»Wenn ich entwische, so kann ich freilich nicht beweisen, daß diese

Schurken nicht Ihre Onkel sind; doch könnt' ich das auch nicht, selbst

wenn ich hier wäre. Ich könnte nur beschwören, daß sie Landstreicher

und Gauner sind, doch wär' das auch schon von Bedeutung. Aber es giebt

noch andere, die das besser können als ich, und denen man leichter

Glauben schenken wird als mir. Ich will Ihnen sagen, wo sie zu finden

sind. Geben Sie mir einen Bleistift und ein Stück Papier -- so,

›Königliches ~non plus ultra~ zu Bricksville‹. Stecken Sie das ein und

verlieren Sie's nicht. Wenn das Gericht sich Auskunft verschaffen will

über die zwei, so soll man nur nach Bricksville schicken und sagen

lassen, die Leute, die das ›Königliche ~non plus ultra~‹ gespielt

haben, seien abgefaßt und man brauche einige Zeugen. Dann wird das

ganze Städtchen im Nu hier sein, Fräulein Mary -- alle werden kommen

und zwar kochend vor Wut.«

Ich dachte, nun ist alles wohlgeordnet und sagte noch:

»Lassen Sie die Versteigerung ruhig vor sich gehen. Niemand hat für

die gekauften Sachen zu bezahlen vor dem nächsten Tage, und die beiden

werden nicht von hier fortgehen wollen, bis sie das Geld haben. So

wie wir's jetzt eingefädelt haben, wird der Verkauf ungültig sein,

und die beiden werden das Geld nicht bekommen. Es geht ebenso wie mit

den Negern -- es ist kein gültiger Verkauf, und die Neger werden bald

wieder heimkehren. Die Gauner können nicht einmal das Geld für die

Neger erhalten. Warten Sie nur, das Pärchen soll seine Wunder erleben!«

»Ich will nur noch zum Frühstück hinunter,« rief sie, »und dann gehe

ich gleich zu Lothrops.«

»Nein, nein, Fräulein Mary Jane,« entgegnete ich, »das geht nicht --

geht unmöglich; Sie müssen _vor_ dem Frühstück gehen. Stellen Sie sich

vor, Sie könnten Ihren Onkeln begegnen! Diese können jeden Augenblick

erscheinen, um Ihnen guten Morgen zu wünschen und Sie zu küssen --«

»Genug, genug davon! Da will ich lieber vor dem Frühstück gehen. Sollen

die Schwestern hier bleiben?«

»Ja, grämen Sie sich nicht um die. Die müssen's noch etwas aushalten.

Es würde Verdacht erregen, wenn alle gingen. _Sie_ dürfen jetzt weder

den Gaunern, noch den Schwestern, noch irgend jemand in der Stadt zu

Gesicht kommen. Wenn Sie heute ein Nachbar nach dem Befinden Ihrer

Onkel fragen würde, so könnte Ihr Gesicht Sie verraten. Nein, gehn

Sie nur gleich fort, Fräulein Mary Jane, und lassen Sie mich alles

besorgen. Ich werde Fräulein Susan auftragen, daß Sie den Onkeln einen

freundlichen Gruß senden; Sie seien auf einige Stunden fortgegangen,

um eine Freundin zu besuchen, und würden am Abend oder früh morgens

heimkehren.«

Fräulein Mary Jane stutzte einen Augenblick, dann bemerkte sie ein

wenig spitz: »Sage meinetwegen, ich sei zum Besuch meiner Freundinnen

gegangen, aber einen Gruß darfst du dem sauberen Paare von mir nicht

ausrichten.«

»Gut, also keinen Gruß.« -- Warum sollt' ich _ihr_ gegenüber darauf

bestehen? »Aber noch eins, Fräulein -- der Geldsack!«

»Nun, den haben die leider; und ich schäme mich ganz, wenn ich daran

denke, wie sie ihn bekamen.«

»Nein, da irren Sie sich. _Die_ haben ihn nicht.«

»Die nicht? -- wer sonst?«

»Ich wollte, ich wüßt' es; doch weiß ich es nicht. Ich hatte ihn, denn

ich stahl ihn von den Kerls; stahl ihn für Sie und weiß auch, wo ich

ihn versteckte, fürchte aber, daß er nicht mehr da ist. Es thut mir

sehr leid, Fräulein Mary Jane, nie hat mir etwas so leid gethan; aber

ich that alles, was ich thun konnte; so wahr ich lebe, ich meinte es

ehrlich. Ich wurde beinah' erwischt und ich mußte ihn am ersten besten

Platz verstecken und mich aus dem Staube machen -- und es war kein

guter Platz.«

»O, hör' doch auf, dich anzuklagen -- es ist nicht recht von dir, und

ich leid' es nicht; du hast nicht anders können -- es war nicht _deine_

Schuld. Wo hast du ihn versteckt?«

Ich wollte sie nicht wieder an ihren großen Kummer erinnern, so schwieg

ich eine Minute und sagte dann:

»Ich sag' es Ihnen jetzt lieber nicht, wo ich ihn hinthat, Fräulein

Mary Jane, wenn Sie's mir nicht übelnehmen; doch will ich es Ihnen auf

ein Stück Papier schreiben, und Sie können es auf dem Wege zu Lothrops

lesen, wenn Sie wollen. Sind Sie damit zufrieden?«

»O ja.«

So schrieb ich denn: »Ich verbarg ihn im Sarg. Er steckte drin, als

Sie dort weinten -- damals in der Nacht. Ich stand hinter der Thür und

hatte viel Mitleid mit Ihnen, Fräulein Mary Jane.«

Mir wurden die Augen feucht bei dem Gedanken, wie sie dort einsam

in der Nacht weinte, während diese Teufel, unter ihrem eigenen Dach

beherbergt, sie betrogen und beraubten; und als ich das Papier

zusammenfaltete und ihr gab, sah ich auch in ihren Augen Thränen, und

sie schüttelte mir kräftig die Hand und sagte:

»Leb' wohl. Ich will alles thun, wie du mir's gesagt hast; und sollte

ich dich auch nie wiedersehen, so werde ich dich doch nie vergessen;

und ich werde oft, sehr oft an dich denken und auch für dich beten!« --

und sie war fort.

Für mich beten! Na, wenn die dich kennen würde, dachte ich bei mir,

würde sie eine Arbeit wählen, die ihrer Kraft angemessener und

Erfolg versprechender wäre. Aber ich wette, sie hat's doch gethan --

das sah ihr ganz gleich. Darüber war kein Zweifel, sie besaß mehr

Festigkeit, als ich je bei einem Mädchen gesehen habe, und wirklichen

Charakter. Das mag wie Schmeichelei klingen, ist aber keine. Was

Schönheit anbetrifft, und auch Güte -- ach, da übertraf sie alle.

Seit dem Augenblicke, da sie zur Thür hinaus ging, hab' ich sie nie

wiedergesehen; nein -- nie; aber an sie gedacht hab' ich viele, viele

millionenmal, ebenso an ihre Worte, daß sie für mich beten würde; und

wenn ich genau gewußt hätte, daß es ihr wohl thun könnte, wenn ich für

sie betete, so will ich verdammt sein, wenn ich's nicht versucht hätte.

Also Mary Jane war fort und niemand hatte sie fortgehen sehen. Als ich

der Susan und der ›Hasenlippe‹ begegnete, sagte ich:

»Wie heißen die Leute jenseits des Flusses, die Sie zuweilen besuchen?«

Sie antworteten:

»Da sind mehrere, aber besonders die Proktors.«

»Das ist der Name,« rief ich, »bald hätt' ich's vergessen! Fräulein

Mary Jane befahl mir, Ihnen zu sagen, daß sie in großer Eile da hinüber

mußte -- es ist dort jemand krank.«

»Wer denn?«

»Ich weiß nicht; oder vielmehr, ich hab's vergessen, aber ich glaube,

es war --«

»Um Gottes willen, doch nicht etwa Hannah?«

»Leider doch,« rief ich, »Hannah war der Name.«

»Um Gottes willen -- und noch vorige Woche war sie so munter! Ist es

schlimm?«

»Ach, wenn's bloß schlimm wäre. Man wachte bei ihr die ganze Nacht,

sagte Fräulein Mary Jane, und befürchtet, daß sie nicht mehr lange

leben wird.«

»Wer hätte das gedacht! Was fehlt ihr denn?«

Mir fiel im Augenblick nichts Vernünftiges ein, so sagte ich denn:

»Mumms.«[9]

[9] In manchen Gegenden auch ›Wochentölpel‹ genannt.

»Mumms? du Schlafmütze! Man wacht nicht bei Leuten, die Mumms haben.«

»So, meinen Sie? -- na, Sie können darauf wetten, daß man bei diesem

Mumms wacht. Dies ist nämlich ein ganz anderer Mumms. Es sei eine neue

Gattung Mumms, sagte Fräulein Mary Jane.«

»Wieso?«

»Weil noch andere Uebel dabei sind.«

»Was für andere?«

»Ach, Masern und Keuchhusten und Rose und Schwindsucht und Gelbsucht

und Gehirnfieber, und ich weiß nicht, was noch mehr.«

»Ach was! Und das heißen sie ›Mumms‹?«

»Fräulein Mary Jane sagte so!«

»Aber um alles in der Welt, warum nennen sie das Mumms?«

»Warum? weil's Mumms ist. Damit fängt's an.«

»Liegt darin auch Sinn und Verstand? Angenommen, es verstaucht einer

seine Zehen und fällt nachher von einem Haus herab, bricht den Hals und

die Hirnschale und es fragte jemand, woran er gestorben sei und so ein

Tölpel antwortete: ›Nun, er hatte sich die Zehen verstaucht!‹ -- hätte

das auch Sinn und Verstand? Nein; und ebensowenig Sinn ist in deinem

Mumms! -- Ist's wohl ansteckend?«

»Jedenfalls, ich würde der Krankheit nicht trauen.«

»Das ist ja schrecklich,« rief die ›Hasenlippe‹, »da muß ich gleich zu

Onkel Harry gehen, und --«

»Jawohl« -- sag' ich -- »das würd' ich auch. Natürlich thät' ich das.

Ich würde keine Minute verlieren.«

»So, warum meinst du?«

»Nur Geduld, es soll Ihnen gleich ein Licht aufgehen. Nicht wahr, Ihre

Onkel müssen so bald als möglich wieder in England sein? Sie trauen

Ihren Onkeln doch nicht zu, daß sie selber jetzt abreisen und Ihnen und

Ihren Schwestern zumuten, später nachzukommen und die lange Seereise

allein zu machen? Nein, Sie wissen wohl, daß sie warten werden, bis Sie

alle zusammen reisen können. Also gut. Ihr Onkel Harry ist Pfarrer,

nicht wahr? Wird ein Pfarrer einen Dampfbootbeamten täuschen, nicht

bloß hier, sondern auch in New York und sonst -- damit Fräulein Mary

Jane an Bord gelassen wird? Trauen Sie Ihrem Onkel zu, daß er das Leben

der anderen Passagiere in Gefahr brächte? Sie wissen recht gut, daß

er das nicht thäte. Also was wird er thun? Nun, er wird sagen: ›Das

ist zwar recht fatal, aber meine Kirche muß sich eben behelfen, so gut

sie kann, denn meine Nichte war diesem ansteckenden, fürchterlichen

Universal-Mumms ausgesetzt, und da ist es meine Pflicht und

Schuldigkeit, hier zu bleiben und drei Monate zu warten, um zu wissen,

ob sie angesteckt ist.‹ -- Nun, ich will nichts gesagt haben, und wenn

Sie meinen, es sei besser, dem Onkel Harry zu sagen --«

»Was, ein paar Monate hier herumliegen, während wir uns in England gut

amüsieren könnten, bloß um zu wissen, ob Mary Jane angesteckt ist oder

nicht? Du bist wohl nicht gescheit!«

»Was meinen Sie, wollen Sie's nicht lieber einigen Nachbarn sagen?«

»Nun hör' doch einer -- deine Dummheit geht über alles. Weißt du denn

nicht, daß sie es sogleich ausposaunen würden? Das beste ist, man

sagt's gar niemand.«

»Mag sein, daß Sie recht haben -- ja, ich glaube Sie haben recht.«

»Aber Onkel Harry sollten wir sagen, daß sie auf eine Weile ausgegangen

ist, damit er sich nicht ihretwegen ängstigt.«

»Ja, Fräulein Mary Jane wünschte auch, Sie möchten das bestellen. Sie

sagte: ›bringe den Onkeln Harry und William von mir Gruß und Kuß und

sage ihnen, ich sei nur geschwind zu einem kleinen Besuch über'n Fluß

gegangen zu Herrn --‹ Herrn -- wie ist der Name der reichen Familie,

auf die Ihr Onkel Peter so viel hielt? -- Ich meine die, welche --«

»Ach, du meinst wohl die Apthorps, nicht wahr?«

»Ja, ganz richtig. Der Kuckuck soll diese Namen holen, die man gar

nicht behalten kann. Ja, sie sagte, ich solle melden, sie sei nur

hinüber, um die Apthorps zu bitten, sicher zur Auktion zu kommen und

das Haus zu kaufen, denn sie glaube, Onkel Peter möchte gern, daß sie

es bekämen, statt jemand anders. Sie will ihnen so lang zusetzen, bis

sie versprechen zu kommen, und wenn sie nicht zu müde ist, will sie

heute abend noch heimkommen, andernfalls würde sie bestimmt morgen früh

zurück sein. Sie wünschte, daß man nichts von den Proktors sagen solle,

sondern nur von den Apthorps -- was auch ganz wahr ist, denn sie wird

wegen des Hauses mit ihnen sprechen; ich weiß es, denn sie hat es mir

selbst gesagt.«

»Schon gut,« riefen sie und gingen fort, um den Onkeln Gruß, Küsse und

die Nachricht zu bringen.

So weit war alles gut. Die Mädchen, dachte ich, werden reinen Mund

halten, denn sie wollen nach England gehen; und dem König und Herzog

muß es lieber sein, wenn Mary Jane fort ist und für die Auktion

arbeitet, als daß sie sich noch im Bereiche des ~Dr.~ Robinson

befindet. Ich war mit mir zufrieden und schmeichelte mir, die Sache

ziemlich nett gedeichselt zu haben, -- und daß Tom Sawyer selbst es

nicht viel besser gekonnt hätte.

[Illustration]

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Welche sind die Rechten? -- Handschriften. -- Probe. --

Tättowieren. -- Die Leiche wird ausgegraben. -- Fort! --

Befreiung vom königlichen Joche. -- Jim wird verschachert.

Die Auktion fand spät am Nachmittag statt und zog sich lange hin. Der

Alte stand neben dem Auktionator, machte ein Armsündergesicht, warf

hie und da einen Bibelvers dazwischen, oder auch dann und wann ein

Schmeichelwort, und der Herzog ›gu--gu--te‹ herum, um Teilnahme zu

erregen.

Endlich ging's zu Ende und es war alles verkauft -- alles, außer einem

kleinen Begräbnisplatz auf dem Kirchhof, der auch noch verkauft werden

mußte. Während noch darauf gesteigert wurde, landete ein Dampfboot,

und in etwa zwei Minuten kam eine Menschenmenge schreiend und lachend

daher, und viele riefen: ›Hurra, da sind neue Erben vom alten Wilks!

Sie leben hoch!‹

Sie brachten einen fein aussehenden alten Herrn und einen netten,

jungen Mann, der den rechten Arm in einer Schlinge trug.

Das Volk umringte sie jubelnd und lachend. Mir war's aber gar nicht

lächerlich, und ich dachte, nun würde dem König und dem Herzog der Spaß

vergehen. Doch weit gefehlt. Der Herzog ließ sich nicht das mindeste

anmerken, sondern ›gu--gu--te‹ drauf los, wie ein Krug mit engem Halse,

aus dem man Buttermilch gießt. Der König aber blickte mitleidig auf

die Neuankömmlinge herab, als bereite ihm der Gedanke, daß es solche

Schurken und Betrüger auf der Welt geben könne, Magenschmerzen bis

ins Herz hinein. O, er machte das bewundernswert. Eine Menge Leute

umringten den König, um ihm zu zeigen, daß sie auf seiner Seite seien.

Der eben angekommene alte Herr schaute ganz verdutzt drein. Bald

jedoch fing er an zu reden, und ich konnte gleich hören, daß er wie

ein Engländer sprach; nicht wie der König, obwohl dieser es ganz gut

nachmachte. Des alten Herrn Worte kann ich nicht wiedergeben, wie er

sie sprach, aber er sagte etwa folgendes:

»Dies ist eine Ueberraschung, der ich nicht entgegensah, und ich

muß es leider frei gestehen: ich bin schlecht vorbereitet, ihr zu

begegnen, denn mein Bruder und ich haben Unglück gehabt; er hat den Arm

gebrochen, und unser Gepäck wurde durch einen Irrtum letzte Nacht in

einem Städtchen weiter oberhalb ans Land gesetzt. Ich bin Peter Wilks'

Bruder Harry, und dies ist sein Bruder William, der weder hören noch

reden -- und jetzt auch nicht einmal ordentlich Zeichen machen kann,

da er nur eine Hand dazu frei hat. Wir sind, was wir zu sein vorgeben,

und in ein bis zwei Tagen, wenn ich mein Gepäck erhalte, kann ich's

beweisen. Bis dahin will ich nichts weiter sagen, sondern ins Gasthaus

gehen und warten.«

So gingen er und der neue Stumme ab; der König platzte folgendermaßen

los:

»Arm gebrochen -- sehr wahrscheinlich, he? -- und sehr rechtzeitig,

zumal für einen, der Zeichen machen soll und es nicht gelernt hat.

Gepäck verloren! Ausgezeichnet -- vorzüglich ausgedacht unter den

Verhältnissen!«

[Illustration]

Dann lachte er und die andern auch, außer dreien oder vieren. Einer

davon war der Arzt, ein anderer ein scharf dreinblickender Herr mit

einer alten Reisetasche, der eben mit dem Dampfboot gekommen war und

mit dem Arzt leise sprach -- sie sahen zum Könige hinüber und winkten

einander zu -- es war Levi Bell, der Advokat, der in Louisville gewesen

war. Noch ein anderer, der nicht mitgelacht hatte, war ein großer,

rauher Kerl, der erst dem alten Herrn zugehört hatte und nun die Rede

des Königs anhörte. Er wartete, bis er geendet, und fuhr ihn dann wie

folgt an:

»Hör' mal, wenn du Harry Wilks bist, wann kamst du hierher?«

»Den Tag vor der Beerdigung, Freund,« sprach der König.

»Zu welcher Tageszeit?«

»Am Abend, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang.«

»Woher kamst du?«

»Von Cincinnati, mit Dampfer ›Susan Pawell‹.«

»So, -- ich hab' dich doch am Morgen in einem Kanoe bei der Landzunge

landen sehen.«

»Ich war am Morgen nicht bei der Landzunge.«

»Das ist gelogen!«

Mehrere sprangen auf und baten ihn, doch nicht so zu einem alten Manne

und Prediger zu reden.

»Potz Prediger, ein Betrüger und Lügner ist er. Er war jenen Morgen auf

der Landzunge. Ich wohne da -- ich war da und _er_ war da. Ich sah ihn

dort. Er kam in einem Kanoe mit Tim Collins und einem Knaben.«

Da rief der Arzt:

»Würdest du den Knaben erkennen, wenn du ihn siehst, Heinz?« --

»Ich weiß nicht, aber ich glaube. -- Da ist er ja, ich kenne ihn ganz

gut.« -- Er wies dabei auf mich.

Der Arzt sprach:

»Nachbarn, ich weiß nicht, ob das neuangekommene Paar Betrüger sind

oder nicht; aber wenn die hier keine sind, will ich ein Narr sein. Ich

halte es für meine Pflicht, sie nicht fortzulassen, bis wir mehr in

Erfahrung bringen. Komm, Heinz, kommt alle, wir nehmen dies Paar ins

Gasthaus und stellen es dem andern gegenüber. Wir werden dann bald

dahinter kommen.«

Das war ein Spaß für die Menge, wenn auch nicht für des Königs Freunde.

So ging's denn los. Es war um Sonnenuntergang. Der Arzt führte mich bei

der Hand; er war ganz freundlich, ließ aber nie meine Hand los.

Wir gingen ins große Zimmer des Gasthofs, zündeten Licht an und holten

das neue Paar. Erst sprach der Arzt:

»Ich wünsche mit diesen beiden Männern -- er deutete auf den König

und den Herzog -- nicht zu hart zu verfahren, aber ich halte sie für

Betrüger. Wenn sie keine Betrüger sind, so werden sie sich nicht

weigern, das Säckchen herbeizuschaffen, das ihnen Wilks hinterlassen,

und es von uns aufbewahren lassen, bis sie sich richtig ausgewiesen

haben. -- Hab' ich recht?«

Alle stimmten bei. So schien mir's, daß unser Pärchen sich gleich zum

Anfang in einer bösen Klemme befand. Doch der König machte nur eine

bekümmerte Miene und sprach:

»Meine Herren, ich wünschte, das Geld wäre da, denn ich habe nichts

gegen eine redliche, offene Untersuchung dieser traurigen Affaire; aber

leider ist das Geld nicht mehr da.«

»Wo ist es denn?«

»Nun, als meine Nichte es mir zum Aufheben gab, verbarg ich es im

Bettstroh, mit der Absicht, während der wenigen Tage unseres Hierseins

es auf die Bank zu senden. Wir hielten das Bett für einen sichern

Platz, -- nicht an Neger gewöhnt, hielten wir sie ebenso ehrlich wie

unsere Domestiken in England. Die Neger stahlen es den nächsten Morgen,

nachdem ich das Zimmer verlassen; als ich sie verkaufte, vermißte ich

das Geld noch nicht, und so sind sie damit fort. Mein Diener hier kann

Ihnen darüber berichten, meine Herren.«

Der Arzt und mehrere andere riefen: »Unsinn!«, und ich sah, daß

niemand ihm wirklich glaubte. Einer fragte mich, ob ich's die Neger

hätte stehlen sehen. Ich entgegnete: nein, aber ich hätte die Neger

fortschleichen sehen und hätte mir nichts dabei gedacht, als daß sie

meinen Herrn aufgeweckt und sich aus dem Staube gemacht hätten, ehe er

sie anranzen konnte. Das war alles, was ich darüber gefragt wurde. Doch

plötzlich wandte sich der Arzt zu mir und sagte:

»Bist du etwa auch ein Engländer?«

Ich antwortete mit ja, und er und einige andere lachten und machten

ihre Witze darüber.

Dann ging's wieder an die allgemeine Untersuchung, die Geschichte ging

auf und nieder, hin und her, Stunde über Stunde verstrich, und niemand

dachte ans Abendessen. Sie ließen erst den König sein Teil erzählen,

dann den alten Herrn seines, und wer nicht ein vorurteilsvoller

Starrkopf war, mußte einsehen, daß der alte Herr die Wahrheit, der

andere Lügen auftischte. Bald mußte auch ich erzählen, was ich wußte.

Der König warf mir einen Seitenblick aus seinem linken Augenwinkel zu,

und das genügte, um auf seiner Seite zu bleiben. Aber ich war noch

nicht weit gediehen, als der Arzt zu lachen begann und Levi Bell, der

Advokat, sagte:

»Setz' dich, mein Junge, ich würde mich an deiner Stelle nicht

anstrengen. Ich glaube, du bist das Lügen noch nicht gewöhnt,

wenigstens geht's dir nicht leicht von der Hand; dir fehlt noch Uebung;

du machst's noch zu plump.«

Das Kompliment war mir gleichgültig, doch war ich froh, auf so billige

Art wegzukommen.

Der Arzt wollte eben wieder anfangen, doch unterbrach er sich und sagte:

»Wärst du gleich zu Anfang in der Stadt gewesen, Levi Bell --«

Da fiel der König ins Wort, streckte seine Hand aus und sprach:

»O, ist dies meines armen verstorbenen Bruders alter Freund, von dem

er mir so oft schrieb?« Dabei schüttelten sie einander die Hände

und der Advokat lächelte und schien erfreut. Sie sprachen eine Weile

miteinander, gingen dann etwas beiseite und flüsterten; schließlich

sagte der Advokat laut:

»Das wird die Sache bald in Ordnung bringen. Ich schicke die Anweisung

mit derjenigen Ihres Bruders hin, und dann sehen die Leute ja gleich,

daß alles im reinen ist.«

Feder und Papier wurden gebracht; der König setzte sich, hielt den Kopf

nach einer Seite hinüber, biß sich auf die Zunge und schmierte was hin.

Dann ging die Feder an den Herzog, dem's dabei recht unbehaglich zu

Mute war. Doch ergriff er die Feder und schrieb. Dann wandte sich der

Advokat an den alten Herrn und sagte:

»Ich bitte jetzt Sie und Ihren Bruder, einige Zeilen zu schreiben und

Ihre Namen zu zeichnen.«

Der alte Herr schrieb, doch konnte es niemand lesen. Der Advokat machte

ein erstauntes Gesicht und sprach:

»Na, jetzt hört alles auf!« -- dann zog er eine Anzahl Briefe aus der

Tasche und verglich die Handschriften. »Diese alten Briefe,« fuhr er

fort, »sind von Harry Wilks -- hier sind die zwei Handschriften seiner

angeblichen Brüder -- des ersten Paares -- und man sieht sofort,

daß sie die Briefe nicht geschrieben haben (König und Herzog sahen

sehr verblüfft aus, als sie merkten, welche Falle ihnen der Anwalt

gestellt hatte), dann ist hier die Handschrift des alten Herrn vom

zweiten Paare, und man sieht auf den ersten Blick, daß _er_ die Briefe

_auch nicht_ geschrieben hat -- sein Gekritzel ist überhaupt keine

Handschrift zu nennen. Hier hab' ich noch einige Briefe von --«

Da rief der alte Herr:

»Erlauben Sie mir gefälligst eine kleine Erklärung. Niemand außer

meinem Bruder hier kann meine Handschrift lesen -- darum kopiert er für

mich. Sie haben in den Briefen _seine_ Handschrift, nicht _meine_.«

»Na,« rief der Anwalt, »wo soll das hinaus? Ich habe einige von

Williams Briefen; wenn Sie ihn ein paar Zeilen schreiben lassen,

könnten wir ja vergl--«

»Er kann nicht mit der linken Hand schreiben,« entgegnete der alte

Herr. »Könnte er die rechte Hand gebrauchen, so würden Sie gleich

sehen, daß er seine eigenen und meine Briefe geschrieben hat.

Vergleichen Sie die gefälligst, sie sind von derselben Hand.«

Der Anwalt that es und sagte:

»Das scheint so -- jedenfalls erkenne ich jetzt eine viel größere

Aehnlichkeit als vorher. Ei, ei! ich hatte schon gedacht, ich sei auf

der rechten Spur; nun ist's wieder nichts. Soviel ist jedoch sicher

bewiesen, daß diese zwei -- er deutete auf König und Herzog -- keine

Wilkse sind.«

Selbst jetzt gab der bocksbeinige alte Narr, der König, nicht klein

bei und sagte, es sei kein reeller Beweis. Sein Bruder William sei

ein arger Spaßmacher und hätte eben einen seiner Späße losgelassen

und seine Handschrift verstellt. Er hätte es ihm gleich angesehen. So

plapperte der Kerl fort, bis er anfing selbst an das zu glauben, was er

sagte -- doch bald unterbrach ihn der alte Herr mit den Worten:

»Mir ist was eingefallen. Ist irgend jemand unter den Anwesenden, der

beim Auslegen der Leiche meines Bruders, des verstorbenen Peter Wilks,

zugegen war?«

»Ja,« rief jemand, »ich und Abel Turner besorgten das. Wir sind beide

hier.«

Dann wandte sich der alte Herr zum König und sagte: »Vielleicht weiß

der Herr dann, was auf seiner Brust tättowiert war?«

Da mußte der König sich rasch zusammennehmen, sonst wäre er

zusammengestürzt wie ein Stück Flußufer, das die Strömung untergraben

hat; es kam so plötzlich und unerwartet und war so recht eine Frage,

die einen, der nicht darauf vorbereitet war, ganz aus der Fassung zu

bringen vermochte. Wie konnte er wissen, was auf der Leiche tättowiert

war?! Er erblaßte ein wenig, das konnte er nicht vermeiden. Es wurde

sehr still, und alle beugten sich vor und starrten ihn an. Ich dachte,

nun würde er den ungleichen Kampf aufgeben -- was konnte er auch

noch sagen? Aber nein; so unglaublich es scheint -- er blieb fest.

Wahrscheinlich wollte er versuchen, die Leute müde zu machen, bis sich

die Menge verkleinerte und er und der Herzog vielleicht Gelegenheit

fänden zu entschlüpfen. Er verzog seinen Mund zum Lächeln und sagte:

»Hm! Eine große Frage, nicht wahr? Ja, mein Herr, allerdings weiß ich,

was auf seiner Brust tättowiert ist. Es ist ein kleiner, dünner, blauer

Pfeil, den man kaum bemerkt, wenn man nicht scharf hinsieht.«

Solch ein Ausbund von grenzenloser Frechheit war mir doch noch nie

vorgekommen.

Der alte Herr wandte sich rasch zu Abel Turner und dessen Kameraden und

seine Augen glänzten so, als ob er den König jetzt festgenagelt hätte;

er sagte: »Da haben Sie es gehört! War solch ein Zeichen auf Peter

Wilks' Brust?«

»Wir haben kein solches Zeichen bemerkt.«

Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn · 第 13 / 22 段