Rosamunde. (ihm die Hand reichend) Nun, Signor, alles vergessen?
Flodoard. Nein, nein! das kann ich nicht. Ich kann nichts vergessen, was
ich mit euch gelebt habe. Ich will nichts vergessen, die Auftritte sind
mir zu heilig. -- Aber verzeihen? (indem er ihre Hand an seinen Mund
drükt) Ach, wollte Gott, ihr hättet mich recht sehr beleidigt, theure
Sennora, recht sehr beleidigt, dann könnt ich euch auch sehr vieles
verzeihn -- aber jezt kann ich nichts vergeben. (lange Pause)
Rosamunde. Ihr habt wohl viel umhergeschwärmt seit den lezten Wochen.
Flodoard. Viel.
Rosamunde. Und hattet vieles Vergnügen?
Flodoard. (schnell) Warum nicht? man sprach ja allenthalben mit mir von
Rosamunden.
Rosamunde. (mit einem strafenden Blik und sanften Ton) Flodoard?
Flodoard. Und wißt ihr, welchen Plan ich nun habe?
Rosamunde. Wieder fortzureisen?
Flodoard. Getroffen, und zwar um nie wieder nach Venedig heimzukehren.
Rosamunde. (überrascht) Nicht doch, Flodoard! Flodoard, das solltet ihr
können? (vor ihren Worten erröthend. ) Ihr -- ihr scherzt!
Flodoard. So wahr Gott lebt, ich habe nie ernster gesprochen!
Rosamunde. (mit einem intressanten Blik) Nein, Flodoard, ich glaub es
euch in Ewigkeit nicht.
Flodoard. Hab ich schon allen Glauben bei euch verloren?
Rosamunde. Und wohin wollt ihr, wenn ich darum fragen darf?
Flodoard. Nach Maltha, und mit den Malthesern wider die Korsaren. Der
Himmel wirds doch geben, daß ich mich zum Kommandeur eines Schiffs
aufschwinge -- das Schiff führe dann den Namen _Rosamunde_, und das
Schlachtgeschrei sei _Rosamunde_! Ich hin dann gewiß unüberwindlich! --
Rosamunde. Ihr spottet bitter, aber bei Gott, das hat Rosamunde um euch
nicht verdient.
Flodoard. Spott? -- ich euch verspotten? -- wahrhaftig ich spotte nicht,
die Zeitungen mögen über Jahr und Tag mich und diese Stunde
rechtfertigen.
Rosamunde. (ihn anstarrend) Ihr treibt es weit mit euern Wiz.
Flodoard. (lächelnd) Nun ja, und wem verdank' ich diesen Wiz? kurz und
gut, Sennora, ich verlasse Venedig, um euch keine unangenehme
Augenblikke zu schaffen. Vielleicht sehn mich die türkischen Freibeuter
lieber.
Rosamunde. Man sollte auf euch Jagd machen; ihr freibeutert nur zu sehr
und selbst auf festem Lande.
Flodoard. Gott weis es, und bin ein sehr unglüklicher Freibeuter auf
festem Lande, denn ich gerathe da in Gefangenschaft, wo ich zu siegen
träumte.
Rosamunde. (ausweichend) Und ihr könntet den Dogen verlassen, der euch
so sehr schäzt?
Flodoard. Die Liebe des Dogen ist mir theuer. Aber, bei Gott, Rosamunde,
sie macht mich nicht glüklich, und wenn man mir Königreiche zu Füssen
legte, sie machten mich nicht glüklich --
Rosamunde. Bedürft ihr zu euerm Glük soviel?
Flodoard. Viel, unendlich viel! -- ich habe darum gebettelt -- (indem er
sie anstarrt und ihre Hand heftig drükt) ich habe darum gebettelt --
Rosamunde, und man hat mirs abgeschlagen.
Rosamunde. Ihr seid ein Schwärmer!
Flodoard. (sich näher an sie schließend) Rosamunde!
Rosamunde. (zitternd) Was wollt ihr?
Flodoard. (halbleise) Mein Glük!
Rosamunde. (sieht ihn ein Weilchen an, zieht ihn zu sich, stößt ihn
wieder zurük) Geht! geht! um Gotteswillen geht! --
Flodoard. (wandelt langsam und traurig mit untereinander geschlagnen
Atmen durchs Zimmer)
Rosamunde. (schwankt ihm nach, nimmt seine Hand -- sinkt an seine Brust)
Flodoard!
Zweites Kapitel.
Ein fürchterliches Versprechen.
Heil dem glüklichen _Flodoard_, er hatte überwunden! er hielt das
liebende Mädchen in seinen Armen fest, und glaubte eine Gottheit zu
umarmen. Fest schlang sich Rosamundens Hand um Flodoardens Nakken; er
war der ihrige, dem sie so manche Thräne geweint, so manchen Seufzer
geseufzt, so manchen Traum geträumt hatte.
Dicht in einander verschlungen, standen sie da, eine herrliche Gruppe
für den Pinsel einer Angelika Kaufmann -- und die Engel Gottes schwebten
unsichtbar über die Liebe dieser Heiligen.
Nur einmahl schlägt unter allen tausend Stunden des Lebens dem
Sterblichen eine _solche_ Stunde: Heil dem, der sie noch erwartet, Heil
dem, der sie noch genießet! Man sage immerhin, es ist doch nur
Gaukelspiel der entzükten Einbildungskraft, ein leicht verdunstender
Rausch der Sinnlichkeit -- o, nennt mir unterm Mond eine Seeligkeit,
welcher die Einbildungskraft ihren Zauber nicht leiht! --
Flodoard und Rosamunde vergaßen nun zum erstenmahle, daß sie Menschen
wären. Das Zimmer um ihnen her ward zum Himmel; die Erde der Altar
Gottes, ihre Seufzer, ihre Küsse wurden Lobgesänge dessen, der das
Hochgefühl der Liebe gab!
»Ich bin dir gut!« lispelte Rosamunde und gedachte nicht ihrer Iduella:
»ach, ich bin dir nur zu gut, Flodoard! --«
Der _Jüngling_ antwortete nichts. _Rosamunde_ stammelte ein leises, Ach!
und Lippe glühte an Lippe, Busen stürmte an Busen, Arme hingen gewunden
um Arme.
Und -- plözlich eröffnete sich die Seitenthür.
Der Doge _Andreas Gritti_ trat schon wieder herein. Der erwartete Fremde
war, Kränklichkeiten halber, nicht erschienen. --
_Flodoard_ und _Rosamunde_ hörten den Hereinkommenden nicht.
_Gritti_ stand bestürzt da, er sah der Scene einige Augenblikke zu,
seine Mienen verzogen sich in ein sanftes Lächeln, er drehte sich um und
ging wieder zurük.
Das Geräusch seines Kleides an der hohen Flügelthür erwekte die Trunknen
aus ihrem Wonnetraum. _Rosamunde_ riß sich mit Entsezzen los; _Flodoard_
verlor seine Geistesgegenwart aber keineswegs.
»Gnädigster Herr!« rief er dem Dogen nach -- --
Der _Herzog_ wandte sich um und _Flodoard_ lag zu seinen Füssen.
Gritti sah mit stiller Würde und mit Ernst auf den Knieenden hernieder.
»Ich mag eure Vertheidigung nicht hören!« sagte der Doge mit steigender
Stimme.
»Nein,« entgegnete _Flodoard_, mit festem Tone: »nein, gnädigster Herr,
_ich_ bedarf keiner Vertheidigung, daß ich Rosamunden liebe, wohl muß
sich _der_ vertheidigen, der sie _nicht_ liebte! Ists aber ein
Verbrechen, daß ich Rosamunden anbete, o so mag mich Gott von dieser
Sünde frei sprechen, weil er Rosamunden so schön erschuf.« --
»Ihr scheint auf eure wizzige Apologie vielen Fleiß verwandt zu haben;
aber sie verfehlt ihren Zwek,« versezte _Gritti_.
»Ich sag es noch einmahl, gnädigster Herr!« erwiederte _Flodoard_, und
stand auf: »entschuldigen will ich mich nicht. Aber ich will mehr, ich
bitte bei euch um Rosamunden.«
Gritti stierte den Kühnen mit einem fremden Blik an.
»Freilich, gnädigster Herr, freilich bin ich ein armer Edelmann, und es
scheinet Verwegenheit zu sein, wenn ein solcher um die Nichte des
Venetianischen Doge buhlt. Aber, beim Himmel, ich glaube der große
Gritti wird seine Rosamunde nicht an Männer verschenken, die nur mit
Goldstükken, Grafschaften, und Titeln prahlen, oder sich in den Glanz
ihrer Ahnen verhüllen, wenn sie nicht selber glänzen. -- Ich gesteh es
freilich, noch besizze ich keine Verdienste, die mich eurer Rosamunde
würdig machen könnten, aber ich will sie mir erwerben. -- --«
Der Doge drehte sich unwillig um. _Rosamunde_ flog herbei und schlang
ihren Arm um Grittis gebeugten Nakken. --
»Zürnet nicht!« rief sie und verbarg ihr bethräntes Antliz an dem Busen
ihres Oheims.
»Fodert!« rief _Flodoard_; »was muß ich sein, was soll ich thun, um
Rosamunden zu erhalten von euch. Fodert, es soll mir das Schwerste ein
Kinderspiel werden. Beim Himmel, ich wünschte Venedig läge unter der
gräslichsten Gefahr, oder euer Leben würde von zehntausend Dolchen
bedroht -- dann dürft ich hoffen Rosamunden zu verdienen. Ich rettete
Venedig und schlüge zehntausend Klingen zurük. --«
Gritti lächelte bitter. »Ich habe,« sagte er: »ich habe der Republik
viele Jahre gedient; ich habe Leben und Blut gewagt, ich erwartete
wenigstens zur Belohnung ein sanftes, glükseliges Alter -- aber ich habe
mich betrogen. Meine alten Freunde werden mir durch Banditen geraubt und
-- ihr, Flodoard, ihr nehmt mir nun noch diese einzige, die bisher meine
lezte Freude war. -- -- Höre, Rosamunde, liebst du den Flodoard
wirklich?«
Flodoard zitterte. _Rosamunde_ ergriff des Jünglings Hand und --
schwieg.
Gritti wandte sich aus Rosamundens Arme, und gieng langsam mit tiefem
Ernste im Zimmer auf und nieder. Rosamunde warf sich auf einen
benachbarten Sessel; und weinte. _Flodoard_ beobachtete den Dogen.
So verstrichen einige Minuten. Es herrschte im Zimmer eine feierliche
Stille; _Gritti_ schien mit einem fürchterlichen Entschlusse schwanger
zu gehn. Bekümmert erwarteten die Liebenden den Ausgang der Geschichte.
Plözlich blieb der Doge in der Mitte des Zimmers stehn. »Flodoard!«
sprach er, und Flodoard nahte sich ihm ehrerbietig: »Flodoard, ich habe
den Entschluß gefaßt: Liebt euch meine Rosamunde, wohl, so mag sie es
thun; ich will der Wahl ihren Herzens keine Schranken bauen. Aber
Rosamunde ist mir viel zu theuer, als daß ich sie dem ersten besten
überlassen könnte, der sie fodert. Der Mann, dem ich Rosamunden lasse,
muß Rosamundens werth sein; sie soll eine Belohnung seiner Verdienste
werden. Noch habt ihr euch nur geringe Verdienste um unsern Staat
erworben -- es ist jezt Gelegenheit da, euch ein sehr großes zu
verschaffen. Schafft mir den Mörder Sylvios, Kanaris und Dandoli's --
schafft mir den fürchterlichen Banditenkönig _Abaellino_ tod oder
lebendig! --«
Flodoard trat bei dieser Foderung, an deren Erfüllung sein Wohl und Weh
hieng, erblassend zurük. »Gnädigster Herr -- --« stammelte er.
»Ich weis, fuhr _Andreas Gritti_ fort: ich weis sehr gut, welch eine
Foderung ich wage, wenn ich den _Abaellino_ fodre. Lieber will ich
selber mich durch eine türkische Flotte schlagen und das Admiralschiff
aus ihrer Mitte stehlen, als diesen Abaellino fangen, der mit der Hölle
einen Bund geschlossen zu haben scheint, der allenthalben und nirgends
ist, den viele gesehn haben und den keiner kennt, der den Wiz unserer
Staatsinquisitoren, des Collegiums der zehn Männer und ihrer Spione zu
Schanden macht; vor dem jeder edle Venetianer zitiert, vor dessen Dolch
ich selber auf meinem Throne nicht sicher bin. -- Ich weis es, was ich
fodre, aber, Flodoard, ich weis auch, was ich gebe. Ihr seid verlegen?
-- Ihr schweiget? -- Flodoard, ich habe euch lange genug beobachtet, ich
habe in euch Spuren eines wahrhaft großen Geistes entdekt -- darum wag
ich die Foderung, ists einer vermögend, den Abaellino zu fassen, so
glaub ich seid ihrs. -- Nun?«
Flodoard gieng schweigend vor sich umher; ein fürchterliches Wagestük
wars, das er unternehmen sollte, wehe, wenn Abaellino sein Vorhaben
erfuhr! aber _Rosamunde_ war der _Preis_! Er warf einen Blik auf das
Mädchen, und sein Plan war entworfen, alles zu wagen.
Er gieng zum Dogen.
Gritti. (sanft) Nun, Flodoard?
Flodoard. (mit großem Nachdruk) Erhalt' ich warlich dann Rosamunden,
wann ich euch den Abaellino überliefre? --
Gritti. Nicht eher.
Rosamunde. Flodoard! Flodoard! das Spiel endet sich schreklich -- hüte
dich selber vor Abaellinos Dolch!
Flodoard. (indem er mit den Zähnen knirscht) Still! -- (gefaßt)
Gnädigster Herr, gebt mit eure Herzogliche Hand darauf.
Gritti. Ich schwör es euch, Flodoard, schafft ihr mir den schreklichen
Feind der Republik lebendig oder tod, so geb ich euch Rosamunden mit
fürstlicher Aussteuer zur Gemahlin!