Aber jetzt war es wirklich die höchste Zeit zum Aufbruch geworden, und der
Meister sprach nur noch:
»Herr Bergsekretär, den Karl Schaake nehmen wir mit; denn so halb und halb
gehört er doch, von seinen ersten dummen Streichen an, zur Familie;« --
dann gingen wir, und hatten nun sogar zu laufen, um die verlorene Zeit
einzuholen.
Wir liefen, und die ganze Gaststube in der Stadt Lübeck stellte sich auf
die Zehen, um uns respektvoll und mit den notwendigen Glossen nachzusehen.
Wir liefen, und statt sich mit Händen und Füßen gegen die Begleitung des
Trudchens in das unmenschliche Glück hinein zu wehren, lief Karl
selbstverständlich mit der Erbin vorauf.
Es schlug gerade feierlich zwölf Uhr auf Sankt Katharinen, als wir uns an
der alten Kirche vorüber dem Tor zuwendeten.
»Umstände werden sie uns freilich wohl nicht mehr machen. Wir können uns
dreist in den Honigtopf hineinsetzen,« sagte der Meister Autor, und es
verhielt sich selbstverständlich so, wie er sagte.
Wir schritten langsamer den jungen Leuten nach durch das Tor, vorüber an
einem der Kirchhöfe der Stadt, und dann durch eine enge im Zickzack
laufende Gasse, zwischen Planken und lebendigen Gartenzäunen etwa zehn
Minuten fort. Dann standen wir, Gartenhecken, Gärten, Gitter, Gartenhäuser
rechts und links, und suchten uns zu orientieren. Dann fanden wir uns
zurecht und schritten in eine Nebengasse hinein, in welcher wir dann
natürlich wieder so ratlos als vorher standen.
»Sie wissen es ja, wie er sich verholländert hat,« sagte der Meister Autor,
»nehmen Sie es also nur nicht übel, wenn ich nach meinem eigenleiblichen
Bruder so verrückt frage. -- Sagen Sie, junge Frau, wo hat sich denn
eigentlich der Dachs verklüftet -- ich meine mein kleiner Bruder -- ich
meine, wo wohnt denn der Herr van Kunemund?!«
Diese Frage war an eine durchaus nicht mehr junge Weibsperson, die, einen
Henkeltopf tragend, uns entgegenkam, gerichtet, und sofort erfolgte die
Antwort der dem Gespräch nach leicht erreglichen Dame:
»Hören Sie, wenn Sie den meinen, den kleinen, gelben Kerl, mit dem vielen
Geld -- der lebt gar nicht mehr. Sie alter Narr, wenn aber Sie die Leute
vexieren wollen, so gehen Sie da auf den Kirchhof und dann können Sie --«
Was der Meister Kunemund konnte, wollen wir dahin gestellt sein lassen; wir
gingen eiligst weiter und trafen ein kleines Mädchen, welches ebenfalls
einen Henkeltopf trug, und welches auf unsere Frage, mit dem Finger
deutend, sagte:
»Herr je, da guckt's ja über die Hecke!« und dann sofort Reißaus nahm.
Unsere Augen waren sämtlich der andeutenden Richtung des Kinderfingers
gefolgt.
»Richtig!« sagte der Meister. »Nun, Gott sei Dank, jetzt haben wir es doch
herausgebracht, wo er sich verklüftet hat.«
Was aber da über die Hecke guckte, das war in der Tat nicht gewöhnlich, und
konnte wohl einem, der unvermutet auf den Anblick stieß, einen gelinden
Schrecken einjagen. Solch eine kohlschwarze Teufelsfratze mit solchem
krausen schloßenweißen Wollenhaar sollte noch zum zweitenmal über eine
norddeutsche Hainbuchen- und Nußbaumhecke gucken.
»'s ist sein Mohr, erschrick nicht, Karl Schaake!« rief der Meister; und
schon war das Trudchen an der Hecke und reichte dem grinsenden Greuel die
Hand in die Höhe. Aber je näher wir andern herankamen, desto mehr versank
der Schwarze hinter den grünen Blättern -- doch glücklicherweise nur aus
Höflichkeit, denn er empfing uns mit einer tiefen Verbeugung an den
Rokoko-Sandsteinpfeilern des Gartentores, reichte dem Herrn Kunemund
gleichfalls die Hand und sagte:
»Ist es der Herrschaft endlich gefällig gewesen? Wahrhaftig, ich kenne
Leute in Bremen, sowie an manchem andern Platze in und um Europa, die
eiliger angerannt gekommen wären.«
»Siehst du, Onkel, das habe ich dir auch gesagt!« rief Gertrude Tofote, und
damit traten wir über die Schwelle des Gartens und ein in das Erbe, welches
Mynheer van Kunemund der Tochter Arend Tofotes gegeben hatte, und wir sahen
alle noch einmal zurück über die Schulter, nur die Gertrud nicht; --
Gertrud sagte:
»Oh!« und sah sich nur um.
»Es ist _doch_ wunderlich!« sprach der Meister Autor, kopfschüttelnd nach
den dichten dunkeln Baumgipfeln blickend, die in der Ferne die Lage des
Kirchhofes andeuteten, auf welchem man seinen kleinen Bruder eingescharrt
hatte, ohne daß der Meister dabei zugegen gewesen war.
Was mich persönlich anbetraf, so hatte ich mich seit meinen Kindheitsjahren
nicht in einer gleichen märchenhaften, neugierig-bänglichen Stimmung wie
die jetzige befunden. Und da sich meine Rolle hier doch nur auf die eines
horchenden, zurechtlegenden Beschauers beschränkte, so entging mir wenig
dessen, was die Stunde bot; und alles, was ich sah, hörte -- paßte in das
Märchen -- vor allem andern auch der junge, verdrossene Seefahrer, Herr
Karl Schaake, der Leichtmatrose.
Da standen wir im Grün und in der Sonne und mitten im verwilderten Rokoko.
Aus ausgewuchertem dichten Taxus sahen graue Sandsteinfiguren --
pausbackige Kinder, hochbusige Nymphen hervor. Der gelbe feine Sand
knirschte unter unsern Füßen, und an einer uralten Sonnenuhr in der Mitte
des Rundplatzes machte uns der Mohr Mynheers van Kunemund eine zweite und
womöglich noch tiefere Verbeugung:
»Dort ist das Haus,« sagte er, auf ein altersschwarzes moosbedecktes
Ziegeldach deutend, welches in einer Entfernung von etwa hundert Schritten
über das Gebüsch emporragte.
»Und wo sind die Gerichtsherrn?« fragte Herr Autor Kunemund.
Auf diese Frage hin zog Signor Ceretto grinsend die Schulter in die Höhe:
»Die Sennorita darf sich darauf verlassen, daß sie in ihrem Eigentum ist.
Der Herr Kunemund weiß das auch recht wohl; er hat es ja selber auf dem
Stadtgericht gehört, daß alles in Ordnung sei. Der selige Herr verstand es
bis zum Letzten, Ordnung in allen seinen Angelegenheiten zu machen. Das
gnädige Fräulein darf dreist weiter spazieren.«
»Was ist denn aber das?« fragte der Meister Autor vor einer rotweißen
Stange stehen bleibend, die mitten im Wege zwischen dem Grün, den Blumen,
unter den summenden Bienen, den flatternden Schmetterlingen und den grauen
Steinbildern im Boden stand.
»Das Gewächs hat das Stadtbauamt neulich eingepflanzt, Herr Kunemund,«
sagte der Mohr. »Es findet alles sein Ende in der Welt. Jede Zeit hat ihr
eigenes Pläsier und kümmert sich wenig um das der vorhergegangenen. Uns
macht nun das Baumfällen Vergnügen. Den Stadterweiterungsplan haben Sie
wohl noch nie zu Gesicht gekriegt, Herr Kunemund?«
»Donner und Hagel, sie werden uns doch wohl hier keine Häuser hinsetzen
wollen?!« schrie der Meister Autor, und es wird auch wieder viel Wasser die
deutsche Literatur herabrinnen, ehe sie wieder ein Grinsen sieht, wie das,
mit welchem Signor Ceretto Wichselmeyer aus dem Schüsselkorb zu Bremen den
Aufschrei des Meisters beantwortete.
»Sie wollen mir in meinen Garten Häuser bauen?« rief auch Fräulein Gertrud
Tofote, und zum drittenmal verneigte sich der Zaubermohr vor ihr und sagte:
»Nach dem Stadterweiterungsplan geht die Prioritätenstraße grade über das
Grundstück. Ich bitte gehorsamst -- sehen Sie dort, an dem Bassin steht der
zweite Pfahl. Ei, der selige Herr wußte gar wohl, was er tat, als er den
Garten kaufte. Es war ein solides Geschäft, -- nur schade, daß er die
Kommission mit den Meßketten nicht selber mehr an der Tür begrüßen durfte.«
Ich hatte die Hand auf einen die Flöte blasenden Satyr gelegt; der Meister
Autor sah mit zusammengezogenen Augenbrauen an den alten hohen Linden
empor, der Seefahrer war an den Rand des Wasserbeckens getreten und sah
finster hinein, und Trudchen -- Trudchen trat zu dem alten unheimlichen
Gartenhüter und fragte:
»Aber dürfen sie denn das, wenn ich nicht mag?«
»Sie werden viel Geld bezahlen, gnädiges Fräulein,« antwortete Ceretto.
»Für viel Geld bekommt man alles, was man will. Für Geld und für gar nicht
viel hat man alle meine Großväter bekommen, und meinen Urgroßvater sogar
für eine abgelegte neapolitanische Schiffsleutnantshose. Die Überlieferung
davon ist in der Familie geblieben von Abu Telfan im Tumurkielande her bis
in den Schüsselkorb zu Bremen. Was mich persönlich angeht, so hatte mich
der selige Herr, -- ich meine immer Mynheer van Kunemund, für vierzig Taler
jährlich und einen neuen Bedientenrock alle Weihnachten.«
»Damals sagten Sie mir, Ihre Angehörigen stammten aus dem Lande Kongo,«
sagte der Meister Autor, um doch wieder etwas zu bemerken.
»Aus Banza Sonjo! Nicht wahr? Ja, das ist auch wenigstens zur Hälfte
richtig. Aus dem Nest war meine Urgroßmutter; die wurde aber auf einen
andern Handel zugegeben und kam mit meinem Herrn Urgroßvater erst in Puerto
Principe auf Cuba in Bekanntschaft. Sie konnten beide nichts dafür, es
sprachen damals auch Geschäftsrücksichten mit, aber, wahrhaftig, bloß die
des kreolischen Pflanzers. Nun, ich will dem gelben Schurken heut ein gut
Jahrhundert später keinen bösen Leumund darum machen, zumal -- heut heute,
schönes, junges, gnädiges Fräulein; denn _mir_ gefällt die Welt heute recht
sehr, recht sehr! Ich meines Teils habe bis dato noch immer mein Vergnügen
drin gefunden.«
Neuntes Kapitel.
Wir standen noch einen Augenblick um die Stange des Stadterweiterungsplanes
her, und dann wendeten wir uns alle ab und dem Hause zu. Um zu demselben zu
gelangen, mußten wir das gleichfalls mit einem bemoosten Rande von
Sandstein eingefaßte Wasserbecken umschreiten.
»Das Ding hat eine merkwürdige Tiefe,« sagte Signor Ceretto. »Mynheer und
ich haben es ausgemessen. Der Grund ist weit hinabwärts versumpft und
verschlammt; ob man allerlei Andenken aus der alten Zeit finden wird, wenn
das Bauamt den Fleck trocken legt, kann ich nicht sagen. Es hat aber vieles
und wunderliches Menschenvolk hier im Hause gewohnt.«
Hier im Hause! Wir standen jetzt vor dem Hause, in welchem zuletzt Mynheer
van Kunemund gewohnt hatte, und welches jetzt dem Trudchen Tofote als
Eigentum zugefallen war.
»Zu seiner Zeit war es, trotzdem daß es nicht sehr groß ist, ein
Wunderwerk,« meinte der schwarze Gartenhüter. Und wahrlich, ein Wunderwerk
war es auch heute noch, und vielleicht grade heute mehr denn je.
»Oh!« rief Gertrude Tofote, nach der Hand des Meisters Autor greifend, aber
sie sofort fallen lassend, um die breiten Steintritte, die sich an der
ganzen Vorderseite des Gebäudes herzogen, hinaufzueilen. Und wäre jetzt aus
der Glastür in der Mitte der Erbauer im Brokatrock mit der Allongeperücke
und dem zierlichen Degen, den dreieckigen Hut unter dem Arme,
hervorgetreten, um sich mit der ganzen feierlichen Zierlichkeit des Jahres
Siebenzehnhundert über ihre Hand zu neigen und das schöne Kind in _sein_
Besitztum einzuführen, -- niemand von uns andern, die wir noch auf dem
heißen gelben Sande vor den breiten Treppenstufen standen, würde einen
außergewöhnlichen Schauder darob verspürt haben.
»In der Umgegend von Batavia trifft man auch solche kuriose alte
Gartenhäuser,« sagte der Matrose. »Aber sie versinken allmählich im
Sumpfe.«
»Ruppig, aber wunderschön!« rief der Meister Autor. »Und _das_ wollen sie
auch wegbrechen, ihrer dummen Straße wegen?«
»Das erst recht, Herr Kunemund. Ich meine doch, es hat lange genug
gestanden,« sagte Ceretto, »aber die Herrschaften sehen, die junge Herrin
wird ungeduldig -- gehen wir hinein; inwendig ist's noch viel
absonderlicher, und wir haben gleichfalls das Unsrige geleistet, um die
Wirtschaft für das gnädige schöne Fräulein so bunt als möglich
herzurichten. O, darauf verstanden wir uns: ich und der selige Herr. Wir
haben beide, jeder in seiner Art, die Welt danach abgegraset.«
Wir erstiegen nun auch die breiten Steinstufen zwischen den beiden
verwitterten Sphinxen und standen vor der schon erwähnten Glastür und den
fast bis auf den Boden herabreichenden Fenstern des Hauses.
An der Türe erwies sich der wunderliche Führer aber nochmals als ein für
seine Aufgabe vollkommen passender Mann.
Mit einem lächelnden Blick auf Gertrude deutete er nochmal zurück auf den
Garten, -- die Blumen, den ausgewucherten Taxus, das sonstige Gebüsch und
die mannigfachen Bildwerke, die aus dem Grünen hervorsahen: Blumenkörbe
tragende Nymphen, Pansflötenbläser und pausbackige Kinderfiguren.
»Sie haben alle gewartet!« sagte er. »Sie haben auf das Fräulein gewartet.
Sie haben sich gelangweilt über hundert Jahre.«
»Das glaube ich!« brummte der Leichtmatrose Karl Schaake. »Es war zwar sehr
freundlich von ihnen, aber nötig war's nicht. Was haben sie mit dem
Trudchen zu schaffen, die lächerlichen alten Galionbilder?... Nichts!«
»So?!« sagte der Meister Autor Kunemund. »Hast du deshalb dem Kerl da einen
solchen grimmigen Nasenstüber versetzt, Karl?«
Und er zeigte auf einen mit einem kaum noch erkennbaren Bogen bewaffneten
knieenden Amor unter einem Rosengebüsch, gerade der Eingangstür des Hauses
und dem im Sonnenlicht glitzernden Wasserbecken gegenüber. Sicherlich wußte
Herr Autor durchaus nicht, wie fein er sich durch sein Wort und seine
Handbewegung erwies. --
Zehntes Kapitel.
Die Jahre sind hingegangen seit dem Tage. Nicht viele Jahre -- fünf zum
höchsten, kurz eine lange, lange Zeit. Ich habe das Meinige erlebt
währenddem -- die Welt roch einige Male recht brandig -- Saturn entwickelte
mehrmals einen gott- oder göttergesegneten Appetit: die Knochen seiner
Kinder knackten und knirschten unter seinen Zähnen; es floß ihm rot an den
Kinnladen herab; hier und da lief das Blut in den Straßengräben und
Ackerfurchen: im Bunten eine buntfarbige Erinnerung mehr, das ist das
einzige, was mir von jenen Stunden blieb, jenem Tage, an welchem Herr
Kunemund mich abholte, seine kleine Freundin in ihre Erbschaft zu geleiten.
Es war ein Gebäude, wie es im achtzehnten Jahrhundert die Herren aus der
Umgebung Serenissimi in großen und kleinen Residenzen in ihren Gärten
versteckten, und wie es in so manchem Schau- und Trauerspiel, in so manchem
Roman nicht nur des achtzehnten, sondern auch des neunzehnten Jahrhunderts
sich aufbaut als Schauplatz von Liebe und von Kabale. Ein Häuschen, in
welchem aber auch von Thümmel seine Wilhelmine hätte schreiben können, und
in welchem der Verfasser der Reise in die mittägigen Provinzen von
Frankreich sich auch unter dem, was Mynheer van Kunemund hinzugetan, gewiß
nicht unbehaglich gefühlt haben würde. Die Stukkaturplafonds und die
Schnörkelschnitzeleien an Tür und Pfosten hatten dem Geschmack des alten
abenteuernden Heimtückers zugesagt, und er hatte das Seinige getan und
alles verblichene Gold neu auffrischen lassen. Auch die Decken- und
Wandmalereien hatte er zum größten Teil konserviert, und die bekannten
Abgöttereien, Schäfereien, Jägereien und Fischereien ergötzten das Auge
fast von jeder Richtung her. Aber Mynheer hatte auch ein Gusto für buntes
Fensterglas mit in seinen lichten Schlupfwinkel gebracht und seine Gemächer
in das bunteste Licht gekleidet. Und was er von seinen Weltfahrten an
Wunderdingen mitgeschleppt hatte, das hatte er auf den Tischen und
Schränken und die Wände entlang aufgehäuft und angehängt. Selbst die
Fußböden hatte er durch ausländische farbenprächtige Teppiche und die Felle
fremder Tiere nach Möglichkeit wunderlich ausgestattet; das Ganze
überwältigte, selbst nur als Raritätensammlung betrachtet, beim ersten
Durchschreiten der Räume vollständig.
Aber die Lebendigen waren doch das Merkwürdigste, -- sie stehen mit jedem
Worte, mit jedem Gestus fest in meiner Erinnerung -- der Meister Autor, das
schöne Waldfräulein und der Leichtmatrose und Pilgerführer Karl Schaake von
der Hamburger Barke Kehrwieder.
Ich sehe den Bremer Mohren, Ceretto Wichselmeyer, eine Tür nach der andern
vor der neuen Herrschaft öffnen; ich sehe das süße Kind immer größere und
glänzendere Augen öffnen, aber ich sehe es auch von Schritt zu Schritt
immer mutiger und mutwilliger werden. Ich sehe, wie sich Fräulein Gertrud
Tofote lachend auf weiche Polster wirft, um sofort wieder aufzuspringen und
über die orientalischen Decken, die Tigerfelle mit leichter Hand zu
streichen; ich sehe sie mit bunten Schmuckkästchen in der Hand, mit einem
javanischen Federfächel in der Hand, -- ich sehe sie mit einem
Korallenschmuck im Haar vor einem der vergoldeten Spiegel. Ja, ich sehe das
Lächeln, mit welchem sie sich in den Spiegeln des Hofmarschalls von Kalb
oder des Oberschenks von Bock, und zwar auf den Teppichen Mynheer van
Kunemunds stehend, beäugelt; und ich sehe auch den Meister Autor Kunemund,
der hinter ihr hertritt, sich über ihr Entzücken freut und doch dann wieder
auch stehen bleibt und kopfschüttelnd und traurig sie, unbemerkt von ihr,
lange und fest ins Auge faßt.
Ich sehe dann den Meister Autor, wie er den Stock seines »kleinen Bruders«
in einer Ecke findet und am Nagel den Hut des Seligen. Ich sehe, wie er vor
diesen Stücken der Erbschaft lange mit dem schwarzen Zauberhüter der
tausend Herrlichkeiten flüstert, um von neuem den Kopf zu schütteln. Ich
belausche einen tiefen Seufzer des Alten, während aus dem Nebengemache,
hinter dem schweren sammetbefranzten Türvorhang her, ein neuer, heller,
lachender Jubelruf des jungen Mädchens erklingt; den jungen Seefahrer
erblicke ich in diesem Momente nicht, aber ich finde ihn noch wieder -- im
Märchenhause Mynheers van Kunemund und in meiner Erinnerung. --
Wir haben allgemach das ganze Haus durchstöbert und kehren nun zurück durch
den Wirrwarr der bunten Räume, um das lustig verzauberte Gartenschlößchen
auch von außen zu umschreiten und den Garten einer neuen und eingehenderen
Durchforschung zu unterwerfen. Und auf diesem Rückmarsche finde ich meinen
jungen Salzwassermann in einem Winkel eines der vordern Gemächer, und zwar
in mürrischer Betrachtung der Schlange unter den Blumen.
Er saß auf einem Eckpolstersitz und hatte von einem Hängebrett zur Seite
den Gegenstand herabgeholt, der ihn so sehr bedenklich machte, daß er alles
andere darüber vergaß.
Als ich an ihn herantrat und ihm die Hand auf die Schulter legte, fuhr er
sogar zusammen und wurde sofort sehr rot, was ihm, beiläufig gesagt, gar
nicht übel stand.
»Was haben Sie denn da aufgegabelt, das Ihre Aufmerksamkeit so sehr in
Anspruch nimmt, lieber Freund?« fragte ich, und der Leichtmatrose erwiderte
verlegen und womöglich noch röter werdend:
»O nichts!«
»Dem scheint doch nicht so zu sein. Bitte, lassen Sie doch einmal sehen,
was Sie Gefährliches da hinter Ihrem Rücken verbergen.«
Und jetzt sprudelte und stotterte der junge Mensch heraus, was ruhig und
lachend zu sagen er sich zu schämen schien:
»Ich weiß nicht, wie das hierher kommt, und ob der, welcher es hierher
gebracht hat, gewußt hat, was es bei sich zu Hause bedeutet. Aber auf den
Inseln der Banda- und der Harafura-See schafft ein Feind es dem andern
verstohlen ins Haus oder aufs Schiff und geht nachher hin und reibt sich
die Hände und wartet ruhig den Erfolg ab. Sie sagen und glauben fest daran,
daß es Unglück bringe -- daß Haus und Schiff zugrunde gehen müsse, wenn es
nicht noch frühzeitig wieder hinausgeworfen werde. Es ist natürlich eine
Narrheit; aber kein malayischer Seemann duldet es auf seinem Schiff, und
ertappen sie einen, der es böswillig in der Hosentasche trägt, fliegt
beides über Bord, der braungelbe Kerl wie das graugrüne Zauberding.«
»Das ist ja recht interessant! Aber was ist es denn? Zeigen Sie doch
einmal, lieber Karl!«
Zögernd legte der Leichtmatrose einen dem äußern Anschein nach höchst
unverfänglichen Gegenstand in meine Hand, nämlich einen
schwärzlichgrünlichen Stein von eirunder Form und der Größe einer
Weiberfaust. Bei näherer Betrachtung erwies sich jedoch, daß das Ding
bezeichnet war und nicht ohne Kunst und Mühe zugerichtet, daß es also auch
wohl für den Verfertiger seine Bedeutung haben mußte. Die eine Hälfte war
mit einem Durcheinander wahrscheinlich sehr magischer und niederträchtiger
Schriftzüge bedeckt; auf der andern Hälfte wies sich ein Gesicht
eingegraben, und seltsamerweise hatte sich der Künstler augenscheinlich
bemüht, so gut es ihm eben möglich war, jedwede Fratzenhaftigkeit davon
fernzuhalten, und das war ihm auch so ziemlich gelungen. Es gab sicherlich
häßlichere molukkische Frauen und Göttinnen, als diejenige gewesen sein
mußte, die zu diesem Skulpturwerk Modell gesessen hatte.
Nachdem ich das magische Ei mit gebührender Aufmerksamkeit hin und her
gewendet, es unter jeglichem Gesichtspunkt betrachtet und zuletzt sogar
berochen hatte, gab ich es zurück und zuckte die Achseln.
»Sie nennen es den Stein der Abnahme und dulden es nicht,« sagte Karl
Schaake.
»Der Stein der Abnahme?! Freilich ein sonderbares, bedeutungsvolles
Wort!... der Stein der Abnahme!«
Ich nahm das Ding zum zweitenmal und betrachtete es noch einmal von allen
Seiten, indem ich wiederholte:
»Der Stein der Abnahme!«
Den Schriftzügen vermochte ich nichts abzugewinnen, wohl aber allmählich
dem Weibergesicht. Die Phantasie tut in allen diesen Stücken das Ihrige
und tat das auch jetzt. Das kindische, unsichere Bild gewann ein
tierisch-stupides Leben, und über alles einen Zug von unerbittlicher
Grausamkeit und kahlem, nichtssagendem Hohn, der es mich auf der Stelle zum
andernmal zurückgeben ließ:
»Sie dulden es nicht?«
»Unter keinen Umständen! Sie reißen selbst das Haus nieder, in welchem es
gefunden wird.«
»Und Sie, lieber Freund, verspüren all Ihrem Europäertum zu Trotz ebenfalls
nicht die mindeste Lust, dieses Es, diesen -- Stein der Abnahme, hier --
grade hier, in diesem Hause zu dulden? Es juckt Sie längst in allen
Fingern, das Entsetzliche verstohlen in die Tasche zu schieben und es
nachher in den Fluß zu werfen, da wo er Ihnen am tiefsten vorkommt? Nicht
wahr?«
Der junge Mann nickte mit allem Nachdruck, den Blick nicht von mir
abwendend.
»Nun, was hindert Sie denn, lieber Karl? Ich meine, wir können es vor dem
Meister Autor, dem Bruder Mynheers van Kunemund, wie vor der niedlichen
Erbin Mynheers -- und vor letzterer am ersten verantworten. Sehen Sie, das
Fenster steht weit genug geöffnet. Werfen Sie, und reinigen Sie das Haus
von dem Unheil!«
So vieler Worte hatte es kaum bedurft. Beim ersten bereits war der
Seefahrer aufgesprungen, und jetzt flog im weiten Bogen der Stein der
Abnahme aus dem Fenster und klatschend mitten in das Bassin vor dem Hause.
»So -- gottlob!« rief tief aufatmend Karl.
»So!« sagte ich lachend und habe späterhin Gelegenheit gefunden, mich
dieses Lachens mehrfach zu erinnern. Fürs erste fanden wir uns noch einmal
im Garten unter den Bienen, Blumen und Schmetterlingen zusammen und
beredeten noch dieses und jenes, woran Gertrud Tofote, versunken in ein
unruhiges Träumen, wenig Anteil nahm.
Dann fragte Herr Kunemund:
»Du wirst doch heute mit uns essen, Karl?« und Karl dankte zögernd und
sagte:
»Ich habe der Muhme im Cyriacihofe versprochen, heute bei ihr zu bleiben,
und sie wird schon längst eine recht schöne Rede über mein Ausbleiben für
mich in Bereitschaft haben.«
So nahmen wir Abschied. Wir, der Seefahrer und ich, ließen die Erbin im
Besitz der Erbschaft Mynheers van Kunemund, und ein jeder ging seines
eigenen Weges: ich den meinigen, wie gesagt, durch verschiedene Jahre. In
diesen Jahren hatte ich das Meinige in Wohl und Wehe abzutun und konnte
mich nicht immer mit dem, was andere Leute eigentlich allein anging,
beschäftigen. Aber dessenungeachtet behielt ich diesen Tag mit allen seinen
Figuren und Vorgängen in merkwürdiger Frische in der Erinnerung. Den
Meister Autor hatte ich ja sogar, wie man das so nennt, liebgewonnen. Und
wenn man sich gewöhnlich wenig mehr bei dem Wort denkt, als daß ein
wohltuend warmes Behagen von der oder der Persönlichkeit für uns ausgeht,
so trat hier doch noch etwas anderes hinzu: ich hatte nämlich den Meister
auch da zu respektieren, wo sich mein ganzes, oft flüchtig genug im Tage
lebendes Wesen gegen seine Natur und sein Treiben als gegen etwas ganz
Gewöhnliches und Einfältiges, wenngleich ungemein Feststehendes sträubte.
Das Behagen behielt freilich stets die Oberhand. In mancher verdrießlichen
Stunde schweifte meine Seele mit Wohlgefühl in des Alten Einsamkeit und
sein sagenhaftes Leben hinüber; und in mancher unsichern Stunde habe ich
ihn, den Meister Autor Kunemund, in der Einbildung um Rat gefragt,
denselben jedesmal erhalten und wirklich dann und wann befolgt und zwar
niemals zu meinem Schaden, wenngleich sehr häufig zur unmäßigen
Verwunderung anderer Leute.
»_Dem_ Mann geht es immer gut! Dem Mann kann es nie schlecht gehen!« dachte
ich, und saß mit ihm in der Phantasie an der Schnitzbank und spielte mit
dem tapfern, blanken Messer seines königlichen Ahnherrn. Und mit ihm sah
ich seinen Wald im Frühlings-, Sommer-, Herbst- und Wintergewande, in
Sonnenlicht und Nebel, und sah die Alte und den Förster Tofote und das
Kind, das schöne Kind. Und während ich an meinem eigenen Leben schnitzelte
und zwar im Holz, das mir überwiesen worden war, philosophierte ich dann
und wann, wie es sich gehörte, über das Material, welches andern in die
Hände fiel, so zum Exempel über die Erbschaft Mynheers van Kunemund.
Hundert Meilen entfernt vom Elmwalde kümmerte ich mich um jenen wunderlich
schönen Garten, die liebliche Erbin darin und dachte an die rotweiße
Meßstange, welche jener Stadterweiterungsplan der armen Gertrud Tofote
zwischen ihrem Flieder, Jasmin und ihren Rosen eingepflanzt und
aufgerichtet hatte. --
Elftes Kapitel.
Der Schnellzug hielt im freien Felde, ungefähr eine halbe Stunde von der
Station, und während fünf Minuten unterhielten sich die Reisenden in
sämtlichen Wagen, in der Erwartung, daß es sogleich weiter gehen werde,
ruhig über die möglichen Gründe des plötzlichen Anhaltens. Nach einer
weiteren Minute bogen sich die ungeduldigeren Passagiere aus den Fenstern,
um sich nach diesen Gründen umzusehen, und einen kürzesten Moment später
bot die lange Wagenreihe mit den daraus hervorguckenden Köpfen den Anblick
einer Straßenseite, wenn drunten in der Gasse etwas ganz Außergewöhnliches
vorgegangen ist oder vorgeht. Wenn nun aber auch kein Kanarienvogel der
zärtlichen Pflege seiner altjüngferlichen Herrin entschlüpft war, so war
nichtsdestoweniger etwas, wenn auch nicht Außergewöhnliches, so doch gewiß
ziemlich Aufregendes passiert, zumal für diejenigen, welche dergleichen
noch nicht auf ihren Reisen erlebt hatten.
»Personen- und Güterzug entgleist ... Bahn unfahrbar!... Heizer und
Lokomotivführer tot, viele Passagiere verwundet!« ging es plötzlich von
Mund zu Munde durch alle Klassen des Zuges, und die bereits am Rande der
Böschung in Gruppen stehenden Schaffner ließen sich nunmehr allgemach
herbei, die Nachricht zu bestätigen und fingen auf Befehl des Zugführers
an, die Wagentüren zu öffnen.
Allgemeines Herausklettern -- Durcheinander von Frage und Antwort -- hie
und da Mitleid und Entsetzen in den Mienen; aber meistens doch nur, je nach
dem Charakter oder der Eile der persönlichen Reisenot heftiges
Gestikulieren, leises Murren und lautes Schimpfen! Wer es schon mitgemacht
hat, weiß es, wie die Welt in solcher Lage sich gibt; wer noch nicht im
freien Felde vor die Alternative gestellt wurde, in dem Coupé zu
übernachten, oder nach eigenem Können und Vermögen seinen Weg über das
Hindernis da vorn auf dem Geleise zu suchen, der mag sich selber den Puls
fühlen. --
Was mich anbetraf, so hatte ich wenig zu versäumen, und nachdem mir die
Gewißheit geworden war, daß für eine längere Zeit an ein Freiwerden der
Bahn und ein Weiterfahren des Zuges nicht zu denken sei, ergab ich mich
gleichmütig in die Situation, sah mich um und suchte mich in der Gegend
zurecht zu finden.
Wir hielten in der Ebene, wie gesagt, eine halbe Lokomotivviertelstunde von
der nächsten Station entfernt, hatten also einen ziemlich beträchtlichen
Weg, und zwar auf sehr schlechtem und gar noch dazu durch ein heftiges
Gewitter am frühen Morgen aufgeweichtem und grundlos gemachtem Pfade zu dem
Orte hin. Aber es war ein herrlicher, klarer, sonniger und doch durch eben
jenes Morgengewitter erfrischter Sommernachmittag, und es gab schlimmere
Klemmen als die meinige im menschlichen Leben: ich wenigstens hatte
schlimmere und zwar ziemlich heiter überwunden, wenn auch dann und wann nur
aus dem einfachen Grunde, weil ich mußte.
Ich hatte mich bald in der Gegend zurechtgefunden. In der Ferne, gegen
Nordost zog sich wieder einmal der Elmwald hin; in der hügeligen Ebene
zwischen dem Walde und der Eisenbahn, ungefähr eine Viertelwegstunde von
der letztern lag ein Dorf in Gebüsch, Wiesen und Kornfeldern, und der Weg,
den wir sämtlich zu treten hatten, wenn wir das Hindernis vor uns umgehen
wollten, führte durch dieses Dorf. Zu Haufen und einzeln, teilweise schwer
genug mit ihrem Gepäck belastet, schritten die Insassen des Bahnzuges den
roten Dächern zu; ich aber, mit ein wenig besserm Humor für das Ertragen
der Verdrießlichkeit ausgerüstet, ließ den Schwarm voranziehen. Eine
Zigarre anzündend, klomm ich ihm den Hohlweg hinauf langsam bis auf die
Höhe nach, erstieg dann die Böschung und saß am Rande eines unübersehbaren
Weizenfeldes unter einem schattigen Fliederbusche nieder, und zwar in
ziemlich eigentümlicher Stimmung.
Da war eben noch der wirreste Lärm, das Rasseln der Räder, das Geschwätz
der Mitreisenden, das Ächzen der Maschine, kurz der Dampf, Qualm und die
Musik der ganzen kostbaren Erfindung um mich gewesen und jetzt -- die
tiefste Stille -- bis auf die Lerchen über mir im Blau und die Grille neben
mir im Thymianbusch. Und, weithin zu überblicken, lag die Ebene im
Sonnenduft, und im Süden das Gebirge im weißlichen Glanze. In
Schlangenlinien zog sich der Bahnkörper durch die Fläche und um die Hügel,
hier verschwindend, dort von neuem auftauchend, bis sich die Windungen im
Dunste der Ferne verloren. Die Sonne glitzerte auf den Schienen; und dort,
zwei- bis dreihundert Schritte von meinem grünen Busche entfernt, zwanzig
Fuß tiefer als er, lag wie ein verendendes Ungeheuer der schwarze lange
Wagenzug mit dem nur noch leise auskeuchenden Kopfe des Drachens, der
Lokomotive. Nur die Beamten -- der Lokomotivführer, Heizer und Schaffner
waren noch um die Wagen beschäftigt, und in den ersten Klassen hatten
einige verdrießliche Herrschaften von beiden Geschlechtern
verzweiflungsmatt ihre Plätze festgehalten.
»Wie schön doch die Welt geblieben ist!« sagte ich erstaunt. »Gütiger
Himmel, und das liegt noch immer dicht neben uns, und lächelt uns mitleidig
nach, während wir da vorüberrasen, befangen im Wahn in dem wüsten Gelärm
durch eigenes Mitlärmen, Mitkeuchen und Mitgreifen das zu gewinnen, woran
wir längst vorbeigewirbelt wurden. Welch eine Fratze schneidet uns unser
eigenes Leben, wenn wir es einmal in der rechten Beleuchtung anschauen!
Meine Herrschaften, da wäre die Gelegenheit, für die, die da lachten, zum
Weinen, und für die, die da weinten, zu einem Lachen zu kommen! O
verflucht, lieber von Schmidt!«
Ich hätte in dieser märchenhaften Stimmung fast die Zigarre als eine
=frivolitas frivolitatum= in den Hohlweg hinunter und der Eisenbahn
zugeworfen, tat es aber natürlich doch lieber nicht, sondern blinzelte
behaglich mit einem befreienden Atemzug in das Bessere, ohne das Gute zu
verwerfen, bis das Märchen noch freundlicher seine Hand mir in die helle
sonnenvolle Stunde hinein und entgegen streckte, und mir die Gelegenheit
bot, die beste Bekanntschaft, die ich in der Gegend hatte, zu erneuern.
Der goldene Weizen dicht hinter mir sang leise im leichten Winde. Die
letzten Passagiere hatten sich längst aus meinem Gesichts- und Gehörkreise
verloren, als das Gebell eines Hundes und der Schall von Fußtritten im Korn
mich bewog, mich langsam und widerwillig nach der Störung hin umzudrehen.
Ein enger Pfad durchschnitt querüber die gelben Wellen der Halme und Ähren
und mündete, ungefähr sechs Schritte von meinem Ruheplatze, in den Hohl-
und Dorfweg hernieder leitend. Auf diesem kaum fußbreiten Pfade durch das
hohe Korn bewegte sich ein breitkrämpiger grüner Filzhut mir entgegen --
kam ein Mann, ein alter weißköpfiger Mann, mit bereiftem Kinn, lang,
schlotterig und gebückt, die kurze Pfeife im Munde, und dicht vor den Füßen
begleitet oder besser geleitet von einem, dem Anschein nach, nicht mehr
jungen Dachshunde, und trat, als ich grade die Hand über die Augen legte,
um die malerische Erscheinung genauer zu betrachten, an den Rand des
Hohlweges mit der Absicht, in ihn hinunterzusteigen.
So viele Leute ich während der letzten Jahre aus dem Gedächtnis verloren
hatte, den Meister Autor Kunemund hatte ich nicht daraus verloren und --
hier war der Meister Autor!
Unverkennbar war er es! ein wenig greisenhafter und körperlich gebrochener,
auch wohl noch ein wenig blinder, aber doch der ganze Meister Kunemund!
Mit einem Rufe der freudigsten Überraschung sprang ich in die Höhe und rief
den guten Namen, und jetzt legte auch der Alte die Hand über die Augen, und
so standen wir und sahen uns an. --
Er erkannte mich natürlicherweise nicht sofort und wollte eben nach einem
kurzen höflichen Gruße weiter gehen, der Eisenbahn zu, als ich ihm den Weg
vertrat und ihm die Hand bot.
»Wir waren einmal gute Freunde, Herr Kunemund,« sagte ich. »Und ich hoffe,
daß wir uns als solche heute wiederfinden.«
Nun nannte ich ihm meinen Namen, und er rückte mir rasch unter die Nase zu
genauester Betrachtung, und dann ging ein breites Lächeln des Erkennens ihm
über die verwitterten Züge; er schüttelte mir kräftiglich die Hand und
rief:
»Herr, sieh, sieh, das freut mich, das freut mich aber wirklich! Sehen Sie,
lieber Herr Bergrat, grade an Sie habe ich eben noch gedacht, und wie oft
ich die letzten Zeiten hindurch an Sie gedacht habe und Sie gern einmal
gesprochen hätte, das kann nur ich alleine wissen. Also aber vor allem
andern, Ihnen geht es doch nach Wunsch in der Welt?«
Wem geht es eigentlich nach Wunsch in der Welt? Wem ging es irgend einmal
zu irgendeiner Zeit danach? Ich zuckte die Achseln, doch da ich
augenblicklich wenigstens mich über einen außergewöhnlich scharf
zubeißenden Lebensverdruß nicht zu beklagen hatte, so rief ich: »Man soll
um Gottes willen die Götter nicht eitel machen; ich werde mich sehr hüten,
sie zu loben; aber sonst, jawohl, geht es mir ganz gut!« und damit gab ich
ihm seine Frage zurück. Da zog auch der Alte die Schulter in die Höhe, und
ich brauchte die Bestätigung durch sein Wort nicht abzuwarten; ich sah es
schon selber, daß es ihm nicht gut ging, und daß der Staub und Dampf der
Erde ihn doch noch ein wenig mehr als mich zugedeckt habe und überwölkt
halte. Ich sah schon auf den zweiten Blick, daß der Meister Autor der Mann
nicht mehr war, den wir einstens, an einem Sommertage im Walde getroffen
hatten, das Kind hütend, und mit dem Kinde geheimnisvolle Wunder in der
Einsamkeit erlebend -- er war heute vielleicht noch etwas mehr!
»Nun, ich bin auch noch ganz zufrieden, lieber Herr,« sagte der Greis;
allein das Wort kam zögernd heraus, und er brach ab und fragte: »Was ist
denn dorten passiert auf der Bahn? Ich hörte im Felde von einem, daß ein
Unglück geschehen sei, und kam, um nachzusehen. Sind Sie auch mit
betroffen, Herr?«
Ich beruhigte ihn und gab ihm Nachricht und Auskunft über den Vorfall,
soviel ich davon zu vergeben hatte.
»Ihre Hülfe ist da unten nicht vonnöten, Herr Kunemund. Ihr wißt freilich
manchen Zauberspruch, Meister; aber ein Eisenbahngeleise macht Ihr doch
noch nicht frei durch Euren guten Willen. Also wenn Sie es sonst nicht
eilig haben, verehrter Freund, so gönnen Sie mir ein Viertelstündchen Ihre
Gesellschaft. Sehen Sie, da habe ich unter dem Busch gesessen in nicht
unfröhlichen Gedanken, und jetzt kommen Sie durch das Weizenfeld, der
Mann, der mir vor allen Menschen notwendig war, die gute Stunde zu
vollenden! Es geschehen doch noch Wunder, und das Wurzelwerk und Kraut hier
unterm Busch ist auch nicht ohne Grund zu einem Sitz für uns beide
zurechtgemacht. Setzen wir uns, und dann, Meister, Meister, wie geht es im
Walde? Was macht das Haus mit den Hirschgeweihen auf den Giebeln? was kocht
die Alte? und was macht der Förster und Euer wunderschönes Pflegekind, die
Gertrud Tofote, die ein so reiches Mädchen geworden war, als wir uns
zuletzt sahen -- wißt Ihr noch? Wahrhaftig, ich verwirre mich fast; nach so
vielen guten Bekannten und Freunden habe ich mich bei Euch zu erkundigen!«
»Da wird es freilich besser sein, daß Sie mir einen Platz an Ihrer Seite
geben, lieber Herr. Man fragt eben nicht nach vielen Leuten in der Welt,
wenn es Freunde sind, ohne daß man eine ausführliche Antwort erwartet. Ich
habe wohl Zeit zu allem; aber wissen Sie ganz gewiß, daß Sie dergleichen
haben? Ich habe es oft gefunden, daß die Leute sich hierin irren, als
worauf sie dann selber sich ärgern und man selber den Verdruß davon hat.«
Zwölftes Kapitel.
Wir saßen beieinander am Rain, im Schatten und doch in der Sonne. Der
Thymian roch noch immer sehr gut, die Grille sang, die Lerche sang und das
Ährenfeld sang auch, und zu allem andern ließ sich jetzt auch noch eine
Wachtel aus dem Weizen vernehmen; aber der alte Zauberer sagte trüblich:
»Also erstens, ich wohne nicht mehr im Walde!«
»Was, Sie wohnen nicht mehr im Walde?«
Er schüttelte den Kopf:
»Nein. Und der Arend auch nicht mehr, und die Alte desgleichen. Ein neuer
Förster sitzt an unserer Stelle, und die Forstbehörde hat ihm das Haus
restauriert; das heißt, als man auf sein Geschrei anhub, es ihm zu
erneuern, ging es natürlich ganz aus den Fugen, und so hat man ihm ein ganz
neues hinsetzen müssen. O das ist wunderschön, sie nennen es gotisch und
haben lange drauf studiert, bis sie die Form herausgebracht haben, sagt
man, aber jetzo haben sie sie heraus, und nun geht sie ihnen leicht genug
ab, an jeglicher Stelle, wo man ihnen den Platz dazu anweist. Ja Herr, was
Sie damals von und an uns kannten, das ist alles nicht mehr vorhanden.
Alles zerstreut -- verkauft -- ins Blaue gejagt! Ich auch; aber ich bin
gottlob auch der einzige, der es noch nicht verwunden hat. Danke, Herr, den
andern geht es recht wohl.«
»Meister, Meister?!... Meister, was ist das? Seine Freunde soll man nicht
durch unnütze Reden quälen. Laßt mich alles hören und so schnell als
möglich! Wie geht es dem Förster? Was ist aus Fräulein Gertrud geworden?«
»O, _der_ geht es sehr, sehr gut. Danke schön!« sagte der Alte, den Kopf
womöglich noch tiefer auf die Brust herabsinken lassend.
»Gottlob! Und ihr Vater wird bei ihr wohnen, und die Alte gleichfalls --
was jagt Ihr einem für einen unnötigen Schrecken ein! -- Sie alter Sünder
werden nur hier Ihren eigenen schnurrigen Willen für sich allein weiter
haben wollen, und in melancholischen Augenblicken wie zum Exempel jetzt
haben Sie dann freilich alle Zeit, sich über sich selber zu ärgern.«
Der Greis schüttelte wiederum den Kopf, aber diesmal lachte er dazu;
wahrlich er lachte, und zwar ganz behaglich, als er mir entgegnete:
»Ganz so, wie Sie es sich vorstellen, ist die Geschichte doch nicht, lieber
Herr. Der Arend Tofote hat freilich bei unserem Kinde sein Quartier
genommen, aber ausgehalten hat er das nicht lange. Zuletzt wollte er seinen
schnurrigen Willen auch allein haben, und so hat er sich denn begraben
lassen, und zwar als er auf Besuch bei mir da im Dorfe war. Dort drüben
jenseits des Weges auf dem Kirchhof im Felde liegt er; und die Alte ist zu
ihrer Vetterschaft hinter dem Walde gezogen; ich hingegen, lieber Herr,
wissen Sie, spiele hier den Maulwurf auf der Schaufel; aber Vergnügen macht
es mir gerade nicht. Nur wer jemals selber den Maulwurf auf der Schaufel
hat spielen müssen, kann darüber nachsagen oder nur ein Wort mitreden.«
»Wahrlich!« rief ich mit heftigstem Nachdruck aus der Mitte meines
Schreckens heraus; aber ich sagte weiter nichts, denn ich hatte nun
allmählich wohl merken müssen, daß hier mit einiger Vorsicht aufzutreten
sei. Ich unterbrach also das Schweigen, in welches der Meister Autor
versunken war, nicht; sondern ich ließ ihn seinen eigenen Weg durch seine
Erlebnisse gehen, in der festen Gewißheit, daß er mich baldigst auffordern
werde, ihm auf demselben zu folgen. Und so geschah es auch. --
Der Himmel war blau über uns, freudig-lockend das ferne Gebirge, grün der
nähere Elmwald. Die Schmetterlinge umflatterten uns, die roten und blauen
Blumen am Rande des Kornfeldes nickten uns lieblich zu, im Dornbusch und im
Fliederbusch war's lebendig und kroch und summte es, und die Lerchen und
die Wachtel wollten auch nicht still werden. Die Welt war sehr schön,
selbst an dieser eigentlich ziemlich unschönen und ganz und gar nicht
romantischen Stelle; aber ein schauerlich Grauen ob der Gewißheit, daß mir
von neuem einmal gezeigt werde, daß sie ebenso häßlich als schön sei,
durchfröstelte und überkroch mich. Notwendig erschien mir das neue
=argumentum ad hominem= grade nicht, und ich würde mit Vergnügen Verzicht
darauf geleistet haben.
Nachdem der Alte lange genug geschwiegen hatte, sah er auf und sagte mit
einem letzten Blick auf den bewegungslosen Bahnzug:
»Ich hatte mir vorgestellt, daß man da vielleicht eine Handreichung
brauchen könne, wenn dem aber nicht so ist, so meine ich, wir gehen weiter,
lieber Herr; und, Herr Bergrat, da ich Sie doch einmal wieder zu meinem
großen Vergnügen so unvermutet getroffen habe, so habe ich jetzo auch eine
Bitte an Sie. Kommen Sie auf ein Viertelstündchen in meine Stube! Sehen Sie
es sich einmal an, wo ich untergeschlupft bin! Sie tun ein gutes Werk an
einem nichtsnutzigen, überflüssigen Gesellen, der noch nie in der Welt sich
zurechtfinden konnte, und der jetzt ganz an den Nagel gehängt ist, wie ein
Junggesellen-Bratenrock, in den, statt des jungen Nachwuchses, die Motten
kamen. Ja ihr, die ihr euch da umtreibt (er wies auf die glitzernden
Eisenschienen, die sich durch die Landschaft zogen), ihr, die ihr alles,
was euch passiert, von einem Tage zum andern zu nehmen wißt, ihr könnt euch
freilich nicht in unser Gemüte hineinversetzen.«
»Herr Kunemund,« sagte ich, »wann fehlen der Leiter, die in einen Brunnen
hinunterreichen soll, _nicht_ einige Sprossen!«
Ich hätte mich eines philosophischen Ausdrucks bedienen können, ich hätte
mich höchst schulgerecht ausdrücken können; aber da mich der Meister
verstand, so war's nicht vonnöten; und zu allem Übrigen war die Redensart
auch ganz und gar sein Eigentum und nicht das meinige. Er klopfte mich
freundlich auf die Schulter, und wir standen auf aus dem Gras, Moos und
Thymian.
Das schwere, mühselige Sichemporheben des Alters bekümmerte mich bei dem
greisen Freunde jetzt ebenfalls noch; ich half ihm höflich, und wir gingen
dem Dorfe zu, ohne auf dem Wege noch ein Weiteres miteinander zu reden. --
Im Dorfe herrschte noch immer eine gewisse, ganz kuriose großstädtische
Bewegung. Wie ein Schwarm Stare in ein Röhricht fällt, so hatte sich das
sozusagen allgemein europäische Publikum von dem aufgehaltenen Schnellzuge
auf das erstaunte winzige Gemeinwesen niedergeschlagen, und allerlei Volk,
das durchaus nicht dahin gehörte, erfüllte die Gasse. Die Dorfleute sahen
mit den allergrößesten Augen in das so plötzlich über sie hereingebrochene
Wesen und Treiben hinein, und die höflicheren Bauern und Bäuerinnen hatten
auch wohl schon einige Stühle und Bänke für die unvermuteten Gäste in den
Schatten ihrer Gras- und Baumgärten hinausgeschafft und den Besuch zum
Hinsetzen eingeladen. Über die Schenke, den Dorfkrug, hatte sich ein bunter
Haufen ohne Unterschied des Standes und der Wagenklasse hingestürzt, um
das vorhandene Getränk zu vertilgen und über es und die armselige Kneipe
herzhaft und unglimpflich loszuziehen. Es war eine närrische Bewegung, und
als wir hineintraten, machte auch der Meister Kunemund große Augen; aber
nicht lange.
Der Meister führte mich, nachdem er sich vergewissert hatte, wie die Sachen
standen, ohne weiter nach rechts und links zu sehen, die Dorfgasse entlang.
Und so kamen wir denn, ohne aufgehalten zu werden, zu seiner Wohnung am
entgegengesetzten Ende der Gemeinde, einer ärmlichen Hütte, zu der man über
einen Steg, der über ein mit saftigem Grün bewachsenes, fußbreit
hinrieselndes Wässerchen führte, gelangte. Eine armselige Hütte, doch von
Bäumen und Hecken umgeben, also zu dieser Jahreszeit gar nicht übel in die
Welt hineingebaut, ja ganz behaglich und idyllisch in dieselbe hingelegt.
--
»Da lebe ich denn wieder und bin zurückgekommen dahin, woher ich kam,«
sagte Herr Kunemund. »Da hinter dem Fenster stand meines Vaters Webstuhl;
die Bank hier vor dem Fenster hat er noch meiner Mutter aus Feldsteinen
aufgeschichtet. Da sind wir beide geboren, ich und mein kleiner Bruder; daß
der Tofote, der Arend, drin sterben mußte, ist viel merkwürdiger, als daß
ich darin meine letzte Stunde in Geduld abzuwarten habe. Was sagen Sie,
Herr? Vorhin hatten Sie große Lust, mich einen armen Tropf und Teufel zu
nennen. Haben Sie noch Lust dazu? Nicht wahr, ich habe mein Maß doch noch
um vieles besser als viele Leute auf der Erde zugemessen erhalten? Es
stirbt nicht jeder in seinem Vaterhause.«
»Was das anbetrifft, so haben Sie es freilich gar nicht so übel getroffen!«
erwiderte ich, mit vollstem, innigstem Ernste auf den Ton des Greises
eingehend. Er aber nickte wieder, und diesmal nickte er ganz behaglich
dazu. Nachher lud er mich durch eine, fast zierlich zu nennende
Handbewegung ein, den ausgetretenen Steg mit dem vermorschten Astloch in
der Mitten, und die Schwelle seines Hauses zu überschreiten. Er ging mir
voran, ihm folgte der alte Dachs, und dem Dachs folgte ich, und jetzt, in
diesem Moment, senkten sich mir die Gegensätze des am heutigen Tage
Erlebten von neuem scharf in die Seele.
Auf die lange heiße schnelle Fahrt durch das neunzehnte Jahrhundert der
unvermutete Stillestand und der jähe Schrecken! Mitten im wirbelndsten
Leben die aufdringliche Kunde von den Trümmern und dem Tode da vorn auf
der anscheinend so glatten Bahn! Dann die stillen, erstaunten Minuten in
der Einsamkeit des Feldes, am duftig-begrünten Hang des Hohlweges -- die
weite Aussicht in die lachende, beweglich-unbewegte Ferne! Und nun?
Nun das -- _das_, was immer bei allem Getümmel und Getöse der armen Welt
doch zur Seite -- da hinter dem Hügelzug -- hinter dem Walde, hinter der
Mauer des kleinen Gartens -- hinter den Fenstern des Hauses, an welchem wir
vorüber fliegen -- -- hinter dem Gewühl in der eigenen Brust sich weiter,
weiter spinnt, immerfort sich weiter spinnt: das große, offenkundige
Geheimnis! Ja das, was Hunderttausende von Meilen ferne von uns liegt, und
in welches uns doch ein Schritt hineinführt! das Aller-Welt-Weisheit-Volle
-- das, was hinter allen Dingen liegt, die uns im Augenblick größer als es
dünken, meine Herrschaften: die Stille des Vegetierens, die Stille des
Urgrundes -- der ungekräuselte, dunkele, schrecklich-schöne Spiegel, durch
den aller Aufruhr in uns, meine Herren und Damen, und außer uns, meine
Herren und Damen, doch nur wie Bild an Bild nichtsbedeutender Zufälligkeit
fließt! -- --
Ich nahm den Hut ab auf dieser Schwelle; denn der Meister Autor hatte mich
gewarnt: »Stoßen Sie sich nicht an den Kopf!«, und nur selten war die rege,
durcheinanderwimmelnde Welt, soweit sie mich anging, so ganz und vollkommen
zu Nichts geworden, hinter mir versunken, wie jetzt bei diesem Eintritt in
das Haus des Meisters Autor Kunemund.
Dreizehntes Kapitel.
Wir standen beide gebückt unter der niedern Stubendecke.
»Nehmen Sie es nur nicht übel,« sagt mein Führer, »mein Vater und meine
Mutter waren alle zwei kleines Volk, und auch mein kleiner Bruder ist da
nicht aus der Art geschlagen: ich wollte nur, Sie hätten ihn persönlich
kennen gelernt. Was mich anbetrifft, so habe ich freilich in dem alten Nest
so eine Art von Kuckuck ausgemacht.«
Selten hatte ein Vergleich äußerlich so wohl und innerlich so schlecht
gepaßt. Ich äußerte derartiges, und Herr Kunemund fragte lächelnd:
»Meinen Sie?« und fügte hinzu: »aber sie nannten mich in meiner Kinderzeit
im Dorfe stets den Kuckuck, und als ich neulich heimkam, hat's mich fast
verwundert, daß sie mich nicht durchgängig noch so riefen. Da sieht man
aber, wie man aus der Menschheit herauswächst und alt wird, -- das erstemal
als mich ein zahnlos Weibchen ansprach, wie es sich gehörte, ist's mir
ordentlich warm über die Leber gelaufen; aber kein halb Dutzend reicht noch
zu mir hin und hinunter und spricht mich an: Na, Kuckuck, wie geht es
denn?!«
»Wie Sie sagten, hat auch der Herr Förster Tofote hier bei Ihnen gewohnt?!«
»Richtig, und das war im Grunde ebenso wunderbar denn der Arend, sehen Sie,
maß auch gut seine sechs Fuß drei Zoll, wenn nicht mehr, und hat sich also
gleicherweise hier zwischen den Wänden, unter den Balken und auf der Bank
arg zusammenklappen müssen. Er hat mit mehr als einer Brausche an der
Glatze und an der Stirn in die Grube fahren müssen, wenn das auch wenig
sagen wollte, da er sein Lebtag durch dran gewöhnt war, mit der Stirn
anzurennen. Sehen Sie, da das Stück weichen Tannenholzes von der
Türverschalung hat er mir auch abgestoßen mit seinem Dickkopf, und ist mir
das gleichfalls als ein Andenken an ihn zurückgeblieben. Zuletzt wurd's ihm
zu viel, und er hielt sich am liebsten draußen auf der Bank auf, und jetzt
liegt er draußen, und mit dem Anrennen, den Beulen und Hautschrunden hat's
für ihn keine Not mehr.«
Es gab mancherlei Andenken in der schlechten Hütte, und nicht bloß solche,
welche den braven Förster Arend Tofote seinen guten Bekannten in das
Gedächtnis zurückriefen.
»In solch einem Dorfe hält manches, was sich in der Stadt schnell im
Durcheinander und Gebrauch verliert, bis in alle Ewigkeit,« sagte der
Meister Autor. »Daß ich aber noch in einem Winkel auf meiner Mutter
Spinnrad gestoßen bin, das war mir freilich schier und klar außer dem
Gaudium ein Mirakel. Ich traute meinen Augen nicht, als ich es beim
Vorsteher in der Mägdestube fand, und ich schätze es als eine Noblesse von
dem Vorsteher, daß er es mir abließ, und mir nicht über seinen gewöhnlichen
Wert seine Forderung machte. Ich hätte ihm die Haut vom halben Leibe dafür
abgelassen, dem Vorsteher: denn -- wisset Ihr, Herr, ich kann auch spinnen
und spinne jetzt die Abende durch und den ganzen Winter. Wenn man solche
dumme Augen hat, wie ich, so geben sich die Künste, die man treibt, eben
von selber. Im Strumpfstricken und Flicken nehme ich es mit jedermann und
den besten Hausfrauen auf. Seit unser Trudchen uns abhanden kam, wüßte ich
auch keinen, der mir aus Liebe, Güte oder Gefälligkeit dieses Geschäfte
abnehmen sollte.«
Es konnte nicht meine Sache sein, den Greis jetzt schon bei »unserm«
Trudchen festzuhalten. Ich hielt es für besser, ihn ganz von selber dahin
kommen zu lassen, wo ich ihn so gern gehabt hätte. Fürs erste schlug er
noch einen Hasenwinkel.
»Des Vogels erinnern Sie sich wohl nicht mehr? haben ihn wohl gar nicht
einmal beachtet, wenn Sie uns die Ehre schenkten? Stieglitze gibt's genug
in der Welt; aber ein klügerer ist seinerzeit noch nicht den Alten aus dem
Neste gefallen. Damals hüpfte und sang er; jetzo sitzt er still in seinem
alten Bauer -- nämlich ausgestopft. Und, lieber Herr, der Kerl ärgert mich
dann und wann am stillen Abend, wenn ich mit ihm, mir und dem Dachs so
allein sitze. -- Es wäre besser gewesen, wir hätten ihm nach seinem
Abscheiden ein Kinderbegräbnis gemacht und ihn ruhig in ein Loch im Garten
gesteckt, der Arend und ich! Ich persönlich bin auch nicht auf die dumme
Ausstopferei gekommen; ich traf den Tofote schon eifrig und grimmig
darüber, als ich eines Abends nach Hause kam. Gertrude war schon in der
Stadt, und wir konnten sie also nicht um ihre Meinung fragen. Sie hatte ihn
uns zurückgelassen; denn sie machte sich nichts mehr daraus.«
Jetzt noch weniger hätte ich den Alten bei dem zierlichen Namen
festgehalten!
»Ei seht aber, Meister Autor,« sagte ich, um den seltsamen Blick desselben
von dem ausgestopften Tierchen abzuwenden, »Sie haben da ja ein ganzes
Museum -- ein vollständiges ethnologisches Museum!... und welche
prachtvollen Muscheln, welche ausgezeichneten Korallen! Je genauer man
zusieht, desto größere Schätze entdeckt man bei Euch. Sind Sie heimlich
etwa auch während meiner Abwesenheit zur See gewesen? haben Sie auch wie
Ihr Bruder die Tropenländer mit dem Kuriositätensack auf dem Rücken
durchwandert?«
»Dieses gerade nicht, -- o nein, im Gegenteil,« sagte der Alte ehrlich auf
meinen Scherz. »Ich weiß eigentlich auch nicht, was Karl sich dabei denkt.
Ich habe zwar mein großes Vergnügen daran, und das wird es wohl sein, was
ihn antreibt! Er kommt nie von Reisen heim, ohne mir dergleichen
Schnurrpfeiferei mitzubringen. Der Junge sitzt noch immer gern bei mir.«
»Karl? Welcher Karl?«
»Nun, erinnern Sie sich denn nicht? der Karl Schaake! der Leichtfittich und
Leichtmatrose, der damals aus der Stadt Lübeck mit uns ging, als ich Sie
abgeholt hatte, um uns zu helfen, die große Erbschaft meines ausländischen
Bruders in Besitz zu nehmen! Nicht wahr, jetzt fällt es Ihnen ein? Und
wissen Sie, der Junge fährt noch immer auf der See; aber jetzo als
Steuermann. Keine Völkerschaft ist ihm zu schwarz! und bis dato ist er auch
immer noch ganz gut und ungebraten davongekommen und mit seinem Geschäft
zufrieden. Wie gesagt, was für ein Gefallen er gerade an mir findet, außer
daß wir aus einem Dorfe sind, und die Base aus dem Cyriacihofe mit uns,
kann ich nicht sagen; ich zerbreche mir aber auch gar nicht den Kopf
darüber, denn die meisten Leute, auf die ich im Leben stieß, sind so
gewesen. In der Hinsicht habe ich mich nicht zu beklagen.«
»Das heißt: auch Euch, Meister, ist nie eine Völkerschaft zu schwarz
gewesen!« sagte ich lächelnd; aber des frühern Leichtmatrosen und jetzigen
Steuermanns Karl Schaake entsann ich mich nunmehr ganz deutlich und zwar
mit dem Gefühl der Beschämung und des Ärgers, welches man immer hat, wenn
man wieder einmal findet, daß man seinem Gedächtnis zuviel trauete.
Unbeschadet eines gegen das Ende des zehnten Abschnittes
niedergeschriebenen Wortes war mir der Seefahrer -- in dieser Stunde
wenigstens -- ganz und gar aus der Erinnerung abhanden gekommen.
»Der Stein der Abnahme!« rief ich. »Karl Schaake! Richtig, -- der
Hadschi-Schiffsmann, der den heidnischen Unglücksstein aus dem Fenster
Mynheers van Kunemund warf. Also der lebt auch noch und hat seinen Beruf
wacker festgehalten.«
»Ja freilich,« sagte der Alte melancholisch. »Was das mit dem Unglücksstein
ist, weiß ich zwar nicht, denn das habt ihr beiden damals unter euch allein
ausgemacht; aber die Fische und die Wilden haben ihn bis jetzt gottlob noch
nicht gefressen. Daß es dem armen Jungen aber besser hätte ergehen können
und ohne meinen kleinen Bruder auch ergangen wäre, das steht gleicherweise
fest. Der Teufel hole die ganze Geschichte!«
Ein Geheimnis lag hier gerade nicht vor. Wer sich offenen Auges durch diese
Welt drängt, der lernt es bald, sich in den Verhältnissen zurechtzufinden;
das Leben liegt vor ihm wie ein Rätsel in einem -- Kinderbilderbuche, unter
dem die Auflösung in umgekehrter Schrift gedruckt steht. Stellt nur euch
nicht auf den Kopf, sondern das alte abgegriffene Rätselbuch, und ihr
werdet bald heraus haben, was es mit den Geheimnissen auf sich hat.
Es war in diesem Falle eben wohl möglich, daß der tückische Zauberstein,
der in dem Gartenteiche versank, schon zu lange für die Erben unter den
Raritäten Mynheers van Kunemund gelegen hatte. In diesen Dingen verstehen
Mutter Natur und Muhme Schicksal keinen Spaß, und also trat ich so dicht an
den Meister Autor heran und sagte leise:
»Jetzt, Herr Kunemund, sagen Sie es mir, was aus Ihrem schönen, süßen
Pflegekind, aus der kleinen hübschen Gertrud geworden ist! Ich bin mit
Ihnen gegangen und habe mir von Ihnen alles vorweisen lassen, bunte
Muscheln, Korallen, den Kolibri, das Seepferd, kurz was Sie wollten; aber
jetzt lassen Sie mich auch hier klar sehen. Daß das Dasein schwer und
mühevoll auf Ihnen liegt, habe ich vom ersten Augenblick unserer Begegnung
gemerkt; daß ich nicht aus kühler, kalter Neugierde frage, meine ich, wißt
Ihr, alter Freund! Also bitte, Mann, teilt mir mit, weshalb Ihr Euch hier
in der Einsamkeit auf den Maulwurf- und Grillen-Fang, auf das
Strumpfstricken und Hanfspinnen gelegt habt! Meister Autor, Sie sind es
unserer alten Vertraulichkeit schuldig, daß Sie mir sagen, weshalb der
Förster nicht in seinem Försterhause, nicht bei seiner Tochter, sondern
unter diesem Dache gestorben, weshalb die Alte zu ihrer Vetterschaft
gezogen ist, und -- und, -- und wie es der Gertrud Tofote geht!«
»Das sind viele Fragen auf einmal, lieber Herr Bergmeister!«
»Und doch nur eine.«
»Jawohl! Im Grunde haben Sie da recht, und so will ich sie Ihnen denn auch
beantworten. Es ist alles mit rechten Dingen zugegangen. Niemandem ist
etwas Absonderliches passiert. Mir nicht! dem Arend nicht! der Alten nicht,
und unserem armen Trudchen nicht! Wir sind auseinander gekommen, ohne daß
wir es gemerkt haben; das heißt, wir waren einmal eines Tages auseinander
und merkten es dann erst. Haben Sie je Leute gekannt, denen es in der Welt
anders ergangen ist? Ich meine, die auf eine andere Art auseinander
kamen?!«
»Unter guten und klugen Freunden ist das freilich die gewöhnliche Weise,«
erwiderte ich nach einigem Nachdenken.
Vierzehntes Kapitel.
Das Hindernis war aus dem Wege geräumt, die Bahn wieder frei. Ich lehnte
mit dem letzten schwerwichtigen Worte meines alten Freundes wieder in
meiner Wagenecke, und hatte Zeit, darüber nachzusinnen.
Das letzte Wort war es eigentlich nicht gewesen, denn wir hatten nach ihm
noch manch ein anderes durch eine gute Stunde geplaudert. Das allerletzte
Wort an diesem Tage, zwischen mir und dem Meister Autor Kunemund, war
gewesen:
»Besuchen Sie doch ja das Trudchen in der Stadt; sie wird sich sehr freuen,
und Sie werden ganz gewiß auch Ihr Gefallen an ihr finden. Nehmen Sie es
mir nicht übel, lieber Herr; aber da ich Sie als einen ganz studierten,
klugen und geschickten Menschen kennen gelernt habe, so weiß ich auch ganz
sicher, daß Sie das, was eben der Welt Lauf in diesen jetzigen jungen Tagen
ist, besser verstehen als ich. Dummes, ungewaschenes Zeug möchte ich Ihnen
nicht aufreden; also -- leben Sie recht wohl: wir treffen einander
gewißlich noch einmal wieder; -- und, lieber Herr, vergessen Sie es ja
nicht, grüßen Sie mein Trudchen recht schön und eindringlich von mir!«
Und die Bahn war frei. Wir schnoben an der Unglücksstelle vorüber und sahen
auf der Station den Schuppen, in welchem die zwei blutigen Leichen auf dem
blutigen Stroh lagen. Wir rasselten weiter durch den holden Abend, und
jetzt schon war für alle, die sich auf dem Zuge befanden, das traurige
Ereignis zu einer überwundenen Verdrießlichkeit geworden, zu einem Thema,
über das sich schon jetzt angenehm reden und behaglich lügen ließ. Ich ließ
_das_ also schwatzen und renommieren und saß, in _meinem_ Verdruß immer
noch festgehalten, melancholisch in meiner Ecke, sah die grüne Landschaft
hingleiten und bewegte mein eigenes Privaterlebnis, nachdenklich es hin und
herwendend, im Geist. Daß ich etwas Klügeres hätte tun können, war gewiß;
möglich war's mir aber eben doch nicht.
»Was auch mit dieser hübschen Gertrud Tofote vorgegangen sein mag,« sagte
ich mir, »und wie auch der Alte vor uns unberufenen Alltagsmenschen sich
anstellen mag, seinen Beruf hält er fest! Er tut nur so, der getreue
Knecht Eckart, als ob die Welt nicht mehr auf ihn zu rechnen habe. Sieh,
nach seiner Schnitzbank habe ich ihn gar nicht einmal gefragt; -- zum
Teufel auch, wer weiß, in welchen dunkeln Winkel er sie für den Augenblick
geschoben hat? Und das alte Erbmesser gibt er nicht her, da kenne ich ihn;
aber auf das Fräulein und ihren Zaubergarten bin ich doch neugierig. Eine
Visitenkarte werde ich jedenfalls dort abgeben.«
So kam ich denn im Verlaufe des Sommerabends und nach dem Verlauf der Jahre
der Abwesenheit wieder an in der Heimat, fand meinen Weg ins Hotel und ins
Bett und las am andern Morgen beim Frühstück in der Zeitung ausführlich,
und mit allen Einzelheiten beschrieben, was ich selber mit erlebt hatte,
ohne doch dabei zugegen gewesen zu sein. Und es ward mir, als ob plötzlich
jemand sich mir über die Schulter beuge und mit unsichtbarem Finger auf das
interessanteste Wort in dem langen Berichte deute.
»Es ist nicht möglich!« rief ich.
»Doch wohl!« sagte das Ding hinter mir. »Wir machen das häufig so.«
Der entgleiste Zug hatte mehr Opfer gefordert, als wir, die wir ihm
nachfuhren, zuerst erfahren hatten. Eine lange Reihe entsetzlicher
Verwundungen war vorgefallen; Verstümmelungen waren geschehen, in Hinsicht
auf welche die beiden ruhigen Toten leicht davon gekommen waren. Und in der
traurigen Liste der Beschädigten wurde ein Mann aufgeführt, der im Verlauf
meines Gesprächs mit dem Meister Autor Kunemund mehrfach genannt worden
war:
Steuermann Karl Schaake -- beide Füße doppelt gebrochen!
Ich legte das Blatt leise auf den Tisch, und ging eine Viertelstunde lang
im Zimmer auf und ab. Grade so lange Zeit dauerte es, ehe ich mit mir im
reinen darüber war, ob ich mich wirklich noch weiter (meine eigenen
Angelegenheiten im Auge behalten) auf diese unbehaglichen, ungemütlichen
Angelegenheiten fremder Leute einzulassen habe, und was zu tun und zu
lassen sei, im Falle die Antwort bejahend ausfalle.
Nach einer Viertelstunde war ich im reinen, das heißt, ich hatte Hut und
Stock ergriffen und befand mich auf dem Wege zur Eisenbahndirektion.
»Der Alte liest sicherlich keine Zeitung,« sagte ich mir. »Der Seefahrer
wird ihm ebenso sicher keine Nachricht über sein Befinden schriftlich
geben, sondern sie ihm lieber persönlich, auf seine zwei Krücken gestützt,
bringen. Es ist meine Pflicht, mich genauer nach den Umständen zu
erkundigen; -- dummes Zeug -- Pflicht! es ist etwas anderes, und der Herr
Forstsekretär von Müller, der uns damals den Vergnügungsstreifzug in den
Elm so vergnüglich vorzuspiegeln wußte und uns richtig in seinen
Musterforst hineinlockte, ist schuld daran, -- meines Vaters Sohn, wie der
Meister Autor sagen würde, wahrhaftig nicht!« --
Die »betreffende Behörde« war ungemein höflich und zu jeglicher Auskunft
gern bereit. Die Bahnverwaltung traf nicht die mindeste Schuld an dem
beklagenswerten Ereignis. Übrigens befand sich bereits alles wieder in der
trefflichsten, wünschenswertesten Ordnung und für sämtliche Beteiligte und
leider auch Benachteiligte war in komfortabelster Weise Sorge getragen. Die
Toten waren natürlich an Ort und Stelle geblieben, ebenso die meisten der
schwerer Verwundeten. Nur zwei oder drei der letztern hatten es vorgezogen,
mit den leichter Beschädigten nach der Stadt transportiert zu werden, und
sie waren natürlich nach ihrem Willen mit einem Extrazuge hin befördert
worden. Zu beklagen hatte die maßgebende Stelle sich eigentlich nur über
ein Individuum; aber über dieses auch sehr! Ein unglücklicherweise auch
körperlich verletzter Seemann war sehr ungebärdig gewesen und hatte sich
sogar, wie man nicht anders sagen konnte, unverschämt betragen, obgleich
man ihm wie allen übrigen mit der höchsten Menschenliebe, Opferfreudigkeit
usw. entgegengekommen war. Er war der einzige gewesen, sagte man mir, der
sich trotz seinem beklagenswerten Zustande der gröblichsten Schimpferei
nicht habe enthalten können. Auch er befand sich am hiesigen Orte. Man habe
-- teilte man mir mit -- ihn so vorsichtig als möglich, unter chirurgischer
Begleitung an die von ihm angegebene Adresse abgeliefert, und da liege er,
erwarte seine Heilung und werde wahrscheinlicherweise von dort aus auch
seine Entschädigungsklage gegen die Bahnverwaltung einleiten.
Ich nahm alle diese Erklärungen des höflichen Beamten ebenso freundlich
hin, wie sie mir gegeben wurden, und bat nur auch noch um nähere Angabe
jener Adresse des eben, das heißt zuletzt erwähnten unangenehmen Gesellen
und unhöflichen Matrosen. Ich erhielt dieselbige in etwas kühlerer und
formellerer Weise als die früheren Referenzen und ging mit ihr, nachdem
ein Unterbeamter sie selber erst wieder mit einiger Mühe in Erfahrung
gebracht hatte. Am Nachmittag machte ich mich von neuem auf den Weg und
fand richtig meinen guten Bekannten aus der Erbschaft Mynheers van Kunemund
wieder; nur leider in den betrübtesten Zuständen.
Die alte Stadt besitzt innerhalb der Umflutungsgräben ihrer jetzt zu recht
anmutigen Spaziergängen eingerichteten Wälle und Bastionen mancherlei
kuriose Winkel, dunkle Sackgassen, finstere Höfe und Torbogen; und das
Mittelalter schielt einen hier grimmig, dort drollig, doch immer überquer
aus mancher Ecke, von manchem Gesims, Balkenkopf, Giebel und Erker an.
Holzstecher- und Steinmetzarbeit der Vorväter hat den neuern Jahrhunderten,
d. h. den geschmackvollen Leuten drin, gar nicht gefallen, aber sich um so
tapferer gegen Axt, Spitzhaue, Hammer, Maurerkelle und Tüncherpinsel
gewehrt. Wer da als Liebhaber oder Kenner auf die Suche geht, kann noch
allerlei finden. Was besonders jene, eben erwähnten, in die Häusermassen
eingekeilten Höfe anbetrifft, so ist das in Wahrheit ein schier noch
unaufgeschlossenes Reich der Wunder für den Kenner und Liebhaber.
In überraschender Weise sollte ich das an dem heutigen Tage von neuem
erfahren. Ich glaubte, die Splanchnologie der Stadt bis in die feinsten
Verästelungen studiert zu haben, und ich fand, wie so häufig, daß ich mich
wieder einmal gründlich geirrt hatte. Innerhalb einer der hundert
eingeweideartig ineinandergeschlungenen und gewundenen Gassen der Stadt
fand ich mich vor einem schwarzen, verwitterten und weiter verwitternden
Torbogen, der bis dahin für mich durchaus noch nicht dagewesen war, und den
ich also um so verwunderter betrachtete. Das war noch Renaissance, aber die
Wölbung durchschreitend, fand ich mich nicht im neunzehnten, nicht im
sechzehnten, sondern im vollsten, unverfälschten fünfzehnten Säkulo und
stand von neuem still in begreiflichem Erstaunen.
Alterschwarzer Holz- und Ziegelbau im unregelmäßigen Viereck um mich her!
Und welch ein Holzbau!
Da liefen sie, die Wände entlang, übereinander, nebeneinander hin, die
Wunderwerke mittelalterlicher Zimmermannsarbeit in Ernst und Humor und
warteten geduldig auf den Photographierapparat, und der grüne Baum neben
dem sehr modernen durch die allermodernste Dampfkraftwasserkunst gespeisten
Brunnen wartete mit ihnen. Ob das mannigfache Volk, welches diesen Hof
bewohnte, eine Ahnung davon hatte, wie überraschend malerisch und
kulturhistorisch interessant es behauset war, kann ich nicht sagen: die
Kinder, die um den Brunnen und den Baum herum krochen und hüpften und den
Schutt der Jahrhunderte zu ihrem ewigen Spiel verwendeten, wußten es
jedenfalls nicht. Aber es war ein kluges, gewitzigtes Geschlecht, welches
auf alle nötigen Fragen, die man an es zu stellen hatte, die nötige
Auskunft geben konnte, wenn es wollte. Leider wollte es aber diesmal nicht.
Es zeigte grinsend die Zähne, lachte und ließ mich ohne Antwort stehen; ich
hatte mich nach einem erwachsenen Menschen der Generation umzusehen und
fand ihn glücklicherweise auch.
In einem Winkel des Hofes stand ein Herr mit einem Notizbuch in der Hand,
an einer Visierstange hinäugelnd. An ihn wendete ich mich nunmehr mit einer
Frage nach dem Steuermann Schaake, und er nickte mir zu:
»Im Augenblick, mein Herr!«
Es würde sehr unrecht gewesen sein, ihn in seinen sicherlich für das
allgemeine Wohl und Beste unternommenen Berechnungen aufzuhalten und zu
hindern. Ich wartete geduldig, und er setzte sein Geschäft fort, seine
Aufmerksamkeit zwischen seinen Instrumenten, seiner Brieftasche und seinen
fernab mit der Meßkette beschäftigten Untergebenen teilend; und hoch war es
anzuerkennen, daß er trotz alledem doch noch einige Worte der Erläuterung
für mich übrig hatte.
»Es hat uns noch keine Nivellierung so viele Mühe verursacht als diese
hier,« sagte er, »aber dafür wird auch keine der neuprojektierten
Straßenanlagen die Stadtbevölkerung in ihrer Vollendung so sehr überraschen
und erfreuen wie diese. Den Kanal hinter den wackligen Mauern füllen wir
natürlich aus, da haben wir dann noch die Rudera einer alten Stiftung, die
müssen selbstverständlich weg. Die alten Damen verlegen wir vor das Tor in
eine gesunde, wahrhaft idyllische Gegend, und so kommen wir hier aus dem
Mittelpunkte der Stadt in gradester Linie zum Bahnhofe, -- ohne daß zu
dieser Stunde ein Mensch in diesem hier umliegenden Gerümpel irgendeine
Ahnung davon hat. Es ist wundervoll!«
»Das ist es!« rief ich mit höchstem Enthusiasmus. »O ihr gütigen Götter!«
»Und es ist nicht allein ein Wunder der kaufmännischen Spekulation, sondern
es wird auch ein Wunder der modernen Architekturwissenschaften,« rief mein
freundlicher Auskunftgeber, den meine Begeisterung nun noch über die eigene
emporriß. »Sie glauben es gar nicht, was alles wir uns hier vorgenommen
haben!«
»O doch!« stöhnte ich aus tiefster Brust. »Ich kann es mir in größter
Deutlichkeit vorstellen. Also wirklich, von dem, was wir jetzt hier um uns
sehen, bleibt nichts aufrecht?«
»Nichts!« sprach mit entflammtem Nachdruck mein entzückter, begeisterter
Baukünstler. »Haben sie doch jetzt angefangen, Nürnberg abzutragen, also
sehe ich nicht im mindesten ein, weshalb wir grade diesen wohlkonservierten
Ruinen gegenüber mit größerer Schonung vorgehen sollten.«
Hierauf ließ sich freilich nichts erwidern, und so wartete ich denn
schweigend, bis die letzten auf die Zukunftsstraße bezüglichen Zahlen und
sonstigen Erinnerungszeichen in das Notizbuch eingetragen worden waren.
Auch das kam zu einem Ende, wie alles auf Erden, und ich durfte meine
ersten Bitten um Auskunft über den Steuermann Schaake von neuem
aussprechen.
Fünfzehntes Kapitel.
Der Herr hatte natürlich auch die Zeitung mit dem Bericht des
Eisenbahnunglücksfalls gelesen, irgend jemand hatte ihm auch mitgeteilt,
daß einer der Beschädigten hier auf den Hof geschafft worden sei; allein zu
wem und wohin, das wußte er nicht. So grüßten wir einander, und ich folgte
dem einzigen Rate, den er mir zu geben hatte: ich trat in die nächste Tür
(ein halbes Dutzend dergleichen führen von dem Hofe in die Gebäude) und
ließ es auf das gute Glück ankommen, ob ich die richtige getroffen habe.
Eine enge, steinerne, im Laufe der Jahrhunderte von Hunderttausenden von
Füßen ausgetretene Treppe führte mich, sich im Halbkreise drehend, in den
Unterstock, im rechten Flügel der Hofgebäude, und zuerst in einen ziemlich
breiten gewölbten Gang, der durch ein großes Bogenfenster im Westen erhellt
wurde. Erhellt? eine Flut von Licht, von abendlichem Sonnenschein, strömte
in dieses große Fenster und vergoldete das dunkelgraue Gemäuer in
eigentümlich schöner Weise.
Eine dunkle Tür zur Linken lud zum Anpochen ein, und eine Männerstimme
forderte einen Augenblick später zum Eintritt auf. Ich stand zweifelnd
still auf der Schwelle in der Überraschung vor dem Bilde, das sich jetzt
dem Auge bot.
Ich erzähle heute, nachdem alles, was mich damals innerlich mächtig
erregte, durch die Jahre gesänftigt hinter mir liegt, und ich darf jetzt
demnach wohl auch dem Äußerlichen sein Recht geben und Gefühl und
Empfindung auf die Beschreibung folgen lassen.
Wieder vor allem andern ein tief in die Wand eingelassenes hohes
Bogenfenster, und dieselbe Flut von Licht, jedoch hier noch wundervoller
und magischer sich über das mittelalterliche Eichengetäfel des Gemaches
ausbreitend! Grüne Zweige draußen vor dem Fenster -- das Hausgerät eines
alten Jüngferleins ringsum, doch ein Bett und darauf ein bärtiger Mann im
Winkel! In der Fensterwölbung am Spinnrad eine alte Frau! ... in dem
Sonnenstrahl die merkwürdigste alte Frau mit dem merkwürdigsten weißen
Haar, das ich je an einer Frau gesehen hatte!
Das war gleicherweise eine Fülle von Licht, -- eine Fülle, die sich nicht
bändigen ließ und an Schönheit wahrlich den blondesten, braunsten,
schwärzesten Locken der Jugend nichts nachgab. Blaue klare Augen, wie sie
nur zu diesem Silber paßten, leuchteten unter den noch immer dunkeln
Brauen; -- und dazu war das alte Zauberweible taub; es saß und spann und
hielt die hellen, blauen Augen nur fest auf das Schmerzenslager gerichtet,
auf welchem der starke, breitschultrige Mann, der Seefahrer und Abenteurer
hülflos wie ein Kind lag. Von meinem Eintreten vernahm die Base des
Steuermanns Karl Schaake nichts, sie folgte aber den Augen ihres Neffen und
stand rasch auf von ihrem Spinnstuhle.
Auch der Verwundete richtete sich, soweit er durfte, empor, und er war es
auch, der fragte: mit wem man die Ehre habe.
Glücklicherweise war das bald gesagt und erklärt, und aus dem
verwundert-fragenden Blicke des armen Burschen wurde augenblicklich ein
sehr erfreuter, und die fiebernde Hand, die er mir entgegenstreckte, griff
fest die meinige und ließ sie fürs erste nicht los.
»O das ist schön! das ist brav!« rief der Steuermann Schaake. »Das ist das
Beste, was mir in diesen nächsten Tagen zufallen konnte. Nehmen Sie es
nicht, als ob ich Ihnen mit einem dummen Schiffsagenten-Komplimente
aufzuwarten gedächte; aber Sie, Herr von Schmidt, hatte ich vor allen
andern Menschen nötig.«
Ich sagte dem Armen einige triviale Trostesworte, auf die er natürlich
wenig Achtung gab. Dagegen aber winkte er das alte Weiblein, das bis jetzt
auf das, was wir gegenseitig vorgebracht hatten, mit der Hand hinter dem
Ohre gehorcht hatte, eifrig-hastig heran und ließ es näher zu seinem Bett
hintreten. Und als sie sich über ihn hingebeugt hatte, um ganz genau zu
vernehmen, brüllte er ihr zu:
»Du, das ist der Herr, von dem ich dir gesagt habe. Das ist der Mann, den
wir jetzt so sehr gut gebrauchen können. Siehst du, alte Mutter, ich hab's
dir doch gleich durchs Sprachrohr deutlich gemacht, daß du dir deine
ungemütliche Jammerei zu drei Vierteln hättest sparen können. He, hab' ich
nicht immer Glück gehabt zu Wasser und zu Lande?«
»Das weiß der liebe Gott!« seufzte das weiße Weibchen, beide Hände flach
erhebend und wieder senkend.
»Dem ist es auch niemals eingefallen, von einem Salzfisch, einem Seehahn
oder einer Seeschwalbe zu verlangen, daß sie ein Nest unter einen Dachrand
hängen und ihren Laich an eine Hauswand absetzen. War es etwa seine Schuld,
als der Esel aufs Eis und der Steuermann Karl Schaake auf die Eisenbahn
ging? Glück muß man haben, Tante Schaake, und daß ich Glück habe, das
kannst du hier wieder sehen. Tausend andere hätten hier liegen können, bis
sie reif gewesen wären für des Kapitäns Gesangbuch, das Brett und die Kugel
am Fuß; ich aber habe mich kaum gemütlich in der Blockade eingerichtet, so
signalisiert auch das Fort San Salvador schon: Schiff in Sicht -- =man of
war= -- sechsundneunzig Kanonen; die Tür geht auf, und Sennora Fortuna
steckt den Kopf herein und fragt vergnügt: Befehlen Sie sonst noch was,
Maat?!«
Obgleich ich in diesem Moment durchaus nicht wußte, wie gerade ich dem
Seemann so außerordentlich erwünscht kommen und nützlich werden könne, so
freute mich doch die Freude des armen Teufels über meinen Besuch sehr, und
ich sagte ihm das auch so eindringlich als möglich.
Dann gab ich der Alten die Hand, und wir verstanden uns bald recht gut;
sie war sehr freundlich und gut, und je länger man sie offen oder
verstohlen ansah, desto weißer wurden ihre Haare und desto blauer und
klarer ihre alten Augen.
»Er ist recht schlimm mitgenommen,« sagte sie betrübt. »Die Doktoren und
Wundärzte haben die Köpfe geschüttelt, und, Herr, glauben Sie ihm nur
nicht, wenn er Sie anlacht: er beißt sich doch die Lippen blutig vor
Schmerzen. O daß der liebe Gott uns das auch noch hat schicken müssen!«
Daß die Greisin recht hatte, sah ich wohl. Der Verstümmelte litt die
furchtbarsten Qualen; er lag auch im heftigsten Fieber, und es war ein
Fieberlachen, mit welchem er rief:
»Schicken müssen? =Damn!= Wenn der betrunkene Kapitän die Rahen nicht in
die Piek setzt, sondern absolut mit vollen Segeln in den Hafen laufen muß,
-- wer, zum Teufel, will ihn abhalten, seinen Willen zu haben? O, die Base
ist ein guter Hafenmeister und weiß in dem entstehenden Lärm ihr Wort zu
sprechen.«
»Lieber Herr,« sagte die Base Schaake, mich leicht mit dem Ellbogen
berührend. »Sie müssen ihm seine Reden zugute halten; er hat mich von jeher
seinen alten Hafenmeister genannt und ist eben sein ganzes Leben durch zu
weit weg gewesen. Und dann sind wir auch von Natur ein Paar unbeholfene
Leute; und es freut mich so sehr, wenn das Kind meint, an dem Herrn den
Richtigen gefunden zu haben.«
Das bärtige breitschultrige Kind auf dem Marterbette verzog wieder mitten
in seinen Schmerzen den Mund zu einem behaglichen Lachen:
»Den Richtigen? Höre, Alte, so gut solltest du mich doch kennen, um mir
unbesehen zu glauben, daß ich mein Notfeuer nicht anzünden werde, wenn da
eine verdammte malayische Seeräuber-Proa um die Insel kreuzt! Natürlich ist
das der Richtige!... und Ihr, Herr, stoßt Euch nur ja nicht an ihre dumme
Art; denn daß je eine Henne es mit ihrem Küken besser im Sinne gehabt habe,
als sie mit mir, das glaube ich erstens nicht, und zweitens weiß ich das
Gegenteil ganz genau.«
Was mich anbetraf, so hatte ich mich selten so schnell in einem Haushalt
orientiert, wie in diesem hier. --
Sechzehntes Kapitel.
So saß ich denn am Bette des Verwundeten und sprach ihm zu, wie man mit
einem im starken Fieber Liegenden zu sprechen wagt. Ich erzählte ihm, wie
ich vorgestern mit seinem alten Freunde, dem Herrn Kunemund,
zusammengetroffen sei, und wie alles so wunderlich in der Welt, auch im
Schlimmen, sich ineinander schicke. Diesen Gemeinplatz machte ich auch dem
»alten Hafenmeister« deutlich, und das weißlockige Zauberweibchen erhub die
blauen Augen und schüttelte das Haupt und sagte:
»Der Autor, der Autor, der wird sich auch arg kümmern! Herr, wollen Sie es
ihm schreiben in unserem Namen? Bitte, tun Sie es, meinem Kinde zum
Gefallen; Sie werden es zu machen wissen, daß er nicht mehr erschrickt, als
nötig ist.«
Ich versprach gern, das zu übernehmen, und der Steuermann drückte mir von
neuem die Hand und rief:
»Das ist das eine, wozu wir Sie so gut gebrauchen können; aber es ist noch
mehr da --«
Er brach ab, und ich erfuhr heute noch nicht, wozu ich ihm noch weiter
nützlich sein könne, drang auch nicht in ihn, es mir mitzuteilen, denn die
Sonne sank tiefer, und mit dem Abend kam das Fieber heftiger, und der Arzt
und der Wundarzt zum neuen Verband. Ich ging als die Doktoren anlangten,
und versprach wiederzukommen. Die Greisin begleitete mich vor die Tür und
brach da in ein heftiges Weinen aus:
»O Herr, ich bin siebenzig Jahre alt, und ich soll ihm ein Gesicht machen
wie ein jung Mädchen, welches am Pfingstsonntage zu Tanze gehen will!« ...
Mit dem Worte in Herz und Hirn nachklingend stand ich wieder in dem Hofe,
fand meinen Weg durch die alte Stadt in den schönen Sommerabend hinein und
aus dem Tore der Stadt. Da suchte ich den Garten, den Gertrud Tofote geerbt
hatte, und fand ihn nicht mehr. -- Der Garten war verschwunden, wie in
einem Jahre -- vielleicht weniger als einem Jahre, jener prächtige, alte,
düstere Cyriacushof mit seinen jahrhundertelangen Erinnerungszeichen, den
ich eben verlassen hatte, verschwunden sein konnte -- verschwunden war. Die
damals durch den rotweißen Pfahl angedeutete Straße zog sich, vollständig
ausgebaut, mit Kanalisation und Gasleitung über den romantischen Platz
hin. Der Teich, in welchen der Stein der Abnahme hineingefallen war, war
ausgefüllt, und die Räder des Tages rollten leicht darüber weg. Die hohen,
dunkeln Bäume um das Wunderhaus des achtzehnten Säkulums waren
niedergehauen, die Blumen und Büsche ausgerissen; und mit den Bäumen,
Blumen, Büschen, springenden Wassern, singenden Vögeln und den
Schmetterlingen war auch das Wunderhaus verschwunden; -- wunderliche
Gebäude freilich waren zu beiden Seiten des macadamisierten Weges dafür in
die Höhe gewachsen, und es galt da wirklich, wie es jedermann überall vor
Augen hat, mit einer kleinen Abänderung das Wort aus dem Vorspiel zum
Faust:
in unsern deutschen _Gassen_
Probiert ein jeder, was er mag.
Welches denn vielleicht der passende Ort zu einer abermaligen mich selbst
betreffenden Abschweifung und Anmerkung wäre, oder zur Wiederholung einer
schon früher angedeuteten Frage, nämlich: Was gingen grade _mich_ alle
diese Leute an? --!
Ich hatte in meinem Leben mancherlei gesehen, erfahren, erlebt, -- hatte
das, was man geistige Kämpfe zu nennen pflegt, bestanden, und körperliche
gleichfalls. Ich hatte auch vielerlei probiert, hatte nicht einen
Felsblock, sondern manch ein rund Dutzend den Berg hinaufgewälzt und dem
sofortigen Wiederherunterrollen mit offenem Munde nachgestarrt. Gütiger
Himmel, ich schäme mich nicht, es zu sagen, ich hatte manche Träne
verschluckt und, ohne mich zu schämen, manchen Schweißtropfen vergossen und
manchen Seufzer hervorgestoßen: was gingen mich _diese_ Leute und diese
Verhältnisse an?
Ich hatte das Leben und den Tod in meinem Leben einander ablösen gesehen
und meine Schlüsse daraus gezogen wie irgendein theoretischer oder
praktischer Philosoph: wie kam es, daß ich an diesen Zuständen und
Menschen, die mir in den Weg geraten waren, wie Tausende mehr, ein so
tiefes, inniges und zugleich so schmerzhaftes Interesse nehmen mußte? Wie
geschah es, daß mich das Verschwinden des Gartens Mynheers van Kunemund
nicht nur ärgerte, sondern auch so ungemein melancholisch stimmte?
Die Antwort auf alle diese Fragen war leicht zu finden. Die Schicksale
dieser guten Menschen und Sachen schlugen sämtlich Töne in meiner Brust an,
die lange auf diesen Fingerdruck von außen gewartet hatten. _Mein_ Gefühl
und Bangen, _mein_ Unbehagen in der Zeit kam hier zum Anklang, und so ward
mir im Tiefsten tragisch das, was jedem andern im Werkeltage, wenn auch
vielleicht ein wenig betrüblich, so doch im ganzen recht gleichgültig und
nichtsbedeutend erscheinen mußte.
Mit Recht! denn welch ein Glück für die Menschheit ist's, daß sie es gar
nicht merkt, wie ihr die Zeit, die Jugend, das Glück, das Märchen, der
Zauber, die Schönheit, die Zucht und die Tugend (man gestatte mir die zwei
letzten verbrauchten Worte) unter den Händen weggleiten! Keines von alle
diesem würde eben noch vorhanden sein, wenn man sein Abblassen,
Einschrumpfen, Schwinden und Vergehen augenblicklich merkte und den
schlimmen Prozeß diagnostisch, die Hand am Pulse, begleiten könnte. Die
Menschheit würde es dann schon längst, längst aufgegeben haben, dem Tage
und dem Glücke zu trauen. Sie würde den eben erwähnten Entwickelungs-Fort-
und -Abgang merklich beschleunigt haben, -- sie würde einfach ein
beschleunigtes Verfahren der langsamen Hinquälerei vorgezogen haben. Die
Philosophen nennen das, was das große Tamtam schlägt, das _Ding an sich_
und haben sich unendlich gefreut, als sie das Wort gefunden hatten. Dieses
Ding an sich, insofern es durch jedes neugeborene Kind, oder vielmehr durch
jegliches Neugeborene sich darstellt, hat noch nie über den Tod
nachgedacht. Mit dem ersten Kinde, mit welchem das Wissen des Todes geboren
werden wird, ist die Stunde des Weltgerichts vorhanden, und die erste
Mücke, die sich mit Vergnügen von der Grasmücke fressen läßt, spricht das
Urteil, also -- horchen wir Alten doch noch ein wenig dem sonderbaren,
klangvollen Dröhnen in unsern Ohren! --
Ich hatte die neue Straße, über die traumhafte Erinnerung wegschreitend,
durchwandert, hatte die verschiedenen Stilarten der frischaufgeschossenen
Menschenunterschlupfe ästhetisch-kritisch begutachtet; und, das helle Leben
um mich, das Handbuch der Kunstgeschichte im Kopfe, überraschte es mich,
als ich mit einem Male vor dem Gitter des Kirchhofes stand, auf welchem man
den kleinen, muntern Bruder Autor Kunemunds begraben hatte. Den hatte man
noch nicht ausreuten können, den Kirchhof nämlich! Dreißig Jahre und länger
verlangt das respektiert zu werden! Es ist recht unangenehm; aber bis dato
hat man noch vergeblich sich den Kopf über die Frage zerbrochen, wie der
Verdruß abgestellt werden könne; -- die Lebenden haben es so eilig, und die
Toten wollen sich Zeit gönnen -- wahrhaftig, es wäre lächerlich, wenn es
nicht so sehr, sehr ärgerlich wäre! --
Ich stand vor dem schwarzen, eisernen Gitter, vor welchem auch die neue
Prachtstraße hatte Halt machen müssen, und ich blickte hinein und hin auf
die Büsche, Bäume und Blumen über den Gewölben und um die Grabhügel. Sie
lachten in der Abendsonne, und nicht ohne Grund. Im schönsten Grün lachte
der Garten der Toten über die verschwundenen Gärten der Lebendigen; er
allein hatte seine Blumen und Vögel und Schmetterlinge behalten, der Ort
der Verwesung! und -- ich wendete mich, schritt die neue Straße abermals
hinauf, und kaufte im nächsten Buchladen ein Adreßbuch der Stadt, werde es
aber den Lesern nicht deutlich zu machen suchen, wie ich gerade jetzt
_darauf_ kam.
In diesem Buche des Lebens blätternd und nach allerlei Namen suchend,
erreichte ich mein Wirtshaus wieder, bezog am folgenden Morgen eine
Privatwohnung und fand mich am Nachmittag zum zweitenmal am Bette des
verwundeten Steuermanns Schaake sitzend.
Er befand sich, den Umständen nach, ganz leidlich. Seine Schmerzen wußte er
zu verbeißen, und das Fieber trat nicht heftiger auf, als man erwarten
konnte. Meinem Besuche hatte er, wie sein alter Hafenkapitän, die schöne,
weiße Frau Muhme sagte, mit Sehnsucht und Ungeduld entgegengesehen; und nun
waren wir allein, und die Hand auf die Bettdecke des Kranken legend, sagte
ich:
»Ich habe mich gestern da und dort ein wenig umgeschaut. Das ist so eine
Gärtnerschnurre, die dann und wann gelingt, daß man einen Baum ausreißt,
ihn mit dem Gezweig in den Boden gräbt und seinen Spaß und seinen Ruhm
davon hat, wenn die Wurzeln wirklich anfangen, Blätter zu treiben. Man
nennt das den Gipfel der Kultur, lieber Freund, und ist sehr stolz darauf:
was für Früchte unsere Nachkommen aus dem Experiment zwischen die Zähne
bekommen werden, können wir freilich heute noch nicht bestimmen, bekümmert
uns übrigens auch durchaus nicht. Den Garten, den die kleine Gertrud
ererbte, habe ich vergeblich gesucht, aber wo das Fräulein jetzt wohnt,
hab' ich in Erfahrung gebracht; und nun, Freund, was ist es mit der
Gertrud? was ist aus der Gertrud Tofote, seit jenem Tage, an welchem Sie
den Stein der Abnahme aus dem Fenster warfen, geworden?«
Auf diese Frage richtete sich der Steuermann mit einem Ruck auf, der mich
bedauern ließ, sie an ihn gestellt zu haben, denn er biß die Zähne vor
Schmerz dabei aufeinander und hätte fast den Verband seiner Füße in
Unordnung gebracht.
»Unsere Gertrud?... O, ich habe gemeint, der Alte -- ich meine den Meister,
-- den Herrn Kunemund, habe Ihnen das schon gesagt!«
Ich schüttelte den Kopf.
»Nicht?... O, unserm Trudchen soll es sehr gut gehen.«
»Sie sagen das mit einem eigentümlichen Tone, lieber Freund. Weshalb wissen
Sie nicht mehr oder wollen, wie der Meister, nicht mehr von ihr sagen, als
was sich in ein kahles, mattes >Soll< legen läßt?«
Da faßte der Verwundete hastig meine Hand, zog mich näher zu sich heran und
flüsterte mir zu:
»Sie haben eben davon gesprochen! Ich hatte damals recht; aber es war
schon zu spät! Was half es mir, daß ich den Unglücksstein in der
Hinterlassenschaft des alten Sünders fand? Herrgott, was ist aller
Nebenwind auf See gegen den, welchen der Flutwechsel auf dem Lande bringt!
Das hat auch Gertrud erfahren! Aber es mußte so sein, denn wenn wir ihn
meilenweit weggetragen und ihn dann in hunderttausend Stücke zerschlagen
hätten, so würde es nichts geholfen haben. Das Unglück ist auf dem Platze
geblieben, hat das Wasser in dem Weiher vertrieben und die Bäume vergiftet!
Es war eben der Stein der Abnahme, und er allein ist schuld daran, daß die
arme Gertrud uns, mich und das alte, liebe Leben aufgegeben hat. Ach, Herr
von Schmidt, Sie, der Sie viel unter die Leute kommen, werden ihr gewiß
begegnen, und wenn Sie ihr begegnet sind, dann wollen wir -- ich und der
Meister Autor Sie fragen, wie es unserer Gertrud Tofote geht!«
Ich fragte heute nicht weiter nach der jungen Dame. Fürs erste wußte ich
genug und ging wieder ziemlich melancholisch und verstimmt nach Hause, bald
nachdem die weiße blauäugige Muhme hereingekommen war, um meinen Platz am
Schmerzenslager des Neffen einzunehmen. Doch, -- auf _eine_ Frage geriet
ich noch und erhielt auch Antwort darauf.
Der Unglücksstein mußte freilich gewirkt haben, und es war nur ein Glück,
daß jetzt die neue Straße auch über ihn hinwegführte, und er also auf
Nimmerwiedersehen begraben worden war und keinen weitern Schaden mehr
anrichten konnte. Ich bemerkte dergleichen, und der Kranke richtete sich
von neuem empor und rief kläglich in seinem Fieber:
»Wissen Sie das gewiß? Ich nicht!... Wer kann sagen, wer ihn aus dem Teiche
auffischte? wer weiß, wer ihn voller Vergnügen mit sich nach Hause nahm,
als das Wasser des Tümpels abgelassen worden war, und der Schlamm offen zum
Durchwühlen dalag? Man soll absonderliche Kuriositäten in dem Schlamme
gefunden haben; ach, Herr von Schmidt, und fragen Sie nur den Meister
Kunemund danach, der wird's Ihnen schon sagen, daß das Unglück sich nicht
so leicht verbraucht in der Welt. Was Schaden bringt und Unheil stiftet,
hat meist immer eine gute Gesundheit. O, es wird sicherlich jemand das Ding
wiedergefunden haben und dafür büßen müssen!«
»Wir wollen es nicht hoffen,« sagte ich, und dann tat ich meine letzte
Frage, als die Muhme Schaake bereits auf meinem Stuhle saß.
»Noch einer! Da war noch ein Erbstück des Mynheer; -- der Mohr, der -- wie
hieß er doch? der Signor Ceretto! Lebt er noch, und was ist aus ihm
geworden?«
»O der Nigger!« rief der Steuermann, und trotz allem Elend und Jammer ging
ein Lächeln über sein Gesicht. »Ei freilich lebt der noch und gottlob dazu
gesagt! Sie, unsre Gertrud schleppt ihn mit sich herum; er gehört zu ihrem
Haushalt, wenn er das vielleicht auch nur seiner Farbe zu danken hat.
Wissen Sie, lieber Herr, wenn Sie dem Fräulein begegnen, dann werden Sie
auch wohl den Nigger zu Gesichte kriegen, und, bitte, dann grüßen Sie ihn
recht schön von mir!«
Siebenzehntes Kapitel.
Es fehlen an der Leiter, die in den Brunnen hinunterreichen soll, immer
einige Sprossen, hatte mir einmal bei einer andern Gelegenheit der Meister
Autor gesagt; ich hatte es, das Wort, richtig befunden, es, wie man weiß,
dann und wann weiter gegeben, und es bewährte sich auch diesesmal. Ich
hatte den Alten kurz und bündig, wie es sich ihm gegenüber gehörte, von dem
Unglücksfall, der seinen Freund Karl Schaake betroffen hatte, in Kenntnis
gesetzt; wir erwarteten im Cyriacihofe seine eilige Ankunft mit jeglichem
Eisenbahnzug, er aber blieb aus. Wie sich's später auswies, war mein
Schreiben richtig angelangt, hatte den Alten jedoch nicht zu Hause
getroffen. Ein anderer Brief war vor dem meinigen gekommen, ein
absonderliches Dokument, das _die_ Alte in _ihrem_ Dorfe einem Schulkinde
in die Feder diktiert hatte. Darin stand denn zu lesen, daß es ihr, der
Alten, gottsjämmerlich jammervoll ergehe, daß sie, die es zu allen Zeiten
so gut mit dieser schlechten Welt im Sinne gehabt habe, jetzo von der
ganzen Bauerschaft als ein Scheuel und Greuel vor die Feldmark gesetzt
werden solle, und zwar mit Zurücklassung all ihrer Habseligkeit von wegen
aufgewendeter Gemeindekosten.
»Alle seind mir aufsässig,« schrieb das Schulkind. »Sie verschimpfieren
mir, wie man es keinem Hund und keiner Katze bietet. Sie hohnnecken mir bei
Tag und Nächten, daß ich mich von Tage tun möchte, jedwedes Mal, daß mir
die Sonne aufgeht. Sie zerren mich herum, jung und alt, wie eine tote Katze
in der Gosse; sie betitulieren mich, wo ich mir sehen lasse, daß es eine
Schande ist, und die, die es am wenigsten leiden sollten, sind die Ärgsten.
Der Vorsteher sagt, das sei, weil ich es mit allen verdorben habe, aber,
Kunemund, er lügt in seinen Balg hinein, und das will ich ihm dermaleinst
vor Gottes Thron in das Gesicht sagen, und Er, Meister Kunemund, soll es
mir bezeugen, denn Er kennt mich! Lieber Gott, wenn du mich nur hinnehmen
wolltest, das ist mein einzigstes Gebet, wenn sie mir wieder vor die Tür
hofiert und in den Kaffeekessel -- haben. Es ist nicht zum Aushalten,
Meister Autor, und dazu einen so alt -- so alt werden zu lassen, das ist
Unrecht, und das will ich auch dermaleinst vertreten, der liebe Herrgott
mag's mir verzeihen. Du lieber Himmel, wenn ich an den Arend jetzt denke
und an Sie, Herr Kunemund, und an die Gertrud und die Hunde und das übrige
Vieh und das ganze gute alte Leben, so könnte ich mir mein Hemde in meinen
Tränen waschen; denn so ist es, und so gut wird es mir niemals wieder. Aus
tiefer Not schrei ich zu dir, steht im Gesangbuch, und welche Nummer der
Pastor alle Sonntage auch singen lassen mag, was mich anbetrifft, so höre
und singe ich nur das eine, wie sich auch der Kantor vor der Orgel die
Seele herausdrücken und Hände und Füße abdrücken mag mit Wie viele Freuden
dank ich dir, oder Dir Gott, dir will ich fröhlich singen, oder Mein Herz,
ermuntre dich zum Preise, oder Wie groß ist des Allmächtigen Güte, ist der
ein Mensch, den sie nicht rührt? Nein, liebster Herr Kunemund, ich bin kein
Mensch mehr, o, und wenn ich es ihnen nur geben könnte, wie sie es mir
gegeben haben und tagtäglich geben, so sollte sich die Landesbrandkasse
wirklich darüber verwundern, und damit, Kunemund, wende ich mich in meinen
höchsten Nöten an Ihn« -- usw....
Auf diesen Brief hin hatte sich der Meister Autor natürlich sofort auf die
Socken gemacht und die Wanderschaft zu der »Alten« angetreten; mein
Schreiben aber lag beim Vorsteher, und da es zufällig unter seine sonstigen
Papiere und Schreibereien geriet, so wurde es auch, als der Meister Autor
mit der Alten zurückgekommen war, keineswegs sofort an ihn ausgeliefert; --
den Brief der Alten an den Meister bewahre ich als ein kostbares Kleinod
unter meinen Papieren. »Mit meinen fröhlichen Redensarten, die sich an den
Spaß knüpfen, will ich Ihnen lieber nicht aufwarten,« sagte Herr Kunemund,
als ich ihm das Dokument glücklich abgeschmeichelt hatte; und nun will ich
weiter erzählen. --
»Ich habe schon einmal die Ehre gehabt, Ihnen zu begegnen, mein gnädiges
Fräulein,« sprach ich mit einer tiefen Verbeugung zu der glanzvollen
Erscheinung, der mich mein Freund, der Hofrat (wie in einer alten, alten
Komödie) zuführte und vorstellte.
Die großen Augen erhoben sich verwundert fragend, und das Kind aus dem
Musterforst, die so sehr stattlich gewordene Elfe lächelte:
»Wirklich? O aber es wäre mir sehr interessant, zu erfahren Wo und Wie. Ich
bitte --«
Und sie machte mir Platz neben sich auf dem Divan und lud mich mit der
zierlichsten Fächerbewegung ein, mich zu setzen, was ich mit Vergnügen tat,
während der Herr Hofrat sich im Kreise der Gesellschaft verlor, und uns,
wie es schien auch nicht ungern, uns selber überließ.
»Wir taten einst einen wunderlich verhängnisvollen Gang zusammen, mein
Fräulein,« sagte ich. »Ein guter Bekannter von uns beiden hatte mich dazu
eingeladen und abgeholt, und so ging ich mit als Chorus tief in das Märchen
hinein und sah das zuckerige Haus mitten im Zaubergarten. Ich hatte
eigentlich nicht recht daran glauben wollen, aber ich überzeugte mich, daß
alles so vorhanden war, wie die Geschichte und die Geschichten es uns
berichten. Nichts fehlte! weder die Wände aus Honigkuchen, noch das Dach
aus Eierkuchen, noch die Fensterscheiben aus Bonbontafeln. Und nun bin ich
wieder über den Platz geschritten und habe leider gefunden, daß der Wind --
der Wind, das himmlische Kind, sein Spiel während der letzten Jahre ein
wenig arg getrieben hat; die Heerstraße führt mitten durch den Märchenwald,
mein Fräulein, die Dekorationen haben sich merkwürdig verschoben, und wir
alle haben mit daran rücken müssen.«
Das schöne Mädchen sah mich betroffen an und drückte den zusammengelegten
Fächer an den Mund; dann aber faßte sie sich schnell genug und rief:
»Mein Gott ja, das ist ja aber auch wahr! Sie waren in der Tat dabei
zugegen, als mir des Onkels Erbschaft übergeben wurde! Das waren freilich
sonderbare Zustände, an die Sie mich da erinnern! Der Onkel Kunemund hatte
mich in jenem schrecklichen Gasthause abgesetzt, um Sie zu seinem eigenen
Troste herbeizuschaffen; und dann gingen Sie mit uns zu dem verwilderten
Garten und dem unheimlichen alten Hause. Ei ja, ja, nicht wahr, das alles
hat sich seltsam verändert? Dekorationen und Akteure sind andere geworden,
und unter den letztern hab' auch ich mein Kostüm gewechselt; -- finden Sie
nicht?«
»Gewiß!« sagte ich, verbindlich mich neigend und überzeugte mich
verstohlen von neuem, daß der Meister Autor vollkommen genau gesehen hatte,
wenn oder als er das Nämliche gefunden hatte. Dann fuhr ich fort: »Ich war
längere Jahre abwesend von dieser Stadt und habe meinerseits gleichfalls
die Bilder im Guckkasten in bunter Folge wechseln gesehen. Überall
verschiebt die Welt sich, mein teures Fräulein, und sonderbarerweise
meistens ohne daß wir es bemerken; das Buch Hiob hat heute in dieser
Beziehung in demselben Grade recht wie zur Zeit seiner Abfassung. Wie in
den Tagen des Mannes von Uz geht der Herr vorbei, ohne daß wir es gewahr
werden; aber manchem alten guten Bekannten bin ich seit meiner Rückkehr
doch wieder nahe gekommen. Haben Sie in der letzten Zeit Nachrichten von
unserm Freunde, dem Herrn Kunemund erhalten?«
»Nei--n, mein Herr,« sagte das Fräulein, und ich beobachtete dabei leider
auch ein etwas mißmutiges Emporziehen der feinen runden Schultern, ließ
mich jedoch selbstverständlich nicht dadurch irr machen, sondern fuhr
heiter fort:
»Dann habe ich einigen Anspruch auf ihre Dankbarkeit, indem ich Ihnen die
neuesten mitteilen kann. Es geht dem braven Alten recht wohl; er führt sein
Schnitzmesser so rüstig und kunstfertig wie vor Jahren und hat auch seine
übrigen Künste in Wald, Garten und Feld durchaus noch nicht verlernt. Ich
hatte die Ehre, ihn neulich auf dem Wege zu treffen, und er lud mich
freundlich ein, ihn in seiner jetzigen Häuslichkeit zu besuchen. Zwei sehr
angenehme Stunden habe ich in seiner Gesellschaft hingebracht; leider war
es nur ein sehr unglücklicher Zufall, der mich mit ihm von neuem
zusammenführte, nämlich jenes Eisenbahnunglück, das mich nur einen kurzen
Augenblick auf der Reise aufhielt, das aber einem andern, jüngern guten
Bekannten, ich meine den armen Steuermann, Herrn Karl Schaake, so teuer zu
stehen kam --«
Jetzt fuhr die junge Dame im Ernst zusammen, wurde erst sehr bleich, dann
sehr rot und rief:
»Mein Herr?«
»Ja, mein liebes Fräulein, auch ihn habe ich bereits einige Male besucht.
Er leidet große Schmerzen, trägt sie mit leidlichem Humor und macht seine
Umgebung um so trostloser, je vergnügter er sich stellt. Die Ärzte und
Chirurgen sind noch immer nicht sicher, ob sie ihm seine unglückseligen
Füße lassen dürfen oder nicht.«
Gertrude Tofote lehnte sich sehr bleich zurück; dann faßte sie heftig, auf
einen kürzesten Augenblick, meine Hand:
»Was sagen Sie?... was ist?... o ich weiß gar nichts!... ich habe nichts
von dem erfahren!... ich bitte Sie --«
»Ich habe auch die Bekanntschaft seiner Muhme oder Base gemacht. Ein
kurioses Weibchen! ein wenig sehr taub; aber ein alt Jüngferchen wie aus
dem Märchenbuch, -- und noch dazu aus _unserem_ Märchenbuch, mein teures
Fräulein.«
»Jawohl, jawohl, ich bin -- früher auch dann und wann mit ihr
zusammengetroffen; -- er hat den Fuß gebrochen? Karl hat den Fuß
gebrochen?«
»Beide Füße! Sie wurden ihm arg verletzt infolge jener bedauernswerten
Entgleisung, von welcher Ihnen die Zeitung gesagt haben wird; aber er trägt
wirklich sein Elend wie ein braver Mann. Mit seinem Seefahren und sonstigen
abenteuerlichen Liebhabereien wird es freilich unter allen Umständen zu
Ende sein.«
»Und den Onkel Kunemund haben Sie auch gesehen?« rief die Elfe. »Ich habe
ihn lange nicht gesehen. O sagen Sie mir --«
Es war mir augenblicklich unmöglich, weiter etwas zu sagen, denn wir wurden
in unserer Unterhaltung unterbrochen und zwar auf die liebenswürdigste
Weise von der Welt.
Eine schöne, durchaus nicht alte, eine stattliche, fröhlich lächelnde,
dunkeläugige Dame in Dunkelblau und weißen Spitzen glitt durch die Wellen
der Gesellschaft zu uns heran, in ihrem Fahrwasser einen jungen Herrn der
Tochter des Försters Tofote zuführend. Der Herr war ein Jüngling von zwei-,
fünf-, sechs- oder siebenundzwanzig Jahren mit einem etwas knabenhaft
rundlichen, sommersprossenübersäeten, gänzlich bartlosen und ganz
gutmütigen Gesicht, runden mädchenhaften Schultern und einem Lächeln um den
Mund, das, wenn es klar für die Güte des Herzens sprach, von den geistigen
Fähigkeiten des jungen Mannes ein wenig undeutlicher redete. Nach einer
letzthin bekannter gewordenen Theorie war er also unbedingt mehr der Sohn
seines Vaters als seiner Mutter.
»Da bringe ich dir endlich meinen Vetter, Gertrude!« rief die schöne Dame.
»Das ist Vollrad, und -- sieh, Vollrad, das ist meine süße Hausgenossin.
Ihr werdet Euch sicherlich zusammen vertragen? Nicht wahr, ihr versprecht
mir das auf der Stelle? Denke dir, liebes Herz, er ist über mich gekommen,
wie der Dieb in der Nacht, oder wie die Ameise -- nein wie der gepanzerte
Mann im Evangel -- auch nicht, sondern in den fünf Büchern Moses. Vor einer
Stunde ist er von Berlin angelangt; -- ich lag, wie du weißt, mit meiner
Migräne und meiner Journalmappe auf meinem Zimmer und hatte dich armes Lamm
heut abend allein und schutzlos in die böse, schlimme Welt hineinfahren
lassen, als er plötzlich vor mir stand. Du kennst mich, Gertrude, du weißt
also auch, wie rasch mein Unwohlsein verflogen war, und hier sind wir, und
das ist nun die Gertrud, Vollrad! und das ist mein Vetter Vollrad, liebe
Gertrud; und wie gesagt, vertragen werdet ihr euch ja wohl -- wenigstens so
lange, als es dem jungen Herrn hier in der Stadt zu gefallen belieben wird
-- nicht wahr?«
Ich hatte den Wortstrom dicht neben mir vorüberrauschen lassen; jetzt wurde
mir auch noch das Vergnügen zu teil, der näheren Vorstellung zwischen den
beiden jungen Leuten anwohnen zu dürfen. Darauf aber empfahl ich mich, und
Gertrude Tofote sagte:
»Ach, wir haben uns eigentlich noch so vieles zu sagen!... und ich hätte so
vieles zu fragen! Nun, wir sehen uns sicher noch häufiger in der
Gesellschaft!«
»Ich hoffe das,« sprach ich und zog mich zurück mit einer höflichen
Verbeugung. Auch die gnädige Frau grüßte und der Vetter gleichfalls. Im
Zurückweichen sah ich noch, wie die schöne Dame sich gegen das junge
Mädchen neigte, und nahm die Frage von ihren Lippen mit:
»Wer ist es denn, Gertrud? Der Herr kommt mir bekannt vor; aber ich kenne
sehr viele Leute.«
Was mich anbetraf, so kannte ich auch sehr viele Leute: die schöne
stattliche Dame war die Frau Christine von Wittum, die junge rasche Witwe
eines in sehr reifen Jahren entschlafenen hohen Staatsbeamten, und Gertrud
Tofote wohnte mit ihr unter ein und demselben Dache. Daß die gnädige Frau
sich auch meiner aus früherer schönerer Zeit erinnern mußte, stand mir in
unumstößlicher Gewißheit fest. Doch davon später. --
Achtzehntes Kapitel.
Von meinem ersten Besuche bei dem Steuermann an waren acht Tage vergangen.
In diesen acht Tagen hatte ich mich von neuem häuslich in der Stadt
eingerichtet, hatte unter meiner sonstigen Korrespondenz den Brief an den
Meister Autor abgeschickt, hatte die hübsche Gertrud im Schoße der besten
Gesellschaft des Ortes gefunden, war mit der schönen Witwe Christine von
Wittum und ihrem Berliner Vetter Vollrad in Berührung -- angenehme
Berührung -- gekommen, und saß am neunten Tage auf meiner Stube und an
meinem Schreibtische in der festen Gewißheit, daß nicht alles gut war --
weder was mich selber, noch was die andern anbetraf.
Sehr unbegründet ärgerte mich heftig der Meister Autor Kunemund, der aus
den mitgeteilten stichhaltigen Gründen nichts von sich hören ließ. Dem
Steuermann ging es schlecht; dem Töchterlein des Försters Arend Tofote ging
es zu gut, und ausgezeichnet gut ging es der Frau Christine, welche die
einzige unter uns war, die das Leben vom rechten Standpunkt aus ansah und
also auch sich in es zu schicken wußte, und -- -- andere Leute auf ihre
Seite hinüberzuziehen wußte.