Abaellino
der große Bandit.
von
J h d z.
F. P. Kybnitz.
Frankfurt und Leipzig,
1794
Vorrede.
Troz dem, daß man in unserm Decennio nur romantische Szenen der Vorwelt,
Rittergeschichten, Sagen der Vorzeit, Begebenheiten aus den Tagen des
Faustrechts lesen will, schreib ich doch, wenn ich denn einmal etwas zum
Lesen schreiben will, nichts davon. Ich habe den Grundsaz, der
Schriftsteller müsse sich nie nach den Launen der Leser, sondern der
Leser nach den Launen des Dichters bequemen. All unsre Romanschreiber,
die dem Publikum mit Rittermärchen aufwarten, haben eine große
Aehnlichkeit mit den Musikanten, die nach der Laune der Tänzer bald eine
Menuet leiern, bald einen Walzer geigen müssen.
Sobald ich nun einmahl den Einfall habe _meinen_ Lesern etwas zu
erzählen; so ists mir gleichviel, _was_ ich ihnen erzähle, aber mehr
darauf denk' ich _wie_ ich ihnen erzähle. Es gilt mir gleichviel, ob ich
ihnen ein morgenländisches oder abendländisches Märchen, eine Lüge oder
Wahrheit vorschwazze, aber in allen diesen Plaudereien bemühe ich mich
die Natur, wie sie _ist_, oder sein _könnte_, darzustellen. Ich nehme
gewisse Karaktere und führe sie durch eine Reihe von Situazionen, und
beobachte, wie sie sich in all diesen Verhältnissen ausnehmen. Darüber
freu' ich mich selber.
Aber diese Karaktere, so genau ich sie auch immerhin zeichnen mag,
pflegen gewöhnlich am Ende der Geschichte ganz anders dazustehn, als im
Anfang. Nun muß man darüber nicht böse werden und denken: die Karaktere
werden sich untreu! nein. Ein andres ists mit der Schilderung des
Menschen im Roman, und ein andres in dem _Drama_.
Das Drama umfaßt, wenn es regelmäßig ist, nur einen kurzen Zeitraum. In
einem Tage oder drei Stunden verwandeln sich die Menschen nicht so
leicht -- hier kann sich ihr Karakter von der ersten bis zur lezten
Szene gleich bleiben; hier veranlassen die Karaktere gewisse Ereignisse,
Handlungen, und große Begebenheiten.
Aber im Roman veranlassen und bilden gewisse Ereignisse und
Begebenheiten den Karakter des Menschen, wiewohl auch dieser Einfluß auf
jene hat; das menschliche Gemüth wenn es durch eine Reihe von
Begebenheiten geführt wird, nimmt von der Farbe einer jeden etwas an
sich, diese vermischet sich endlich und daher oft der bunte Karakter
mancher Menschen. Drängt sich der Sterbliche durch viele schwarze
Situazionen, kein Wunder, wenn seine Gemüthsstimmung zulezt dunkel und
ernst wird; wird er geführt durch rosenfarbne Verhältnisse, wer wundert
sich dann noch über seinen frohen Humor?
Aber nicht genug, daß ich Menschenkaraktere unter allerlei
Gesichtspunkten und Verhältnissen betrachte: so hab ich auch das einzig
mögliche Prinzip jeder psychologischen Aesthetik, den Zwek der edlen
Kunst stets vor mir, wodurch die Künste allein zur möglich erhabensten
Stufe der Vollkommenheit emporgeführt werden können:
_Regelmäßige Mittheilung guter Empfindungen._
Und erreiche ich diesen Zwek, errege ich in meinen Lesern nur dann und
wann das moralische Gefühl, jenes reine Wohlgefallen an große,
tugendhafte Handlungen und Gesinnungen, schwillt von Liebe, Mitleid und
Freundschaft nur _ein_ Busen; spricht nur _ein_ Leser zu sich selber:
handle in _deinen_ Verhältnissen, bei deiner Erziehung, bei deinen
Kenntnissen so gut, so schön, als dieser, oder jener in dieser
Erzählung; fache ich nur einem Herzen den Enthusiasmus für Sittlichkeit
und Tugend an, dann -- dann hab ich überwunden, dann ruf' ich: Triumph!
auch die mir sparsam zugemessenen Augenblikke der Einsamkeit und
Erhohlung von ernstern Geschäften sind meinen Mitbrüdern wohlthätig
geworden!
So, meine Leser, kleid' ich in das Gewand der Fabel _Natur_ und
_Wahrheit_, und bezielte jeder Dichter diesen herrlichen Gegenstand,
wahrlich: so würden wir nicht so viel unleidliches, geistloses Gewäsch
anhören müssen, woran sich heuer unsre entnervten Knaben und Mädchen bas
ergözzen; so würden unsre Kunstrichter und Rezensenten nicht auf die
Fabel, sondern auf ihren innern Werth, nicht auf das ^Continens^ sondern
das ^Contentum^ sehn. Der Dichter ist in dieser Rüksicht zu beurtheilen
wie ein Maler, der Ideale oder Wirklichkeiten, Menschen mit Flügeln,
oder im Uiberrok hinzeichnet, nicht um der Flügeln, oder um des
Uiberroks willen, sondern um Empfindungen des Guten, Edlen und Schönen
im Zuschauer zu entwikkeln.
Leute, die mich persönlich kennen, dürften mir auch hier wieder den
Vorwurf machen: warum schreiben Sie nichts solideres, nichts
nüzlicheres?
Antwort: sobald ich fühle, etwas Neues, Gutes, Nüzliches in andern
Disziplinen der menschlichen Erkenntniß anzeigen zu können, werde ich
nicht dazu träge sein. Aber das Sprüchwort: ^quid valeant humeri, quid
ferre recusent^ bedenk' ich auch hier.
Der Dichter ist überdies, wenn er den Zwek seiner Bestimmung erreicht,
der menschlichen Gesellschaft so nützlich, als der Staatsmann im
Ministerio und der Gelehrte auf dem Katheder. Ein elender Dichter im
Gegentheil ist eine eben so große Null in der Schöpfung, als das Genie
eines Holzhakkers im Ministerio und ein geistloser Kohlkopf auf dem
Katheder.
Ich wünschte gern durch Winke guter Kunstrichter das erhabne Ziel des
Dichters erreichen zu können -- also keinen Vorwurf darüber, daß ich --
nur einen _Roman_ schrieb! --
Amen!
Innhalt.
Erstes Buch.
Erstes Kapitel.
Venedig. S. 1.
Zweites Kapitel.
Die Banditen. 8.
Drittes Kapitel.
Die Banditenwohnung. 12.
Viertes Kapitel.
Banditenphilosophie. 17.
Fünftes Kapitel.
Die Einsamkeit. 23.
Sechstes Kapitel.
Rosamunde, die schöne Nichte des Dogen. 27.
Siebentes Kapitel.
Fortsezzung. 33.
Achtes Kapitel.
Entdekkungen. 36.
Neuntes Kapitel.
Mollas Häuschen. 45.
Zweites Buch.
Erstes Kapitel.
Der Geburtstag. 56.
Zweites Kapitel.
Flodoard. 68.
Drittes Kapitel.
Neuer Lärm. 76.
Viertes Kapitel.
Das Veilchen. 81.
Fünftes Kapitel.
Abaellino. 92.
Sechstes Kapitel.
Die Entdekkung. 97.
Drittes Buch.
Erstes Kapitel.
Flodoard und Rosamunde. 104.
Zweites Kapitel.
Ein fürchterliches Versprechen. 111.
Drittes Kapitel.
Die nächtliche Verschwörung. 121.
Viertes Kapitel.
Der wichtige Tag. 127.
Fünftes Kapitel.
Höllenangst. 134.
Sechstes Kapitel.
Geistererscheinungen. 140.
Siebentes Kapitel.
Nachschrift. 156.
Abaellino, der große Bandit.
Erstes Buch.
Erstes Kapitel.
Venedig.
Es war Abend. Ungeheure Wolkenstreifen, halb vom Schimmer des Mondes
erleuchtet, bogen sich rippenförmig am Horizont hinab und durch ihnen
schwamm der Vollmond in stiller Majestät hin, und sah sich verherrlicht
von jeder Welle des adriatischen Meers. Still wars umher, leise tanzten
die Wogen am Winde, leise hauchte der Nachtwind über die todten Palläste
Venedigs hin.
Da sas noch ein junger Mann, einsam und traurig in der
Mitternachtsstunde am _langen_ Kanal; bald hob er das Auge zu den
stolzen Zinnen und Thürmen von Venedig empor, bald senkte er den Blik in
die Wellen. Nach einer Weile sprach er:
»Verdammt! da sizze ich nun in Venedig, und weis nicht, wie weiter! Was
soll daraus werden? Alles schläft, nur ich nicht. Der Doge wälzt sich
auf seinem Dunenlager, der Bettler auf seinem Strohbett -- und ich lieg
hier auf der kalten, nakten Erde. Der elendeste Gondelier, der ärmste
Bootsknecht kennt am Tage seine Arbeiten und Nachts seine Ruhestatt, und
ich -- und ich -- o es ist ein schrekliches Schiksal, das mit mir sein
Spiel treibt! --«
Er fing an seine Taschen zu untersuchen, mit den Fingern jede Falte des
Kleides zu biegen, und zu visitiren.
»Auch keinen Heller! -- und mich hungert doch!«
Er besah seinen Degen im Mondschein und seufzte: »Nein, alter, treuer
Gefährte, dich verkauf ich nicht; sollst mein bleiben und wenn ich
verhungerte. Nicht wahr, damahls wars noch goldne Zeit, als dich
_Emmoine_ mir gab, mir das Bandelier über die Achseln warf, und ich dich
und Emmoinen küßte -- (Pause) Sie ist nun tod, wir beide leben noch!«
Er wischte sich eine Thräne von den Wimpern.
»Nein, das war keine Thräne; die Nachtluft geht kühl und da wird das
Auge leicht nas. (Lächelnd) Hm, ich weinen! -- _weinen_! ha, ha, ha! --«
Der Unglükliche, dies schien er, wenigstens seinen Reden nach zu sein,
stämmte den Ellbogen auf die Erde, wollte mit den Zähnen knirschen --
und pfiff. -- »Ich müßte nicht Ich sein, dachte er bei sich: wenn ich
kleinmüthig würde unter dem Fluch des Schiksals.«
In dem Augenblik hörte er in der Nachbarschaft ein Geräusch. Er sah in
einem vom Monde halbhellen Nebengäschen einen Kerl auf und
niederschleichen.
»Den führt mir Gott zu -- ich will -- ich will betteln! Betteln ist
keine Schande, aber neapolitanische Schurkereien schänden. Auch, der
Bettler kann _gros_ denken.«
Mit diesen Worten sprang er auf und ging in die Winkelstraße. In eben
den Moment trat von der andern Seite ein Mensch in diese Gasse. Der
schleichende Kerl trat mit einemmale in den Schatten zurük, als
verstekte er sich vor dem Ankommenden.
»Was soll das bedeuten?« dachte unser Bettler: »ist der Schleicher dort
etwa ein unbefugter Handlanger des Todes? haben ihn auch Vettern und
Basen bestochen, um das Geld desto ruhiger in Besiz zu nehmen, was dem
armen Schelm izt noch angehört, der dort so unbefangen herschlendert?
warte!«
Er zog sich in den Schatten zurük und schlich dem Lauerer nahe, der
keine Bewegung machte. Der fremde Mann war schon dem Lauerer und unserem
Bettler vorüber, als jener mit bangen Schritten rasch hinter ihn her
schlich, die rechte Hand erhob, worinn ein Dolch schimmerte, und eh' er
sich versah von dem _Bettler_ zu Boden gestürzt wurde.
Der _fremde Herr_ drehte sich um; der _Bandit_ sprang auf und entfloh;
der Bettler lachte.
»Was war das?« fragte der _Fremde_?
»»Ein Spas, der Euch, mein Herr, das Leben rettete.««
»Mir? Wie so?«
»»Die flüchtige Massette schlich hinter Euch her wie ein lauernder Kater
und hatte den Dolch schon gehoben. -- Ich dachte Ihr gäbet mir dafür ein
Stück Geld, denn bey meiner armen Seele, mich hungert und dürstet und
friert.««
»Euch Spitzbuben, und eure Kniffe kennt man; Ihr habt euch zu dem Spas
beredet, um mir die Börse abzuplündern und einen großen Dank für mein
gerettetes Leben dazu. Geht mir, geht, und grellt die Leichtgläubigkeit
des Dogen selber, nur an Buonarotti wagt euch nicht!«
Der arme, hungernde Bettler stand bestürzt da und sah den pfiffigen
Herrn an.
»Nein, so wahr ich lebe, Herr, ich lüge Euch nichts vor -- es ist mein
Ernst, ich sterbe die Nacht vor Hunger.«
»»Geht, sag ich Euch, oder -- --«« der Unbarmherzige zog bey diesen
Worten ein geheimes Schiesgewehr hervor und drohte.
»Donner und Wetter, bezahlt man in Venedig die guten Thaten so?«
»»Die Sbirren sind in der Nähe, wie Ihr wißt, also -- --««
»Zum Teufel, seht Ihr mich denn für einen Banditen an?«
»»Ich sage Euch, mache keinen Lärmen!««
»Hört, Buonarotti heißt Ihr? ich will mir doch den Namen des zweiten
Schurken aufschreiben, den ich in Venedig kennen lernte. (Mit
schreklicher Stimme) Und wenn du, Buonarotti, jemals den Namen
_Abaellino_ hören solltest, dann zittre!«
_Abaellino_ drehte sich um und verlies den Unerbittlichen.
Zweites Kapitel.
Die Banditen.
Der Unglükliche durchkreuzte izt Venedig, er haderte mit dem Schiksal,
lachte und fluchte, stand zuweilen still, als übersänn' er einen großen
Plan, eilte zuweilen fort, als flög er ihn zu vollführen.
An einem Ekstein der prächtigen Signoria gelehnt, überdachte er die
ganze Summe seines Elendes. Es schien sein irres Auge Trost zu suchen,
aber er fand ihn nicht.
»Das Schiksal bat mich zum Abentheurer oder gar zum Bösewicht verdammt!
tief er in einer Ekstase seines Mismuths: denn warum muß der Sohn des
reichsten Neapolitaners als Bettler, die Barmherzigkeit der Venetianer
anflehen? Ich, der ich Geist und Kraft zu großen Thaten in mir fühle,
muß hier umherschleichen und darauf sinnen, wodurch ich mir das Leben
wider den Hunger bewahre. Menschen, die ich sonst satt fütterte, die an
meiner Tafel im Cyprier ihre Mükkenseelen berauschten und die
Lekkerbissen fremder Welttheile von meinen Schüsseln naschten, werfen
mir jezt keine verschimmelte Brodrinde zu. -- O, das ist abscheulich,
abscheulich von Menschen und vom Himmel! --« Er schwieg, schlug die Arme
untereinander und seufzte: »Doch, nein, so ists recht, ich will alle
Grade des menschlichen Elendes durchwandern, und allenthalben mir gleich
bleiben, und allenthalben gros sein. -- Jezt bin ich nicht mehr der Graf
Obizzo, um den Neapel einst buhlte -- ich bin der _Bettler Abaellino_.
Ein Bettler! in der Ordnung menschlicher Stände der lezte, aber doch --
im alphabetischen Namenverzeichnis aller Hungerer, Pflastertreter und
Taugenichtse der _erste_!«
Ein Geräusch entstand. _Abaellino_ horchte umher, er war den Schleicher
gewahr, den er vor einer halben Stunde zu Boden geworfen hatte, in
Gesellschaft dreier andern. -- Sie suchten. »Und sie suchen dich!« sagte
Abaellino leise zu sich selber, und gieng ein paar Schritt vor, und
pfiff ihnen.
Die Kerls blieben stehn. Sie besprachen sich unter einander und schienen
unentschlossen zu sein.
_Abaellino_ pfiff zum andernmal.
»Er ists!« hörte er einen von ihnen deutlich genug sprechen -- und in
dem Augenblik kamen sie langsam gegen ihn angewandert.
Abaellino blieb stehn, und zog den Degen. Die drey Verkappten standen
einige Schritte von ihm entfernt.
»Was soll das? he, warum ziehst du Gauch den Degen?« fragte einer von
ihnen.
»»Wir müssen uns nicht zu nahe kommen, denn Ihr guten Leute lebt vom
Leben anderer, ich kenn' euch;«« antwortete Abaellino.
Ein Kerl. Galt nicht dein Pfeifen _uns_?
Abaellino. Nun ja.
Ein Kerl. Was willst du?
Abaellino. Hört, ich bin ein armer Schelm, gebt mir doch von eurer Beute
ein Allmosen.
Ein Kerl. Allmosen? ha, ha, ha! mein Seel, das ist lustig! Allmosen von
uns! doch, es gefällt mir, warum nicht?
Abaellino. Oder strekt mir funfzig Zechinen vor, ich will mich zu euch
in den Dienst geben und die Schuld abarbeiten.
Ein andrer. Wer bist du denn?
Abaellino. Zur Stunde der ärmste Schlucker in der Republik. Kräfte hab
ich, und lägen drei Panzer vor einem Herz, ich durchbohr' es; und Augen,
daß ich in egyptische Finsternis nicht fehlstoßen würde.
Ein dritter. Warum warfst du mich vorhin nieder?
Abällino. Geld zu verdienen; aber der Kerl gab mir für sein Leben keinen
rothen Heller.
Ein andrer. Das gefällt mir! meinsts redlich?
Abällino. Die Verzweiflung lügt nicht.
Der dritte. Kerl, wenn du aber ein Schurke wärst!
Abaellino. So wären wir nicht weit von einander -- und eure Dolche sind
ja immer geschliffen.
Die drei gefährlichen Burschen sprachen leise mit einander und stekten
ihre Gewehre ein.
»Na, komm zu uns, hier auf der Straße läßt sichs nicht gut von gewissen
Sachen reden.« Sprach einer.
»»Aber weh euch, wenn einer feindseelig wider mich handelt! Du Kerl,
vergieb mir, daß ich dir vorhin die Rippen etwas zerdrükte -- es soll
nicht wieder geschehn! Ich will euer Gesell werden!«« sagte Abaellino.
»Auf Ehre, riefen alle; wir thun dir nichts Leides; der ist unser Feind,
der dir übel thut, ein Kerl wie du, gefällt uns! komm!«
Sie giengen, _Abaellino_ in ihrer Mitte. Mistrauisch schielte er von
allen Seiten, aber in den Banditen schien kein böser Gedanke zu
erwachen, Sie führten ihn seitwärts, gelangten an einen Kanal, sie
banden eine Gondel los, sezten sich ein und ruderten zur entlegensten
Spitze Venedigs. Man stieg aus; durchkroch verschiedne enge Straßen;
klopfte endlich an ein niedliches Haus; ein junges Weib schlos auf,
führte die Herrn in ein simples, aber reinliches Zimmer und beantlizte
den bestürzten halbfrohen, halbängstlichen Abaellino, der noch immer
nicht wußte, woran er war, und immer noch an der Sicherheit der
Banditenparole zweifelte.
Drittes Kapitel.
Die Banditenwohnung.
Die drey Herrn vermehrten sich bald durch zwei Neuankommende, die ihren
unbekannten Gast von allen Seiten betrachteten.
»Nun laß dich doch beschauen!« riefen die Führer und Bekannten des
Abaellino, und stellten sich beym Schimmer einer brennenden Lampe um ihn
her.
»Pfui, ein häslicher Bube!« rief _Molla_, so hies die Wirthin und drehte
sich von ihm hinweg und Abaellino wälzte einen gräslichen Blik auf sie
hin.
»Kerl, sezte ein andrer hinzu: dich hat die Natur schon zum Banditen
gestämpelt; welchem Zuchthause bist du entronnen, welcher Galeere hast
du Valet gesagt?«
_Abaellino_ stämmte die Arme in die Seite. »Desto besser, sagte er mit
einer heisern, fürchterlichen Stimme: so darf der Himmel zu meiner
künftigen Lebensart nicht sauer sehn, wenn er mich selber dazu
geschaffen hat.«
Die fünf Herrn giengen beiseite und besprachen sich mit einander; den
Stof ihrer Unterhaltung können wir leicht errathen. Abaellino warf sich
schweigend auf einen Sessel.
Nach einigen Minuten kamen sie wieder zu ihm. Der stärkste und wildeste
von ihnen trat hervor, und redete Abaellino'n an.
»Höre, Venedig ernährt fünf Banditen, wie du sie hier siehst, und für
den sechsten, der du bist, wird sich auch Brod finden. Ich bin _Matteo_
und der älteste von allen, der Rothkopf dort heißt _Baluzzo_, der mit
dem glimmernden Kazzenauge da ist _Thomas_, ein Erzschelm; der Kerl
dort, dem du die Rippen zerschelltest, ist _Petrini_, und der Wicht, der
da bei der Molla steht, mit den dikken Mohrenlippen, ist _Struzza_. Jezt
kennst du uns alle. Wir wollen dich zünftig machen, weil du ein armer
Teufel bist; aber höre, bist du auch ein ehrlicher Kerl?«
Abaellino lächelte, oder vielmehr grinste, und brummte: mich hungert!
»Bist du ein ehrlicher Kerl?«
»»Das soll die Folge entscheiden.««
»Sieh, Bursch, die erste Treulosigkeit kostet dir das Leben. Wirf dich
dem Dogen in den Schoos und umschanze dich mit aller Macht der Republik,
wir ermorden dich im Arm des Dogen, hinter hundert Kanonen. Sez dich auf
den Hochaltar, wir schleppen dich vom Kruzifix hinweg und ermorden dich.
-- Kerl, besinne dich, wir sind _Banditen_!«
»»Das weis ich. Aber gebt mir nur Essen, dann will ich plaudern, so viel
ihr wollt. Ich habe seit vier und zwanzig Stunden fasten müssen.««
_Molla_ dekte einen kleinen Tisch, trug nach ihrem besten Vermögen auf
und füllte die silbernen Becher mit herrlichem Wein.
»Wenn er nur leidlicher, nur wie andre Menschenkinder aussähe!« brummte
sie: »aber seiner Mutter ist gewiß in ihrer Schwangerschaft der Teufel
erschienen, und da kam denn die abscheuliche Larve zur Welt!«
_Abaellino_ lies sich nicht stöhren, sondern aß und trank als wollte er
sich für ein halbes Jahr satt essen. Die Banditen sahn ihm mit
Wohlgefallen zu, und stießen auf die glükliche Eroberung an, die sie
hier gemacht hatten.
Will sich der Leser diesen Abaellino denken, so stelle er sich einen
jungen, starken Kerl vor, von dem man sagen würde, er sei schön geformt,
wenn nicht das häslichste Gesicht, welches je ein Karrikaturmaler
ersonnen, oder _Milton_ dem häslichsten seiner gefallenen Engel
aufgesezt, die übrigen Schönheiten entstellte. Schwarz und glänzend,
aber weich und lang flog sein Haar verwildert ihm um den braunen Hals
und um das gelbe Gesicht. Der Mund schien in einer ewigen Verzerrung zu
grinsen und dehnte sich bis zu den Ohren aus; die Augen lagen tief ins
Fleisch vergraben und zeigten fast immer das Weisse; die gröbsten Züge,
die je ein Holzschnittsgesicht aufzuweisen hat, traf man hier in einer
abscheulichen Zusammensezzung an, und verlegen war man, ob diese
widerliche Physiognomie Dummheit oder Tükke des Herzens, oder beides
zugleich verrieth.
»Nun bin ich satt!« brüllte _Abaellino_, und stürzte den vollen
Weinbecher hinter. »Was habt ihr nun zu fragen, ich bin bereit zu
antworten.«
»Ich dächte, hub _Matteo_ an: ich dächte, du legtest einmahl ein
Probestük von deiner Stärke ab, denn diese kömmt bei uns sehr in
Anschlag. Bist du gewandt im Ringen.«
»»Ich weis nicht.««
»Molla, sezz' alles beiseite! -- Abaellino, mit wem nimmst du's unter
uns auf? wen glaubst du so niederschmeisen zu können, wie den Poeten da,
den Petrini?«
»»Euch alle, wie ihr da seid, und ein halbes Duzzend solcher Lumpenbunde
dazu!«« rief Abaellino, warf den Degen auf den Tisch, sprang auf und
schielte die Bande an.
Die Kerls lachten.
»Na, macht das Probestük!« rief Abällino! was zaudert ihr.
»Hör, Bursche, entgegnete _Matteo_: versuchs mit mir allein; und fühle
erst, wer wir sind! denkst du, es stehn hier Knaben, oder saftlose
Süsherrchen, die ihre Kraft in den Eiderdunen verschwizzen, oder feilen
Mezzen vergeuden, oder dem Onan opfern?«
Abaellino lachte. -- _Matteo_ wurde wild; die übrigen jauchzten.
»Halloh!« rief Abaellino: »ich habe Lust zu rasen, macht euch gefaßt!«
und in einen Klumpen stürzte er zusammen, warf den Riesen Matteo über
sich hin, wie eine Puppe, schleuderte den Baluzzo rechts, den Petrini
links, kehrte dem Thomas das oberst zu unterst, und strekte den Struzza
unter die Bänke.
Drei Minuten lagen die Ueberwundnen ohne sich zu regen am Erdboden
umher, und Abaellino jauchzte und die bestürzte Molla zitterte bei dem
schreklichen Schauspiel.
»Beim heiligen Klas! rief _Matteo_ und rieb sich die mürben Schenkel:
der ist unser Meister! Molla, dem Kerl ein gutes Nachtlager!«
»»Er hat mit dem Teufel einen Bund!«« murmelte _Thomas_, und renkte die
verschobne Gelenke in ihre Fugen.
Niemand war nach einem neuen Probestük lüstern; spät wars in der Nacht,
oder vielmehr, es graute der Morgen schon über das Meer empor und jeder
begab sich in sein Schlafgemach.
Viertes Kapitel.
Banditenphilosophie.
_Abaellino_, dieser furchtbare Riese, konnte nicht lange, ohne sich eine
unbegränzte Hochachtung von allen seinen Spiesgesellen zu erwerben, in
der Mitte dieser Leute leben. Jeder liebte, jeder schäzte ihn, wegen
seiner Banditentalente, wozu nicht allein die ungeheure Kraft seines
Körpers, sondern auch seine Klugheit, sein Wiz zu dummen Streichen
gehörte. Auch die kleine _Molla_ hätte ihn wohl geliebt, aber -- er war
gar zu häslich.
_Matteo_ war, wie Abaellino nun bald erfuhr, der Herr dieser
gefährlichen Bande. Er war ein raffinirender Bösewicht, unerschrokken
vor jeder Gefahr, wizzig und schlau und gewissenloser, als ein
französischer Finanzpächter. Er empfing die Beute und die Bezahlung,
welche seine Untergebnen täglich einbrachten, gab davon jedem sein Theil
und behielt für sich selbst nie mehr, als jeder andre bekam. Die Zahl
derer, welche er schon in die andre Welt befördert hatte, war schon zu
gros, als daß er sie angeben konnte. Sein größtes Vergnügen war, in
einsamen Stunden diese Mordgeschichten zu erzählen, um durch sein
Beispiel die andern zu begeistern. Er hatte seine besondre Rüstkammer;
hier fand man Dolche von verschiednen Gestalten, mit und ohne
Widerhaken, breit, zwei- drei- und vierschneidig. Hier fand man
Windbüchsen, Terzerole, Pistolen gros und klein; Gifte verschiedner Art
und verschiedner Wirkung; Kleider zu allen möglichen Verkappungen;
Mönchs- Juden- Taglöhner- Senatoren- Soldaten- Bettlertrachten.
Eines Tages rief er den Abaellino zu sich. »Höre, sagte er: Du wirst ein
braver Kerl werden, das seh ich voraus. Fange nun auch an, das Brod, was
wir dir geben, selber zu verdienen. -- Hier hast du einen Dolch vom
feinsten Stahl; du läßt dir jeden Zoll daran bezahlen. Stichst du nur
_einen_ Zoll tief in das Fleisch deines Gegners, so foderst du von dem,
der dich besoldete, eine Guinee. Zwei Zoll, zehn Guineen; drei Zoll
zwanzig, der ganze Dolch so viel du selber willst -- das ist so die
Taxe. Hier hast du einen gläsernen Dolch; an ihn hängt der unfehlbare
Tod dessen, dem er ins Fleisch gestossen wird -- kaum ist der Stich
geschehn, so brichst du ihn in der Wunde ab, das Fleisch schließt sich
über die abgebrochne Spizze zusammen, die bis zum Auferstehungstage
darin ihr Quartier behält. -- Hier dieser metallne Dolch bewahrt in
seiner Höhlung ein subtiles Gift; stoß ihn, wem du willst, in den Leib,
drükke hart an diese Feder, und du sprüzzest in eben den Augenblik den
Tod in die Adern des Verwundeten. -- Nimm die Dolche, ich gebe sie dir
zum Geschenk, ein Kapital, das goldne, schwere Zinsen trägt!«
_Abaellino_ nahm die Mordinstrumente mit einem leisen Schauer in die
Hand. --
»Ihr müßt euch doch schon ein großes Vermögen zusammengestohlen haben!«
»»Schurke, entgegnete Matteo beleidigt: wer stiehlt unter uns. Hältst du
uns für Straßenräuber, Beutelschneider, oder für Verwandte dieses
Lumpengesindels?««
»Vielmehr für noch etwas ärgers; denn offenherzig gesprochen, Matteo,
jene plündern doch nur die Schränke und Geldbörsen, die sich immer
wieder füllen lassen, aber wir nehmen dem Menschen ein Kleinod, das er
nur einmahl hat und einmal nur verlieren kann. Sind wir nicht noch
tausendmahl ärgere Räuber?«
»Beim heiligen Klas, Abaellino, ich glaube, du willst moralisiren?«
»»Ha, ha, ha, ha!««
»»Nun was schwazzest du da?««
»Höre, Matteo, noch eine Frage: wie finden wir uns dereinst mit dem
Weltrichter ab?«
»»Ha, ha, ha!««
»Glaube nicht, daß es dem Abaellino am Muth fehlt; sieh, ich will auf
deinen Befehl das halbe Venedig erwürgen, aber -- --«
»»Närrchen, als Bandit mußt du dich über die Fabel von Tugend und Sünde
hinweg sezzen. Was ist Tugend, was ist Laster? nichts, als ein Etwas,
welches die Landesverfassung, Gewohnheit, Sitte, Erziehung geheiligt
hat; und was _Menschen_ heiligen, können auch Menschen _entheiligen_;
hätte der Senat die freimüthigen Urtheile über die venetianische Polizei
nicht verboten: so wäre die Aeusserung solcher Urtheile keine Sünde.
Gott frägt nicht nach Menschensazzungen, sondern nach seinem Willen. Wen
er von uns zur Seligkeit bestimmt hat, der wird einmal selig, und wen er
verdammt hat, der bleibt verdammt in alle Ewigkeit, und wenn er gleich
nach menschlicher Meinung ein Heiliger wäre. Also über die Sorgen sezz'
dich hinweg. Wir sind Menschen, so gut wie der Doge und seine Senatoren;
wir können so gut, wie sie Gesezze geben, und aufheben, und bestimmen,
was Sünde und Tugend sein soll.««
_Abaellino_ lächelte.
»»Sagst du, wir treiben ein ehrloses Gewerbe? was ist Ehre? ein Wort,
ein leerer Schall und ein leeres Hirngespinnst. Der Knikker sagt: Ehre
ist es reich zu sein, und die Goldstükke zu Tausenden zählen zu können.
Ehre, sagt der Wollüstling, ist es von jedem Mädchen angebetet zu werden
und jedes schöne Weib zu besiegen. Nein, sagt der Feldherr, Städte zu
erobern, Armeen zu schlagen, Dörfer zu verheeren, das bringt Ehre. Der
Gelehrte sezt seinen Ruhm in die Menge der Folianten die er geschrieben,
oder gelesen hat; der Kesselflikker in die Kunst Scherben wieder genau
zusammen zu kitten; die Nonne in der großen Zahl ihrer Andachtsübungen;
die Weltdame in die Menge ihrer Vergötterer; die Republik in die Größe
ihrer Provinzen und so, Freundchen, sezt jeder seine Ehren in etwas
anders. Warum ist es ehrlos, wenn wir uns in unsrer Kunst Glanz und
Vollkommenheit erringen.««
»Schade, an dir verliert der Lehrstuhl einen braven Philosophen.«
»»Meinst du? sieh nur Abaellino, ich bin im Kloster erzogen; mein Vater
war ein Prälat in Lukka, meine Mutter eine keusche Nonne vom Orden der
Urselinerinnen. Da hab ich studieren sollen, mein Vater wollte mich zu
einem Kirchenlicht machen, aber ich fühlte mich zu einer
Mordbrennerfakkel tauglicher. Als ich bei dem alten Pater _Hieronimus_
die Moral studierte, sagte er mir oft, _Selbstliebe_ sei das große
Triebrad aller menschlichen Handlungen, das Urprincip jeder Sittenlehre.
Hieronimus hatte Recht. Gott schuf aus Selbstliebe das unermeßliche
Universum, um sich selber zu verherrlichen, und verherrlicht zu sehn;
jedes Thier handelt den Naturgesezzen gemäs, nach dem ehrwürdigen
Grundsaz der Selbstliebe -- jeder Mensch ordnet seine Thaten diesem
großen Gesez unter, und wer hat nun wider die Sittlichkeit unsers
Geschäfts etwas einzuwenden, da wir eben dem Gesez gehorchen, dem das
Universum Gehorsam leistet? -- Mit einem Worte, zittre nicht vor den
Selbstgespinnsten deiner Einbildungskraft!««
Fünftes Kapitel.
Die Einsamkeit.
Schon über sechs Wochen war _Abaellino_ in Venedig, aber noch hatte er
von seinen Dolchen keinen Gebrauch machen können oder wollen. Denn
theils war er in den Straßen, Schlupfwinkeln, Pallästen und Kajütten
Venedigs zu unbekannt, theils fehlten ihm auch noch Kunden, deren
mörderische Aufträge er hätte executiren können.
Diese Geschäftlosigkeit ekelte ihm, er wollte handeln und konnte nicht.
Melancholisch schlich er umher, und seufzte. Er besuchte die
öffentlichen Pläzze Venedigs, die Wirthshäuser, Garten- und Lustpläzze,
aber nirgends fand er, was er suchte -- Ruhe.
An einem Abend hatte er sich in einem Garten verspätet, der auf einer
niedlichen Insel Venedigs gelegen war. Er schlich von Laube zu Laube,
sezte sich am Ufer des Meeres nieder und sah dem Spiel der Wellen im
Schein des Mondes zu.
»So ein schöner Abend wars vor zwei Jahren, da ich Emmoinen den ersten
Kuß raubte, und Emmoine mir Liebe schwor!« seufzte er, und schwieg und
wehmüthige Empfindungen stiegen in ihm auf.
Es war so stille. Kein Lüftchen bog die Hälmchen des Grases; aber in
_Abaellinos_ Busen stürmte es.
»Hätt' ich es vor zwei Jahren träumen können, daß ich einmahl in Venedig
als Bandit meine Rolle spielen würde? O wo sind die goldnen Hofnungen,
die lieblichen Pläne, welche meine Jugend umgaukelten? -- Ich bin ein
Bandit, noch weniger, als ein Bettler! --«
»Wenn mein grauer Vater oft im Enthusiasmus mich umschlang und rief:
Sohn, du wirst den Namen Obizzo glänzend machen! Gott, wie bebte ich da,
was dacht ich, was empfand ich, was wollt' da nicht alles! und der Vater
ist tod, und sein Sohn -- -- ein venetianischer Bandit! -- wenn meine
Lehrer mich bewunderten und liebkoseten, und sie entzükt mir zuriefen:
Graf, ihr verewiget einst das alte Geschlecht von Obizzo! ha, was
versprach ich mir da nicht in seliger Trunkenheit von der Zukunft! --
Als mich Emmoinna von einer schönen That zu sich heimkehren sah, und sie
die Arme mir entgegenstrekte und mich an ihren Busen schlos und mir ins
Ohr lispelte: wer sollte den großen Obizzo nicht lieben, -- -- oh, oh!
hinweg ihr Bilder der Vergangenheit, euer Erscheinen führt zum
Wahnsinn!«
Er schwieg, bis die Lippen zusammen, hielt die flache Hand vor die Stirn
und krallte die andre zusammen.
»Ein Meuchelmörder, ein Diener der Niederträchtigkeit und Büberei, einer
der größten Schurken, den die venetianische Sonne bescheint ist -- der
_große Obizzo_! -- pfui! -- und doch hat mich das Schiksal selber zu
diesem unseligen Loose verdammt. --«
Plözlich sprang er nach einem langen Stillschweigen auf, sein Auge
funkelte, seine Miene verwandelte sich, sein Odem flog lauter.
»Ja, beim Himmel, ja, gros konnt' ich als Graf Obizzo nicht sein, aber
wer wehrt mirs, gros, als Bandit, zu werden? -- Vater, mein Vater!« rief
er und sank von ungewöhnlichen Gefühlen bestürmt nieder auf die Kniee,
und strekte die Finger empor zum Himmel, als zu einem Eide:
»Geist meines Vaters, Geist meiner Emmoina, ich will eurer nicht unwerth
sein! hört mich, wenn ihr mich umschweben dürfet, hört mich, ich will
auch als Bandit meinen Ursprung nicht verläugnen, eure Hofnungen, mit
denen ihr aus dieser Welt schiedet, nicht vernichten -- o, so wahr ich
lebe, ich will der _einzige_ meiner elenden Zunft sein und werden, und
die Nachwelt soll den Namen verehren, den ich verherrlichen kann. --«
Er berührte mit seiner Stirn den Erdboden und weinte. Die Zweige
lispelten leise im Abendwinde um ihn her, leise lispelten die Gebüsche
und das dunkle Schilf am Gestade.
Länger als eine Viertelstunde verharrte er in dieser Situazion. Große
Gedanken flogen vor seinem Geiste vorüber; über ungeheuern Plänen
schwindelte er und er sprang auf sie zu realisiren.
»Mit fünf erbärmlichen Gaunern mach ich kein Complot wider die
Menschheit. Ich allein muß die Republik zittern machen, und jene
meuchelmörderischen Buben sollen in acht Tagen hängen. Fünf Banditen
soll Venedig nicht füttern, aber einen, _einen einzigen_, und dieser
soll dem Dogen die Spizze bieten, soll über Recht und Unrecht in der
Republik wachen. Ehe acht Tage verfliegen, soll der Staat gereinigt sein
von dem Auswurf des menschlichen Geschlechts, und dann steh ich noch
allein da. An mich allein müssen sich alle jene Schurken von Venedig
wenden, welche meine Spiesgesellen vormahls zum Morde der Rechtschaffnen
gedungen haben. Ich lerne nun die feigen Mörder, die vornehmen Buben
kennen, die den Matteo sonst und seine Knechte bezahlten -- ha,
Abaellino! Abaellino! -- --«
Er taumelte, trunken von seinen Hofnungen durch den Garten, rief einen
Gondelier herbei, sezte sich in die Gondel und eilte zu der Wohnung der
kleinen _Molla_, wo alles schon im Arm des Traumgotts hingestorben lag.
Sechstes Kapitel.
Rosamunde, die schöne Nichte des Dogen.
»Hör Bursche!« sprach _Matteo_ am folgenden Morgen zum Abaellino: »heute
sollst du dein Probestük in der Kunst machen!«
»»Heute?«« murmelte _Abaellino_ durch die Zähne: »Wem gilts?«
»Es ist freilich nur ein Weib, allein man muß jedem den Anfang
erleichtern. Ich will dich selber begleiten, und sehn, wie du dich bei
dieser Probearbeit benehmen wirst!«
»»Hm!«« sagte _Abaellino_, und maß den Matteo vom Wirbel bis zu den
Sohlen.
»Heut Nachmittag um die vierte Stunde gehn wir mit einander, gut
gekleidet in den Garten von Dolabella, auf der Südseite von Venedig.
Hier pflegt die Nichte des Dogen Andreas Gritti, die schöne Rosamunde
von Corfu zu baden, und nach dem Bade allein zu lustwandeln. Und dann --
nun weißt du's.«
»»Und du begleitest mich?««
»Ich will von deiner ersten That ein Zuschauer sein; so pfleg ichs zu
halten bei jedem! --«
»»Wie tief der Stos?««
»Bis aufs Leben! die Bezahlung ist fürstlich; ich empfange sie nach
Rosamundens Tode.«
Es wurde alles übrige verabredet. Der Nachmittag erschien. Es schlug in
der benachbarten Benediktinerkirche vier Uhr, und Matteo und Abaellino
machten sich auf den Weg.
Sie kamen in den Dolabellischen Garten, der heut ungewöhnlich volkreich
war; Menschen beiderlei Geschlechts durchirrten die umbüschten Gänge; in
allen Lauben sassen die Edlen von Venedig; in allen Winkeln seufzten
liebende Paare der angenehmern Dämmerung des Abends entgegen; und von
jeder Seite scholl Vokal- und Instrumentalmusik um das schwelgende Ohr.
_Abaellino_ mischte sich unter die Spaziergänger; er hatte seinen Kopf
in eine ehrwürdige Perükke verstekt, die Attitüde eines podagrischen
Alten angenommen und schlich so an einem Krükkenstok durch die
Versammlung. Seine goldreiche Kleidung verschaffte ihm allenthalben
Zutritt, jeder lies sich mit ihm in Gespräche über Witterung, Kommerz
der Republik und die Kriege der Ausländer ein, und Abaellino wußte
angenehm zu unterhalten.
So erfuhr er nun auch, daß Rosamunde im Garten sei, wie sie sich heut
gekleidet, und in welcher Gegend sie wandele.
Sogleich schlich er dahin. _Matteo_ verfolgte ihn auf den Fus.
In einer entlegnen Laube sas die größte Schönheit Venedigs, _Rosamunde
von Corfu_.
_Abaellino_ näherte sich der Laube; er wankte vor dem Eingang derselben,
als ein Ohnmächtiger umher, und erregte Rosamundens Aufmerksamkeit.
»Ach!« seufzte er: »ist denn niemand, der sich eines schwachen Greises
erbarmet?«
Die schöne Nichte des Dogen sprang eilig hervor aus der Laube, dem alten
Mann zu helfen. »Was ist Euch, lieber Vater?« fragte sie mit einer süßen
Stimme, und besorgtem Blik.
Abaellino winkte mit der Hand zur Laube hin; Rosamunde führte ihn hinein
und sezte ihn auf ein Rasenbänkchen.
»Gottes Lohn!« stammelte Abaellino mit schwacher Stimme, und sah
Rosamunden ins Auge und erröthete.
_Rosamunde_ stand schweigend vor dem verlarvten Banditen und zitterte in
zärtlicher Sorge -- und diese Bekümmernis macht das schöne weibliche
Geschöpf noch schöner. -- Bebend bog sie sich mit dem halben, schlanken
Leibe über ihren gedungnen Mörder und fragte nach einer Weile: »ists
Euch besser?«
»Besser!« stammelte der Betrüger mit matten Lippen. -- »Ihr seid die
edle Rosamunde von Corfu, des Dogen Nichte?«
»Wohl bin ichs, lieber Alter!«
»»O, Fräulein, da hab ich Euch etwas wichtiges zu entdekken -- ach, du
lieber Gott, wie können die Menschen so grausam sein -- seht nur, man
steht Euch nach Euerm Leben.««
Das Mädchen bebte erblassend zurük.
»Wollt ihr Euern Mörder kennen lernen? -- Ihr sollt nicht sterben, aber
thut mir den Gefallen und verhaltet euch ganz still!«
_Rosamunde_ wußte nicht, was sie zu den Worten des Greises denken
sollte; es wurd ihr bange in der Gesellschaft dieses alten Mannes.
»Fürchtet nichts, Fräulein, fürchtet nichts, seid unbesorgt. -- Der
Mörder soll vor euern Augen sterben.«
_Rosamunde_ machte eine Bewegung, als wollte sie entfliehn. Aber
plözlich verwandelte sich der schwache Greis vor ihren Augen. Er der vor
einer Minute ohnmächtig nur lallen konnte, und zitternd da sas, sprang
auf wie ein Riese und hielt sie zurük in seinen Arm.
»Um Gotteswillen, laßt mich!« rief sie.
»»Fräulein, seid sorglos, ich beschüzze euch!«« entgegnete Abaellino
nahm ein kleines Blech in den Mund und pfiff.
Plözlich sprang der lauernde Matteo aus einem Gesträuch hervor und in
die Laube hinein. Abaellino zog den Dolch, schleuderte Rosamunden hinter
sich, gieng dem Matteo einen Schritt entgegen und stieß ihm das Messer
ins Herz.
Ohne einen Laut von sich zu geben, stürzte der Banditenhauptmann zu
Abaellinos Füßen nieder und röchelte und gab nach vielen gräslichen
Verzukkungen den Geist auf.
Jezt sah der Mörder Matteo's hinter sich, und erblikte Rosamunden
halbohnmächtig auf der Rasenbank.
»Nun ist dein Leben gerettet, schöne Rosamunde, sagte er: da liegt der
Schurke, der mich zu deiner Ermordung hieher führte. Sei ruhig, geh hin
zu deinem Oheim Andreas Gritti, und sage, Abaellino habe dein Leben
erhalten!«
_Rosamunde_ konnte nicht sprechen. Bebend strekte sie ihre Arme aus,
ergrif Abaellinos Hand und küßte sie mit stummer Dankbarkeit.
_Abaellino_ sah die schöne Leidende an, und wer konnte hier gefühllos
bleiben? Man denke sich ein Mädchen, das kaum neunzehn Sommer dieses
Lebens gesehen hatte; den schlanken Gliederbau verstekt in ein weises,
tausendfaltiges leichtes Gewand, mit einem großen, blauen Augenpaar, aus
welchem die reinste Unschuld sprach, einer Stirn, weis wie Elfenbein,
über welcher das schwarze lokkigte Haar sanftgeringelt herabquoll,
Wangen, die der Schrek izt gebleicht hatte, Lippen, die nie ein
Verführer mit seinem Kusse vergiftet, einen Busen, den der keusche
Flornebel vergebens verbergen wollte. Man denke sich dieses Geschöpf,
woran die liebende Natur nichts vergas, um es zum Ideal weiblicher
Schönheit zu erheben -- und man wirds dem ungestümen Abaellino nicht
verargen, wenn er einige Minuten entgeistert dastand und sich um die
Ruhe seines Herzens betrog. --
»O, bei Gott! rief er: Rosamunde, du bist schön, schön wie Emmoina! --«
Er bog sich über sie hin und drükte einen brennenden Kuß auf ihre blasse
Wange.
»»Geh, schreklicher Mensch!«« lispelte sie.
»Ach, Rosamunde, warum bist du so schön, und warum bin ich -- weißt du
wer dich küßte, geh, und sage dem Dogen laut: _der Bandit Abaellino_!«
Er sprachs und verschwand aus der Laube.
Siebentes Kapitel.
Fortsezzung.
Und in der That hatte _Abaellino_ Ursach zu eilen; denn wenige Minuten,
nachdem er die Laube verlassen hatte, verirrten sich mehrere
Spaziergänger in dieser Gegend her, die bald den ermordeten Matteo, und
die todtenblasse Rosamunde erblikten.
Man versammelte sich um die Laube: es strömten immer mehrere Personen
herbei und _Rosamunde_ mußte fast jedem die Begebenheit der vergangnen
Augenblicke erzählen.
Es befanden sich unter den Herbeieilenden verschiedne Hofleute des
Andreas Gritti; man rief ihre Gesellschaftsdamen und Zofen herbei, rief
ihrer Gondel und so begab sich das arme Mädchen in den Pallast ihres
Oheims zurük.
Vergebens hielt man alle andern Gondeln an, vergebens untersuchte man
alle Gäste des Dolabellischen Gartens, der sogenannte Bandit Abaellino
war verschwunden. --
Der Ruf dieser Geschichte flog durch ganz Venedig; jedermann bewunderte
Abaellinos That, bedauerte die arme Rosamunde, verfluchte denjenigen,
der den Matteo zu ihrem Morde besoldet hatte, und suchte alle diese
unzusammenhängenden Fragmente mit dem Kitt der Hypothesen, so gut, wie
gewisse deutsche Philosophen ihre Systeme, zusammenzuflikken.
Am Ende entspann sich hieraus der schönste Stoff zu einem
abentheuerlichen Roman, oder Trauerspiel, betitelt: _Die Gewalt der
Schönheit_. Denn Abaellino hätte wahrscheinlich Rosamunden den Dolch ins
Herz gestossen, meinten die venetianischen Damen und Herrn, wäre
Rosamunde minder schön gewesen.
Zulezt beneideten die Venetianerinnen Rosamunden sogar um das
Abentheuer; man fieng schon an über den Kus des Banditen zu medisiren.
Hm! sagten einige: was kann die schöne Rosamunde ihrem Erretter nicht in
der Angst erlaubt haben! -- Und wird, riefen andere: und wird der Kerl
mit einem schönen Mädchen, dem er das Leben erhielt, allein sich mit
einem einzigen Kusse begnügt haben? -- Freilich! entgegnete man:
Banditen pflegen sonst so sehr galant nicht zu sein und in der Liebe zu
platonisiren! --
Mit einem Worte, Rosamunde und der häsliche Abaellino waren so lange der
Gegenstand müßiger Schwäzzer und Schwäzzerinnen, bis man endlich die
Nichte des Andreas Gritti die _Banditenbraut_ betitelte.
Keiner aber war aufgebrachter, als der Doge. Er gab sogleich Befehl, man
solle wachsamer als je auf alle und jede verdächtige Personen sein; die
Nachtwachen wurden verstärkt, es wurden alltäglich Spione ausgesandt,
aber vergebens, man entdekte keine Spur von den Banditen.
Achtes Kapitel.
Entdekkungen.
»Verdammt!« rief am andern Tage der wilde _Parozzi_, ein venetianischer
Nobile erstern Ranges, und ging mit großen Schritten durch sein Gemach:
»Verdammt sei die Ungeschiklichkeit des Schurken! aber in der That, ich
begreif es noch gar nicht, wie sich das alles zugetragen hat! -- Weis
man von meinen Plänen? hat Bembi Rosamundens Liebe? Wer hat den
Abaellino wider den Matteo ausgeschikt? -- Bembi vielleicht? -- gewis!
-- Und wird der Doge nun nicht fragen: wer hat Mörder wider meine Nichte
ausgesandt? wer kann es anders gewesen sein, als _Parozzi_, der
unglükliche Liebhaber, dem die schöne Rosamunde einen Korb gab, und
Andreas Gritti unhold ist? wird man sagen. -- Pfui! -- Parozzi --
Parozzi! und wenn der schlaue Gritti all deine Pläne entdekte, wenn er
wüßte, daß du an der Spizze mehrerer Leichtsinnigen -- Leichtsinnigen?
ja doch, was sind die Knaben anders, die um der Ruthe zu entgehn, den
Eltern das Haus übern Kopf anzünden wollen? -- Parozzi, wenn das alles
dem Gritti verrathen würde!«
Er wurde in seinen Betrachtungen gestört. _Memmo_, _Falieri_ und
_Contarino_ traten herein, drei junge Venetianer vom besten Adel,
Parozzis tägliche Gesellschafter, am Geist und Körper verdorbne
Menschen, Springinsfelde, Bonvivants, die allen Wucherern in Venedig
mehr schuldig waren, als sie jemals mit ihrem väterlichen Erbe bezahlen
konnten.
»Aber, Brüderchen, rief Memmo, dem das Laster in der grauen
Gesichtsfarbe, dem trüben Blik und den rothblauen Ringen um den Augen
verrieth; um des Himmels Willen, ich bin ausser mir, hast du den Matteo
wider die Nichte des Andreas Gritti ausgeschikt?«
»»Ich?«« sagte Parozzi, und drehte sich um, um die Todtenblässe zu
verstekken, die ihm über das Gesicht flog: »»kein Gedanke -- ich glaube,
du schwärmst!««
Memmo. Wahrhaftig, ich spreche im ganzen Ernst; frag nur den Falieri,
der kann dir mehr erzählen.
Falieri. Höre, Parozzi, der Procurator _Sylvio_ hats dem Dogen als eine
heilige Wahrheit beschworen, daß kein andrer, als du, den Matteo zu
Rosamundens Ermordung bestellt habest.
Parozzi. Nun, und ich sage euch, der Kerl raset.
Contarino. Aber nimm du dich in Acht. Gritti ist fürchterlich.
Falieri. Der Doge ist der elendeste Gauch von der Welt; er kann ein ganz
guter Soldat sein, aber Kopf hat er nicht.
Contarino. Und ich schwöre dirs, Gritti ist wild wie ein Löwe und schlau
wie ein Fuchs.
Falieri. Durch das verdammte Kleeblat, davon er der Stiel ist, der es um
sich zusammen hält. Man nehme ihm den Sylvio, Conari, und Dandoli, so
wird er dastehn, wie ein Schulknabe im Examen, dem mans Concept
gestohlen hat.
Parozzi. Falieri hat Recht.
Memmo. Ja, wahrhaftig.
Falieri. Und stolz ist der Gritti, wie ein Bauer, dem man ein
Purpurkleid angezogen hat. Bei Gott, er ist unleidlich. Bemerkt ihr denn
gar nicht, wie er täglich seinen Hofstaat vermehrt?
Memmo. So wahr ich lebe, du hast Recht.
Contarino. Und welche Gewalt er sich allenthalben anmaßt? Die Signoria,
die Quaranti, die Procuratoren di St. Marco, die Avogadori wollen und
wünschen nichts anders, als was dem Gritti gefällt. Alle hängen sie an
dem Faden seiner Launen wie Marionetten, die ihre Holzköpfe schütteln
oder verneigen, nachdem sie gezogen werden.
Parozzi. Und das Volk vergöttert diesen Gritti.
Memmo. Ja, das ist eben das schlimmste.
Falieri. Aber ich will verdammt sein, wenn sich das Spiel nicht bald
dreht.
Contarino. Ja, nur angefangen, Leute. Aber was thun wir? da liegen wir
in den Weinhäusern und Bordellen, saufen und spielen, stürzen uns in ein
Meer von Schulden hinein, wo zulezt der beste Schwimmer ertrinken muß.
Laßt uns den Anfang machen -- laßt uns werben, laßt uns angreifen, die
Verhältnisse müssen sich ändern, oder es geht in dieser Welt mit uns
nicht gut.
Memmo. (seufzend) Freilich, freilich, die Gläubiger zerklopfen mir schon
seit einem halben Jahr die Thüren, wekken mich des Morgens aus dem
Schlaf und lullen mich des Abends mit ihren Klagen wieder ein.
Parozzi. Ha, ha, ha! nun ihr wißt ja, wie mirs geht! --
Falieri. Hätten wir minder flott gelebt: so würden wir izt ruhig sizzen
können in unsern Pallästen, und -- Aber izt --
Parozzi. Nun, wahrhaftig, ich glaube Falieri hält uns eine Buspredigt.
Contarino. So machens die alten Sünder sammt und sonders, wenn sie nicht
mehr sündigen können, dann geloben sie hoch und theuer Reue und
Besserung. Nein, ich bin zufrieden mit meinen Ausschweifungen; ich seh
doch daraus, daß ich kein Alltagsmensch bin, der mit seinem Pflegma
hinter dem Ofen zusammenschurrt, Federn spizt, Männerchen malt und vor
ungewöhnlichen Einfällen schaudert. Die Natur hat mich einmal zum
Wildfang geboren, und ich will meine Bestimmung erfüllen. -- Brächte der
Himmel nicht zuweilen Geister wie die unsrigen hervor: so würden die
Menschen endlich einschlafen. Aber wir treiben die alte Ordnung aus
ihren Fugen, und die Menschen aus ihrem Schnekkengang, geben einer
Million Müßiggänger Räthsel auf, jagen einige hundert neue Ideen durch
die Köpfe der großen Menge, verursachen allgemeine Gährung und sind
zulezt der Welt so nüzlich, wie ein Sturmwind der trägen, sich selbst
vergiftenden Natur.
Falieri. Prächtige Floskeln, so wahr ich Falieri heiße; Contarino; das
alte Rom vermißt dich. -- Allein Jammer und Schade, daß an dem Geklimper
deiner Worte so wenig Realitäten hängen! -- siehst du, inzwischen du
vielleicht mit deinem Rednertalent barmherzigen Ohren ermüdet hast, hat
Falieri gehandelt. Der Kardinal Grimaldi ist mit der Regierung
unzufrieden, Gott weis es, wodurch ihn Gritti wider sich aufgehezt hat
-- kurz Grimaldi ist von unsrer Parthei.
Parozzi. (erstaunt und froh) Falieri, bist du toll -- der Kardinal
Grimaldi?
Falieri. Und er hängt an uns mit Leib und Seele. Freilich, ich habe ihm
viel von unsern edeln Absichten, von unserm Patriotismus, von unsrer
Freiheitsliebe vorneindbeuteln müssen, aber Grimaldi -- ist ein Pfaffe,
das heißt, ein Gauner! und so taugt er für uns.
Contarino. (reicht dem Falieri die Hand) Bravo, -- Herr Bruder, wir
spielen den Katilina zu Venedig! -- Was mich betrifft, so hab auch ich
gehandelt. Zwar hab ich für uns noch keinen großen Fang gethan, aber
doch besizze ich ein großes allmächtiges Nez, womit ich den besten Theil
Venedigs zu unsern Plänen zusammenfischen werde. -- Ihr kennt doch die
Markise Almeria?
Parozzi. Hält nicht jeder von uns eine Liste der Venetianerinnen, und
wir sollten ^No. I^ vergessen haben?
Falieri. Almeria und Rosamunde, die Losung aller Venetianer.
Contarino. Almeria ist mein.
Falieri. Was?
Memmo. (durch die Zähne) Pest!
Parozzi. Almeria?
Contarino. Nun, gafft ihr mich nicht an, als weissagt ich euch den
Einsturz des Himmels? -- Kurz, ich bin Almeriens Favorit, und mit ihr
aufs innigste vertraut. Aber unsre Liebschaft wird verdekt gehalten; was
ich will, will auch sie, und wie sie pfeift, so tanzt Venedigs halber
Adel.
Parozzi. Contarino, du bist unser Meister.
Contarino. Und nun ahndet ihr doch nicht, welche Macht ich in den Händen
habe?
Parozzi. Ich schäme mich vor euch, denn noch hab ich nichts gethan. Wär'
Rosamunde ermordet: so würd' ich, wenigstens euch vorlügen können, daß
ich sie für mein Geld habe in den Himmel bringen lassen, damit Gritti
den Hamen verlöre, womit er Venedigs erste Männer an sich gefangen hält.
Lebt Rosamunde nicht mehr: so verliert Gritti allen Reiz; die
glänzendsten Häuser werden von ihm ablassen, wenn ihre Hofnung zu Grabe
geht, sich mit dem Gritti durch Rosamundens Verheurathung zu verbinden.
Sie erbt einmahl vom Dogen.
Memmo. Und damit ich eurer würdig sei, will ich -- Geld schaffen. Mein
alter, grämlicher Oheim hinterläßt mir dem Universalerben volle Kisten
-- und der alte Filz, kann ja sterben, wenns mir gefällt.
Falieri. Er hätte längst sterben können.
Memmo. Ich war nur zu ängstlich -- wahrhaftig Leutchen, ihr glaubts
nicht, ich bin zuweilen so hypochondrisch, daß es mir ist, als hätt' ich
Gewissensbisse.
Contarino. Freund, nimm einen guten Rath an. -- Geh ins Kloster!
Memmo. He, he, he, he!
Falieri. Wir müssen die alten Freunde, -- Matteo's Gesellschaft
aufsuchen; die Gauner lassen sich jezt nirgends wittern.
Parozzi. Und vor allen Dingen muß das Kleeblatt des Dogen verdorren oder
abgerissen werden.
Contarino. Vortrefliche Vorsäzze! wahrhaftig, wenn sie nur so schnell
erreicht, als geträumt wären. -- Kurz, Freunde, wir begraben entweder
unser Elend unter den Ruinen der alten Staatsverfassung, oder wir
befestigen dieselbe noch mehr durch unsere Todtenschädel. -- In beiden
Fällen erlangen wir Ruhe. Die Noth hat uns mit ihrer Geissel nun
hinaufgepeitscht auf den lezten Gipfel ihres Felsen, wo wir entweder uns
durch einen Geniestreich erretten, oder von der andern Seite in den
Abgrund ewiger Vergessenheit und Schande hinunterschwindeln müssen. --
Laßt uns izt nur raffiniren: woher Geld zu den nöthigsten Unkosten und
woher Theilnehmer an unsern Plänen? Geht hin, und erobert die
berühmtesten Mezzen Venedigs, auf deren Altären der Staatsmann, Mönch
und Bürger opfert. Was wir mit aller Beredsamkeit, Banditen mit ihren
Dolchen, Prinzen mit ihren Geldbörsen nicht vermögen, kann solch eine
Phryne mit einem einzigen Blik. Wo der Wiz des Pfaffen scheitert und die
Gewalt des Kriminalrichters ohnmächtig wird, kann noch ein Kus, ein
süsses Versprechen Wunder thun. An dem wollüstigen Busen solcher Weiber
schläft endlich die wachsamste Treue ein: ein Kus von solchem Weibe
thaut der stummen Verschwiegenheit die Lippen auf und eine Schäferstunde
kann die heiligsten Grundsäzze zu Grabe läuten.
Oder will euch das Glük bei den Weibern nicht wohl, oder fürchtet ihr
euch selber in den Nezzen verwirren zu können, die ihr für andere
ausspannt: so versuchts mit den Pfaffen. Schmeichelt den Stolz dieser
Hochmüthigen, malt ihnen auf das leere Blatt der Zukunft Kardinalshüte,
Patriarcheninsuln, Bischofsstäbe und Pontificalien. Ich schwör es euch,
sie haschen zu, und ihr habt sie in eurer Gewalt. Sie, die
Gewissensräthe der bigotten Venetianer, lenken Mann und Weib, Edelmann
und Bettler, Gondolier und Dogen, Gelehrte und Laien am Zaum des
Aberglaubens. Habt ihr die Pfaffen für euch: so könnt ihr Tonnen Goldes
ersparen, um die Gewissen zu bestechen, denn sie handeln mit dem lieben
Gott in Compagnie, und verschenken nach ihrem Gefallen bald die ewige
Seligkeit bald die höllische Verdammnis.
Neuntes Kapitel.
Mollas Häuschen.
Kaum hatte _Abaellino_ die berüchtigte That vollbracht, die nun allen
Venetianern Stoff zum Plaudern gab: so entwischte er so glüklich, daß
man auch nicht den geringsten Umstand vorfinden konnte, der ihn, als dem
Thäter verrathen, oder die Spuren seiner Flucht entdekken konnte.
Er kam an Molla's Häuschen -- es war schon gegen Abend. Molla öffnete
die Thür und er begab sich ins Zimmer. »Wo sind die andern?« fragte er
in einem wilden Ton. _Molla_ erschrak:
»Sie schlafen schon seit dem Mittag. Wahrscheinlich wollen sie in der
Nacht auf die Jagd gehn.« --
_Abaellino_ warf sich gedankenvoll auf einen Sessel.
»Aber du bist ja so düster, Abaellino? sieh nur, du wirst dadurch so
häslich. Weg mit den Falten von der Stirn, sie entstellen dich noch
mehr.«
_Abaellino_ antwortete ihr nicht.
»Aber ich fürchte mich endlich vor dir. Sei doch freundlich du Riese!
ich fange wirklich schon an dir gut zu werden, und deinen Anblik zu
ertragen und« -- -- --
»»Wekke die Schläfer!«« brummte der Bandit.
»Ei, laß sie doch schlafen, die trägen Kerls, fürchtest du dich denn mit
mir allein zu sein? Seh ich denn so schreklich aus, wie du? -- sieh mich
doch einmal an.«
Sie stellte sich in ihrer kleinen, runden Figur vor ihm hin, und
schielte lächelnd mit lüsternen Augen zu ihm hinüber. -- Molla war in
der That nicht häslich; ihr Stumpfnäschen, ihr brennendes Auge, ihr
blondes Haar, das hinter der Haube wild über den vollen Busen
herabstürzte, der in diesen Augenblikken ohnedies nur sehr leicht bedekt
war, machte sie niedlich. Allein Molla wußte auch, daß sie ein
Stumpfnäschen, einen sprechenden Blik, ein blondes Haar, und einen
vollen Busen hatte. Und ihr Karakter war daher -- wie der Karakter der
meisten Mädchen und Weiber in einem gewissen Alter, in allen Ständen.
Ein Mädchen, die es ihrem Spiegel und ihren Schmeichlern glaubt, es sei
schön, ist auf dem halben Wege, ihre Unschuld zu verlieren. -- Molla
übrigens war weder Mädchen noch Weib, sondern -- -- -- was viele ihres
Alters und Geschlechts sind.
»Aber sei doch nicht so tükkisch, lieber Abaellino!« sagte sie und sezte
sich dicht neben ihn nieder und strich ihm mit ihrer runden Hand die
schwarzen Lokken von der Stirn.
»»Wekke die Schläfer!«« rief _Abaellino_, und stierte sie verdrüslich
an.
»Ei, ich glaube gar, der Schelm will trozzen!« sagte sie und stand auf,
warf sich auf seinen Schoos, sah ihn in die Augen -- und das Halstuch
fiel ab.
»Bösewicht! rief sie, was machst du?«
_Abaellino_ konnte sich des Lächelns nicht erwehren.
»Lache nur noch!« sagte sie lächelnd und faltete die Stirn, um zornig zu
scheinen, vergab ihm aber bald die nicht begangne Sünde, schlang ihre
Arme um ihn und drükte ihn an sich.
»»Du bist ein gutes Mädgen, Molla!«« entgegnete er, sties sie sanft
zurük und stand auf: »»in einer halben Stunde wollen wir uns beide mehr
erzählen, jezt rufe die Schnarcher herbei, ich muß sie sprechen!««
_Molla_ entfernte sich schweigend und drohte ihm im Zurüksehn mit dem
Zeigefinger.
_Abaellino_ gieng mit starken Schritten durchs Zimmer, den Kopf auf die
Brust gesenkt, die Arme untereinander geschlagen. »Der erste Schritt,«
dachte er bei sich! »der erste Schritt ist gethan; ein moralisches
Ungeheuer weniger in der Welt. Ich habe in diesem Morde nicht gesündigt,
sondern mich geheiliget. -- Gott, steh mir bei, ich habe ein großes Werk
vor mir. -- Ach, und dann soll Rosamunde der Lohn meiner Mühseligkeiten
-- Rosamunde? die Nichte des Dogen dem verworfnen Abaellino -- o, in
Ewigkeit geht es hier nicht gut zu Ende. Aber welch ein toller Einfall,
ein Mädchen beim ersten Anblik -- -- Aber auch nur eine Rosamunde kann
durch ihr erstes Erscheinen fesseln. -- Rosamunde und Emmoina! -- --
Doch es ist schön nach Unmöglichkeiten zu haschen, es belustigen Träume
wenigstens, und der arme Abaellino bedarf Belustigung. O wüßte die Welt,
was Abaellino vollführen wird, ach sie würde ihn gewis lieben und
bemitleiden! --«
_Molla_ trat herein. Ihr nach folgten schlaftrunken, gähnend und schlaff
Thomas, Baluzzo, Petrini und Struzza.
»Reibt euch den Schlaf von den Augen, und überzeugt euch, daß ihr
wachend seid, denn ihr sollt etwas hören, was ihr kaum im Traume glauben
würdet.«
Alle sahn ihn gleichgültig an. »Nun was ists denn?« fragte _Thomas_ und
dehnte sich schläfrig.
»Nichts mehr und nichts weniger, als daß unser braver, schlauer, tapfrer
Matteo -- _ermordet_ ist.«
»»Wie? -- ermordet!«« lallte jeder und starrte den Hiobsboten mit
erschroknen Blikken an, und Molla schlug die Hände über den Kopf
zusammen und sank kreischend auf den Sessel nieder, auf welchem sie vor
wenigen Minuten noch um Abaellinos Zärtlichkeit buhlte.
Es herrschte eine allgemeine Stille.
»Donner und Wetter!« rief endlich Struzza und trat ein paar Schritt
zurük.
Thomas. Von wem?
Baluzzo. Wo?
Petrini. Diesen Nachmittag?
Abaellino. Vor einigen Stunden im Dolabellischen Garten, wo er die
Nichte des Dogen aufgesucht hatte -- wer ihn ermordet, das weis der
Himmel.
Molla. (heulend) Der arme Matteo.
Abaellino. Morgen um diese Zeit findet ihr seinen Leichnam auf dem
Rabenstein.
Petrini. Hat man ihn denn erkannt?
Abaellino. Freilich.
Molla. Der arme Matteo!
Thomas. Ein verdammter Streich!
Baluzzo. Verflucht, das hat ihn nicht geahndet, da er von uns ging, und
uns allen nicht.