Mary Jane führte uns hinauf und zeigte allen die Zimmer, die einfach

und nett waren. Sie wollte ihre Kleider und andere Sachen aus dem

Zimmer räumen, falls sie Onkel Harry im Wege wären, aber er sagte,

dies sei nicht der Fall. Die Kleider hingen längs der Wand, von einem

Kalikovorhang bedeckt, der auf den Boden reichte. Ein alter haariger

Koffer stand in einer Ecke, ein Guitarrenkasten in der anderen, und

allerlei Kleinigkeiten und Zieraten, womit junge Mädchen ihre Zimmer

schmücken, lagen und hingen umher. Der König sagte, es sei so viel

hübscher und heimischer und sie solle nur nichts verändern.

Am Abend hatten sie ein großes Essen, und viele Männer und Frauen

waren dabei. Ich stand hinter den Stühlen des Königs und des Herzogs

und wartete den beiden auf; die andern wurden von den Negern bedient.

Mary Jane saß oben am Tisch, mit Susan neben sich, und sagte, wie

schlecht die Semmeln geraten wären, und wie die eingemachten Früchte

auch nicht ganz nach Wunsch seien, und wie zäh die gebratenen Hühner

seien, -- wie Frauen es gewöhnlich thun, um Komplimente zu fischen. Die

Anwesenden wußten wohl, wie ausgezeichnet gut alles war und wunderten

sich und sagten: »Wie fangen Sie es nur an, daß Sie die Semmeln so

schön gebräunt bekommen?« und »wo haben Sie diese herrlichen Früchte

her?« und ähnliches Gerede, wie es bei dergleichen Gelegenheiten

vorkommt.

Als alles vorbei war, soupierten ich und die ›Hasenlippe‹ in der Küche

von dem, was übrig war, während die andern den Negern aufräumen halfen.

Sobald ich allein war, fing ich an, über die Sache nachzudenken. Ich

sagte zu mir: Soll ich heimlich zum Doktor gehen und diese Betrüger

entlarven? Nein -- das geht nicht. Er könnte verraten, wer's ihm

gesagt, und dann würden König und Herzog mir die Hölle heiß machen.

Soll ich insgeheim zu Mary Jane gehen und es ihr sagen? Nein -- das

wag' ich nicht. Ihr Gesicht, ein Blick könnte es ihnen verraten;

sie haben das Geld und könnten damit entwischen. Und wenn sie Hilfe

herbeiholte, würde ich leicht hineinverwickelt werden. Nein, der

einzige passende Ausweg ist: Ich muß das Geld irgendwie stehlen, und

zwar so, daß sie keinen Verdacht auf mich haben. Ich will es stehlen

und verstecken, und nach einiger Zeit, wenn ich weit stromab bin, Mary

Jane in einem Briefe verraten, wo es versteckt ist. Aber ich muß das

heut' nacht thun, wenn möglich, denn der Doktor hält sich vielleicht

nicht so still, wie's jetzt scheint, und das könnte die beiden zur

schnellen Flucht veranlassen.

Ich hielt es für das beste, die Zimmer gleich zu durchsuchen. Oben

war's dunkel, doch fand ich des Herzogs Zimmer und fing an, mit den

Händen herumzufühlen. Da fiel mir jedoch ein, daß es dem König nicht

ähnlich sähe, das Geld einem andern anzuvertrauen; so ging ich denn

in sein Zimmer und begann herumzutasten. Doch bald fand ich, daß ohne

Licht nichts auszurichten sei; allein ich wagte nicht, eins anzuzünden.

Auf einmal hörte ich Schritte und wollte schnell unters Bett kriechen.

Ich berührte den Vorhang, der Mary Janes Kleider bedeckte; dahinter

sprang ich und versteckte mich zwischen den Gewändern.

Sie kamen herein und schlossen die Thüre. Das erste, was der Herzog

that, war, daß er unters Bett guckte! Dann setzten sie sich und der

König sprach:

»Nun, was ist's? mach's kurz, denn es ist besser, wenn wir da unten

mitheulen und trauern, statt hier oben zu bleiben und Gelegenheit zu

geben, daß man über uns rede.«

»Dauphin, so höre denn! Mir ist nicht ganz wohl; ich habe keine Ruhe.

Der Doktor liegt mir im Kopf. Was hast du für einen Plan? Ich habe eine

Idee, und ich glaube eine gute.«

»Heraus damit, Herzog!« --

»Daß wir uns vor drei Uhr morgens hier aus dem Staube machen und

stromab gleiten mit dem, was wir haben. Ich bin dafür, uns zu begnügen

und zu verschwinden.«

»Was! nicht den Rest der Erbschaft hier zu verkaufen? Abzumarschieren

wie ein paar Narren und Eigentum im Wert von acht- bis neuntausend

Dollars zurückzulassen, das mit Schmerzen darauf wartet, eingesackt zu

werden? -- und noch dazu alles gut verkäufliches Zeug!«

Der Herzog murrte und meinte, der Sack Geld wäre genug, er wolle nicht

noch weiter gehen -- wolle nicht die drei Waisen um alles, was sie

hätten, berauben.

»Was du für Zeug redest!« rief der König. »Denen rauben wir nichts,

als bloß dies Geld. Die Leute, die das Eigentum kaufen, sind die

Verlierenden; denn sobald sich's zeigt, daß es uns nicht gehörte -- was

nicht lange dauern wird, nachdem wir entwischt sind -- ist der Verkauf

ungültig, und das Eigentum fällt an die Erben zurück. Diese Waisen hier

erhalten das Haus zurück, und das ist genug für sie; sie sind jung und

tüchtig und können sich leicht ihr Brot verdienen. Denen wird's nicht

schlecht gehen. Denk' doch nur, es giebt Tausende und Tausende, die es

lange nicht so gut haben. Die hier können sich doch wahrhaftig über

nichts beklagen.«

Der König schwatzte drauf los, bis endlich der Herzog nachgab; doch

blieb er dabei, daß es eine große Thorheit sei, um so mehr, als der

Doktor mit Entlarvung drohe. Der König entgegnete:

»Doktor oder Teufel! was scheren wir uns um die? Haben wir nicht alle

Thoren der Stadt auf unserer Seite? Und ist das nicht genug Majorität?«

Sie wollten eben hinuntergehen, als der Herzog sagte:

»Ich glaube nicht, daß wir das Geld an einen guten Ort gethan haben.«

Ich horchte jetzt hoch auf, denn ich hatte schon gefürchtet, daß ich

keinen Wink bekommen würde. Da fragte der König:

»Warum?«

»Weil Mary Jane von nun an in Trauer gehen wird; der erste Befehl, den

die Negerin, die dies Zimmer aufräumt, erhält, wird sein: all diese

Kleider fortzuschaffen, und meinst du, solch schwarzes Gesindel könne

Geld finden, ohne etwas davon beiseite zu schaffen?«

»Hast wieder einmal recht, Herzog,« rief der König; und er kam und

krabbelte unter dem Vorhang herum, nur zwei bis drei Fuß von der

Stelle, wo ich stand. Ich drückte mich fest an die Wand und hielt

still, obgleich ich zitterte. Ich dachte, was wohl die Kerls thun

würden, wenn sie mich hier fänden, und versuchte zu überlegen, was ich

thun könnte, wenn sie mich entdeckten. Aber der König hatte bereits

den Sack und argwöhnte nicht, daß ich da war. Nun steckten sie ihn in

den Strohsack, der unterm Federbett lag, und schoben ihn tüchtig ins

Stroh hinein und sagten, da sei er gut aufgehoben, denn die Schwarzen

pufften ja nur das Federbett auf und wendeten den Strohsack nicht öfter

als höchstens zweimal im Jahr. Bevor die beiden die Treppe halb hinab

waren, hatte ich den Geldsack hervorgezogen. Ich kletterte in meinen

Verschlag und versteckte ihn einstweilen dort. Ich nahm mir aber vor,

ihn draußen irgendwo zu verbergen, denn wenn sie ihn vermißten, würden

sie ja das ganze Haus durchstöbern. Das wußte ich wohl. Dann legte ich

mich in meinen Kleidern auf mein Lager; doch konnte ich nicht schlafen,

selbst wenn ich's gewollt hätte, denn es ließ mir keine Ruhe, meine

Arbeit zu beenden. Bald hörte ich König und Herzog kommen, da stand ich

flink auf und lauschte, den Kopf an der Leiter, ob was passieren würde.

Aber es ereignete sich nichts.

Ich wartete nun lange, bis alles im Hause ganz ruhig war und schlüpfte

dann die Leiter hinab.

Zuerst kroch ich an ihre Thüren und horchte; alles schnarchte.

So schlich ich denn auf den Zehen fort und kam glücklich unten an.

Nirgends war ein Laut zu hören.

Ich guckte durch eine Spalte der Speisezimmerthür und sah, daß die

Männer, welche die Leichenwacht hielten, alle auf ihren Stühlen

eingeschlafen waren. Die Thür, die zu dem Salon führte, wo der Tote

lag, stand offen, und eine Kerze brannte in jedem Zimmer. Ich ging auf

dem Vorplatz weiter und fand die andere Salonthür ebenfalls geöffnet.

Ein Blick überzeugte mich, daß außer Peters Leiche niemand drin war.

Ich ging vorüber, fand aber die Hausthür verschlossen, und der

Schlüssel steckte nicht. In diesem Augenblick hörte ich jemand hinter

mir die Treppe herabkommen. Ich sprang in den Salon, sah mich rasch um,

und der einzige Platz, wo ich das Säckchen verbergen konnte, war der

Sarg. Der Deckel war etwas abgeschoben, so daß das Gesicht des Toten

sichtbar war. Ich steckte das Säckchen flink unter den Deckel, gerade

unterhalb der gekreuzten Hände des Toten, bei deren Berührung mich

schauderte. Dann huschte ich flink hinter die Thür.

Es war Mary Jane. Sie ging leise zum Sarg, sah hinein und kniete

nieder; dann führte sie ihr Schnupftuch an die Augen und ich sah,

daß sie weinte, obwohl ich's nicht hören konnte und ihr Rücken

mir zugewendet war. Ich entwischte. Am Speisezimmer vorübergehend

versicherte ich mich erst, daß die Wächter mich nicht gesehen hatten,

indem ich wieder durch die Spalten guckte. Alles war in Ordnung, sie

hatten mich nicht bemerkt.

Ich schlüpfte jetzt hinauf zu Bette und fühlte mich sehr

niedergeschlagen, weil die Sache, nachdem ich mir so viel Mühe gegeben

und so viel Gefahr gelaufen war, so mißlich stand. Ich sagte mir,

wenn der Sack nur bliebe, wo er ist, so wär' schon alles gut; denn

sobald wir ein- bis zweihundert Meilen stromab wären, könnte ich Mary

schreiben und sie könnte den Sarg wieder ausgraben lassen; so wird's

aber schwerlich kommen, denn vor dem Zuschrauben des Deckels werden sie

das Geld finden. Dann kriegt es der König wieder, und man wird es ihm

nicht wieder fortschmuggeln. Gern wär' ich hinuntergegangen, um den

Sack herauszunehmen -- doch wagte ich's nicht.

Als ich des Morgens hinunterkam, war das Gastzimmer verschlossen und

die Wächter waren fortgegangen. Niemand war im Hause als die Familie,

Witwe Bartley und unsere Bande. Ich beobachtete ihre Gesichter, um zu

sehen, ob sie etwas gemerkt hätten, konnte aber nichts wahrnehmen.

Gegen Mittag kam der Leichenbestatter mit seinen Leuten. Sie setzten

den Sarg in die Mitte des Zimmers auf zwei Stühle, stellten die andern

Stühle in zwei Reihen auf, wozu sie von den Nachbarn einige borgten,

sodaß Vorplatz, Salon und Speisezimmer damit voll waren. Ich sah, daß

der Sargdeckel wie zuvor lag, doch wagte ich nicht, so lange Menschen

da waren, ihn aufzuheben.

Allmählich versammelte sich das Volk. Die falschen Onkel und die

Mädchen nahmen die Sitze zu Häupten des Sarges ein, und vor Ablauf

einer halben Stunde waren die Geladenen gekommen und hatten Platz

genommen. Alles war still und feierlich, nur daß die Mädchen und die

zwei Betrüger, gebeugten Hauptes und ihre Taschentücher vor den Augen,

dann und wann schluchzten.

Sie hatten eine Zimmerorgel geborgt, die ziemlich schadhaft war. Als

alles bereit war, setzte sich ein junges Frauenzimmer davor und fing

an, daran zu arbeiten. Es klang ziemlich kreischend und verstimmt.

Dann fiel die Gemeinde mit Gesang ein. Hierauf erhob sich Pastor

Hobson langsam und feierlich und begann zu reden. Plötzlich brach der

furchtbarste Lärm im Keller los, den man sich denken konnte! Es war

nur ein Hund, aber er machte einen Heidenlärm und wollte gar nicht

enden. Der Pfarrer mußte aufhören zu predigen. Es war sehr störend,

und niemand wußte sich zu helfen. Bald jedoch machte der langbeinige

Leichenbestatter dem Pfarrer ein Zeichen, als wollte er sagen: ich

werde schon helfen. Dann ging er hinaus, während das Gebell und der

Lärm immer ärger wurden. Bald darauf hörten wir einen tüchtigen Krach,

der Hund stieß ein schauerliches Geheul aus, dann ward alles totenstill

und der Pfarrer fuhr in seiner Predigt fort, wo er aufgehört hatte.

Nach einer Weile erschien der Leichenbestatter wieder, schlich leise

an der Wand entlang, bis er angesichts des Pfarrers war, und rief

mit heiserem Tone zu ihm hinüber, indem er den Hals vorstreckte und

die Hand über den Mund hielt: »Er hatte eine Ratte!« Diese Auskunft

verbreitete unter den Anwesenden sichtlich Befriedigung.

Die Predigt war zweifellos sehr gut, aber heillos lang und ermüdend,

und zum Ueberfluß mußte der König noch etwas von seinem Senf dazuthun.

Endlich war auch dies überstanden, und der Leichenbestatter näherte

sich mit einem Schraubenzieher dem Sarge. Mir wurde ganz heiß dabei.

Aber er hob den Deckel nicht, schob ihn nur zurecht und schraubte ihn

fest. Wissen konnte ich freilich nicht, ob das Geld noch drin war oder

nicht. Wie, wenn jemand den Sack insgeheim herausgenommen hatte? Wie

sollte ich jetzt wissen, ob ich Mary Jane schreiben mußte oder nicht?

Angenommen, sie gräbt den Sarg aus und findet nichts -- was würde sie

von mir denken? Sie könnten mich vielleicht verfolgen und einsperren;

lieber schreibe ich nicht.

Sie begruben ihn, wir kamen heim, und ich beobachtete wieder die

Gesichter -- ich konnte nicht anders, ich hatte keine Ruhe. Es kam aber

nichts dabei heraus; die Gesichter sagten mir nichts.

Der König machte am Abend Besuche, war gegen jedermann sehr

liebenswürdig und wurde dadurch noch beliebter. Er deutete an, daß

seine Gemeinde in England ihn nicht lange entbehren könne, und er

sich darum mit der Ordnung der Hinterlassenschaft beeilen müsse, um

bald heimreisen zu können. Er bedauerte, daß er solche Eile habe, und

den andern that es auch leid; sie wünschten, er hätte länger bleiben

können, doch sahen sie wohl ein, daß das nicht anging. Auch sagte er,

daß natürlich er und William die Mädchen mit sich heimnehmen würden;

das freute alle, denn die Mädchen würden bei ihren eigenen Verwandten

gut aufgehoben sein. Den Mädchen gefiel es auch und freute sie so sehr,

daß sie ihren Kummer ganz vergaßen. Sie baten den König, so schnell

als möglich alles zu verkaufen. Die armen Dinger waren so froh und

glücklich; mir that das Herz weh, sie so bethört und belogen zu sehen,

aber ich konnte nicht helfen.

In der That ließ der König sofort das Haus, die Neger und alles

Eigentum zur Versteigerung anzeigen; doch konnte auch vorher jedermann

aus freier Hand kaufen, was er wünschte.

[Illustration]

Einundzwanzigstes Kapitel.

Totaler Ausverkauf. -- Entdeckter Verlust. -- Mary Jane

entschließt sich zum Fortgehen. -- Huck nimmt Abschied von ihr.

-- Mumms.

Schon am Tage nach dem Begräbnis bekam die Freude der Mädchen den

ersten Stoß. Gegen Mittag erschienen nämlich zwei Sklavenhändler, und

der König verkaufte die Neger zu passablen Preisen gegen in drei Tagen

fällige Wechsel, wie sie es nannten. Ich dachte, den armen Mädchen und

den Negern würde vor Jammer das Herz brechen. Ich glaube, ich wäre mit

der Wahrheit herausgeplatzt und hätte die Kerls entlarvt, wenn ich

nicht gewußt hätte, daß der Verkauf ungültig sei und die Neger in ein

bis zwei Wochen wieder zurück sein würden.

Dieser Verkauf machte viel Gerede in der Stadt. Es schadete den

Betrügern etwas; aber der König blieb hartnäckig dabei, trotz aller

Einwendungen des Herzogs, der sich ernstlich unbehaglich fühlte.

Der nächste Tag war Auktionstag. Es war schon hell am Morgen, als König

und Herzog zu mir auf den Boden kamen und mich weckten. Ich konnte in

ihren Gesichtern lesen, daß was los sei. Der König redete mich an:

»Warst du vorgestern abend in meinem Zimmer?«

»Nein, Majestät« -- so nannte ich ihn immer, wenn niemand außer unserer

Bande dabei war.

»Warst du gestern oder letzte Nacht drin?«

»Nein, Majestät.«

»Auf Ehre? -- keine Lügen jetzt!«

»Auf Ehre, Majestät; ich sage Ihnen die Wahrheit. Ich bin nicht in

Ihrem Zimmer gewesen, seit Fräulein Mary Sie und den Herzog hinführte,

um es Ihnen zu zeigen.«

Der Herzog fragte:

»Hast du sonst jemand hineingehen sehen?«

»Nein, Ihro Gnaden, nicht daß ich mich zu erinnern wüßte.«

»Denk' etwas nach.«

»Doch, ja, ich habe die Neger mehreremal hineingehen sehen.«

»Wann war das?«

»Es war am Begräbnistage, am Morgen. Ich war nicht früh auf, denn ich

hatte mich verschlafen. Ich kam gerade die Leiter herab, als ich sie

sah.«

»Ja, ja, nur weiter, nur weiter. Was thaten sie? Wie benahmen sie sich?«

»Sie thaten nichts, und es fiel mir auch nichts Besonderes an ihnen

auf. Sie schlichen auf den Zehen davon; allein ich dachte, sie seien

in Ihro Gnaden Zimmer gegangen, um aufzuräumen oder dergleichen, in

der Meinung, Sie wären schon auf; da sie aber merkten, daß Sie noch

schliefen, würden sie nun leise davonschleichen, um Sie nicht zu

wecken.«

»Alle Wetter, das ist 'ne Bescherung!« rief der König; -- sie sahen

einander verdutzt und ziemlich dumm an. Eine Minute lang standen sie

da, grübelnd und sich hinter den Ohren kratzend, dann brach der Herzog

in ein heiseres Gelächter aus und sagte:

»Es übersteigt alles, wie gut diese Neger ihre Rolle gespielt haben.

Sie thaten so jämmerlich, weil sie aus dieser Gegend fort müßten! Und

ich glaubte, sie fühlten sich wirklich elend, und du glaubtest es auch,

und alle andern. Mir soll kein Mensch je wieder behaupten, daß Neger

kein histrionisches Talent besitzen. In denen steckt ein Vermögen.

Hätte ich die Mittel und ein Theater, so wäre mein erstes: die müßten

mir her. Und wir haben sie verschleudert, hergegeben für einen Wisch,

einen Wechsel! Sag' mal, wo ist er eigentlich, der Wisch?«

»Zum Einkassieren auf der Bank. Wo soll er sonst sein?«

»Nun, dann ist es, gottlob, in Ordnung.«

[Illustration]

Jetzt sagte ich in etwas ängstlichem Tone:

»Ist irgend etwas schief gegangen?«

Der König wandte sich scharf gegen mich und fuhr mich an:

»Geht dich nichts an! Halt deinen Mund und kümmere dich um deine

eigenen Angelegenheiten -- wenn du welche hast. Vergiß das nicht,

solange du in dieser Stadt bist -- verstanden?«

Als der König mit mir fertig war, sagte der Herzog höhnisch:

»Schnelle Verkäufe mit kleinem Gewinn! -- ist ja das wahre

Geschäftsprinzip -- was?«

Der König schnarrte zurück: »Ich hab's gerade recht gut machen wollen,

als ich die Kerls so rasch verkaufte. Wenn der Gewinn gleich Null oder

gar ›~minus~‹ ist, so ist's mein Fehler nicht mehr als deiner.«

»Nun, _sie_ wären noch in diesem Hause, und _wir_ wären fort, wenn mein

Rat befolgt worden wäre.«

Der König gab darauf wieder hinaus, dann fuhr er mich an und machte

mich arg herunter, weil ich ihm nicht auf der Stelle gesagt hätte, daß

die Neger aus seinem Zimmer gekommen und sich so eigen benommen hätten;

jeder Narr hätte wissen können, daß dahinter was stecke. Dann fluchte

er zur Abwechslung auf sich selbst und sagte, das käme davon, wenn man

früh aufstehe, anstatt sich seine Ruhe zu gönnen, er wolle verdammt

sein, wenn er's je wieder thäte. So gingen sie grollend und zankend ab.

Mittlerweile war's Zeit zum Aufstehen geworden; so stieg ich denn die

Leiter hinab und wandte mich zur Treppe. Als ich am Zimmer der Mädchen

vorbeikam, stand die Thür offen und ich sah Mary Jane neben ihrem

alten haarigen Koffer sitzen, der offen war und in den sie eben Sachen

gepackt hatte, um sich zur Reise nach England zu rüsten. Doch jetzt

hielt sie inne -- mit einem gefalteten Kleid auf dem Schoß -- bedeckte

ihr Gesicht mit den Händen und weinte. Es that mir leid, sie so traurig

zu sehen, ich trat daher ins Zimmer und sagte:

»Fräulein Mary Jane, was fehlt Ihnen?«

So sagte sie mir's denn. Es war wegen der Neger; der Verkauf derselben

hätte ihr alle Freude an der Reise nach England verdorben. Sie könne

nie wieder glücklich sein, wenn sie daran denke, daß Mutter und Kinder

von einander getrennt würden und daß sie sich nie, nie wiedersehen

würden.

»Aber sie werden's doch -- eh' zwei Wochen um sind -- ich weiß es

gewiß!« sagte ich.

Da war's heraus, bevor ich mich's versah! -- und im nächsten Augenblick

schlang sie ihre Arme um meinen Hals und rief: »Wär's möglich? Bitte

sag's noch einmal!«

Ich hatte zuviel gesagt und fühlte mich etwas verlegen. Ich bat sie,

mir eine Minute Zeit zum Besinnen zu lassen. Sie setzte sich wieder

und war ganz voll Erwartung und Aufregung; dabei sah sie jedoch so

glücklich und beruhigt aus, wie jemand, der sich eben hat einen Zahn

ausziehen lassen. Ich überlegte mir's und sprach zu mir selbst: Ein

Mensch, der sich aufrafft und die Wahrheit sagt, wenn er in die

Enge getrieben wird, läuft manche Gefahr -- zwar kann ich nicht aus

Erfahrung sprechen und weiß es nicht gewiß, aber es will mir so

scheinen. Nun ist hier aber ein Fall, wo es mir entschieden vorkommt,

als ob die Wahrheit besser und sogar sicherer wäre als eine Lüge. Ich

will's also wagen und diesmal die Wahrheit sagen, obwohl für mich viel

auf dem Spiel steht und es mir dabei zu Mute ist, wie einem, der sich

mit der brennenden Pfeife auf ein Faß Schießpulver setzt. -- Dann sagte

ich:

»Fräulein Mary Jane, wissen Sie irgend einen Platz etwas außerhalb der

Stadt, wo Sie hingehen und drei bis vier Tage zubringen könnten?«

»Ja -- bei Lothrops. Warum?«

»Lassen wir das ›warum‹. Wenn ich Ihnen sage, woher ich weiß, daß die

Neger einander wiedersehen werden -- innerhalb zwei Wochen -- hier in

diesem Hause -- und beweise, woher ich's weiß -- wollen Sie dann zu

Lothrops gehen und vier Tage dort bleiben?«

»Vier Tage!« rief sie, »ein Jahr, wenn es sein muß!«

»Gut,« sagte ich, »von Ihnen will ich nichts mehr als Ihr Wort -- mir

ist das sicherer, als wenn ein anderer auf die Bibel schwört.« Sie

lächelte und errötete lieblich -- ich fuhr fort: »Wenn Sie nichts

dagegen haben, will ich die Thür schließen -- und verriegeln.«

Dann kam ich zurück, setzte mich nieder und begann:

»Nun bitte ich, nicht aufzuschreien. Sitzen Sie hübsch still und hören

Sie mich an wie ein Mann. Ich muß die Wahrheit reden, und Sie müssen

sich fassen, Fräulein Mary, denn sie ist schlimmer Art und schwer zu

ertragen, aber es geht einmal nicht anders. Diese Onkel sind gar nicht

Ihre Onkel; sie sind ein paar Betrüger, erbärmliche Landstreicher. --

So, über's Schlimmste sind wir nun weg -- den Rest werden Sie ziemlich

leicht ertragen.«

Natürlich griff sie dieser Anfang tüchtig an; doch ich war jetzt

über das Gröbste weg und konnte nun leichter fortfahren. Ihre Augen

leuchteten mehr und mehr, als ich ihr alles erzählte, von dem

Augenblick an, wo wir den jungen Burschen trafen, der zum Dampfboot

wollte, -- alles haarklein -- bis zu dem Moment, wo sie sich bei der

Hausthür dem König an die Brust warf und ihn sechzehn- oder siebzehnmal

küßte. Da sprang sie auf -- ihr Gesicht glühte wie die untergehende

Sonne -- und rief:

»Der Schändliche! -- Komm, verlier' keine Minute, keine Sekunde -- die

sollen geteert und gefedert und in den Fluß geworfen werden!«

Ich entgegnete:

»Versteht sich. Aber doch nicht, bevor Sie zu Lothrops gehen, oder --«

»O!« rief sie, »was fällt mir nur ein!« und setzte sich wieder. »Wo

habe ich meine Gedanken? Du bist mir doch nicht böse, nicht wahr?« --

und dabei legte sie ihre Sammethand auf meine, daß ich meinte, ich

müßte vergehen. »Meine Aufregung war auch zu groß,« sagte sie, »sei

jetzt so gut und fahre fort, ich werde mich nun zusammennehmen. Sag'

mir nur, was ich thun soll, es soll genau befolgt werden!«

»Wahrhaftig,« sprach ich, »es ist eine schlimme Bande, diese zwei

Gauner, und ich bin leider darauf angewiesen, daß ich mit ihnen noch

eine Weile reisen muß, ob ich will oder nicht -- den Grund sage ich

Ihnen lieber nicht. Allerdings, wenn Sie die Kerls anzeigten, würde

diese Stadt mich schon aus ihren Klauen reißen, und ich wäre sicher;

es ist aber noch ein anderer Mensch, von dem Sie nichts wissen, dem es

dann schlecht gehen könnte. Den müssen wir doch retten, nicht wahr?

Natürlich, so wollen wir denn das Pärchen noch nicht anzeigen.«

Wie ich das sagte kam mir ein guter Gedanke. Am Ende gelang es doch,

mich und Jim von den Gaunern loszumachen und sie hier ins Gefängnis zu

bringen. Doch da ich das Floß nicht bei Tage treiben lassen wollte, so

durfte mein Plan nicht vor Abend zur Ausführung kommen. Ich sagte:

»Fräulein Mary Jane, ich will Ihnen sagen, was wir thun -- dann werden

Sie auch bei Lothrops nicht so lange zu bleiben brauchen. Wie weit

ist's bis dorthin?«

»Eine gute Stunde -- landeinwärts.«

»Das genügt. Gehen Sie jetzt hin, bleiben Sie ruhig dort bis neun oder

halb zehn Uhr abends, und dann lassen Sie sich wieder heimbringen; Sie

können ja sagen, Sie hätten etwas vergessen. Wenn Sie vor elf hier

sind, stellen Sie ein Licht ans Fenster, und warten auf mich bis elf

Uhr; sollte ich bis dahin nicht erscheinen, so denken Sie, daß ich fort

bin und in Sicherheit. Dann kommen Sie heraus, enthüllen alles und

lassen die Gauner ins Gefängnis stecken.«

»Gut,« sprach sie, »das will ich thun.«

»Sollte es aber passieren, daß ich nicht fortkomme, sondern mit den

beiden ergriffen werde, dann müssen Sie den Leuten sagen, daß Sie

alles durch mich erfahren haben, und müssen mir beistehen, so viel Sie

können.«

»Dir beistehen? gewiß will ich das. Sie sollen kein Haar auf deinem

Haupte krümmen.«

Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn · 第 12 / 22 段