»Na, dein Verdienst ist das nicht, Silas, das brächtest du auch noch

fertig, wenn's möglich wäre! Und das Hemd ist's noch gar nicht allein,

was fehlt, nein, es fehlt auch ein Löffel. Zehn waren's und neun sind's

nur noch, einer ist weg. Wenn das Kalb das Hemd gefressen hat, wie

sie mir vormachen wollen -- den Löffel hat's doch sicher nicht mit

verschluckt! Soviel ist sicher!«

»Fehlt sonst noch was?«

»Ja, noch was! Sechs Talglichter -- das ist doch was, denke ich. Die

könnten die Ratten gefressen haben, das wär' möglich, wahrhaftig, es

ist ja ein Wunder, daß sie noch nicht das ganze Haus verschluckt haben,

du kümmerst dich ja keinen Pfifferling drum, Silas, ob ihre Löcher

verstopft sind oder nicht. Sie könnten in deinen Haaren nisten, dir

wär's einerlei, ich glaub', du merktest noch gar nichts davon -- das

Verschwinden des Löffels aber kann man auch den Ratten nicht in die

Schuhe schieben -- das ist doch klar!«

»Ja, Sally, du hast recht, das hab' ich wirklich versäumt, aber ich

versprech' dir, daß ich noch vor heut' abend die Löcher alle selbst

zustopfe -- und ordentlich!«

»O, es hat ja keine Eile, nächstes Jahr ist's auch noch Zeit!«

Plumps fällt der Fingerhut hörbar auf den Schädel eines Sprößlings,

und heulend zieht er die Finger aus der Zuckerdose zurück, in der

sie herumgekrabbelt. Da erscheint Liese, die Niggerfrau, welche die

Hausarbeit besorgt, unter der Thüre:

»Frau, es fehlen auch eine Betttuch!«

»Ein Betttuch? Herr, du mein Gott!«

»Jetzt stopf' ich aber gleich die Rattenlöcher zu!« seufzt Onkel Silas

und sieht sehr reuig und bekümmert aus.

»O, schweig' still!« fährt Tante Sally auf ihn los, »denkst du denn

vielleicht, die Ratten hätten das Betttuch verzehrt? Wo mag das

Betttuch sein, Liese?«

»O Jemine, Liese das nix wissen! Waren auf der Leine gestern, sein weg

heute -- ganz, ganz weg!«

»Wahrhaftig, ich glaub' die Welt geht unter! So was hab' ich noch nicht

erlebt, so lang' mich die Sonne bescheint! Ein Hemd und ein Betttuch

und ein Löffel und sechs Talglich--«

»Kann den Messingleuchter nicht finden!« schreit eine kleine, gelbe,

halbwüchsige Range und stürzt wie toll ins Zimmer.

»Willst wohl machen, daß du hinauskommst, du Balg? Marsch -- oder --!«

Nun war sie aber wie rasend. Wir alle duckten uns, zogen die Schultern

ein und waren still wie die Mäuse, während sie wie ein Wirbelwind

durchs Zimmer fuhr, und bald hier, bald da etwas krachte und knackte.

Ich sah mich schon nach einer Gelegenheit um, mich mit heiler Haut zu

salvieren, als plötzlich Onkel Silas in die Tasche greift und mit der

erstauntesten, ungläubigsten, dümmsten Miene von der Welt den Löffel

vorzieht. Mitten im tollsten Redestrom blieb ihr der Mund offen stehen

und bei diesem Anblick wünschte ich mich nach Jerusalem oder sonst

wohin. Aber bald ruft sie:

»Grad' wie ich's dachte! _Genau_ so wie ich's dachte! Hast du natürlich

die ganze Zeit über den Löffel in deiner eignen Tasche und sagst kein

Wort und läßt deine Frau sich bald tot ärgern. Ganz wie du bist!

Vielleicht hast du die andern Sachen auch noch drin, wie? Sieh doch

einmal nach! Wie ist er denn eigentlich hineingekommen?«

»Das weiß ich wahrlich nicht, Sally, ich würd's dir doch gewiß sagen,«

versetzt er, sich gleichsam entschuldigend. »Ich habe vor dem Frühstück

meinen Text studiert für nächsten Sonntag und hab' mein neues Testament

auf dem Tisch gehabt, da hab' ich's gewiß verwechselt und den Löffel

statt dessen in die Tasche gesteckt, denn wie ich jetzt merke, ist mein

Testament nicht drin. Ich will einmal gehen und nachsehen; wenn's noch

da liegt, wo ich's vor dem Frühstück hatte, dann ist's ganz sicher so

und ich hab's nur verwechselt und hab' den Löffel --«

»Herr, du mein Gott, kannst du nicht schweigen? Du machst einen ja

halb tot mit deinem Geschwätz! Jetzt macht, daß ihr wegkommt, alle

miteinander, marsch, fort, und kommt mir nicht wieder zu nahe, bis ich

mich erholt habe, hört ihr? Ich rat's euch im Guten!«

Ich hätt' sie verstanden und wenn sie's nur geflüstert, nur zu sich

selbst gesagt, es nur gedacht hätte! Und ich hätt' ihr gehorcht, wenn

ich tot und begraben gewesen wäre! Keiner war so flink wie ich, und

als wir durch's Wohnzimmer kamen, stand dort der alte Mann und nahm

gerade seinen Hut vom Nagel und setzte ihn auf. Der Nagel fiel zu

Boden und er bückte sich ganz matt danach und hob ihn auf, ohne ein

Wort zu verlieren, legte ihn auf den Tisch und ging hinaus. Tom hatte

zugesehen, dachte an den Löffel und meinte:

»Mit _dem_ schicken wir lieber nichts mehr, auf den ist kein Verlaß!

Mit dem Löffel aber hat er uns einen Dienst erwiesen, ohne es zu

wollen, und das werden wir ihm vergelten, ohne daß er es weiß, und ihm

seine Rattenlöcher zustopfen, der bringt's doch nie zustande!«

Gesagt, gethan! Es waren gerade genug drunten im Keller; wir hatten

eine ganze Stunde damit zu thun, danach war's aber auch gethan, gut

und fest und dauerhaft, und 's sollte den Ratten schon schwer werden,

durchzubrechen! Auf einmal hören wir Schritte auf der Treppe, blasen

unser Licht aus, verstecken uns, und da kommt der alte Mann mit einem

Licht in der einen Hand und mit einem Pack in der andern und sieht so

abwesend aus, wie das Jahr, das vorm letzten vergangen. Träumerisch

schleicht er an jedes Loch, fingert ein bißchen dran herum, stopft ein

bißchen was hinein und fertig ist er. Lange steht er dann und schaut

ins Licht, pickt den abgeflossenen Talg weg und denkt über was nach.

Dann wendet er sich langsam der Treppe zu und flüstert vor sich hin:

»Ich mag mir den Kopf zerbrechen, wie ich will, und kann mich doch

nicht besinnen, wenn ich's gethan habe. Aber zugestopft sind die Löcher

und ich könnt' ihr jetzt beweisen, daß ich nicht Schuld an den Ratten

bin! Doch, was liegt dran -- ich laß es gut sein -- es würde doch

nichts helfen!« --

[Illustration]

Und so kriecht er murmelnd und schleppenden Ganges die Treppe hinauf

und wir leise hinterdrein. Es war wirklich ein guter alter Mann und

ist's immer noch!

Tom war sehr in Verlegenheit, was er wegen des Löffels thun solle; wir

mußten jedenfalls einen haben. Als er sich's überlegt hatte, sagte

er mir seinen Plan. Wir gingen dann ins Zimmer, drückten uns um den

Löffelkorb herum, bis wir Tante Sally kommen sahen, und dann nahm Tom

die Löffel heraus, legte sie neben den Korb und begann sie zu zählen,

während ich einen davon in meinen Aermel verschwinden lasse. Plötzlich

ruft er:

»Na, aber Tante Sally, es sind ja noch immer nur neun Löffel, sieh doch

mal!«

Sie fährt ihn an:

»Mach', daß du weiter kommst, spielt etwas und laßt mich in Ruhe. Ich

weiß es besser, ich hab' sie ja vorhin selbst gezählt!«

»Na, ich hab' sie eben zweimal gezählt, Tantchen, und ich krieg' nur

neun heraus!«

Sie sah furchtbar ungeduldig aus, kam aber doch her -- jedes hätte da

angebissen!

»Ja, wahrhaftig, so ist's, so wahr ich lebe -- es _sind_ nur neun!«

sagt sie. »Wie in aller Welt -- da schlag' doch gleich was drein,

wart', ich will's noch einmal zählen!«

Jetzt leg' ich den aus meinem Aermel dazu, und wie sie mit dem Zählen

fertig ist, sagt sie:

»Das ist ja rein wie verhext -- jetzt sind's wieder zehn!« Und sie

sieht ganz ungeduldig und ärgerlich aus. Meint Tom:

»Aber Tantchen, ich glaub' doch nicht, daß es zehn sind!«

»Was, du Dickkopf, hab' ich's denn nicht grad' gezählt?«

»Ich weiß, aber --«

»Wart', ich zähl' sie noch einmal, daß du endlich zufrieden bist!«

Ich also wieder einen weggenommen und so waren's neun wie zuerst. Na,

jetzt wurde sie aber wild -- und wie wild! Sie zitterte am ganzen

Körper und konnte sich kaum helfen. Aber sie zählte und zählte, bis sie

so verwirrt war, daß sie den Korb als Löffel ansah und mitzählte, und

dreimal waren's zehn und dreimal nur neun -- sie war ganz toll! Dann

nahm sie den Korb, schleuderte ihn an die Wand, versetzte der Katze

einen Tritt, daß die in die Luft flog, und schrie, wir sollten uns

packen und sie in Ruhe lassen, und wenn wir uns noch einmal vor Tisch

blicken ließen, wolle sie uns die Haut bei lebendigem Leibe abziehen.

Wir aber hatten unsern Löffel wieder und Jim erhielt ihn zusammen mit

dem alten Nagel noch vor Mittag. Soweit waren wir ganz zufrieden und

Tom meinte, der Spaß sei wohl der Mühe wert gewesen, denn nun könne sie

die Löffel in ihrem ganzen Leben nie wieder richtig zählen und wisse

sicher nie mehr, ob sie zehn oder nur neun habe, und zähle sie einmal

recht, so meine sie, es wäre falsch, und umgekehrt, und wenn sie das

Manöver nur drei Tage hintereinander fortsetze, so würde sie am vierten

sicherlich jedem den Kopf abreißen, der sie dran erinnere und nicht

neun -- zehn, oder zehn -- neun sein lasse.

Am Abend hingen wir dann das Betttuch wieder auf die Leine und stahlen

eins aus dem Schranke und machten so weiter mit nehmen und wieder

hinlegen während einiger Tage, bis sie auch nicht mehr wußte, wieviele

Tücher sie habe, und sagte, es läge ihr auch gar nichts dran, sie wolle

sich nicht zu Tod ärgern, nun zähle sie auch gar nicht mehr, um keinen

Preis, lieber wolle sie gleich auf der Stelle sterben.

Nun war alles in schönster Ordnung mit dem Hemd und dem Betttuch und

dem Löffel und den Lichtern, Dank dem Kalb und den Ratten und dem etwas

verwickelten Zählexperiment. Am Leuchter lag nicht so viel -- dieser

Sturm verwehte von selbst nach und nach.

Die Pastete aber, die berühmte Zauberpastete, machte uns viel, viel

Arbeit. Wir hatten uns dazu alles Nötige hinaus in den Wald geschleppt

und dort buken wir sie auch. Endlich wurden wir fertig damit und sie

war auch recht gelungen, aber es hatte länger als einen Tag gedauert

und wir brauchten statt einer drei Waschschüsseln voll Mehl, ehe wir

so weit waren, und wir verbrannten uns beinahe überall und die Augen

liefen uns beinahe aus vor Rauch; wir wollten eben nur eine _Kruste_

haben und die wollte nicht stehen bleiben, sondern stürzte immer

wieder nach der Mitte zu ein. Zuerst probierten wir, sie mit unsern

Händen festzuhalten, dann aber fiel uns ein, wir können ja gleich die

Strickleiter zum Ausfüllen hineinthun. So ließen wir's denn sein und

machten uns erst an die Leiter. Wir blieben die Nacht über bei Jim,

rissen das Betttuch in kleine Streifen, flochten diese zusammen und

hatten lange vor Tagesanbruch ein herrliches Seil fertig, mit dem man

einen Ochsen hätte hängen können. Wir ›thaten‹ dann so, als hätten wir

neun Monate dazu gebraucht.

Andern Tags nahmen wir's mit in den Wald, aber es wollte nicht in die

Pastete hineingehen. Man hätte damit vierzig Pasteten füllen können,

wenn wir sie gebraucht hätten, und es wäre auch noch etwas übrig

geblieben für Suppe oder Wurst oder was man sonst wollte. So ein

Betttuch ist groß -- es hätte für ein paar Mittagessen gereicht!

Das brauchten wir nun aber nicht. Wir brauchten nur genug für unsere

Pastete, und den Rest warfen wir dann weg. Zum Backen konnten wir aber

die Blechschüssel nicht gebrauchen, wir hatten Angst, der Boden käm'

heraus und unsre ganze Herrlichkeit fiele ins Feuer. Aber Onkel Silas

besaß eine feine eiserne Kohlenpfanne, auf die er sehr stolz war, denn

sie war ein altes Erbstück mit einem langen hölzernen Griff und war von

England mit Wilhelm dem Eroberer auf der ›Maiblume‹ oder sonst einem

der ersten Auswandererschiffe herübergekommen. Sie lag nun droben auf

dem Speicher mit einer Menge andern Gerümpels, das Onkel hochschätzte,

nicht weil es wirklich Wert gehabt hatte, sondern weil es ›Relickjen‹

waren, wie Onkel sagte, wovon ich aber nicht weiß, was es heißen soll.

Nun, die eiserne Pfanne also, die ›Relickjen-Pfanne‹, kriegten wir vor,

heimlich natürlich, und nahmen sie mit in den Wald. Die ersten Pasteten

wollten nicht recht geraten, bis wir's dann besser los hatten. Wir

nahmen die Pfanne, fütterten sie mit Teig aus, stopften dann das Seil

hinein und legten Teig drauf; dann den Deckel zu, Kohlen drauf, Griff

gepackt, aufs Feuer gehoben und nach fünfzehn Minuten kam die schönste

Pastete heraus, wie sie der beste Koch kaum hätte backen können. Wer

die aber essen wollte, mußte sich mit Zahnstochern versehen, dem

Zentner nach, denn das Seil, denk' ich mir, muß ziemlich zäh geblieben

sein. Na, wir aßen sie ja nicht, mochte ein anderer Leibweh kriegen!

Sam sah sich nicht um, als wir die Pastete auf Jims Schüssel legten.

Die drei Zinnteller verbargen wir zu unterst, beugten dann das ganze

Essen drauf und Jim bekam richtig alles, und sobald er allein war,

sprengte er die Pastetenhülle, steckte die Strickleiter in seinen

Strohsack, kratzte etwas krumm und schief auf den einen Zinnteller und

warf ihn zum Guckloch hinaus. Tom war sehr zufrieden und sagte, Jim

habe brav seine Schuldigkeit gethan.

[Illustration]

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Das Wappen. -- Ein geschickter Aufseher. -- Unwillkommener

Nachruhm. -- Ein reuiger Sünder.

Das Herstellen der Schreibfedern war eine verteufelt schwierige Arbeit

und ebenso war's mit der Säge, Jim aber meinte, das Einkratzen der

Inschrift in die Wand sei noch das Schlimmste von allem. Das mußte aber

geschehen, wohl oder übel, denn Tom sagte, nie in seinem Leben habe

er noch von einem Staatsgefangenen gehört, der nicht eine Inschrift

auf den Mauern seines Kerkers zurücklasse mit seinem Namen und seinem

Wappen.

»Denk' doch nur einmal an Lady Jane Grey und Gilford Dudley und den

alten Northumberland! Wenn's auch lange Zeit braucht und viel Arbeit

macht, Huck, es muß eben sein, man kann sich nicht drumherumdrücken!

Jim _muß_ die Inschrift machen mit seinem Wappen, das thun sie alle!«

Sagt Jim:

»Aber, junge Herr Tom, Jim haben gar keine Wappen nix, haben gar nix

wie alte Hemd da, und Tom wissen selber, Jim sollen schreiben Tagebuch

auf alte Hemd.«

»Ach, du verstehst mich nicht, Jim, ein Wappen ist ja ganz was andres.«

»Na,« sag' ich, »aber Jim hat doch jedenfalls recht, wenn er sagt, daß

er kein Wappen hat, denn er _hat_ einmal keins!«

»Soviel weiß ich selbst,« fährt mich Tom an, »das brauchst du mir nicht

erst zu sagen, aber ich wett' mit dir, was du willst, er kriegt eins,

eh' er hier herauskommt, denn -- das versichere ich dir -- es soll

einmal später nicht heißen, daß so etwas versäumt worden sei!«

Während also Jim und ich, jeder auf einem Backstein, seine Feder

schliff -- Jim machte seine aus einem Stück Messing, ich die meine aus

dem Blechlöffel -- saß Tom da und dachte sich ein Wappen aus. Nach

einiger Zeit sagte er, er habe so viel gute Ideen, daß er kaum wisse,

welche er wählen solle, eine davon aber leuchte ihm ganz besonders ein:

»Aufgepaßt!« -- erklärt er -- »im Schild haben wir einen Querbalken und

unten im rechten Feld ein dunkelrotes Andreaskreuz, unter dem ein Hund

kauert und zu dessen Füßen eine zersprengte Kette liegt, Zeichen der

Sklaverei, dann noch ein grüner Querbalken und in azurnem Felde eine

siebenfach gezackte Krone. Gekreuzte Degen im andern Feld, drüber steht

ein durchgebrannter Nigger in Zobel, der mühsam sein Bündel auf der

Schulter trägt. Wappenhalter: zwei Säulen, -- das sind wir beide -- und

als Motto: ~Maggiore fretta, minore atto.~ Das hab' ich aus meinem Buch

und das will sagen: ›je mehr Hast, desto weniger Schnelligkeit‹. Was

sagst du dazu?«

»Hui--i--i--i! Wundervoll! Aber verstehen thu' ich's nicht recht!«

»Na, damit können wir jetzt keine Zeit verlieren, Huck, jetzt müssen

wir tüchtig an die Arbeit.«

»Was ist denn ein Feld zum Beispiel und ein Querbalken und ein

Andreaskr--«

»Ach, plag' mich doch nicht! Ein Feld -- na, ein Feld ist -- wart', ich

will's Jim schon zeigen, wenn er dran kommt.«

»Aber mir könntest du's doch vorher sagen, Tom, nicht? Was ist ein

Querbalken?«

»Ja, was weiß ich? -- aber haben muß er's, alle vom Adel haben's!«

So war er immer. Wenn es ihm nicht paßte, einem etwas zu erklären,

konnte man drei Wochen lang an ihm pumpen und erfuhr's doch nie.

Da er mit dem Wappen jetzt im klaren war, fing er an und überlegte die

Inschrift, die recht düster und schwermütig sein müsse. Jim müsse die

auch haben, wie alle andern. Er hatte gleich eine Menge zur Auswahl

fertig und schrieb sie auf ein Stück Papier. Dann las er uns vor:

1. ~Hier barst ein gefangenes Herze.~

2. ~Hier hauchte ein armer Gefangener, von Gott und den

Menschen verlassen, sein trostloses Leben aus.~

3. ~Hier brach ein einsames Herz und ein müder, gequälter Geist

ging zur ewigen Ruhe ein, nach siebenunddreissig langen Jahren

martervollster Gefangenschaft.~

4. ~Hier, heimat- und freundlos, nach siebenunddreissig

bittren Jahren der Einkerkerung, hauchte ein edler Fremdling,

natürlicher Sohn Ludwigs XIV. seinen grossen Geist aus. Friede

seiner Asche!~

Toms Stimme zitterte und brach beinahe, als er las, so gerührt war er.

Nachher konnte er sich für keine der vier Inschriften entscheiden, so

lieb waren ihm alle, und gestattete schließlich, daß Jim alle vier an

die Wand kritzle. Jim aber wehrte sich und sagte, er brauche ein Jahr,

bis er all das Zeug hingekritzelt, und zudem könne er keinen Buchstaben

machen; aber Tom versicherte, das wolle er ihm zeigen und alles erst

für ihn hinmalen, dann habe er nur noch den Linien zu folgen. Auf

einmal sagt er:

»Halt, was mir da einfällt! Wir haben ja hier Holzwände und das ist

ganz und gar nicht das Richtige. Fels muß es sein, richtiger, harter

Fels, aus dem die Kerkermauern gemacht sind! Da müssen wir sehen, wie

wir uns den verschaffen.«

Jim meinte, Fels sei noch schlimmer, da könne er vermodern, ehe er da

alles hineinritze, da würde er nie frei; aber Tom sagte, ich dürfe

ihm dabei helfen, und das tröstete Jim ein wenig. Dann sah Tom nach,

wie weit wir mit unsern Federn seien. Das war eine ganz infam mühsame

Arbeit, und meine armen Hände hatten wenig Aussicht, dabei die Blasen

des Grabens los zu werden, auch kamen wir gar nicht voran. Sagt Tom:

»Ich weiß, was wir thun! Wir müssen ja doch einen Felsen haben für

das Wappen und die Trauer-Inschrift und da können wir zwei Fliegen

mit einer Klappe töten. Drunten bei der Mühle liegt ein prachtvoller,

alter Mühlstein, den schleppen wir her und darauf machen wir Wappen und

Inschrift und schleifen obendrein Federn und Säge!«

Das war mal eine grandiose Idee, der Mühlstein war aber auch grandios.

Es war noch nicht Mitternacht, wir also hinaus nach der Mühle, indes

Jim bei der Arbeit blieb. Wir fanden den Mühlstein richtig und brachten

ihn auch ins Rollen -- aber es war eine verteufelt schwierige Sache.

Manchmal, -- wir mochten uns dagegen stemmen soviel wir wollten --

fiel der Stein nach der Seite und hätte beinahe den einen oder andern

zerquetscht; Tom meinte auch, das geschehe sicherlich noch, ehe wir

an Ort und Stelle seien. Halbwegs zur Hütte hatten wir den Kerl

gelootst, dann waren unsre Kräfte rein zu Ende und wir waren wie in

Schweiß gebadet. Es half nichts, Jim mußte herbei und mit anpacken.

Der hob also den Bettpfosten auf, machte die Kette los und wickelte

sie dreifach um den Hals und Leib; wir krochen dann durch unser Loch

und flink hinunter, und Jim und ich rollten den Stein spielend weiter,

während Tom die Aufsicht führte. Darin war er stark, darin that er's

jedem Jungen zuvor. So was hab' ich nie wieder gesehen -- er hatte eben

Geschick zu allem!

Unser Loch war nun ziemlich groß, aber doch nicht groß genug, um den

Stein hindurchzukriegen, aber Jim kam uns zu Hilfe, nahm Hacke und

Schaufel und bald war er samt dem Stein glücklich in der Hütte drin.

Nun ritzte Tom mit einem Nagel ganz leicht die Buchstaben und das

übrige auf den Stein, setzte dann Jim dran, mit dem Nagel als Meisel

und einem Stück Eisen aus dem Schuppen als Hammer, und befahl ihm, an

der Arbeit zu bleiben, so lange sein Licht reiche, und erst dann zu

Bett zu gehen, den Mühlstein aber unter seinem Strohsack zu verbergen

und drauf zu schlafen. Dann halfen wir ihm die Kette wieder am

Bettpfosten befestigen und wollten nun selbst schlafen gehen. Tom aber

fiel noch etwas ein.

»Hast du Spinnen hier, Jim?«

»Nein, junge Herr, Jim danken dem Himmel, haben keine Spinnen nix!«

»Na, dann müssen wir dir welche verschaffen!«

»Aber, liebste Tom, Jim gar nix brauchen Spinnen, gar nix wollen haben

Spinnen! Jim sich fürchten vor Spinnen, lieber noch wollen haben

Klapperschlangen!«

Tom besann sich ein paar Minuten und sagte:

»Das wär' ne gute Idee, Jim, das war sicherlich auch schon da, es muß

dagewesen sein. Das ist eine herrliche Idee! Jim, wo könntest du sie

halten?«

»Halten was, Tom?«

»Ei, die Klapperschlangen!«

»Herr des Himmels! Wenn Klapperschlang' kämen hier rein, Jim würden

stoßen Loch in die Wand mit sein Kopf un springen durch, mit seine

eigene, arme, alte Kopf zuerst. O, junge Herr Tom!«

»Was, Jim, du hast doch keine Angst davor, oder? Du könntest die

Schlange ja zähmen!«

»Zähmen ...?«

»Ja -- ganz leicht. Jedes Tier ist so dankbar, wenn man's liebkost und

freundlich mit ihm ist, und _denkt_ nicht dran, jemanden zu verletzen,

der gut mit ihm ist. Das kannst du in jedem Buch lesen! Probier's doch

einmal -- das ist alles, worum ich dich bitte, probier's nur einmal

zwei oder drei Tage lang. Ich bin überzeugt, du kriegst die Schlange

noch so weit, daß sie dich wirklich lieb hat und bei dir schlafen will

und dich keine Minute allein läßt, und es leidet, daß du sie dir um den

Hals wickelst und ihren Kopf in deinen Mund nimmst.«

»Bitte, Massa Tom, nix das sagen, nix so sprechen. Jim nix wollen haben

Kopf in Mund, Schlang' können lang warten, bis Jim drum fragen! Un Jim

auch nix wollen schlafen mit Schlang' -- nein, Jim _gar nix wollen_!«

»Jim, sei doch nicht verrückt! Ein Gefangener _muß_ ja irgend ein

zahmes Lieblingstier haben, und wenn sie's bis jetzt noch nie mit einer

Klapperschlange probiert haben -- nun, dann ist's um so mehr Ruhm und

Ehre für dich, der erste zu sein, der das thut. Leichter wird es dir

nie mehr im Leben gemacht werden, dir großen Nachruhm zu sichern!«

»Nein, nein, Massa Tom, Jim nix brauchen solche Nachruhm! Schlang'

kommen un beißen Jim tot -- nein, Jim nix brauchen Nachruhm!«

»Sei doch gescheit. Du sollst's ja nur probieren, sag' ich dir! Du

kannst's ja sein lassen, wenn's wirklich nicht geht.«

»O, dann sein zu spät, wenn Schlang' erst beißen arme Jim! Massa Tom,

Jim wollen thun alles, was sein nix zu dumm und unvernünftig -- aber

wenn Massa Tom un Huck bringen Klapperschlang' für Jim zu zähmen --

Jim brennen durch, brennen gleich durch -- sofort durch -- soviel sein

sicher!«

»Na, dann laß es sein, wenn du so dickköpfig bist! Weißt du was, wir

bringen dir ein paar Blindschleichen und du bindest denen Knöpfe an den

Schwanz, daß sie klappern, und thust, als wären's Klapperschlangen --

ja wahrhaftig, so machen wir's!«

»Das können eher sein, Massa Tom, Jim nix haben Angst für

Blindschleich', können aber gut sein ohne, das Jim sagen! Ach, was doch

Gefangener für Geschäft un Plage machen; -- hätt's nie gedacht.«

»Ja, das ist immer so, wenn's die rechte Art haben soll -- Ei, giebt's

hier Ratten?«

»Jim nie nix sehen keine!«

»Also, dafür müssen wir auch sorgen!«

»Ratten, Massa Tom? Jim nix brauchen Ratten! Sein ganz abscheulich

verd-- Kreaturen, stören Leut' in Schlaf. Rennen un laufen un springen

auf Bett un beißen in Nas' un beißen in Fuß un können nie nix schlafen

mit Ratt'. Nein, Massa Tom, ihr geben Blindschleich', wenn Jim _müssen_

haben etwas, aber nix geben Ratt' -- Jim nix können thun mit Ratt' --

nix brauchen Ratt', zu nix nie!«

»Aber, Jim, die Ratten mußt du wirklich haben, die sind immer dabei.

Drum sträub' dich lieber nicht. Gefangene sind nie ohne Ratten! Ich

weiß gar kein Beispiel dafür. Man zähmt sie und liebkost sie und lehrt

sie alle möglichen Kunststücke, und zuletzt werden sie so zutraulich

wie Fliegen. Aber Musik mußt du ihnen machen! Hast du was, um Musik

drauf zu machen?«

»Jim gar nix haben als alte Kamm un Stück Papier, un -- ja, un kleine

Mundharmonika! Ratt' aber wohl nix lieben Harmonika, oder?«

Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn · 第 18 / 22 段