»Gut!« sagte der alte Herr. »Was ihr auf seiner Brust fandet, war ein

kleines mattes ~P~ und ein ~B~ (der Anfangsbuchstabe eines Namens,

den er schon jung aufgab) und ein ~W~. Diese drei Buchstaben sind mit

Strichen verbunden -- so: ›~P-B-W~‹« -- er zeichnete sie auf ein Stück

Papier. »Habt ihr davon nichts bemerkt?«

Beide antworteten:

»Nein, wir sahen überhaupt gar keine Zeichen.«

Nun ging der Skandal los, und alles rief:

»Die ganze Sippe sind Betrüger« -- »Spießruten laufen« -- »In den Fluß

tauchen« -- »Ersäuft die Bande.« -- Da sprang der Anwalt auf den Tisch

und schrie:

»Meine Herren -- meine Her--r--ren! Ein Wort, nur ein Wort -- ich

bitte. Lassen Sie uns den Sarg ausgraben und selbst nachsehen.«

Das wirkte.

»Hurra!« rief das Volk, das nun auseinander ging; aber Arzt und Anwalt

riefen:

»Halt, halt, ergreift erst die vier Männer und den Jungen und schleppt

sie mit.«

»Jawohl, jawohl,« riefen alle, »und finden wir die Zeichen nicht, so

hängen wir die ganze Sippschaft.«

Jetzt wurde mir bange, doch was half's? Sie griffen uns und

marschierten mit uns direkt zum Kirchhof, der anderthalb Meilen stromab

lag. Die ganze Stadt zog hinter uns her, angelockt durch den Lärm, den

wir machten und der nun immer ärger wurde.

Als wir an unserem Hause vorbeigingen, wünschte ich, ich hätte Mary

Jane nicht fortgeschickt. Hätte ich ihr jetzt zuwinken können, so wäre

sie gewiß erschienen, um mich zu retten und die Schurken zu überführen.

Wir stürmten den Flußweg hinab wie Wildkatzen. Dazu stieg noch ein

Gewitter am Himmel herauf, Blitze zuckten und der Wind sauste in

den Bäumen, wodurch alles noch unheimlicher wurde. Ich war noch

nie in einer so fürchterlichen Lage und großen Gefahr gewesen, und

ich war wie niedergeschmettert, alles war anders gegangen, als ich

erwartete: anstatt daß ich's leiten konnte, wie ich vorhatte, in der

Hoffnung, meinen Spaß daran zu haben und zur rechten Zeit mich von

Mary Jane retten zu lassen, wenn der Spaß zu weit ging, bewahrte mich

jetzt nichts in der Welt vor einem schmachvollen Tode als nur diese

Tättowierungen. Wenn sie die nicht finden! ...

[Illustration]

Das war ein unerträglicher Gedanke, und doch vermochte ich an nichts

anderes zu denken. Es wurde dunkler und dunkler, und ich hätte somit

gute Gelegenheit zum Entwischen gehabt, aber der rücksichtslose Kerl,

der Heinz, hielt mich am Handgelenk fest, und ich hätte eher vom Riesen

Goliath mich losmachen können als von ihm. Er riß mich mit sich fort,

und ich mußte immer aufpassen, daß ich nicht stürzte.

Als wir ankamen, war der Kirchhof von der Menge im Nu überflutet. Am

Grab stellte sich heraus, daß hundertmal so viele Schaufeln mitgebracht

waren, als man brauchte, aber niemand hatte an eine Laterne gedacht.

Doch gruben sie darauf los beim unstäten Leuchten des Blitzes und

schickten einen Mann zum nächsten Hause (eine halbe Meile entfernt)

nach einer Laterne.

So gruben sie denn unaufhaltsam; es wurde schrecklich finster und

regnete, der Wind sauste daher, und die Blitze zuckten rascher.

Die Leute kümmerten sich aber nicht darum, sie waren zu voller

Erwartung. Einen Augenblick konnte man jedes Gesicht der großen Menge

unterscheiden, und sehen, wie die Erde schaufelweise aus dem Grabe

emporsprang; dann im nächsten Augenblick löschte die Finsternis alles

wieder aus, so daß man keinen Schritt weit sehen konnte.

Endlich holten sie den Sarg heraus und schraubten den Deckel los. Das

war ein Drücken, Quetschen, Stoßen, Halsrecken -- jeder wollte es

sehen; bei dieser Finsternis war das ganz schrecklich. Heinz drängte

sich auch vor und zog mich so heftig mit, daß ich beinahe geschrieen

hätte. Aber ich möchte wetten, daß er währenddem gar nicht mehr an mich

dachte, so aufgeregt war er.

Plötzlich kam eine wahre Sündflut von Blitzen und jemand rief:

»Herrgott, da liegt der Sack Gold auf seiner Brust!«

Heinz brüllte vor Erstaunen, die andern ebenfalls. Er ließ mich los und

sprang vorwärts, um auch zu sehen -- die Eile aber, wie ich nach der

andern Richtung querfeldein sprang, kann sich kaum jemand vorstellen,

der's nicht selbst erlebt hat.

Im Städtchen angelangt, spähte ich umher und sah, daß niemand auf der

Straße war, darum flog ich auch geradeswegs durch die Hauptstraße. Als

ich unserem Hause nahte, zielte ich mit einem Auge darauf hin, kein

Licht da -- alles dunkel -- das betrübte mich sehr; ich weiß selbst

nicht warum.

Aber zuletzt, gerade als ich vorbeieilte, erglänzte plötzlich ein

Licht in Mary Janes Fenster, und mir schwoll das Herz, als wollte es

zerspringen; im nächsten Moment war das Haus hinter mir im Dunkel

und verschwand mir für immer. Sie war das beste Mädchen, das mir je

vorgekommen.

Sobald ich weit genug vom Städtchen war und mich sicher fühlte, sah ich

mich um, wo ein Kahn zu finden sei. Bald zeigte mir der Blitz einen,

der nicht angekettet war. Ich hinein und fort -- war eins. Es war ein

Kanoe, das nur mit einem Strick angebunden war. Mein Floß war weit weg

in der Mitte des Stromes an der kleinen Insel, und ich durfte deshalb

keine Zeit verlieren. Als ich endlich hinkam, wäre ich vor Ermattung

fast hingestürzt. Doch durft ich's noch nicht und that's auch nicht.

Ich sprang an Bord und rief:

»Heraus, Jim, und schnell fort! Gott sei Dank, wir sind sie los!«

Jim sprang heraus und kam mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. Als

ich ihn beim Blitze erblickte, stand mir fast das Herz still, und ich

fiel rücklings ins Wasser. Ich hatte ganz vergessen, daß er König Lear

und ein ertrunkener Araber, alles in einem, war; er hatte mich fast zu

Tode erschreckt. Jim fischte mich wieder aus dem Wasser und wollte mich

umarmen und herzen und so weiter -- er war so froh, mich wiederzusehen,

ohne König und Herzog, aber ich rief:

»Nicht jetzt -- später, später, warte bis zum Frühstück, jetzt nur

rasch fort!« Im Augenblick waren wir los und trieben den Fluß hinab.

Ach, es that so wohl, wieder frei zusammen auf dem großen Strome zu

sein ohne widerwärtige Gesellschaft. Vor Freude sprang ich einige Male

empor und schlug meine Hacken zusammen; ich konnte nicht anders; aber

da hörte ich einen Laut, den ich wohl kannte, ich hielt den Atem an und

horchte -- und wahrhaftig, als der nächste Blitzstrahl übers Wasser

zuckte, da sah ich sie kommen! -- sie ruderten drauf los wie toll, daß

der Kahn nur so dahinsauste! Ich wäre fast zusammengesunken und konnte

kaum das Weinen zurückhalten.

Sie kamen aufs Floß. Der König sprang auf mich zu, packte mich am

Kragen und rief:

»Wolltest uns entwischen, du Racker! Bist unser müde, he?«

Ich sagte:

»Nein, Majestät, sicher nicht, lassen Sie mich los!«

»Schnell 'raus damit, was hattest du vor, sprich, oder ich zermalme

dich!«

»Ich will Ihnen ja alles ehrlich erzählen, Majestät, grad' wie es kam.

Der Mann, der mich hielt, war recht freundlich und sagte, er hätte

einen Sohn in meinem Alter letztes Jahr verloren; es thäte ihm leid,

einen Knaben in solcher Gefahr zu sehen. Als alle so erstaunt waren,

das Gold zu finden, und auf den Sarg zusprangen, ließ er mich los und

flüsterte: ›Jetzt lauf was du kannst oder du wirst sicher gehängt!‹ und

ich lief. Warum hätte ich bleiben sollen, da ich doch nichts nützen

konnte, und wozu sollte ich mich hängen lassen, wenn ich entwischen

konnte? So lief ich, bis ich das Kanoe fand, und als ich hier ankam,

mahnte ich Jim zur Eile, sonst würden sie mich fangen und doch hängen.

Ich sagte ihm auch, ich fürchte, daß Sie beide nicht mehr am Leben

wären und wie leid mir das thäte; Jim that's auch leid, und wir freuten

uns so, als wir Sie ankommen sahen. Fragen Sie nur Jim selbst, ob's

nicht wahr ist.«

Jim bestätigte alles; doch der König gebot ihm zu schweigen und sagte:

»Nun, das klingt freilich höchst wahrscheinlich.« Dann schüttelte er

mich wieder und sagte, er würde mich ins Wasser werfen und ersaufen

lassen. Da rief der Herzog:

»Laß den Jungen los, du alter Esel! Hättest du es anders gemacht? Hast

du nach ihm gefragt, als du ausgerissen bist? Meines Wissens -- nicht!«

Da ließ mich der König los und begann auf die Stadt und alle ihre

Bewohner zu fluchen, aber der Herzog rief:

»Du thätest gescheiter, auf dich selbst zu fluchen, du hast das beste

Anrecht darauf, von dir selbst verflucht zu werden. Du hast von Anfang

an nichts Gescheites gethan, außer daß du kühn und frech mit dem

erdichteten blauen Pfeil herauskamst. Das war ein glanzvoller Gedanke

und das einzige, was uns rettete. Sonst hätten sie uns eingesperrt,

bis das Gepäck der Engländer angekommen wäre, und dann stand uns das

Zuchthaus offen. Aber der Streich hetzte das Volk zum Kirchhof, und

dann half uns das Gold erst recht. Denn wenn die aufgeregten Narren uns

nicht losgelassen hätten, um das Gold zu sehen, hätten wir die Nacht in

Halsbändern geschlafen, die uns länger gehalten hätten, als uns lieb

gewesen wäre.«

Sie schwiegen eine Minute, dann sprach der König, wie in Gedanken:

»Hm! und wir dachten, die Neger hätten es gestohlen.«

Da wurde mir ängstlich zu Mute.

»Ja,« sagte der Herzog langsam und sarkastisch, »_wir_ dachten's.« Eine

halbe Minute später brummte der König:

»Wenigstens -- _ich_ dachte es.«

Da entgegnete der Herzog im selben Tone:

»Im Gegenteil -- _ich_ dachte es.«

Da rief der König ärgerlich:

»Hör' mal, Sommerfett, was willst du damit sagen?«

Der Herzog entgegnete rasch:

»Wenn's erlaubt ist, so möchte _ich_ mir die Frage erlauben, was _du_

damit meinst.«

»Hm,« rief der König sarkastisch, »wer weiß -- du thatst es vielleicht

im Schlafe und wußtest es selbst nicht.«

Da sagte der Herzog auffahrend:

»Kerl, laß den Unsinn, hältst du mich für einen Narren? Meinst du

vielleicht, ich wüßte nicht, _wer_ das Geld in den Sarg gelegt hat?«

»Natürlich weiß ich, daß du es weißt, denn wer sollte es gethan haben

als du selber?«

»Du lügst,« schrie der Herzog und packte ihn. Da rief der König:

»Laß mich los! laß meine Kehle los! -- Ich nehme alles zurück.«

Der Herzog schrie:

»Erst gestehe, daß du das Geld dort versteckt hast in der Absicht, mich

los zu werden, es später auszugraben und alles selbst zu behalten.«

»Warte einen Augenblick, Herzog, und beantworte diese eine Frage

ehrlich, ob _du_ das Geld nicht hinthatest, und ich will dir glauben

und alles zurücknehmen, was ich gesagt.«

»Du alter Schurke, ich that's nicht, und du weißt es wohl!«

»Nun denn, ich glaube dir. Aber beantworte mir noch dies eine -- werd'

nicht böse: hattest du nicht im Sinne, das Geld zu entwenden und zu

verstecken?«

Der Herzog schwieg einen Augenblick, dann sagte er:

»Was ich im Sinne hatte, bleibt sich ganz gleich. Ich hab's nicht

gethan. Aber du hattest es nicht nur im Sinn, sondern thatst es auch.«

»So wahr ich lebe, Herzog, ich that es nicht -- wahrhaftig. Ich will

nicht leugnen, daß ich es beabsichtigte, aber gethan hab' ich's nicht,

denn du -- ich meine irgend jemand kam mir damit zuvor.«

»Du lügst, du thatest es und mußt es gestehen, oder --«

Der König -- den der Herzog immer noch an der Kehle hatte -- begann zu

röcheln und rief dann halb erstickt:

»Genug, -- ich gestehe!«

[Illustration]

Ich war froh, es ihn sagen zu hören; ich fühlte mich um ein gut Teil

leichter. Der Herzog ließ ihn los und rief:

»Wenn du es je wieder leugnest, ersäuf' ich dich. -- Ja sitz' nur hin

und plärre wie ein Kind, das paßt ganz zu einem Kerl, der so handelt

wie du. Meiner Lebtage habe ich keinen solch alten Gauner gesehen, der

alles verschlingt, wenn's darauf ankommt, und ich verließ mich auf

dich, als sei'st du mein eigener Vater. Du solltest dich schämen, dabei

zu stehen und es auf die armen Neger kommen zu lassen, ohne ein Wort zu

ihren Gunsten zu sagen. Es ärgert mich noch, daß ich so dumm war, es zu

glauben. Verdammt, jetzt verstehe ich, warum du das Defizit gut machen

wolltest -- du hast das Geld, das beim ›~Non plus ultra~‹ verdient war,

und alles andere allein einsacken wollen.«

Der König sagte ängstlich und halb röchelnd:

»Nein, Herzog, _du_ wolltest ja das Defizit decken, nicht ich.«

»Ruhe! Ich will davon nichts mehr hören,« rief der Herzog. »Du siehst

nun die Folgen. Sie haben all ihr eigen Geld zurück und all unseres

dazu, bis auf einige Silberstücke. Mach', daß du zu Bette kommst, und

schaffe mir keine Defizits mehr, so lange du lebst.«

Der König kroch unters Zelt und suchte Trost bei seiner Flasche;

bald that der Herzog ein Gleiches. In einer halben Stunde waren sie

wieder die dicksten Freunde, und je trunkener sie wurden, desto

mehr liebkosten sie sich, und bald schnarchten sie in gegenseitiger

Umarmung. Sie waren riesig angeheitert, aber wie ich bemerkte, hütete

sich der König wohl, darauf zurückzukommen, daß er das Gold nicht

versteckt habe. Das war für mich eine wahre Erleichterung. Als die

beiden schnarchten, erzählte ich natürlich Jim alles.

Wir trieben mehrere Tage stromab, ohne irgendwo anzuhalten, bis wir so

weit südlich waren, wo das lange spanische Moos von den Bäumen hängt,

als ob sie lange graue Bärte hätten. Dann hielten wir wieder hier

und da an. Die beiden versuchten ihr Glück mit Predigen, Wahrsagen,

Mesmerismus, kurz mit allerlei, aber nichts wollte recht glücken. Sie

wurden sehr mürrisch und wir konnten ihnen nichts recht machen. Sie

steckten viel bei einander und hatten manches zu flüstern, so daß Jim

und ich anfingen zu fürchten, daß irgend eine Teufelei ausgebrütet

würde. Bald legten wir nicht weit von einem Städtchen an. Der König

sagte, er wolle hingehen und sehen, ob Gelegenheit fürs ›~Non plus

ultra~‹ wäre, und wenn er bis Mittag nicht zurück sei, sollten der

Herzog und ich nachkommen, und Jim sollte, wie gewöhnlich, das Floß

hüten. Zu Mittag kam er nicht zurück. Der Herzog und ich gingen also

zum Städtchen und fanden den König betrunken in einer Kneipe. Er und

der Herzog fingen an sich zu streiten; da dachte ich, meine Gelegenheit

sei gekommen und rannte nach dem Floß zurück, rief Jim, erhielt aber

keine Antwort. Ich rief zwei- -- dreimal, bekam aber keine Antwort.

Da ging ich ein Stück Weges ins Land und begegnete einem Jungen, den

ich fragte, ob er einen Neger gesehen, und beschrieb ihm Jim. »Ja, den

haben die Leute vor einer halben Stunde nach der Sägmühle des alten

Silas Phelps geschleppt,« sagte der Junge. Ich erfuhr auch von ihm, daß

ein kahlköpfiger alter Kerl auf eine Belohnung von 200 Dollars hin ihn

gefangen und sein Anrecht darauf einem Farmer für 40 Dollars abgetreten

habe. Der Anschlagzettel habe den Neger genau beschrieben, alles

stimmte und er sei auf dem Floß gefangen worden.

Jetzt ging mir ein Licht auf. Der König hatte Jim für 40 Dollars

verschachert, während er allein in der Stadt war, und als der Herzog

und ich den König am Nachmittag aufsuchten, war Jim unterdessen

weggeführt worden. -- Mir stand das Herz fast still. Dieser

verräterische Schurkenstreich setzte der Handlungsweise der Majestät

vollends die Krone auf. Ich dachte einen Augenblick daran, umzukehren

und dem Schurken die Meinung zu sagen. Allein, dieser und der Herzog

hätten nur neue Schurkereien gegen mich ausgebrütet und Jim wäre

dadurch nicht geholfen gewesen. Armer, alter Jim, wie mochte ihm

zu Mute sein! Nein, ich wollte die Kerle gar nicht wiedersehen, da

brauchte ich der Vorsehung nicht ins Handwerk zu pfuschen, diese Kerle

würde ihr Schicksal ohne mich ereilen, früher oder später, das wußte

ich gewiß. Und darin hab' ich recht gehabt, das will ich nur gleich

jetzt erzählen, damit ich gar nicht noch einmal an die Lumpenbrut zu

denken brauche. Ein paar Tage später, als ich mit Tom ... ja so, da

verplappre ich mich, das gehört ja hier noch gar nicht hin! -- Also,

kurz und gut: ein paar Tage später brachten Schiffsleute aus einem

weiter stromab gelegenen Städtchen die Nachricht, es seien dort ein

paar Gauner geteert, gefedert und von einer großen Volksmenge begleitet

durch die Straßen gehetzt worden. Die Beschreibung, die man von ihnen

machte, paßte genau auf meine hohen Herrschaften von früher. Sie hatten

das ›~Non plus ultra~‹ einmal zu viel aufgeführt. Diesen Lohn hatten

sie redlich verdient. Warum hatten sie den armen Jim verraten, der

ihnen nie was zuleide gethan? Später hab' ich nichts mehr von ihnen

gehört und gesehen und hoffe sehr, daß es auch nie mehr der Fall sein

wird!

[Illustration]

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Jim fort! -- Alte Erinnerungen. -- Phelps' Sägmühle. -- Eine

Verwechslung. -- In der Klemme.

Jim, mein alter Jim, war also richtig fort, schmachvoll verkauft und

verschachert. Der Junge, der mir die Auskunft gegeben, war längst

weiter gegangen und ich stand immer noch da, ganz niedergeschlagen,

und konnte keinen rechten Gedanken fassen. So laß ich mich denn unter

einem Baum zu Boden fallen und sinn' und sinn' und denk' und denk'

und kann doch nichts zusammendenken, als daß mein Jim fort ist und

ich nun wirklich ganz allein bin. Mir kamen die Thränen, so einsam

und verlassen fühlte ich mich. War ja all mein Lebtag auf mich selbst

angewiesen gewesen, es hatte ja nie jemand nach mir gefragt, außer mein

Alter, wenn er Geld brauchte, aber Jim -- der hatte mich lieb gehabt,

wirklich lieb gehabt, dem war ich auch was wert -- meinen Jim mußte ich

wieder haben! Darüber kam ich nicht hinaus!

Ungefähr eine Stunde von hier soll Silas Phelps wohnen, so hatte

der Junge gesagt. Ich besinn' mich nicht lange und lauf' tapfer zu.

Auf einmal aber schießt es mir durch den Kopf: was willst du denn

eigentlich thun, wenn du dort bist, wo sie Jim hingebracht haben? Das

machte mich stutzig -- darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht und

so schlich ich mich wieder zur Seite in den Wald, setzte mich unter

einen Baum und überlegte.

Was wollte ich eigentlich? Ja, da lag's! Ihm jetzt noch einmal zur

Flucht verhelfen? Das erste Mal war er von selbst durchgebrannt und

ich hatte ihn unterwegs getroffen. Jetzt aber müßte ich alles aufs

Gewissen nehmen und die ganze Schuld würde allein auf mich fallen. Ich

wäre vor Scham unter den Boden gesunken, wenn ich Tom Sawyer oder einen

der andern gesehen hätte. Ach, es waren doch schöne Zeiten dort im

alten, lieben Nest! Selbst bei der Witwe ließ sich's ertragen und Miß

Watson meinte es doch auch nur gut. Und ich -- zum Dank dafür wollte

ich ihrem Jim zur Flucht verhelfen! So konnte nur ein ganz räudiges,

verlorenes Schaf, wie ich, denken. Wie? -- wenn ich mich nun hinsetzte

und schrieb einen Brief: »Liebe Miß Watson, Ihr Nigger Jim ist hier

in ...« ja so, den Namen wußte ich ja noch nicht, der ließ sich aber

leicht ermitteln, -- also: »Jim ist hier bei Herrn Phelps und gegen

die versprochene Belohnung können Sie ihn wieder haben -- Huck Finn!«

-- Wenn ich so schriebe, dann wäre alles gut, mein Gewissen rein, und

Jim -- ja Jim, der arme Kerl, der müßte eben dafür büßen. Der arme Jim!

Ach, er war so gut und so freundlich mit mir gewesen und hatte mich

immer so lieb gehabt. Schon dort bei der Witwe und nun gar erst auf

unserm lieben Floß. Wie oft hatte er für mich gewacht und mich schlafen

lassen! Wie hatte er für mich gesorgt! Er war stolz darauf, daß ich bei

ihm war und mit ihm lebte, und wie dankbar war er für alles! Und ich

sollte ihn verlassen? Sollte ich es ruhig mit ansehen, wenn sie ihn

wieder zurückschleppten, und Miß Watson verkaufte ihn aus lauter Wut

weit weg von Weib und Kindern? Ich meinte Jims kummervolles Gesicht

zu sehen! Nein, ich konnte, konnte nicht so treulos sein. Und wenn es

Todsünde wäre und ich geradeswegs zur Hölle müßte -- na, dort würde

auch eher Platz für Huck Finn, den Schmierfink sein, als da oben in

den glänzenden Himmelshallen bei den saubern Engelein! Ich konnte doch

nichts Besseres verlangen -- so ein armer, elender Teufel, wie ich

einer bin. Es war ja schrecklich, einem Nigger durchzuhelfen, das wußte

ich; es war schlimmer als lügen und stehlen und rauben und morden; aber

einerlei, ich konnte doch Jim nicht im Stich lassen! Als ich soweit mit

mir im klaren war, sprang ich auf, wanderte rüstig vorwärts und dachte,

alles übrige, wie und auf welche Weise ich dem armen Jim würde helfen

können, werde sich schon finden, wenn ich erst einmal an Ort und Stelle

sei.

Mein Weg führte noch eine Strecke weit durch dichten Wald, dann

erreichte ich ein frisches, grünes Thal, sah ein Gebäude von ferne, und

lief drauf zu. Meine Vermutung bestätigte sich; bald blickte mir das

Schild entgegen: ›Sägmühle von S. Phelps.‹ Da war ich also an Ort und

Stelle und wollte nun das Schicksal gewähren lassen, wie es mich trieb.

Alles ringsum war wie ausgestorben, es war still wie am Sabbat, und

heiß und sonnig. Die Leute schienen alle im Feld bei der Arbeit zu

sein, und in der Luft schwirrte und summte es von Käfern und Insekten;

dieser Ton giebt einem immer das Gefühl, als ob alles vereinsamt,

jedermann gestorben und begraben sei. Kommt dann ein leichtes Lüftchen

und bewegt die Blätter leise, so meint man das Flüstern der Geister der

Dahingeschiedenen zu hören und es läuft einem ordentlich kalt über den

Rücken, und man wünscht selbst tot und begraben zu sein und erlöst von

all dem Übel der Welt.

Silas Phelps' Farm war eine kleine Baumwollen-Anpflanzung, wie man sie

zu Dutzenden trifft, und die man im Traum beschreiben kann. Ein Zaun

rings um den großen Hof, ein paar elende Grasplätzchen drin, sonst

kahl und glatt wie ein abgeschabter Filzhut. In der Mitte ein großes

Blockhaus für die Familie aus behauenen Holzblöcken, die Spalten

zwischen denselben mit Mörtel zugeschmiert, und vor Zeiten einmal

getüncht. Dicht daneben eine Küche, durch einen breiten, großen,

offenen, aber überdachten Gang mit dem Hause verbunden. Hinter der

Küche die Räucherkammer. Jenseits derselben drei Negerhütten in einer

Reihe, dann eine einzelnstehende weiter hinten gegen die Rückseite des

Zauns zu, dann noch ein paar Wirtschaftsschuppen in derselben Richtung.

Bei der kleinen alleinstehenden Hütte sehe ich einen großen Kessel zum

Seifensieden; vor der Küchenthüre eine Bank mit einem Wassereimer und

Schöpfer drauf, ein Hund liegt ausgestreckt davor und schläft mitten

in der heißesten Sonne. Im Hof zerstreut noch mehr Hunde, ebenso

beschäftigt. In einer Ecke des Hofs ein paar Schatten spendende Bäume,

am Zaun einige Johannisbeer- und Stachelbeerbüsche. Außerhalb des

Zaunes ein Garten und ein Melonenbeet, dann die Baumwollenfelder und

dahinter die Wälder.

Ich ging erst einmal rings herum und betrachtete mir das Ganze von

allen Seiten. Dann kletterte ich hinten über den Zaun und ging direkt

auf die Küche zu. Kaum war ich ein wenig näher gekommen, so hörte ich

das Summen eines Spinnrads, immer denselben kläglichen, gleichmäßigen,

einförmigen Ton, und nun kam mir erst recht der Wunsch, tot zu sein,

denn von allen Geräuschen der Welt ist mir dies das Unausstehlichste,

es macht mich ganz traurig und melancholisch. Abhalten ließ ich mich

aber nicht, sondern schritt kühn vorwärts und hoffte, daß die gütige

Vorsehung mir die rechten Worte zur rechten Zeit schon in den Mund

legen würde; bis jetzt hatte sie's wenigstens immer im richtigen Moment

gethan, sobald ich sie nur ruhig hatte gewähren lassen.

Kaum war ich halbwegs bis zur Küche vorgerückt, als erst ein Hund sich

kläffend erhob, dem alsbald ein zweiter folgte. Im nächsten Moment war

ich von ungefähr fünfzehn umgeben, wie die Achse eines Rades von den

Speichen, und alle hoben ihre Köpfe und Nasen nach mir und bellten

und heulten in allen Tonarten. Wohin ich auch blickte, aus allen Ecken

und Enden, hinter den Hütten hervor und über den Zaun herüber kam noch

neuer Nachschub angesegelt; ich stand ganz still dazwischen, rührte

mich nicht und betrachtete mir die Meute.

Ein altes Negerweib kam jetzt aus der Küche angerannt und verscheuchte

die Bestien mit einem Bratspieß, den sie kriegerisch schwang. »Wollt

ihr wohl? -- du ›Tiger‹ und du ›Juno‹, fort mit euch!« schrie sie

immerwährend und hieb bald dem einen, bald dem andern eins über. Die

Getroffenen klemmten den Schwanz ein und machten sich davon, um im

nächsten Moment wedelnd zurückzukehren und Freundschaft mit mir zu

schließen. Ein Hund ist gar nicht so schlimm, wenn man ihn zu behandeln

weiß!

Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn · 第 14 / 22 段