Memmo. Morgen Abend! --

Drittes Kapitel.

Neuer Lärmen.

Der schöne Fremdling von Florenz war seit dem Geburtsfest der Rosamunde

von Korfu das tägliche Gespräch und der ewige Gedanke aller

Venetianerinnen geworden, die irgend nur entlegne Ansprüche auf

Schönheit und Eroberungen machen konnten. Manches Mädchen schlief jezt

unruhiger, und träumte jezt schwerer, manche vermählte Donna stellte

jezt Vergleichungen an und seufzte; manche eingezogne Spröde besuchte

jezt die vorzüglichsten Spaziergänge und Gärten Venedigs, wo Flodoard

sich etwa sehn lassen dürfte.

Allein seit der Zeit, daß eben dieser Flodoard an der Spizze der Sbirren

die Banditen in ihrem Neste überfallen und mit Lebensgefahr gefangen

genommen hatte, wurde er nun auch der Aufmerksamkeit der Männer

würdiger. Man bewunderte nicht sowohl seine Entschlossenheit, seine

Kühnheit, als vielmehr die Schlauheit, durch welche er die Wohnung der

Bravo's erspäht und die scharfsichtige weltberühmte Polizei der

Venetianer beschämt hatte.

Der Doge _Andreas Gritti_ zog ihn nun öfterer zu sich in Gesellschaft,

und fieng an, diesem wunderbaren jungen Mann mit vorzüglicher

Hochachtung zu begegnen. Er machte ihm ein königliches Geschenk für

seine That, wodurch er der Republik so nüzlich geworden war, und erhob

ihn zu einer ansehnlichen Civilcharge.

Allein bescheiden lehnte der liebenswürdige Florentiner diese

Ehrenbezeugungen von sich ab. Er bat den Dogen ihm noch ein Jahr

wenigstens zu erlauben, frei und unabhängig in Venedig leben zu dürfen;

dann wolle er selber um ein Amt anhalten. --

_Flodoard_ wohnte in dem prächtigen Pallast des alten Canari, aber lebte

hier sehr eingezogen, studierte in den Schriften der Alten und Neuern,

verschloß sich Tagelang in seinen Zimmern, und erschien selten nur auf

den gewöhnlichen Promenaden.

Aber _Canari_, der _Doge_, wie auch _Sylvio_ und _Dandoli_, Männer, die

Venedigs Ruhm für Jahrhunderte gegründet hatten und glänzend erhielten,

Männer, in deren Gesellschaft man sich aus dem Zirkel der

Alltagsmenschen gerissen fand und im Umgang mit höhern Wesen zu leben

glaubte, Männer, die den ausserordentlichen Jüngling Flodoard jezt in

ihre Mitte aufnahmen, um ihn zum großen Mann auszubilden; _Canari_,

_Gritti_, _Sylvio_ und _Dandoli_ sag ich bemerkten leicht, daß Flodoards

Heiterkeit ein verstelltes Wesen sei, daß ein geheimer Gram an seinem

Herzen nage.

Vergebens durchforschte ihn Canari, der ihn, wie seinen eignen Sohn

liebte, vergebens heiterte ihn der ehrwürdige Doge auf -- Flodoard

blieb, wie er war, schwermüthig.

Und _Rosamunde_? Rosamunde hätte kein Mädchen sein müssen, wenn sie

heiter geblieben wäre: düster und melancholisch schlich sie umher, sie

ward blas und immer blässer, der Doge, der sie zärtlich liebte, wurde

besorgt für ihre Gesundheit, -- Rosamunde wurde zulezt wirklich krank

und schwach, die venetianischen Aerzte verschwendeten hier umsonst ihre

Kunst, Rosamunde mußte das Bett hüten und fieberte.

In dieser Unruhe, worin sich der Doge und seine Lieblinge befanden,

erfuhren sie eines Morgens etwas, welches ihre Sorgen allerdings aufs

höchste treiben mußte. Denn eine solche Verwegenheit war bisher in

Venedig unerhört gewesen, als diejenige war, welche jezt begangen ward.

Die durch den Flodoard gefangenen Banditen, _Petrini_, _Struzza_,

_Thomas_ und _Baluzzo_ lebten längst in gefänglichem Verhaft, mußten ein

tägliches Verhör dulden und sahn mit jedem Tage ihrer Todesstunde

entgegen -- jezt glaubten Gritti und seine Vertrauten, es sei nichts

mehr für die öffentliche Ruhe zu fürchten und Venedig gesäubert von all

dem Gesindel, welches sich zu Werkzeugen des Lasters gebrauchen läßt --

als mit einemmahle an den vorzüglichsten Statüen, Straßenekken und

öffentlichen Gebäuden folgende Addresse angeschlagen gefunden wurde.

Venetianer!

Struzza, Thomas, Matteo, Petrini, und Baluzzo, die bravsten

Männer von der Welt, die, wenn sie an der Spizze einer Armee

gestanden hätten, Helden heißen würden und izt als Banditen

der Staatsetikette zum Opfer gebracht worden sind, existiren für

euch zwar nicht mehr, aber mit Leib und Seele noch einer,

dessen Name diesem Blatte unterschrieben steht. Lächerlich ist

mir Venedigs Polizei, lächerlich der Stolz des schlauen Flodoard,

der meine Brüder zur Schlachtbank hinschleppte. Ich lebe noch!

Wer meiner bedarf, der suche mich, er wird mich allenthalben

finden, wer mir verrätherisch nachspürt, wird mich nirgends sehn!

-- Venetianer, ihr versteht mich! Wehe dem, der mich verfolgt;

sein Leben und sein Tod ruhn in meiner Hand. -- Ich bin der

venetianische Bandit

_Abaellino_.

»Hundert Zechinen!« rief der brave Doge von Venedig: »hundert Zechinen

dem, der mir das Ungeheuer entdekt, und tausend dem, der mir es

liefert!« --

Allein umsonst flogen die Spione der Polizei umher; sie trafen keinen

_Abaellino_. Umsonst paßten jezt alle Müßiggänger, Pflastertreter,

Lungrer und Banqueroteurs auf, um tausend Zechinen zu gewinnen,

Abaellino machte ihren Wiz zu Schanden.

Aber allenthalben wollte man izt den Abaellino gesehn haben, der eine in

der Gestalt eines Greises, der andre in der eines Knaben, der dritte in

einem Weiberrok, der vierte in der Mönchskutte; es hatte ihn jeder

gesehn und keiner.

Viertes Kapitel.

Das Veilchen.

Ich erzählte den Lesern im Anfang des vorigen Kapitels, daß _Flodoard_

so traurig und Rosamunde so düster geworden wären, aber das _warum?_ hab

ich ihnen noch nicht entdekt.

_Flodoard_, der sonst so heiter und die Seele der Gesellschaften gewesen

war, fing seit einem _gewissen Tage_ an, ernster zu werden, und von eben

dem Tage an verlor auch die fröhliche Rosamunde ihren Humor.

An diesem Tage nämlich führte die Hand des launenhaften Ohngefährs, oder

die Göttin Liebe, die nun zuweilen auch ihre Grillen hat, Rosamunden in

ihren Oheimes Garten, der nur den Vertrauten des Dogen offen stand, und

in welchem er selber in stiller Einsamkeit oft am Abend eines schwülen

Tages ausruhte.

_Rosamunde_ gieng hier die breiten, sandigen Wege auf und nieder, tief

in Betrachtungen verloren. Sie rupfte die unschuldigen Blätter von den

Hekken ab, und streute sie gedankenlos vor sich hin; blieb zuweilen

plözlich stehn, gieng dann wieder einige Schritte vor, blieb wieder

stehn, sah bald den blauen Himmel, bald die Erde an: zuweilen schwoll

ihr schöner Busen stürmisch empor, zuweilen flog ein halbunterdrükter

Seufzer über ihre kleinen Lippen. --

»Aber er ist doch schön!« sprach sie leise, und starrte schmachtend vor

sich hin, als sähe ihr Auge ein Etwas, das gewöhnlichen Blikken

verschleiert ist.

»Doch _Iduella_ hat auch Recht!« fuhr sie dann wieder fort, und sah böse

aus, als wenn Iduella Unrecht gehabt hätte.

Diese _Iduella_ war ihre Gouvernantin Freundin und Vertraute, eine der

würdigsten Damen ihres Geschlechts. Rosamunde hatte nämlich ihre Eltern

früh verloren. Die Mutter starb, da Rosamunde kaum den Mutternamen

lallen konnte, und ihr Vater _Guiscardo_ von _Korfu_, Kommandeur eines

venetianischen Schiffes, war vor acht Jahren mit seinem Schiffe in einem

Seetreffen wider die Türken untergegangen, da er noch ein Mann in den

besten Jahren war. _Iduella_ wurde nun die Erzieherin und Mutter

Rosamundens, und nun Freundin und Vertraute ihrer kleinen Geheimnisse.

Indem nun Rosamunde noch mit sich selber plauderte, trat die ehrwürdige

_Iduella_ aus einem Seitengang hervor.

Rosamunde. (bestürzt) Bist du auch hier?

Iduella. (sanftlächelnd) Nun ja, du nennst mich ja gewöhnlich deinen

Schuzgeist, und Schuzgeister müssen nie von ihren Lieblingen fern sein.

Rosamunde. Höre, Iduella, ich habe deine Reden überdacht, und gefunden,

daß sie zwar richtig und sehr weise gesprochen sind, allein -- --

Iduella. Was deine Vernunft bejaht, verneint dein Herz?

Rosamunde. Gewis.

Iduella. Ich tadle dich auch gar nicht, liebes Kind, sondern ich habe

dir ja selber gestanden, daß, wär ich in deinem Alter, und ein Flodoard

erschiene, und bettelte oder bettelte nicht um meine Gunst, ich ihm

gewis nicht böse sein würde. -- Flodoard bleibt unstreitig ein

angenehmer, und, für jedes Mädchen von Geschmak, sehr gefährlicher

junger Mann. Er hat viel Einnehmendes in seiner Gestalt, viel Reiz in

seinem Umgang, viel schöne Züge in seinem Karakter -- -- aber er ist ein

armer Edelmann, dem der Doge von Venedig unmöglich seine Nichte zur

Gemahlin geben kann und wird.

Rosamunde. (lächelnd) Ei, wer spricht denn von Gemahlin werden? ich will

ihm ja nur -- -- nur gut sein.

Iduella. So? also, würdest du zufrieden sein, wenn Flodoard sich mit

einer andern Venetianerin -- -- --

Rosamunde. (schnell) O das thut er gewiß nicht.

Iduella. (lächelnd) Liebes Kind, du willst dich so gern selbst betrügen.

Aber thu es nicht. Ein Mädchen, welches liebt, verknüpft mit den

Gedanken an ihre Liebe zugleich den Wunsch einer ewigen Verbindung. Und

den Wunsch darfst du hier gar nicht hegen, ohne deinen Oheim zu

beleidigen, der, er mag der beste Mann von der Welt sein, doch dem

eisernen Gesez der Politik und Etikette gehorchen muß.

Rosamunde. Ja, ja, ich weis das sehr gut. Sieh nur, ich will ihn auch

nicht lieben, sondern, ich will nur seine _Freundin_ sein. Und er

verdiente gewiß, daß ich ihm gut bin; ach, glaube nur Flodoard verdient

noch weit mehr.

Iduella. Und Freundschaft und Liebe, -- o, Rosamunde, du kennst diese

Gäste nicht. Freundschaft und Liebe vertauschen oft ihre Masken unter

einander. Die Liebe hängt oft den Mantel der Freundschaft um, wenn man

sie in ihrer eigenthümlichen Gestalt nicht dulden will. -- Mit einem

Worte, liebes Kind, denk an deinen Oheim, denke daran wieviel du ihm

schuldig bist, und opfre ihm eine Grille deines Herzens auf.

Rosamunde. Ja, ich glaube beinah selber, daß nur eine vorübergehende

Laune bei mir ist. Ich will den Flodoard nicht mehr lieben. Du kannst

dich darauf verlassen. -- Ich bin ihm jezt gar nicht mehr gut, wenn ich

daran denke, daß er mich von meinem lieben Oheim abwendig machen will.

Iduella. (lächelnd) Solltest du so viele Gewalt über deine rebellischen

Empfindungen haben?

Rosamunde. Gewiß. Es wird sich zeigen. Ich bin ihm gar nicht mehr gut,

dem Verführer.

Abaellino der große Bandit · 第 5 / 16 题