waren, ließen wir das Floß treiben, wie es die Strömung wollte.
Dann steckten wir unsere Pfeifen an, ließen unsere Füße ins Wasser
hängen und schwatzten über allerlei. Manchmal hatten wir für längere
Zeit den Strom ganz für uns. Drüben waren Ufer und Inseln sichtbar,
zuweilen auch ein Licht, gleich einem Fünkchen, das durchs Fenster
einer Blockhütte schien -- dann und wann auch ein ähnlicher Lichtpunkt
auf dem Wasser, von einem Floß oder ähnlichen Fahrzeug herrührend,
von welchen auch mitunter der Ton einer Geige oder ein Liedchen
herüberschallte. Es ist lieblich, so auf einem Floß zu leben. Ueber
uns hatten wir den Himmel voller Sterne. Wir lagen oft auf dem Rücken
und schauten zu ihnen empor. Dann sprachen wir darüber, ob sie gemacht
worden wären, oder nur durch Zufall da seien. Jim meinte das erstere,
wogegen ich einwendete, daß es zu lange gedauert hätte, so viele zu
machen. Er meinte dann, der Mond könnte sie gelegt haben. Das ließ
sich eher hören, und so widersprach ich ihm auch nicht, hatte ich doch
gesehen, daß ein bloßer Frosch mindestens ebenso viele Eier legen
kann. Besonders beobachteten wir die herabfallenden Sterne und Jim
behauptete, es seien die faulen, welche aus dem Neste geschmissen
würden.
Nach Mitternacht gingen die Uferbewohner zu Bett und für zwei bis
drei Stunden waren die Ufer schwarz -- kein Fünkchen mehr in den
Blockhausfenstern. Diese Lichtpunkte bildeten unsere Uhr. Die ersten,
die sich wieder zeigten, bedeuteten die Ankunft des Morgens, dann
suchten wir einen Schlupfwinkel auf einer kleinen Insel und legten an,
wo's am besten ging.
[Illustration]
Eines Morgens bei Tagesanbruch fand ich ein Kanoe und fuhr damit von
der Insel zum Ufer, dann etwa eine Meile unter Cypressen einen kleinen
Fluß hinauf, um zu sehen, ob ich nicht einige Beeren pflücken konnte.
Als ich an einem Ort vorüberkam, wo ein Kuhpfad den Fluß berührte,
rannten zwei Männer herbei. Ich dachte schon, daß mir's nun an den
Kragen gehen würde, denn ich fürchtete, sie wären hinter mir und Jim
her. Ich wollte schon umkehren, sie waren aber ganz nahe und baten
mich, ihnen das Leben zu retten; sie hätten nichts gethan, würden
trotzdem verfolgt und Männer mit Hunden wären hinter ihnen her. Sie
wollten gleich zu mir in den Nachen springen, aber ich sagte:
»Thut's ja nicht. Ich höre weder Pferde noch Hunde. Ihr habt Zeit,
durchs Gebüsch etwas stromauf zu gehen, dann watet durchs Wasser zu mir
-- das lenkt die Hunde von der Fährte ab.«
Sie thaten's, und als ich sie im Kanoe hatte ging's rasch nach unserm
Floß. Nach ungefähr fünf Minuten hörten wir Hunde und Männer in der
Ferne lärmen. Sie schienen an den Fluß zu kommen -- sehen konnten wir
sie nicht -- und dort eine Zeit lang herumzulungern. Wir machten uns
aus dem Wege, bis wir sie zuletzt nicht mehr hörten. Als wir aus dem
Fluß in den Strom liefen war alles still. Wir erreichten das Floß und
versteckten uns für den Tag.
Einer der Kerle war siebzig Jahre alt oder mehr, hatte einen kahlen
Kopf und grauen Vollbart. Er trug einen zerknitterten alten Filz, ein
schmutziges baumwollenes Hemd, zerfetzte blaue Hosen, in seine Stiefel
gestopft, und gestrickte Hosenträger -- oder vielmehr nur einen. Er
trug auf dem Arm einen alten blauen Rock mit Messingknöpfen, und beide
Kerle hatten große vollgepfropfte Reisesäcke.
Der andere war etwa dreißig Jahre alt und war etwas besser gekleidet.
Nach dem Frühstück machten wir's uns bequem und plauderten; dabei
stellte es sich gleich heraus, daß die beiden einander fremd waren.
»Was hat dich in die Klemme gebracht?« fragte der Kahlkopf den andern
Patron.
»Nun, ich verkaufte einen Stoff, der den Weinstein von den Zähnen
nimmt, und die Zahnglasur gewöhnlich auch. Ich blieb eine Nacht länger
in dem Städtchen als mir zuträglich war und machte mich eben davon, als
ich dir über den Weg lief und du mir sagtest, man sei hinter dir her
und ich möchte dir helfen. Da sagte ich dir, daß mir's ähnlich ginge
und wir zusammenhalten könnten -- das ist die ganze Geschichte -- was
ist deine?«
»Nun ja, ich hielt eben dort Versammlungen zur _Förderung der
Mäßigkeit_ -- etwa eine Woche lang, und war der Liebling des schönen
Geschlechts: jung und alt, und verdiente nebenbei fünf bis sechs
Dollars den Abend, -- zehn Cents die Person, Kinder und Neger frei.
Das Geschäft ging täglich besser. Da verbreitete sich gestern abend
irgendwie das Gerücht, daß ich eine Privatflasche bei mir trüge, der
ich insgeheim fleißig zuspräche. Ein Neger weckte mich heute früh und
sagte mir, daß die Leute in aller Stille sich sammelten und vorhätten,
mich mit Hunden und Pferden zu hetzen, nachdem sie mir eine halbe
Stunde Vorsprung gegeben, und, wenn meiner habhaft, mich mit Theer und
Federn zu überziehen und auf einem Zaunpfahl reiten zu lassen. Ich
wartete nicht aufs Frühstück -- der Hunger war mir vergangen.«
»Alter,« sagte der Jüngere, »wir geben ein gutes Doppelgespann ab; was
meinst du dazu?«
»Ich bin nicht abgeneigt. Was ist dein Geschäft -- hauptsächlich?«
»Bin von Haus Buchdrucker; mache etwas in Patentmedizinen; bin
Schauspieler -- besonders im Trauerspiel; thue auch gelegentlich etwas
in Mesmerismus und Phrenologie; zur Abwechslung halte ich Schule --
besonders Singen und Geographie; lasse wohl auch einmal einen Vortrag
vom Stapel. O, ich verstehe mich auf vielerlei -- fast auf alles, was
mir unter die Hand kommt, nur darf es keine schwere Arbeit sein. Wie
steht's mit dir?«
»Am meisten hab' ich in meinem Leben wohl ›gedoktert‹. Das
Händeauflegen gelingt mir am besten -- bei Krebs, Lähmung und
dergleichen; auch versteh' ich mich ziemlich gut aufs Wahrsagen,
wenn ich jemand finde, der mich vorher mit den nötigen Thatsachen
versorgt. Predigen schlägt auch in mein Fach, besonders bei
Bekehrungs-Versammlungen im Freien. Ich kann überhaupt gut
herum-›missionärieren‹.«
Für eine Weile sprach keiner, dann seufzte der Jüngere tief auf und
schloß mit einem:
»Ach!«
»Na, worüber achst du?« rief der Kahlkopf.
»O, daß ich solches Leben führen muß und zu solcher Gesellschaft
heruntergekommen bin!« Und er wischte sich einen seiner Augenwinkel mit
einem Fetzen.
»Ist dir etwa die Gesellschaft nicht gut genug?« fuhr der Kahlkopf
etwas scharf und ärgerlich heraus.
»Ja, sie ist gut genug für mich, so gut wie ich's verdiene. Wer hat
mich so heruntergebracht, nachdem ich so hoch stand? Ich selbst. Ich
werfe euch nichts vor, meine Herren -- weit entfernt -- niemandem
werfe ich etwas vor. Ich bin ganz allein schuld. Mag die kalte Welt
ihr Schlimmstes thun, mag das Schicksal ferner mich verfolgen und mir
alles entreißen -- Freunde, Eigentum, alles -- eines weiß ich: irgendwo
finde ich ein Grab, _das_ kann die Welt mir nicht entreißen, eines
Tages werde ich mich niederlegen und alles vergessen, und mein armes
gebrochenes Herz wird Ruhe haben.« Und er wischte sich wieder an den
Augen herum.
»Potz armes gebrochenes Herz! Warum läßt du es vor uns hier überlaufen?
Was können wir dafür?«
»Nein, ihr allerdings nicht. Euch beschuldige ich auch nicht, meine
Herren. Ich habe mich selbst heruntergebracht -- ja, ich selbst. Es
geschieht mir recht, wenn ich leide, ganz recht -- ich grolle niemand.«
»Heruntergebracht von wo? Von wo bist du heruntergebracht worden?«
»Ach, ihr würdet mir's nicht glauben; die Welt glaubt nie -- laßt mich
-- es kann euch einerlei sein. Das Geheimnis meiner Geburt --«
»Das Geheimnis deiner Geburt? Willst du behaupten --«
»Meine Herren,« sagte der junge Mann feierlich, »ich will es euch
enthüllen, denn ich fühle, daß ich euch vertrauen darf. Von Rechts
wegen bin ich ein Herzog!«
Jims Augen starrten vor Erstaunen, und ich glaube die meinigen auch.
Der Kahlkopf aber sagte: »Unmöglich! Ist das dein Ernst?«
»Ja. Mein Urgroßvater, der älteste Sohn des Herzogs von Somerset,
flüchtete in dieses Land gegen Ende des letzten Jahrhunderts, um die
reine Luft der Freiheit zu atmen. Er heiratete hier und starb und
hinterließ einen Sohn; sein eigener Vater starb fast zur selben Zeit.
Dessen zweiter Sohn bemächtigte sich des Titels und der Güter -- der
wirkliche ›Erbprinz‹ wurde ignoriert und dessen Nachkomme in gerader
Linie bin ich -- ich bin der rechtmäßige Herzog von Somerset; und _nun_
bin ich verstoßen, meiner hohen Stellung beraubt, von Menschen gehetzt,
von der kalten Welt verachtet, zerlumpt, elend, und herabgewürdigt zu
einer Gesellschaft Entlaufener auf einem Floß.«
Jim bedauerte ihn sehr, ich auch. Wir versuchten ihn zu trösten, aber
er sagte, es wäre nutzlos, denn er sei untröstlich; doch wenn wir
ihn als Herzog anerkennen wollten, so wäre dies für ihn eine kleine
Entschädigung. Wir wollten ihm den Gefallen gern thun, wenn er uns nur
sagte wie. Er meinte, wir sollten uns verbeugen, wenn wir ihn anredeten
und zwar mit den Worten ›Ihro Gnaden‹ oder ›Hoheit‹ oder auch ›Mylord‹
und er hätte auch nichts dagegen, wenn wir ihn einfach Somerset nennen,
denn das wäre eigentlich mehr ein Titel als ein Name; und einer von uns
solle ihn bei Tische bedienen und ihm überhaupt kleine Dienstleistungen
erweisen.
Nun, das hatte ja nichts auf sich, und wir waren willens. Während der
Mahlzeit bediente Jim ihn mit: ›Ihro Gnaden wünschen dies oder das?‹
und so weiter, und man konnte sehen, daß es ihm gefiel.
Aber der Alte wurde allmählich schweigsam, hatte wenig zu sagen und sah
aus, als ob ihm dieser Herzogkultus nicht recht gefiele. Ihn schien
innerlich etwas zu wurmen. Am Nachmittag fing er folgendermaßen an:
»Hör' mal, ›Sommerfett‹,« sagte er, »du thust mir verdammt leid, aber
du bist nicht der einzige, der so etwas durchgemacht hat.«
»Nicht?«
»Nein, du bist nicht die einzige Person, die ungerechter Weise aus
ihrer Höhe herabgerissen worden ist.«
»Ach!«
»Nein, du bist nicht die einzige Person, die ein Geburtsgeheimnis hat.«
Und der Alte fing zu weinen an.
»Halt, was meinst du damit?«
»›Sommerfett‹, darf ich mich dir vertrauen?« sagte der Alte noch
schluchzend.
»Bis zum bittern Tode!« Der Herzog ergriff bei diesen Worten des Alten
Hand, drückte sie und sprach:
»Vertrau' mir das Geheimnis deines Daseins, wie ich dir das meinige
vertraute. Rede!«
»›Sommerfett‹, -- ich bin der Dauphin!«
Jim und ich starrten vor Erstaunen. Dann rief der Herzog:
»Du bist was?«
»Ja, mein Freund, es ist nur zu wahr -- deine Augen schauen in diesem
Moment auf den armen verschollenen Dauphin: Louis XVII., Sohn Ludwigs
XVI. und Marie Antoinettens.«
»Du? in deinem Alter? Nein! Du meinst wohl, du seist Karl der Große; du
mußt doch mindestens sechs- bis siebenhundert Jahre alt sein.«
»Kummer hat's gethan, ›Sommerfett‹, Kummer hat's gethan. Sorgen haben
mir das Haupthaar vor der Zeit geraubt und den Bart gebleicht. Ja,
meine Herren, ihr seht vor euch, in abgetragenem Zeug und in Elend
versunken, den wandernden, verbannten, niedergebeugten und leidenden
rechtmäßigen König von Frankreich!« -- --
Er weinte und gebärdete sich so, daß Jim und ich gar nicht wußten was
thun, -- so leid that er uns -- und zugleich waren wir so froh und
stolz ihn bei uns zu haben. Wir thaten denn auch für ihn, wie erst für
den Herzog, alles was wir konnten. Aber er sagte, es wäre umsonst,
nichts als der Tod könne ihn glücklich machen. Und doch, meinte er,
wäre das Leben etwas erträglicher, wenn Menschen ihn nach seinem Rechte
behandelten, ein Knie beugten, wenn sie mit ihm sprächen, ihn mit
›Majestät‹ anredeten, ihm bei der Mahlzeit aufwarteten und sich nicht
setzten, bis er es ihnen erlaubte. So schickten Jim und ich uns denn
an, ihn zu ›bemajestäten‹, dies und das und jenes für ihn zu thun, und
zu stehen, bis er uns zum Sitzen aufforderte. Dies that ihm wohl und
er machte sich's bequem. Aber dem Herzog schien das nicht zu gefallen,
er schien mit der Sachlage sehr unzufrieden. Doch der König behandelte
ihn recht freundlich und sagte, des Herzogs Urgroßvater und alle andern
Herzoge von ›Sommerfett‹ wären von seinem Vater stets hochgeschätzt und
in seinem Palast recht willkommen gewesen; doch der Herzog blieb lange
brummig, bis der König sagte:
»Wir werden wahrscheinlich eine verdammt lange Zeit auf diesem Floß
zusammen sein müssen, ›Sommerfett‹, und was nützt es, so traurig zu
sein? Man macht sich's dadurch nur ungemütlich. Es ist nicht meine
Schuld, daß ich nicht als Herzog, und nicht deine, daß du nicht als
König geboren bist -- also warum darüber grübeln? Machen wir das beste
aus der Lage, in der wir uns befinden, sag' ich -- das ist mein Motto.
Und, genau betrachtet, ist das hier so schlimm nicht -- genug zu essen
und ein leichtes Leben. Komm, gieb mir deine Hand, Herzog, und laß uns
Freunde sein.«
Der Herzog that's und Jim und ich waren darüber froh.
Es dauerte nicht lange und ich war überzeugt, daß diese Kerle weder
König noch Herzog, sondern ganz erbärmliche Schufte und Betrüger waren.
Aber ich ließ mir nichts merken, sondern behielt's für mich; es gab
dann keinen Streit und Verdruß. Wenn sie wünschten, König und Herzog
genannt zu werden, warum nicht? -- wenn es nur Frieden in der Familie
gab. Da es nichts nützte, Jim darüber aufzuklären, sagte ich ihm denn
auch nichts davon.
Sie fragten uns nach vielerlei und wollten wissen, warum wir am Tage
das Floß versteckten, anstatt weiterzufahren.
»Meine Angehörigen,« erklärte ich, »lebten in ›Pike County‹ in
Missouri, wo ich geboren bin, und sie starben alle außer meinem Papa
und meinem Bruder Ike. Papa gab den Haushalt auf, um zu Onkel Ben
zu ziehen, der ein kleines Besitztum am Fluß, vierundzwanzig Meilen
unterhalb Orleans, hat. Papa war arm und hatte Schulden. Als er alles
verkauft und sie bezahlt hatte, war nichts übrig als sechzehn Dollars
und unser Neger Jim. Das war nicht genug, uns vierzehnhundert Meilen
reisen zu lassen, selbst nicht Zwischendeck. Als der Fluß stieg hatte
Papa eines Tages das gute Glück, ein Stück von einem Floß aufzufischen;
so beschlossen wir, darauf nach Orleans zu fahren. Papas Glück war
nicht von Dauer; eines Nachts stieß ein Dampfboot auf die vordere Ecke
des Floßes und wir stürzten alle ins Wasser und tauchten unter das Rad.
Jim und ich kamen wieder zum Vorschein; aber Papa war betrunken und Ike
nur vier Jahre alt -- beide blieben für immer unten. Einige Tage hatten
wir viel Ungemach, denn Leute kamen und wollten mir Jim wegnehmen. Sie
meinten, es sei ein entlaufener Sklave. So fahren wir jetzt nicht mehr
am Tage, nachts lassen sie uns in Ruhe.«
Da sagte der Herzog:
»Ueberlasse es mir, einen Plan auszudenken, der es uns möglich macht,
auch bei Tageslicht zu fahren. Ich will mir die Sache überlegen und
schon einen geeigneten Plan erfinden. Heute wollen wir jedoch das
Städtchen dort drüben nicht am Tage passieren -- es dürfte uns nicht
gut bekommen.«
Gegen Abend wurde es früh dunkel und es sah nach Regen aus; das
Wetterleuchten zuckte ringsum, die Blätter begannen zu zittern --
man konnte sehen, daß es eine schlimme Nacht geben würde. Der König
und der Herzog durchstöberten unser kleines Zelt, um das Bettzeug zu
untersuchen. Meins war ein Strohsack -- besser als Jim seins, das nur
ein mit Maishülsen gefüllter Sack war -- und in solchen stecken oft
Kolben, die einem in die Rippen drücken, und wenn man sich umdreht,
rauscht das Zeug wie dürre Blätter und weckt einen auf. Nun, der Herzog
meinte, er wolle mein Bett nehmen, doch der König meinte anders und
sagte:
»Ich sollte meinen, daß der Unterschied in unserm Rang genügend wäre,
dir begreiflich zu machen, daß der Maishülsensack nicht geeignet ist,
mir als Bett zu dienen. Ihro Gnaden werden ihn für sich selbst nehmen.«
Jim und ich fürchteten jetzt Streit zwischen den beiden und waren recht
froh, als der Herzog sagte:
»Es ist immer mein Schicksal gewesen, von dem eisernen Absatz der
Bedrückung in den Grund getreten zu werden. Unglück hat meinen einst
stolzen Sinn gebrochen; ich gebe nach, ich gehorche, es ist mein
Schicksal. Ich stehe allein in der Welt -- laßt mich leiden; ich kann's
ertragen.«
Wir stießen ab, sobald es dunkel genug war. Der König gebot uns, die
Mitte des Stromes zu gewinnen und kein Licht zu zeigen, bis wir das
Städtchen weit hinter uns hätten. Bald sahen wir ein kleines Häufchen
Lichter -- das war das Städtchen -- und glitten, eine halbe Meile
davon, ganz gut vorbei. Als wir etwa eine Meile unterhalb waren,
hißten wir unsere Signallaterne auf; und um etwa zehn Uhr ging's los:
Regen, Wind, Donner, Blitz -- hast du was kannst du! Der König gebot
uns beiden, Wacht zu halten, bis das Wetter sich aufgeklärt hätte; er
und der Herzog krochen ins Zelt und lagerten sich für die Nacht. Meine
Wacht dauerte bis zwölf; doch ich hätte mich auch sonst nicht zur Ruhe
gelegt, selbst wenn ich ein Bett gehabt hätte, denn solch ein Gewitter
sieht man nicht jeden Tag, wahrhaftig nicht. Meiner Seel! wie der Wind
dahinkreischte! Und alle Augenblicke kam ein Lichtstrahl, der den
weißen Wellenschaum auf eine halbe Meile ringsum erglänzen ließ. Dann
sahen die Inseln wie staubig durch den Regen aus, und die Bäume hieben
mit ihren Aesten wild um sich in den Wind; dann kam's Sch -- Krach!
-- Bum -- bum -- bumblerumbumbum -- und der Donner grollte und rollte
und schwieg -- dann fing dieselbe Geschichte wieder von vorn an und so
weiter. Zuweilen spülten mich die Wellen fast vom Floß.
Endlich ließ der Sturm nach, und sobald ich das erste Licht am
Lande erblickte, weckte ich Jim und wir steuerten nach einem guten
Versteckplatz für den Tag.
Nach dem Frühstück holte der König ein altes dreckiges Spiel Karten
hervor, und er und der Herzog spielten ›Sieben auf‹ zu fünf Cents
das Spiel. Als sie dessen müde waren steckte der Herzog seinen Arm
in seinen Reisesack, holte daraus eine Anzahl kleiner gedruckter
Anschlagzettel und las laut vor. Auf einem stand: ›Der berühmte ~Dr.~
Armand de Montalban aus Paris wird einen Vortrag über Phrenologie
halten in ... am ...‹ (Ort und Datum waren freigelassen) ›Eintritt 10
Cents; Untersuchungen pro Person 25 Cents.‹ Der Herzog sagte: »Das
bin ich selbst.« In einem andern Zettel war er ›der weltberühmte
Shakespeare-Tragöde Garrick der Jüngere vom Drury-Lane-Theater,
London.‹ In andern Zetteln hatte er eine Menge anderer Namen und that
andere Wunderdinge, wie z. B. Wasser und Gold mit der Wünschelrute
finden, Behexungen besprechen und dergleichen mehr. Nach einer Weile
sagte er: »Aber die histrionische Muse ist meine Wonne. Hast du je die
Bretter betreten, Majestät?«
»Nein,« sprach der König.
»Dann, o gefallene Größe, sollst du es thun, eh' du drei Tage älter
bist,« rief der Herzog. »In dem ersten besten Städtchen, wo wir
hinkommen, mieten wir eine Halle und produzieren das Schwertgefecht aus
›Richard III.‹ und die Balkonscene aus ›Romeo und Julie.‹ Was sagst du
dazu?«
»Ich bin dabei, bis an den Hals hinein, bei allem, wenn sich's nur
bezahlt macht; aber viel verstehe ich nicht vom Schauspielern, hab'
auch nicht viel davon gesehen. Ich war zu klein, als mein Papa
dergleichen in seinem Palaste hatte. Meinst du, daß du mir's beibringen
kannst?«
»Leicht genug!«
»Wohl denn. Ich lechze schon nach was Frischem. Fangen wir nur gleich
an!«
So erzählte ihm nun der Herzog ausführlich, wer Romeo war und wer Julie
war, und da er selbst immer Romeo gespielt hätte, könnte der König
Julie darstellen.
»Aber,« entgegnete dieser, »wenn Julie ein so junges Mädchen war, so
würde mein abgeschälter Kopf und mein weißer Bart bei ihr doch wohl
etwas altertümlich erscheinen.«
»Nein, sei unbesorgt; diesen Landkaffern wird das nicht auffallen. Und
dann wirst du ja auch verkleidet, das macht einen großen Unterschied.
Julie auf dem Balkon freut sich des Mondscheins vor dem Schlafengehen,
sie hat ihr Nachtgewand und eine faltenreiche Nachthaube auf. Hier sind
die Kostüme.«
Er holte zwei oder drei Kalikodinger hervor und sagte, das seien die
mittelalterlichen Rüstungen für Richard III. und den andern Burschen
-- dann auch ein langes, weißes Nachthemd und eine faltige Nachthaube.
Der König war's zufrieden; dann nahm der Herzog sein Buch und las die
Rollen in großartigem Stil vor, wobei er herumsprang und wunderliche
Gebärden machte, um zu zeigen, wie gespielt werden müsse; dann gab er
das Buch dem König zum Auswendiglernen.
Etwa drei Meilen flußab war ein kleines Städtchen, und nach Mittag
sagte der Herzog, es sei ihm eine Idee gekommen, wie man auch bei Tage
ohne Gefahr für Jim fahren könne. Er wolle sich erlauben nach dem
Städtchen zu gehen und alles besorgen. Der König erteilte sich selbst
die gleiche Erlaubnis, um zu sehen, ob er dort nicht etwas Profitables
ausrichten könnte. Wir hatten keinen Kaffee mehr, Jim schlug daher vor,
daß ich im Kanoe mitginge und welchen besorge.
Als wir hinkamen schien alles ausgestorben, als ob es Sonntag wäre. Wir
fanden einen kranken Neger, der sich in einem Hofe sonnte. Er sagte
uns, daß alle, die nicht zu jung, zu krank oder zu alt seien, bei einer
öffentlichen Bußfeier wären, etwa zwei Meilen entfernt im Walde. Der
König ließ sich die Richtung angeben und beschloß hinzugehen, um aus
der Gelegenheit zu machen, was sich machen ließ. Ich durfte mit.
Der Herzog aber sagte, er müsse eine Druckerei ausfindig machen. Wir
hatten dieselbe bald entdeckt. Es war ein kleiner Raum über einer
Schreinerwerkstatt -- Schreiner und Drucker waren alle fort, bei der
Versammlung, doch war nichts verschlossen. Der Herzog zog den Rock aus
und sagte, er sei jetzt in seinem Element; so schoben denn ich und der
König ab und gingen zur Versammlung.
In etwa einer halben Stunde kamen wir schweißtriefend dort an, es
war ein schrecklich heißer Tag. Es mochten etwa tausend Menschen
aus einem Umkreise von zwanzig Meilen beisammen sein. Der Wald war
voller Wagen und Gespanne; die Pferde waren überall angebunden, fraßen
aus den Wagentrögen und stampften mit den Hufen, um die Fliegen
abzuwehren. Dazwischen hatte man Zelte aufgeschlagen, aus Stangen mit
Zweigen bedeckt, unter denen Limonade und Pfefferkuchen, Haufen von
Wassermelonen, junger Mais und dergleichen zum Verkauf waren.
Unter ähnlichen Zelten fand auch das Predigen statt,[6] nur waren
sie größer und faßten viele Menschen. Die Prediger standen auf hohen
Brettergerüsten an einem Ende des Zeltes. Die Frauen hatten Hauben
auf und waren in selbstgesponnene Zeuge gekleidet, einige in Gingham,
die Jugend in Kaliko. Mehrere der Jünglinge waren barfuß, und von den
Kindern trugen viele nichts als ein gewöhnliches Hemd. Die alten Frauen
strickten und das junge Volk machte einander den Hof.
[6] Mark Twain beschreibt hier ein sog. ›~campmeeting~‹, wie
diese im Freien abgehaltenen Bußfeiern genannt werden.
[Illustration]
Im ersten Zelt, das wir besuchten, las der Prediger einen Choral vor.
Er las immer zwei Zeilen, und dann stimmte die Versammlung an und sang
sie. Jeder sang mit, und es tönte ordentlich ergreifend. Das Volk wurde
immer wärmer und wärmer und sang lauter und lauter -- gegen Ende des
Liedes schluchzten einige, andere jauchzten. Dann begann der Prediger
seine Predigt, und was für eine; er wandelte von einem Ende des Gerüsts
zum andern, beugte sich weit vornüber -- Körper und Arme waren in
steter Bewegung -- und brüllte die Worte mit aller Gewalt heraus. Von
Zeit zu Zeit hielt er die geöffnete Bibel hoch empor und schwenkte mit
derselben hin und her, wobei er ausrief: ›Das ist die eherne Schlange
in der Wüste! Schauet her und lebet!‹ Und das Volk rief: ›Hosiannah --
A--a--men!‹ In dieser Weise ging es fort, unter unaufhörlichem Geplärre
der Menge. Zum Schluß forderte er die Anwesenden auf, sich auf die Bank
der Bußfertigen zu begeben.
›Ihr reumütigen Kinder, tretet heraus und setzt euch auf die Bank der
Bußfertigen. (Amen!) Kommet ihr Mühseligen und Beladenen, (Amen!)
kommet ihr Armen und Bedürftigen, in Schmach und Leid Verzehrten;
(A--a--men!) kommet, die ihr gebrochenen Herzens, die ihr verzagten
Geistes seid! Kommet, die ihr in Sünde und Schmutz gewandelt seid;
das reinigende Wasser quillt für euch, die Thür zum Himmel steht
euch offen, -- o, tretet ein und seid selig!‹ (A--a--men! Hosiannah,
Hosiannah, Hallelujah!)
In diesem Tone ging's weiter. Allenthalben erhoben sich nun Leute aus
der Menge und drängten sich mit aller Gewalt hindurch bis zu der Bank
der Bußfertigen, während ihnen die Thränen über die Backen liefen.
Nachdem alle Büßer hier versammelt waren, sangen und jubilierten
sie, daß ihnen schier der Atem ausging; manche gebärdeten sich ganz
wahnsinnig und warfen sich in wilder Verzückung auf den mit Stroh
bedeckten Boden.