt sein sollte, so wird sie sich in diese Ruhe doch niemals

finden. Sie kann's nicht, sie wird's nie können. Ob sie ihr eigenes Leben

einmal, wie Sie sagen, ein einziges Mal im Vollen gefühlt hat, weiß ich

nicht, aber daß sie in dem Jungen ihr Dasein spürte, das will ich wohl

beschwören. Ich kenne sie danach! Wenn er abwesend war, so war es ihr

einziger Trost, daß sie saß und las. Ich sage Ihnen, sie las -- und was las

sie? Den Robinson und die Geschichte von dem fliegenden Holländer und vor

allem andern die Geschichten von dem türkischen Kaufmann, der zu den Leuten

kam, die das Gesicht mitten auf dem Bauche trugen, und der einen Walfisch

für eine Insel hielt und mit seinen Kameraden ein Feuer drauf machte, um

seine Suppe zu kochen. Was sie sonst von Reisen und Abenteuern auftreiben

konnte, las sie und glaubte alles. Ihren Augen sahen Sie es nicht an, wie

bunt es oft in ihrem Kopf herging. Sie reiste mit, die alte Frau, und

erlebte auf ihrem Spinnstuhle die menschenmöglichsten Dinge. Ich habe

oftmals mein Erstaunen und meine Verwunderung darüber gehabt, was für ein

beschlagener Reisender sie war. O sie wußte dem Jungen, jedesmal wenn er

heimkam, von ihrem Stuhle her mehr Merkwürdigkeiten zu berichten, als er

ihr von seinem Schiffe aus. Er hat es mir selber oft genug halber weinend

und halber lachend erzählt. Und das ist nun vorbei, Herr; das ist vorbei,

und das ist das Schlimme und Angstvolle, lieber Herr! Was soll die alte

Frau anfangen; jetzo, da sie ihrem Jungen nicht mehr nachreisen kann?

Versunkener Garten, Herr! Sie, Herr Bergmeister, haben eben auch mit uns

andern drei Schaufeln voll Erde drauf geworfen!«

»Zum Teufel, ja!« schrie ich im Innern meiner Seele und zwar mit dem

nämlichen objektiven Grimm, mit welchem der Meister Autor vorgestern abend

den Signor Ceretto, den bremischen Mohren, anschnauzte. Laut sage ich,

indem ich dem Greise zu gleicher Zeit leise und gerührt die Hand auf die

Schulter legte:

»Ob wohl die Base ihrem braven wilden Seefahrer nicht doch schon wieder

nachreist?! Es wird ihr auch da an Reiseführern nicht ermangeln.«

Der abendländische Lebensbaum, =Thuja occidentalis=, die Stinkzypresse

wucherte in großer Menge auf dem Friedhofe und war das einzige Gewächs, das

sich in dieser Hitze wohlzufühlen schien. Der Meister hielt einen

abgebrochenen Zweig davon in der Hand, lächelte und sagte:

»An das Einfachste denkt man immer zuletzt.«

Nun wäre eigentlich nichts weiter zu sagen gewesen, aber ein guter Rat,

oder das, was man gewöhnlich für einen solchen nimmt, geriet mir auf die

Zunge, und ich enthielt ihn dem alten Freunde nicht.

»Herr Kunemund, alle Umstände ineinander rechnend, könnten Sie jetzt wohl

noch einmal den Versuch machen, es hier bei uns in der Stadt auszuhalten.

Die erwünschte Stille würdet Ihr auf dem Cyriacushof im vollen Maße finden

-- Ihr und der Hafenmeister gehört im Grunde ganz und gar zueinander, und

es würde gewiß kein Tag vorübergehen, an welchem Ihr das nicht von neuem

ausspürtet. Überlegt es Euch!«

»Das habe ich wohl schon dann und wann überlegt,« erwiderte der Meister.

»Auf den ersten Blick sieht es sich freilich ganz hübsch an, aber bei

genauerer Besichtigung tut es sich denn doch nicht. Wie lange steht denn

der Hof noch aufrecht, Herr? Sie wissen es ebenso gut als ich, daß die

Maurer mit den Brecheisen und die Zimmerleute mit den Äxten im Anmarsch auf

ihn sind. Das alte Gemäuer mag freilich lange genug gestanden haben, aber

der Base Schaake wegen hätte es doch noch gut ein paar Jährchen länger

stehen bleiben können. Herr, je älter man wird, desto brüchiger scheint

auch die Welt um einen her zu werden. Wie sich dieses demnächst machen

wird, kann ich heute noch nicht sagen: die eine Alte hab' ich ja schon

daheim im Hause; wer weiß, ob ich mir nicht auch die andere dazu holen

werde. Lieber Herr, Sie sind jedenfalls jetzt schon eingeladen, sich unsern

Haushalt dann mal anzusehen.«

An den demnächstigen Abbruch des Cyriacihofes hatte ich nicht gedacht und

wußte auf die Erinnerung daran nichts zu entgegnen. Der Meister Autor

seufzte noch einmal recht tief; dann warf er den Thujazweig, den er bis

jetzt mechanisch zwischen den Fingern gedreht hatte, in das Grab des

Seefahrers, nahm meinen Arm, und wir verließen den Kirchhof. --

An der Pforte fanden wir keinen uns erwartenden Wagen mit einem ob unseres

Zögerns verdrossenen Kutscher. An heißen, mit Teer getünchten Planken,

Holzhöfen, Gartenmauern und vereinzelten unschönen Häusern vorüber führte

uns unser Weg durch den heißen, vom Abfall der Fabrik- und Kohlenwerke

geschwärzten fußhohen Staub nach der Stadt zurück. Auf diesem Weg sprachen

wir nichts mehr miteinander, bis uns an einer Wendung, die er machte, ein

anderer Leichenzug entgegenkam, und wir beiseite traten, um ihn vorbei zu

lassen.

Da sagte der Meister, den Kopf schüttelnd:

»Das ist doch wunderlich!«

»Was ist wunderlich, alter Freund?«

»Daß andere Leute immer bei dem nämlichen Geschäfte, in derselben Lage, in

ganz demselben Pläsier und Jammer sind. Auf dem Dorfe wird es einem nur

nicht so deutlich! I, sehen Sie doch nur -- eben sind wir fertig --«

»Und fangen die andern an. Richtig. Ausgefahrene Geleise, Meister Autor!

Das einzige Neue liegt nur grade bei den Leuten, die aus ihrem Dorfe

kommen, um sich darüber zu verwundern, und nicht bloß hierüber!«

»Hm, hm, da kein Ende dran ist, wird es freilich auch wohl keinen Anfang

haben,« brummte Herr Autor Kunemund. »Hat das auch schon einer

herausgefunden und schriftlich attestiert?«

Nun mußte ich trotz der unpassenden Zeit und Gelegenheit doch lachen.

»Ach Meister, Meister,« sagte ich meinerseits den Kopf schüttelnd, »dieses

hat wohl schon manch einer ausfindig gemacht; aber über das, was es

bedeutet, darüber ist man noch nicht einig und im klaren.«

»Dann hilft mir auch das übrige nichts, und meinesteils lasse ich es

einfach geschehen,« sprach Autor Kunemund, und so schritten wir weiter zum

Hofe des heiligen Cyriacus, der vielleicht gleichfalls aus keinem andern

Grunde ein Heiliger geworden war, als weil er hatte geschehen lassen, was

er nicht ändern konnte.

Wie unser uns vorangelaufenes Sarggefolge hielten wir uns auf der

Schattenseite; man kann eben von der größten Tragödie nach Hause gehen und

doch den behaglicheren Modus der Heimkehr dem unbequemeren vorziehen.

Der uralte Schatten des Torweges fiel jetzt fast kalt auf uns, und auf der

engen Steintreppe und im steingewölbten Vorsaale durchschauerte es mich

fröstelnd. Ich ging aber doch noch einmal hinein mit dem Meister, die

Greisin zu begrüßen, und habe mich späterhin selber darob beglückwünscht,

wenn ich daran dachte, daß ich eigentlich den alten Freund nur bis an das

Tor hatte geleiten wollen.

Trudchen Tofote saß bei der Base Schaake!

Das sah ich angenehm überrascht von der Stubentür aus, drückte auf ihrer

Schwelle dem Meister die Hand und begab mich nunmehr, wie durch einen

kühlen Trunk erfrischt, durch die entsetzliche zwölfte Stunde des Tages

nach meiner eigenen Wohnung zurück und um zwei Uhr nach dem =Hotel de

l'Allemagne= zur Wirtstafel.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Der wäre freilich aller Praktiken Meister, den der Augenblick nicht

überrumpeln, den der Schein nicht rühren oder ärgern könnte! Wie wenig

Schlaf würde er bedürfen, wie wach und lebendig würde er jederzeit um sich

her schauen: was mich anbetraf, so tat ich nimmer einen so tierisch-tiefen

Nachmittagsschlaf als an diesem Nachmittage. Mir war es wahrlich nach den

Erlebnissen des Tages, die Temperatur eingerechnet, nicht möglich wach zu

bleiben, und ich schlief -- schlief totenähnlich, totengleich; es kümmerte

mich gar nicht, ob die andern das laute, lärmende Spiel weiter trieben, ob

es sich fortdrängte an den Straßenecken und auf den Heerstraßen. Einen

älteren Herrn als mich würde wahrscheinlich der Schlag gerührt haben; im

Falle er mich gerührt hätte, würde ich nicht das geringste davon gemerkt

haben. Signor Ceretto Wichselmeyer würde mich steif und still auf dem Diwan

gefunden und das Weitere veranlaßt haben; es war nämlich natürlich der Mohr

aus dem Schüsselkorbe zu Bremen, der mich durch wiederholtes Gepoch an

meiner Tür nach fünf Uhr erweckte.

Meine Seele stieg auf aus der Tiefe des Vergessens, wie der Körper eines

Ertrunkenen aus der Tiefe des Wassers -- langsam und geschwollen.

»Ich bitte nach Menschenmöglichkeit um Entschuldigung,« sagte der Schwarze,

»aber es ging um mein Leben, wenn ich nach Hause kam, ohne Sie gesehen und

gesprochen zu haben.«

»Um Ihr Leben, Ceretto?«

»Oder um meine Augen, was mir doch auch verdrießlich gewesen sein würde.«

»Und wer --«

»Pst!« sagte der Neger, mit dem Finger auf den Lippen, und blickte grinsend

über die Schulter nach der Tür zurück, als ob er erwarte, daß sofort jemand

hervorstürzen würde, um die fernere Ausführung seiner Sendung zu

übernehmen. Dann trat er auf den Zehen so nahe als möglich an mich heran

und stöhnte kläglich:

»Oh!«

»Etwas deutlicher und etwas weniger geheimnisvoll, wenn ich bitten darf,

Ceretto!« rief ich kläglich und geärgert. »Ihr wißt, daß ich zu allen

Zeiten mit Vergnügen höre, was Ihr mir zu sagen habt -- selbst wenn es der

Auftrag eines andern ist -- aber augenblicklich -- bin ich -- ein wenig

sehr beschäftigt -- in Anspruch genommen -- kurz -- ich bitte Sie, Ceretto,

fassen Sie sich so kurz als möglich.«

»Mit dieser Absicht kam ich, Herr. Also ganz kurz -- unsere Freundschaft

ist zu Ende.«

»Unsere Freundschaft?«

»Ist aus und zu Ende! Sie haben sich bei den Ohren gehabt und einander die

Gesichter zerkratzt wie zwei Konkurrentinnen, die einander grad gegenüber

jede einen wilden Mann sehen lassen. Ich habe das als einer der wilden

Indianer einmal selber erlebt, doch damals behielt mich meine Prinzipalin

und ich meinen Dienst. Diesmal und unter andern Umständen ist mir auf

Michaelis gekündigt worden, und wenn Sie, verehrter Herr, mich dann

gebrauchen können, stelle ich mich schon heute zur Verfügung. Sonst ist

alles in der schönsten Ordnung, und selbst der Herr Autor Kunemund wäre

nicht imstande, eine größere Ordnung hineinzubringen.«

»Aber meine fünf gesunden Sinne nebst allem übrigen bringt Ihr in die

größte Unordnung, Ihr schwarzes Untier!« rief ich. »Wer hat sich in den

Haaren gelegen und gegenseitig die Gesichter zerkratzt?«

»Mein hübsche Herrin, das junge Kind, das seit heute morgen bei der Alten

im Cyriacushofe sitzt, und meine schöne Herrin, die seit gestern nacht

durch alle Zimmer rennt, ihrer Kammerjungfer mit dem Polizeikommissar

gedroht hat und fortwährend Tische und Stühle über den Haufen stößt. Wer

denn anders?«

Meine Phantasie war plötzlich in einem merkwürdig hohen Grade tätig. Ich

sah und hörte die Frau Christine -- sie mußte entzückend in ihrer Aufregung

sein. Vorgebeugt, mit verhaltenem Atem und wahrscheinlich ziemlich albern

fixiertem Blicke stierte ich auf den Mohren, als müsse ich eine neue Welt

aus seiner schwarzen Seele hervorstieren; und der Schlingel grinste --

grinste und blieb stumm, bis ich ihn an der Schulter packte und wenigstens

das Übrige, was er mir zu sagen hatte, aus ihm herausschüttelte.

»Es ging sofort los, nachdem wir vorgestern nacht nach Hause gekommen

waren. Mein Liebchen hin, meine Liebe her! Meine Gute her, meine Beste hin!

Liebe Christine -- liebe Gertrude! Fräulein Tofote -- gnädige Frau!...

Damit waren wir dann in den richtigen Ton gefallen, und die

Auseinandersetzung konnte einen ruhigen Verlauf nehmen und nahm ihn auch. O

Herr, Sie -- und gerade nach dem traurigen Ereignis da im Hofe -- hätten

hinter dem Vorhange stehen und sie auf dem Diwan nebeneinander sitzen sehen

sollen! Ich habe vor manchem Vorhange die Pauke geschlagen; aber hier hielt

ich mich so still als möglich hinter ihm und horchte wie ein Mäuschen, bis

die gnädige Frau das gnädige Fräulein auch wieder >mein Mäuschen< nannte,

und man sich für diesmal gute Nacht sagte, gerade an derselbigen Stelle, wo

sich Katze und Hund gleichfalls gute Nacht zu sagen pflegen. Können Sie es

sich wohl vorstellen, daß sie sich wirklich beiderseits dabei auf die

Stirnen küßten? Mir hinter der Tür traten die Tränen in die Augen.«

Ich setzte mich, unfähig etwas zu bemerken, auf meinen Diwan; doch der

Freigelassene des alten Satans Mynheer van Kunemund hatte noch länger sein

Vergnügen an meiner Furcht vor ihm.

»Ja, ja,« sagte er mit melancholisch-philosophischem Akzent, »es ist

lieblich, wie sich das alles vor den Augen der Welt zurechtlegt; -- es ist

so schön, die Greisin im Cyriacushofe zu trösten, und es ist so sehr

erquickend, seinen Willen zu bekommen und doch noch von jedermann darum

gelobt zu werden; von dem jungen Herrn von Wittum vor allen andern.« --

Waren das wirklich die Gründe, denen der Meister Autor und ich es zu danken

hatten, daß wir die Gertrud Tofote die alte verlassene Frau im Cyriacushofe

tröstend und durch ihre Gegenwart im Schmerze aufrichtend fanden? Matt und

unfähig darüber nachzudenken, fragte ich:

»Und was nun? was nun weiter, lieber Mann?«

»Natürlich wünscht man Sie zu sehen und das Weitere mit Ihnen zu

überlegen.«

»Wer wünscht das, Herr Wichselmeyer?«

Der Mohr sah mich unbeschreiblich verachtungsvoll an und ließ eine

verhältnismäßig lange, aber glücklicherweise wenig kostbare Zeit

vorüberstreichen, ehe er mich einer Antwort würdigte.

»Das Kind doch nicht?!« rief er endlich. »Sie würden der letzte sein, an

den das gnädige Fräulein sich um Rat und Trost wenden würde; aber die

gnädige Frau bittet um einen Besuch, wünscht sich Ihnen an das Herz zu

legen und Ihre Wut an Ihnen auszulassen.«

»An mir?! Gütiger Himmel, weshalb denn gerade an mir?«

»An den Tod kann man sich nicht halten; der Herr Autor Kunemund lassen auch

nicht mit sich scherzen, und einen muß man doch haben, dem man sagen darf,

was man über die ganze Geschichte denkt! Sie sind der Mann, lieber Herr;

Sie allein; denn Sie sind zugleich ein Mann von Welt, und wer in dieser

lästerlichen, hinterlistigen, heimtückischen Welt keine Sehnsucht empfindet

nach der einzigen Kreatur, von der man gewiß weiß, daß sie uns versteht und

uns nachfühlt, der ist eben in eine andere Schule gegangen und hat darin

das Seinige gelernt, ungefähr wie ein gewisser Nigger, der sich aus

Bescheidenheit weiter nicht nennen will, dessen Dienstbuch aber jederzeit

auf der Polizei eingesehen werden kann.«

Ich hielt mir die Stirn mit beiden Händen. Dieses an diesem glühenden

Tage?!...

»Meine Empfehlung an Ihre Herrin, Ceretto, ich werde ihr meine Aufwartung

machen.«

»Das werde ich bestellen, obgleich es, sozusagen, überflüssig ist; -- man

kannte die Antwort schon ohne das.«

Nun hätte ich den Schwarzen doch noch aus der Tür werfen müssen; er schien

es aber auch einzusehen und entfernte sich schleunigst ohne das, nachdem er

sein letztes Wort gesprochen hatte.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Ein Gewitter mußte kommen, und gegen sechs Uhr zeigten sich die Vorboten

desselben an allen Ecken und Enden, das heißt über alle Dächer her, die mir

rings um meine Fenster den unermeßlichen Äther verengerten. Während die

giftig-weißen Wolkenballen emporstiegen und, sich umwälzend, ihre Farbe ins

Dunkelgraue, ins Schwarze verwandelten, machte ich die möglich-sorgsamste

Toilette, meine äußere Erscheinung gleichfalls aus dem Grauen ins Schwarz

verändernd. Zu gleicher Zeit machte ich unter dem Einfluß der elektrischen

Schwüle einen Seelenprozeß durch, dessen häufigere Wiederholung mir für den

Körper nicht wünschenswert sein konnte.

Ich überdachte mein Leben und zählte die Jahre desselben. Die Summe der

letzteren streifte nahe an die Zahl Vierzig heran; das erstere erschien mir

in der augenblicklichen Gewitterbeleuchtung wie ein gutstehendes,

wohlgehäufeltes, unübersehbares, aber auf Regen wartendes Kartoffelfeld. Ob

das, was der Meister Autor »versunkene Gärten« nannte, unter der nahrhaften

Vegetation begraben lag, will ich unaufgerührt lassen; sicher aber war, daß

mir das noch niemals so glaublich erschienen war, als in diesen

Augenblicken. So weich, so menschenscheu und zugleich so sehr

menschenbedürftig wie jetzt hatten mich Leben und Tod noch nie gestimmt.

»Diese Hexe!« stöhnte ich leise, die Hemdärmel zuknöpfend. O, sie wußte es

ganz genau, was sie zustande brachte, als sie neulich fragte: wer ist denn

der Herr da? -- Hätte sie statt dessen, beide Hände mir entgegenstreckend,

die Bekanntschaft erneuert, so wäre alles verlaufen wie es sich eigentlich

gehört -- erfreulich, höflich, in den besten gesellschaftlichen Formen;

aber bei

der Macht Proserpinas

Und bei Dianas unverrückter Allgewalt,

Auch bei den Büchern, kräftiger Bannsprüche voll,

Die hoch vom Himmel feste Stern' herunterziehn --

dies Weib wußte, was für ein Zauberwort es gebrauchte!

Meister Autor; oder, die Geschichten vom versunkenen Garten · 第 5 / 7 题