»Darauf kommt's nicht an, Huck! Er hat nur die Teller zu bekritzeln

und dann wegzuwerfen. Das Lesen ist Nebensache, gehört nicht dazu!

Neunundneunzigmal unter hundert bist du nicht imstande herauszukriegen,

was ein Gefangener auf einen Teller oder sonst wohin kritzelt, darauf

kommt's gar nicht an!«

»Ja, aber warum denn die vielen Teller so verderben?«

»Warum? Schwere Not, _bist du dumm_! Die gehören ja den Gefangenen gar

nicht!«

»Aber irgend jemandem gehören sie doch, nicht?«

»Na und wenn! Was liegt dem Gefangenen dran, wem --«

Hier brach er ab, denn man hörte das Horn blasen, das uns zum Frühstück

rufen sollte, und wir rannten dem Hause zu.

[Illustration]

Im Laufe des Morgens nahm ich also richtig ein Leintuch und ein Hemd

von der Waschleine auf dem Trockenplatz und steckte beides in einen

alten Sack, den ich gefunden hatte; das verfaulte Holz kam auch mit

hinein. Ich nannte das ›borgen‹, wie mein Alter immer sagte, Tom aber

meinte, das sei gestohlen. Er sagte aber, wir stellten jetzt eben

Gefangene vor und Gefangene nähmen alles, was sie kriegen könnten, und

niemand sehe sie deshalb schief an und nehme es ihnen übel. Bei einem

Gefangenen ist's keine Sünde, wenn er die Dinge stiehlt, die er zu

seiner Befreiung braucht, sagte Tom, das ist sein Recht, und so lange

wir hier Gefangene vorstellten, hätten wir das Recht, alles und jedes

Ding zu stehlen, das wir zu unsrer Befreiung brauchten. Er sagte, wenn

wir keine Gefangenen wären, wäre es was ganz andres, nur ein ganz

gemeiner, erbärmlicher Kerl stehle, wenn er _nicht_ gefangen sei. Wir

beschlossen also, alles zu nehmen, was wir nur irgend brauchen könnten

und was uns unter die Finger käme. Mir war das ganz recht und doch fing

Tom furchtbar an zu schimpfen, als ich einmal den Niggern eine Melone

von ihrem Feld nahm und dieselbe aß. Er zwang mich, hinzugehen und den

Kerlen Geld dafür zu bringen, und sagte, das sei ganz was andres und

so hätte er's nicht gemeint, das sei gestohlen -- gemein gestohlen --

wir dürften nur nehmen, was wir wirklich brauchten. Das begriff ich nun

nicht. Sag' ich: »Tom, ich hab' die Melone wirklich gebraucht.« Er aber

sagte, nein, ich hätte sie nicht genommen, um damit frei zu werden! Das

sei der Unterschied! Ja, wenn ich sie gebraucht hätte, um ein Messer

drin zu verbergen, sie Jim zuzuschmuggeln, der dann den ›Senneschaal‹,

oder wie der Kerl heißt, damit habe töten können, das sei ein ander

Ding gewesen. Ich ließ es gut sein, dachte aber bei mir, ich könne den

Vorteil, ein Gefangener zu sein, nicht so recht einsehen, wenn man so

viel Federlesens machen müsse, so oft man sich einmal eine Wassermelone

zu Gemüt führen wolle.

Na, wie ich schon vorher gesagt habe, wir warteten also an jenem

Morgen, bis alles im Hause an der Arbeit und niemand mehr im Hofe war,

um uns zu beobachten. Dann schleppte Tom den Sack in den Schuppen,

während ich Wache stand. Als er wieder herauskam setzten wir uns auf

einen Holzstoß und plauderten. Sagt' er:

»Jetzt ist alles in Ordnung, nur noch Handwerkszeug brauchen wir und

das ist leicht zu haben.«

»Handwerkszeug?« frag' ich.

»Ja!«

»Handwerkszeug für was?«

»Na, um damit zu graben! Du wirst ihn doch wohl nicht mit den Nägeln

herauskratzen?«

»Sind denn die alten Hacken und sonstigen Dinger da drinnen nicht gut

genug, um einen Nigger herauszugraben?«

Darauf sieht er mich aber so traurig an, als sei ich seine Großmutter

und als wolle er eben den Geist aufgeben.

»Huck Finn,« sagt er, »mit dir ist nichts anzufangen! Hast du je von

Gefangenen gehört, die nur so nach Hacken und Spaten greifen konnten,

um sich damit herauszugraben? Ich frag' dich auf dein Gewissen, Huck

Finn, wenn du eins hast und ein Fünkchen Verstand dazu. Welch ein

Anrecht auf Heldentum hätte ein Gefangener in diesem Falle? Ebenso gut

könnte man ihm geschwind den Schlüssel zum Kerker leihen und damit

fertig! Spaten und Hacken! Wahrhaftig! -- nicht einmal ein König würde

sie kriegen!«

»Na,« frag' ich, »wenn wir also die Spaten und Hacken da drin nicht

brauchen, was brauchen wir dann?«

»Ein paar richtige, ordentliche Taschenmesser!«

»Was? Um damit den Boden bis zur Hütte zu untergraben?«

»Ja!«

»Na, laß dich begraben, Tom, das ist verrückt!«

»Das ist ganz einerlei! Verrückt oder nicht, so muß es geschehen, so

ist's der Regel nach. Ich hab's nie anders gehört oder gelesen, und ich

kenne alle Bücher, in denen so etwas vorkommt. Immer graben sie sich

mit einem Taschenmesser heraus! -- und gewöhnlich nicht durch Lehm und

Schmutz wie hier, merk' dir's, sondern durch harten, festen Felsgrund.

Und dazu brauchen sie Wochen und Monate und manchmal dauert es noch

viel länger. Da war mal einer in dem Schlosse Dief, im Hafen von

Marseille, der saß ganz unten im untersten Kerker und grub sich durch,

und wie lang glaubst du, daß der dazu brauchte?«

»Was weiß ich! Anderthalb Monat?«

»_Siebenunddreißig Jahre!_ Und -- kam in China heraus! So, da siehst du

-- so muß man's machen. Ich wollte nur, der Grund dieser Festung hier

wäre aus Felsen, aus hartem, solidem Felsen!«

»Aber Jim kennt ja gar niemand in China! Der wird sich nicht dorthin

sehnen!«

»Was hat das damit zu thun? Der andre Kerl in Dief kannte auch

niemand dort. Aber du kommst immer vom Hauptpunkt ab und gerätst auf

Seitenwege!«

»Gut! -- was liegt mir dran, wo er herauskommt, meinethalben im Mond,

ich meine, die Hauptsache ist, daß er herauskommt, und ich glaube, Jim

denkt gerade so. Aber etwas müssen wir doch bedenken. Jim ist zu alt,

um mit dem Taschenmesser ausgegraben zu werden, so lang' lebt der gar

nicht mehr!«

»Das wird sich zeigen! Du denkst doch nicht, daß wir hier

siebenunddreißig Jahre brauchen, um ein Loch in den Dreck zu wühlen?«

»Wie lang' werden wir denn wohl brauchen, Tom?«

»Na, so lang' wie wir eigentlich regelrecht brauchen sollten,

können wir gar nicht wagen, denn Onkel Silas wird bald genug Wind

bekommen, wer und woher Jim ist. Wer kann's wissen, wie bald Jim

forttransportiert werden soll? Bei so unsicheren Umständen halt'

ich fürs gescheiteste, wir graben so schnell wie möglich, und thun

nachher, als wären's siebenunddreißig Jahre gewesen. Dann können wir

ruhig sein und alles abwarten, und sobald sich die erste Gefahr zeigt,

ihn herausholen und schleunig fortspedieren. So, denk' ich, wird's am

besten sein!«

»Da liegt doch mal wirklich Verstand drin, den ich auch begreifen

kann,« sag' ich, »›_so thun_‹ kostet nichts, ›_so thun_‹ ist

Kinderspiel, und meinetwegen können wir thun, als seien's

hundertundfünfzig Jahre gewesen. Na, will mal sehen, ob ich irgendwo

ein paar tüchtige Taschenmesser erwischen kann.«

»Nimm gleich drei,« rät Tom, »wir brauchen eins, um eine Säge draus zu

machen.«

»Tom,« wag' ich noch einmal einzuwenden, »dahinten unter dem

Schuppendach habe ich eine alte rostige Säge liegen gesehen, wenn's

nicht unchristlich und gegen die Regel ist, so --«

Aber er sah mich so trostlos und entmutigt an, daß ich nicht

fortzufahren wagte.

»Du lernst nichts, Huck!« seufzt er, »lauf' und verschaff' uns die

Messer -- drei, hörst du?« --

Ich that's!

[Illustration]

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Der Blitzableiter. -- Sein Bestes. -- Ein Vermächtnis an die

Nachwelt. -- Löffel stehlen. -- Unter den Hunden. -- Eine hohe

Summe!

Alles ging früh zu Bett, wie wir es erwartet hatten, und das ganze Haus

lag bald in tiefster Ruhe. Wir also am Blitzableiter hinunter, leise

in den Schuppen geschlichen, unser Bündel faules Holz als brillante

Beleuchtung vorgekriegt und nun los an die Arbeit! Erst räumten wir

alles aus dem Weg, was auf dem Boden lag, gerade in der Richtung auf

Jims Bett zu. Tom meinte, es sei gut, wenn der Gang, den wir graben

wollten, unter dem Bett münde, da könne man die Oeffnung doch nicht so

leicht bemerken, denn Jims Decke hinge ziemlich auf den Boden herunter

und es verfiele keiner so leicht darauf, dieselbe aufzuheben und

darunter nachzusehen. Na also! Wir gruben und gruben, stocherten und

wühlten mit unsern Taschenmessern bis beinahe gegen Mitternacht. Dann

waren wir hundemüde und unsre Hände voller Blasen, und doch konnte man

kaum sehen, daß wir vorwärts gekommen waren. Endlich sag' ich:

»Na, Tom, mir scheint's, mit den siebenunddreißig Jahren, die wir nach

der Regel zu der Arbeit brauchen sollen, kommen wir nicht aus; wenn da

nicht mindestens achtunddreißig drauf gehen, will ich Hans heißen!«

Er sagte kein Wort, seufzte aber tief und hörte mit einemmal auf zu

stochern. Da wußte ich, daß er jetzt nachdenke und ließ ihn gewähren.

Plötzlich sagt er:

»Huck, so kann's nicht weiter gehen. Ja, wenn wir wirklich eingekerkert

wären und so viele Jahre vor uns hätten, als wir hiezu brauchen, und

hätten keine Eile, sondern brauchten jeden Tag nur ein paar Minuten

zu graben, während der Ablösung der Wachen, und bekämen dabei keine

Blasen an die Hände, dann könnten wir's so weiter treiben -- jahrein,

jahraus -- und alles der Regel nach thun, wie's sein müßte. So aber!

Wir können nicht so zaudern, wir müssen flink zugreifen, haben gar kein

bißchen Zeit zu verlieren. Wenn wir morgen noch einmal ein paar Stunden

so weiter machen wollen, müssen wir gewiß eine Woche lang warten, bis

unsere Hände wieder so sind, daß man ein Taschenmesser anrühren und

weitergraben könnte.«

»Was sollen wir nun thun, Tom?«

»Das will ich dir sagen, das ist ganz einfach! Schön ist's nicht und

recht auch nicht und nicht moralisch und es darf's nie einer erfahren.

Wir haben aber keine Wahl. Herausgraben müssen wir ihn und schnell

dazu, und so müssen wir eben die Hacken und Schaufeln nehmen und --

_thun_, als seien's nur Taschenmesser!«

»Das nenn' ich doch endlich einmal vernünftig gesprochen, Tom, bravo,

bravo! Dein Kopf wird klarer und klarer, scheint mir, thut sein Bestes,

übertrifft sich nächstens selbst,« frohlock' ich. »Schaufeln ist die

Losung, moralisch oder nicht moralisch! Ich für mein Teil kümmer' mich

'nen Pfifferling um die Moralischkeit. Wenn ich 'nen Nigger stehlen

will oder 'ne Wassermelone oder ein Sonntagsschulbuch, kommt mir's gar

nicht drauf an, wie ich's mache, wenn ich's nur kriege. Was ich will,

ist mein Nigger oder meine Melone oder mein Buch, und wenn ich eine

Schaufel brauche, um's herauszugraben, muß eben eine Schaufel her,

mögen die ›Autoritäten‹ davon denken, was sie wollen, die können mir

gestohlen werden!«

»Na,« meint' er, »in unserm Fall sind wir allerdings entschuldigt, wenn

wir Schaufeln nehmen und ›so thun‹, sonst thät' ich's wahrhaftig nicht,

denn Recht bleibt Recht und Unrecht bleibt Unrecht, und keiner soll's

Unrechte thun, wenn er's besser weiß! Du kannst meinethalben Jim mit

der Schaufel ausgraben, ohne zu thun, als sei's ein Messer, bei mir

aber ist das anders, ich weiß, was recht ist und wie es sein muß, also

-- gieb mir ein Messer!«

Er hatte seins bei sich, doch reich' ich ihm das meine, ohne mir's

weiter zu überlegen. Er wirft's weit weg und wiederholt ungeduldig:

»Gieb mir ein Taschenmesser, Huck Finn!«

Erst starrt' ich ihn verblüfft an, dann dacht' ich nach -- und da ging

mir ein Licht auf! Ich such' und kram' unter dem alten Werkzeug am

Boden herum, find' 'ne Hacke und reich' sie ihm und er nimmt sie und

macht sich an die Arbeit, ohne weiter ein Wort zu sagen. So war er

immer -- stets voller Grundsätze!

Ich bewaffnete mich hernach mit einer Schaufel und nun ging's lustig

drauf los, daß die Brocken nur so kollerten und flogen. Eine halbe

Stunde lang gruben wir fleißig, dann fielen wir beinahe um vor

Schlaf, aber wir konnten doch auch ein Stück Arbeit aufweisen mit

unsern ›Taschenmessern‹! Alsdann machte ich mich davon und eilte die

Hintertreppe hinauf, ich dachte, Tom sei hinter mir her. Als er aber

nicht kommt, seh' ich zu unserm Fenster hinaus und erblickte ihn am

Blitzableiter, an dem er heraufklettern will. Er bringt es aber nicht

fertig, da ihm seine blasigen Hände zu weh thun und ruft mir ganz

jämmerlich zu:

»Ich kann's nicht, Huck, es geht nicht! Was soll ich nun anfangen? So

rat' mir doch, Huck, denk' nach! Weißt du gar nichts?«

»Ja,« sag' ich, »aber das wäre nicht moralisch und nicht nach der

Regel. Komm eben einfach die Treppe herauf und _thu'_, als sei's der

Blitzableiter!«

Schweigend schlich er davon und that's, aber gesprochen hat er an dem

Abend kein Wort mehr.

Am andern Morgen ›entlehnte‹ Tom einen Zinnlöffel und einen

Messingleuchter im Hause, um Schreibfedern für Jim draus zu machen,

sechs Talgkerzen ließ er außerdem noch mitgehen. Ich trieb mich bei

den Negerhütten herum, paßte auf eine Gelegenheit und führte drei

Zinnteller aus. Tom meinte, das sei lange nicht genug, ich aber sagte,

wenn Jim die Teller herauswerfe, würden sie in dem Buschwerk vor

dem Fensterloch von niemand gesehen, und da könnten wir sie wieder

herausholen und noch einmal benutzen. Da war er denn auch zufrieden und

sagte:

»Jetzt müssen wir aber noch herauskriegen, wie wir all das Zeug dem Jim

zustecken!«

»Na, durchs Loch natürlich, wenn wir es fertig haben!«

Er sah mich nur an, aber wie -- ich wußte, was er dachte, fast besser,

als wenn er's gesagt hätte, dabei brummte er etwas wie ›verrückt‹ oder

so, ich untersuch's nicht weiter. Dann legte er sich aufs Nachsinnen,

sagte auch nach einiger Zeit, er habe drei oder vier verschiedene Arten

herausgefunden, es habe aber keine Eile mit der Entscheidung, wir

müßten Jim doch zuerst alles klar zu machen suchen, wofür er die Sachen

zu benutzen habe.

An dem Abend rutschten wir etwas nach zehn Uhr am Blitzableiter

hinunter, nahmen eine von den Talgkerzen mit, horchten unter Jims

Guckloch -- Fenster konnte man das Ding nicht nennen -- hörten ihn

schnarchen und warfen die Kerze hinein, wodurch er gar nicht einmal

wach wurde. Jetzt ging's frisch drauf los mit Hacke und Schaufel und in

vielleicht zwei Stunden oder etwas mehr waren wir fertig. Wir krochen

durch das Loch unter Jims Bett in die Hütte, tappten auf dem Boden

herum, fanden die Kerze, zündeten sie an und stellten uns ein Weilchen

vor Jim hin, der immerzu schnarchte, dann weckten wir ihn allmählich.

War der aber glücklich, uns zu sehen! Er nannte uns ›Herzchen‹ und

›Zuckerpüppchen‹ und gab uns sonst noch alle Schmeichelnamen, die sich

nur erdenken ließen, und bat uns, sofort eine alte Feile zu holen und

seine Kette abzufeilen und dann ohne viel Zeitverlust mit ihm auf und

davon zu gehen. Das war nun ganz und gar nicht Toms Absicht, und der

zeigte ihm denn auch bald, wie ganz gegen alle Regeln das wäre, und

setzte ihm unsern Plan auseinander und wie wir denselben jeden Monat

ändern könnten, wenn wirklich Gefahr im Verzug wäre, er brauche sich

kein bißchen zu fürchten, denn wir würden dafür sorgen, daß er sicher

frei würde. Jim sagte denn auch schließlich, ihm sei alles recht, und

wir saßen und plauderten von alten Zeiten; Tom stellte eine Menge

Fragen, und als Jim erzählte, Onkel Silas käme jeden Tag, um mit ihm zu

beten, und Tante Sally, um nachzusehen, ob er genug zu essen habe, und

daß beide so gut und freundlich seien, da sagte Tom:

»So, nun weiß ich auch, was ich zu thun habe. Die müssen dir selbst die

Sachen zutragen, die du brauchst, Jim!«

Sag' ich:

»Das wirst du doch nicht thun, Tom, das ist ja das Tollste, was du bis

jetzt ausgedacht!«

Er aber hörte gar nicht auf mich, sondern machte immer weiter, wie er's

zu thun pflegte, wenn ihm ein neuer Gedanke kam.

So sagte er denn Jim, daß wir ihm die Strickleiter in einem Brotlaib

zuschmuggeln wollten, und andre größere Sachen durch den Nigger,

der ihm das Essen bringe, er dürfe sich aber nichts merken lassen

und müsse immer aufpassen und niemals etwas verraten. Die kleineren

Sachen würden wir in des Onkels Rocktaschen stecken oder an der Tante

Schürzenbändern befestigen, von wo er sie denn unbemerkt wegnehmen

müßte. Wir sagten ihm auch, zu was er jedes einzelne benutzen solle,

und wie er ein Tagebuch führen müsse auf dem Hemd mit seinem eignen

Blut und dergleichen mehr. Tom unterrichtete ihn von allem. Jim konnte

freilich nicht recht klug draus werden, meinte aber, wir seien doch

›kluge Weiße‹ und müßten's eben besser verstehen, als so ein armer,

dummer Nigger. Er war's denn auch zufrieden und versprach, alles genau

so zu machen, wie's Tom angegeben.

Jim holte ein paar Pfeifen und Tabak heraus und so waren wir lustig und

guter Dinge. Dann krochen wir wieder zum Loch hinaus und gingen zu Bett

mit Händen, die aussahen, als seien sie mal von Ratten angenagt worden

-- so langes Graben ist doch kein Spaß! Tom war in der besten Laune.

Er sagte, das sei das Schönste, Interessanteste, was er je erlebt,

und meinte, den Spaß könnten wir unser ganzes Leben lang fortsetzen,

wenn wir nur erst wüßten wie, und es unsern Kindern einmal überlassen,

Jim zu befreien, der ganz sicher mit der Zeit immer mehr Geschmack an

seiner Gefangenschaft finden werde. Tom meinte auch, bei sorgfältiger

Behandlung könne man Jim gewiß bis hoch in die achtzig bringen und

die Erzählung seiner Abenteuer dann als wertvolles Vermächtnis der

Nachwelt überlassen, und alle, die damit zu thun gehabt, würden Ruhm

und Lorbeeren und einen gefeierten, hochgepriesenen Namen ernten. Na,

mir soll's recht sein!

Am Morgen gingen wir zum Holzplatz hin und zerlegten den

Messingleuchter in handliche Stücke, die Tom samt dem Zinnlöffel in

seine Tasche steckte. Dann schlenderten wir zu den Niggerhütten, und

während ich Sam, -- das war der Nigger, der Jim das Essen brachte, --

anderweit beschäftigte, bohrte Tom ein Stück von dem Messingleuchter

in ein großes Stück Brot, das auf Jims Schüssel lag, und wir trotteten

nachher hinter Sam her, um zu sehen, was es für eine Wirkung habe. Die

war nun über alle Beschreibung, denn Jim biß sich beinahe alle Zähne

an dem Messing aus -- das war ein Hauptspaß. Jim aber ließ sich nichts

merken und that, als sei es ein Stein oder so etwas gewesen, das sich

leicht einmal ins Brot verirrt; nachher aber biß er nie wieder in etwas

hinein, ohne vorher mit seiner Gabel an drei oder vier Stellen probiert

zu haben, ob alles mit rechten Dingen zugehe.

Und während wir noch da stehen, springen auf einmal zwei Hunde ganz

seelenvergnügt unter Jims Bett hervor und andere drängen nach, mehr

und immermehr tauchen auf, bis vielleicht zwölf oder gar fünfzehn

herumwimmeln und wir kaum Platz zum Atmen haben! Na, das war ein

Schreck! Zum Henker, wir mußten ja wahrhaftig vergessen haben die

Schuppenthüre zuzumachen. Unser Sam aber brachte vor Schrecken nur das

Wort ›Geister‹ heraus und fiel so lang er war auf den Boden, zwischen

die Hunde, und wälzte sich und schlug um sich als habe er Krämpfe. Tom

riß geschwind die Thüre auf, ergriff einen Fetzen Fleisch von Jims

Schüssel, warf ihn hinaus und die Hunde sausten wie toll hinterher,

er selbst auch mit, und eh' ich noch Amen sagen konnte, war er leise

wieder da. Ich wußte, er hatte flink die Schuppenthüre besorgt, zog die

Thür hinter sich zu und kauerte sich auf den Boden zu dem noch immer

stöhnenden Sam. Er streichelte und schmeichelte an ihm herum, fragte,

ob er denn wieder etwas gesehen habe, und ob ihm die Geister noch immer

keine Ruhe ließen. Sam kam wieder etwas zu sich, richtete sich auf und

blinzelte scheu in alle Ecken.

»Massa Sid,« flüsterte er ängstlich, »du sagen, Sam sein Narr, aber Sam

sehen ganze Million Hund oder Deibel oder so was, er wollen sterben,

wenn er's nix sehen ganz deutlich! Massa Sid, Sam sie riechen -- sie

fühlen! Sein gesprungen über arme, alte Sam! Das sein zu viel -- zu

viel! Sam nur einmal sollten fangen Geister -- nur ein -- einemal!

Geister sollten bleiben weg dann nächstemal von arme, alte Sam! Sam das

schwören!«

Sagt Tom:

»Sam, ich will dir sagen, was ich glaube. Weißt du, warum die jedesmal

kommen, wenn du dem Durchbrenner hier sein Frühstück bringst? Die sind

hungrig, ganz sicher hungrig! Weißt du, was du thun mußt? Du mußt ihnen

eine Zauberpastete machen, das allein kann dir helfen!«

»Aber, große Gott, Massa Sid, wie sollen alte Sam machen Zauberpastete?

Er gar nix nicht wissen davon! Er nie nix haben gehört von solcher

Pastet'!«

»Na, da muß ich's wohl für dich thun, he?«

»Massa Sid das wollen thun? O, sein so gut, so gut! Sam wollen küssen

die Boden, wo Massa Sid gehen!«

»Na, schon gut, Alter, schon gut. Ich thu's, weil du freundlich und

gefällig warst und uns den Durchbrenner, den schlechten Kerl dort,

gezeigt hast. Aber vorsichtig mußt du sein, hörst du? Du darfst nicht

hören und nicht sehen, nicht merken und nicht merken wollen, was ich

in die Pastete stecke, sonst ist alles umsonst und die Geister packen

dich beim Wickel, und wer weiß, ob sie dann das nächstemal so schnell

verschwinden und dich nicht mit fortschleppen. Ich rat' dir auch, nicht

danach zu schielen, wenn der Kerl dort die Pastete aufmacht, noch

weniger danach zu fassen.«

»Massa Sid, was du denken? Sam nix rühren dran mit kleinste Spitz von

kleinste Finger, nix für zehnmalhunderttausend Dollahs!«

[Illustration]

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Das letzte Hemd. -- Jagd nach dem Verlorenen. -- Die

Zauberpastete.

Das mit der Pastete war also ausgemacht. So liefen wir denn weg und

krochen in eine Art Rumpelkammer, die wir früher schon ausspioniert

hatten und in der Haufen alter Stiefel und Lumpen, zerbrochene

Flaschen, durchlöcherte Blechgefäße und lauter solch nützliches Zeug

aufgespeichert lag. Wir kramten lange drin herum und fanden endlich

eine etwas durchsichtige blecherne Waschschüssel, deren schadhafte

Stellen wir, so gut es ging, zustopften, um die Pastete darin zu

backen. Nun schlichen wir uns mit der Schüssel in den Keller und

füllten sie voll Mehl, und dann rannten wir zum Frühstück und fanden

unterwegs noch einige große, rostige Nägel, von denen Tom sagte, sie

wären herrlich für einen Gefangenen, um damit seinen Namen und seine

Leiden auf die Wände seines Kerkers zu kritzeln. Einen davon steckten

wir in die Tasche von Tante Sallys Schürze, die auf einem Stuhle hing,

und den andern in Onkels Hutband, weil wir die Kinder sagen hörten, daß

Papa und Mama den durchgebrannten Nigger heute besuchen wollten. Das

Frühstück kam noch nicht und so praktizierte Tom den Zinnlöffel in der

Zwischenzeit in Onkels Rocktasche; Tante Sally ließ ebenfalls lange auf

sich warten, und als sie endlich kam, war sie ganz erhitzt und sah rot

und zornig aus. Sie konnte kaum abwarten, bis das Gebet vorüber war,

dann schenkte sie mit einer Hand den Kaffee ein und trommelte mit ihrem

Fingerhut an der andern Hand auf dem Kopfe des ihr zunächst sitzenden

Kindes herum und sprach zu Onkel Silas:

»Ich hab' das ganze Haus durchsucht, vom Speicher bis zum Keller, und

wahrhaftig, es geht über meinen Horizont, aber ich kann und kann dein

zweites Hemd nicht finden!«

Plumps, da fiel mir das Herz in die Hosen und noch tiefer und ein Stück

Brotkrume rutschte die Gurgel hinunter und begegnete unterwegs einem

gewaltigen Husten, der's wieder rückwärts trieb, gerade über den Tisch,

einem der Kinder ins Auge. Das krümmte sich wie ein Wurm und stieß

das reinste indianische Kriegsgeheul aus und Tom verfärbte sich ganz

grünlich und eine Minute lang schien uns allen der Atem stillzustehen.

Dann ging's wieder besser, es war nur die plötzliche Überraschung, die

uns so mitspielte und uns ordentlich den kalten Schweiß austrieb. Onkel

Silas überlegte ein wenig, fingerte an sich herum und sagte dann:

»Das ist aber doch wirklich merkwürdig, das begreif' ich nicht. Ich

weiß gewiß, daß ich's ausgezogen habe, weil --«

»Natürlich -- weil du nur _eins_ anhast! Hör' einer den Mann! Ich weiß

wohl, daß du's ausgezogen hast, besser als du mit deinem Sieb von

Gedächtnis -- weil's gestern noch auf der Leine war und ich's dort

selbst gesehen habe! Weg ist's aber, soviel ist gewiß, und du mußt eben

dein rotes Flanellhemd anziehen, bis ich Zeit habe, ein neues zu nähen.

Das ist dann schon das dritte, das ich in den letzten zwei Jahren

mache. Wahrhaftig, du könntest einer ganzen Armee von Näherinnen

zu thun geben mit deinen Hemden! Und wie du das machst, daß sie dir

wegkommen, ist mir ein wahres Rätsel! Man sollte doch denken, in deinem

Alter hättest du endlich gelernt, auf deine Hemden aufzupassen!«

»Ja, ja, Sally, ich weiß es, aber siehst du, so ganz allein mein Fehler

ist's doch auch nicht, denn ich hab' doch eigentlich nichts mit den

Hemden zu thun, sobald ich sie nicht mehr auf dem Leibe habe, und vom

Leibe herunter hab' ich doch, glaub' ich, noch keins verloren!«

Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn · 第 17 / 22 段