Rosamunde. (seitwärts blikkend) I nun ja, wohl noch _etwas_; denn hassen
kann ich doch den armen Flodoard nicht; das hat er nicht verschuldet.
Iduella. Nun, wir sprechen uns wieder. Vergiß deinen schnellen Vorsatz
nicht so rasch, als er dir auflog. Ich will einen Besuch ablegen; die
Gondel erwartet mich.
Iduella verlor sich in den Gängen des Gartens und Rosamunde schlich
langsam umher und träumte und dachte, wünschte und verdammte, sehnte
sich wonach und wollte sich nicht das Ziel ihrer Sehnsucht gestehn.
Es war ein heißer Sommernachmittag, und Rosamunde sah sich um nach einem
schattigten Pläzchen. Sie suchte die Fontaine auf, neben welcher eine
kleine Rasenbank angelegt war, worüber die zauberischen Hände der Kunst
und Natur ein Nez von Jasmin und Epheu gewebt hatten. Dieß Pläzchen
suchte sie auf; sie kam zur Fontaine, drehte sich um die Hekken und --
ach! erröthend flog sie zurük, denn _Flodoard_ sas auf dem Rasenbänkchen
unter dem Jasmin- und Epheunez neben der Fontaine und las in einem
Bündel Schriften.
Rosamunde wußte nicht ob sie fliehn, oder stehn bleiben müsse. --
_Flodoard_ sprang auf, so bestürzt er auch war, und rettete sie aus der
Verlegenheit, indem er ihr die Hand küßte.
Jezt, wenn sie nicht wider allen guten Ton sündigen wollte, _mußte_ sie
stehn bleiben.
Flodoard behielt ihre Hand in der seinen -- was konnte sie davor, daß er
auf den sehr natürlichen Einfall kam? die Hand zurükzuziehn? -- je nun,
er that ja der Hand nichts zu leide, und schien in ihrem Besiz so
glüklich zu sein -- und wie konnte Rosamunde die namenlose Grausamkeit
begehn, und jemanden ein Glük rauben, das ihrem Glükke nicht
widersprach?
»Fräulein, sagte Flodoard, um doch etwas zu sagen; der schöne Nachmittag
ists werth, daß man ihn im Freien verlebt!«
»»Aber ich störe Euch im Studieren, Herr Graf.««
»Wird man gestört in seiner Pflicht, wenn sich uns eine angenehmre
aufdringet?«
Nun war das Gespräch zu Ende. Sie sahn sich beide an, schlugen beide die
Augen nieder, sahn beide umher nach Luft, Beeten, Himmel, Bäumen und
Blumen, suchten Stoff für ein Gespräch und je ämsiger sie suchten, je
weniger fanden sie, und in der peinlichsten Verlegenheit verflogen zwei
kostbare Minuten.
»Ach ein niedliches Veilchen!« rief plözlich Rosamunde, um doch etwas
vorzunehmen, und sprang hin, bükte sich und pflükte das Blümchen,
welches sie gewiß zu jeher andern Zeit nicht gepflükt haben würde.
»»Eine schöne Blume!«« sagte _Flodoard_ und ärgerte sich über diese
leeren Worte.
»Eine herrliche Farbe!« fuhr _Rosamunde_ fort: »_Violet_, roth und blau
so schön unter einander gemischt, wie kein Maler die Farben mischen
kann.«
»»Und ein bedeutungsvolles Blümchen! sezte er hinzu: _Roth_ die Farbe
der Freude, _Blau_ die Farbe der Freundschaft und -- -- ach, wie
glüklich wäre der Mann, Rosamunde, dem ihr die Blume gäbet! --
Freundschaft und Seeligkeit hängen unauflöslich aneinander, Freundschaft
und Seeligkeit sind inniger vermischt, als dieß Roth und Blau des
bedeutungsvollen Veilchens!««
»Was ihr nicht über eine simple Blume schönes zu sagen wißt!«
»»Aber, wem wird einstens Rosamunde _das_ geben, was diese Blume
bezeichnet? -- doch, eine alberne Frage -- ich weis auch gar nicht, wie
ich heut beschaffen bin -- verzeiht mir den lächerlichen Vorwiz,
Fräulein!««
Er war still. Rosamunde war still; Stille herrschte am Himmel und auf
Erden, aber nicht im Herzen der Liebenden.
Aber wenn sie auch ihrer Zunge gebieten konnten, daß sie nicht Verräther
der geheimen Leidenschaft wurde, wenn gleich die Lippen Rosamundens
nicht gestanden: du bist es, Flodoard, dem dies Veilchen von mir gegeben
werden soll; wenn gleich Flodoards Mund nicht fragte: Rosamunde, gieb
mir die Blume und das was sie bedeutet! o so schwiegen doch ihre Augen
nicht. Diese treulosen Dollmetscher heimlicher Gefühle bekannten hier
mehr, als das Herz sich selber eingestand. --
Flodoard und Rosamunde standen in süsse Quaalen versunken vor einander
da; ihre Blikke ruhten auf einander und wurden die Herolde der
wachsenden Empfindung. Mit einem namenlosen schwärmerischen Lächeln
starrte die unschuldige Rosamunde den auserkornen Liebling an; und
schüchtern zweifelnd studierte der schöne Jüngling dieß Lächeln
Rosamundens. Und er verstand es; und das Herz pochte lauter, und rascher
flog sein Odem.
Rosamunde bebte; ihr Busen erhob sich ungestümmer; sie wurd es gewahr
und ein liebliches Roth der Schaamhaftigkeit strömte über ihr Angesicht
hinab.
Ach, eine Ewigkeit so dazustehn, sich spiegeln zu können im liebenden
Auge des Geliebten, hören zu können die leisen Seufzer der Sehnsucht,
berechnen zu können am Aufwallen und Sinken des Busens, die Ebbe und
Flut der Empfindungen -- dieß ist der erste Himmel, zu welchem die Liebe
führt.
»Rosamunde!« seufzte Flodoard unwillkührlich, und unwillkührlich
lispelte sie: »Flodoard!«
»Gieb mir das Veilchen, o mir!« stammelte er, und zitterte nicht vor
seiner kühnen Foderung.
Rosamunde hielt die Blume fest.
»Fodre, fodre dafür eine Königskrone, ich will sie dir stehlen.
Rosamunde, mir die Blume!«
Sie sah den Bittenden an und schwieg.
»Mein Glük, meine Ruhe, mein Leben hängt an dieser Blume. So wahr ein
Gott lebt, ich thue dann Verzicht auf alles, was die Erde Schönes
trägt!«
Die Blume schwankte in ihrer schönen Hand.
»Du erhörst mich, Rosamunde? Ich bettle nicht umsonst?«
Bei dem Wort _betteln_ fiel ihr Iduella ein. Wo bleibt dein Versprechen,
dein Vorsaz? sagte sie zu sich selber: flieh, flieh! du wirst dir und
Iduellen und deinem Oheim treulos.
Und sie zerriß die Blume.
»Ich verstehe euch, Flodoard, sagte sie: aber gebt eure Pläne auf -- und
so wie jezt laßt uns nimmer in diesem Leben wieder beisammen stehn.«
Sie sprachs, drehte sich um und lies den armen Flodoard angedonnert
stehn.
Fünftes Kapitel.
Abaellino.
Kaum war sie auf ihrem Zimmer, o so beweinte sie auch schon ihre
Heldenthat. -- Es that ihr wehe, ihn so beleidigt zu haben. Sie dachte
sich den armen Jüngling, wie er nun nach ihrer Flucht dagestanden habe,
niedergeschlagen, hoffnungslos mit nassen Augen. Sie sah ihn im Geiste
sich härmen, und trostlos jammern; sah ihn, wie er nun freudenlos
umherschlich, die Mörderin seiner Seelenruhe verdammte, dem Grabe
entgegen hoffte und sich demselben mit jeder Thräne, die er ihrentwillen
verweinte, näherte; sie hörte schon im Geiste die Nachricht: Flodoard
ist gestorben! sah nun schon das Volk um seine Gruft versammelt weinen,
um ihn, den das halbe Venedig anbetete, und die ganze Stadt und seine
Feinde selbst bewunderten.
»Nein, nein!« rief sie: »das war eine erbärmliche Heldenthat! nein,
Flodoard, ich habe es nicht so gemeint, als ich sprach, ich liebe dich
doch, ich will dich lieben, und wenn auch Iduella zürnt, und mein Oheim
mich hasset!«
Einige Tage nachher erfuhr sie, daß Flodoard allen seinen Bekannten sehr
verwandelt erscheine, daß er melancholisch umherirre und sich in den
Zirkeln der Freude nur selten hineinmische.
Dies war ihrem weichen Herzen eine schrekliche Post. -- Sie floh in die
Einsamkeit ihres Gemachs, weinte sich satt, und büßte mit tausend
Thränen der Reue ihr Verbrechen.
Niemand kannte ihrer Schwermuth Quelle niemand ihrer Krankheit Ursprung.
Darf es uns noch wundern, wenn Rosamunde zulezt die ängstlichen Sorgen
den alten Oheims wekte, und jeder um ihr Leben zitterte. Darf es uns
noch wundern, wenn Flodoard sich mit seinem Seelengram den Augen der
Welt entzog und vergebens den harten Kampf mit einer Leidenschaft
begann, welche schon jede andre Empfindung in ihre Wirbel verschlungen
hatte?
Doch wir verlassen Rosamundens Krankenbett auf einige Augenblikke und
besuchen zur Abwechslung die Wohnung der Rebellen, die in ihren Planen
immer weiter rükten, immer zahlreicher, immer mächtiger und für den
alten Andreas Gritti und sein Venedig fürchterlicher wurden.
_Parozzi_, _Memmo_, _Contarino_, _Falieri_ die Häupter der werdenden
Verschwörung versammelten sich jezt öfter im Pallast des Kardinal
_Grimaldi_, wo sie ihre Entwürfe zur Staatsveränderung Venedigs
gemeinsam spannen. -- Jeder handelte hier angetrieben von seinem
Privatintresse; der eine um seiner ungeheuer angelaufnen Schulden mit
einemmale quitt zu werden, der andre um seinem Ehrgeiz ein Opfer zu
bringen, der dritte um Rache zu üben für gewisse längst vergährte
Kränkungen, der vierte um seine Rechte ausgebreiteter zu machen u. s. f.
Diese schreklichen Menschen, welche nichts geringers als entweder
Venedigs Umsturz, oder Erfüllung ihrer überspannten Foderungen
verlangten, hatten um so mehr zur Ausführung ihrer Schwindeleien Muth,
da der größte Theil des venetianischen Pöbels, der über die neuen
Auflagen und Steuern klagte, sich an sie schlos.
Reich genug an Menschen, reich genug an Geldern, um die fürchterlichen
Projekte zu realisiren, reich genug an kühnen, verwegnen, schlauen
Männern, die fähig genug waren Revoluzionen anzuzetteln und
durchzuführen, sahn sie schon stolz herab auf den guten Doge Andreas
Gritti, der von diesem höllischen Komplot nichts beahndete.
Allein ein fürchterlicher Schall wars ihren Ohren, als man die arme
Sünderglokke läutete und die gefangnen Banditen zum Richtplaz führte,
auf welche sie einen großen Theil ihrer Hofnungen gesezt hatten. Desto
froher aber machte sie der Stolz des verwegnen Banditen _Abaellino_, der
öffentlich aufzuschlagen sich erkühnte, er lebe noch in Venedig, und man
solle nicht verzagen.
Der Tollkopf ist ein Mann für uns, riefen alle entzükt, und jezt lag
alles daran den verwegnen Menschen in ihre Verschwörung zu verzetteln.
Es gelang ihnen wirklich. Abaellino fand sich zuweilen bei ihnen ein,
aber er war in seinen Foderungen eben so vermessen, als in seinen
Versprechungen.
Alle verlangten zuerst den Tod des Prokurator Sylvio, ein Mann, der zu
den wärmsten Freunden des Dogen gehörte, ein Mann, vor dessen Falkenblik
sich ihr lichtscheues Gewissen fürchtete, und der den Kardinal Grimaldi
bei dem Dogen verdrängt hatte.
Aber _Abaellino_ verlangte für das Leben dieses einzigen ungeheure
Goldsummen.
»Ich versprech' es euch, sagte er, als ein ehrlicher Kerl, daß wenn ihr
mir mein Geld gebt, der Prokurator Sylvio in der andern Stunde die Augen
auf immer schließt. Er hänge am Himmel, oder verkerkere sich in der
Hölle, ich finde ihn, und treffe ihn.«
Was sollte man thun. Handeln ließ sich Abaellino nicht; der Kardinal
wollte so gern seinem Ziele näher rükken, über Sylvios Grab aber führte
sein Weg.
_Abaellino_ empfieng das Geld, und am andern Morgen fehlte der
verehrungswürdige Sylvio, der Liebling den, braven Gritti, der Stolz
Venedigs in der Gesellschaft der Lebendigen.
»Ein fürchterlicher Kerl, der Abaellino!« riefen die Verschwornen, und
feierten triumphirend an der Tafel des Kardinals das Todesfest des
Prokurators.
Der Doge war bestürzt und lange ausser sich vor Schrek. Er sezte eine
große Prämie darauf, wer denjenigen entdekken würde, der den Freund des
Dogen aus der Welt geschafft hätte. -- --
Es wurde dieser Wille des Dogen an allen Straßenekken ausgerufen, in der
ganzen Republik bekannt gemacht, und einige Morgen nachher fand man
folgenden Zettel angeschlagen an die Hauptpforte der venetianischen
Signoria:
Venetianer!
Bemüht euch nicht den Preis zu verdienen, der auf meine
Entdekkung gesezt ist. Ich selber bekenne hiemit: _Abaellino_ war
_Sylvios Mörder, und wer ihn hascht, den will er königlich
belohnen._
Abaellino.
Sechstes Kapitel.
Die Entdekkung.
Ich darfs gewiß meinen Lesern nicht erst erzälen, daß Venedig ob dieser
Frechheit ausser sich war. Nie hatte noch ein Mensch so etwas gewagt,
nie einer so voll stolzen Uibermuthes der berühmten Polizei Venedigs und
der Gewalt des Dogen gespottet. Alles gerieth in Bewegung, die
Patrouillen wurden verdoppelt, die Wachen verstärkt, die Sbirren
umhergesandt, und niemand sah und hörte und spürte etwas von dem
Abaellino.
Die Pfaffen predigten von dem stolzen Verbrecher, und riefen die
schlummernde Rache Gottes auf, solchen Greuel zu rügen. Die Damen
zitterten vor dem Namen Abaellino's, denn wer konnte ihnen dafür stehn,
daß er sie nicht, wie ehmals Rosamunden, zu seiner Braut einweihte. Die
alten Mütterchen behaupteten fest, Abaellino hab sich dem Teufel
verkauft und mit dessen Beistand spotte er der gerechten Wuth aller
frommen Venetianer. Kardinal Grimaldi, Parozzi und seine Gesellen waren
stolz auf diesen furchtbaren Bundesgenossen, und pochten jezt schon
lauter und sahen eine Zukunft voller Triumphe. Die verwaiste Familie des
ermordeten Sylvio rief Fluch herab auf den Mörder, und jede Thräne,
welche sie verweinte, wünschten sie in ein Schwefelmeer verwandeln zu
können, worinn sie den Abaellino hinabstürzen könnten. Der Doge und
seine Getreuen betrauerten lange ihren verlornen Freund und schwuren
nicht eher zu rasten, bis sie den heillosen Verbrecher ertappt, und
schreklich bestraft haben würden.
»Aber bei alle dem, sagte _Andreas Gritti_: bei alle dem muß ich dennoch
gestehn, der Abaellino ist ein seltner Mensch, der, wenn er vielleicht
an der Spizze eines Heers stände, die halbe Welt erobern würde. Ich
möchte wenigstens den Mann nur einmal sehen!
Ich will deinen Wunsch erfüllen! sagte eines Abends, da _Gritti_ allein
in dem Garten seiner Familie auf und niederwandelte, ein unbekannter
Mensch zu ihm: Ich will deinen Wunsch erfüllen. Sieh hier den
_Abaellino_, den Freund des erschlagnen Sylvio und deinen und der
Republik allgetreusten Diener! --«
_Gritti_ sah auf und bebte zurük. Eine, halb in ihren Mantel vermummte
Gestalt, mit dem scheuslichsten Angesicht von der Welt, stand vor ihm
und röchelte ihm diese Worte zu. Er, der in den Feld- und Seeschlachten
nie gezittert, und von keiner Gefahr aus seiner Gleichmüthigkeit gestört
war, er, der tapfre Doge verlor in diesem Augenblik auf einige Minuten
seine Geistesgegenwart. Sprachlos starrte er den Banditen an, der
furchtlos vor ihm da stand, und nicht von der Majestät des Ersten in
Venedig gerührt wurde.
_Abaellino_ grinste ihn freundlich an.
»Du bist ein fürchterlicher -- ein abscheulicher Mensch!« sprach
_Gritti_ indem er sich wieder sammelte.
»_Fürchterlich?_« entgegnete der Bandit: »das freut mich! --
_Abscheulich?_ das möcht ich nicht sagen. Freilich mein Aushängeschild
zeugt von einem abscheulichen Handwerke, aber Doge, was meinst du?
vielleicht sind wir beide die größten Männer Venedigs, du in deiner, ich
in meiner Art!«
Der Doge lächelte unwillig.
»O!« fuhr _Abaellino_ fort: »lächle nicht so ungläubig. Erlaub es
immerhin, daß ich mich, als Bandit, mit einem Dogen vergleiche; ich
denke immer, man darf sich mit _dem_ vergleichen, mit wem man sich
messen darf! --«
Der Doge machte eine Bewegung ihn zu verlassen.
»Nicht doch!« rief der Bandit schmunzelnd: »das Ohngefähr führt solch
ein Paar großer Männer nicht sobald wieder auf diesen kleinen Landstrich
zusammen. Bleib doch!«
»Höre Abaellino,« redete ihn der Doge an, mit aller Hoheit, die in
seiner Gewalt stand: »Du hast große Talente vom Himmel empfangen, warum
wucherst du mit denselben nicht besser. -- Ich verkündige dir völlige
Verzeihung und Amnestie über alles das, was geschehen ist, unter der
Bedingung, daß du mir den nennst, der dich zu Syivios Mörder gedungen,
und daß du das Gebiet der Republik verlassest. --«
»Hi, hi!« entgegnete Abaellino: »Über die Grillen bin ich längst
hinweggesprungen. Menschen können für meine Sünden keinen Ablaß
ertheilen, und an jenem Tage, wenn alle Menschen ihren Schuldbrief
vorzeigen, werd' ich auch den meinigen aufzeigen können. Den Namen
dessen, der mich zu Sylvios Mord bezahlte, wirst du, aber nur heute
nicht erfahren. Ich soll das Gebiet der Republik räumen? -- warum? aus
Furcht vor dir? hi, hi! aus Furcht vor der Republik? -- ha, die fürchtet
den Abaellino, aber Abaellino sie nicht! Doch unter einer Bedingung
könnt' ichs vielleicht thun -- --«
»Und die wäre?« fragte der _Doge_: »willst du zehntausend Goldstükke?
--«
»Ich gäbe dir selber gern zehntausend Goldstükke, wenn du deine
häßlichen Worte ungesagt machen könntest. -- Nein, gieb mir deine Nichte
_Rosamunde_, die, Tochter des _Guiscardo_ von _Korfu_ zur Gemahlin!«
»Unmensch!«
»Hi, hi! Geduld! -- Du willst nicht? --«
»Fodre Geld und Gut, ich gäbe dirs. Und wenn die Republik eine Million
an dich verlöre, sie gewönne dabei, wenn du ihre Luft nicht mehr
verpesten wolltest!«
»Wahrhaftig? -- sieh eine halbe Million beinah hab ich schon wieder
bekommen für das Leben deiner treusten Freunde, für Kanaris und Dandolis
Kopf! gieb mir Rosamunden, oder -- --«
»Schurke!«
»In vier und zwanzig Stunden sind Kanari und Dandoli zum Teufel! sag,
Abaellino hats gesagt!«
Bei diesen Worten zog der Bandit ein Terzerol hervor, schos es in die
Luft ab -- der _Herzog_ prallte zurük, und als er sich umsah, war
_Abaellino_ verschwunden.
An eben demselben Abend, oder vielmehr in der Mitternachtsstunde stand
Abaellino im Pallaste des Kardinal _Grimaldi_ unter den Verschwornen.
_Parozzi_, _Memmo_, _Falieri_, _Kontarino_, welche wir schon kennen und
andre ihres saubern Gelichters waren gegenwärtig.
Man sas eben bei Tische und schwenkte die vollen Pokale. _Grimaldi_
erzählte, wie er sich beim Dogen eingeschmeichelt und den Parozzi, Memmo
Kontarino und Falieri empfohlen hätte; _Kontarino_ prahlte mit der
erledigten Procuratorstelle, wie sie ihm gewiß nicht entgehn würde,
_Parozzi_ zweifelte gar nicht an Dandolis oder Kanaris Stelle beim
Herzog Plaz nehmen zu können, wenn sie nur erst hingerichtet sein würden
und -- in dem Augenblik stand _Abaellino_ vor ihnen.
»Na, rief er: Wein her! das Werk war vollbracht! Dandoli und Kanari
sizzen jezt beim Teufel zum Nachtmahl! --«
Alle sprangen erstaunt auf.
»Und den Dogen hab ich persönlich Wahrheiten gesagt. Seid ihr nun
zufrieden mit mir, ihr Bluthunde?«
»Flodoarden noch!« schrie jauchzend _Parozzi_, und _Abaellino_ rief:
Brr! Brr!
Drittes Buch.
Erstes Kapitel.
Flodoard und Rosamunde.
_Rosamunde_, Venedigs Liebling, war krank: _Iduella_ seufzte sich müde
am Lager der schönen Elwin und seufzte sich wach daran. _Rosamunde_ war
krank, ein stiller Seelenharm nagte an der Blüte ihrer Reize, -- ach,
sie liebte den edeln _Flodoard_; aber wer hätte Flodoarden auch _hassen_
können. -- Sein Heldenwuchs, sein schönes Angesicht, sein
schwärmerischer Blik, sein ganzes Wesen predigte laut: seht hier den
Favoriten der Natur -- und Rosamunde? -- Rosamunde liebte die Natur so
sehr!
Aber _Flodoard_ war auch kränklich. Er schlos sich oft ein: vermied alle
Gesellschaften, oder reiste zur Erheiterung seines Geistes durch die
Städte der Republik. Oft war er Wochenlang abwesend, und wenn er dann
wieder kam, o, wie sehnsuchtsvoll erwartete ihn dann jeder
Familiencirkel, in welchen er eingeweiht war!
Jezt war er drei Wochen von Venedig abwesend gewesen. Niemand wußte von
ihm, in welchen Gegenden er umherschwärmte. Der Doge hätte ihn so gern
jezt gehabt, um sich nach so vielen Fatalitäten etwas in seiner
Gesellschaft zu zerstreuen, und -- wie gerufen -- erschien er nun.
»Lieber Flodoard!« seufzte der _Doge_, als _Flodoard_ zu ihm in das
Zimmer trat: »ihr müßt euch nicht nicht so lange von uns entfernen. Ich
bin jezt ein verwaister Mann. Ihr wißt doch schon, daß mein Kanari, mein
Dandoli --« -- --
»Alles« entgegnete _Flodoard_ mit verbißnem Schmerz.
»Es schleicht der Teufel durch Venedig, unter dem Namen _Abaellino's_,
und raubt mir alles, was mir theuer ist. Flodoard, ich zitterte auch
schon für euch. -- Wir haben vieles, vieles mit einander zu reden, aber
jezt gebricht mir die Zeit. Es hat sich ein Fremder melden lassen; ich
muß ihn empfangen. Aber --« --
In diesem Augenblik schwankte _Rosamunde_ aus einem Nebenzimmer herein.
Sie sah Flodoarden und bebte seitwärts. Flodoard schlug die Augen nieder
und begrüßte bebend die holde Nichte des bekümmerten Dogen.
»In einer halben Stunde werd' ich euch rufen lassen;« fuhr der Herzog
fort; »unterhaltet meine kranke Nichte.«
Der ehrwürdige _Gritti_ verlies den bestürzten Jüngling. _Rosamunde_
trat an ein Fenster. Flodoard schlich ihr langsam nach.
Verlegen standen sie beide da -- sahen bald hinaus auf den St.
Markusplaz, bald nach den herrlichen Gemälden des herzoglichen Zimmers,
bald auf ihre Fingerspizzen.
»Ihr zürnet noch?« stammelte endlich Flodoard, und dachte an die fatale
Gartenscene.
»Ich zürne nicht,« antwortete Rosamunde, und ein schönes Roth flog über
die blassen Wangen.
Flodoard. (mit festerer Stimme) Und ihr habt mir meine Sünde ganz
vergeben?
Rosamunde. (vor sich nieder lächelnd) _Sünde?_ -- nun ja, ganz vergeben.
-- Ein Sterbender muß ja gern verzeihn, damit Gott in seinem Gericht
auch gern verzeihe. Und ich bin eine Sterbende -- ich fühl es.
Flodoard. Sennora!
Rosamunde. Zweifelt nicht. Seit gestern hab ich zwar das Krankenlager
verlassen, aber, es ahndet' mir, ich werd' es bald wieder aufsuchen, um
es nie wieder zu verlassen. Und darum -- darum bitt ich auch von euch
Verzeihung, wenn ich euch gekränkt haben sollte.