Flodoard. (hält schweigend die Hand hin)

Gritti. Hier empfangt meine Herzogliche Rechte.

Flodoard ging in Gedanken verloren durch das Zimmer. Im Thurme der St.

Markuskirche schlug es fünf Uhr.

»Der Abend übereilt uns!« tief _Flodoard_ »wohlan so sei's; in _vier und

zwanzig Stunden_ überliefr' ich euch den fürchterlichen Banditen

Abaellino.«

Gritti. (betroffen) Junger Mensch, versprecht weniger und leistet mehr.

Flodoard. (ernst und fest) Es gehe wie es gehe, ich halte entweder mein

Wort, oder trete nimmermehr wieder über die Schwelle eures Pallastes.

Ich habe Spuren und sichre Merkmahle von dem Bösewicht -- entweder spiel

ich morgen um diese Zeit ein Lustspiel, oder es werde in Gottesnamen ein

Trauerspiel!

Gritti. Uebereilung ist gefährlich.

Flodoard. (mit Stolz) Ueber die Jahre der Uebereilung denk ich in meinem

Leben hinweggesprungen zu sein. --

Rosamunde. (seine Hand fassend) Flodoard, Flodoard besinnet euch. Mein

Oheim liebt euch, -- nehmet euch vor Abaellinos Dolch in Acht!

Flodoard. Eben deswegen muß alles in vier und zwanzig Stunden, oder nie

gethan werden. Wohlan, gnädigster Herr, ich will beweisen, daß die Liebe

alles wagen kann -- --

Gritti. _Wagen_ freilich, aber ob _erringen_?

Flodoard. (dem man eine wachsende Verlegenheit ansieht) Macht mich nicht

kleinmüthig, gnädigster Herr, seht, ich will euch bessern Muth geben.

Habet die Gnade morgen Nachmittag in diesem Zimmer große Gesellschaft

zusammenzubitten, Damen und Herrn, denn gewinn' ich morgen den Sieg, so

erleb ich ein großes Fest. Ladet vorzüglich die Beisizzer des

ehrwürdigen Gerichts der zehn Männer ein, damit sie doch den Abaellino

von Angesicht zu Angesicht kennen lernen, mit dem sie so lange vergebens

im Kriege lebten.

Gritti. (sieht ihn lange bedenklich an, endlich:) Sie sollen erscheinen.

Flodoard. Und ihr habt ja wohl, wenn ich nicht irre, einige neue Freunde

an dem Kardinal Grimaldi, dem Nobile Kontarino, Memmo, Falieri und

Parozzi erhalten. Sie sind auch meine Freunde vor kurzer Zeit geworden;

ich wünschte sie wären morgen gegenwärtig.

Gritti. Sie sollen gegenwärtig sein.

Flodoard. Aber noch eins. Sagt niemanden früher die Ursach der

Zusammenkunft, ehe sie nicht alle angekommen sind. Dann stellt rings um

eueren Pallast Wache mit geladnen Gewehren und selbst vor den Thüren

dieses Zimmers, mit dem strengen Befehl, jeden herein, niemanden, bei

Todesstrafe, heraus zu lassen. Denn vor Abaellino ist niemand sicher.

Gritti. Es wird geschehn.

Flodoard. Morgen mit dem Glokkenschlage fünf, oder nie, sehn wir uns

wieder!

Flodoard empfahl sich schnell. _Rosamunde_ bebte am Arme des Herzogs und

_Gritti_ schüttelte den Kopf.

Drittes Kapitel.

Die nächtliche Verschwörung.

»Juchheisa!« rief in der Mitternachtsstunde _Parozzi_ im Zimmer des

Kardinals _Grimaldi_, wo das ganze höllische Complot wieder beisammen

war: die Sachen gehn treflich. Flodoard ist heut angekommen und

Abaellino schon richtig bezahlt!

Grimaldi. Der Flodoard ist ein Schlaukopf, ich wünschte lieber, er

bliebe am Leben und schlüge sich zu unsrer Parthei. Ich sage euch,

Flodoard ist ein Schlaukopf!

Parozzi. Wie die Vagabonden immer sind.

Memmo. Und stolz ist er, stolz, als wär er Venedigs Herrgott.

Falieri. Rosamunde, wie ich erfahren habe, soll ihm nicht unhold sein.

Parozzi. O, Geduld, Abaellino bricht ihm den Hals, dann kann er mit dem

Teufel und seiner Grosmutter liebeln.

Kontarino. Uebrigens hab ich troz aller Kundschaft seinetwegen in

Florenz wenig erfahren. Es sollen einmahl, schreibt man mir, es sollen

einmahl Flodoardo's in Florenz existirt, aber sich längst von da hinweg

begeben haben, man wisse nicht, wohin? und zu dieser Familie Flodoardo

müsse denn wohl unser Vagabond gehören.

Grimaldi. Der Doge hat euch also sämmtlich auf morgen Nachmittag zu sich

eingeladen?

Alle. Wahrhaftig! wahrhaftig!

Grimaldi. (mit Selbstgefühl) Das freut mich, das freut mich. Ich sehe

mit Vergnügen, daß meine Empfehlung bei ihm so vieles gewirkt hat. --

Und morgen Abend ist bei ihm Ball mit Masken, wie mir sein Kammerdiener

sagte?

Falieri. Freilich!

Memmo. Wenn er nur nicht um unsre Verschwörung weis -- ich wäre des

Todes!

Grimaldi. Er kann unmöglich davon wissen.

Memmo. Ei, zum Teufel, jeder Beutelschneider, Pflastertreter,

Abentheurer, Bettler und wie das Lumpengesindel heissen mag, welches

unsre Armee ausmacht, weis davon und er sollte noch nichts gewittert

haben?

Kontarino. Du Narr, da gehts ihm, wie betrognen Ehemännern; jedermann

weis, daß sie Hörner tragen, nur sie selber haben keine Notiz davon.

Aber, wahrhaftig, wir müssen nun den Anfang machen, unsre Projekte zu

realisiren, oder wir werden endlich verrathen. --

Falieri. Du hast recht, Bruder.

Parozzi. Die Misvergnügten, die sich auf unsre Seite geschlagen haben,

sinds zufrieden, wenn der Betteltanz in dieser Nacht vor sich gienge.

Kontarino. Ich nehme morgen den Dogen auf mich, und steche ihn nieder.

Dann ergeh es, wie es wolle. Entweder wir sind dann aus allen

Bedrängnissen durch allgemeinen Aufruhr der Republik gerettet, oder wir

seegeln mit vollem Winde aus dieser vermaledeiten Zeitlichkeit ab.

Parozzi. Wir versehn uns alle mit Gewehr.

Grimaldi. Das Kollegium der Zehnmänner ist sammt und sonders morgen

gegenwärtig -- --

Falieri. Alle müssen sie niedergemacht werden!

Memmo. Wenns nur zulezt nicht schreklich für uns selber abläuft.

Kontarino. Ei, du verdammter feiger Knabe, bleib zu Hause hinterm Ofen;

aber sind wir durchgedrungen, so komm nicht und fodre deine Geldsummen

wieder.

Memmo. Bei meiner Seel, Kontarino, an Muth fehlts mir nicht; willst du,

ich messe mich mit dir in diesem Augenblik mit der Klinge. Aber dein

unseeliger Hitzkopf fehlt mir.

Grimaldi. Und wenn alles verdorben ist, so macht es die Kirche wieder

gut und das große Wort Sr. Heiligkeit.

Memmo. Aber wo sind denn die Briefe vom Pabst?

Grimaldi. (wirft ihm zwei Papiere vor) Lies, ungläubiger Thomas!

Memmo. Donner und Wetter, wir treiben also eine privilegirte Schurkerei!

--

Grimaldi. Der Pabst muß uns schüzzen, ich sage, er _muß_, denn wir

vertheidigen als gute Christen die Gerechtsame seines Stuhls in der

Republik Venedig -- schon das kann euch eine Quelle des Muths werden,

wenn in der lezten Noth alles scheitern sollte. Keine Hand darf euch

verlezzen!

Kontarino. Höre, Parozzi, es bleibt nach unsrer Abrede dabei, du

bestellst unsre Bundesgenossen mit Waffen und Wehr in deine Behausung.

Um Mitternacht verläßt du den Ball, und bemächtigst dich des Arsenals.

Der Hauptmann Sebilli ist unser, und hält dort die Wache.

Grimaldi. Der Schiffkapitain Adormo wird auf das Signal der Sturmglokke

zu uns stossen mit seinen Leuten.

Falieri. Es kann gar nicht fehlen!

Kontarino. Macht nur die Verwirrung so gros, als möglich, Freunde und

Feinde müssen durcheinander wüthen, keiner muß wissen woher der Aufruhr,

warum, und wohin! --

Parozzi. Bei meiner Seele, ich danke Gott, daß es endlich so weit

gediehen ist.

Falieri. Hast du die weißen Armbinden unter unsre Leute ausgetheilt,

Parozzi?

Parozzi. Schon vorgestern.

Kontarino. Halloh, Brüder, die Kelche gefüllt! so wie jezt sizzen wir

nicht sobald wieder beisammen, als nach vollbrachter Arbeit! --

Memmo. Laßt uns noch einmahl alles weislich überlegen!

Kontarino. Pfui! Ueberlegung ist das Kind der kalten Vernunft, und diese

gilt in der Rebellion nicht. Hier spricht die Verzweiflung. Nur erst das

Werk begonnen, das Staatssystem Venedigs mit Heldenmuth über einander

geworfen, bis keiner mehr weis, wer Herr, und wer Unterthan sei, dann

kann die Ueberlegung kommen, um zu rathen, wie weiter! -- lustig,

eingeschenkt! -- Der Doge bietet uns durch seinen Ball die Hand -- ha,

ha, ha!

Parozzi. Den Abaellino müssen wir nothwendig vorher sprechen.

Kontarino. (schwänkt den Weinbecher) Es lebe Abaellino!

Alle. (trinkend) Abaellino! Abaellino!

Grimaldi. Und glüklichen Ausgang der künftigen Nacht!

Memmo. Ja, wohl! ja wohl!

Alle. Ein glüklicher Ausgang!

Parozzi. Wo sizzen wie übermorgen Nacht?

Viertes Kapitel.

Der wichtige Tag.

Am folgenden Morgen war alles so ruhig in Venedig, als wäre nichts

geschehn, und doch war es gewiß, daß dieser Tag einer der merkwürdigsten

in diesem Staate werden mußte.

Im Herzoglichen Pallaste war alles schon sehr früh erwacht. Der

bekümmerte _Gritti_ verlies ungewöhnlich zeitig das Nachtlager, auf

welchem er sich dießmal schlaflos und sorgenvoll hin und her gewälzt

hatte. _Rosamunde_ hatte vom schönen Flodoard geträumt und wachend sezte

sie ihre Träumereien fort. _Iduella_ hatte unruhig geschlafen; sie

liebte Rosamunden zu sehr und wußte schon welch ein intressanter Tag für

das arme liebende Geschöpf der heutige werden würde. Aber Rosamunde war

ungemein heiter; sie scherzte mit Iduellen, sezte sich zu ihrer Harfe

und sang sich das Lied ihres Lieblingsdichters:

Liebe, Liebe, Kind des Himmels,

Aller Welten Königin,

Durch die Graun des Weltgetümmels

Warst du meine Führerin.

Früh hat mich dein Arm umschlungen,

Früh dein holder Geist bezwungen,

Früh dein Rosenmund geküßt.

In dem Morgentraum des Lebens

Sog des Lebens erste Lust

Stiller Wonne, frohen Lebens

Lieb o Lieb an deiner Brust!

Ach, von deinem Arm geschaukelt,

Deinen Tändelein umgaukelt

Froh zu früh der Morgentraum!

Deinen Namen, deinen Stämpel

Trägt die Schöpfung immerdar;

Sieh, der Himmel ist dein Tempel

und die Erde dein Altar --

Ja, so lange meine Augen

Noch den Reiz der Schöpfung saugen,

Bet' ich dich, o Liebe, an!

Aber _Rosamundens_ selige Laune verschwand, als der Mittag heranrükte

und vorüberzog. Aengstlich wankte sie hier und dahin; ihr Herz klopfte

ungestüm, in Erwartung fürchterlicher Auftritte.

Schon versammelten sich die Vornehmen Venedigs im Pallast ihres Oheims,

schon war der schrekliche Nachmittag da, und der Doge sandte Iduellen an

sie ab, in den großen Saal sie zu führen, wo die Herrn und Damen ihrer

harrten.

»Gott! o mein Gott!« rief sie leise: »laß alles wohlgelingen.«

Blas wie eine Leiche trat sie in das Zimmer, in welchem sie gestern

ihren Flodoard Liebe bekannt hatte und Flodoard -- war noch nicht da.

Die Gesellschaft war glänzend und heiter gestimmt; man sprach von

Stadtnovellen, europäischen Staatsangelegenheiten. _Kontarino_ und

_Grimaldi_ unterhielten sich mit dem Dogen; _Memmo_, _Falieri_ und

_Parozzi_ standen in einem Winkel schweigend beisammen.

Draussen wars trübe und dunkel; es stürmte der Wind in den Wellen des

Kanals und den Wetterfahnen der Palläste am Markusplaz; ein Regenschauer

folgte dem andern.

Es schlug vier Uhr. Rosamunde ward blässer, als vorher. _Gritti_ befahl

dem Kammerdiener etwas leise ins Ohr. Man hörte bald darauf Männer von

aussen wanken, und Waffen klirren an den Thüren des Saals.

Eine plözliche Stille herrschte durch die Gesellschaft. Die jungen

Nobili stokten in ihren Liebeserklärungen vor den Damen; die Damen

vergaßen ihre Modeneuigkeiten; die Staatsmänner starrten sich an und

brachen ihre politischen Discourse ab.

Der Doge trat langsam in die Mitte der Versammlung. Jedes Auge wandte

sich zu ihm. Hoch schlug den Verschwornen das Herz.

»Wundert euch nicht, meine Lieben, über jene seltsamen Anstalten!«

redete _Andreas Gritti_, Venedigs Herzog, sie an: »Es hat nichts zu

bedeuten, was dem Vergnügen dieser Gesellschaft gefährlich sein könnte.

Euch allen wird der Bandit _Abaellino_ bekannt sein, der Mörder des

braven Prokurator Sylvio und meiner getreuen Räthe Kanari und Dandoli.

Dieser, vor welchem jeder rechtschaffne Republikaner zittern muß, dem

nichts heilig und ehrwürdig heißt, der allen Troz bietet, die ihm

drohen, -- dieser höllische Auswurf wird vielleicht binnen einer Stunde

in diesem Saale vor unsern Augen erscheinen!«

Alle. (erstaunt) Abaellino? Abaellino?

Grimaldi. Freiwillig?

Gritti. Nein, freiwillig in der That nicht. Aber Flodoard von Florenz

hat gelobt unsrer Republik diesen wichtigen Dienst mit Gefahr seines

Lebens zu leisten, es koste was es wolle, den Abaellino zu fangen, und

hieher zu bringen.

Einer der Beisizzer des Zehengerichts. Viel, unendlich viel gelobt!

Ein andrer. Ich zweifle an der Vollführung des Gelübdes!

Ein dritter. Aber bei Gott, Flodoard machte sich uns die Republik zu

großen Schuldnern.

Ein Vierter. Wahrhaftig, wie soll der Staat dem Flodoard vergelten.

Gritti. Die Vergeltung übernehm ich allein. Flodoard hat um die Hand

meiner Nichte angehalten -- ich gebe sie ihm.

Alle. (sehn sich schweigend unter einander an, theils mit Blikken der

höchsten Zufriedenheit, theils des Erstaunens)

Falieri. (leise) Parozzi, was meinest du?

Memmo. Ich habe das kalte Fieber, so wahr Gott lebt!

Abaellino der große Bandit · 第 9 / 16 题