»Ich sagt's euch ja, daß wir zu früh dran sind. Sie sind noch gar nicht

da, die Thüre ist geschlossen. Ich mach' auf, da können ein paar von

euch hineinkriechen und im Dunkeln auf die Kerle warten und sie dann

niedermachen. Wir andern halten draußen herum Wacht und geben euch ein

Zeichen wenn sie nahen!«

Gesagt, gethan! Und ehe wir uns noch besinnen konnten, waren sie schon

in der Hütte, sahen uns aber glücklicherweise im Dunkeln nicht und

stolperten beinahe über uns hinweg, während wir unters Bett und ins

Loch krochen. Wir kamen richtig durch; leise und schnell, Jim zuerst,

dann ich, Tom zuletzt -- so lautete die Ordre. Jetzt waren wir im

Schuppen und hörten draußen ganz in der Nähe Fußtritte. Wir krochen

leise der Thüre zu, Tom gebot uns Halt und legte sein Auge an eine

Spalte, konnte aber nichts entdecken, so dunkel war es, und flüsterte

uns zu, er wolle horchen und warten, bis sich die Schritte da draußen

entfernten, und wenn er uns anstoße, solle zuerst Jim und dann ich ganz

leise hinausschleichen und er komme hinterdrein. So legte er denn sein

Ohr an die Spalte und horchte und horchte und die Schritte tönten immer

gleich nahe. Mit einemmal aber stößt er uns an und wir öffnen leise die

Thür, gleiten hindurch, bücken uns, wobei wir kaum zu atmen wagen, und

schlüpfen ohne jedes Geräusch, einer hinter dem andern, dem Zaun zu,

kommen dort sicher an, setzen drüber -- das heißt Jim und ich -- Tom

aber bleibt mit den Hosen an einem Splitter hängen, und wie er sich

losreißen will, kracht es und Schritte nähern sich; er reißt sich nun

mit Gewalt los und setzt hinter uns her, aber da hören wir auch schon:

»Wer ist da? Steht oder ich schieße!«

Wir aber standen nicht, sondern rannten drauf los wie toll. Dann kam

ein sonderbares Geräusch und bum, bum, bum! sausten die Kugeln um unsre

Köpfe. Noch hörten wir, wie sie riefen:

»Da sind sie, da sind sie! Nach dem Fluß zu! Ihnen nach, die Hunde los!«

Dann kam eine atemlose Pause und dann -- setzte die ganze Bande hinter

uns her. Wir hörten sie, weil sie dicke Stiefel trugen und gehörig

kreischten, wir aber waren barfuß und gaben keinen Laut von uns.

Wir befanden uns auf dem Pfad zur Mühle und als uns die Verfolger

nachkamen, schlugen wir uns seitwärts in den Wald und ließen sie

vorüberrasen, um dann gemächlich hinter ihnen dreinzukommen. Die

Hunde hatten sie schlauerweise alle eingesperrt gehabt, und bis einer

dieselben losgelassen, verging ein gut Teil Zeit. Jetzt aber kamen

sie einhergesetzt mit Gebell und Geheul -- genug für dreitausend. Es

waren aber gottlob _unsre_ Hunde, und als sie herankamen und merkten,

daß nur wir es seien und alles so still und friedlich bei uns zugehe,

da umschnoberten sie uns nur kurz und setzten dann mit erneuter Kraft

hinter dem schreienden, stampfenden Haufen unserer Verfolger drein. Wir

aber weiter, immer hinterher bis zur Mühle, und dann rechts hinunter

dem Fluß zu, da, wo wir des Onkels Boot am Abend befestigt hatten.

Im Nu war dieses losgemacht und wir hineingesprungen. Dann ruderten

wir bis zur Mitte des Flusses, als gelte es unser Leben, immer mit

möglichst wenig Geräusch. Von da an hielten wir gemächlich auf die

Insel zu, wo das Floß verborgen lag, und wir konnten unsre Verfolger

fortwährend abwechselnd schreien und johlen und die Vierfüßler

dazwischen bellen hören am ganzen Ufer entlang, bis wir schließlich so

weit weg waren, daß die Töne in der Entfernung erstarben. Da waren wir

auch schon am Floß angelangt und ich sagte:

»Jim, jetzt bist du _wieder_ ein freier Mann und ich wette, von nun an

für immer und immer!«

»Un schön sein's gewesen, un schön sein's gegangen, Huck! Alte Jim nie

nix haben gesehen so schöne, gute Plan für zu machen frei arme Nigger!

Sein gewesen beste Plan, den man können erfinden. So viel Arbeit un so

schwer un so lang' Zeit un so durchnander! Sein aber auch gewesen Massa

Tom, gute Massa Tom seine Plan!«

Wir waren alle so froh und vergnügt, als wir nur sein konnten, und Tom

war der Glückseligste von uns, denn er hatte eine Kugel, eine wirkliche

und wahrhaftige Kugel in den Schenkel gekriegt.

Als Jim und ich das hörten, fühlten wir uns nicht halb mehr so wohl als

vorher. Es that ihm ziemlich weh und blutete und wir legten ihn unter

das kleine Bretterhäuschen, das wir zum Schutz gegen Regen errichtet

hatten. Ich riß mein Hemd herunter, zerteilte es in Streifen und

schickte mich an, die Wunde zu verbinden. Er aber stößt mich weg und

sagt:

»Nein, gieb mir die Lumpen, ich besorg' das selbst. Steht doch nicht so

herum. Die Ruder her und abgestoßen! -- Aber gelt, das haben wir fein

gemacht, Jungens, fein, kolossal fein, sag' ich euch! Na, ich wollt

nur, wir hätten die Flucht von Ludwig XVI. zu beaufsichtigen gehabt --

alles wär' anders gekommen und kein Kopfabhauen und keine Guillotine

und nichts dergleichen hätt's gegeben! Nein, nichts davon -- den

hätten wir flott beiseite geschafft -- elegant, sag' ich euch! Aber

nun alle Mann an Bord -- vorwärts! Los!«

Jim aber und ich berieten uns und überlegten, was wir zu thun hätten,

und nach ein paar Minuten sag' ich:

»Jim,« sag' ich, »sprich du!«

Und Jim sagt:

»Du, Huck, alte Jim nur eins wollen sagen. Wenn junge Herr Tom wären

worden gerettet und befreit vom Jim un Huck, un Jim hätten gekriegt

Kugel in Bein, Tom Sawyer hätten nie gesagt: Kugel nix machen für alte

Jim sein Bein -- nur vorwärts, weiter, Jim nix brauchen Doktor, Tom

wollen erst sein frei. Nein, junge Herr Tom nie nix würde sagen so! Un

alte Jim auch wissen, was er haben zu thun. Alte Jim nix gehen von die

Fleck, eh' Doktor sein da, zu sehen nach Kugel, alte Jim nie nix gehen

ein Schritt weiter, und wenn er müssen warten vierzig Jahr!«

Ich wußt's ja, inwendig war Jim ein Weißer, so weiß wie irgend

einer, wenn auch von außen nichts davon zu sehen war. Ich wußt's,

daß er so sprechen würde und nun war alles gut und mir selbst eine

Last vom Herzen genommen. Wir teilten nun Tom unsern Entschluß mit,

der natürlich nichts davon wissen wollte und schalt und tobte und

schließlich selbst probierte, herauszukriechen aus dem Bretterverschlag

und das Floß flott zu machen, was wir ihn aber nicht thun ließen. Als

er sah, daß wir fest blieben und daß ich das Boot zur Fahrt nach dem

Städtchen fertig machte, meinte er:

»Na, wenn ihr denn durchaus so dickköpfig sein wollt, so ist's am

Ende besser, ich sag' dir, Huck, was du thun mußt, wenn du zum Doktor

kommst. Du verriegelst die Thür hinter dir, fesselst den Mann und

verbindest ihm gut die Augen. Dann läßt du ihn schwören, daß er stumm

sein will wie das Grab, steckst ihm einen Beutel mit Geld in die Hand

und führst ihn dann durch lauter Hinterthüren und Seitenwege, immer

im Dunkeln, bis zum Boot, ruderst die Kreuz und Quer um alle Inseln

herum, um ihn irre zu führen, durchsuchst ihm dann die Taschen nach

Kreide, nimmst ihm die weg und giebst sie ihm erst wieder, wenn du mit

ihm ins Städtchen zurückkommst, denn sonst macht er sich mit der Kreide

ein Zeichen an unser Floß, um's später wiederzufinden. -- Das thun sie

nämlich alle.«

Ich versprach's genau so zu machen und Jim wollte sich im Wald

verstecken, wenn er mich mit dem Doktor kommen sehe, und warten bis

er wieder weg wäre, und so stieß ich denn ab und ruderte flink dem

Städtchen zu.

[Illustration]

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Der Doktor. -- Onkel Silas. -- Schwester Hotchkiß. -- Tante

Sally in Nöten.

Der Doktor war ein freundlicher, gutmütig aussehender, alter Mann,

den ich natürlich erst aus seinem besten Schlaf wecken mußte. Ich

erzählte ihm, wie ich und mein Bruder gestern zusammen ausgezogen wären

zum Jagen nach Spanish Island und wie wir dort die Nacht auf einem

gefundenen Stück Floß kampierten und daß mein Bruder wahrscheinlich um

Mitternacht einen bösen Traum gehabt haben müsse, denn sein Gewehr sei

losgegangen und habe ihn ins Bein geschossen und er möge doch mitkommen

und nachsehen, was sich thun ließe, aber ja nichts verraten, denn wir

wollten am Abend wieder heim und unsre Leute überraschen.

»Wer sind denn eure Leute?«

»Ei, die Phelps' drunten auf der Mühle.«

»So, so,« macht er und nach einer Minute fragt er: »_Wie_ hast du

gesagt, daß er den Schuß kriegte?«

»Er hat geträumt und da ging das Gewehr los.«

»Sonderbarer Traum!« brummt er.

Dann zündete er sich eine Laterne an, nahm seinen Messerbeutel und wir

machten uns auf den Weg. Als er aber das Boot sah, traute er ihm nicht

recht und sagte, das sei wohl genügend für einen, aber für zwei sicher

nicht genug. Platz' ich los:

»Ach, Sie brauchen keine Angst zu haben, wir sind da drin zu dritt

gefahren und ganz bequem.«

»Zu dritt? Wer war denn der dritte?«

»Ei, ich und Sid und -- und -- und die Gewehre; -- ich hab' mich eben

versprochen.«

»Ah, so?« war alles, was er sagte.

Er setzte seinen Fuß auf die Bank und wiegte das Boot hin und her und

probierte, wie fest es sei, und meinte dann, er wolle sich doch lieber

nach einem größeren umsehen. Die aber waren alle angekettet und so

stieg er allein ins Boot und meinte, ich könne ja warten, bis er wieder

käme, oder am Ufer nebenher laufen; das beste sei, ich würde heimgehen

und meine Leute auf die Nachricht vorbereiten. Das aber wollte ich

nicht und sagt's ihm auch und sagt' ihm dann noch, wie er das Floß

finden könne, und er stieß ab.

Mir ging ein Licht auf. Sag' ich zu mir selbst: wenn der nun mit dem

Bein doch nicht so im Handumdrehen fertig wird? wenn er am Ende drei

oder vier Tage braucht? was dann? -- dort bleiben und warten, bis er

die Katze aus dem Sack läßt? Nein, Herr Doktor, ich weiß, was ich zu

thun habe, Sie sollen's schon erfahren! Ich bleib' hier und warte bis

er zurückkommt, und wenn er dann sagt, er müsse bald wieder nachsehen,

dann paß' ich auf und gehe mit und wenn ich schwimmen muß; dann nehmen

wir ihn fest, binden ihn, treiben den Fluß hinunter und geben ihn erst

frei, wenn er mit Tom fertig ist. Wir belohnen ihn dann königlich, das

heißt, wir geben ihm eben was wir haben und rudern ihn dann ans Ufer.

Man sieht, ich hatte doch ein wenig von Toms Unterricht profitiert und

war stolz darauf!

Einstweilen kroch ich nun bei einem alten Holzhaufen unter und muß

fest eingeschlafen sein, denn wie ich die Augen wieder aufmache, ist's

heller Tag und die Sonne brennt mir auf den Schädel. Vom Doktor war

weit und breit nichts zu sehen. So renn' ich denn nach seinem Hause

und höre, daß er in der Nacht gerufen worden und seitdem nicht wieder

heimgekommen sei. Armer Tom, denk' ich, da sieht's bös aus, und setz'

mich wieder in Trab, und wie ich um die nächste Ecke biege, renn' ich

mit dem Kopf beinahe auf Onkel Silas' Magen. Er ruft:

»Junge, Tom, wo habt ihr denn gesteckt, alle die Zeit, Bengel, he?«

[Illustration]

»Ich -- ich hab' gar nicht gesteckt,« stotter' ich, »Sid und ich sind

nur immer hinter dem durchgebrannten Nigger hergewesen.«

»Ja, aber wo denn in aller Welt, wo habt ihr ihn denn gesucht? Eure

Tante ist in schöner Angst und Aufregung eurethalben!«

»Das braucht sie gar nicht zu sein,« sag' ich, »uns ist nichts

passiert. Wir liefen hinter den Männern und den Hunden drein, konnten

aber nicht Schritt halten und verloren sie. Dann dachten wir, wir

hörten sie auf dem Wasser, nahmen das Boot und setzten hinter ihnen

her, ruderten hierhin und dorthin, konnten sie aber gar nicht finden.

Wir aber immer weiter am Ufer hin, bis wir müde und schläfrig waren,

und dann legten wir an, banden das Boot fest und legten uns selbst aufs

Ohr und wachten erst vor einer Stunde wieder auf. Da dachten wir, wir

wollten zur Stadt rudern, um zu hören, wie's gegangen sei, und nun ist

Sid nach der Post, um zu sehen, ob er nichts erfahren könne, und ich

wollte eben sehen, ob sich etwas zu essen auftreiben ließe und dann

wären wir heimgekommen.« --

Wir gingen also zur Post, um nach ›Sid‹ zu sehen, aber der war

natürlich nicht dort. Der Alte bekam einen Brief eingehändigt und wir

warteten noch eine gute Weile, aber Sid wollte immer noch nicht kommen.

Da wurde der Alte endlich ungeduldig und meinte, seinetwegen könne der

nun heimfliegen oder schwimmen oder was er wolle, ihm sei's einerlei,

_wir_ führen -- und zwar gleich. Mich zurücklassen, damit ich auf Sid

warten konnte, wollte er auch nicht, er meinte, das habe doch weiter

keinen Zweck, der werde sich schon heimfinden; ich müsse mit, damit

Tante sehe, daß wir heil und ganz seien.

Als wir heimkamen, war Tante Sally über die Maßen froh, mich zu sehen.

Sie lachte und weinte in einem Atem und umarmte mich und klopfte mich

ein paarmal in ihrer gewohnten Weise, was aber mehr gestreichelt war,

und sagte, wenn Sid heimkomme, kriege der auch seinen Teil.

Das ganze Haus war voller Farmer und Farmersfrauen, die alle zum

Mittagessen bleiben wollten, und es war ein Gezeter und Geschnatter,

daß man sein eignes Wort kaum hörte. Die alte Frau Hotchkiß war die

ärgste, der stand die Zunge keine Sekunde still -- das lief nur so.

»Na, Schwester Phelps,« -- sagt sie -- »ich bin vorhin drin in der

Hütte gewesen und ich glaub', der Kerl, der Nigger, war einfach

verrückt. Sagt's ja gleich der Schwester Damrell: Schwester Damrell,

sag' ich, der Kerl war verrückt, verrückt war er, sag' ich -- das sind

meine eignen Worte. Ihr habt's ja alle gehört, nicht? Er war verrückt,

sagt' ich, das kann ein Wickelkind sehen, sagt' ich. Und, ich sag',

seht doch nur den Mühlstein an! Ein gesunder Mensch mit fünf Sinnen

kann unmöglich so tolles Zeug auf einen Mühlstein kratzen, he, was

meint ihr? -- Hier brach irgend einer sein Herz, und da elendete sich

der und der durch siebenunddreißig Jahre hindurch, und dann den Unsinn

über den natürlichen Sohn von irgend einem Ludwig und all das tolle

Zeug. Der war rein verrückt, das hab' ich gleich anfangs gesagt und

sag's nun noch einmal und bleib' dabei bis an mein seliges Ende. Nein,

so ein Kerl! Der war verrückt, so verrückt wie der hl. ›Nebokatzneser‹

seinerzeit, und das sag' ich und damit basta!«

»Und die Strickleiter aus Lumpen, habt ihr die gesehen?« fragte die

alte Frau Damrell, »was in aller Welt hat er mit der --«

»Grad', was ich gesagt habe vorhin zur Schwester Utterback, es sind

noch keine drei Minuten her, das wird sie euch bestätigen. Sie sagte:

seht doch nur die Strickleiter, sagt sie. Ja, sag' ich, seht doch,

was kann er damit haben thun wollen? sag' ich. Sagt sie: Schwester

Hotchkiß, sagt sie --«

»Aber wie in aller Welt haben sie den Mühlstein hineingekriegt und wer

hat das Loch gegraben und --«

»Meine _eignen_ Worte, Bruder Penrod, meine _eignen_ Worte! -- darf ich

um die Saucenschüssel bitten? -- dasselbe sagt' ich grad' zu Schwester

Dunlap -- grad' vor einer Minute -- Schwester Dunlap, sag' ich, wie

haben die Kerle den Mühlstein hineingebracht, sagt' ich, und ohne

Hilfe, sag' ich -- ohne Hilfe! Da liegt der Hase im Pfeffer! Ich laß

mir so was nicht weiß machen, sag' ich, da war Hilfe, sag' ich, und

_viel_ Hilfe. Dem Kerl haben mehr als ein Dutzend geholfen, da wett'

ich meinen Kopf -- und ich für mein Teil, ich würde jeden Nigger hier

am Platz lebendig rösten, bis er gesteht, wer geholfen hat. Ich wollt's

schon herauskriegen -- ich, das sag' ich und dabei bleib' ich und --«

»Ein Dutzend, meint ihr, habe geholfen? Ei, _vierzig_ konnten kaum mit

dem fertig werden, was gethan worden ist. Seht nur einmal die Sägen aus

Taschenmessern an und all das Zeug, was da für Zeit dazu gehört, um das

fertig zu kriegen, und damit haben sie den Bettpfosten durchsägt, und

dann die Strohpuppe auf dem Bett und --«

»Das ist jetzt leicht sagen, Bruder Hightower, das hab' ich grad'

vorhin dem Bruder Phelps selbst gesagt. Er frug mich: ›wie denkt ihr

denn drüber, Schwester Hotchkiß?‹ Ueber was, Bruder Phelps, sag' ich,

über was? ›Ueber den Bettpfosten, wie der abgesägt ist‹, sagt er.

Drüber denken? sag' ich, drüber denken? Ei, von selbst hat sich der

nicht abgesägt, sag' ich, da wett' ich meinen Kopf, sag' ich -- den

hat niemand abgesägt, sag' ich und dabei bleib' ich. Das ist meine

Meinung, sag' ich, sie mag nicht viel wert sein, sag' ich, aber 's ist

nun einmal meine Meinung, sag' ich, und wenn's jemand besser weiß, sag'

ich, der soll's nur sagen, sag' ich, und so ist's und dabei bleib' ich.

Und, sag' ich zu Schwester Dunlap, Schwester Dunlap, sag' ich --«

»Meiner Seel', das muß ja eine ganze Schar Nigger gewesen sein, die in

der Hütte Nacht für Nacht ihr Wesen getrieben haben, um all das fertig

zu kriegen, Schwester Phelps. Seht nur einmal das Hemd an -- jeder Zoll

davon mit geheimnisvoller afrikanischer Blutschrift bedeckt. Eine ganze

Schar, sag' ich, muß dahinter her gewesen sein all die Wochen! Ich gäb'

wahrhaftig zwei Dollars, wenn mir einer das Zeug erklären könnte, und

die Kerle, die's geschrieben haben, würd' ich peitschen, bis --«

»Eine ganze Schar zum helfen, Bruder Marples, sagt ihr? Ja, das will

ich meinen! Ich wollt' nur, ihr wäret in dem Unglückshaus gewesen

und hättet die letzten Wochen miterlebt. Die Kerls haben gestohlen,

was ihnen unter die Finger kam -- und wir immer hinter allem her und

trotzdem stahlen sie weiter! Sie haben das Hemd unter meiner Nase

von der Waschleine weggenommen und auch das Leintuch, aus dem sie die

Leiter gemacht haben, -- ich weiß gar nicht, wie oft sie Leintücher von

der Waschleine gekrippst haben! Und Mehl und Kerzen und Leuchter und

Löffel und die alte Pfanne und tausend Dinge, auf die ich mich jetzt

nicht besinnen kann, und mein neues Kattunkleid, und dabei waren ich

und Silas und mein Tom und Sid immer dahinter her, Tag und Nacht, wie

ich schon gesagt habe, und keiner von uns konnte auch nur ein Haar von

ihnen entdecken. Und jetzt, zuguterletzt, führen die Kerle nicht nur

uns an, sondern noch dazu die Räuberbande vom Indianerterritorium, und

kriegen wahrhaftig den Neger weg mit heiler Haut, trotz den sechzehn

Mann und zweiundzwanzig Hunden, die ihnen auf den Fersen sind. Da

mach' sich einer einen Vers drauf! Ei, _Geister_ hätten's nicht besser

besorgen, nicht flinker und gewichster sein können! Und ich glaub'

wahrhaftig, es _müssen_ Geister gewesen sein, denn -- nehmt nur einmal

unsre Hunde an -- ihr kennt sie alle, bessre giebt's gar nicht -- und

hat auch nur einer von ihnen die leiseste Spur von den Kerlen entdeckt

-- he? Das erklär' mir einer -- wenn er kann! He?« --

»Ja, das übersteigt denn doch --«

»Hat man je so was gehört, so --«

»Herr, du mein Gott, ich --«

»Hausdiebe sowohl als --«

»Herr, du meine Güte, ich hätt' mich zu Tode gefürchtet, wenn ich in

dem Hause --«

»Zu Tode gefürchtet? Ei, ich bin auch beinahe gestorben vor Angst!

Ich hab' kaum gewagt ins Bett zu gehen oder aufzubleiben, zu liegen

oder zu stehen, Schwester Ridgeway -- ihr könnt mir's glauben. Ei, die

waren imstande, mir das Tuch unterm -- na, ihr könnt euch denken, in

welcher Aufregung ich war, als gestern Mitternacht herankam. Ich war

so weit, daß ich jeden Augenblick dachte, mein bißchen Verstand müsse

auch noch mit draufgehen. Ich glaubte wahrhaftig, sie würden zum Schluß

noch anfangen die Kinder zu stehlen. Jetzt bei Tag hört sich's freilich

komisch an, aber, sag' ich zu mir selbst, da sind meine zwei armen,

unschuldigen Jungen da oben und schlafen und wissen nichts in dem

einsamen, dunklen Zimmer, und wahrhaftig, ich wurde bei dem Gedanken so

unruhig, daß ich hinaufkroch und die Thüre verschloß. Wahrhaftig, das

that ich! Und das hätte jeder an meiner Stelle auch gethan. Denn, wißt

ihr, wenn man erst einmal anfängt sich zu fürchten, und es geht weiter

und weiter und wird schlimmer und schlimmer und man verliert den Kopf

und kriegt das Zittern und weiß kaum mehr, was man thut, da befürchtet

man jeden Augenblick etwas Schreckliches. Ich dachte, wenn du so ein

armer Junge wärst und schliefst da oben allein und das Zimmer wäre

nicht verschlossen und man --« Da hielt sie auf einmal ein und ihr Auge

nahm einen starren, verwunderten Ausdruck an, als wolle sie sich auf

etwas besinnen, und sie wandte mir langsam den Kopf zu und ihr Blick

streifte mich und ich dachte, es sei gesünder für mich, einen kleinen

Spaziergang zu unternehmen, ehe sie zu Worte komme.

Sag' ich zu mir selber: Huck, du wirst's besser erklären können, wie's

kam, daß ihr am Morgen trotz verschlossener Thür nicht im Zimmer waret,

wenn du jetzt ein bißchen hinausgehst und drüber nachdenkst. Und das

that ich denn auch. Weit weg aber wagte ich mich nicht, aus Furcht, sie

könne nach mir schicken und dann erst recht ein Verhör anstellen. Gegen

Abend gingen allmählich die fremden Leute weg und ich erzählte ihr,

wie ›Sid‹ und ich in der Nacht vom Lärm und vom Schießen aufgewacht

seien, und daß wir hätten sehen wollen, was es gebe, und da wir die

Thüre verschlossen gefunden, am Blitzableiter hinuntergerutscht seien,

wobei wir uns beide ein wenig wehgethan und deshalb geschworen haben,

es nie wieder zu probieren. Und dann erzählte ich ihr alles, wie ich's

Onkel Silas zuvor erzählte, und sie sagte, sie wolle uns verzeihen, es

sei wohl natürlich bei solch wilden Bengeln wie wir zwei, und sie danke

Gott, daß uns weiter nichts passiert sei und wolle nun nicht länger

nachdenken über das, was daraus hätte werden können, und sie klopfte

mich auf den Kopf und versank in Nachsinnen. Mit einemmale springt sie

auf und ruft:

»Tom,« ruft sie, »Wo ist Sid? Beinah' ist's Nacht und noch kein Sid da!

Herr, du mein Gott, was ist aus dem Jungen geworden?«

Das scheint mir eine willkommene Gelegenheit und ich springe auf und

rufe:

»Ich lauf' nach der Stadt, ich will ihn schon finden!«

Aber da kam ich gut an.

»Du bleibst,« sagt sie mit Nachdruck und packt mich am Arm, »einer ist

gerade genug! Wenn er bis zum Abendessen nicht da ist, geht dein Onkel

und sieht zu, daß er ihn findet, und damit basta!«

Beim Abendessen war er denn auch richtig noch nicht da und so ging also

Onkel gleich nachher auf die Suche.

Gegen zehn kam er wieder, etwas ärgerlich, etwas unruhig, er hatte von

Sid nirgends eine Spur finden können. Tante Sally war nicht nur etwas,

sondern _sehr_ unruhig, Onkel Silas aber meinte, dazu sei kein Grund

vorhanden, -- Jungen seien eben Jungen, -- und am Morgen werde sich der

Durchgänger wohl von selbst wieder einstellen, heil und ganz durstig

und hungrig. Sie mußte sich damit zufrieden geben, wohl oder übel,

aber sie sagte, aufbleiben wolle sie doch und auf ihn warten und Licht

brennen, damit er das Haus finden könne.

[Illustration]

Als ich zu Bette ging kam sie mit mir auf mein Zimmer, nahm ihr Licht

mit und deckte mich warm zu und war so gut und so wie eine Mutter mit

mir, daß ich mir ganz elend und schlecht vorkam und ihr kaum in die

guten, freundlichen Augen sehen konnte. Und sie setzte sich auf den

Bettrand zu mir und schwatzte lange, lange, und sagte, was für ein

prächtiger Bursche Sid sei, und schien kaum fertig werden zu können,

ihn zu loben, und dazwischen fragte sie immer wieder, ob ich dächte,

daß er verloren gegangen oder sonstwie zu Schaden gekommen sein könne,

oder daß er gar beinahe ertrunken sei und am Ende eben jetzt irgendwo

liege, krank und elend, und sie sei nicht bei ihm, um ihm zu helfen und

ihn zu trösten. Dabei stürzten ihr die hellen Thränen aus den Augen und

rannen leise über die Wangen und ich versicherte ihr, Sid sei gewiß

wohl und munter und werde sich am Morgen unfehlbar einstellen, darauf

drückte sie meine Hand und küßte mich und bat mich, es noch einmal zu

sagen und noch einmal, denn es thäte ihr wohl, sie sei in solcher Angst

um ihn. Als sie dann wegging, sah sie mir in die Augen, so fest und

doch dabei so gut und freundlich, und sagte:

»Ich werde die Thüre nicht schließen, Tom, und dort ist das Fenster und

der Blitzableiter, aber, nicht wahr, du wirst brav sein? Wirst du? Und

wirst nicht durchbrennen, Tom, um _meinetwillen_!«

Das fiel mir aufs Herz, wo Tom ohnehin schon schwer drauflag, und

aus dem Schlafen wurde nicht viel. Ich warf mich ruhelos hin und

her. Zweimal rutschte ich am Blitzableiter hinab und schlich mich ums

Haus herum auf die Vorderseite und sah die gute Frau dort am Fenster

sitzen bei ihrem einsamen Licht, und die Augen, die auf den Weg

hinausstarrten, waren dick voll Thränen, und ich wünschte, ich wäre

imstande gewesen, etwas für sie zu thun, aber ich wußte nicht was.

Das einzige war, daß ich mir selbst schwur, nie wieder etwas zu thun,

was ihr Kummer machen würde. Dann, als ich zum drittenmal aufwachte,

dämmerte schon der Tag und ich glitt noch einmal hinunter auf meinem

gewöhnlichen Weg, und richtig, da saß sie noch und das Licht war

ausgebrannt, während der müde, graue Kopf auf den Tisch gesunken und

die alte Frau endlich eingeschlummert war.

[Illustration]

Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn · 第 20 / 22 段