»Nein, mein Name ist Blodgett -- Alexander Blodgett -- Hochwürden

Alexander Blodgett -- ein Diener des Herrn. Indessen thut es mir doch

aufrichtig leid, daß Herr Wilks nicht zur rechten Zeit eingetroffen

ist, wenn er dadurch etwas versäumt hat, was ich nicht hoffen will.«

»Nun, die Erbschaft geht ihm nicht verloren, die bekommt er sicher;

aber seinen Bruder Peter wird er nun nicht mehr am Leben finden --

für den Fall, daß ihm daran gelegen war, was ich nicht wissen kann.

Soviel aber weiß ich gewiß, daß sein Bruder sehr viel darum gegeben

hätte, _ihn_ vor seinem Ende noch einmal zu sehen; er sprach von nichts

anderem die letzten drei Wochen; seit der Knabenzeit hatten sie sich

nicht wieder gesehen. Seinen jüngsten Bruder William -- 's ist der

Taubstumme, und jetzt erst Dreißig bis Fünfunddreißig alt -- hat er

überhaupt nie gesehen. Peter und George waren die einzigen hierzulande;

George war verheiratet, aber er und seine Frau starben beide letztes

Jahr. Harry und William sind von den Brüdern allein noch übrig, und sie

sind nun leider nicht zur rechten Zeit eingetroffen.«

»Hat man ihnen denn geschrieben?«

»O ja -- vor ein bis zwei Monaten, als Peter erkrankte; denn er ahnte

schon damals, daß es diesmal mit ihm zu Ende gehen würde. Wissen Sie,

er war ziemlich alt und Georges Töchter waren zu jung, um ihm viel

Gesellschaft zu leisten, außer Mary Jane, der rothaarigen. So fühlte

er sich recht einsam, nachdem George und seine Frau gestorben waren,

und es lag ihm nichts mehr am Leben. Er sehnte sich schrecklich danach,

Harry vor seinem Ende zu sehen -- und auch den William, denn er war

einer von denen, die ungern ein Testament machen. So hinterließ er nur

einen Brief für Harry, in welchem er sagte, wo sein Geld versteckt

sei und daß er den Rest seiner Habe so verteilt wünsche, daß Georges

Mädchen ein Auskommen hätten -- denn ihr Vater George hatte nichts

hinterlassen. Zu einem richtigen Testament konnte man Peter Wilks nicht

bringen; dieser Brief ist alles.«

»Was, meinst du, mag der Grund sein, daß Harry nicht kommt? Wo wohnt

er?«

»O, er wohnt in England -- in Sheffield -- predigt dort; er ist nie in

diesem Land gewesen. Er mag wenig übrige Zeit haben -- und vielleicht

hat er gar nicht einmal den Brief erhalten.«

»Es ist recht traurig, daß Herr Wilks nicht mehr erleben durfte, seinen

Bruder zu sehen, arme Seele! -- Du sagst, du gehst nach Orleans?«

»Ja, aber das ist nur ein Teil der Reise, von dort gehe ich in einem

Segelschiff nach Rio de Janeiro, wo mein Onkel wohnt.«

»Das ist eine lange Reise, muß aber recht schön sein; ich wollte, ich

könnte sie mitmachen. Ist Mary Jane die älteste? Wie alt sind die

andern?«

»Mary Jane ist neunzehn, Susan fünfzehn und Johanna etwa vierzehn --

das ist die Wohlthätige und hat eine Hasenlippe.«

»Die armen Dinger! Nun müssen sie so allein in der kalten Welt bleiben!«

»Nun, sie könnten schlimmer dran sein. Der alte Peter hatte gute

Freunde und die werden schon dafür sorgen, daß ihnen kein Leid

geschieht. Da ist Hobson, der Baptisten-Prediger, und Vorsteher Lot

Hovey, und Ben Rucker, und Abner Shackleford, und Levi Bell, der

Advokat, und ~Dr.~ Robinson und deren Frauen und die Witwe Bartley,

und -- nun ja, eine ganze Menge; aber mit den Genannten war Peter am

intimsten, er schrieb auch zuweilen von ihnen an seinen Bruder, den

Pfarrer, und wenn dieser noch kommt, wird er wissen, an wen er sich zu

wenden hat.«

Der Alte fragte und fragte, bis er den Jungen förmlich ausgepumpt

hatte. Verdammt, wenn er sich nicht über jeden und alles in dem ganzen

Städtchen erkundigte, über alle Wilkse, über Peters Beruf -- der ein

Gerber gewesen, über Georges -- der ein Schreiner gewesen, über Harry

-- der, wie wir schon gehört, ein Geistlicher ist, und dergleichen

mehr. Dann sagte er:

»Warum wolltest du denn den ganzen Weg bis zum Dampfboot hinaufgehen?«

»Weil das ein großes Orleans-Boot ist und dort vielleicht nicht

gehalten hätte. Wenn schwergeladen, halten sie selbst auf ein Signal

nicht immer an. Ein Cincinnati-Boot thut es, aber dies ist ein St.

Louis-Boot.«

»War Peter Wilks wohlhabend?«

»O ja, ziemlich wohlhabend. Er hatte Häuser und Land, und man glaubt,

daß er drei- bis viertausend Dollars in Bargeld irgendwo versteckt

hielt.«

»Wann sagtest du, daß er gestorben sei?«

»Ich sagte es nicht, aber es war letzte Nacht.«

»Begräbnis wohl morgen?«

»Ja, gegen Mittag.«

»Ach, das ist recht, recht traurig; aber einmal müssen wir alle

sterben, der eine früher, der andere später. Drum sollten wir danach

trachten, stets zur letzten Reise vorbereitet zu sein. Dann ist alles

gut.«

»Ja, Herr, das ist am besten. -- Mutter hat's auch immer gesagt.«

Als wir das Dampfboot erreichten, war es mit Frachteinladen fertig und

stieß bald ab. Der König gebot mir aber, noch eine Meile weiter zu

rudern an einen einsamen Ort. Dann stieg er ans Land und sagte:

»Jetzt rasch zurück und bring mir den Herzog mit und die neuen

Reisetaschen. Sollte er ans andere Ufer gegangen sein, so geh' hin und

hol' ihn. Sag' ihm, er soll sich so fein als möglich machen.«

Ich merkte, was er im Schilde führte, sagte aber natürlich kein Wort.

Als ich mit dem Herzog zurückkam versteckten wir das Kanoe, und sie

setzten sich auf einen Holzblock. Der König erzählte ihm alles, gerade

wie's der Bursche erzählt hatte, nichts ließ er aus. Und die ganze Zeit

bemühte er sich, wie ein echter Engländer zu sprechen, und that's auch

ganz gut für solch einen Kerl. Dann frug er:

»Kannst du die Taubstummenrolle spielen, Sommerfett?«

»Und ob!« rief der Herzog, »hab's auf den histrionischen Brettern

gethan.« Sie warteten jetzt nur noch auf ein Dampfschiff.

Während des Nachmittags sahen wir zwei kleine Dampfer, aber sie kamen

nicht von weit her; endlich kam ein großes Dampfboot, und wir riefen

es an. Ein Kahn wurde uns zugeschickt, und wir gingen an Bord. Das

Dampfboot kam von Cincinnati. Als der Kapitän hörte, daß wir nur vier

bis fünf Meilen mitreisen wollten, wurde er sehr ärgerlich, fluchte und

sagte, er würde uns dort nicht ans Land setzen. Der König blieb aber

ruhig und sagte:

»Wenn Herren im stande sind, einen Dollar per Meile ~à~ Person zu

bezahlen, um in einem Kahn geholt und abgesetzt zu werden, so ist wohl

auch ein Dampfboot im stande, sie mitzunehmen, nicht wahr!«

Das besänftigte den Kapitän -- er war's zufrieden und wir wurden bei

der Ankunft am Städtchen wieder mit dem Kahn ans Land gesetzt. Etwa

zwei Dutzend Männer kamen herbei, als sie den Kahn kommen sahen, und

als der König sagte: ›Kann irgend einer der Herren mir sagen, wo Herr

Peter Wilks wohnt?‹ da blickten sie einander an und nickten sich zu,

als wollten sie sagen: ›Siehst du, was hab' ich dir gesagt?‹ Dann

sprach einer mit weicher Stimme:

»Es thut mir leid, Herr, aber wir können nicht mehr thun, als Sie an

die Stelle zu führen, wo er gestern abend noch lebte.«

Plötzlich schien unsern Alten alle Kraft zu verlassen, er fiel gegen

den Mann, sank mit seinem Kinn auf dessen Schulter, und weinte ihm

seine Thränen den Rücken hinunter.

»Ach, ach,« stöhnte er, »unser armer Bruder -- dahin, und wir durften

ihn nicht wiedersehen; o, das ist zu, zu hart!«

Dann wandte er sich um -- immer noch schluchzend -- und machte allerlei

unsinnige Zeichen, und da ließ auch der Herzog die Reisetasche fallen

und brach in Thränen aus. Sie waren das niedergeschlagenste Paar, diese

zwei Betrüger, das ich je gesehen habe.

Die Männer umgaben und bemitleideten sie und sagten allerlei

freundliche Worte, trugen ihre Reisetaschen den Hügel hinauf und

blieben stehen, wenn König und Herzog vor Schluchzen nicht mehr weiter

konnten. Sie erzählten dem König alles über seines Bruders letzte

Minuten, und der König wiederholte alles mit seinen Händen dem Herzog.

In zwei Minuten wußte es die ganze Stadt, und das Volk kam

herbeigerannt von allen Ecken und Enden. Bald waren wir von einer

großen Menge umringt, die uns folgte. Fenster und Thüren standen voll

Menschen und alle Augenblicke hörte man jemand über den Zaun rufen:

»Sind sie's?«

»Freilich, darauf könnt ihr wetten!« lautete gewöhnlich die Antwort aus

der mitlaufenden Menge.

Als wir zum Hause kamen, war die Straße gedrängt voll Menschen, und

die drei Mädchen standen in der Thüre. Mary Jane war rothaarig, das

schadete ihr aber nichts, denn sie war sonst so hübsch, und ihr Gesicht

und ihre Augen waren wie verklärt -- sie freute sich so, daß ihre Onkel

gekommen waren. Der König breitete die Arme aus und Mary sprang hinein

und die ›Hasenlippe‹ sprang zum Herzog -- und so hatten sie sich. Fast

alle, wenigstens die Frauen, weinten vor Freude über dies Wiedersehn

und die Freude der Beteiligten.

Dann gab der König dem Herzog einen geheimen Wink, -- ich sah es --

schaute sich um und erblickte den Sarg in einer Ecke auf zwei Stühlen;

dann legten die beiden je einen Arm einander auf die Schultern,

bedeckten mit der andern Hand die Augen und schritten langsam und

feierlich hinüber -- alle machten ihnen Platz, Gespräch und Geräusch

hörten auf, und einige riefen ›Sch!‹ Alle Männer nahmen die Hüte ab

und senkten ihre Köpfe -- man hätte in dieser feierlichen Stille eine

Stecknadel fallen hören können. Am Sarge angelangt, beugten sich die

beiden darüber, warfen einen Blick hinein und fingen dann an so laut zu

jammern, daß man sie fast in Orleans hätte hören können. Dann umarmten

sie einander und jeder hing sein Kinn über des andern Schulter, und

drei, vielleicht auch vier Minuten lang ließen ihre Augen Wasser

fließen, wie ich's nie von zwei Männern gesehen habe. Und die andern

machten es ihnen nach. Dann knieten sie auf den entgegengesetzten

Seiten des Sarges nieder, legten ihre Köpfe darauf und thaten, als ob

sie im stillen beteten. Dies alles machte einen mächtigen Eindruck

auf die Versammlung, und alles sah sich von dem Schmerz der beiden

hingerissen und schluchzte laut -- die drei armen Mädchen auch, und

fast jede Frau ging zu den Mädchen, ohne ein Wort zu sagen, küßte sie

feierlich auf die Stirn, legte ihnen die Hand auf den Kopf, sah gen

Himmel mit thränenvollen Augen, brach in lautes Schluchzen aus und

trat dann, sich die Augen wischend, beiseite, um der nächsten dieselbe

Gelegenheit zu geben.

Darauf trat der König etwas vorwärts und fing an, eine Rede

hervorzuschluchzen, voller Thränen und Beteuerungen, was für eine

schwere Prüfung für ihn und seinen armen Bruder der Verlust des

Dahingeschiedenen sei, besonders da sie ihn nach der langen Reise

von viertausend Meilen nicht mehr lebend finden konnten. Aber es sei

eine Prüfung, versüßt und geheiligt durch dies schöne Mitgefühl, diese

heiligen Thränen, und so danke er allen Anwesenden aus seinem und

seines Bruders Herzen, denn mit ihrem Munde könnten sie es nicht, da

Worte zu schwach und kalt wären. Und so jammervoll gings weiter, bis es

einen anekeln konnte. Dann gröhlte er ein ›Amen‹ heraus, und das Heulen

ging wieder los.

Kaum hatte er ausgeredet, so intonierte einer der Anwesenden das ›Ehre

sei Gott in der Höhe‹ und alle fielen kräftig mit ein; das wärmte einem

ordentlich das Herz. Musik ist doch ein herrliches Ding; zumal nach

einer solchen Rührscene, wo alles so weich wie geschmolzene Butter

wurde, wirkte der kernige und ehrliche Gesang ordentlich auffrischend.

Dann setzte der König wieder seine Kinnlade in Bewegung und sagte, wie

sehr er und seine Nichten sich freuen würden, wenn einige der nächsten

Freunde der Familie zum Abendessen bleiben und nachher mit bei dem

Leichnam des Verstorbenen wachen wollten. »Ja,« sagte er, »wenn unser

armer Bruder, der jetzt dort liegt, reden könnte, so weiß ich, wen

er nennen würde; die Namen, die ihm so lieb waren und die er oft in

seinen Briefen nannte, waren folgende: Pastor Hobson und Vorsteher Lot

Hovey und Herr Ben Rucker und Abner Shackleford und Levi Bell und ~Dr.~

Robinson und deren Frauen und Witwe Bartley.«

Pfarrer Hobson und ~Dr.~ Robinson waren am andern Ende der Stadt

zusammen auf der Jagd; das heißt, ich meine, der Doktor expedierte

einen Kranken ins Jenseits und der Pfarrer wies ihm den rechten Weg.

Advokat Bell war in Geschäften nach Louisville gereist. Aber die

übrigen waren bei der Hand und so kamen sie denn alle und schüttelten

dem König die Hände und dankten ihm. Dann reichten sie auch dem Herzog

die Hände und sagten nichts, aber sie lächelten ihn freundlich

kopfnickend an, während er mit den Händen allerlei Zeichen machte und

die ganze Zeit ›Gu--gu--gu--gu--gu‹ schluchzte wie ein Säugling, der

noch kein Wort sprechen kann.

Der König plapperte in einem fort und fragte fast nach jedermann

im ganzen Städtchen, nannte viele bei Namen, berührte allerlei

Kleinigkeiten, die sich im Städtchen und besonders in Georges Familie

und an Peter selbst ereignet hatten, und dabei that er, als ob ihm

Peter alles geschrieben hätte. Dieser freche Lügner! Ich brauche

nicht zu wiederholen, daß er all das Zeug aus dem jungen Burschen

herausgepumpt, den wir im Kanoe aufs Dampfboot expediert hatten.

Nun brachte Mary Jane den Brief, den ihr Onkel zurückgelassen hatte,

und der König las ihn vor und weinte darüber. Der Verstorbene vermachte

sein Wohnhaus und dreitausend Dollars Gold den Mädchen, und schenkte

die Gerberei, die ein gutes Geschäft war, nebst andern Gebäulichkeiten

und Land, alles im Wert von etwa siebentausend Dollars, dazu noch

dreitausend Dollars in Gold, Harry und William. Er bezeichnete auch, wo

die sechstausend Dollars im Keller versteckt seien. Drauf sagten die

zwei Betrüger, sie wollten gleich gehen und es herauf bringen, damit

es in bester Ordnung besorgt würde, und geboten mir, mit einem Lichte

mitzukommen. Sie schlossen die Kellerthür hinter sich ab und als sie

den Sack fanden, schütteten sie ihn auf die Diele aus -- es war ein

herrlicher Anblick, all die Goldstücke. O, wie leuchteten da des Königs

Augen! Er klopfte dem Herzog auf die Schulter und rief:

»Gelt, diesmal hat's aber eingeschlagen! wer hätte so viel erwartet!

Kerl, das geht über's ›~non plus ultra~!‹«

Der Herzog stimmte bei. Sie prüften die Goldstücke und ließen sie durch

die Finger gleiten und auf der Diele klingen. Der König sprach:

»Das steht fest: Brüder eines reichen Toten und Vertreter ausländischer

Erben zu sein, die zurückgeblieben sind, ist jetzt der richtige Beruf

für dich und mich, Sommerfett!«

[Illustration]

Jeder andere wäre zufrieden gewesen mit einem solchen Haufen Gold;

aber nein, sie mußten ihn zählen. Sie thatens und es fehlten

vierhundertfünfzehn Dollars. Der König sagte:

»Verdammt! was hat er mit den vierhundertfünfzehn Dollars gemacht?«

Sie grübelten eine Zeit lang und suchten überall herum. Dann meinte der

Herzog:

»Er war ja ein recht kranker Mann und hat wohl einen Irrtum begangen

-- das wird's wohl sein. Ich meine, es wird am besten sein, wir lassen

die Sache auf sich beruhen und sagen nichts davon. Wir können das schon

ablassen.«

»Ach, davon ist ja keine Rede, -- ich denke an etwas anderes. Wir

müssen sehr vorsichtig und genau in dieser Sache sein. Wir müssen das

Geld hinaufnehmen und in Gegenwart der Anwesenden zählen, damit ja kein

Verdacht geschöpft werden kann. Wenn nun der tote Mann da sagt, es sind

sechstausend Dollars, dürfen wir nicht --«

»Halt!« rief der Herzog, »wir wollen das Fehlende dazuthun« -- und er

langte eine Handvoll Goldfüchse aus seiner Tasche heraus.

»Das ist eine famose Idee, Herzog -- du hast einen aufgeweckten Kopf

auf deinen Schultern,« rief der König. »Da hilft uns die ›~non plus

ultra~‹-Einnahme gut aus« -- und auch er langte nun Goldstücke aus

seiner Tasche und stellte sie in gezählten Häufchen auf.

Es erschöpfte fast ihre ganze Barschaft, aber es machte die

Sechstausend-Summe voll.

»Hör' mal,« rief nun der Herzog, »ich hab' noch eine andere Idee. Laß

uns hinaufgehen, das Geld vorzählen und dann alles mit einander den

Mädchen geben.«

»Herzog! Herzog! laß dich umarmen! das ist der brillanteste Gedanke,

den ein Mensch haben kann. Du bist das erfinderischste Gehirn, das sich

denken läßt. O, das ist grandios, wahrhaftig. Jetzt soll noch jemand

mit Zweifel oder Argwohn kommen, wenn er will -- dies überzeugt alle.«

Als wir hinaufkamen, sammelten sich alle um den Tisch. Der König zählte

und stellte die Goldstücke auf, dreihundert in jedem Häufchen --

zwanzig elegante kleine Türmchen. Jedermann sah hungrig und mundwässrig

darauf hin. Dann wurde alles wieder in den Sack gethan und ich sah, wie

der König schon wieder zu einer Rede Atem schöpfte. Er sprach:

»Liebe Freunde! Mein armer Bruder, der dort drüben liegt, hat

hochherzig an uns gehandelt, die wir hier im Jammerthal zurückgeblieben

sind; hochherzig an diesen armen lieben Lämmern, die er geliebt und

bewacht hat und die, vater- und mutterlos, auch ihn jetzt entbehren

müssen. Ja und wir, die ihn kannten, wissen, daß er noch mehr für sie

gethan hätte, wenn er nicht fürchtete, dadurch seinen teuren William

und mich zu schädigen. Oder glaubt ihr nicht? Ich zweifle nicht im

mindesten daran. Nun, schlechte Brüder wären es, die zu solcher Zeit

an sich selbst dächten, und schlechte Onkel, die zu solcher Zeit

diese armen süßen Lämmer, die er so liebte, berauben könnten -- ja --

berauben, sag' ich. Wenn ich William recht kenne -- und ich glaube,

ich kenne ihn -- würde er -- nun, ich will ihn gleich fragen.« Er

wandte sich und begann mit dem Herzog allerlei Zeichen auszutauschen,

und der Herzog sah ihn erst eine Zeit lang dumm und dämlich an, dann,

als ob ihm plötzlich etwas einleuchtete, sprang er auf den König zu,

vor Freude laut gu--gu--end, und umarmte ihn wohl fünfzehnmal hinter

einander. Dann sprach der König: »Wußt ich's doch. Dies wird wohl alle

überzeugen, wie _er_ darüber denkt. -- Hier Mary Jane, Susan, Johanna,

nehmt das Geld -- nehmt das Ganze. Es ist ein Geschenk von ihm, der

dort liegt, kalt aber selig.«

Dann sprang Mary Jane zu ihm, Susan und die ›Hasenlippe‹ zum Herzog;

solch Umarmen, Ansherzdrücken und Küssen habe ich niemals gesehen.

Alle drängten sich herbei, mit Thränen in den Augen, und die meisten

schüttelten den zwei Betrügern die Hände mit Redensarten wie: »Ihr

lieben, guten Seelen! -- wie lieb! -- wie konntet ihr das?!«

Dann sprachen sie alle über den Verstorbenen, wie gut er gewesen, was

für ein großer Verlust durch seinen Tod entstanden und dergleichen

mehr. Bald drängte sich ein großer Kerl zur Thüre herein, der

Kinnbacken wie aus Eisen hatte. Er stand, hörte und sah zu und sagte

nichts, und es redete auch niemand mit ihm, denn der König sprach und

alle hörten ihm zu. Der König sagte, indem er in seiner Rede fortfuhr:

-- »Das waren die intimsten Freunde des Verstorbenen, darum sind sie

für diesen Abend eingeladen; aber morgen, hoffen wir, werden alle

kommen -- wir erwarten jeden, denn er ehrte jeden und hatte jeden gern,

und darum gehört sich's, daß seine Begräbnis-Orgien recht öffentlich

stattfinden.«

Und so ging's fort, denn er hörte sich gern reden. Gelegentlich brachte

er immer wieder die Begräbnis-Orgien mit hinein, bis es dem Herzog zu

viel wurde und er auf ein Stück Papier schrieb: ›_Obsequien_ du alter

Esel,‹ es zusammenfaltete und es gu--gu--end dem König über die Köpfe

der andern hinüberreichte. Der König las es, steckte es in die Tasche

und sagte:

»Armer William, obwohl tief gebeugt, ist sein Herz doch stets auf dem

rechten Fleck. Er wünschte, daß ich jeden bitte, zum Begräbnis zu

kommen -- sagt, ich solle alle willkommen heißen. Aber er hätte sich

darum nicht zu kümmern brauchen, denn ich war ja gerade dabei.«

Dann fuhr er in größter Seelenruhe fort zu salbadern und brachte wieder

seine Begräbnis-Orgien hinein, und nachdem er es zum drittenmal gethan

hatte, rief er:

»Ich sage Orgien, nicht weil es das gewöhnliche Wort ist, das ist's

nicht -- das ist Obsequien -- sondern weil Orgien der richtige

Ausdruck ist. Obsequien wird in England nicht mehr gebraucht, das ist

veraltet. In England sagen wir jetzt Orgien. Orgien ist besser, denn es

bezeichnet genauer, was man dabei meint. Das Wort ist zusammengesetzt

aus dem griechischen ›orgo‹, draußen, außerhalb, im Freien; und dem

hebräischen ›giene‹, pflanzen, mit Erde bedecken, also beerdigen. So

könnt ihr also sehen, daß Begräbnis-Orgien eine offene oder öffentliche

Beerdigung bedeutet.«

Es war der frechste Mensch, der mir je vorgekommen ist. Der Mann mit

dem eisen-ähnlichen Kiefer lachte ihm geradezu ins Gesicht. Das

wunderte alle und sie riefen: »Aber Doktor!« und Abner Shackleford

sagte: »Aber Robinson, hast du die Neuigkeit nicht gehört? Dies ist

Harry Wilks.«

Der König lächelte lauernd, hielt seine Tatze heraus und sprach:

»Ist es meines armen Bruders lieber guter Freund und Arzt? Ich --«

»Laß deine Hände von mir!« rief der Doktor. »Du -- und sprechen wie ein

Engländer? du? Es ist die erbärmlichste Nachäffung, die ich je gehört.

Du Peter Wilks Bruder? Du bist ein _Betrüger_! Nun weißt du, was du

bist!«

Ach, wie alle entsetzt waren! Sie drängten sich um den Doktor und

suchten ihn zu beruhigen, ihm auseinanderzusetzen, wie Harry auf

allerlei Weise gezeigt habe, daß er Harry sei, wie er jeden Namen

kannte und sogar die der Hunde, und baten und beschworen ihn, Harry

nicht zu nahe zu treten und das Zartgefühl der Mädchen zu schonen u. s.

w. Aber es war umsonst, er brauste auf und meinte, jemand, der sich für

einen Engländer ausgebe und Englands ›Lingo‹[8] nicht besser nachmachen

könnte, als der da, sei ein Betrüger und Lügner. Die armen Mädchen

hingen sich an den König und weinten. Plötzlich wandte sich der Doktor

zu ihnen und sagte:

[8] Aussprache.

»Ich war eures Vaters Freund und bin euer Freund, und ich beschwöre

euch als Freund, als ein ehrlicher Freund, der euch zu beschützen

und Kummer und Unglück von euch abzuwenden sucht, diesem Gauner den

Rücken zu kehren, nichts mit ihm zu thun zu haben, diesem unwissenden

Landstreicher mit seinem idiotischen Griechisch und Hebräisch, wie er

es nennt. Er ist ein fadenscheiniger Betrüger -- kommt her mit einer

Masse leerer Namen, die er sich irgendwo zusammengesucht hat, und

ihr nehmt sie für Beweise, und eure betrogenen Freunde hier helfen

euch, euch selbst zu betrügen -- _die_ sollten doch gescheiter sein.

Mary Jane Wilks, du kennst mich als deinen Freund, und als einen

uneigennützigen Freund. Laß dir raten und diesen erbärmlichen Gauner

hinauswerfen. Ich bitte dich, thu' es. Willst du?«

[Illustration]

Mary Jane erhob sich stolz in ihrer ganzen Größe -- o, wie war sie

schön! -- und sagte:

»Hier ist meine Antwort.« Sie hob den Sack Geld auf und legte ihn in

des Königs Hände mit den Worten: »Nimm diese sechstausend Dollars und

lege das Geld für mich und meine Schwestern an, wie du es für gut

hältst, wir brauchen keinen Empfangschein darüber.«

Dann umschlang sie den König mit ihrem Arm von einer Seite, und Susan

und die ›Hasenlippe‹ thaten dasselbe von der andern Seite. Alles

klatschte mit den Händen und trommelte stürmisch mit den Füßen auf die

Diele, während der König seinen Kopf hoch hielt und stolz lächelte. Der

Doktor rief:

»Wohl denn, ich wasche meine Hände in Unschuld. Aber ich sage euch

allen, daß die Zeit kommen wird, wo es euch übel zu Mute werden wird.«

»Um so besser, Doktor,« rief der König höhnisch, »dann werden sie euch

wohl rufen lassen müssen« -- das machte alle lachen und sie sagten, das

sei ein guter Witz.

[Illustration]

Zwanzigstes Kapitel.

Huck bringt das Geld beiseite. -- Seltsames Versteck. --

Trauerfeierlichkeiten. -- Zur Erde bestattet.

Als nun alle fortgegangen waren, fragte der König Mary Jane, ob

sie auch Raum im Hause übrig hätte. Sie antwortete, sie habe ein

Fremdenzimmer, das wohl Onkel William benützen könnte; ihr eigenes

Zimmer, das etwas größer sei, würde sie gern ihm überlassen, sie selbst

könne ja im Zimmer der Schwester auf einem Feldbett schlafen; oben auf

dem Boden sei auch ein kleiner Verschlag mit einer Pritsche darin. Der

König meinte, der Verschlag sei gerade recht für seinen Diener, --

womit er mich meinte.

Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn · 第 11 / 22 段