Der Prediger bat ihn, zum Volke zu reden, und er that es mit einer
gewaltigen Stimme. Er sagte ihnen, er sei ein Pirat, wäre seit dreißig
Jahren einer gewesen, fern im indischen Ozean. Seine Mannschaft sei
im Frühling bei einem Kampfe sehr zusammengeschmolzen und er sei
heimgekommen, um Rekruten zu sammeln; doch -- dem Himmel sei Dank!
-- letzte Nacht sei er beraubt und ohne einen Cent vom Dampfboot ans
Land gesetzt worden; er freue sich aber darüber, etwas Besseres hätte
ihm gar nicht widerfahren können, denn er sei dadurch zu einem anderen
Menschen geworden, und zum erstenmal in seinem Leben fühle er sich
glücklich. Arm wie er sei, wolle er sich jetzt zurück zum indischen
Ozean durchschlagen und den Rest seines Lebens dazu verwenden, die
Piraten auf den wahren Weg zu führen; er könne es besser als irgend ein
anderer, da er mit allen Piratenmannschaften jenes Ozeans bekannt sei.
Wohl würde er lange Zeit brauchen, ohne Geld dorthin zu kommen, aber
hin komme er sicher, und jedesmal, wenn er einen Piraten bekehrt hätte,
würde er ihm sagen: ›Mir danke nicht, mir gebührt die Ehre nicht; nein,
wohl aber den guten Menschen der Pokville-Buß-Versammlung, den wahren
Brüdern und Wohlthätern der Menschheit -- und dem teuren Prediger dort,
dem treuesten Freunde, den ein Pirat je hatte!‹
Hier brach der König in Thränen aus, und ebenso alle anderen. Dann rief
einer: ›Sammelt für ihn!‹ Ein halbes Dutzend sprangen auf und schickten
sich dazu an, aber jemand rief: ›Laßt ihn selbst den Hut herumreichen!‹
Alle riefen es nach, der Prediger auch.
So schritt der König durch die Massen, indem er den Hut herumreichte
und sich die Augen wischte, das Volk segnend und preisend und ihm
dankend, weil es mit den Piraten in der Ferne es so gut meinte; und
sie luden ihn ein, eine Woche zu bleiben; jeder wollte sich's zur Ehre
anrechnen, ihn in seinem Hause zu beherbergen. Doch er sagte, da dies
der letzte Tag der Versammlung sei, hätte er hier nichts mehr zu thun
und er habe Eile, zum indischen Ozean zurückzukehren, um schnell an
seine Arbeit bei den Piraten zu gehen.
Als er wieder auf dem Floß ankam und das Geld zählte, fand er, daß er
siebenundachtzig Dollars und fünfundsiebenzig Cents gesammelt hatte.
Außerdem hatte er einen Dreigallonenkrug Branntwein erwischt, den er
unter einem Wagen sah, als wir durch den Wald zurückgingen. Da sagte
der König, daß er im Missionsgeschäft kaum jemals einen besseren
Tag gehabt habe, als heute. »Heiden,« rief er, »sind doch nichts im
Vergleich mit Piraten, wenn's gilt, aus einer Bußversammlung Kapital zu
schlagen.«
Indessen war der Herzog auch nicht faul gewesen und freute sich schon
im stillen, erzählen zu können, was er eingeheimst. Als aber der König
kam und loslegte, da fühlte er sich doch etwas klein. In der Druckerei
hatte er zuerst zwei kleine Aufträge für ein paar Farmer ausgeführt
-- Rechnungsformulare -- und dafür vier Dollars eingesteckt. Dann
hatte er für zehn Dollars Zeitungs-Anzeigen angenommen, was er gegen
augenblickliche Vorausbezahlung um vier Dollars that. Der Preis der
Zeitung war zwei Dollars pro Jahr, doch hatte er drei Abonnements,
jedes zu einem halben Dollar, verkauft, unter der Bedingung
augenblicklicher Vorausbezahlung. Sie wollten in Brennholz und Zwiebeln
bezahlen, aber er sagte ihnen, er hätte das Geschäft eben erstanden
und die Preise so niedrig als möglich herabgesetzt, um auf Barzahlung
bestehen zu können. Außerdem hatte er ein Gedichtchen in Typen gesetzt;
das hatte er aus seinem eigenen Kopfe gemacht -- drei Verse -- zart
und melancholisch -- es hieß: ›Ja, kalte Welt, erdrück' dies brechend'
Herz‹ u. s. w. -- das hatte er fix und fertig dagelassen zum Druck in
der nächsten Nummer der Zeitung und nichts dafür gerechnet. So hatte er
denn im ganzen neun und einen halben Dollar eingenommen und meinte, er
hätte eine gute Tages-Arbeit dafür geleistet.
Dann zeigte er uns noch eine kleine Arbeit, die er besorgt, doch nicht
berechnet habe, denn sie sei für uns. Es war das Bild eines entlaufenen
Negers, der einen Bündel auf einem Stock über der Schulter trug, und
darunter stand geschrieben: ›200 Dollars Belohnung.‹ Das übrige auf
dem Zettel gab eine genaue Beschreibung von Jim und besagte, derselbe
sei von der St. Jakobs-Plantage vierzig Meilen unterhalb New Orleans
letzten Winter -- wahrscheinlich nordwärts -- entlaufen, und wer ihn
fange und wiederbringe, würde die Belohnung und die Unkosten bezahlt
erhalten.
»Von jetzt an,« sagte der Herzog, »können wir auch am Tage drauflos
fahren. Wenn wir jemand kommen sehen, binden wir Jims Hände und Füße,
legen ihn ins Zelt, verweisen auf die Anzeige, sagen, wir haben ihn
gefangen, seien zu arm, mit dem Dampfboot zu fahren, haben von Freunden
dies Floß auf Kredit gekauft und wollen uns jetzt unsere Belohnung
holen. Handschellen und Ketten würden sich zwar noch besser ausnehmen,
das stimmt aber nicht recht mit unserer Armutsgeschichte. Stricke sind
das rechte. Wir müssen die ›Einheiten‹ wahren, wie wir auf den Brettern
sagen.«
Wir stimmten alle darin überein, daß der Herzog ein findiger Kopf sei
und das Reisen bei Tage uns jetzt keine Ungelegenheit mehr bringen
würde. Wir hofften diese Nacht noch weit genug zu kommen, um aus
dem Bereich des Skandals zu sein, den des Herzogs Arbeit in der
Druckerei jenes Städtchens verursachen würde -- im übrigen konnten wir
unbehelligt reisen.
Wir blieben versteckt und hielten uns still und wagten uns nicht hinaus
bis etwa zehn Uhr; dann glitten wir ziemlich entfernt vom Stadtufer
dahin und hißten unsere Laterne erst auf, als das Städtchen schon
längst außer Sicht war.
Als Jim mich weckte, um die Wacht um vier Uhr morgens zu übernehmen,
sagte er:
»Huck, du denken, wir noch mehr Könige werden treffen auf Reise?«
»Glaub's nicht, Jim,« entgegnete ich.
»Nun, das gut sein, ein oder zwei Jim wollen haben ganz gern, wenn
müssen, aber das sein auch genug. Sein ganz mächtig betrunken unser
König -- un Herzog nix viel weniger!« --
[Illustration]
Achtzehntes Kapitel.
Shakespeares Wiederaufleben. -- Das Kgl. ~Non plus ultra~. --
Aus der Schlinge gezogen.
Die Sonne war längst aufgegangen, als der König und der Herzog
hervorkrochen. Sie sahen recht verschlafen aus; aber nachdem sie über
Bord gesprungen waren und etwas geschwommen hatten wurden sie bedeutend
frischer. Nach dem Frühstück setzte sich der König auf eine Ecke des
Floßes, zog die Stiefel aus, rollte die Hosen auf, ließ die Beine
bequem ins Wasser hängen, zündete die Pfeife an und begann seinen Teil
in ›Romeo und Julie‹ auswendig zu lernen. Als er es ziemlich gut inne
hatte übten er und der Herzog zusammen. Der Herzog ließ ihn seufzen
und die Hand aufs Herz legen; nach einiger Zeit sagte er, es ginge
ziemlich gut; »nur,« meinte er, »mußt du ›Romeo‹ nicht so herausbrüllen
wie ein Stier -- du mußt's liebeskrank, sanft und schmelzend sprechen:
--R--o--o--meo! denn Julie ist ein liebes süßes Mädchen, fast ein Kind,
weißt du, und schreit nicht wie ein Esel.«
[Illustration]
Nun holten sie ein paar lange Schwerter hervor, die der Herzog, der
Richard III. vorstellte, aus Eichenstöcken gemacht hatte, und übten
ihr Schwertgefecht. Es war wirklich großartig anzusehen, wie sie drauf
los hieben und umhersprangen. Nach einiger Zeit glitt der König aus
und fiel über Bord; -- danach rasteten sie und plauderten von allen
möglichen Abenteuern, die sie früher längs des Stromes erlebt hatten.
Sobald sich eine Gelegenheit bot, ließ der Herzog einige Anschlagzettel
drucken. Auf dem Floß aber ging es in den darauffolgenden Tagen,
während wir stromab trieben, sehr lebhaft zu; es gab nichts als
Schwertgefechte und Generalproben -- wie der Herzog es nannte. Eines
Morgens, als wir schon ziemlich weit drunten im Staate Arkansas waren,
sahen wir ein kleines Städtchen in einer großen Bucht. Wir legten etwa
dreiviertel Meile oberhalb an, in der Mündung eines Baches, der, von
Cypressen überragt, wie ein Tunnel aussah; und wir alle, außer Jim,
nahmen das Kanoe und fuhren hinunter, um zu sehen, was für Gelegenheit
in dem Städtchen für unsere Vorstellung wäre.
Wir trafen es glücklich; am Nachmittag sollte dort ein
Kunstreiter-Zirkus Vorstellung geben, und das Landvolk fing schon
an, in allerlei alten Rumpelkasten von Wagen und auch zu Pferde
herbeizuströmen. Die Kunstreiter wollten vor Abend noch weiterreisen
und so war für unsere Vorstellung gute Gelegenheit. Der Herzog mietete
die Rathaushalle und wir gingen umher und klebten unsere Zettel an. Die
lauteten so:
Shakespeares Auferstehung!!!
Wunderbare Attraktion!!
_Nur für einen Abend!_
_Die weltberühmten Tragöden_
=David Garrick= der Jüngere vom Drury-Gasse-Theater London
und
=Edmund Kean= der Aeltere vom königlichen Heumarkt-Theater,
Piccadilly-London
wie auch der Königlichen Kontinental-Theater -- in ihrem erhabenen
Schau-Stück:
Die Balkon-Scene
aus
Romeo und Julie!!!
_Romeo_ Herr Garrick.
_Julie_ Herr Kean.
_Unterstützt von allen Kräften der Gesellschaft!_
Neue Kostüme, neue Dekorationen, alles neu!
Ferner:
Der erschütternde, meisterhafte, bluterstarrende Schwertkampf
aus Richard III.!!!
_Richard III._ Herr Garrick.
_Richmond_ Herr Kean.
Ferner:
(auf besonderen Wunsch)
Hamlets unsterblicher Monolog!
Gegeben von dem berühmten _Kean_,
der ihn an 300 aufeinander folgenden Abenden in Paris
gespielt hat!
Nur einen Abend,
wegen unversäumbarer europäischer Engagements!
☛ Eintritt 25 Cents; Kinder und Dienstboten 10 Cents.
Dann trieben wir uns etwas im Städtchen umher. Die Häuser waren
meistens alte hölzerne Rumpelkasten, die nie einen Anstrich gehabt
hatten; sie ruhten drei bis vier Fuß über der Erde auf Pfählen, damit
sie vor dem Strom geschützt waren, wenn der austrat.
Die Kaufläden befanden sich alle an einer Straße. Vor denselben
waren weiße Segeltuchdächer über die Seitenwege gespannt, und an die
Pfosten, welche diese Dächer stützten, band das Landvolk die Pferde.
Unter diesen Zeltdächern standen leere Kisten, auf denen sich den
Tag über Faulenzer räkelten, und die mit ihren großen Messern daran
herumschnitzten. Es war ein tabakkauendes, gähnendes, faulenzendes und
Maulaffen feilhaltendes Gesindel.
Am Flußufer standen mehrere Häuser, welche so unterwaschen waren, daß
man meinte, sie müßten jeden Augenblick ins Wasser stürzen. Die Leute
waren bereits ausgezogen. Bei ein paar anderen Häusern hatte der Fluß
die Erde unter einer Ecke weggespült, so daß sie sich vornüber neigten.
Trotzdem wohnten in diesen noch Menschen, aber es war gefährlich, denn
zuweilen versinkt ein Stück Land, so breit wie ein Haus, mit einem
Male. Solch ein Städtchen muß sich immer weiter zurückziehen, denn der
Strom nagt beständig daran.
Je näher der Mittag herankam, desto dichter drängten sich Wagen und
Pferde in den Straßen und es kamen immer noch mehr. Familien vom Lande
brachten ihr Mittagsessen mit und verzehrten es in ihren Wagen. Es
wurde viel Branntwein getrunken, auch sah ich drei Prügeleien.
Also am Abend hatten wir unsere Vorstellung; es waren aber kaum ein
Dutzend Leute dabei -- gerade genug, um die Unkosten zu decken. Sie
lachten fortwährend und das machte den Herzog ärgerlich. Noch vor
dem Ende der Aufführung waren alle wieder fortgegangen, mit Ausnahme
eines Jungen, der eingeschlafen war. Da sagte der Herzog: »Diese
Arkansas-Kaffern stehen zu tief für Shakespeare; was sie wollen, ist
niedrige Komödie -- und vielleicht gar noch Schlimmeres als das. Ich
kann mir schon denken, was die wollen.« -- Am nächsten Morgen nahm er
große Bogen Packpapier nebst schwarzer Farbe, malte Anzeigen darauf und
klebte sie überall an. Die Ankündigung lautete:
Im Rathause!
Nur drei Abende!
=David Garrick= der Jüngere!
und
=Edmund Kean= der Aeltere!
vom London- und den Kontinental-Theatern
in dem ergreifenden Trauerspiel:
Des Königs Kamelopard
oder
Das königliche ~Non plus ultra~!!!
Eintritt 50 Cents.
Ganz unten war in fetter Schrift zu lesen:
=Frauen und Kinder sind ausgeschlossen.=
»Wenn das nicht zieht,« sagte der Herzog, »dann kenne ich Arkansas
schlecht.«
Den ganzen Tag waren König und Herzog damit beschäftigt, die Bühne, den
Vorhang und eine Reihe Talglichter für die Rampe zurecht zu machen.
Am Abend war in kurzer Zeit die Halle gesteckt voll Männer. Als
keiner mehr hineinging verließ der Herzog seinen Posten am Eingang,
ging hinten herum auf die Bühne und trat vor den Vorhang. Er hielt
eine kleine Rede, worin er das angekündigte Trauerspiel pries; es
sei das ergreifendste, das überhaupt existiere, und so fuhr er fort
zu prahlen mit dem Trauerspiel und mit Edmund Kean dem Aelteren,
der die Hauptrolle spielen würde. Endlich, als jedermanns Erwartung
aufs höchste gespannt war, zog er den Vorhang auf, und im nächsten
Augenblick kam der König auf allen Vieren und fast völlig nackt
hereingesprungen. Er war ganz bemalt mit Ringen und Streifen aller
Farben, prächtig wie ein Regenbogen. Das Volk fiel fast um vor Lachen,
und als der König sich müde gesprungen hatte und hinter die Scene
kroch, da klatschte, trampelte, und stürmte die Menge, bis er wiederkam
und alles wiederholte, und er mußte es dann noch einmal machen, denn
sie riefen ihn wieder heraus. Der Unsinn, welchen der alte Kerl machte,
war allerdings toll genug, um sogar eine Kuh zum Lachen zu bringen.
Dann ließ der Herzog den Vorhang herunter, verbeugte sich und
sagte, das Trauerspiel würde nur noch zwei Abende gegeben werden
wegen dringender Engagements in London, wo die Plätze dafür im
Drury-Gassen-Theater bereits alle verkauft seien. Dann machte er noch
eine Verbeugung und sagte: »Wenn es uns gelungen ist, sie zu amüsieren
und zu belehren, werden wir Ihnen dankbar sein, wenn sie es Ihren
Freunden sagen, damit sie auch kommen.«
Etwa zwanzig Stimmen riefen:
»Was? schon vorüber? ist das alles?«
Der Herzog sagte ja. Dann wurde es lebhaft. Alles schrie: »Oho!« sprang
wild auf und nach der Bühne zu. Aber ein großer, fein aussehender Mann
sprang auf eine Bank und rief:
»Ruhe! ein Wort meine Herren.«
Sie schwiegen wirklich und horchten. »Wir sind zum besten gehalten
worden -- ziemlich arg zum besten. Aber wir wollen uns doch nicht von
der ganzen Stadt auslachen lassen. Nein. Wir wollen hübsch stille
fortgehen und über die Vorstellung prahlen, damit der Rest der Stadt
ebenso genarrt werde; dann wissen alle, wie es ist, und keiner kann
den andern auslachen. Ist das nicht vernünftig? (»Das ist wahr! -- Der
Richter hat recht!« riefen alle.) Wohl denn, also kein übles Wort mehr!
-- Geht heim und ratet jedem, das Trauerspiel zu besuchen.«
Am nächsten Tag war von nichts die Rede, als von dem herrlichen
Trauerspiel. Am Abend war das Haus wieder überfüllt und auch diese
Versammlung war genarrt.
Als ich und der König und der Herzog wieder auf das Floß zurückkamen,
aßen wir zusammen zu Abend. Nachher, etwa um Mitternacht, ließen sie
Jim und mich das Floß in die Mitte des Stromes steuern und etwa zwei
Meilen unterhalb der Stadt anlegen.
Am dritten Abend war das Haus wieder gepackt voll -- es waren diesmal
keine neuen Gesichter, sondern Leute, die schon an den vorigen Abenden
dagewesen waren. Ich stand beim Herzog und sah, daß jeder, der
hineinging, etwas in seinen Taschen oder unter seinem Rock versteckt
trug -- und ich konnte sehen, daß es keine Parfümflaschen waren --
nein, gewiß nicht! Es hatte einen widerlichen Geruch, der an schlechte
Eier, verfaulte Kohlköpfe und dergleichen erinnerte. Als niemand
mehr hinein konnte, gab der Herzog einem in der Nähe Stehenden einen
Viertel-Dollar und bat ihn, für eine Minute Thürwächter zu sein. Dann
ging er hinten herum nach der Bühnenthür, ich hinter ihm her; doch kaum
waren wir um die Ecke gebogen und im Dunkeln, so sprach er:
»Jetzt geh' rasch, bis du von den Häusern weg bist, und dann mach', daß
du so schnell zum Floß kommst, als sei der Böse hinter dir!«
Ich that's, und er gleichfalls. Wir kamen zu gleicher Zeit dort an und
im Nu glitten wir stromab -- niemand sprach ein Wort. Ich dachte an den
armen König, wie es dem wohl mit seiner Audienz gehen würde; der aber
kam lustig aus dem Zelt hervor gekrochen und sagte:
»Nun, Herzog, wie hat sich die Geschichte diesmal gelohnt?«
Er war nämlich gar nicht in die Stadt gegangen.
Erst als wir zehn Meilen stromab waren, machten wir Licht und nahmen
unser Abendessen. König und Herzog hielten sich den Bauch vor Lachen
über die Art, wie sie das Volk überlistet hatten. Der Herzog sagte:
»Grünschnäbel, Dummköpfe! Ich wußte wohl, daß das erste Publikum 's
Maul halten würde, damit die übrigen auch in die Falle gingen; ich
wußte, daß sie den dritten Abend denken würden, nun sei die Reihe an
ihnen. Ja, jetzt haben sie ihre Revanche. Ich gäbe was drum, wenn ich
sehen könnte, was sie für ein Gesicht dabei machen.«
Diese Halunken hatten wirklich 465 Dollars an diesen drei Abenden
eingenommen. Ich habe früher nie einen solchen Berg von Kleingeld
beisammen gesehen.
Bald schliefen und schnarchten die beiden; da sagte Jim zu mir:
»Du nix sein erstaunt von unsre Könige, Huck?«
»Nein,« sagte ich, »durchaus nicht!«
»Aber Huck, sein ja wahre Teufelskerls, nix anderes, rechte echte
Teufelskerls.«
»Nun, so viel ich weiß, sind das viele Könige.«
»So, du das meinen? Dann Jim nix wollen wissen von Könige.« --
»Lies doch etwas darüber nach, dann wirst du's sehen. Da
ist Henry VIII.; im Vergleich mit dem ist der unsrige ein
Sonntagsschul-Superintendent. Und dann Charles II. und Louis XIV. und
Louis XV. und James II. und Eduard II. und Richard III. und noch viele
andere; fast alle die angelsächsischen Fürsten in den alten Zeiten
waren rechte Kains-Kinder. O, du solltest Henry VIII. in seiner Blüte
gesehen haben. Das war ein Hauptkerl. Der heiratete ein neues Weib
jeden Tag und am nächsten Morgen hieß es immer: ›Kopf ab!‹ Und er
that dabei so gleichgültig, als ob er sich ein paar Eier bestellte.
›Nell Gwynn her,‹ rief er. Man brachte sie. -- Nächsten Morgen: ›Kopf
ab!‹ und ab war er. ›Jane Shore her,‹ rief er. Sie kommt. -- Nächsten
Morgen: ›Kopf ab!‹ -- ab war er. ›Leute, die schöne Rosamund herbei‹;
›schön Rosamund‹ folgt dem Lockruf. -- Nächsten Morgen: ›Kopf ab!‹
»Jede von diesen Frauen mußte ihm in der Nacht eine Geschichte erzählen
und er sammelte dieselben, bis es tausend und eine waren; dann machte
er ein Buch daraus, welches er ›~Domesday book~‹ nannte.[7] Ja,
Jim, ich könnte dir noch manches von jenem König erzählen. Hast du
nie davon gehört, was dieser Heinrich für Händel mit unserem Land
anfing? Das ging so zu. Auf einmal läßt er so mir nichts dir nichts
im Hafen von Boston allen Thee über Bord schmeißen und läßt eine
Unabhängigkeitserklärung vom Stapel und droht mit einem Krieg. Das war
seine Art so -- keine Spur von Rücksicht und Billigkeit. Ein andermal
hatte er seinen Vater, den Herzog von Wellington, im Verdacht. Was thut
er? -- Er geht her und läßt ihn in einem Syrupfaß ersäufen wie eine
Katze. Wenn die Leute Geld herumliegen ließen und er sah es -- wupp
dich, steckte er es ein. Er brauchte nur den Mund aufzuthun und wenn er
ihn nicht gleich wieder zuklappte, kam allemal eine Lüge heraus. Ja,
wenn dieser Heinrich über das Städtchen drüben gekommen wäre, der hätte
ihm noch ganz anders mitgespielt, das kannst du mir glauben.«
[7] Die Vorstellung, welche Huck von dem Buche der englischen
Grundrechte und anderen geschichtlichen Begebenheiten hat,
läßt uns seine Ansicht über Könige nachsichtig beurteilen.
»Huck, das sein ganz abscheulich. Wollte, hätten solche Leute nicht auf
Floß.«
»Mir geht's ebenso, Jim. Aber sie sind nun einmal da und wir müssen
denken, daß sie so erzogen sind und nichts dafür können.«
Was hätte es genützt, Jim zu sagen, daß die beiden gar nicht König und
Herzog seien?
[Illustration]
Neunzehntes Kapitel.
Jim als Araber. -- Pastor Alexander Blodgett zieht
Erkundigungen ein. -- Neue Pläne. -- Familien-Trauer. -- Die
Erbschaft. -- Rührende Großmut.
Am nächsten Tage, gegen Abend, erblickten wir an jedem der beiden Ufer
ein Städtchen und wir legten an einer kleinen Weideninsel mitten im
Strome an. König und Herzog überlegten schon wieder, wie sie wohl die
beiden Orte ausbeuten könnten. Da sagte Jim zum Herzog: »Jim hoffen,
ihr sein nix lang fort, sein so viel schlimm, zu liegen ganzen Tag
gebunden in Zelt.« Wir konnten nämlich nichts anderes thun als ihn
binden, denn wenn ihn zufällig jemand frei und allein angetroffen
hätte, so wäre er sicher für einen entlaufenen Neger gehalten worden.
Der Herzog meinte, es sei allerdings beschwerlich für Jim, und
versprach, sich zu besinnen, wie es Jim bequemer gemacht werden könnte.
[Illustration]
Er war ganz gescheit, dieser Herzog, und kam bald auf einen
Gedanken. Er verkleidete Jim als König Lear. Jim mußte ein langes
Gardinen-Kalikogewand, eine weiße Roßhaar-Perücke und einen Bart
tragen. Dann nahm er seine Schminke und färbte Jims Gesicht, Hals,
Ohren und Hände in fahles Blau, so daß er aussah wie die Leiche eines
Ertrunkenen nach neun Tagen, ganz schauderhaft. Dann machte der Herzog
aus einer großen Dachschindel ein Schild und schrieb darauf:
»Kranker Araber -- aber harmlos wenn bei Sinnen.«
Nachher nagelte er dies Schild an eine Stange und steckte sie vier
bis fünf Fuß vor dem Zelte auf. Jim war befriedigt. Er meinte, so
wäre es viel besser, als Tag für Tag gebunden da zu liegen und bei
jedem Geräusch vor Angst zu zittern. Der Herzog sagte ihm, er dürfe
sich's jetzt bequem machen, und wenn irgend jemand sich unnötig um ihn
bekümmere, solle er nur aus dem Zelt springen, sich etwas unsinnig
gebärden und ein- oder zweimal aufheulen wie eine wilde Bestie, dann
würden die Leute schnell ausreißen und ihn in Ruhe lassen.
Die beiden Teufelskerle hätten das ›~Non plus ultra~‹ gern noch einmal
versucht, weil sie bei dem ersten Male so viel Geld herausgeschlagen
hatten, allein sie fürchteten, die Kunde davon könnte sich bereits bis
hierher verbreitet haben. Sie konnten über kein Projekt ganz einig
werden; da sagte endlich der Herzog, man solle ihn ein bis zwei Stunden
ganz in Ruhe lassen, er wolle sein Gehirn anstrengen und zusehen, ob
sich mit dem Arkansas-Städtchen nicht doch etwas anstellen ließe. Der
König dagegen wollte ohne besondern Plan das andere Städtchen besuchen,
im Vertrauen darauf, daß ihn die Vorsehung auf einen profitablen Weg
führe -- damit meinte er den Teufel, glaub' ich. In dem Ort, wo wir
zuletzt angehalten, hatten wir uns alle neue fertige Anzüge gekauft.
Der König zog seinen an und hieß mich auch den meinigen anziehen, was
ich auch that.
Des Königs Anzug war ganz schwarz und er sah darin steif und fein aus.
Nie hatte ich geahnt, wie Kleider einen Menschen verändern können.
Vorher hatte er wie ein ganz gewöhnlicher Kerl ausgesehen; aber wenn er
jetzt seinen neuen weißen Filzhut lüftete und sich mit einem Lächeln
verbeugte, sah er so erhaben und gut und fromm aus, daß man hätte
glauben können, er sei eben aus der Arche gestiegen und könnte der alte
Levitikus selbst sein.
Jim reinigte das Kanoe und ich machte meine Ruder zurecht. Etwa drei
Meilen oberhalb des Städtchens lag ein großes Dampfboot, das schon zwei
Stunden dalag und Fracht einlud. Da sagte der König:
»Zu meinem neuen Anzug würde es wohl besser passen, wenn ich von St.
Louis, Cincinnati oder einer andern großen Stadt angereist käme.
Also zum Dampfboot hin, Huckleberry; wir wollen auf ihm das Städtchen
besuchen.«
Eine Dampfschiffahrt zu machen, das ließ ich mir nicht zweimal sagen.
Ich gewann das Ufer eine halbe Meile oberhalb des Städtchens und dann
ging's leicht hinauf, dicht am Ufer im strömungslosen Wasser. Bald
kamen wir zu einem netten, harmlos und sehr ländlich aussehenden jungen
Burschen, der auf einem Sägeblock saß und sich den Schweiß von der
Stirne wischte, denn es war arg warmes Wetter und er hatte ein paar
große Reisesäcke bei sich.
»Fahr' ans Land,« befahl der König. Ich that's.
»Wohin, mein junger Freund?« redete er den fremden Burschen an.
»Zu dem Dampfboot; nach Orleans.«
»Steig' ein,« sagte der König. »Wart' einen Augenblick, mein Diener
wird dir bei den Säcken helfen. Spring' raus und hilf dem Herrn,
Adolfus« -- ich merkte, daß er mich meinte.
Nun, ich that's, und wir drei fuhren weiter. Der junge Bursche war sehr
dankbar und meinte, es sei eine harte Arbeit, bei solcher Hitze sein
Gepäck zu tragen. Er fragte den König, wohin er ginge; dieser sagte,
er sei den Fluß herabgekommen und früh morgens im andern Städtchen
gelandet, und nun müsse er einige Meilen hinauf, um einen Freund auf
seiner ›Farm‹ zu besuchen. Der Junge sagte dann:
»Als ich Sie zuerst sah, sagte ich zu mir selbst: ›Das ist sicherlich
Herr Wilks, und er kommt nicht mehr zur rechten Zeit.‹ Dann dachte
ich aber: ›Nein, er kann's nicht sein, er würde nicht hier den Fluß
heraufrudern.‹ Sie sind's doch nicht, was?«