ist. Eine Mundharmonika ist lang' gut für die! Alle Tiere lieben Musik
-- und im Gefängnis schwärmen sie dafür. Besonders traurige Musik, und
dazu ist die Mundharmonika grad' recht. Das interessiert sie und sie
kommen zum Vorschein, um zu sehen, was los ist. Du setzst dich also
abends vor dem Schlafengehen auf dein Bett, ebenso früh morgens, und
spielst auf deiner Harmonika. Spiel' ›letzte Rose‹ oder sonst etwas
Trübseliges und du wirst sehen, nach zwei Minuten kriechen die Ratten
und die Schlangen und die Spinnen und sonst alles Getier heraus und
kommen zu dir und sind zutraulich -- wart', die tanzen nur so um dich
herum und werden sich schon wohl fühlen!«
»Ja, _die_ werden's, das Jim glauben, Massa Tom, aber arme Jim! Der
sich nix fühlen wohl. Können nix sehen Gutes drin, können nix sehen
Nutzen! Jim aber wollen's thun, natürlich, wenn's müssen sein. Wollen
machen Tierzeug zufrieden mit Musik, dann er nix haben Plag' von
Biester!«
Tom schien noch über etwas nachzusinnen, vielleicht fiel ihm noch ein
Tier ein für Jims Menagerie. Bald aber sagt er:
»O -- da hab' ich noch was vergessen! Glaubst du, daß du hier eine
Blume ziehen könntest, Jim?«
»Weiß nix -- aber vielleicht. Dunkel sein's freilich hier, un Jim auch
nix brauchen Blum', sein viel Arbeit un Jim nix von verstehen.«
»Na, probieren kannst du's aber doch, andre Gefangene haben's auch
gethan.«
»So 'ne alte, stachelige Distel oder gelbe Kuhblum' können wachsen
hier, Massa Tom, aber die sein nix wert die Arbeit, wo sie machen!«
»Sag' das nicht, Jim, sag' das nicht. Wir holen dir eine kleine
Kuhblume und du pflanzst sie dort in die Ecke und ziehst sie groß,
und du darfst's auch nicht ›Kuhblume‹ heißen, sondern ›Picciola‹, so
heißen alle Blumen im Gefängnis, und du mußt sie mit deinen Thränen
begießen.«
»O, Jim haben Wasser genug dort im Krug!«
»Wasser thut's nicht -- Thränen müssen's sein -- so machen's alle
Eingekerkerten!«
»Aber, Massa Tom, Jim können groß ziehen zwanzig Kuhblum' mit Wasser,
eh' die ein' auch nur wird angehen mit Thränen!«
»Darauf kommt's gar nicht an -- die Hauptsache sind die Thränen!«
»Dann Kuhblum' welken gleich, Massa Tom, Jim nie nix weinen -- beinah'
nie nix!«
Das schlug denn Tom, aber er grübelte ein bißchen nach und sagte
dann, Jim müsse eben sein Bestes thun und Zwiebeln zu Hilfe nehmen.
Er versprach, einige bei den Niggern auszuführen und sie in Jims
Kaffeetopf zu stecken. Jim meinte, er wolle ebenso gern Tabak im Kaffee
haben und rebellierte dermaßen dagegen sowie gegen alles übrige: die
Zucht der Kuhblume, das Musizieren für die Ratten, das Zähmen von
Schlangen und Spinnen und besonders gegen die verrückte Plage, wie
er sich ausdrückte, mit den Federn, Inschriften, Tagebüchern und so
weiter, wovon er mehr Geschäft und Verantwortung als Gefangener habe,
als je zuvor in seinem ganzen Leben, so daß Tom sehr ungeduldig und
böse auf ihn wurde und sagte, er solle sich schämen, er habe doch
gewiß allen Grund dankbar zu sein; mehr Gelegenheit als er, sich
einen berühmten Namen zu machen, habe noch gar kein Gefangener in der
weiten Welt gehabt, und er wisse das nicht besser zu schätzen und zu
würdigen, als wenn er ein unvernünftiges Tier wäre, -- es sei alles
an ihm verschwendet. Und Jim ging in sich, sah's ein und es that ihm
leid, und er sagte, er wolle nie wieder so sein. Dann schlichen wir uns
befriedigt zu Bett.
Dreißigstes Kapitel.
Ratten. -- Lebhafte Bettgenossen. -- Die Strohpuppe.
Am Morgen schlichen wir uns ins nächste Dorf und erhandelten eine
tüchtige Rattenfalle, trugen sie in den Keller, öffneten das größte
Rattenloch und hatten in vielleicht einer halben Stunde fünfzehn der
fettesten, prächtigsten Ratten gefangen. Im Nu schleppten wir, der
Sicherheit halber, die ganze Ladung in der Falle unter Tante Sallys
Bett, was der unnahbarste und geheiligtste Ort im ganzen Hause war, dem
sich so leicht keine der kleinen Rangen zu nahen wagte, und machten uns
auf die Spinnenjagd. Während wir weg waren muß das Unglück den kleinen
Thomas Franklin Benjamin Jeffersohn Alexander Phelps in die Nähe des
Rattenverstecks führen! Die Bescherung entdecken und die Falle öffnen
war bei ihm natürlich eins; und als wir zurückkamen, um unser mühsam
erworbenes Eigentum an uns zu nehmen, stand Tante Sally auf dem Bett
und schrie Mord und Totschlag, Diebe, Räuber, Feuer, und die Ratten
führten den tollsten Kriegstanz vor ihr auf, tobten, pfiffen und rasten
über Bett, Tische und Stühle, daß einem Hören und Sehen verging. Als
sich die wilde Jagd durch die von uns offen gelassene Thüre etwas
verzogen hatte, kriegte die arme, abgehetzte Frau einen Rohrstock her
und klopfte uns, ohne viel zu fragen, die Kleider am Leibe tüchtig
aus, und wir brauchten dann zwei volle Stunden, um weitere fünfzehn
oder sechzehn Ratten zu fangen, welche den andern an Größe und
Schönheit aber lange nicht gleichkamen. Es waren eben auserlesen schöne
Exemplare, wie ich solche nie wieder gesehen habe.
[Illustration]
Wir legten uns außerdem einen tüchtigen Vorrat von verschiedenen
Spinnen, Käfern, Fröschen, Raupen und sonst noch allerlei an und
hätten gerne noch ein Hornissen-Nest gehabt, aber daraus wurde
nichts. Dann ging's auf die Schlangenjagd und wir hatten bald einige
Dutzend Blindschleichen und Ringelnattern beisammen, die wir in einem
zugebundenen Sack auf unser Zimmer legten. Mittlerweile war die Zeit
zum Abendessen gekommen. Ein ordentliches Tagewerk lag hinter uns
und wir hatten riesigen Hunger. So hieben wir denn tüchtig ein, und
als wir wieder auf unser Zimmer kamen, -- da -- da war keine einzige
Schlange mehr zu sehen, alle weg, wie weg geblasen. Wir hatten den Sack
nicht fest genug zugebunden und die Racker hatten sich durchgeringelt.
Das focht uns aber nicht viel an, denn wir dachten, weit könnten sie
doch nicht sein, und sie würden sich schon wieder einfangen lassen.
Wahrhaftig, in der nächsten Zeit konnte man sich über Schlangenmangel
im Hause nicht beklagen. Immer ab und zu fiel mal eine von irgendwo
herunter und immer gerade in die Schüssel, vor der man eben saß, oder
auf den Teller oder hinten auf den Nacken, wenn man den Kopf bückte,
kurz, immer dahin, wo man sie am wenigsten brauchen konnte. Schön
waren sie aber alle und fein gestreift und mich hätte eine Million
davon nicht geniert. Tante Sally aber dachte anders, die haßte alle
ohn' Ansehen der Person und Familie, ob gestreift oder gefleckt -- sie
konnte sie nicht ausstehen. Und jedesmal, wenn ihr eine in den Weg kam,
ob von oben oder von unten, ließ sie alles liegen und stehen und lief
mit Windeseile davon und ihr Geschrei konnte man in Jericho hören.
Nicht einmal mit der Feuerzange getraute sie sich eine anzufassen. Und
wenn sie sich nachts im Bett umdrehte und zufällig ein solch armes,
unschuldiges Tierchen berührte, schlug sie ein Geheul auf, als ob das
Haus in Flammen stünde. Ich konnte die Frau gar nicht begreifen! Ihren
alten Mann regte sie so auf mit der Sache, daß er einmal sagte, er
wollte, unser Herrgott hätte die Schlangen zu erschaffen vergessen.
Nachdem schon eine ganze Woche lang die letzte Schlange spurlos aus dem
Hause verschwunden war, hatte Tante Sally die Angst vor denselben noch
nicht verloren, noch nicht halb verloren. Wenn sie so still dasaß und
an nichts dachte, brauchte man sie nur mit einer Feder auf den Hals
zu tippen und sie fuhr erschrocken herum und beinahe aus ihrer Haut
heraus. Es war zu komisch! Tom sagte aber, alle Frauen seien so; er
sagte, die seien so erschaffen, aus irgend einer besonderen Ursache,
warum, wisse er selber nicht, aber so sei's.
Wir bekamen jedesmal eine Tracht ab, wenn ihr eine Schlange über den
Weg kroch, und sie bedeutete uns, es würde noch was ganz anderes
setzen, wenn wir das Haus wieder damit bevölkerten. Daß wir's gewesen,
ließ sie sich trotz allen Zuredens nicht nehmen, ja, -- sie war eine
kluge Frau, die Tante Sally! Die Prügel genierten mich weiter nicht,
ich war Besseres dieser Art gewöhnt, aber die Mühe, die wir hatten,
um zu einem neuen Vorrat von Schlangen zu kommen, war verdrießlich.
Na, uns gelang es doch, wieder eine Partie zusammen zu bringen und wir
schafften sie nebst allem andern in Jims Hütte. Dieselbe hätte noch
einmal so groß sein dürfen, um alle die Einwohner bequem zu fassen.
Das war ein Gewimmel! Aber lustig war's, wenn sie bei der Musik alle
um Jim herumschwärmten und ihm zu Leibe rückten. Die Spinnen machten
ihm besonders heiß, die konnte er nicht leiden und sie ihn auch nicht,
und so lag er mit ihnen immer im Kampfe. Er sagte, wegen all der
Ratten und Schlangen und dem Mühlstein hätte er gar keinen Platz mehr
im Bett. Schlafen könnte er ohnehin nicht mehr, selbst wenn er Platz
hätte, so lebhaft gehe es bei ihm zu, und das immerwährend, ohne alle
Unterbrechung, denn das Viehzeug schlafe nie zu gleicher Zeit; wenn die
einen schliefen, wachten die andern. Seien die Schlangen einmal ruhig,
dann machten's die Ratten um so toller, und Spinnen und Käfer und das
andere Getier ließen ihn überhaupt nie in Ruhe, -- kurz, er meinte,
wenn er diesmal freikäme, wirklich und wahrhaftig frei, dann wolle er
nie, nie mehr in seinem Leben Gefangener sein und wenn er's bezahlt
bekäme -- lieber gleich auf einmal sterben!
Na, nach Verlauf von drei Wochen war denn alles in bester Ordnung. Das
Hemd war ebenfalls in einer Pastete hineingeschmuggelt worden, und
wenn Jim nun des Nachts von einer Ratte gebissen wurde, benutzte er
die Blutstropfen, um geschwind etwas in sein ›Tagebuch‹ zu kritzeln,
so lange die ›Tinte‹ noch frisch war. Die Federn waren gemacht, die
Inschriften und was dazu gehörte waren auf den Mühlstein geritzt, der
Bettpfosten war durchsägt und das Sägmehl von uns aufgeleckt worden,
wogegen unser Magen erstaunlich rebellierte, so daß wir meinten, alle
sterben zu müssen, aber es ging noch gnädig vorüber. Wahrhaftig, das
war das unverdaulichste Sägmehl, was mir je vorgekommen, und Tom
meinte das auch. Also, wie gesagt, endlich war alles fertig; die Arbeit
und Plage hatten uns freilich ziemlich mitgenommen, namentlich Jim,
aber das that nichts, wir waren stolz darauf! Onkel Silas hatte ein
paarmal nach New Orleans geschrieben wegen des durchgebrannten Niggers,
aber natürlich keine Antwort erhalten. Nun sprach er davon, Jim in den
Zeitungen von St. Louis und New Orleans auszuschreiben. Als er die
von St. Louis nannte, lief mir ein kalter Schauder über den Leib, und
selbst Tom gab zu, daß nun keine Zeit mehr zu verlieren sei. Jetzt
müssen die ›onnaniemen‹ Briefe dran, sagte er.
»Die -- was?« fragte ich.
»Die ›onnaniemen‹ Briefe!« wiederholte er, »das sind Warnungen an die
Leute, daß etwas los sei. Einmal wird's so gemacht und einmal anders.
Aber einer muß immer herumspionieren und den Befehlshaber des Schlosses
von allem in Kenntnis setzen. Als Ludwig XIV. von den ›Twillerieen‹
durchbrennen wollte, hat's ein Dienstmädchen besorgt. So kann man's
auch machen, aber ein ›onnaniemer‹ Brief ist ebensogut. Wir können ja
beides benützen. Und gewöhnlich wechselt die Mutter des Gefangenen die
Kleider mit ihm und bleibt im Kerker zurück, während er wegschleicht.
Das müssen wir auch thun!«
»Aber, Tom, das ist doch Unsinn; wozu sollen wir die Leute warnen, daß
etwas los ist? Das ist doch ihre Sache -- sie sollen selber aufpassen!«
»Das ist freilich wahr, aber ich traue denen hier nicht -- die sind
zu dickfellig, haben uns ja von Anfang an alles allein thun lassen.
Die sind so blind und vertrauensselig, daß man ihnen erst alles unter
die Nase reiben muß. Wenn wir sie also nicht warnen, lassen sie uns
ganz ruhig und still abziehen und all unsre viele Last und Arbeit ist
umsonst -- rein umsonst. Jims Befreiung geht dann ohne Sang und Klang
vor sich, wir könnten ihm einfach ebensogut die Thüre aufschließen und
ihn bei hellem Tag bitten, doch gefälligst herauszuspazieren -- kein
Hahn krähte danach!«
»Na, mir wär's schon lieber, wir kämen still und unbesehen durch,
aber --«
»Natürlich!« wirft er verächtlich hin.
»Aber« -- fahr' ich ruhig fort, ohne mich unterbrechen zu lassen --
»ich will nichts gesagt haben; was dir recht ist, ist mir auch recht.
Wie machen wir's also mit dem Dienstmädchen, das uns verraten soll?«
»Das mußt du sein! Du schleichst dich in der Nacht hin und nimmst dir
das Kleid von dem gelben, halbwüchsigen Ding in der Küche!«
»Na, aber Tom! das wird einen ordentlichen Lärm am andern Morgen geben,
denn die hat wahrscheinlich nicht mehr als eins!«
»Ich weiß, ich weiß. Aber du brauchst ja auch nicht länger als
fünfzehn Minuten, um den ›onnaniemen‹ Brief unter der großen Hausthüre
durchzuschieben!«
»Gut, ich bin bereit, aber ich könnt's gerad' so gut in meinen eignen
Kleidern thun!«
»Würdest du dann vielleicht wie ein Dienstmädchen aussehen, Huck Finn,
he?«
»Nein! Aber 's ist ja auch keiner da, der mich sieht, dann ist's doch
gleich, ob ich so oder so aussehe.«
»Das hat gar nichts damit zu thun, Huck, gar nichts. Für uns handelt
sich's nur darum, unsere Schuldigkeit zu thun, ob's einer sieht oder
nicht. Hast du denn gar keine Moral in dir?«
»Schon gut, schon gut, ich sag' ja nichts weiter. Also, ich bin das
Dienstmädchen -- wer ist Jims Mutter?«
»Die will ich sein. Ich leih' mir eins von Tante Sallys Kleidern -- das
soll 'ne flotte Mutter werden!«
»Aber, dann mußt du ja in der Hütte bleiben, wenn Jim und ich
durchgehen!«
»Lang' aber nicht, das sag' ich dir. Ich stopfe Jims Kleider mit
Stroh aus und leg' die Puppe aufs Bett, die mag dann die Mutter
vorstellen, und Jim zieht Tante Sallys Kleider von mir an und wir
›entweichen‹ alle zusammen. Wenn nämlich irgend ein Gefangener von Rang
und Stand durchbrennt, ein König zum Beispiel, so nennt man es eine
›Entweichung‹.«
Tom schrieb also den ›onnaniemen‹ Brief und ich krippste das Kleid von
dem kleinen gelben Küchenmädel in der folgenden Nacht, warf's über und
schob den Brief unter die Thüre, ganz wie mich's Tom geheißen hatte.
Im Brief stand:
»Hütet euch! Unheil naht! Seid auf der Wacht!
_Ein unbekannter Freund._«
In der nächsten Nacht befestigten wir eine von Tom mit Blut verfertigte
Zeichnung, die einen Totenschädel über gekreuzten Gebeinen vorstellte,
an der Hauptthüre und in der darauffolgenden Nacht die eines Sarges
an der Hinterthüre. -- Nie sah ich eine Familie in solcher Aufregung.
Sie hätten nicht mehr in Angst sein können, wenn das ganze Haus voller
Geister gewesen wäre und hinter jedem Schrank, hinter jeder Thür ein
Totengerippe geklappert und geisterhaftes Seufzen und Stöhnen beständig
durch die Luft gezittert hätte. Wurde eine Thüre irgendwo zugeschlagen,
so fuhr Tante Sally mit einem Wehruf in die Höhe, fiel etwas zu Boden,
sprang sie wie von einer Feder geschnellt auf und schrie: ›Herrje‹!
Kam man ihr zufällig nahe, ohne daß sie's merkte, geschah dasselbe.
Nie konnte sie ruhig bleiben, immer fuhr der Kopf nach hinten, um zu
sehen, ob da alles in Richtigkeit sei -- so drehte sie sich beständig
um sich selbst und stieß ihr ›Herrje‹ heraus, und ehe sie kaum halbwegs
mit einer Drehung fertig war, so fuhr sie schon wie besessen nach der
andern Seite herum. Sie fürchtete sich, zu Bett zu gehen, und hatte
Angst aufzubleiben. Unser Schreckschuß hatte also seine Wirkung gethan,
Tom meinte, er habe noch nie eine befriedigendere erzielt. Er sagte,
man sähe daraus, wie richtig wir gehandelt.
»Jetzt zur letzten Bombe!« rief er. Die Zeit zum Haupt- und Schlußakt
sei gekommen! Vor Anbruch des nächsten Tages hatten wir also einen
zweiten Brief fertig und überlegten, was wir mit demselben beginnen
sollten, denn wir hatten sie beim Abendessen sagen hören, daß diese
Nacht ein Nigger die Thüren bewachen müsse. Tom ließ sich dann am
Blitzableiter hinunter und spähte umher; und da er den Nigger an der
Hinterthüre schlafend fand, steckte er ihm den Brief hinten in seinen
Halskragen.
Der Brief lautete:
»Verratet mich nicht, ich möchte euer Freund sein! Eine
mordgierige Räuberbande drüben aus den Indianergebieten plant
diese Nacht, euren gefangenen Nigger zu befreien, und sie
haben versucht euch einzuschrecken, damit sich niemand aus
dem Hause wagt und ihnen so freie Hand bleibt. Ich selbst
gehöre der Bande an, mein edler Sinn aber erlaubt mir nicht,
dieser Schandthat beizuwohnen, ohne wenigstens den Versuch
einer Warnung zu wagen. Mein heißester Wunsch ist, die Räuber
und Mörder zu verlassen und ein neues Leben zu beginnen. So
verrat' ich denn den höllischen Plan! Sie werden von Norden
her einbrechen und mit einem falschen Schlüssel die Thür der
Hütte öffnen, um den Nigger zu befreien. Ich selbst bin als
Wache ausgestellt und soll auf einem Horn blasen, sobald Gefahr
im Anzuge ist. Anstatt dessen werde ich wie ein Schaf blöken,
sobald sie in die Hütte eindringen. Dann -- während sie die
Ketten lösen -- könnt ihr die Thüre schließen und sie nach
Belieben töten. Thut genau, wie ich euch sage, sonst riechen
sie Lunte und alles ist Essig! Belohnung verlange ich keine;
das Bewußtsein, meine Pflicht gethan zu haben, genügt mir.
_Ein unbekannter Freund._«
Einunddreißigstes Kapitel.
Das Floß. -- Sicherheitskomitee. -- Ein Dauerlauf. -- Jim rät
zum Arzt.
Eins hätt' ich fast vergessen zu erwähnen, nämlich daß wir bei all
den Vorbereitungen nicht versäumt hatten, uns die Mittel zur Flucht
auf dem Fluß zu verschaffen. Nach und nach hatten wir angetriebenes
Holz, Stämme aus der Sägmühle, Bretter und was uns sonst zu Händen
kam, gesammelt und damit allmählich ein ganz stattliches Floß gebaut.
So fest und schön wie unser altes war's freilich nicht geworden,
konnte sich aber trotzdem sehen lassen und wir dachten, es werde wohl
einen Stoß vertragen können. Dies Floß hatten wir an einer kleinen
Insel im Fluß draußen im Binsendickicht in Sicherheit gebracht und da
lag's zur Flucht bereit. Heute galt's noch die letzte Hand anzulegen,
und so ruderten wir auf Onkels Boot, das immer am Ufer lag, hinaus.
Tante hatte uns ein Frühstück mitgegeben, und nachdem wir unser Werk
vollendet, vertrieben wir uns die Zeit mit Fischen. Als wir spät am
Abend nach Hause kamen, fanden wir alles in der größten Aufregung.
Niemand schien mehr zu wissen, wo ihm der Kopf stand. Wir mußten denn
auch sofort nach dem Essen hinauf in unser Zimmer und zu Bett, aber
niemand sagte auch nur ein Wörtchen von dem neuen Brief oder von der
Ursache des Wirrwarrs überhaupt. Es war auch nicht nötig, denn wir
wußten alles so gut wie nur irgend jemand. Sobald wir halb die Treppe
oben waren und niemand mehr um den Weg war, schlichen wir uns in den
Keller zum Speiseschrank und packten uns gehörig Eßvorräte ein, die uns
eine Woche reichen konnten, und dann ging's hinauf und ins Bett. Wir
schliefen bis halb zwölf Uhr und standen dann flink auf. Tom warf Tante
Sallys Rock über und packte die Eßwaren zusammen. Auf einmal fuhr er
mich scharf an:
»Wo ist die Butter?«
»Na« -- sagte ich -- »ich hab' ein großes Stück abgeschnitten und auf
ein Maisblatt gelegt.«
»Na, dann mußt du's drunten gelassen haben, hier ist's nicht.« --
»Dann thun wir's eben _ohne_,« sag' ich.
»Nee, wir thun's ganz schön _mit_ und _nicht ohne_,« weist er mich
zurecht; »du schleichst dich einfach noch einmal in den Keller
und holst sie herauf, das ist schnell gethan! Dann fährst du am
Blitzableiter hinunter und kommst mir nach. Ich mach' mich jetzt gleich
in die Hütte und stopfe Jims Kleider mit Stroh aus, was dann die Mutter
vorstellen muß, und sobald du da bist, blök' ich wie ein Schaf, und
dann auf und davon, hast du nicht gesehen!«
Er also am Blitzableiter hinunter und ich zum Keller geschlichen.
Richtig fand ich den Klumpen Butter, wo ich ihn gelassen, faßte ihn
samt dem Blatt, auf dem er lag, blies mein Licht aus und schlich
die Treppe leise wieder hinan. Ich war glücklich über den Vorplatz
gelangt, bis zur Treppe ins obere Stockwerk, wo ich in Sicherheit
gewesen wäre, da muß der Kuckuck Tante Sally mit einer Kerze in der
Hand herbeiführen. Ich, nicht faul, werf' die Butter in meine Mütze und
stülp' diese auf den Kopf. Im nächsten Augenblick erblickte sie mich
und stellt mich zur Rede.
»Du warst im Keller!«
»Ja--a!«
»Was hast du dort zu thun?«
»Nichts!«
»Nichts?«
»Nein!«
»Na, was in aller Welt treibt dich denn zur Nachtzeit, wenn alles
schläft, da hinunter?«
»Ich weiß nicht!«
»Du weißt's nicht! Jetzt verbitt' ich mir diese Antworten, Tom, ich
will wissen, was du drunten gethan hast!«
»Ich hab' nichts, rein gar nichts gethan, Tante Sally, gewiß und
wahrhaftig -- nichts!«
Für gewöhnlich hätte sie mich darauf wohl laufen lassen, aber heut'
ging alles so drunter und drüber, daß sie jedes bißchen reizte, was
nicht ganz fadengrad war. Deshalb sagte sie sehr entschieden:
»Da hinein mit dir ins Wohnzimmer, und daß du mir dort bleibst, bis ich
komme. Du hast irgend etwas im Schild, was ich nicht wissen soll, aber
ich schwör' dir, ich find's heraus, ehe wir zwei uns Gutenacht sagen.
Marsch!«
Sie schob mich zur Thür hinein und verschwand. Aber waren da viel
Leute! An die fünfzehn Farmer aus der Umgegend und jeder mit einer
Flinte bewaffnet. Mir wurde ordentlich schwach und ich schlich mich zu
einem Stuhl und setzte mich. Da saßen und standen sie im Zimmer herum,
unterhielten sich mit leiser Stimme und sahen dabei ängstlich und
unruhig aus; thaten aber, als wäre nichts passiert. Aber ich merkt's
gleich, weil sie beständig ihre Hüte auf- und abnahmen, sich hinter den
Ohren oder am Kopfe kratzten, immer die Sitze wechselten und mit ihren
Knöpfen spielten. Mir war auch nicht wohl zu Mute, aber meine Mütze
ließ ich trotzdem fest sitzen.
Ach, wie wünschte ich, die Tante käm' herbei und prügelte mich
meinetwegen durch, ließe mich dann aber laufen, so daß ich Tom sagen
könnte, in welch greuliches Wespennest wir gestochen, und daß wir am
besten thäten, den Unsinn zu lassen und uns mit Jim schleunigst auf die
Socken zu machen, bevor die bewaffnete Macht sich in Bewegung setzte.
Ich saß wie auf Kohlen.
[Illustration]
Endlich erschien Tante und begann ein Kreuzverhör mit mir anzustellen,
ich aber konnte keine Frage beantworten, denn ich wußte kaum mehr, was
ich sagte, da ich merkte, daß die Leute unruhig zu werden begannen
und zum Aufbruch rüsteten. Ein Teil wollte sofort weg und den Räubern
aufpassen, da nur noch wenig an Mitternacht fehle. Die andern mahnten
zur Geduld und wollten auf das versprochene Signal warten. Und immer
noch hackte Tante mit Fragen auf mich ein und ich zitterte und bebte
nur so an allen Gliedern und war dem Umsinken nahe vor Angst und
Entsetzen und das Zimmer wurde heißer und heißer und die Butter auf
meinem Kopfe begann zu schmelzen und rieselte sanft an meinen Ohren
und meinem Hals hinunter. Als bald darauf einer sagte: ›ich bin dafür,
daß wir sofort direkt zur Hütte gehen und die Bande festnehmen, sobald
sie kommt‹, fiel ich beinahe um. Ein kleiner Butterstrom beginnt jetzt
leise an meiner Stirn niederzusickern, und wie Tante das sieht, wird
sie so blaß wie ein Leintuch und schreit:
»Herr, Gott des Himmels und der Erden, was fehlt dem Kinde? --
Barmherziger Gott, er hat gewiß eine Gehirnerweichung und sein armes
Hirn fließt aus! Was fang ich an?«
Und alles rennt auf mich los und will sehen. Sie reißt mir den Hut vom
Kopf und heraus fällt das Blatt mit dem Rest der Butter, worauf sie
mich herzt und küßt und unter Thränen seufzt:
»Ach, wie du mich erschreckt hast! Und wie dankbar und froh ich bin,
daß es nichts andres ist -- denn wir sind nun einmal im Unglück und
eins kommt selten allein! Als ich die Brühe sah, dacht' ich bestimmt,
du seist verloren, denn in Bezug auf Farbe und Durchsichtigkeit würde
dein Gehirn gewiß gerade so aussehen, wenn -- -- Gott, Gott, warum hast
du mir's nicht gleich gesagt, was hätte mir an der Butter gelegen!
Jetzt mach' dich aber fort ins Bett und laß dich vor morgen früh nicht
mehr blicken, merk' dir's, Bengel!«
Ich ließ mir das nicht zweimal sagen! In einer Sekunde war ich oben,
in der nächsten den Blitzableiter hinunter und rannte im Dunkel dem
Schuppen zu. Ich brachte vor Aufregung kaum Worte heraus; ich sagte
Tom nur so geschwind als möglich, wir müßten auf und davon, es sei
keine Zeit übrig -- das Haus sei voller Männer mit Flinten, mindestens
fünfzehn!
Toms Augen strahlten förmlich, und entzückt ruft er aus:
»Nein, wahrhaftig? Herrgott, ist das ein Spaß! Ich glaub', wenn ich's
noch einmal zu thun hätte, Huck, brächt' ich hundert zur Stelle! Wollen
wir's aufschieben und --«
»Eil' dich -- eil' dich,« unterbrech' ich ihn, »wo ist Jim?«
»Dicht neben dir, du berührst ihn beinahe. Er ist angezogen, die Mutter
ebenfalls, und alles ist bereit. Nun wollen wir uns leise hinausmachen
und das Signal geben!«
Aber gerad' in demselben Augenblick kommt das Geräusch von vielen
Fußtritten auf die Thüre zu; man hört sie am Schloß hantieren und eine
Stimme spricht: