Struzza. Ich kann mich noch nicht erhohlen -- Der Schrek hätte mich fast
zu Boden geschlagen.
Abaellino. Ei, beileibe, ich lachte, als ich die Botschaft erfuhr. So
früh schon am Ziele! dacht ich.
Thomas. Was?
Baluzzo. Ich sähe darinn nichts lächerliches wahrhaftig!
Abaellino. Ihr fürchtet euch doch nicht davor, eine Gabe zu empfangen,
die ihr selber so gern austheilt? -- Wohin strebt ihr? was dürfen wir am
Ende unsrer Arbeiten zum Dank fodern, als Galgen und Rad und
Scheiterhaufen? welche Monumente dürfen wir für unsre Thaten fodern: als
Schandsäulen und Rabensteine? Wem es gelüstet auf dem großen Welttheater
die Rolle des Banditen zuspielen, der muß vor dem Tode nicht schaudern,
er komme in Gesellschaft des Arztes, oder des Henkers. Also lustig!
Thomas. Das sei hier der Gottseibeiuns, ich kanns nicht sein.
Struzza. Mir klappern die Zähne.
Petrini. Hör', Abaellino, laß uns ein vernünftiges Wort mit einander
sprechen. Dein Wiz wird hier fürchterlich.
Abaellino. Ha, ha, ha, ha!
Molla. Ach du armer, unglükseliger Matteo!
Abaellino. Nicht doch, Molla, mein Schäzchen, wer wollte so sehr
verrathen, daß man ein Weib sei. Komm und laß uns das Gespräch
fortsezzen, das ich vorhin zerriß. Sez dich zu mir und gieb mir ein
Mäulchen. --
Molla. Geh, Ungeheuer.
Abaellino. Hat Liebchen die Laune verloren? Nun wohl, sie wird schon
zurükkehren, und wer weis, wie es dann um die meinige steht.
Baluzzo. Daß dich der Geier fasse, Abaellino, du bist unausstehlich!
Abaellino. Bist du eifersüchtig? Ho, ho, befürchte nichts!
Baluzzo. Verdammt seist du mit deinem hirnlosen Gewäsch; saalbadre ein
andermahl. Jezt laß uns überlegen, was zu thun sei?
Petrini. Freilich, es ist hier nicht die Zeit zum Spassen.
Thomas. Abaellino, ich halte dich für einen gewizten Kerl, gieb Rath,
was sollen wir thun?
Abaellino. (nach einer Pause) Nichts oder vieles. Entweder wir bleiben,
_was_ wir sind, und wo wir sind, morden für Geld und gute Worte einem
Schurken zum Gefallen jeden ehrlichen Mann, lassen uns zulezt hängen,
rädern, braten, an die Galeeren schmieden, kreuzigen und köpfen, je
nachdem es der blinden Justiz behagt, oder -- --
Einige. Oder?
Abaellino. Oder wir theilen unsern Raub, verlassen die Republik,
beginnen ein ehrliches Leben, und söhnen den Himmel wieder mit uns aus.
Seht, ihr habt izt soviel, daß ihr zeitlebens nicht in die verlegne
Frage gerathen dürfet: woher nehmen wir Brod? -- Ihr kauft euch in einem
fernen Lande eine Villa, oder ein Wirthshaus, oder treibt Handel, oder
ein Gewerbe, welches euch besser gefällt, als die Meuchelmörderei. Ihr
mustert die Schönen, wählt euch ein Weibchen, zeugt Söhne und Töchter,
eßt und trinkt und wezt die Scharten aus, durch eure Ehrlichkeit, die
ihr durch Büberei schluget.
Thomas. Ha, ha, ha!
Abaellino. Was ihr thut, will auch ich thun, in eurer Gesellschaft laß
ich mich entweder hängen und rädern, oder zum ehrlichen Kerl machen. --
Nun wählt!
Thomas. Ein alberner Rath!
Baluzzo. Die Wahl hält nicht schwer.
Abaellino. Ich sollt' es auch glauben.
Thomas. Wir bleiben beisammen, und treiben nach wie vor unser altes
Gewerbe. Das bringt Geld und ein flottes Leben.
Petrini. Mein Seel, Kerl, du sprichst mir aus dem Herzen.
Thomas. Wir sind zwar Banditen, aber doch ehrliche Kerls, und der Donner
über den, der dies läugnet. Vor allen Dingen aber müssen wir uns einige
Tage eingezogen halten, damit wir nicht etwa verrathen werden, denn der
Doge hat gewis izt seine Spione allenthalben. Dann aber schleichen wir
uns, erkundigen uns nach dem Mörder Matteo's und erdrosseln ihn zum
warnenden Beispiel ^gratis^.
Alle. Bravo! bravissimo!
Petrini. Und du, Thomas, bist dafür von heut an unser Meister.
Baluzzo. Ja, an Matteo's Stelle.
Alle. Ja, ja!
Abaellino. Und ich sage, als ein braver Gesell hierzu mein herzliches
_Amen_.
Zweites Buch.
Erstes Kapitel.
Der Geburtstag.
In ängstlicher Einsamkeit, eingeriegelt in ihren dumpfen Kammern,
betrauerten die Banditen den Tod ihres Matteo; jeder Schlag an ihre
Thüren machte sie zittern; jedes Geräusch auf der Straße machte sie
grausen.
Fröhlicher aber und herrlicher gings im herzoglichen Pallast einher. Der
_Doge_ feierte den Geburtstag seiner schönen Nichte Rosamunde, und
Venedigs Adel, die Gesandten und hohen Fremden machten mit ihrer
Gegenwart dieses Fest zum glänzendsten in seiner Art.
Keine Herrlichkeit war hier gespart, keine Quelle der Freude
verschlossen geblieben. Ueppig buhlten alle Künste um den Vorrang;
Venedigs erste Dichter besangen diesen Tag schöner, als je, denn sie
sangen Rosamunden; die Tonkünstler und Virtuosen verschwendeten hier die
Allmacht der Musik, denn es galt Rosamunden; alle athmeten Seligkeit,
alles schwelgte in der seltnen Verbindung jeder Freude; der Geist des
Vergnügens umschwebte den Greis und den Jüngling, die Matrone und das
Mädchen.
Selten hatte man den alten Dogen heiterer erblikt, als an diesem Tage.
Er war ganz Leben, die fröhlichste Laune schwebte um seinen Lippen;
gnädig und herablassend lies er niemanden seine Hoheit beahnden. Er
scherzte bald mit den Damen, schwärmte bald unter den Masken umher, die
den Ball glänzend machten, spielte bald mit den Feldherrn und Admiralen
der Republik im Schach, überwand und lies sich überwinden, bald nekte er
Rosamunden, und warnte sie, ihr Herz zu bewahren.
_Dandoli_, _Sylvio_ und _Canari_, seine treuen Freunde und Räthe
vergaßen ihr graues Alter; mischten sich unter die jungen
Venetianerinnen und trugen scherzend jeder ihre Liebe an, nekten und
ließen sich nekken.
»Als wir vor _Scardona_ lagen, Canari, und die Türken uns dort den Sieg
so schwer machten, da waren wir nicht so vergnügt, als an diesem Abend.
Nicht so?« rief _Andreas Gritti_ dem alten Canari zu, der in eben dem
Augenblik in das Seitenzimmer hinein trat, worin sich der Doge mit
seiner Nichte allein befand.
»Warlich nicht, gnädigster Herr aber es ruht sich nach solchen Arbeiten
schön! -- Ich denke noch immer mit frohem Schauder an den neblichten
Novemberabend, da wir Scardona eroberten und den halben Mond von den
Stadtmauern hinunterstürzten! Bei Gott, unsre Venetianer fochten wie die
Löwen!«
Gritti. Nun, alter Kriegsgefährte, trinkt; wir haben uns Ruhe
erstritten.
Canari. Ruh und Lorbeern. -- O, bei Gott, ich bin glüklich und glüklich
ist jeder der unter euern Fahnen gefochten. Ihr, gnädigster Herr, habt
mich verewigt; wer hätte in der Welt an Canari gedacht, wenn Canari
nicht mit dem großen Gritti gefochten hätte, und in Sicilien und
Dalmatien die ewigen Trophäen der Republik Venedig aufgepflanzt hätte
mit dem großen Gritti.
Gritti. (sanftlächelnd) Der Cyprier besticht eure Fantasie, braver
Canari.
Canari. Freilich sollt ich euch nun wohl nicht gradezu den Großen
nennen, und in eurem Beisein loben, aber ich bin alt, und mag mich nicht
verstellen; mögen das unsre jungen Hofschranzen thun, die noch nicht im
Pulverdampf da standen und für Venedig und Andreas Gritti fochten. --
Gritti. Alter Schwärmer! -- wird der deutsche Kaiser auch so denken?
Canari. Wenn Karl der fünfte nicht betrogen wird, oder sein Stolz noch
die Größe eines andern ertragen kann: so muß er bekennen: Ich fürchte
den Gritti von Venedig, aber auch er nur allein ist mir auf Erden
überlegen! bei Gott, das muß Karl.
Gritti. Sollte ihn die Antwort beleidigen, die ich seinem Gesandten gab,
da er mir die Gefangennehmung des Königs von Frankreichs notifizirte? --
Canari. O, gewiß, gnädigster Herr, gewiß. Aber sei es auch. Venedig
zittert, so lange Gritti lebt, nicht. -- Aber gnädigster Herr, wenn ihr
einmal werdet heimgegangen sein zur ewigen Ruhe und eure Helden mit
euch! O, Venedig, Venedig, ich fürchte deine goldne Zeit neiget sich zum
Untergange!
Gritti. Lassen nicht unsre jungen Offiziere vieles hoffen?
Canari. Ach was sind die meisten? Helden in den Feldern der Liebe;
Helden hinter den Pokalen; entnervte Jünglinge, schlaff an Körper und
Geist. Doch halt, -- nein! o, wenn man alt wird, oder neben einen
Andreas Gritti steht, da vergißt man doch so leicht das wichtigste. --
Ich habe eine Bitte an euch, mein Doge, eine große Bitte.
Gritti. Ich bin neugierig.
Canari. Seit acht Tagen befindet sich hier ein junger florentinischer
Edelmann, Flodoard heißt er, ein herrlicher, vielversprechender Mann.
Gritti. Nun?
Canari. Sein verstorbner Vater war mein sehr guter Freund, er ist nun
gestorben, der alte ehrliche Graf. Er diente in seiner Jugend mit mir
auf einem Schiffe, hat manchen Türkenkopf hinweggesäbelt. -- Es war ein
braver Soldat!
Gritti. Ihr vergeßt seinen Sohn.
Canari. Sein Sohn hält sich jezt in Venedig auf und will in Dienste der
Republik gehn. Ich bitte bei euch für ihn, stellt den jungen Mann irgend
wo an; er wird einmal Venedigs Stolz sein, wenn unsre Asche vom Winde
verweht ist. Ja, bei Gott, das wird er!
Gritti. Hat er Kopf?
Canari. Kopf und Herz, wie sein Vater. Wollt ihr ihn sehn, ihn sprechen?
er ist unter den Masken dort im großen Saale. -- Noch eins -- er hat von
den Banditen gehört, die in Venedig umherspuken, das erste Probestük
seiner Schlauheit will er euch dadurch ablegen, daß er dieß unsichtbare
Gesindel, dem unsre Polizei vergebens nachspürt, dem Criminalgericht in
die Hände spielt.
Gritti. (verwundert) Wie ist das möglich? Graf Flodoard heißt er? sagt
diesem Flodoard, ich verlange ihn zu sprechen.
Canari. O, nun hab ich schon die Hälfte oder alles gewonnen. Denn
Flodoarden sehn, und nicht lieben, hält so schwer, als einen Blik ins
Paradies thun und ohne Lüsternheit zu verbleiben. Flodoarden sehn und
ihn hassen ist so unmöglich, wie den Blindgebohrnen das Tagslicht zu
hassen, das er zum erstenmahl erblikt, da ihm der Staar vom Auge
gezogen, wird.
Gritti. (lächelnd) Ich habe meinen alten Canari nie so schwärmerisch
gefunden, als diesen Abend.
Canari. O, bei Gott, gnädigster Herr, die Flodoarde waren seit den
frühsten Zeiten gros. Ihres Geschlechts Stamm trug schon damals
herrliche Zweige, als das Geschlecht der Gritti, Canari, Dandoli und
Falieris noch unter den wilden Gesträuchen keimte. Und ich glaube, jede
Ceder grünt noch und giebt berühmte Zweige von sich, wenn unsre Familien
rings umher ausgestorben sind, wie dürres, schwaches Pflanzwerk.
Gritti. Zeiget mir doch den Wundermann!
Canari. (im Aufstehn.) Ich werd ihn herbeirufen. Ach, es thut mir wohl
meinen alten verstorbnen Waffenbruder Flodoard in seinem Sohn wieder
lieben zu können. -- Und, ihr edle Donna, hütet euch! hütet euch! (geht
ab)
Rosamunde. Führt nur euern Helden vor, ihr habt meine Neugierde
gespannt.
Gritti. Warum sonderst du dich so lange von den Tänzern ab, Rosamunde?
Rosamunde. Ich bin ermüdet, und jezt fesselt mich noch die Neugier, den
hochgepriesenen Flodoard zu sehn. -- Ach, lieber Oheim, mir deucht, ich
kenne ihn schon. Unter allen Masken zeichnet sich vorzüglich eine
griechische aus, und zeichnet sich so aus, daß man sie mit dem
flüchtigsten Blik unter tausenden erkennt. Eine schlanke, große Gestalt,
in jeder Bewegung so angenehm, -- und tanzt so treflich.
Gritti. (lächelnd mit dem Finger drohend) Nichte! Nichte!
Rosamunde. O, fürwahr, lieber Oheim ich lüge nicht -- aber doch kann es
sein, daß der florentinische Flodoard und der Grieche zwei Personen --
-- seht, Oheim, seht dort hinunter, da, da steht der Grieche!
Gritti. Und Canari neben ihm. -- Sie kommen! Nun, du bist im Errathen
glüklich -- --
Der Doge hatte kaum seine Worte vollendet, als der alte _Canari_
hereintrath, einen schlanken Griechen an seiner Hand führend.
»Seht hier den Grafen Flodoard, der um eure Gnade bittet!« sagte Canari,
und _Flodoard_ entblößte ehrerbietig sein Haupte, zog die Larve vom
Gesicht und verneigte sich tief vor Venedigs großen Dogen.
Gritti. Ihr wollet in die Dienste unsrer Republik treten?
Flodoard. Wenn. Ew. Durchlaucht mich für dieselben würdig finden.
Gritti. Canari versprach mir viel Gutes von euch. Warum hat euch euer
Vaterland nicht behalten?
Flodoard. Weil dort kein Gritti lebt.
Gritti. Bestätigt es sich, daß ihr die Banditen in Venedig aufgespürt
habt?
Flodoard. Ich zweifle nicht daran sie aufspüren, und sie euren Gerichten
überliefern zu können.
Gritti. Das wäre in der That von einem Fremdling viel. Ich bin begierig
zu wissen ob ihr Wort halten könnet.
Flodoard. Morgen oder Uebermorgen Durchlauchtigster Herr, hab ich mein
Versprechen erfüllt.
Gritti. Und das verspreche ihr so fest? Wißt ihr was es heißt, Banditen
zu fangen? dies Gesindel ist unsichtbar und allgegenwärtig, man sieht es
allenthalben, und nirgends, und noch ist es den Polizeibedienten der
Republik nicht möglich gewesen diese Brut zu erhaschen, wiewohl kein
Winkel in Venedig existirt, den unsre Spione nicht kennen, nicht
durchstöbern.
Flodoard. Ich schäzze mich glüklich dem großen Dogen von Venedig mich
durch solches Probestük empfehlen zu können.
Gritti. Wenn ihrs vollbracht habt, dann kommt zu mir. Jezt wollen wir
uns der Freude überlassen, der dieser Tag geheiligt ist. -- Führt meine
Nichte zum Tanz, wenn ihr wollet.