Meyer! Ceretto Meyer! Wichselmeyer -- wie Sie wollen. Auf der großen
Weserbrücke nennt man mich gewöhnlich Wichselmeyer, aber lieber hab'
ich's, wenn man mich Signor Ceretto ruft. Ich bin's von den höflicheren
Nationen gewohnt, die auf See mit =Si!= antworten, wenn man sie anspricht.
Schön! also Signor Ceretto! Nun denn, so seien Sie mir herzlichst
willkommen, liebster Herr Signor Ceretto! sage ich, und damit erreichen wir
so nach und nach das Försterhaus, und sonderbarerweise trug auf dem letzten
Drittel des Weges bereits diese schwarze Bremer Meß-Merkwürdigkeit unser
Trudchen auf dem Arme, während Schnürbein schwanzwedelnd sich ihr dicht auf
den Hacken hielt.
An der Alten hatte ich meine Freude, und an dem Alten, der währenddem nach
Hause gekommen war, gleichfalls; doch an der Alten um vieles mehr. So was
Schwarzes in Menschengestalt hatte sie in ihrem Leben noch nicht gesehen,
und daß sie viel in den Büchern darüber studiert hatte, glaube ich auch
nicht. Den Eindruck, den also mein Freund Wichselmeyer oder Meyer, oder
Signor Ceretto auf sie machte, war denn auch darnach! Wie sie aufschrie,
wie sie ins Haus lief und die Schürze über den Kopf schlug -- wie sie auf
halbstündiges Zureden endlich um die Tür guckte, und wie sie wieder nach
einer Viertelstunde mit einknickenden Beinen hervorkam und einen Knix nach
dem andern vor das Ungeheuer hinsetzte, das war ein Vergnügen anzusehen,
aber zu beschreiben ist es nicht. Und, mein lieber Herr von Schmidt, --
wenn dieses eine Kuriosität war, so war es noch viel kurioser, daß -- auf
mein Wort und meiner Seelen Seligkeit -- es wahrhaftig nicht ihre Schuld
war, wenn wir nach allerkürzester Bekanntschaft nicht einen oder zwei oder
einige Mulatten mehr in der Welt herumlaufen haben; denn -- -- so sind die
Weiber! Ich habe es bis dahin nicht geglaubt, aber ich versichere Sie: sie
sind so! Nachdem sich auf vieles Zureden das närrische Stück Frauenzimmer
dahin hatte bringen lassen, durch eigenes Anrühren sich zu überzeugen, daß
das Ding nicht abfärbe, war alles -- in bester Ordnung und im schönsten
Gange, und der Arend, ich und der Schwarze hatten nur abzuwehren, daß die
Zuneigung nicht zu weit gehe.
Seit ich weiß, daß dieser fremde Herr und Unmensch nicht mit Tinte oder
Pech oder Kienruß aufgefärbt wurde, bin ich ganz ruhig, flüsterte mir die
Alte noch lange vor dem Gute-Nacht-sagen zu; kurz, wir hatten unsern
Heidenspaß, den ganzen Abend durch. Ja, ja, Herr; über den Ceretto
vergaßen wir und vor allem ich dann und wann meinen kleinen Bruder mehr,
als es sich eigentlich schickte; und erst als alles zu Bett war, der Gast
und ich auch, und ich vergeblich in den Schlaf hineinzukommen suchte, da
kam es im großen und ganzen heiß und kalt über mich, was für ein Tag mir
morgen bevorstehe, und wie ich mich zu demselbigen zu verhalten haben
werde. Da warf ich mich hin und her und saß aufrecht und hätte mich auch
ebensogut auf dem Strohsacke auf den Kopf stellen können; zu einem
vernünftigen Gedanken verhalf mir das nicht. Erst als ich endlich doch vor
Mattheit eingeschlafen und am Morgen wieder aufgewacht war, kam mir die
Eingebung. War es nicht das einzig Richtige, alles dem Kleinen zu
überlassen? Wer hatte sich denn eigentlich mit dem andern abzufinden? Er
mit uns; oder wir mit ihm? Er mit uns natürlich, denn war der Junge von uns
weggelaufen, ohne uns anders als durch seinen letzten Lumpenstreich es
anzusagen, so lag es doch nun, obgleich über die alte Geschichte wohl mehr
als einmal Gras gewachsen war -- allein bei ihm, bescheiden anzupochen und
sich zu entschuldigen und um gut Wetter zu bitten. Damit fuhr ich getröstet
in die Stiefel; aber was das Wetter selber anbetraf, so war das heute noch
um ein gut Teil grauer als gestern, doch regnen tat es auch an diesem Tage
nicht. Wir hatten nur einen Korb voll Nebel mehr im Walde. Daß wir allesamt
früh auf den Füßen waren, können Sie sich vorstellen; nur das Mohrenkind,
der Wichselmeyer, oder Don Ceretto, schnarchte wie ein Weißer bis gegen
Mittag an, was, nämlich das Schnarchen, auch wieder der Alten einigen Grund
zum Handzusammenschlagen gab. Wir fanden sie richtig horchend an der Tür,
und sie schlug die Augen wie in vollständiger Verzweiflung an unsrem
Herrgott in die Höhe und ächzte: Auch das kann er wie ein richtiger Mensch!
-- Nun, Trudchen war kaum zu bändigen, und mein lieber Tofote ging herum
wie ein Verrückter; ich aber setzte mich auf meine Schnitzbank, als ob ich
drauf Wurzeln zu schlagen gedächte und spielte den Bullenkopf gegen mich
und die Welt, bis der Kleine gegen ein Uhr avisiert wurde und wirklich da
war.
Herr, _ein_ Mensch genügt eigentlich nicht, um _das_ Wiedersehen zu
erzählen! Alle, die ihren Anteil daran hatten, müßten von Rechts wegen an
dieser Stelle ihren Schnabel auftun; und Herr, daß Sie damals nicht dabei
zugegen waren, das ist ein Jammer; denn trotzdem, daß Sie gewiß mehr
studiert haben, sowohl im Bergfach wie in den übrigen Fächern, als ich für
möglich halte, hätten Sie sich doch manches Komödienbillett -- Affen- und
Menschenkomödie! -- erspart, wenn Sie an dem Tage uns schon die Ehre
gegeben hätten, uns mit Ihnen bekannt zu machen; denn sehen Sie --«
Sechstes Kapitel.
»Erlauben Sie, lieber Kunemund,« sagte ich, dem Meister Autor die Hand auf
das Knie legend und ihn bescheiden zum zweitenmale unterbrechend. »Ein
Wort, bester Freund! Ich bin doch manch liebes Mal, nach unserm ersten
Massenbesuch, als einzelner Heuschreck bei euch gewesen; aber wer von euch
hat mir je von dieser Geschichte und allen ihren wahrscheinlichen Folgen
geredet?«
»Wir nicht; -- das ist richtig!« sprach der Meister. »Wer von uns konnte
denn aber auch daran denken? _Sie_ ging das doch gar nichts an!«
Ich schlug mich vor die Stirn und kam mir unendlich albern und abgeschmackt
vor. Ich sah tief, lächerlich tief in die Widersinnigkeit des Lebens, das
man, sozusagen, lebt, hinein und konnte nichts weiter sagen, als:
»Wahrlich!«
»Sehen Sie, seine werten Freunde muß man so wenig als möglich mit seinen
eigenen Molesten molestieren,« sagte der Meister und fuhr, von nun an
nicht wieder von mir unterbrochen, in seiner Erzählung fort, die wir
wieder nur mit einem Gänsefuß am Anfange und einem am Ende geben:
»Die Feierlichkeit war groß. Wir standen im Ernst ein jeglicher in seiner
Seele auf den Zehen; das heißt inwendig, denn was das Äußerliche anbetraf,
so konnten wir blutwenig tun, und hatten auch sonst grade keine Lust, mehr
zu leisten. Nur in der Küche war ein mächtiges Hallo; ganz wie im
Evangelium, als der verlorene Sohn heimkam. Vom ersten Tagesgrauen an stand
die Alte, ihr Horchen an des Mohren Kammertür abgezogen, in Dampf und
Flammen, im Sieden und Protzeln. Aber der Mohr Signor Ceretto saß mit
meinem Trudchen an der Tür auf der Bank und rauchte eine ganz gewöhnliche
Meerschaumpfeife. Er war lange nicht so ungeduldig auf den Onkel als das
Kind.
Wie gesagt, es hatte auf der alten Uhr hinter der Tür so ungefähr eins
geschlagen, als er kam, und zwar tüchtig zusammengeschüttelt in einer alten
Schöppenstedter Karrete, auf dem Holzwege, den Sie ja auch kennen, Herr
Bergsekretär; und wenn sein Bremer Neger uns nur im ersten Moment in
Verwunderung gesetzt hatte, so nahmen wir den Kleinen nach dem Anrumpeln
der Kalesche nun merkwürdig kühl. Er setzte uns gar nicht in Verwunderung,
nämlich was mich und den Tofote anbetrifft. Er war in einen dicken Mantel
eingewickelt und hüstelte, und als ich ihm die Hand in das Gefährt reichte,
sagte er: Guten Tag, Alter, ich habe es für meine Pflicht gehalten, -- oder
dergleichen und ich sagte: Sieh, Kleiner, bist du wieder da? -- und damit
hatten wir ihn auf dem festen Boden, und es wäre fast nötig gewesen, daß
ich ihn wieder einmal auf den Arm genommen und ins Haus getragen hätte, wie
ich das wohl tausendmal getan hatte, als ich noch seine Kindsfrau spielen
mußte in unserer Jungenzeit. Herr, wenn von jeher an mir die Augen wenig
taugten, so stehe ich dafür auf ziemlich festen Füßen, und meine
Schulterbreite ist auch nicht ohne! Bei unsrem Kleinen war das alles
umgekehrt. Augen hatte er vom Mutterleibe an wie ein Wildkater; aber von
dem übrigen wollen wir heute, da das alles doch schon vom Grabscheit in der
gewöhnlichen Weise versorgt worden ist, lieber nicht sprechen. Die Fremde
hatte ihm in der Hinsicht wenig gut getan, und er brachte fast noch weniger
mit, als er von Hause mitgenommen hatte. Aber das ist einerlei! Wie über
seine Jugendzeit und -sünden Gras gewachsen ist, so samt sich das jetzo
über dem übrigen an, und ich erzähle nur von wegen uns, die wir noch da
sind. Wir hatten ihn vor der Tür -- im Hause -- im weichsten Lehnstuhl am
Tische, und der Austausch und Handel mit den gegenseitigen Erlebnissen und
Gedanken mochte vor sich gehen. Natürlich kam es denn auch, wie ich es mir
am vergangenen Tag vorgestellt hatte: wir fanden uns heute so wenig wie vor
den langen Jahren zusammen und ineinander. Und als es Dämmerung wurde,
hatte er uns herzlich satt, und wenn ich offen sein soll, _wir_ ihn auch.
Herr von Schmidt, er ist mein leiblicher Bruder, und ich tat mein
menschenmöglichstes, ihn den Nachmittag über mit Rührung und
Weichherzigkeit als solchen anzusehen; aber noch vor dem vollen Einbruch
der Dämmerung hielt ich ihn kurzweg von neuem für einen Lumpen, und daß er
uns wie gewöhnlich für erbärmliche Tröpfe und die nichtsnutzigsten Narren
von der Welt hielt, das konnte ich ebensogut sagen als er. Also wir
vertrugen uns, der guten Bewirtung, die die Alte hergerichtet hatte, zum
Trotz, gar nicht; und sie, die Alte, legte mit ihren Unkosten gar so wenig
Ehre bei ihm ein, als wir mit unserer Einfältigkeit. So fuhr er ab, um noch
bei Licht auf die Landstraße zu kommen, und wir sahen ihn abfahren. Seinen
Mohren nahm er auf dem Kutschbock mit sich; und ein solch Gesicht, wie
_der_ Kerl uns zum Abschied zuschnitt, hatte ich in meinem Leben noch nicht
gesehen und habe es auch bis jetzt noch nicht wieder zu Augen gekriegt, und
kurioserweise tat _sein_ Abschied mehr als einem von uns leid. Das Kind,
unsre Gertrud, hatte dem Untier einen Geschmack abgewonnen, wie es kaum
geglaubt werden kann, und die Alte war richtig fast eifersüchtig auf das
Kind! -- -- -- Daß der Kleine nicht wieder aus unserm Leben verschwand,
nachdem wir ihn einmal wieder drin hatten, versteht sich wohl von selber;
aber zu Gesichte kriegten wir ihn nicht wieder. Aus den Blättern, in
welchen er ein Haus suchte, und auch sonst auf andere Weise erfuhren wir,
daß er sich in hiesiger Stadt niedergesetzt habe, aber uns hier im Wald
ließ er selbst von diesem Abschluß und Ende seines Vagabundenlebens nichts
weiter zu Gehör kommen. Seinen Mohren Signor Ceretto Wichselmeyer schickte
er auch nicht wieder heraus, was den andern im Hause am leidesten tat,
worüber ich als sein Bruder -- nämlich des Kleinen Bruder, mir aber jedoch
mein Gefühl und Gemüte vorbehalte. So sind denn die Jahre hingegangen,
eines nach dem andern, und wir haben an nichts gedacht, das kann ich Sie
versichern. Und nun war ich neulich schon vor Ihrer Tür, lieber Herr
Bergschreiber, als uns das Stadtgericht herzitiert hatte; aber Sie waren
damals verreist, und so mußte ich mit meiner großen Neuigkeit und in meiner
Bedrängnis wieder abziehen. Der Kleine war tot, und er hatte uns seinen
letzten Streich gespielt; -- was meinen Sie, was er getan hatte, um einen
letzten Tritt in unsern ruhigen Ameisenhaufen zu vollführen? -- er hatte
unser Trudchen, die Gertrude Tofote, zu seiner Generalerbin eingesetzt! --
Er hatte es getan! er hatte das Trudchen zu seiner Erbin gemacht, und da er
nie etwas getan hat, ohne dabei etwas im Schilde zu führen, so sind wir nun
schon monatelang in aller Unruhe und Todesangst und zerbrechen uns Herz und
Kopf und Sinn um die Frage, weshalb er es getan habe? Am Tage nach seinem
Begräbnis war der Mohr bei uns. Denken Sie sich, -- er, der Kleine, hatte
gewollt, daß niemand von uns anders als durch der Zeiten Lauf von seinem
Abscheiden benachrichtigt werden sollte; und bei seinem Grabe und
Leichenkondukt hat er auch niemand von uns sehen wollen, und -- jetzt --
lieber Herr, Sie, der Sie mit allen Schreibereien Bescheid wissen, kommen
Sie mit mir! Das Trudchen sitzt, seit ich bei Ihnen bin, mutterseelenallein
im Gasthof bei den Fuhrleuten, und wartet wahrscheinlich mit Schmerzen auf
mich, und jetzt -- wenn Sie nichts Besseres vorhaben, so kommen Sie, uns
zum Troste in der Ratlosigkeit, mit und helfen uns, ihre Erbschaft
anzutreten! Ich bitte Sie herzlich, so gütig zu sein.«
Siebentes Kapitel.
Länger als eine gute Stunde hatte Herr Autor Kunemund seinem Herzen Luft
gemacht, und ich hatte ihn erzählen lassen, und ihn, wie oben bemerkt,
sogar nicht wenig ermuntert, so ausführlich wie möglich zu sein; aber jetzt
fuhr mir ein um desto größerer Schrecken durch die Glieder.
»Mein Himmel, die Gertrud in der Stadt Lübeck! den ganzen Morgen da allein?
Kunemund, ich bitte Sie, weshalb konnten Sie mir das nicht gleich sagen?
Wie könnt Ihr das Kind -- das Fräulein, so allein in dem Fuhrmannsausspann
sitzen lassen?«
»Weshalb denn nicht, lieber Herr? Wir haben gute Bekannte und Freunde
dorten; gerade unter den Fuhrleuten haben wir die besten Freunde; und dann
ist der Jüd Salomon Prasem auch mit uns gekommen, -- das Trudchen war da
ganz gut aufgehoben, bis wir es abholen.«
Das mochte nun sein; aber nichtsdestoweniger vervollständigte ich in
hastigster Weise meine Toilette, und nach zehn Minuten schon befanden wir
uns in den Gassen der Stadt: ich in aller Ungeduld, aber der Meister Autor,
ohne es im geringsten eilig zu haben. Im Gegenteil, er hatte Zeit und Muße
für jede Merkwürdigkeit, die ihm unterwegs aufstieß, und des Merkwürdigen
stieß und fiel ihm alle zehn Schritte weit die Hülle und Fülle auf. Endlich
erreichten wir die Stadt Lübeck aber doch.
Das ist in der Tat einer der besuchtesten und nahrhaftesten
Ausspanngasthöfe der alten Stadt, und der Verkehr dort an allen Tagen der
Woche sehr lebhaft; am Sonnabend jedoch am lebhaftesten. Und es war ein
Sonnabend, und das Getöse vor, sowie die Bewegung in dem Hause ließen für
den Inhaber des altberühmten Schildes nichts zu wünschen übrig. Ein halb
Dutzend und mehr Lastwagen und Bauerwagen hielt vor dem hohen und weiten
Torwege, und versperrte weithin die ziemlich breite Straße. Zertretenes
Stroh, Fässer, Kisten, Kasten und Körbe, Hunde, Federvieh, Kinder, Gäste
aller Art und jedes Geschlechtes füllten den Hof, die mächtige Hausflur,
die Gaststuben und die Treppen. Aus der schwarzen, gewaltigen Küche
leuchtete es gleich einer keineswegs geringen Feuersbrunst, mit der
freilich der begleitende Geruch gottlob gar nicht stimmte. Kellner und
Kellnerinnen, Köchinnen, Hausknechte, Stallknechte und vor allem Wirt und
Wirtin schlugen nicht bloß in der Seele Rad, sondern machten auf jedermann,
der mit offenem Munde und aufgesperrten Augen sich in dem Gewühl hin und
her schieben und stoßen ließ, den Eindruck, als ob sie auch in einem
fortwährenden, nimmer wieder endenden körperlichen Radschlagen begriffen
seien.
In diesen Lärm und Wirrwarr traten auch wir jetzo ein, der Meister Autor
und ich, und der Meister bahnte den Weg. Drei oder vier braune ausgetretene
Stufen hinauf drängten wir uns aus dem Getümmel des Hausflurs in den Tumult
der Gaststube hinein, und richtig fanden wir da die Gertrud Tofote und zwar
ganz an demselben Platze, auf welchen sie der Meister Kunemund hingesetzt
hatte mit der Ermahnung, sie möge sich die Zeit nicht lang werden lassen,
er komme im Augenblick zurück und bringe den Trost im Elend (=NB=. in
meiner Person) hoffentlich gleich mit her.
Auf _den_ Trost hin hatte das junge Mädchen dann dagesessen, und -- wie
sich sofort auswies -- keinen Augenblick Langeweile gehabt oder sich gar
nach uns gesehnt. Als es uns erblickte, sprang es hinter seinem Tische
mitten unter den verschiedenartigsten Sonnabendmorgengästen der Stadt
Lübeck auf und rief, ohne anfangs die mindeste Notiz von mir zu nehmen:
»O Onkel, es ist gut, daß du kommst! wir haben schon lange auf dich
gewartet! Kennst du den hier noch?«
Und sie wies unbefangen auf einen hübschen jungen Menschen, der neben ihr
gleichfalls von der rotbraunen Bank aufgestanden war, und viel verlegener
als die Gertrud, errötend uns anlächelte und in seiner schmucken
Matrosentracht wirklich hübsch -- sehr hübsch -- und um so hübscher je
blöder aussah.
»Na,« sagte Herr Kunemund, »es ist wohl nicht an dem? Ja, wahrhaftig, es
ist doch an dem -- er ist es! Je, Karl, wie kommst denn du hieher? woher
bist du gefallen, Junge? Na, das ist wahrlich ein vergnügt Zusammentreffen,
Karl, und dich können wir gleichfalls gerade brauchen. Siehst du, Trude,
hab' ich's dir nicht gleich gesagt, daß du hübsche Leute zu deiner
Unterhaltung hier finden würdest?«
Sie reichten einander die Hände, über den Köpfen und Schultern des Volkes
am Tische weg, und ein teilnehmendes, vergnügtes Grinsen ging über jedes
Gesicht an den vier Seiten. Bauern und Fuhrleute, Weiber und Kinder nahmen
teil an dem fröhlichen Wiedersehen; aber den größten Teil nahm natürlich
der Jüd Salomon Prasem, der da denn auch sagte:
»Mein, bei mir hat sich die Gertrude zu bedanken; -- denn wer war's, der
ihr den Karl Schaake herbeilotsete? Ich war es, Herr Kunemund.«
»Sollst deine Ehre behalten, alter Sackträger,« rief der Meister Autor, und
das Trudchen -- ja freilich, reden wir doch einmal von der Gertrud Tofote,
ehe wir weiter schreiben. --
Es wird viel Wasser die deutsche Literatur hinunterlaufen, bevor ein
zweites Nixen- oder Waldelfen-Gesicht wie das wieder aus ihr emportaucht!
Das Trudchen hatte sich verändert in den Jahren, die hingegangen waren,
seit wir es als Kind zuerst am Bache im Elm trafen. Es war ein großes
Mädchen geworden -- eine Jungfrau, wie man in den Büchern, -- ein Fräulein,
wie man im Leben des Tages sagt. Und was für eine Jungfrau?! was für ein
Fräulein!
Daß ich das Kind von Zeit zu Zeit wachsen gesehen hatte, erhöhte meine
jetzige Überraschung nur; denn wer sieht sich je satt an den uralten
Taschenspielerkunststücken der alten geschickten Prestidigitatrice, Madame
Physis, sonst auch Dame Natur genannt?! -- Trudchen Tofote war eine
reizende, völlig ausgewachsene Blondine von achtzehn Jahren geworden, und
seltsamerweise schien der junge Leichtmatrose Karl Schaake das gleichfalls
herausgefunden zu haben.
»Erlauben Sie gefälligst,« sagte der Meister Autor fein und höflich,
»erlauben Sie, daß ich Ihnen diesen jungen Mann hier vorstelle und mit
Namen nenne. Es ist nämlich Karl Schaake aus unserm Dorfe vor dem Walde,
wissen Sie; sein Vater war Leinweber, sein Großvater war Leinweber, sein
Urgroßvater war Leinweber, und von Rechts wegen müßte er, dieser Junge
hier, auch Leinweber sein; aber können Sie es ihm verdenken, wenn er der
ewigen sitzenden Lebensart halben sich mal in das Gegenteil geschlagen hat?
Der Bengel fährt -- tanzt auf dem Seil -- geht querüber auf dem Wasser,
kurz, um es kurz zu sagen, ist zu Schiff gegangen und hat alle seine
ehrwürdigen Vorfahren mit offenem Maule sitzen lassen. Was sagen Sie dazu?«
Ehe ich etwas dazu sagen konnte, hatte sich der Meister bereits wieder an
den Seemann selber gewandt:
»Und nun, du Schlingel, noch einmal: wo kommst du her? wo hast du dich
wieder herumgetrieben?«
»O Herr Onkel, das wäre weitläufig zu beschreiben!« meinte der junge Mensch
lachend. »Sie haben es ja schon längst verschworen, mir ein Wort zu
glauben, und haben, was schlimm genug ist, auch das Trudchen auf den
Glauben hin abgerichtet. Was meinen Sie nun, wenn ich hab' helfen,
muhammedanische Pilger von Malakka nach Dscheddah expedieren und zwar
während der ganzen drei letzten Jahre?«
»Das wird wieder ein schönes Geschäft gewesen sein!«
»Das war es freilich dann und wann. Hamburger Bark Kehrwieder, -- Kapitän
Klütgen. Fragen Sie nur nach, die ganze Küste entlang, Onkel; o sie wissen
mich zu schätzen, die Kerle, die das Gesicht auf dem Bauche tragen, von
Sumatra bis Suez -- besser als Sie, Onkel Kunemund.«
»Na, na, so genau wie ich, werden sie dich doch nicht kennen, Karl,« sagte
der Onkel mit dem Zeigefinger in der Luft.
»Aber die Gertrud kennt mich _noch_ besser!« rief Herr Karl Schaake. »Nicht
wahr, du?« Und schwerlich konnte jemand eine größere Dringlichkeit in ein
solches: Nicht wahr, du? legen. --
Trudchen Tofote lachte vergnügt und verschämt und gab dem Leichtmatrosen
einen Schlag auf die Schulter, der seinen ersten Schuß auch nur im Elmwalde
getan haben konnte. Auf eine wörtliche Äußerung ließ sie sich jedoch nicht
ein, und also nahm der Onkel Kunemund wieder das Wort.
»Also hast du die Stadt Lübeck gerade so angelaufen, wie du der Alten
daheim über den Küchenschrank fielest. Und die Stelle, allwo die beste
Piepwurst hing, die nahmest du uns auch niemalen mit; aber die Wurst
vermißten wir dann und wann. Und also hast du dich gleich auch in gewohnter
Weise bei der Trude vor Anker gelegt? Na, das ist schön! Es behagt einem
immer, wenn endlich einmal jemand nach Hause kommt, der wirklich etwas zu
erzählen hat.«
»Aber gern sich auch allerlei erzählen läßt, was während seiner Abwesenheit
auf dem festen Lande vorgefallen ist. Nicht wahr, Trudchen?«
Das Trudchen lächelte wiederum nur vergnügt und verschämt, und es fiel
wiederum dem Meister Autor zu, sich zu besinnen, ob während der Abwesenheit
seines jungen Freundes wirklich etwas der Erwähnung Wertes passiert sei in
dem Walde und vor dem Walde. Ich hielt es für meine Pflicht, ihm dabei zu
Hülfe zu kommen.
»Ist das eine Familie, die in die Stadt gekommen ist, sich eine große
Erbschaft zu besehen und zu holen?« fragte ich. »O ihr Leute, wenn dieses
kein Zeichen ist, daß es euch auch ohne dieselbe wohl geht, so sucht und
nennt mir ein besseres!«
Hierauf sah mich der Herr Kunemund groß und sehr erschrocken an, schlug
sich vor die Stirn und rief:
»Herr Jesus, ja, das hatte ich ja ganz über dem frohen Wiedersehen
vergessen! Alle Wetter und die Formalitäten?! Und die Gerichtsherren? und
der Signor Ceretto! Um des Himmels willen, Trudchen, Karl, Herr von
Schmidt, -- wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Sie haben uns ja auf
zwölf Uhr bestellt -- und da -- schlägt es dreiviertel. Donner und Wetter,
Trudchen, es war doch eigentlich deine Sache, mich daran zu erinnern!«
Achtes Kapitel.
Wenn meine Leser nun etwa glauben sollten, daß wir auf dieses
Zusammenfahren und diese Mahnung hin jetzt wie Besessene von dannen
stürmten, der Hinterlassenschaft Mynheers van Kunemund zu, so würden sie
sehr irren. Wir nahmen uns doch noch Zeit und hatten derselben auch zur
Genüge.
»Davon hat mir Trudchen schon gesagt, Herr Kunemund,« sprach der Matrose
und zwar, wie es schien, mit einem etwas befangenen und gedehnten Tone.
»Eine Erbschaft haben Sie -- hat sie gemacht! Wirklich?«
»Und was für eine!« rief der Meister. »Ich, Gott sei es gedankt, nicht;
aber das Mädchen da! Frage nur den Prasem, was für eine gute Partie es
geworden ist, und was für süße Augen er ihr machen würde, wenn Moses und
die Propheten und vor allen Dingen seine Perl nichts dagegen einzuwenden
hätten.«
»Gerechter -- mein lieber Herr Kunemund!« rief der alte Jude.
»Leugnen Sie es nicht, Salomo,« rief der Meister, »und dir, Karl,
wiederhole ich es mit Nachdruck, der Kleine reibt sich sicherlich heute
morgen da oben, oder -- da unten die Hände. Eine Goldprinzessin ist das
Trudchen und zwar ganz ohne ihr Zutun. Da der Herr Bergassessor von Schmidt
meint, es gehöre auch ins Märchen, und kurios ist's auch, obgleich ich bis
dato noch nicht herausgebracht habe, was der Herr eigentlich mit der Rede
im Sinne hat.«
»Das ist auch gar nicht nötig, alter Hexenmeister!« rief ich lachend; doch
über das offene ehrliche Gesicht des jungen Seefahrers war ein sonderbarer
Schatten gefallen. Er blickte das schöne Kind, die Gertrud Tofote
bedenklich von der Seite an und zerrte unruhig an seinem bunten Halstuche;
ich aber las in seiner Seele, und zwar folgendes:
»Also so steht die Geschichte? Und deshalb aus dem Alltagsverdruß und der
Leineweberei durchgebrannt und auf See gegangen, um ihr mit dem Sack voll
spanischer Dublonen und sämtliche Taschen voll Demanten und Perlen eines
Tages vor die Nase in allerhöchster Glückseligkeit treten und sie fragen zu
können: Na nu Gertrud? --! Uh! Himmel und Hölle, wenn ich ihr jetzt käme
mit dem, was mir die Hadschis eingebracht haben! O verflucht, da wäre es
doch am besten, ich hätte das alte Land gar nicht wieder angelaufen.«
Ich beobachtete einen tiefen Griff beider Hände des jugendlichen
Abenteurers tief in beide Hosentaschen hinunter, und sagte wie er in der
Tiefe meiner Seele: