Tom Sawyer verwundet. -- Die Erzählung des Doktors. -- Jim
profitiert etwas. -- Tom beichtet. -- Tante Polly kommt. --
›Briefe heraus!‹
Noch vor dem Frühstück war Onkel Silas wieder in der Stadt gewesen,
hatte aber natürlich wieder keine Spur von Tom entdecken können und nun
saßen die beiden am Tisch, ganz stumm und betrübt, sie schienen tief
in Gedanken versunken zu sein und keines sagte ein Wort und der Kaffee
wurde kalt und essen konnten sie auch nichts. Sagt da plötzlich der
Alte:
»Hab' ich dir den Brief gegeben, Sally?«
»Welchen Brief?«
»Den, den ich gestern auf der Post bekommen habe.«
»Nein, einen Brief hast du mir nicht gegeben!«
»Na, dann muß ich's vergessen haben!«
Er kramte in allen Taschen, stand auf und holte den Brief irgendwo her,
wo er ihn hingelegt hatte, und gab ihn ihr. Sagt sie:
»Ach, der ist ja von Petersburg[10] -- der ist von der Schwester!«
[10] Das amerikanische P. am Mississippi.
Ich denk' drauf, nun wird dir wieder einmal ein kleiner Spaziergang
gut thun, konnte mich aber nicht vom Fleck rühren, so war mir der
Schreck in alle Glieder gefahren. Ehe sie den Brief aber ganz geöffnet
hatte, ließ sie ihn fallen und rannte der Thüre zu -- sie hatte durchs
Fenster etwas gesehen. Ich aber auch. Dort wurde Tom Sawyer auf einer
Matratze dahergeschleppt und dahinter kamen der Doktor und dann Jim in
_ihrem_ Kattunkleid, mit den Händen auf den Rücken gebunden, und noch
sonst eine Masse Leute. Ich stürzte erst auf den Brief los und werf'
ihn hinter ein Möbelstück. Tante Sally rannte indessen bereits auf die
Matratze los, stürzte sich über Tom her und schrie und jammerte:
»Ach Gott, er ist tot, er ist tot; gewiß ist er tot!«
[Illustration]
Tom drehte jetzt den Kopf und murmelte etwas Unzusammenhängendes, man
sah, er hatte Fieber, und da schlug sie die Hände überm Kopf zusammen
und jubelte:
»Er lebt, Gott sei Dank, er lebt! Weiter brauch' ich nichts zu
wissen!« Und sie küßte Tom ganz flüchtig und rannte dann ins Haus
zurück, um sein Bett zurechtzumachen; bei jedem Schritt, den sie
vorwärts stürzte, flogen ihr die Befehle nur so nach rechts und links
von den Lippen, und Nigger und Dienstleute und alles rannte hinter ihr
drein, wie die wilde Jagd.
Ich schlich hinter den Männern her, um zu sehen, was sie mit Jim
anfangen würden, und der Doktor und Onkel Silas folgten Tom ins
Haus. Die Männer schienen sehr aufgebracht und einige sprachen
sogar davon, Jim zu töten, ihn baumeln zu lassen, all den andern
Niggern zum warnenden Exempel, damit die sich's nie einfallen ließen
durchzubrennen, wie's Jim gethan, und dabei alles so untereinander
zu bringen und eine ganze ehrbare Familie wochenlang in Angst und
Aufregung zu versetzen. Andre rieten davon ab und sagten: »Thut's
ja nicht, es ist ja nicht unser Nigger, und wenn sein Herr einmal
auftaucht, der läßt ihn sich teuer bezahlen.« Das kühlte die Hitzköpfe
ein wenig ab, denn die, die am schnellsten dabei sind, einen Nigger zu
henken, wollen am wenigsten davon wissen, dafür bezahlen zu müssen,
wenn einmal die Hitze verflogen ist.
Aber fluchen thaten sie auf Jim, und immer ab und zu bekam er einen
ordentlichen Puff an den Schädel oder einen Tritt oder sonst irgend
eine liebenswürdige Aufmerksamkeit. Der aber sagte kein Wort, that auch
gar nicht, als ob er mich kennte, und sie schleppten ihn nach seiner
alten Hütte, zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an, brachten die
Ketten und fesselten ihn diesmal nicht an den Bettpfosten, sondern
an einen schweren Block, der in den Boden der Hütte eingetrieben
wurde, und banden seine Hände und beide Beine und sagten, er solle
von jetzt an nichts bekommen als Brot und Wasser, bis sein Herr käme
oder er versteigert werden würde, wenn der sich nicht zu rechter Zeit
einstelle, und füllten unser Loch auf und meinten, ein paar Männer
müßten nun immer nachts bei der Hütte Wache stehen und bei Tage müsse
eine Bulldogge an der Thüre angebunden werden. Als sie endlich fertig
geworden waren, nahmen sie mit ihren Fußspitzen der Reihe nach Abschied
von Jim; auf einmal erscheint der alte Doktor und sagt:
»Hört, Leute, behandelt den Kerl nicht schlechter als nötig ist, denn
es ist kein schlimmer und kein böser Nigger. Als ich dort aufs Floß
kam und den Jungen fand und sah, daß ich ohne Hilfe die Kugel nicht
herausbringen würde und doch keine Hilfe nah und fern zu entdecken war,
und ich den Burschen auch nicht allein lassen konnte, um zu sehen, ob
ich jemanden auftreiben könnte, denn er wurde schlimmer und schlimmer
und fing schließlich an zu toben und wollte mich nicht heran lassen,
und sagte, wenn ich mit Kreide ein Zeichen ans Floß machte, dann würde
er mich töten und dergleichen Unsinn mehr; als ich mir da gar nicht
mehr zu helfen wußte, und schließlich laut vor mich hinspreche: ›nun
_muß_ ich Hilfe haben, koste es, was es wolle‹, da Leute -- da, sag'
ich euch -- stand plötzlich der Nigger dort vor mir, wie aus dem Boden
gezaubert, und er hat mir geholfen, ohne viel zu reden, und zwar wacker
geholfen! Natürlich wußte ich gleich, daß er irgendwo durchgebrannt
sein müsse. Da saß ich nun! Was blieb mir übrig, als ruhig auszuharren
den ganzen Tag über und die Nacht dazu. Das war eine Klemme, sag' ich
euch! In der Stadt warteten meine Patienten auf mich, was sollten die
denken, und doch mußte ich bleiben, denn ich wagte nicht wegzugehen,
aus Furcht, der Nigger könnte ausreißen und ich bekäme hinterher
Vorwürfe. Ein Schiff, das ich hätte anrufen können, wollte auch nicht
in die Nähe kommen, und so hieß es denn bleiben und immer bleiben,
bis zum Tagesanbruch, diesen Morgen. Nie aber habe ich einen Nigger
gesehen, der treuer und besser gepflegt hätte, wie der dort, und
doch setzte er dabei seine Freiheit aufs Spiel und schien so müde,
so totmüde; er muß furchtbar abgearbeitet worden sein in den letzten
Wochen. Der Nigger gefiel mir darum; ich sag' euch, Männer, so ein
Nigger ist mehr als tausend Dollars wert -- und eine gute Behandlung
obendrein. Ich hatte dort alles, was ich brauchte, und der Junge
auch, besser vielleicht als zu Hause, denn es war so ruhig und still,
wie gemacht für einen Kranken. Aber der Boden brannte mir doch unter
den Füßen bei meiner Verantwortung für die beiden, und wochenlang
konnte ich nicht bleiben; na, da kamen denn endlich ein paar Männer
in einem Boot uns nahe genug, um sie anzurufen. Zum Glück saß der
Nigger gerade am Steuer, mit dem Kopf auf den Knieen und war fest,
fest eingeschlafen. So winkte ich ihnen denn, leise zu thun, und sie
fielen leise über ihn her und banden ihn, ehe er noch recht die Augen
offen hatte, und so hatten wir gar keine Last mit ihm. Und da der
Junge gleichfalls schlief, machten wir das Floß leise los, ruderten
es dem Ufer zu und legten's dort fest, ohne daß einer von den beiden
sich nur rührte, der Nigger hatte sich nicht gemuckst, keinen Laut von
sich gegeben von Anfang an. Das ist kein schlimmer Kerl, meine Herren,
glauben Sie mir's, ich hab's erprobt!«
»Das lautet alles sehr gut und schön, Doktor, das muß ich sagen!«
meinte einer.
Die andern schienen auch ein wenig besänftigt und ich war dem alten
Manne herzlich dankbar für die Wohlthat, die er Jim mit der Erzählung
erwiesen, und ich freute mich, daß ich den Kerl von Anfang an richtig
beurteilt hatte; ich wußte, er hatte ein gutes, ein weißes Herz in
seiner schwarzen Brust. Und Jim profitierte auch davon, denn alle
stimmten überein, er habe sich gut benommen und brav, und verdiene,
daß man ihn drum lobe und belohne. Jeder versprach aufrichtig und von
Herzen, dem armen Kerl keine Püffe mehr zu geben.
Das war aber vorerst auch alles. Ich hatte gehofft, sie würden ihm
eine oder zwei von seinen verdammt schweren Ketten abnehmen oder
ihm Fleisch und Gemüse zu seinem Brot und Wasser erlauben; daran
aber schienen sie nicht zu denken, und ich wollte mich lieber nicht
dreinmischen, nahm mir aber fest vor, Tante Sally bei nächster
Gelegenheit von des Doktors Erzählung zu sagen. Bei nächster
Gelegenheit, das heißt, wenn ich erst die bösen Klippen umschifft
hätte, die in meinem Wege lagen. Mit den Klippen meine ich nämlich die
Aufklärungen, die ich Tante Sally zu geben haben würde über Toms Wunde.
Zeit zum Besinnen hierüber hatte ich genug, Tante wich nicht vom
Krankenbett, nicht bei Tag und nicht bei Nacht, und ich hielt mich in
sichrer Entfernung, und so oft ich Onkel Silas irgendwo auftauchen sah,
wich ich ihm schleunigst aus.
Am andern Morgen hörte ich, Tom sei viel besser und Tante habe sich
ein wenig hingelegt. Ich schlüpf' also in das Krankenzimmer und hoffte
ihn noch wach zu treffen und mit ihm etwas zu ersinnen, das alle
kommenden Kreuz- und Querfragen aushielt. Er aber schlief und zwar ganz
friedlich; sein Gesicht war blaß und nicht mehr so glutrot wie den Tag
zuvor, als er ankam. So setzte ich mich also hin und wollte warten, bis
er wach würde. Nach vielleicht einer Viertelstunde glitt Tante Sally
plötzlich leise wie ein Geist herein und da saß ich wieder fest! Sie
winkte mir, still zu sein und setzte sich zu mir und begann zu flüstern
und sagte, wie dankbar wir alle sein könnten, ›Sid‹ sei so viel besser
und er schlafe nun schon lange so ruhig und so friedlich und sehe dabei
immer besser und immer wohler aus und es sei zehn gegen eins zu wetten,
daß er bei Besinnung wäre, wenn er nun erwache.
Da saßen wir denn und warteten. Auf einmal schlug er die Augen auf und
sah ganz klar und frei um sich und sagte:
»Herrje, wie ist denn das, ich bin ja _zu Hause_? Wo ist denn das Floß?«
»Das ist alles in Ordnung,« sag' ich.
»Und Jim?« fragt er.
»Der auch,« sag' ich; aber ganz so keck, wie ich beabsichtigte, kam's
doch nicht heraus. Er merkte das aber gar nicht, sondern rief ganz
vergnügt:
»Na, dann ist alles gut, herrlich! Da ist uns ja allen geholfen! Hast
du's der Tante schon erzählt?«
Eben wollte ich auch dazu ›ja‹ sagen, als diese selbst sich ins Mittel
legte:
»Erzählt, Sid, -- was?«
»Na, alles, Tantchen, wie wir die ganze Geschichte fertig gekriegt
haben.«
»Welche Geschichte?«
»Na, _die_ Geschichte -- wie wir den Nigger befreit haben -- ich und --
und Tom!«
»Herr des Himmels! Den Nigger befr-- was schwatzt der Junge da? Großer
Gott, er phantasiert wieder!«
»O nein, ich phantasiere gar nicht, ich weiß recht gut, was ich
sage, Tante. Wir haben ihn befreit -- ich und Tom. Das wollten wir
thun von Anfang an und wir haben's gethan! Und haben's gut gemacht,
elegant gemacht, das muß jeder zugeben!« Und damit war er ins richtige
Fahrwasser geraten und sie probierte nicht mehr, ihn zu unterbrechen,
sondern ließ ihn schwatzen und schwatzen. Sie saß da und starrte ihn
nur an und Mund und Augen wurden bei ihr immer größer und ich ließ
dem Unglück seinen Lauf, denn hier war nichts mehr zu machen. »Ja,
Tantchen, das war eine Arbeit, da gab's zu thun, Nacht für Nacht,
Stunde um Stunde, alle die Wochen, während ihr ruhig im Bett lagt
und schlieft. Und wir mußten die Kerzen stehlen, siehst du, und die
Leuchter und das Leintuch und das Hemd und dein Kleid und Löffel und
Zinnteller und Messer und die Pfanne, den Mühlstein und Mehl und
sonst noch eine ganze Menge; du kannst dir gar nicht denken, was wir
für Plage hatten mit den Sägen und den Federn und den Inschriften
und all dem -- und noch viel weniger, was wir für einen Spaß dabei
hatten. Und dann waren die ›onnanimen‹ Briefe zu schreiben und die
Särge und Totenköpfe zu malen und das Loch in der Hütte zu graben und
die Strickleiter zu machen und in die Pastete zu backen und dann die
Löffel, die wir in deine Schürzentasche steckten, und noch vieles
andere mehr.« --
»Allmächtiger!«
»-- Und die Ratten für die Hütte und die Schlangen und all das Zeug
herbeizuschaffen für Jim zur Gesellschaft! Und dann hast du den Tom
mit der Butter erwischt und ihn so lang' aufgehalten, daß beinahe die
ganze Geschichte verunglückt wäre, denn die Männer kamen, noch ehe
wir weg waren und wir mußten rennen und sie hörten uns und schossen
und ich kriegte mein Teil ab und wir ließen sie dann an uns vorbei
und die Hunde wollten auch nichts weiter von uns wissen, sondern
liefen dem Geschrei nach, und wir schlichen nach dem Boot und ruderten
nach dem Floß, das wir zwischendurch gemacht hatten, und waren dann
in Sicherheit und Jim frei, und das haben wir alles allein fertig
gebracht, und es war ein kapitaler Spaß, Tantchen!«
»Na, so was hab' ich in meinem Leben noch nicht gehört! Also ihr
wart's, ihr Bengel, ihr habt diese heillose Wirtschaft gemacht, ihr
seid es gewesen, ihr habt uns alle beinahe um den Verstand gebracht und
fast zu Tod erschreckt! Na, da sollte aber doch! Ich hätte gute Lust,
es euch einmal gleich tüchtig zu zeigen, was ich davon denke! Ich, die
ich Abend für Abend -- na, werd' du nur erst einmal wieder gesund, du
Racker, dann will ich euch das Leder so gerben und euch den Teufel
austreiben, daß euch Hören und Sehen vergeht und ihr den Himmel für
eine Baßgeige anseht, ihr -- ihr --«
Aber Tom war so stolz auf seine Heldenthaten und so glücklich, daß er
nicht schweigen konnte, und er jubilierte und prahlte weiter, während
sie dabei Feuer und Flamme spie. Während so eins das andre immer zu
überbieten versuchte, saß ich da und hörte das Ding mit an. Plötzlich
sagt sie:
»Na, freu' dich jetzt noch drüber, so lang' du kannst, Schlingel,
aber das sag' ich dir, erwisch ich euch nachher wieder drüben bei dem
Kerl --«
»Bei welchem Kerl?« fragt Tom und sein Lächeln verschwindet.
»Bei welchem Kerl? -- Fragt der Bursche auch noch! Bei dem Nigger
natürlich! Bei wem sonst?«
Tom sieht mich sehr ernst an und fragt:
»Tom, hast du mir nicht eben gesagt, es sei alles in Ordnung? Ist er
denn nicht frei?«
»Der?« sagte Tante Sally, »der Nigger? Den haben sie glücklich wieder
hinter Schloß und Riegel in seiner Hütte bei Brot und Wasser und man
hat ihn angekettet, bis er reklamiert oder verkauft wird!«
Tom fährt im Bett in die Höhe, kerzengerade, seine Augen sprühten und
seine Nasenflügel bebten nur so hin und her, und er schreit mich an:
»Dazu haben sie kein Recht! Dazu hat niemand das Recht, hörst du --
niemand! -- Eil' dich -- renn' -- verlier' keine Sekunde! Laß ihn
frei! Er ist kein Sklave, er ist so frei, wie irgend einer von uns --
geschwind -- vorwärts!«
»Was in aller Welt _meint_ der Junge?«
»Ich meine jedes Wort grad' so, wie ich's sage, Tante, und wenn nicht
gleich eins von euch geht, geh' ich selber. Ich hab' den armen Kerl
mein ganzes Leben lang gekannt und ebenso Tom -- gelt, Tom! Miß Watson,
seine Herrin, ist vor zwei Monaten gestorben; es that ihr so leid, daß
sie ihn früher einmal hatte verkaufen wollen. Um das wieder gut zu
machen, setzte sie ihn frei -- in ihrem Testament!«
»Na, aber dann -- das begreif' einer -- warum hast du ihn denn befreien
wollen, wenn er doch schon frei war?«
»Das ist wieder einmal eine Frage, -- so recht wie ein Frauenzimmer,
das muß ich sagen. Warum? Ei, ich wollte ein _Abenteuer_ haben, so ein
echtes, gerechtes Abenteuer! Was? -- ich wäre fußtief im Blut gewatet,
wenn -- Herr des Himmels -- _Tante Polly_!!«
[Illustration]
Und da stand sie leibhaftig mitten unter der Thüre, und sah so
strahlend und glücklich aus wie ein zuckriger Engel.
Tante Sally war mit einem Satz an ihrem Halse und riß ihr beinahe den
Kopf ab vor lauter Liebe und Umarmen und lachte und weinte und wußte
nicht, was sie thun sollte. Inzwischen hatte ich mir ein sicheres
Plätzchen unter dem Bett ausgesucht, denn die Dinge schienen mir
allmählich kritisch für uns beide zu werden. Ich schielte unter dem
Bett vor. Nach einer Weile schüttelte Toms Tante ihre Schwester ab,
stellte sich vor Tom hin und schaute ihn über ihre Brille hinweg an,
als wolle sie ihn mit ihren Blicken durchbohren. Endlich beginnt sie:
»Ja, du hast recht, wenn du den Kopf nach der Wand drehst, Tom, ich
thät's auch an deiner Stelle!«
»Ach, du lieber Himmel,« fällt Tante Sally kläglich ein, »ist der Junge
denn so verändert? Das ist ja Tom gar nicht, das ist Sid -- Tom ist --
Tom ist -- ja, wo ist denn Tom? Der war ja eben noch da!«
»Du meinst wohl, wo ist _Huck Finn_? Das meinst du! Doch! Ich hab'
nicht umsonst Jahre lang so 'nen Bengel, wie meinen Tom, großgezogen,
daß ich ihn jetzt nicht kennen sollte, wenn ich ihn sehe. Das wär' mir
noch schöner! Nur hervor unter dem Bett da, Huck Finn!«
Ich kroch vor, aber wohl war mir nicht dabei.
Tante Sally sah so verwirrt und so verständnislos und wie
geistesgestört drein, wie ich nie wieder jemand gesehen habe,
ausgenommen Onkel Silas, als sie dem später die Geschichte
auseinandersetzten. Es machte ihn wie betrunken, denn er wußte den
ganzen Tag über kein Ding vom andern zu unterscheiden und lief umher
wie im Traum, und am Abend ließ er eine Predigt los, die ihm einen
großen Ruf machte in der Gegend, denn der Aelteste und Klügste
wäre nicht imstande gewesen, sie zu verstehen. Toms Tante Polly
aber erzählte nun alles, wer und was ich sei, und ich mußte dann
beichten, wie ich in die Klemme geraten, daß ich mir nicht anders zu
helfen wußte, als ›ja‹ zu sagen, wie mich Frau Phelps als Tom Sawyer
bewillkommnete. Hier unterbrach mich Frau Phelps und meinte: »Sag' du
nur immer Tante Sally, ich bin's nun schon gewohnt und es macht mir
weiter nichts aus.« -- Daß mich also -- erzählte ich weiter -- Tante
Sally als Tom Sawyer begrüßte und ich mich nicht dagegen wehren konnte,
denn ich fand sonst keinen Ausweg und wußte auch, Tom selbst würde
nichts dawider haben, im Gegenteil, denn ein solches Geheimnis wäre ihm
gerade recht, er würde sich nur drüber freuen und ein Abenteuer draus
machen, wie's ja auch dann geschehen, denn er ging gleich drauf ein und
spielte sich als Sid auf und machte mir alles so leicht und bequem,
als er nur konnte.
Seine Tante Polly sagte, mit Miß Watson und ihrem Testament habe Tom
ganz recht, die habe den Jim freigelassen. So war's denn wahrhaftig
wahr -- Tom Sawyer hatte sich und uns allen die Mühe und Not gemacht,
nur um einen alten Nigger freizumachen -- _der schon frei war_! Und nun
verstand ich auch erst, wie sich einer von Toms Erziehung dazu hergeben
konnte, einem durchgebrannten Nigger weiterzuhelfen. Bis dahin war mir
dies immer unfaßlich geblieben.
Tante Polly erzählte dann weiter, als sie Tante Sallys Brief bekommen
habe, worin es hieß, daß Tom _und_ Sid angekommen seien, habe sie
sofort Unrat gewittert und zu sich selbst gesagt:
»Na, da seh' mal einer,« habe sie gesagt, »ich hätt's mir denken
können, als ich den Burschen allein fortließ, ohne irgend jemand, der
ihm aufpaßt. Was bleibt mir nun übrig, als selbst hinter dem Bürschchen
herzureisen, den ganzen weiten Weg, um herauszukriegen, was _diesmal_
wieder los ist, denn aus dir, Sally, war ja gar nicht klug zu werden!«
»Was? -- Ei, du hast mich ja nie drüber gefragt!«
»Na, so was! Zweimal hab' ich dir geschrieben und gefragt, was du mit
dem Sid, der auch zu Besuch gekommen sein soll, eigentlich meinst.«
»Geschrieben? Zweimal? Ich hab' nie auch nur eine Zeile gekriegt!«
Ohne ein Wort zu sagen wendet sich Tante Polly langsam gegen Tom und
schaut diesen fest an.
»Na, Tom!«
»W--was?« fragt der so ein bißchen unwillig und verdrießlich.
»Komm' du _mir_ nicht mit ›was?‹, du Racker, wart'! Heraus die Briefe!«
»Welche Briefe?«
»_Die_ Briefe! Wart', ich will dir --!«
»Sie sind im Koffer! Dort! Da -- und ganz unversehrt, grad' wie sie
waren, als ich sie von der Post holte. Ich hab' nicht einmal hinein
gesehen. Dachte mir, sie hätten am Ende keine Eile und könnten hier nur
Unheil stiften, und da hab' ich sie --«
»Na, wenn dir nicht eine tüchtige Tracht Prügel gehört, so weiß ich
nicht, wem sonst. Dann hab' ich noch einmal geschrieben, um zu sagen,
daß ich kommen wolle, und der Brief wird auch --«
»Mit dem ist alles in Ordnung,« sagt Tante Sally, »der ist gestern
gekommen, den hab' ich!«
Gern hätt' ich nun zwei Dollars gewettet, daß dem nicht so sei, denn
ich wußte das besser, aber ich dachte, es ist doch klüger, du hältst
den Mund -- und that's denn auch!
[Illustration]
Vierunddreißigstes Kapitel.
Aus der Gefangenschaft befreit. -- Der Gefangene wird belohnt.
-- Ganz ergebenst Huck Finn!
Als ich Tom zum erstenmal wieder allein sprechen konnte, fragte ich
ihn, was er sich damals eigentlich bei Jims Flucht gedacht habe,
was er gethan hätte, wenn alles geglückt und er den Nigger befreit
hätte, der schon vorher frei war. Er sagte mir, sein Plan von Anfang
an sei gewesen, wenn wir Jim erst glücklich heraus hätten, mit ihm
auf dem Floß stromabwärts zu fahren bis zur Mündung, und alle Arten
von Abenteuern dabei zu bestehen, ihm dann erst zu offenbaren, daß
er frei sei, ihn im Triumph auf einem Dampfboot wieder heimzunehmen,
die verlorene Zeit zu vergüten, alle Nigger der Stadt brieflich zu
bestellen, daß sie ihn mit Musik und Fackeln in Empfang nähmen und ihn
und uns als Helden beim Einzug feierten. Das wär' freilich herrlich
gewesen, aber mir war's so eigentlich doch lieber.
Jim wurde augenblicklich von seinen Ketten befreit, und als Tante
Polly und Tante Sally und Onkel Silas hörten, wie treu er dem Doktor
geholfen, Tom zu pflegen, wurde ihm in jeder Weise geschmeichelt und er
bekam ordentliche Kleider und so viel zu essen, als er nur wollte, und
er brauchte nichts zu thun, als sich seines Lebens zu freuen. Und wir
nahmen ihn mit an Toms Bett und schwatzten bis wir genug hatten, und
Tom gab ihm vierzig Dollars, weil er so geduldig als Gefangener gewesen
und uns das Spiel nicht verdorben und alles so schön gethan hatte, und
Jim war beinahe zu Tode gerührt und wußte nicht, was er anfangen solle
vor Wonne und platzte endlich heraus:
»Na, Huck, du sehen, was Jim dir immer sagen? Was Jim dir schon früher
auf Insel sagen? Jim dir sagen, er haben haarige Brust und was das
bedeuten. Jim dir sagen, er sein gewesen reich un werden noch mal
wieder reich, un hier -- hier es sein! Du nix nie mehr sagen, Zeichen
sein nix wert -- Zeichen sein Zeichen -- un Jim haben gewußt, er noch
werden reich, so gewiß, als er jetzt hier stehen!«
[Illustration]
Tom schwatzte nun und schwatzte und schlug uns vor, alle drei heimlich
in der Nacht durchzubrennen, uns eine Ausrüstung zu kaufen und auf
ein paar Wochen in die Indianer-Territorien zu gehen und dort alle
möglichen Abenteuer zu bestehen. Ich sagte gleich: ich bin dabei, aber
woher soll ich das Geld für die Ausrüstung nehmen; von zu Hause würde
ich keines bekommen, denn das habe mein Alter inzwischen schon gewiß
dem Kreisrichter abgeschwindelt und die Gurgel hinuntergejagt.
»Das hat er nicht,« versicherte mich Tom, »das ist noch alles da --
sechstausend Dollars und mehr -- dein Alter hat sich gar nicht mehr
blicken lassen, wenigstens so lange ich dort war.«
Sagt Jim ordentlich feierlich:
»Er nie nix mehr werden kommen, Huck!«
Frag' ich:
»Wieso, Jim?«
»Du fragen wieso, Huck -- Jim sagen: er _nie nix_ mehr werden kommen!«
Ich aber wollt's genauer wissen und setzt' ihm ordentlich zu, da sagt
er denn:
»Du dir erinnern die Haus, wo schwimmen vorbei an Insel? Un Mann, wo
liegen drin tot auf'm Boden? Jim ihn haben zugedeckt, weil du ihn nix
sollen sehen; Huck, du dir erinnern? Du können haben dein Geld, wenn du
ihr wollen haben -- tote Mann sein gewesen deine Vater!« -- -- --
* * * * *
Tom ist jetzt beinahe wieder ganz wohl und trägt seine Kugel wie eine
Uhr an einer Kette um den Hals und sieht alle Augenblicke nach der
Zeit. Und mir bleibt jetzt nichts mehr zu erzählen übrig, weshalb
ich auch recht froh bin, denn wenn ich gewußt hätte, was für eine
furchtbare Arbeit es ist, so ein Buch zusammenzuschmieren, so hätten
mich keine zehn Gäule dazu gebracht. Aber noch einmal thu' ich's nicht,
davor soll mich Gott bewahren! Lieber Steine klopfen! Oder Holz hacken!
Soviel aber seh' ich jetzt schon -- nämlich daß ich früher als die
andern zu den Indianern muß, ganz allein, denn Tante Sally will mich
durchaus adoptieren und ›sievilisieren‹, und das halt' ich nicht aus,
das kenne ich von früher her.
Ganz ergebenst
=Huck Finn=.
Verlag von Robert Lutz in Stuttgart.
Mark Twains
Humoristische Schriften.
_Illustrierte Ausgabe in 6 Bänden._ Preis brosch. M. 14.--,
eleg. in Lwd. geb. M. 20.--.
=Einzelne Bände kosten= M. 2.50 brosch., M. 3.50 gebunden.
_Gewöhnliche Ausgabe in 6 Bänden._ Preis brosch. M. 10.--,
eleg. in Lwd. geb. M. 13.50.
=Einzelne Bände kosten= M. 1.80 brosch., M. 2.50 gebunden.
Inhalt:
I. Tom Sawyers Abenteuer.
II. Huck Finns Abenteuer.
III. Skizzenbuch.
IV. Leben auf dem Mississippi.