Der Alten folgten noch ein kleines schwarzes Mädchen und zwei

Niggerjungen in sehr spärlicher Kleidung, und sie hingen sich an

ihrer Mutter Rock und blinzelten dahinter hervor nach mir, scheu und

ängstlich wie junge Vögelchen, wie sie's immer machen, die kleinen

schwarzen Bälge. Plötzlich stürzte aus der Thüre des Wohnhauses eine

weiße Frau, ihre Kinder auch hinter ihr her, die sich ebenso benahmen

wie ihre kleinen dunklen Vettern. Das ganze Gesicht der Frau strahlte

von Freundlichkeit, ihr Mund war ganz breit gezogen, so lachte sie und

freute sie sich. Schon von weitem rief sie mir zu:

»Also da bist du endlich! Bist du's denn wirklich?«

»Gewiß, ich bin's!« -- Diese Antwort war heraus, ehe ich nur wußte, was

ich that oder redete.

Sie riß mich an sich und preßte mich in ihre Arme, daß mir beinahe

der Atem verging. Dann ergriff sie meine beiden Hände und schüttelte

und drückte sie, während ihr die Thränen aus den Augen stürzten. Sie

konnte gar nicht fertig werden mit Schütteln und Umarmen und schluchzte

fortwährend: »Ach, du siehst deiner Mutter gar nicht so ähnlich, wie

ich dachte, aber das schadet nichts, lieber Junge. Gott, was freue ich

mich, dich zu sehen, ich möchte dich wahrhaftig aufessen! Kinder, das

ist euer Vetter Tom, gebt ihm die Hand und sagt ihm guten Tag!«

Die aber steckten die Finger in den Mund und ließen die Köpfe hängen.

Sie aber achtete darauf gar nicht und schwatzte immer weiter:

»Liese, tummel' dich, daß er was zu essen bekommt. Du wirst recht

hungrig sein, Tom?«

Ich sagte, ich habe schon auf dem Boot gegessen und sei nicht besonders

hungrig, was sehr gegen die Wahrheit war. So gingen wir denn dem Hause

zu, sie führte mich an der Hand und die Kinder trotteten hinterher.

Im Zimmer setzte sie mich auf einen Rohrstuhl, zog sich einen Schemel

heran und hielt immer meine beiden Hände fest. Lange sah sie mir ins

Gesicht, dann rief sie:

»Endlich, endlich kann ich dich einmal nach Herzenslust betrachten,

mein Junge, Gott, wie sich meine Augen darnach gesehnt haben seit Jahr

und Tag. Aber ich habe dich schon länger erwartet, seit ein paar Tagen

schon. Was hat dich denn aufgehalten? Ist dem Boot 'was passiert?«

»Ja, Madam, -- das Boot --«

»Aber, Junge, so sag' doch nicht Madam, sag' doch Tante Sally! Also was

war's mit dem Boot, und wo ist's passiert?«

Die letztere Frage war nun schwer zu beantworten und so ließ ich sie

fallen, wußte ich doch nicht, aus welcher Richtung mein Boot erwartet

wurde, sagte also einfach:

»Ja, es platzte eine der Dampfröhren!«

»Guter Gott, es wurde doch niemand verletzt?«

»O nein, niemand, nur ein Nigger getötet.«

[Illustration]

»Nun, das ist ein Glück, das hätte schlimm verlaufen können! Vor zwei

Jahren, an Weihnachten, kam dein Onkel einmal von New Orleans zurück

auf der alten ›Sally Rook‹, und da passierte ganz dasselbe und ein

Mann wurde schwer verletzt und starb bald drauf, glaub' ich. Er war ein

Baptist; dein Onkel wußte von einer Familie in Baton-Rouge, die seine

Leute ganz genau kannte. Ja, ich erinnere mich jetzt ganz deutlich, er

starb wirklich und wahrhaftig an den Verletzungen. Blutvergiftung kam

noch dazu und er mußte amputiert werden, es half aber alles nichts, er

wurde schließlich blau am ganzen Körper und starb in der Hoffnung auf

ein ewiges Leben. Es soll schrecklich zum Ansehen gewesen sein. Na, was

ich sagen wollte, dein Onkel war beinahe jeden Tag drüben in der Stadt,

um nach dir zu sehen. Gerade jetzt ist er wieder dort, schon seit einer

Stunde, und muß jeden Augenblick wieder zurückkommen. Hast du ihn denn

nicht unterwegs getroffen, wie? Ein alter Mann mit einem --«

»Nein, ich hab' niemand gesehen, Tante Sally. Gleich nachdem das Boot

angelegt hatte, machte ich mich auf den Weg hierher. Da es aber so heiß

war, legte ich mich ein wenig in den Wald und muß bald eingeschlafen

sein. Beim Gerassel eines Wagens fuhr ich in die Höhe und ging weiter.

-- Vielleicht saß gerade der Onkel in dem Wagen?«

»Da magst du recht haben! Wie lang ist es wohl her?«

»Ja, das weiß ich nicht so genau, vielleicht eine Stunde.«

»Ei, wo hast du denn dein Gepäck? Soll es jemand holen?«

»Weil es so heiß war, hab' ich mein Bündelchen im Wald liegen lassen;

ich hab's gut versteckt und am Weg ein Zeichen gemacht, damit ich's

wieder finde.«

»Ja, da mußt du freilich selber hin,« sagte sie.

Mir aber war's allmählich so unbehaglich geworden, daß ich kaum mehr

hören und sehen konnte. Mein Kopf glühte mir nur so und gern hätte ich

einmal die Kinder beiseite genommen, um von ihnen herauszukriegen, wer

ich denn eigentlich sei. Aber daran war nicht zu denken. Frau Phelps

schwatzte und schwatzte in einem fort, ihr Mund bewegte sich immerzu

wie ein Mühlrad. Auf einmal hörte ich sie sagen:

»Da schwatzen wir aber immer drauf los und du hast mir noch kein Wort

von der Schwester und allen dort erzählt. Na, ich stell' meine Mühle

ab, leg' du 'mal los, Junge, und berichte mir von allem und jedem,

hörst du? Sag' mir, wie's ihnen geht, was sie thun und treiben, was sie

dir für mich aufgetragen haben, jedes kleinste Wort, an das du dich

erinnern kannst. Na, Junge!«

Mir lief bei diesen Worten eine Gänsehaut über den ganzen Leib. Da saß

ich nun fest! Bis hierher hatte mir die gütige Vorsehung durchgeholfen,

nun schien sie mich schmählich im Stich lassen zu wollen. Ich schnappte

nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Wasser und marterte mein

Hirn ab, um einen einigermaßen geeigneten Ausweg zu finden. Wie ich

eben den Mund aufthun will, um mir mit ein paar kleinen, unschuldigen

Flausen erst Luft zu verschaffen, eh' ich weiter in dies gefährliche

Fahrwasser tauche, faßt sie mich hastig am Arm, zerrt mich hinters

Bett, und flüstert:

»Da kommt er! Zieh' doch deinen Kopf ein bißchen ein, -- noch tiefer,

so ist's recht, nun kann er dich nicht sehen. Daß du dich nicht

verrätst, hörst du? ich will ihn einmal ordentlich anführen. Kinder,

ihr sagt mir kein Wort von Vetter Tom, sonst giebt's was!«

Ich saß gut in der Klemme, aber bange werden half nicht und so hielt

ich eben stille und wartete ab, bis der Blitz niederfuhr.

Auf den nun eintretenden alten Mann konnte ich gerade noch einen

flüchtigen Blick werfen, ehe ihn das Bett mir verdeckte. Frau Phelps

springt auf ihn los und schreit:

»Ist er da?«

»Nein!« sagte der Mann.

»Herr, du mein Gott,« jammert sie da, »was in aller Welt ist aus dem

armen Jungen geworden?«

»Ja, da frägst du mich mehr, als ich dir sagen kann,« -- und der alte

Herr zuckt die Schultern -- »ich muß sagen, ich fange ernstlich an, mir

Sorge zu machen.«

»Sorge?« schreit sie auf, »Sorge? Mir kostet's nächstens den Verstand!

Er muß ja da sein, gewiß hast du ihn nur unterwegs verfehlt, Alter, ja,

ja, so wird's sein, ganz gewiß -- mir ahnt etwas, daß es so ist!«

»Na, Sally, verfehlt! Das ist auf _dem_ Wege ja rein unmöglich.«

»Aber, ach, du allmächtiger Herr im Himmel, was wird die Schwester

sagen! Was wird sie sich für Gedanken machen! Er _muß_ ja gekommen

sein, -- du _mußt_ ihn verfehlt haben! Er --«

»Na, Alte, mach' mich nicht toll, ich weiß kaum, was ich denken soll,

ich bin wahrhaftig am Ende meiner Weisheit und die Geschichte ist mir

unbegreiflich! Gekommen ist er aber nicht, soviel steht fest, denn ich

_kann_ ihn nicht verfehlt haben. Ach, Sally, es ist schrecklich --

schrecklich -- aber ich fange wahrhaftig an, zu glauben, daß dem Boot

etwas passiert sein muß!«

»Da, Silas, sieh' doch einmal dahin -- zum Fenster hinaus -- kommt dort

nicht jemand daher?«

Er sprang ans Fenster und starrte hinaus, dem Zimmer den Rücken

kehrend, und das war's, was sie wollte. Flink bückte sie sich nach

mir und faßte mich am Rockkragen; ich kroch hinter dem Bett hervor,

und wie sich der alte Herr wieder umdrehte, stand sie strahlend und

leuchtend und glühend da, wie eine ganze Feuersbrunst, und ich daneben,

erbärmlich wie ein begossener Pudel mit hängenden Ohren und hängendem

Schwanze. Mir brach der Angstschweiß aus allen Poren.

»Na, wen haben wir denn da?« ruft er und starrt mich an.

»Wen meinst du wohl?« fragte sie schlau.

»Woher soll ich das wissen? Ich hab' keine Ahnung! Wer _ist's_ denn?«

»Ei, _Tom Sawyer_ ist's, Männchen!«

Mir war's, als zuckte ein Blitzstrahl vom Himmel und schlüge neben

mir ein. Tom Sawyer! -- Aber ehe ich noch Atem schöpfen konnte, hatte

mich schon der alte Mann bei der Hand und drückte und schüttelte

sie bis er genug hatte. Und seine Frau tanzte um uns herum wie

ein Indianerhäuptling und lachte und weinte, und beide feuerten

zwischendurch ganze Salven von Fragen auf mich los über Tante Polly und

Sid und Mary und die übrigen.

Ihre Freude aber, so groß sie auch sein mochte, war nichts gegen die

meine. Ich fühlte mich wie neugeboren, wußte ich doch endlich, wer

ich eigentlich sei! Und daß ich mich als solch' guten alten Bekannten

entpuppte, das, nein, das -- ich kann gar nicht sagen, wie mir zu Mute

war! Eine ganze Stunde lang bestürmten mich nun die beiden mit ihren

Fragen, und meine Redewerkzeuge waren endlich so müde, daß sie beinahe

den Dienst versagten. Ich hatte den beiden aber auch mehr über meine

Familie, d. h. die Familie Sawyer, erzählt, als sechs Familien in sechs

mal sechs Jahren erleben können. Dann sprach ich von meiner Reise,

dem Boot, der geplatzten Cylinderröhre, dem Schreck und der Aufregung

dabei, und sie hingen an meinem Munde und verschlangen sozusagen jedes

Wort.

Ich fühlte mich nun so wohl und munter wie ein Fisch im Wasser und

plätscherte und schwamm im Strom meiner Beredsamkeit lustig weiter.

Es gab nichts Lustigeres und Behaglicheres, als Tom Sawyer vorstellen

zu dürfen, und ich hatte mich bereits bestens in die Rolle eingelebt,

als ich mit einemmal das Keuchen eines Dampfbootes aus der Ferne

hörte. Da erst kam mir der Gedanke: wenn nun Tom, der wirkliche Tom,

mit dem Boot angekommen ist, auf einmal zur Thüre herein tritt und

meinen Namen ruft, noch ehe ich ihm einen Wink geben kann, und dadurch

alles verraten und verloren ist? Die Angst trieb mir den Schweiß auf

die Stirn. Nein, das durfte nicht sein, das mußte ich verhindern um

jeden Preis! Ich mußte ihm entgegen eilen, um ihn von meiner Lage zu

unterrichten. So sagte ich denn, ich wolle zurück und nach meinen

Sachen sehen, sonst könnten sie mir am Ende doch noch abhanden kommen.

Der alte Mann wollte mich durchaus begleiten, ich aber dankte und

sagte, ich könne gut allein, er dürfe mir das Pferd ruhig anvertrauen,

ich freue mich darauf, allein zu fahren, und er möge sich um alles in

der Welt meinetwegen nicht noch einmal in der Hitze so weit bemühen.

Das sah er denn endlich ein und ließ mich gewähren.

[Illustration]

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Ein Nigger-Dieb. -- Südliche Gastfreundschaft. -- ›Er

unverschämter junger Flegel!‹ -- Ein dauerhaftes Gebet.

Ich also auf und mit dem Wagen der Stadt zugerast. Wie ich halbwegs

dort bin, sehe ich ein andres Gefährt von der Stadt her auf mich

zukommen, und wer sitzt drin, Tom Sawyer, der alte Tom, wie er leibt

und lebt, und da halt' ich meinen Wagen an und warte, bis er dicht bei

mir ist. Dann schrei ich: »Halt!«, und er hält, und wie er mich sieht,

klappt sein Mund auf wie ein Scheunenthor, bleibt auch so stehen, und

er schluckt zwei- oder dreimal, als habe er einen außergewöhnlich

trockenen Hals gekriegt und beginnt dann zu flehen:

»Ich hab' dir ja nie was zuleid gethan, Huck Finn, und das weißt du

auch. Und ich war immer dein guter Kamerad, all mein Lebtag, und du, du

kommst und spukst hier oben rum ohne alle Ursache und willst mir Angst

machen -- mir, deinem alten Tom?«

Sag' ich:

»Alter Narr! Wie kann ich spuken, wenn ich doch nie weg gewesen bin vom

Sonnenlicht?«

Meine Stimme schien ihn etwas zu beruhigen, aber ganz beruhigt war er

noch nicht.

»Mach' mir keinen Unsinn vor, Huck, gewiß und wahrhaftig, ich thät's

auch nicht an deiner Stelle. Also, Hand aufs Herz, du bist wirklich

nicht dein Geist?«

»Hand aufs Herz, der bin ich nicht!«

»Na, ich -- ich -- ich sollte dir jetzt freilich glauben, aber siehst

du, ich -- ich kann's nicht begreifen. Bist du denn damals überhaupt

gar nicht ermordet worden?«

»Nee, das ist mir Gott sei Dank noch nie passiert! Tom, Dummerjan,

merkst du's denn nicht? Ich hab' ja nur so gethan, um den Alten und

alle los zu werden. Na, glaubst du's noch nicht? Steig' mal rüber zu

mir und visitier' mich, da wirst du schon fühlen, daß ich Fleisch und

Knochen habe!«

Das that er denn und gab sich danach zufrieden. Er schien furchtbar

froh zu sein, daß er mich wieder sah, und wußte gar nicht, wie er

es mir genug zeigen konnte. Dann wollte er genau den ganzen Hergang

wissen. Es war ein geheimnisvolles Abenteuer, so recht nach seinem

Geschmack. Ich aber vertröstete ihn auf später, nahm ihn erst einige

Schritte weit beiseite, daß uns sein Kutscher nicht hören konnte,

erzählte ihm von der Klemme, in der ich mich befand, und bat ihn, sich

zu überlegen, wie wir uns heraushelfen könnten. Er sagte, ich solle mal

ein bißchen still sein und ihn nachdenken lassen; er dachte und dachte

und dann meinte er:

»Jetzt hab' ich's! Ich hab's! So muß es gehen! Du nimmst meinen Koffer

auf deinen Wagen und sagst, es sei deiner, und dann fährst du recht

langsam zurück, so daß du nicht früher ankommst, als sie dich erwarten

können. Ich fahr' wieder ein Stück zurück und komm' dann erst wieder,

so etwa eine halbe Stunde nach dir, und das weitere wirst du schon

sehen, du brauchst zuerst gar nicht zu thun, als ob du mich kenntest.«

Sag' ich:

»Ganz recht! aber wart' einmal, da ist noch etwas zu bedenken -- etwas,

das kein Mensch weiß, außer mir. Da ist nämlich noch ein Nigger

gefangen dort bei deinen Verwandten, den ich gerne befreien möchte --

es ist Jim, Miß Watsons Jim, weißt du!«

»Was? Jim ist ja --«

Er hält ein und sinnt nach, ich aber sage schnell:

»Ich weiß, was du denkst, Tom! Du denkst, das sei ein recht gemeiner,

elender Plan, und das ist's auch! Aber was liegt mir dran? Ich bin auch

gemein und elend und ich _will_ ihn frei machen und ihm helfen und du

darfst mich nicht verraten, gelt, das versprichst du mir, Tom!«

Seine Augen blitzten auf:

»Ich -- dich verraten? _Helfen_ will ich dir!«

Mir fielen die Arme am Leib nieder, als hätte ich einen Schuß bekommen.

Das war das Erstaunlichste, was ich je in meinem Leben gehört hatte,

und, so leid es mir thut, ich muß sagen, Tom Sawyer sank dadurch

ziemlich in meiner Achtung. Ich traute meinen Ohren kaum -- Tom Sawyer,

der Sohn ehrbarer Leute, ein Nigger-Dieb! Das war mehr als ich fassen

konnte!

»Unsinn,« ruf' ich, »du willst mir was weiß machen!«

»Nein, ganz im vollen Ernst, Huck, ich mach' dir nichts vor!«

»Na, gut,« sag' ich, »vormachen oder nicht vormachen, auf jeden Fall

vergiß nicht, wenn du dort von einem durchgebrannten Nigger hören

solltest, daß wir beide, weder du noch ich, etwas davon wissen!«

Das war denn abgemacht und nun nahmen wir den Koffer und stellten ihn

in meinen Wagen. Er fuhr seinen, ich meinen Weg, und so oft ich mich

umdrehte, sah ich Toms verwundertes, noch halb und halb ungläubiges

Gesicht mir nachstarren. Natürlich vergaß ich darüber ganz, daß ich

langsam fahren sollte, um nicht zu früh wieder einzutreffen, fuhr in

Gedanken immer drauf los und kam selbstverständlich etwa in der Hälfte

der Zeit zurück, die ich für die Länge des Weges hätte brauchen

müssen. Der alte Mann stand am Thor und rief mir entgegen:

»Nein, das ist wunderbar! Wer hätte je gedacht, daß die alte Mähre das

leisten könnte. Die hab' ich tüchtig unterschätzt. Die geb' ich nun

nicht für hundert Dollars her. Vorher hab' ich fünfzehn verlangt und

gedacht, damit sei sie bis in die alte Haut hinein bezahlt. Sieh, sieh,

wer hätte das gedacht! Und dabei ist ihr kein Haar naß geworden --

nein, es ist wunderbar!«

Dabei half er mir kopfschüttelnd beim Ausschirren; es war die beste

und argloseste Seele von der Welt! Das wunderte mich aber gar nicht,

denn er war nicht nur Farmer, sondern auch Prediger. Er hatte seine

kleine hölzerne Kirche, die zugleich Schulhaus war und an der Grenze

der Plantage lag, selber und auf eigene Kosten errichtet; und auch für

seine Predigten rechnete er nie nichts an. Da drunten im Süden giebt's

viele Prediger-Farmer oder Farmer-Prediger dieser Art.

Nach ungefähr einer Stunde kam Toms Wagen in Sicht. Tante Sally

entdeckte ihn zuerst vom Fenster aus, als er etwa noch fünfzig Meter

weit entfernt war.

»Ach, da kommt ja jemand! Wer das wohl sein mag? Ach Herrje, das ist

ein Fremder! Jimmy, (das war eins von den Kindern) lauf mal schnell und

sag' der Liese, daß sie noch einen Teller mehr auf den Tisch stellt!«

[Illustration]

Alles stürzte nun der Thüre zu, denn ein Fremder zeigt sich hier nicht

alle Jahre, und wenn mal einer kommt, interessiert man sich für ihn

sogar noch mehr, als für das gelbe Fieber! Tom war inzwischen vom

Wagen gesprungen und befand sich schon halbwegs der Thüre zu, während

der Wagen wieder der Stadt entgegenrasselte. Wir drückten uns in der

Thüröffnung zusammen wie eine Herde Schafe, und eins suchte immer

das andre zu verdrängen. Tom hatte seine besten Kleider an und ein

Auditorium _vor_ sich, und da fühlte er sich allemal ganz mächtig.

Auch jetzt trug er sich mit der ganzen großen Würde, über die er

verfügte. Er schlich sich nicht linkisch und verschämt heran, nein,

stolz und aufrecht schritt er einher, wie ein Calcutta-Hahn. Bei uns

angelangt, lüftet er anmutig und zierlich seinen Hut, als wäre es der

Deckel einer Schachtel, in der ein seltener Schmetterling säße, und

fragt:

»Herrn Archibald Nichols habe ich wohl die Ehre vor mir zu sehen?«

»Nein, mein Junge,« erwidert der alte Herr, »der bin ich nicht, das

thut mir leid. Der Kutscher muß sich wohl geirrt haben, Nichols Farm

ist noch etwa drei Meilen weiter. Aber nur herein, nur herein!«

Tom blickte über die Schulter zurück nach dem Wagen, der eben dem Auge

entschwand, und sagt:

»Das ist nun zu spät -- den hol' ich nicht mehr ein!«

»Ja, der ist fort, mein Sohn, und du mußt nun eben bei uns vorlieb

nehmen. Nach dem Essen spann' ich dann an und fahr' dich zu Nichols

hinüber.«

»Ach, das kann ich aber doch kaum annehmen, mein Herr, ich kann Ihnen

unmöglich diese Mühe machen. Könnte ich denn nicht gehen? Ich bin gut

zu Fuß und drei Meilen sind keine so entsetzliche Entfernung!«

»Wir aber _lassen_ dich nicht gehen! Das wäre mir eine schöne

Gastfreundschaft. Wir im Süden halten da was drauf! Nur immer herein!«

»O, bitte,« sagte nun auch Tante Sally, »es ist uns gar keine Mühe,

nur Freude. Du _mußt_ bleiben! Wir _können_ dich den langen, staubigen

Weg nicht machen lassen. Als ich den Wagen kommen sah, habe ich gleich

in der Küche gesagt, daß man einen Teller mehr hinstellt, es ist also

alles in Ordnung. Bitte also hereinzukommen und sich's bequem zu

machen!«

Tom ließ sich erbitten, dankte den guten Leuten sehr höflich und schön

und trat ein. Als er im Zimmer war, sagte er mit einer Verbeugung,

er komme von Hicksville in Ohio, sein Name sei William Thompson, zum

Schluß dienerte er nochmals.

Man setzte sich zusammen und er erzählte über Hicksville, über

die Leute dort, über sich, seine Reise; der Mund stand ihm keinen

Augenblick still und der Stoff schien ihm nur so zuzuströmen. Denk'

ich bei mir, das ist alles recht gut und schön, wie es mir aber aus

der Patsche helfen soll, begreif' ich doch nicht recht. Da plötzlich,

mitten im Reden, beugt er sich vor und küßt Tante Sally, neben der er

saß, herzhaft, so recht saftig auf den Mund, lehnt sich dann behaglich

in seinen Stuhl zurück, als ob nichts geschehen sei, und schwatzt

weiter. Entrüstet springt die gute Frau auf, wischt sich mit dem Rücken

der Hand ein paarmal kräftig über den Mund und fährt Tom an:

»Er unverschämter, junger Flegel!«

Der sieht beleidigt aus und sagt nur:

»Ich bin wahrhaftig ganz erstaunt, liebe Frau!«

»Du -- erstaunt? Da hört denn doch alles auf! Ei, was soll man dazu

sagen? Ich hätte gute Lust, einen Stock zu nehmen und -- doch, wie

kommst du dazu, mich zu küssen? Heraus damit, ich will's wissen! Was

hast du dir dabei gedacht?«

Ganz demütig erwiderte er:

»Gedacht? gar nichts! Ich dachte nichts Schlimmes, ich -- ich dachte,

es wäre Ihnen angenehm!«

»Na, -- jetzt aber, verrückter Bursche, wart'!« Sie griff nach einem

Spazierstock ihres Mannes und es sah beinahe so aus, als wolle der

Stock durchaus auf Toms Rücken tanzen und sie könne ihn nur mit Mühe

zurückhalten. »Was hat dich denn auf den tollen Gedanken gebracht, es

könne mir angenehm sein?«

»Ich -- ich weiß nicht. Man -- man hatte mir so gesagt!«

»Man hatte dir so gesagt? Wer dir das gesagt hat, ist auch ein Narr wie

du, ein Tollhäusler, ein -- ein -- wer ist denn dieser ›man‹?«

»Ach, jedermann! Alle haben das gesagt!«

Sie konnte kaum mehr an sich halten, ihre Augen sprühten Funken und

ihre Finger krümmten sich, als wolle sie ihm die Augen auskratzen. Ganz

heiser stößt sie heraus:

»Wer sind ›alle‹? Heraus mit den Namen, oder ich werde noch verrückt!«

Tom sprang auf und schien sehr bekümmert. Halb weinend stotterte er:

»Das thut mir leid, aber das hätt' ich nicht erwartet! Sie haben mir's

aufgetragen, alle! Alle sagten: gieb ihr einen herzhaften Kuß, das wird

sie freuen, wird ihr angenehm sein. Alle sagten das -- jeder einzelne!

Aber jetzt thut mir's leid, gute Frau, daß ich's gethan, gewiß und

wahrhaftig, und ich will's nie -- nie wieder thun!«

»Nie wieder thun? -- Nun, das will ich doch meinen!«

»Nein, gewiß und wahrhaftig, nie wieder -- bis ich drum gebeten werde!

bis _Ihr_ mich drum bittet!«

»Bis _ich_ dich drum _bitte_? -- Hat man je so etwas gehört? Junger

Mensch, ich sag' dir, du kannst so alt werden wie ein Methusalem, ehe

ich dich oder deinesgleichen um so etwas bitte!«

Tom schüttelt zweifelnd den Kopf und sagt vor sich hin:

»Mich wundert's, wundert's grenzenlos, ich kann gar nicht klug draus

werden! Sie haben mir's doch alle gesagt und ich hab's auch selbst

gedacht! Aber --« er hielt ein und sah sich langsam nach allen

Gesichtern um, als wolle er irgendwo eine Zustimmung entdecken. Am Auge

des alten Mannes blieb sein Blick hängen und er fragte nun diesen:

»Haben auch Sie nicht gedacht, es wäre ihr lieb, wenn ich sie küßte?«

»Ich -- ich? Nein -- der Gedanke ist mir wirklich nicht gekommen!«

Tom forscht nun weiter in den Gesichtern, und bei mir angekommen, fragt

er:

»Und du, Tom, hast du nicht auch geglaubt, Tante Sally werde die Arme

öffnen und rufen: ›_Sid Sawyer_‹ --«

»Herr des Himmels!« schreit diese und fährt auf ihn zu, »du

Taugenichts, du Schlingel du! -- So seine arme, alte Tante anzuführen,

wart'!«

Sie will ihn an sich ziehen, er aber wehrt sie ab:

»Halt! erst wenn du mich drum bittest, Tante Sally,« neckte er.

Und sie verliert keine Zeit und bittet und umarmt und küßt ihn wieder

und wieder, und dann liefert sie ihn dem alten Manne aus und der nimmt

auch sein Teil. Dann, als die guten Leutchen wieder ruhig geworden,

sagt sie:

»Ei, du lieber Himmel, nein, diese Überraschung! Wir haben nur Tom

erwartet! Tante Polly schrieb nie von dir, Sid, nur immer von Tom. Wie

kam denn nur alles so?«

»Ja, es war auch immer nur vom Tom die Rede. Da habe ich aber gebettelt

und gefleht bis zur letzten Minute, ich wolle mit, und endlich bekam

ich's auch erlaubt. Auf dem Boot nun haben wir ausgemacht -- Tom und

ich -- es würde ein Kapitalspaß sein, wenn er erst allein käme und ich

hintennach als Fremder ins Haus fiele und euch überraschte. Darin haben

wir uns aber verrechnet, Tantchen; denn für Fremde ist der Ort nicht

geschaffen.«

»Nein, nicht für unverschämte Flegel, Sid. Ich sollte dir jetzt noch

die Ohren zausen! So geärgert habe ich mich in meinem ganzen Leben noch

nicht, wie vorhin! Aber was liegt daran! Ich will mich gerne ärgern,

wenn ich nur euch beiden Bengels bei mir habe -- dafür kann ich tausend

solcher Scherze vertragen. Na -- es war ja die reine Komödie! Ich muß

sagen, ich war wie versteinert, als ich den Schmatz abkriegte!«

Die Mahlzeit wurde draußen im breiten offenen Gang zwischen dem Hause

und der Küche aufgetragen und es stand soviel auf dem Tisch, daß es

für sieben Familien gereicht hätte -- und alles schön heiß, kein solch

elendes Zeug von Fleisch, das zuerst drei Tage im dumpfen Keller

gelegen hat und dann wie der Schenkel eines alten gerösteten Kannibalen

schmeckt. Onkel Silas sprach ein kräftiges Gebet drüber; das Essen

war's auch wahrhaftig wert, es wurde nicht einmal kalt davon, wie ich's

schon so manchmal bei dieser Art von Aufenthalt erlebt habe.

Nach dem Essen wurde immerzu geschwatzt und erzählt und Tom und ich

waren immer auf der Hut, um uns nicht zu verplappern. Von einem

durchgebrannten Nigger aber war nie die Rede, soviel wir auch

aufpaßten, und wir selbst scheuten uns, davon zu beginnen.

Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn · 第 15 / 22 段