Über Kneitlingen hinaus, linksab, unbestimmt tief in den Wald hineinwärts,
da wohnte der Meister Kunemund, den die Welt nicht mehr so recht verstand,
weil er ihr zu jung geblieben war. Da wohnte er ziemlich verborgen, daß
heißt er hatte sich einem Förster in die Kost und unter Dach getan; und da
machte ich seine Bekanntschaft und er die meinige, was unter Umständen
nicht sich von selber versteht, oder besser gesagt, nicht dasselbe ist.
Wir führten in mehreren Körben einen genügenden Vorrat von Lebensmitteln
sowie auch eine erkleckliche Anzahl Flaschen mit allerlei Getränk mit uns
und konnten also recht vergnügt sein. Unter der Leitung eines jungen
Forstmannes im grünen Rock und mit einem papiernen Hemdkragen frühstückten
wir mitten im im Quincunx gepflanzten Musterforst, wie die bessern Stände
auf ihren Ausflügen in die freie unverfälschte Natur zu frühstücken
pflegen. Nachher spielte man, wiederum unter der Leitung des eben erwähnten
jungen Forstmanns, Blindekuh und sonstige unschuldige Spiele, was sehr
hübsch war, aber auch den Höhepunkt des Vergnügens bildete; denn im Grunde
mißlang jeder spätere Versuch, sich noch höher und tiefer in das volle
Naturbehagen hinauf- und hineinzuschrauben, vollständig. Daß ein jeglicher
in der Gesellschaft die Schuld an der von Viertelstunde zu Viertelstunde
mehr einreißenden Langeweile und Verdrießlichkeit nicht sich selber zumaß,
war unter diesen Verhältnissen natürlich: das Gefühl, mit dem linken Fuße
zuerst und noch dazu viel zu früh aus dem Bette gestiegen zu sein, wurde
allgemein.
Der junge Grünling mit dem Papierkragen war der letzte, dessen
Lebensgeister sanken; aber auch ihm sanken sie. Er fing an, uns eine frisch
von der Forstakademie mitgebrachte wissenschaftliche Abhandlung über
moderne Waldwirtschaft zu halten und setzte dadurch dem Vergnügen freilich
die Krone auf.
Mit der Mißachtung selbst der jungen Damen beladen, verlor er sich für ein
geraume Zeit in einer jungen Schonung und kam erst dann wieder zum
Vorschein, als die Gesellschaft den Versuch, im Walde Mittagsruhe zu
halten, durch Ameisen, Kopfweh, Waldspinnen und Gliederschmerzen gehindert,
aufgegeben hatte. Der holde, wolkenlose Tag übte immer sonderbarere Wirkung
auf die Teilnehmer und Teilnehmerinnen an dem Vergnügen. Begrabene, mehr
oder weniger tief zugedeckte Feindschaften und Feindseligkeiten wühlten
sich mit überraschender Schnelligkeit von neuem ans Licht. Wer etwas gegen
seinen Nachbarn oder seine Nachbarin im Grase auf dem Herzen hatte, der
fühlte einen unwiderstehlichen Kitzel, es von demselbigen los zu werden,
und zwar auf die anzüglichste, unangenehmste Weise. Und da wieder wurden
vorzüglich die Damen scharf, sowohl die jungen wie die ältern, sie
pflückten füreinander kuriose Sträuße unter den Büschen, und es wurde die
höchste Zeit, daß irgend jemand sich begütigend dreinlegte.
Dieser jemand war ich, und ich warf den Vorschlag in die allgemeine
Verbitterung, alle Streitigkeiten für jetzt beiseite zu schieben und sie
für die Heimfahrt, für das trauliche Beieinandersitzen auf den zwei
Leiterwagen und im Eisenbahnwagen aufzusparen.
Da man mich nur von der Seite ansah, so erweiterte ich meinen Vorschlag
dahin, daß man, um den Tag ganz auszunutzen, einem Försterhause, das ich
eine halbe Stunde weiter in den Wald hineingelegen wußte, einen Besuch
abstatten solle. Sauere Milch wirke kühlend und erfrischend, und der Tag
sei noch sehr lang.
Nun sah man sich an, und der Vorschlag fand genügende Unterstützung.
»Tofote heißt der Förster dort,« sagte der junge Herr von Müller. »Es ist
eine eigentümliche Wirtschaft dort. Bei der Forstbehörde ist der Kerl grade
nicht zum besten angeschrieben, aber das braucht uns freilich nicht
abzuhalten, ihm eine Visite zu machen. Die Idee ist gut, überfallen wir den
Burschen! Wenn die Herrschaften erlauben, werde ich den Weg andeuten.«
Nun waren alle Lebensgeister auf einmal wieder wach, und wir im nächsten
Augenblick auf dem Marsche durch den Elm zum Förster Arend Tofote. Die
jungen Leute stimmten ein Waldlied von Eichendorff an, welches sehr hübsch
und romantisch unter den hohen Buchenwölbungen klang; und wer uns nun
wieder sah und hörte, der war verpflichtet, ohne Widerstand und Widerrede
verpflichtet, uns für das zu nehmen, was wir schienen, nämlich
waldfröhliche, hübsche, vergnügte Kinder der Natur, junge sowohl wie alte.
Zweites Kapitel.
Ich heiße Schmidt. Mein Name ist drolligerweise sogar _von Schmidt_. Es
ist beängstigend aber wahr, ich gehöre dem Adel der deutschen Nation an,
und ich habe sogar meinen Vater noch in Verdacht, sich etwas darauf zugute
getan zu haben. Bei welchem Märchenkönig der Ahnherr meines Geschlechtes
Kanzler oder lustiger Rat war, habe ich nie herausbekommen können; aber daß
wir ein altes Geschlecht sind, das weiß ich; und daß wir selten unseres
Glückes Schmiede waren, das weiß ich leider auch. Seit ich den Meister
Autor Kunemund kennen gelernt habe, bilde ich mir ein, daß unsere Bezüge
mehr als tausend Jahre alt sind, und es würde mich gerade nicht wundern,
wenn der Ahnherr derer von Schmidt im geheimen Rate jenes braven Jungen
gesessen hätte, der König wurde, weil's ihm nicht gruselte, und dem das
Gruseln erst längere Zeit nach seinem Regierungsantritt durch seine Frau
gelehrt wurde.
Dieses beiläufig, jedoch nicht ohne Grund. -- Wir zogen also durch den
Wald, den Förster Arend Tofote zu besuchen, und wir stießen zuerst auf den
Meister Autor.
Wir kamen über ihn an einem Bache, dem die Begünstigung, durch den
Musterforst rieseln zu dürfen, noch nicht von der Oberforstbehörde genommen
worden war, und wir faßten ihn eigentlich in einer für das Gefühl der Damen
etwas fraglichen Situation ab. Seine Schuhe standen neben ihm, seine Füße
standen im Wasser, braun und knochig; Füße, auf denen er länger als ein
halbes Jahrhundert herumgelaufen war. Der Tag war heiß, und der Meister
Kunemund nahm ein Fußbad.
»Hol' mich der Teufel!« sagte er, als wir plötzlich durch das Gebüsch
rauschten und auf sein Behagen hereinbrachen. Er ist immer ein höflicher
Mann gewesen, denn wer hätte es ihm verdenken können, wenn er gerufen
hätte: »Hole euch alle insgesamt, -- hole euch ohne jegliche Ausnahme der
Teufel! --?«
Er war nicht allein, als wir ihn überraschten. Er hatte auch seine
Gesellschaft bei sich: einen schiefbeinigen, sagenhaft aussehenden
Dachshund und ein kleines zehnjähriges Mädchen. Der Dachshund saß neben
ihm, dicht an seiner Seite. Das kleine Mädchen saß ihm gegenüber am andern
Rande des Bachs, von Sonne und Blätterschatten umspielt. Es saß, den Rücken
an einen Baum gelehnt, die Arme kindlich über der Brust ineinander gelegt,
das Mäulchen gespitzt, wie zu einem Pfiff oder Kuß. Wenn man ihr den
letztern gegeben haben würde, und sie hätte das Näschen gerümpft, so würde
man vollkommen in seinem Recht gewesen sein, wenn man gerufen hätte:
»Jetzt nimmt sie es gar noch übel!« --
Als wir da waren, das heißt als der Alte uns herankommen hörte, sah er sich
um; und das Kind stand auf. Der Dachs stand auch auf, wenn man bei solchen
Beinen das so nennen wollte, und bellte wie ein Hund aus den Gebrüdern
Grimm. Unsererseits sprach der junge Forsteleve von Müller:
»Guten Tag, Herr Kunemund. Da sind wir, wie ich es dem Herrn Förster
versprochen habe. Guten Tag, Fräulein Gertrud, ist der Vater zu Hause und
sonst alles wohl?«
»Guten Tag!« sagte das kleine Waldfräulein, ohne sich auf weiteres
einzulassen. Aber der Meister Autor erhob sich jetzt ächzend von seinem
Sitz und nahm eine Handvoll feuchtsaftigen Mooses und einiges Blätterwerk,
das er dem Boden im Sich-Aufrichten entrissen hatte, mit sich in die Höhe
und behielt es während der folgenden Unterhaltung, wie eine Art Trost- und
Stärkungsmittel im Verdruß, in der geballten Rechten. Widerwillig reichte
er die Linke unsrem freundlichen Fröhlichkeitsordner und brummte:
»Richtig, da sind die Herrschaften. Na, der Alte wird sich denn ja wohl
auch freuen, und wenn ihr die Alte dazu in guter Laune trefft, so soll es
mir angenehm sein. Lustig, Trudchen, sieh doch die Damen nicht so dumm an!
Lauf vorauf und bereite sie auf die Ehre und das Vergnügen vor, auf daß
ihnen der freudige Schrecken an der Gesundheit keinen Schaden tut.«
Daß dieser Empfang sehr höflich gewesen sei, konnte die Gesellschaft nicht
finden. Aber unser Führer hatte uns bereits darauf vorbereitet, und so
nahmen wir mit ziemlich gutem Humor den Gruß des Alten hin.
»Seien Sie nicht zu grob, Kunemund,« sagte der Herr von Müller lachend.
»Daß _Sie_ sich über unseren Besuch freuen, weiß ich ja doch zu genau.
Fräulein Julie, Fräulein Minna, laufen sie dreist mit dem Kinde voran! Wir
kommen im feierlichen Zuge augenblicklich nach und haben doch noch unsern
Spaß heute.«
Gertrud Tofote sah sich noch einmal einen langen Augenblick hindurch die
Gesellschaft an; dann drehte sie sich auf den Hacken, tat einen Sprung über
den Bach und schoß wie die Lieblichste der Elfen durch den Wald davon; und
selbst die jüngsten Damen unserer Gesellschaft, die hinter ihr drein
liefen, gaben es bald auf, gleichen Schritt mit ihr zu halten, oder sie nur
im Gesicht zu behalten. Wir älteres Volk setzten uns schwerfällig von neuem
in Bewegung, den Meister Autor Kunemund in unserer Mitte.
Wir können es nicht genug wiederholen, daß der Elm ein Musterforst ist.
Auf den Wanderversammlungen der grünröckigen Herren pflegt viel von ihm die
Rede zu sein. Seine Kultur ist durch die fachwissenschaftlichen Blätter
weit über die Grenzen Deutschlands berühmt geworden, und seine Bäume
bekommen ihre Blätter trotz alledem in jedem neuen Frühjahre wieder. Sie
bleiben auch gewöhnlich bis in den Herbst hinein grün, »was eigentlich ein
Wunder ist«, wie der Meister Autor sagte, nachdem er und ich bessere
Bekannte geworden waren und gegeneinander nur selten noch ein Blatt vor den
Mund nahmen; -- großer Gott, wie geistreich man doch auf solch einer
Vergnügungsfahrt ins Grüne und Blaue hinein wird! Selbst wenn man Jahre
lang nachher darüber schreibt, ist das Salz davon noch nicht dumm geworden,
welches ohne allen Zweifel ein Wunder ist. -- Wir zogen also durch diesen
im Quincunx gepflanzten Musterforst der Amtswohnung des Försters Arend
Tofote zu, und der Dachshund watschelte uns voran, von Zeit zu Zeit stehen
bleibend und seine Verwunderung über uns durch ein bedenkliches
Hauptschütteln und einen fragenden Blick auf seinen Herrn kundgebend. Der
Herr selber aber ging mit uns, wie gesagt, und hatte sich, wahrscheinlich
um seinen Jubel zu verbeißen, sein Moosbüschel in den Mund gestopft. Seine
Schuhe trug er jetzo an den Füßen, aber den linken Strumpf anzuziehen,
hatte er in der Hast und Aufregung vergessen und trug ihn zusammengeballt
in der Faust. Wir gingen fröhlich ihm nach und um ihn her; sämtliche
gelehrte Stände gegen wärtig und vorhanden. So kamen wir beim Försterhause
an, und der Leiter unserer Vergnügungspartie stellte uns dem Förster vor,
und der Förster Arend Tofote erschien hierbei als der Verlegenste seines
ganzen Haushaltes. Nichtsdestoweniger war er aber gern bereit, zu unserer
Lust beizutragen, was ihm nur irgend möglich war. Mit Speisen und Getränken
wartete er nach besten Kräften auf und jagte die Alte, d. h. seine alte
Haushälterin, und sein junges Kind nicht wenig. Unsere Damen waren
natürlich entzückt über das Kind und die Verpflegung, und bei den Herren
wachten Hunger und Durst merkwürdig lebendig von neuem auf. Es wurde sehr
behaglich, sehr gemütlich; und unsere Gemütlichkeit erlitt auch dann kaum
einen Abbruch, als das liebe, einfache Waldkind, die Gertrude, ihrerseits
gleichfalls ihr möglichstes zu derselben beitragen wollte, und plötzlich
und unvermutet ihre Spielgenossen auf uns los ließ. Wie wir über das stille
Haus im Walde gekommen waren, so kamen die guten Kameraden über uns. Zwei
reizende, schneeweiße Ferkelchen, zwei muntere, doch etwas mutwillige
Ziegen, deren eine den jungen Herrn von Müller und Fräulein Amalie durch
zwei unvermutete Kopfstöße von hinten beinahe zum Fall auf die Nasen
gebracht hätte -- erheiterten die Gesellschaft sehr. Weniger vermochte das
ein etwas stachlichter Igel, den Amalias Mama auf ihrem Stuhle fand, als
sie sich aus Schreck über die Gefahr der Tochter ein wenig hastig auf ihm
niederließ. Sie kreischte laut auf, und mehrere Damen versetzten sich ganz
in ihre Situation und schrieen hell auf. Der Zwischenfall wäre sicherlich
noch länger und lebhafter besprochen worden, wenn er nicht sofort durch
einen zweiten abgelöst worden wäre. Diesmal war die Reihe an der
Geistlichkeit. Mit einem Schreckensruf fuhr der Herr Pastor zusammen und
empor. Unter seinem Stuhle hatte es sich plötzlich geregt, und weich und
verstohlen hatte es sich zwischen seinen Schenkeln emporgeschoben: es war
aber nur Meister Reinecke der Fuchs, und zwar der zivilisierte, der
gezähmte Fuchs, der einen günstigen Augenblick benutzte, um die Kirche zu
kränken und dem geistlichen Herrn zierlich, aber ungeladen, ein delikates
Stück Schinken vom Teller zu nehmen. Das Verbrechen war begangen, das
Sakrilegium vollendet wie geplant, und frivolerweise lachte die
Gesellschaft ebenso herzlich über das Gesicht des Herrn Pastors wie über
den schlauen Dieb und seinen eiligen Rückzug mit der guten Beute.
Noch einiges andere Getier erlaubte sich seinen Spaß mit uns; aber im
ganzen fanden wir uns doch harmlos genug darein und waren recht vergnügt.
Wir fingen sogar an, von neuem zu singen, und zwar wiederum allerhand
Volkslieder, wie sie jetzt gedruckt in den Büchern stehen und meistens
reizend von den geschicktesten und naivsten Künstlern mit den hübschesten
Holzschnittillustrationen verziert werden. Wir konnten wirklich noch ohne
Noten singen, und es klang wiederum recht gut -- sogar sehr gut -- im
Walde. Herrn Kunemund bekam ich an diesem Tage nicht mehr zu Gesichte; doch
die Gesellschaft vermißte ihn durchaus nicht, und so sehe ich keinen Grund
dafür, weshalb gerade ich mich an dieser Stelle über sein Verschwinden
wundern sollte.
Drittes Kapitel.
Am Spätnachmittag zogen wir wieder ab, wie wir gekommen waren. Daß ein
jeder Teilnehmer an der fröhlichen Fahrt ins Grüne ihrer mit Vergnügen
gedachte, steht zu hoffen; was mich persönlich anbetrifft, so war ich am
Spätabend herzlich froh, alles vollendet zu haben und wieder zu Hause zu
sein. Die Lust des Tages war mir doch ein wenig auf die Nerven gefallen,
und es bedurfte längerer Zeit, ehe ich mich so weit erholt hatte, um an den
Meister Kunemund, den Förster Arend Tofote, sein Försterhaus und sein
Töchterlein ohne Widerwillen denken zu können. --
Wie gesagt, ich heiße von Schmidt, habe außerdem den Bergbau studiert,
wurde für längere Jugendjahre durch ein schlagendes Wetter an meiner
Gesundheit geschädigt, erholte mich, verließ den Staatsdienst und bin jetzt
meines Zeichens ein beschäftigungsloser Liebhaber wohlfeiler ästhetischer
Genüsse. Recht niedliche Novellen aus meiner Feder sind in verschiedenen
Blättern abgedruckt worden. Einige wurden mir auch als unbrauchbar
zurückgesendet; ich halte dieselben für die bessern Erzeugnisse meines
Geistes und benutze diese Gelegenheit, um sie den verehrlichen Redaktionen
nochmals zur Verfügung zu stellen. Mein Vater war ein wohlhabender
Domänenpächter, der das Glück hatte, fast ein Menschenalter hindurch lauter
»gute Jahre« zu haben. Er starb als ein, nach deutschen Verhältnissen,
wohlhabender Mann, und ich bin sein einziger Erbe, und er starb früh genug,
um mir auf meinem Lebensgange und bei meinen Liebhabereien nicht hindernd
in den Weg treten zu können. Natürlich verwendete ich auch das Försterhaus
in Elm novellistisch; jedoch ohne viel Freude an der Leistung zu erleben.
Sie schien sich auf keine Weise von meinem Schreibepult trennen zu können;
mit überraschender Schnelligkeit langte sie von jedem Ausflug in die Welt
wieder zu Hause an. Kaum daß ich sie glücklich wie aus der Seele so vom
Halse losgeworden zu sein glaubte, war sie in ihrer ganzen tauigen,
waldduftigen Frische wieder da. Ja, die waldfrischesten, tauduftigsten
Redaktoren und Redaktionen schickten sie mir umgehend wieder zu. Eine ganze
Literatur von Begleitschreiben sammelte sich um das unglückselige Kunstwerk
an, bis ich zuletzt wütend den Deckel des Pultes über ihm zuschlug, den
Kasten verschloß und den Schlüssel verlor. Nachher hatte ich Ruhe. --
Ich hatte Ruhe durch den Winter, und im nächsten Frühjahre stattete ich dem
Förster Tofote, dem Herrn Kunemund und der Gertrud einen zweiten Besuch ab;
jedoch diesmal allein. Das war an einem einundzwanzigsten Mai, und seit
diesem Tage verging selten ein Jahr, in welchem ich nicht mehreremale den
Besuch wiederholte. Was aber diese vorliegende Schrift anbetrifft, so wurde
dieselbe wenigstens im Anfange einzig und allein nur deshalb unternommen
und abgefaßt, um von dem Besuche zu handeln, den _mir_ der Meister Kunemund
abstattete. Daß ich aber am Schlusse heirate, beweist wieder einmal, daß
man niemals weiß, wie's endet, wenn man in irgendeiner Weise anfing. --
Ich saß, beide Ellenbogen auf die solide aus Eichenholz herausgearbeitete
Klappe gestützt, unter welcher ich alle meine besten lyrischen, epischen
und dramatischen Gefühle und Empfindungen unter Schloß und Riegel zu halten
pflege. Gähnend, aller Langweiligkeit des Daseins voll, saß ich, als es an
meiner Tür pochte und blöde sich hereinschob ins Zimmer, nachdem ich
mürrisch, ohne mich umzuwenden, die Störung aufgefordert hatte,
heranzukommen. Offen gestanden traute ich meinen Augen dann gar nicht, und
rückte den Stuhl mit solchem Nachdruck herum und dem Besucher entgegen, daß
das Möbel darüber durchaus aus dem Leime ging.
»Ja, ich bin es; nehmen Sie es nur nicht zu sehr übel!« sagte der Meister
Autor, als ich ihn an beiden Seiten gepackt hielt und die Trümmer des
Sitzgerätes mit einem Fußtritt hinterwärts aus dem Wege stieß.
»_Das_ war es, was anklopfte?... Gütiger Himmel, willkommen, Herr Kunemund!
O Meister, Meister, welches Vergnügen!... Gottlob, daß Sie selber keine
Ahnung davon haben, welches Behagen Sie unsereinem geben und welche Ehre
Sie uns durch einen solchen Besuch antun!«
»Lieber Herr --«
»Liebster, bester Freund, seien Sie herzlichst gegrüßt! Was Sie auch
herführen mag, mir bringen Sie alles mit, was ich eben ganz notwendig
brauchte.«
»Lieber Herr --«
»Was macht der Alte? was macht die Alte? was treibt das Kind -- das
Fräulein, das Waldfräulein? Wahrhaftig, ich könnte noch nach hundert guten
Bekannten fragen und fragte den Kreis nimmer aus. Bis auf die Fliegen an
der Wand ist mir das Haus im Elm ins Herz gewachsen.«
Wie das fromme Kind aus Kneitlingen in seinen fröhlichsten Momenten, tanzte
ich um den alten Mann herum und merkte erst lange nachdem ich ihn durch den
überwältigenden Wortschwall und Ausbruch meiner Gefühle betäubt hatte, daß
ich ihn betäubt habe. Da mäßigte ich mich denn, nahm ihm den Hut aus den
Händen, drückte ihn auf den bequemsten Stuhl nieder, strich sämtliche
Papiere vom Tische vor ihm und riß den Klingelzug ab, im hellen Eifer, ihm
ein Frühstück zu schaffen. Er aber lächelte verlegen ob all der Aufregung
und all des Umstandes -- er verlegen!... er, der Meister Autor Kunemund!
Ach, er hatte keine Ahnung davon, wie sehr ich mich schämte, _ihn_ in
Verlegenheit setzen zu können, und wie ich grade deshalb in fieberhafter
Hast mich bestrebte, ihn auf den richtigen Fuß und Schick zu bringen. Aber
ich sollte sogleich noch mehr Grund finden, mich in meinem Sein und
Für-mich-sein beunruhigt und ungemütlich zu finden -- kurz mich zu schämen;
denn es stellte sich bald heraus, daß der Herr Autor Kunemund mir trotz der
jetzt ziemlich langen Bekanntschaft noch lange nicht recht trauete. Er
brachte mir nämlich einen Brief mit, und zwar einen Empfehlungsbrief vom
Pastor zu Ampleben (Amt Lehen sagt das Volksbuch), dessen geistlicher und
leiblicher Vorfahr vor mehr als fünfhundertneunzig Jahren die
welthistorische Ehre gehabt hatte, oben beregtes frommes Kind Till
Eulenspiegel, Sohn von Klaus desselbigen Namens und dessen ehelich
getrauetem Weibe, Anna, geborener Weibikin mit dem Sakrament der heiligen
Taufe zu versehen. Da kam es heraus, daß der Meister Kunemund, trotzdem er
um Rat zu mir kam, nicht das geringste Vertrauen zu mir hatte; sondern daß
er mich leider ganz ruhig für einen Menschen hielt, wie ein Stück von den
vielen Dutzenden, deren Bekanntschaft er in seinem Leben gemacht hatte.
Ich nahm den Brief des Pastors, wie er mir gegeben wurde, und ich las ihn
auch. Ich las ihn, doch ich behielt während des Lesens meinen Besucher im
Auge; ich sah verstohlen über den Rand des Schreibens nach ihm hinüber. Der
Pastor wußte im Grunde nichts Übles und Nachteiliges über den Herrn
Kunemund mitzuteilen, und so frühstückten wir denn vor allen Dingen
wirklich miteinander, und während des Frühstücks suchte _ich_ ihn
auszuholen, und unterließ und vollführte in Wort und Tat nichts, was mir
meinerseits ihm gegenüber zur Empfehlung dienlich sein konnte.
Ich hatte hart zu kämpfen. Wie alle seinesgleichen wurde er durch eine für
den die Welt bedeutenden Teil der Menschheit sehr lächerliche Schämigkeit
behindert, sein Inneres einem doch verhältnismäßig fremden Menschen
aufzuschließen und sich in seinen Gedanken, Überlegungen, Wünschen und
Hoffnungen so nackt und bloß hinzulegen. Er hatte noch nie etwas drucken
lassen; er war sehr blöde und die beste Beute für jeden, der in dem
gewöhnlichen Sinne ein Interesse an ihm nahm und ihn gebrauchen konnte. Als
ich endlich heraus hatte, was ihn in die Stadt führte, und was er überhaupt
bei mir wollte, und wie er das, was er wünschte und zu tun hatte, ansah,
und zwar von den verschiedensten Seiten, und wie seine Hausgenossen das
Ding betrachteten, und zwar ebenfalls von mehreren Seiten: da hatte ich
eine Schwergeburtshülfe an ihm vollendet, deren ich mich wohl rühmen
durfte.
Viertes Kapitel.
Ich habe drucken lassen; bin auch sonst gar nicht blöde, halte es aber doch
nicht für paßlich, das Publikum noch einmal an den Mühen der Entbindung von
Wort zu Wort, Seufzer zu Seufzer, Ächzen zu Ächzen, teilnehmen zu lassen.
Ich werde den Meister Autor seine Geschichte und vor allen Dingen seine
Vorgeschichte, wenn auch nicht ohne Farbe und Rundung, so doch bündig und
ohne meine hundert notwendigen Zwischenfragen, Ermutigungen, Anfeuerungen
und Nötigungen vortragen lassen. Wie mehrere andere Leute lasse ich sonst
nicht gern jemand das Wort. Ich behalte es lieber selber und bitte, mir die
heutige Selbstentäußerung für eine künftige Gelegenheit gut zu rechnen. Es
folgt also an dieser Stelle
Das,
was der Meister Autor Kunemund
mir zu sagen hatte.
»Sehen Sie, Herr, da Sie es nicht übelgenommen haben, daß ich Ihnen hier
heute so auf den Hals gefallen bin, so will ich denn auch weit genug
ausholen, um den Keil in den Stamm zu treiben, nämlich ganz von vorn, oder
von hinten, wie Sie es nehmen wollen. Nämlich das ist nicht so, daß man
einfach denkt, es verstehe sich von selber, daß man sich in der Welt finde,
mit seinen Augen sehe, mit seinen Ohren höre und seine Kinnbacken und Zähne
gebrauche, wenn man etwas dazwischen zu nehmen habe. Herum mit dem Karren
-- ganz im Gegenteil! es versteht sich dieses gar nicht von selber, und man
braucht nur anzufangen, darüber nachzudenken, um bis an seinen Tod kein
Ende an der Kuriosität zu finden; grade wie unsere Alte daheim, wenn sie
angefangen hat, eine Geschichte zu erzählen. Was den Arend anbetrifft, so
sitzt der noch in der ersten Art und kümmert sich um nichts, und sein
Mädchen, meine Gertrud, sitzt drin bei ihm. Ja die erst recht denkt, daß
alles, was ihr passiert, sich von selber verstehe -- selbst das, was ihr
jetzt passiert ist. Und hören Sie, lieber Herr von Schmidt, was mich
anbetrifft, so hab' ich sie beide bei ihrem Glauben belassen; denn
behaglicher ist's, und wer's kann, der soll's ja festhalten. Das Grübeln
verdirbt einem nur die guten Stunden und die schlimmen macht's wahrhaftig
nicht leichter. Ja um noch ein Wort von den bösen Stunden zu reden, so
macht sich leider Gottes da das Sinnieren schon ganz, ohne daß man dazu
hilft, und wer dann seine Gedanken außer sich richten kann, und wär's nur
auf seine vier Wände, seine Nachbarn oder sein Hausvieh, der ist wohl
daran. Herr, ist's nicht grade, als ob ich hier sitze und die Alte reden
höre?! aber drin und dran bin ich, und eine Hülfe für Sie, liebster Herr,
ist nicht mehr; also nur lustig zu! Der Arend Tofote und ich, wir kommen
alle beide schon weit her aus der Zeit. Als wir junge Menschen waren, da
wußten Ihre lieben Eltern von Ihnen noch lange nicht und
wahrscheinlicherweise auch von sich selber gegenseitig blutwenig. Manchmal
denk ich mir so, die Alten haben euch -- dich und deinen Bruder und den
Tofote beim Pflügen in der Scholle aufgeworfen wie die Engerlinge; doch das
ist einerlei; es ist nur ein Gefühl. Kurz, wir wuchsen auf im Dorfe -- ich
und der Arend und als der dritte mein kleiner Bruder, nämlich der, um
dessentwillen ich heute hier in der Stadt bin. In den Pulverqualm der
Befreiungskriege rochen wir grade noch hinein; zu Waterloo kamen wir noch
grade recht, und dafür durften wir dann auch an dem übrigen Vergnügen nach
Herzenslust teilnehmen: nach Paris sind wir gekommen, das heißt bis in den
Schloßhof von Saint Cloud kamen wir, den Engländern am Schwanze hängend. An
den Schloßhof von Saint Cloud will ich mein Lebtage gedenken -- o tausend
Donnerwetter, die ganze Lust an dem Spaß von damals läuft mir in diesem
lächerlichen Schloßhofe von Saint Cloud aus! Da war das rotfrackigte,
reitende Käkebein, der Herzog von Wellington -- und was tat die
Kanaille?... Sie hielt auf Anstand -- ich sage Ihnen, sie hielt auf
Anstand, Herr! An die ganze, schwitzend und blutrünstig aus der großen
Schlacht kommende Armee ließ die fischblütige Bestie Filzsocken verteilen
-- auf denen hatten wir durch das Frankreich zu marschieren, und die
unsterblichen britannischen Helden haben, wenn sie zu fest auftraten, über
mehr Stockprügel ihrer eigenen Profossen auf diesem Siegesmarsche, als über
französische Säbelhiebe und Kolbenstöße in der Battel, wie sie es nannten,
zu quittieren gehabt. Die Preußen hatten es wie immer seit drei Jahren
besser. Sie gingen für sich allein und ohne das Schuhwerk zu wechseln, und
der alte Blücher hatte es ihnen sogar noch mit neuen Nägeln versohlen
lassen. Wir aber, wir Braunschweiger, hingen den rotröckigen
Stumpfschwänzen an den Schößen, und was taten die edeln, hochherzigen
Siegesbrüder -- die Sackermenter? Sie ließen uns in den Bratenduft von
Paris hineinriechen, ließen uns abschwenken, schoben uns in den Schloßhof
von Saint Cloud und verriegelten sämtliche Tore hinter uns! Was sagen Sie
dazu? Sie lachen, aber ich sage Ihnen, uns war wahrhaftig damals nicht
lächerlich zumute. Alle Fensterscheiben, die wir abreichen konnten, haben
wir eingeworfen; aber wie bald solch ein Vergnügen zu Ende ist, können Sie
sich wohl vorstellen; und dann denken Sie sich auch einmal recht lebhaft in
unsere Stimmung während des übrigen Aufenthalts hinein und -- dann, dann
feiern Sie einmal als nachdenklicher Mensch so ein fünfzig Jahr lang jedes
Jahr den achtzehnten Juni mit Böllerabbrennen und Heldenliedern und Heil
dir im Siegerkranz! Ich möchte Sie wohl einmal dabei sehen, lieber Herr; --
aber das kann ich Ihnen im Vertrauen sagen: eine trübseligere muffigere
Heldenschar als wir, hat man noch niemals aus einem feindlichen, eroberten
Lande nach Hause geführt. Da ich wenigstens bei der großen Schlacht
gegenwärtig war, so habe ich mich auch zu den Veteranen rechnen können;
aber wie ich mich kenne, so würde ich auch in dieser Eigenschaft für die
alljährliche feierliche Begehung des Tages gedankt haben; wenn das
Vaterland seine Ehre hat, so will ich die meinige auch haben. So ist es,
weil das eine nicht ohne das andere ist. Beizugesagt ist es eigentlich aber
der Arend, den Sie aus mir reden hören, denn wenn einer ist, der sich nie
über den Schloßhof von Saint Cloud zufrieden geben kann, so ist's der Alte,
und wir wohnen unter _einem_ Dache, lieber Herr. -- Wir kamen nach Hause,
und Tofote kam in den Wald als Unterförster. Ich, der ich so eigentlich auf
den Gelehrten und das Abcbuch -- wie man es damals verstand und gelten ließ
-- studiert habe, wollte ich mich eben mit meiner Anstellung in der Tasche
davor, nämlich vor den Wald, setzen; als mir der Teufel in die Augen blies.
Es soll mir kein Mensch wehren, daß ich auch das auf den langweiligen Kerl,
den Wellington und seinen verdammten Schloßhof von Saint Cloud schiebe, daß
mich eine Entzündung befiel, die mich fünf Jahre lang in argen Schmerzen
fast blind machte, und sich beiher auch gar noch auf das Gehör setzte und
mich so dumm im Kopf machte, daß das Konsistorium seinen Brief zurücknahm
und mich benachrichtigte, es wäre ihm angenehm, wenn ich mich nach einer
andern Kondition umsehen wolle. Da saß ich denn und fraß Jammer und Elend
in mich hinein, und wäre Arend Tofote nicht gewesen, so würde ich auch bald
genug an der ungesunden Kost erstickt sein. Als ein Glück war es damals
anzusehen, daß mein kleiner Bruder um die Zeit grade ohne Abschied
durchging, nachdem er dem Vorsteher einen brennenden Schwefelfaden in seine
beste Roggendimme geschoben hatte. Der Schlingel hatte mir zu allem andern
schwer auf der Seele gelegen, das kann ich Ihnen sagen, Herr, und er hat
auch heute noch nicht gutgemacht, was er in seiner Kindheit und Jugend an
meiner Behaglichkeit gesündigt hat. Grade vor neun Jahren, ein Jahr vorher,
ehe Sie uns Ihren ersten Besuch mit dem Haufen Herrschaften abstatteten,
ist auch mein Bruder nach Hause gekommen -- ein klein, verrunzelt, gelb,
giftig und sozusagen scheusälig Männchen, was sich Mynheer van Kunemund
nannte, aber sich ebensogut Herr von Rumpelstilz hätte nennen können. Vor
einem Vierteljahr nun ist er hier in einem Garten vor der Stadt gestorben,
und einen schönen Streich hat er uns, ganz nach seiner Art, noch zu guter
Letzt gespielt. Er hat unser Trudchen Tofote zu seiner Erbin eingesetzt,
und es handelt sich da um gar nichts Geringes, und ich bin deshalb heute
hier vorhanden, aber daß er sich dabei etwas gedacht hat, das ist sicher.
Wo aber der Possen liegt, den er uns zum Schluß noch hat spielen müssen,
das haben wir noch nicht heraus; ich verhoffe es mit Gottes und Ihrer
Hülfe, Herr von Schmidt, aber noch herauszufinden; und dann -- gnade ihm
Gott, wenn wir uns noch einmal wieder treffen. Denn was er für ein Gift auf
mich und den alten Arend haben mochte: unsere Gertrud hat ihm wahrlich
nicht das Kleinste zuleide getan. Erzählen muß ich Ihnen übrigens, wie er
sich wieder bei uns in den Wald einschob. Schnurrig genug war's, und wir
haben lange an dem Spaße zu verdauen gehabt, bis wir endlich übergenug
davon hatten und die Verwunderung hinter den Spiegel steckten. -- Das Kind,
meine Gertrude, war, müssen Sie wissen, damals so acht oder neun Jahre alt,
und ihre Mutter war ungefähr drei Jahre tot. Wir hatten es so ziemlich
allein erzogen, denn die Dorfschule wollte wenig sagen, und wir glaubten,
ein Meisterstück gemacht zu haben, Tofote, ich und die Alte, und was es,
das Kleine, anbetraf, so ging es ruhig seinen Weg allein, und wir ließen es
natürlich auch frei in den Wald. Wenn wir ihm einen oder zwei von unsern
verständigsten Hunden mitgaben, so glaubten wir genug für seine Sicherheit
getan zu haben und fühlten uns ebenso sicher, als jede Herrschaft, die
ihren Bälgern eine französische Gouverneurin und einen bunten Bedienten mit
auf den Spazierweg gibt. -- Na, nun war es so ein Nachmittag im Spätherbst;
wissen Sie, so um die Zeit, wo das Laub von den Bäumen geht, ohne daß der
Wind dran stößt, und wo man an dem leisen Geknick und Geriesel im Walde
merkt, was für eine Stunde es im Jahr ist. Der Tag war nebelig oben und die
Luft unten warm. Das Kind mit den Hunden war im Holz, und der Förster
außerm Holz zu Amte von wegen der Forstwrogen des letzten Sommers. Ich
sitze vor der Tür und mache mich nützlich nach meiner Art, und da gehen
denn grade an solchen warmen grauen stillen Tagen die Gedanken des Menschen
am liebsten so weit als möglich in die weite Welt hinaus, vorzüglich, wenn
man sicher ist, daß man das Haus, nötigenfalls den warmen Ofen und vor
allen Dingen die Abendsuppe dicht hinter sich hat und alle drei mit drei
Schritten abreichen kann. Beiläufig, Herr, es ist doch ein wenig mehr als
kurios, daß der Mensch jedesmal, wenn er sich so recht behaglich und wohl
in seiner Haut fühlt, sich am ehesten hingezogen fühlt, sich an der Welt
rund um ihn her zu versündigen?! Man schüttelt sich eben immer am
behaglichsten, in der Vorstellung, daß andere Leute es nicht so gut haben,
als wir. Also auch ich in der Gemütlichkeit auf meiner Schnitzbank denke
denn auch so an das Treiben vor dem Walde, so zum Exempel in Hamburg,
London, Paris, -- den Schloßhof von Saint Cloud nicht zu vergessen. Und
richtig, vom Lande gerat ich aufs Wasser, auf Sturm, Schiffbruch und
Schiffsbrand, und von dem Schiff und Brand ganz selbstverständlich auf
meinen kleinen Bruder, und wie alles wohl sein könnte, wenn alles nicht
wäre, wie es nun grade ist. Darüber geht mir natürlich die Pfeife aus, und
ich gehe in die Küche, um mir eine glühe Kohle zu holen. In der Küche
spuckt und knistert das Feuer auf dem Herde, und am Herde spuckt, knistert,
knastert, rührt und quirlt unsere Alte. Als ich die Feuerzange fasse und
unter den Topf fahre, nimmt sie das, wie es sich von ihr gehört, krumm, ich
aber denke: Immer höflich und spaßig mit den Damen! und sage: Marie, ein
guter Durst ist was recht Schönes, aber wer die Suppe versalzt, der soll es
eigentlich nur aus Verliebtheit tun dürfen, und nicht aus Gift und Bosheit,
wie ein gewisses Frauenzimmer gestern abend! und eben fängt die Alte an,
dieses noch viel krümmer zu nehmen, als es mir plötzlich auch ohne sie mit
einem jähen Schrecken durch den Leib schneidet:
Was ist nicht richtig? Es ist was nicht richtig! wo ist das Kind? Man
sollte das Kind doch nicht mehr so allein und auf Gottes Trost hin in die
Wildnis laufen lassen!
Ich sage auch sowas oder dergleichen in meiner plötzlichen Beklemmung, und
die Alte ist blitzschnell so freundlich, daraufhin zu krächzen:
So?... Ei?... I, Kunemund! Kommt Er mir endlich so herum? O ja, daß der
Förster einmal ganz etwas Besonderes erfährt, wenn er nach Hause kommt und
nach dem Trudchen fragt, das ist schon lange das, worauf ich warte, Autor.
Und Herr Kunemund, Seiner Naseweisheit zuliebe will ich Ihm noch eine
andere Ansicht in den Handel geben, und die ist, daß Er von morgen an die
Suppe selber kocht, und mich das Kind hüten läßt. Will Er, -- will Er,
Meister Kunemund?
Himmel -- Donner -- brummte ich laut; aber ganz leise sage ich: So schlimm
wird es doch nicht gleich werden! -- aber eilfertig genug stapfe ich sofort
mit kalter Pfeife wieder vors Haus und stehe und brülle nach allen vier
Weltgegenden nach dem Kinde, und halte die Hände hinter den Ohren, ob ich
die Hunde wenigstens nicht zu vernehmen kriege. Die höre ich denn gottlob
auch, aber in sehr weiter Entfernung und, wie es scheint, gleichfalls sehr
böse. Da haben wir einmal wieder einem dummen Viehzeug zu weit über den Weg
getraut, denke ich; -- den Schnürbein wenigstens hätte ich mit mehr
gesundem Menschenverstand begabt geglaubt -- da sieht man's wieder! Und
damit laufe ich dem Gebelfer nach und habe mich lang und arg genug in das
Gestrüpp hinein zu winden, ehe ich dem Trudchen, den Biestern und aller
übrigen Absonderlichkeit auf den Hals komme. Ich komme ihnen aber auf den
Hals, und zwar zu meiner eigenen sträflichen Verwunderung. Am Hange eines
Hügelchens, mitten im Hochwald steht, mit dem Rücken an eine Buche gelehnt,
unsere Trude und schreit aus voller Kehle Zeter. Zehn Schritte aber weiter
ab unter einer andern Buche steht ein Geschöpf, was sicherlich da nicht aus
dem Boden herausgewachsen war, und schreit ebenfalls, aber aus gröberer
Kehle. Alles Hundevolk, mein Schnürbein voran, hat nämlich einen Kreis um
dieses Wunder geschlossen und ist außer sich mit Bellen, Anspringen,
Fest-auf-die-vier-Füße-stellen und Zähnfletschen. Was war's? Ein
kohlenpechschwarzer Mohr! Ja, ein kohlenpechrabenschwarzer Mohr, der auch
die Zähne fletscht und auf jedes Aufspringen Schnürbeins und der übrigen so
hoch als möglich in die Luft hoppst. Sonderbar schön steht es der Kreatur,
daß sie zu allen ihren sonstigen Annehmlichkeiten eine mehr dottergelbe als
lederfarbene Uniform oder Livree trägt, aber das allersonderbarste ist, daß
sie mich in ihrer Not und Angst ganz regelrecht auf deutsch anschreit, und
zwar rein bremerisch:
Rufen Sie doch die Höllenhunde ab! Tausend Donnerwetter, haben Sie die
Güte!
Ich tue das, indem ich zugleich Trudchen begütige; und knurrend gehorcht
endlich das Viehzeug.
Habe ich vielleicht jetzt schon das Vergnügen, Mynheer Kunemund vor mir zu
sehen? fragt der Schwarze höflich mit dem Hute in der Hand.
Der bin ich freilich, sage ich, aus einem Erstaunen ins andere fallend, und
hebe vor allen Dingen meine Trude, die mir angstvoll die Arme um den Hals
schlägt, auf den Arm. Aber Sie -- Sie -- Herr -- lieber Mann -- wie kommen
Sie -- ja was haben Sie -- Sie schwarzer Mensch -- aber ist denn das die
Möglichkeit?
Es ist die Möglichkeit, Mynheer Kunemund, sagt das Ding womöglich noch
höflicher. Und wenn Mynheer Kunemund morgen zu Hause zu finden wäre, so
würde Mynheer Kunemund sehr gern eine Tasse Tee bei Mynheer trinken.
Halten Sie mal! sag' ich, und setze das Kind von neuem auf den Boden, um
mir besser mit beiden Händen an den Kopf greifen zu können.«
Fünftes Kapitel.
Der Meister Autor machte an dieser Stelle keine Pause; aber wir sind leider
gezwungen, unsererseits eine eintreten zu lassen, um eine persönliche
Bemerkung, unsern Lesern gegenüber, zu machen.
Man ist nämlich der Meinung, daß alles, was schon sehr häufig dagewesen
ist, endlich sehr langweilig wird. Das ist eine landläufige Ansicht und
Überlegung; aber trotz alledem nicht immer wahr! Hier hatten wir den
reichen Onkel aus Surinam einmal wieder, und zwar so frisch und
unverbraucht, als ob er zum erstenmale aus den Tropenländern zurückkomme,
um die arme Vetterschaft in Europa glücklich zu machen.
»Alter Freund,« sprach ich zu dem Meister Autor Kunemund, »daß Sie an
dieser Stelle Ihres Berichtes _neu_ wären, kann ich zwar nicht behaupten;
aber etwas was mir hier interessanter und willkommener sein könnte, kenne
ich wahrhaftig nicht. Also gratuliere ich bestens!«
»Ob ich mir an dem Tage gerade Glück wünschte, weiß ich heute nicht mehr,
Herr von Schmidt,« fuhr der Meister fort. »Aber das weiß ich noch, daß mir
mancherlei durch Kopf und Seele ging, als der Schwarze jetzt aus seiner
Reisetasche einen Brief vorholte, und ich schon in der Aufschrift richtig
meinen kleinen Bruder herausfand. Er meldete sich in Fleisch und Blut auf
den morgenden Tag bei uns zu Gaste im Walde an, und hatte seinen Mohren nur
vorausgeschickt, um aller seiner gewohnten Bequemlichkeit bei uns sicher zu
sein -- der Hansnarr!
Ich las den Brief, und dann sah ich mir den Mohren von neuem an, und da das
Tier mich nicht fraß, so wurde es nun auch allmählich dem Trudchen und den
Hunden klar, daß es sie nicht fressen wolle. Die Hunde fingen zuerst an,
das ausländische Gewächs zu beschnüffeln, und dann fing die Trude an zu
lachen und in die Hände zu klatschen.
In dem Briefe stand nichts, und so sage ich denn:
Na, so wird es denn wohl das beste sein, daß wir vorerst allesamt nach
Hause marschieren, um die Alte und nachher den Alten auf das Mirakel und
die Ehre vorzubereiten. Auf die Alte freue ich mich, das kann ich wohl
sagen.
Ich freute mich wirklich auf die Alte, und die Folge erwies, daß ich Grund
dazu hatte. Einen guten Spaß muß der Mensch nicht beiseite schieben,
vorzüglich wenn er so in der Eremiterei wohnt, wie wir alle in unserm
Försterhause. Auf dem Wege nach Hause aber fragte ich vor allen Dingen
meinen Mohr:
Aber nun sagen Sie mir doch auch: wie heißen Sie? wo kommen Sie her? und
dann die Hauptfrage: Redet man bei Ihnen zu Hause denn auch so ein
verständliches Deutsch?
Nun, natürlich! Weshalb sollte man in Bremen, im Schüsselkorb nicht ein
gutes Deutsch sprechen? Da bemühen Sie sich doch nur in Thielebeules
Keller, um zu hören, Herr Kunemund. Ich bin aus dem Schüsselkorb; aber auf
ein bißchen Spanisch, Englisch oder Malaiisch -- das Holländische ganz
ungerechnet, soll's mir auch nicht ankommen. Ich hab' auf mehr als einem
Schiff, und unter mehr als einer Flagge als Koch oder Steward die Welt
befahren. Mein eigenster Beruf ist aber der wilde Meß- und
Jahrmarktsindianer.