Rosamunde stand an den Sessel ihres ehrwürdigen Oheims gelehnt, und
musterte den Grafen, und dachte an Canari's Worte: ihn sehn und ihn
nicht lieben hält so schwer, als einen Blik ins Paradies werfen, ohne
lüstern zu werden. Und Rosamunde gab dem alten Canari recht. Ein helles
Roth überflog sie, da der Oheim den Befehl gab, sie war verlegen, und
wußte nicht, ob sie vor oder zurüktreten müßte.
Und wären manche meiner Leserinnen in Rosamundens Stelle gewesen, so
zweifle ich gar nicht, daß sie in gleiche Verlegenheit gerathen wären.
Denn eine Gestalt, wie die Gestalt des Flodoard, ein Gesicht mit einer
so empfehlenden Physiognomie, mit solchen karakteristischen Zügen, die
dem Künstler nichts mehr übrig ließen, wenn er das Ideal männlicher
Schönheit darstellen wollte, Züge, welche laut sprachen, dieser Jüngling
trägt ein Heldenherz im Busen -- ach, die können ein armes, schwaches,
unbefangnes Mädchen leicht in Verlegenheit sezzen.
Flodoard nahm Rosamundens Hand und führte sie in den Saal der Tänzer.
Hier drehte, hier schwang sich alles nach den Harmonien des rauschenden
Orchesters in lieblichen Gruppen beim Schimmer der brennenden Kerzen.
Aber Flodoard gieng bebend und bebend Rosamunde an Flodoards Hand vor
den Reihen der Tänzer vorüber -- sie verloren sich bis zum fernsten Ende
des herzoglichen Saals und blieben sprachlos an einem Fenster stehn, und
sahn sich an, und sahn zu den Tänzern, und dann zum Mond hin und
vergaßen sich und Tänzer und Mond und waren jeder allein mit sich
beschäftigt.
»Fräulein, sagte _Flodoard_ endlich nach langem Stillschweigen: das heiß
ich unglüklich sein!«
»»Unglüklich? Ich verstehe euch nicht, Herr Graf, wer ist denn
unglüklich?«« entgegnete die schöne Rosamunde, und sah dem Jüngling ins
Auge, und lächelte sanft.
»Der, der in Elysium hineintritt und mit allem fremd ist; der, dem da
dürstet, und den Pokal vor sich sieht, welcher nicht für ihn gefüllt
ist.«
»»Seid ihr der Fremdling in Elysium etwa, oder der Dürstige neben dem
Pokal, der nicht für ihn gefüllt ist? Es scheint, als wolltet ihr, daß
ich eure Worte so verstände.««
»Ihr habt es verstanden, schöne Rosamunde. Und, sagt, bin ich nicht
recht sehr unglüklich?«
»»Wo ist denn das Elysium, in welchem ihr fremd wäret?««
»Um Rosamunden ist Elysium.«
Rosamunde schlug die Augen nieder.
»Seid ihr böse? hat euch diese Offenherzigkeit gekränkt?« fuhr Flodoard
schnell fort, und zog schüchtern ihre schöne Hand an sich. --
»»Herr Graf, Florenz ist eure Vaterstadt? in Venedig haßt man
Galanterien dieser Art. Wenigstens haß _ich_ sie, und von euch wünsch
ich sie am wenigsten zu hören.«« Sagte Rosamunde.
»Nein, Fräulein, so wahr ich lebe, hier lauschte hinter den Worten keine
Schmeichelei.«
»»Dort tritt der Doge in den Saal -- Canari und Sylvio neben ihm, er
wird uns im Tanze vermuthen. Kommt zu den Tänzern!««
Flodoard folgte ihr schweigend. Der Tanz begann. -- Himmel, wie schön
war Rosamunde, wenn sie um Flodoarden nach den süssen Akzenten der Musik
hinschwebte -- wie schön war Flodoard, wenn er durch die unabsehbare
Reihe der Tanzenden hinflog, und sein Auge Rosamunden suchte! Er war
entlarvt noch und baarhäuptig, aber jedes Auge glitschte ab von den
Federhüten und Helmen, und hin zu dem wilden hochfliegenden schwarzen
Haargekräusel des schönen Flodoard. -- Im Saal erhob sich ein Geflüster;
die Tänzerinnen vergaßen ihre Touren, und die Herzen ihren gewöhnlichen
Takt.
Zweites Kapitel.
Flodoard.
Einige Abende nachher sas _Parozzi_ mit dem _Memmo_ und _Falieri_ auf
seinem Zimmer, trübe leuchteten die Kerzen, trübe und stürmisch wars
draußen am Himmel und düster wars in der Seele dieser Wüstlinge.
Parozzi. (nach einer langen Stille) Seid ihr eingeschlafen? He, Falieri,
Memmo, trinkt doch.
Memmo. (verdrüslich) Ach!
Falieri. Dein Wein schmekt mir heut wie Galle.
Parozzi. Die verdammten Schurken!
Memmo. Du meinst die Banditen?
Parozzi. Keiner läßt sich wittern. Es ist bis zum sterben ärgerlich.
Falieri. Und die Zeit verstreicht, unsre Pläne werden verrathen, und wir
sizzen dann in den venetianischen Staatskerkern dem Pöbel zum
Hohngelächter.
(abermahlige Stille)
Parozzi. (seufzend) Flodoard! Flodoard!
Falieri. Der Kardinal Grimaldi erwartet mich noch diesen Abend.
Memmo. Nun ich denke Contarino kann nicht mehr lange ausbleiben.
Falieri. Er schwelgt gewis in diesen Augenblikken bei Almerien und
vergißt Gott, uns, die Republik und Banditen.
Parozzi. Also ihr kennt den Flodoard nicht?
Memmo. Ich kenne ihn nur von Rosamundens Geburtsfest.
Falieri. Parozzi ist eifersüchtig.
Parozzi. O wahrhaftig nicht. Mag Rosamunde ihre Hand dem deutschen
Kaiser oder dem ärmsten Gondelier in Venedig schenken, es wird mir
gleichgültig sein.
Falieri. Ha, ha, ha, ha!
Memmo. Aber gestehn muß es der Neid, daß Flodoard der schönste Mann
unterm Monde ist. -- Bei Gott, wär ich ein Weib, ich müßte ihn lieben.
Parozzi. Nun ja, wenn die Weiber Närrinnen deines Kalibers wären, und
auf die Schale mehr, als auf den Kern achteten -- --
Memmo. Wie denn die Weiber einmal sind.
Falieri. Der alte Canari scheint mit dem Flodoard schon seit alten
Zeiten bekannt gewesen zu sein.
Memmo. Freilich, der Graukopf hat ihn ja dem Dogen vorgeführt.
Parozzi. (knirschend) Brüder, es nimmt ein trauriges Ende.
Memmo. (seufzend) Dem Himmel seys geklagt.
Parozzi. Still! -- es wird unten gepocht.
Memmo. Contarino ist's. Nun werden wir bald hören, ob er die Banditen
gefunden.
Falieri. (aufspringend) Es ist sein Gang.
Die Thür sprang auf. Contarino in einen Mantel verhüllt, trat herein.
»Guten Abend!« sagte er und warf den Mantel ab -- und Parozzi, Memmo und
Falieri bebten erschrokken zurük, und riefen: Du blutest! was hast du
gemacht.
»Kleinigkeiten« rief Contarino: »He, ist Wein da? gießt mir den ersten
besten Becher voll, mich dürstet!«
Memmo. Aber Herzensbrüderchen, du bist sehr erhizt.
Contarino. (trinkt den Becher leer) Gift! Gift! schenkt ein.
Falieri. (gießt den Becher voll) Du blutest!
Contarino. Das weis ich; meine Schuld ists nicht.
Parozzi. Laß dich verbinden und dann erzähle! was ist vorgefallen?
Contarino. (trinkt) tausend Spas! he, füllt den Pokal!
Memmo. Nun, da stehn mir die Sinne still,
Contarino. Nicht so? Siehst du, Memmo, dafür bin ich auch Contarino, und
nicht Memmo. -- Die Wunde blutet zwar, aber gewiß sie ist nicht
gefährlich. (reißt das Wamms auf und entblößt die Brust) da, seht her,
was ists mehr, als ein Hieb von zwei Zoll Länge durchs Fleisch.
Memmo. (schaudernd) Brr, ein gräslicher Anblik.
Parozzi. (hohlt Pflaster herbei und verbindet die Wunde, nachdem er sie
ausgewaschen.)
Contarino. Vater Horaz hat recht! der Philosoph ist alles was er sein
will, Schuster und König und Wundarzt. Da sehe mir einer den Philosoph
Parozzi, mit welcher Grandezza er mich zu bepflastern weis. -- Magst
Dank haben. Nun, Leutchen, sezt euch um mich her in einen Kreis, ich hab
euch wunderliche Geschichten zu erzählen.
Falieri. Erzähle.
Contarino. Ich gieng um die Abenddämmerung aus, die Banditen
aufzusuchen. Ich kannte die Kerls von Person nicht, und sie mich eben so
wenig. Ein abentheuerliches Unternehmen, werdet ihr sagen: Allein, ich
thats, um euch zu überführen, man könne alles, wenn man nur können
_will_. Ich hatte schon Notizen genug, und siehe da, in meiner
Verkleidung lies ich mich mit einem Gondelier ins Gespräch ein. Ich
merkte fast, daß er von dem Aufenthalt der Bravo's etwas wisse, ich
rükte mit Geld und guten Worten näher, er desgleichen, zulezt erfuhr
ich, daß er selber eines des saubern Gelichters sei. Ich schloß mit ihm
einen Kontrakt, er fuhr mich auf seiner Gondel durch ganz Venedig, bald
links, bald rechts, zulezt wußt ich in der Dunkelheit selber nicht mehr,
in welchem Viertel der Stadt ich mich befände. Er verband mir endlich
sogar die Augen und ich mußte mirs gefallen lassen. -- Nach einer
Viertelstunde, hielt er die Gondel an, befahl mir auszusteigen, führte
mich durch ein paar Straßen in ein Haus, und da in eine enge kleine
Stube. Hier riß er mir die Binde von den Augen, ich sah mich in der
Mitte von drei fremden Kerln und einer Weibsperson.
Falieri. Ein Wetterkerl der Contarino.
Contarino. Hier war keine Zeit zu verlieren: sondern ich warf mein Geld
auf den Tisch, versprach ihnen goldne Berge und machte sie mit gewissen
Tagen, Stunden und Zeichen bekannt, durch welche wir uns irgendwo
zusammenfinden wollten. Gab ihnen zugleich den Befehl, den Canari,
Sylvio und Dandoli aus dem Wege zu räumen.
Alle. Bravo!
Contarino. Kurz, es gieng alles glüklich von Statten; aber plözlich
wurden wir durch einen unerwarteten Besuch gestört.
Parozzi. Nun?