Wir kamen an eine starke Krümmung des Flusses, und allmählich bewölkte

sich der Himmel und es wurde sehr heiß. Der Strom war hier sehr breit,

und dichte, hohe Wälder zogen sich an beiden Ufern hin, wie dicke,

schwarze Linien ohne jede Unterbrechung, ohne jeden Lichtstrahl.

Wir sprachen über Kairo, unser nächstes Ziel, und meinten, ob wir es

wohl erkennen würden, wenn wir dran kämen. Ich sagte nein, vielleicht

nicht, denn ich hatte gehört, es seien überhaupt nur ein Dutzend Häuser

da, und wenn sie die nicht ganz extra hell erleuchteten, wie sollten

wir wissen, daß es eine Stadt vorstellte? Jim meinte, wo die beiden

Flüsse, (der Mississippi und Ohio), zusammenkämen, das müsse man doch

gewiß sehen. Das schien mir gar nicht so ausgemacht; denn wir konnten

uns leicht einbilden, die Spitze einer Insel zu passieren und in dem

Fahrwasser des alten Stromes zu sein. Dieser Gedanke beunruhigte Jim --

und mich nicht minder. Was also thun? Ich schlug vor, daß ich ans Ufer

fahre, sobald sich ein Licht zeigt und sage, mein Alter käme nach mit

seinem Warenschiff, wisse aber nicht recht Bescheid hier in der Gegend

und wie weit's wohl noch nach Kairo sein könne. Jim hielt die Idee für

ausgezeichnet; wir rauchten drauf noch eine Pfeife und hielten dabei

Ausschau.

Etwas anderes, als ordentlich die Augen offen halten, konnten wir im

Moment nicht thun. Es galt, die Stadt zu sehen und nicht blind an

ihr vorüberzufahren. Jim meinte, er sehe sie ganz sicher, denn im

Augenblick wo er sie sehe, sei er ein freier Mann, ein freier Nigger!

Vorbeifahren hieße wieder in die Sklaverei gehen, nur über den Ohio

könne er zur Freiheit gelangen, sonst sei's aus und vorbei. Alle paar

Augenblicke schnellte er auf:

»Da sie sein!«

Aber niemals war's wirklich so. Einmal war's ein Irrlicht, dann ein

paar Leuchtkäfer, die er für Lichter der Stadt hielt. Seufzend setzte

er sich wieder hin, um geduldig weiter auszuschauen. Es mache ihn ganz

zitterig und fieberig, sagte der arme Kerl, der Freiheit nun so nahe zu

sein. Mich machte es auch zitterig und fieberig, aber ganz was andres.

Mir kam's plötzlich durch den Kopf, daß Jim jetzt ja schon so gut

wie frei sei, -- und wer war daran schuld? -- _Ich!_ Ich, ich -- Huck

Finn -- verhalf einem Nigger dazu, seinem Herrn durchzubrennen![5]

Zum allererstenmal in der ganzen langen Zeit, die ich mit Jim

zusammengewesen, wurde mir so recht klar, was ich eigentlich that. Mir

wurde siedend heiß bei dem Gedanken. Ich suchte mich bei mir selbst zu

entschuldigen, ich sei ja eigentlich gar nicht zu tadeln, ich hatte

ja Jim nicht davonlaufen heißen von seiner rechtmäßigen Besitzerin!

Das half mir aber nichts. Allemal regte sich wieder das Gewissen und

sagte: Aber du hast ihm geholfen auf der Flucht und hättest doch nur

ans Ufer zu rudern und jemandem davon zu sagen brauchen. Wahrhaftig,

so war's -- da half keine Ausrede. Das gab mir einen Stich. Und weiter

bohrt das Gewissen: Was hat dir denn Miß Watson gethan, Huck Finn, daß

du mit ansehen kannst, wie ihr einziger Nigger ihr sozusagen unter der

Nase durchgeht, ohne daß du ein Sterbenswörtchen sagst? Was hat dir das

arme, alte Ding gethan, daß du ihr den Streich spielst, was? Sie wollte

dich doch lesen lehren, wollte dir Manieren beibringen, wollte dein

Bestes, so gut sie's verstand! Das ist's, was sie dir gethan hat, Huck

-- Huck Finn!

[5] Zur Zeit der Sklaverei war dies ein höchst strafbarer

Frevel.

Mir war so erbärmlich, so elend zu Mute, daß ich wünschte, ich wäre

tot. Ich rannte hin und her und machte mich immerzu in Gedanken vor mir

selber schlecht, und Jim rannte mit, immer an mir vorbei. Keiner konnte

ruhig bleiben. Jedesmal, wenn er wieder auffuhr: »das sein Kairo!« ging

es mir wie ein Schuß durchs Herz und ich dachte, wenn's wahr wäre,

würde ich sterben vor Schreck.

Jim sprach immer laut vor sich hin, während ich's mit mir selber leise

abmachte. Wenn er erst frei wäre, -- sagte er -- wolle er schaffen

wie ein Pferd und sparen, sparen, bis er sein Weib loskaufen könne,

das zu einer Farm in der Nähe von Miß Watson gehörte. Dann wollten sie

beide für die Kinder sparen, und wenn ihr Herr dieselben nicht gegen

Geld und gute Worte an sie abtreten wolle, so werde er irgend einen

›Ablitionisten‹ bitten, sie zu stehlen.

Mir gefror das Mark in den Knochen, als ich das Zeug hörte. Vorher

hätte er nie, nie gewagt, so etwas je zu äußern. Wie doch der Gedanke,

jeden Augenblick frei sein zu können, sein ganzes Wesen verändert

hatte! Das alte Sprichwort hatte eben recht: ›gieb 'nem Nigger den

kleinen Finger, und er nimmt die ganze Hand!‹ Denk' ich, das kommt

davon! Hast du einem Nigger geholfen, davonzulaufen, und, kaum am Ziel,

sagt er dir ganz naiv und unverfroren, er wolle seine Kinder stehlen --

Kinder, die einem Manne gehören, den ich nicht einmal kenne, der mir

nie was zu leid gethan hat!

Ich bedauerte, daß Jim dergleichen sagen konnte, es setzte ihn so tief

herab in meinen Augen. Mein Gewissen rumorte in mir, toller als je,

bis ich ihm zuletzt zuflüstre: »Sei still, es ist ja noch nicht zu

spät, sowie ich das erste Licht sehe, gehe ich ans Ufer und zeig's an.«

Danach war ich ruhig und zufrieden und fühlte mich so leicht wie eine

Feder. Alles, was mich gequält, war mit einemmal verschwunden und wie

weggeblasen. Ich spähe nach einem Lichte aus und sing' mir dabei was

vor. Da zeigt sich eins und Jim schreit:

»Sein gerettet, Huck, sein gerettet! Spring' un sei froh, das sein

gute, alte Kairo endlich, endlich! Jim weiß's, Jim fühlt's! _Müssen_

sein Kairo! Gute, alte Kairo!«

Sag' ich:

»Will doch lieber das Boot nehmen, Jim, und nachsehen, es könnt' am

Ende doch nicht wahr sein!«

Er springt nach dem Boot, hat's im Nu flott gemacht, legt mir noch

seinen alten Rock auf die Bank, um den Sitz bequem zu machen, drückt

mir das Ruder in die Hand und jauchzt, indem ich abstoße:

»Alte Jim bald wird singen vor Freud! Wird er sagen: Alles, alles

danken Huck! Jim sein freie Mann, wären nie nix gewesen freie Mann ohne

Huck, gute, alte, treue Huck! Jim nix vergessen das, Huck! Huck Finn

sein arme, alte, schwarze Nigger seine beste Freund, sein alte Jim

seine einzigste Freund!«

Und ich war eben im vollen Begriff, ihn zu verraten, um mein Gewissen

zu beruhigen! Als er so zu mir redete, wurde ich weich wie ein

Waschlappen, das Ruder schien mir wie Blei so schwer und ich wußte

nicht, soll ich mich freuen, daß ich abgefahren bin, oder nicht. Wie

ich eine kleine Strecke weit entfernt bin, ruft Jim mir noch nach:

»Da du gehen hin, alte, treue Huck! Einzigste weiße Mann, was hat nix

gelogen mit arme, alte Jim! Gute, treue Huck!«

Mir war ganz elend zu Mut, sagte mir aber: Du mußt's und mußt's thun,

da giebt's keinen Ausweg, kannst dich nicht drum herum drücken! Gerade

in dem Moment kommt ein Nachen daher mit zwei Männern drin; sie halten

an und ich auch. Sagt der eine:

»Was ist das dort?«

»Ein Stück Floß,« sag' ich.

»Gehörst du drauf?«

»Ja!«

»Sonst noch wer drauf?«

»Noch einer!«

»Es sind fünf Nigger durchgebrannt, da drüben von der Farm gerade an

der Flußbiegung da hinten -- dort! Ist euer Mann auf dem Floß weiß oder

schwarz?«

Ich konnte nicht gleich antworten. Die Worte schienen mir in der Kehle

kleben zu bleiben. Ein oder zwei Sekunden lang wollte ich mir Mut

fassen und alles gestehen, war aber nicht Manns genug dazu -- mir war

nicht für einen Pfennig Kourage geblieben! Als ich fühlte, wie ich

weich wurde, gab ich denn auch gleich nach, wehrte mich nicht lang und

fahre nur so heraus:

»Weiß ist er!«

»Na, wollen doch lieber selber nachsehen!«

»Das wär' mir gleich recht,« sag' ich, »denn der dort ist mein Alter.

Ihr könntet mir vielleicht dann gleich helfen das Floß ans Ufer zu

bringen. Er ist nicht ganz wohl, der Alte, und Mutter auch nicht und

Annemarie!«

»O, geh' zum Kuckuck, Junge, wir haben Eile. Doch, -- na schneid'

nur kein Gesicht, werden's wohl thun müssen, soll ja doch immer ein

Christenmensch dem andern helfen! Na, denn mal los, komm, vorwärts,

schnell! Haben keine Zeit zu verlieren!«

Sie griffen nach den Rudern und ich auch, und als wir ein paarmal

ausgezogen hatten sag' ich:

»Vater wird euch so dankbar sein! Jeder, den ich bis jetzt gebeten habe

mir zu helfen, ist davongelaufen und allein kann ich das Floß nicht ans

Land bringen.«

»Na, das ist aber recht scheußlich! Merkwürdig auch! Sag', Junge, was

ist denn eigentlich los mit deinem Vater?«

»Nichts -- nicht viel -- er hat nur -- ach, -- eigentlich gar nicht

viel -- gar nichts!«

Sie hielten plötzlich an; wir waren nicht mehr weit vom Floß entfernt.

Sagt der eine:

»Junge, du lügst! Was ist los mit deinem Vater? Schnell heraus damit,

ohne Flunkern, es ist um so besser für dich!«

»Ich will's ja gestehen, wahrhaftig, ich will's, ihr Leute, aber laßt

uns nicht stecken, bitte, bitte! Es sind die -- die -- ach, wenn ihr

nur vorrudern wolltet, dann könnte ich euch die Leine zuwerfen und ihr

müßtet gar nicht nahe kommen!«

»Halt an, John, zurück!« schreit der eine und sie wenden in plötzlicher

Hast. »Halt' dich weg, Junge, dort nach rechts! Hol's der Henker, ich

glaub' der Wind bläst gerade vom Floß auf uns her! Dein Vater, Junge,

hat gewiß die _Blattern_, und du weißt's auch ganz gut! Warum hast du's

nicht ehrlich und offen gesagt, sondern fährst da herum und bringst

andre ehrsame Leute in Gefahr?«

»Ach,« stotter' ich und fang' an zu schluchzen, »ich hab's ja vorher

immer gesagt und da ist jeder weggelaufen!«

»Armer Tropf! Du hast so unrecht nicht. Ja, siehst du, du thust uns

leid, aber die Blattern -- weißt du, das ist so eine Sache! Ich will

dir mal sagen, wie du's anfängst. Das Landen mußt du nicht probieren,

das bringst du allein nicht fertig, ohne daß alles zu Schanden geht.

Treib' also nur ruhig weiter, noch so ein paar Stunden, bis du nach

einer Stadt kommst am linken Ufer. Bis dorthin ist dann die Sonne schon

lang herauf, und wenn du Hilfe holst, sagst du, deine Leute hätten das

Fieber. Sei nicht wieder solch ein Narr und laß dir's anmerken, was

eigentlich los ist. Es würde dir auch gar nichts helfen, da drüben bei

dem Licht anzulegen, das ist nur ein Zimmerplatz. Sag' einmal, gelt,

dein Vater ist recht arm und jetzt recht schlimm dran? Da -- ich leg'

dir ein Zwanzig-Dollarstück auf dies Brett, das fängst du dann auf,

wenn's an dir vorbeitreibt. Mir kommt's scheußlich vor, daß wir dich so

stecken lassen, armer Kerl, aber die Blattern, siehst du, das ist keine

Kleinigkeit!«

»Wart' mal, Parker,« ruft der andre, »da sind auch zwanzig Dollars von

mir. Leg's dazu aufs Brett. Na, leb' wohl, Junge, mach's nur, wie der

Parker dir's gesagt hat, dann wird schon alles recht werden!«

»Das denk' ich auch, mein Junge, na, leb' wohl, leb' wohl! Wenn du was

von den Niggern siehst, mach', daß du Hilfe kriegst und faß sie ab, da

ist Geld dabei zu verdienen, viel Geld!«

»Schönen Dank, ihr Herrn, schönen Dank! Wenn ich die Nigger kriegen

kann soll's mir lieb sein, wollt', 's wär' so, könnt's brauchen und der

Vater auch!«

Fort waren sie und ich ruderte zum Floß zurück, fühlte mich elend und

erbärmlich, wußte wohl, wie unrecht ich gethan, aber bei mir lohnt's

sich schon nicht mehr der Mühe, probieren zu wollen, anders und besser

zu werden. Das muß man von Kind auf gewöhnt sein, sonst ist man nicht

fest genug drin, denn wenn man einmal in der Klemme sitzt, so ist man

nicht stark genug sich herauszuziehen, sondern bleibt allemal drin

hängen. Ich hatte eben wieder einmal nicht den Mut gehabt, das Rechte

zu thun, wie andre ehrliche, brave Menschen! Dann, denk' ich aber

wieder, wenn du nun recht gehandelt hättest und den alten Jim verraten,

wär' dir dann wohl jetzt besser zu Mut? Nein, sag' ich, nein, dann

wär's gerade so schlimm. Und, denk' ich, wozu besser werden und recht

thun, wenn man davon nur Mühe hat, vom Unrechtthun aber keine, und der

Lohn derselbe ist? Da saß ich fest! Eine Antwort konnte ich mir hierauf

nicht geben. Wollt' mich auch nicht weiter damit plagen, sondern

beschloß, in Zukunft immer das zu thun, was mir gerade am besten paßte

-- Recht oder Unrecht, einerlei!

Ich ging in die Hütte, Jim war nicht drin, ich stöberte jeden Winkel

durch, er war nirgends. Ruf' ich:

»Jim!«

»Hier sein Jim, Huck! Sein Männer ganz weg? Du nix reden laut!«

Er war im Wasser unter dem Steuerruder und guckte nur mit der Nase

hervor. Als ich ihm sagte, sie seien schon weit weg, kroch er heraus

und kam an Bord. Sagt er:

»Jim alles hören, Huck, alles, un Jim springen in die Wasser, um zu

schwimmen an die Land, wenn Männer kommen. Dann Jim wollen schwimmen

zurück, wenn Männer sein weg. Aber, Huck, du sie haben wundervoll

angeführt! Sein gewesen die beste Streich, die Jim haben gehört all

seine Leben! Ach, Herr Jemine, Huck, du haben Jim gerettet, Jim das

wohl wissen, du haben Jim wieder gerettet, Jim das nie nix vergessen!«

Dann berieten wir uns über das Geld. Zwanzig Dollars für jeden von uns

war nicht bitter! Jim meinte, damit könnten wir Gott weiß wie weit

Passage nehmen auf einem Ohio-Boot und behielten gewiß noch ein gutes

Teilchen übrig, um drüben in den freien Staaten ein neues Leben zu

beginnen. Noch ein paar Stunden weiter auf dem Floß zu bleiben, sagte

er, sei nicht lang, aber er wollte doch, sie wären vorüber.

Gegen Tagesanbruch legten wir an und Jim war diesmal ganz besonders

drauf bedacht, das Floß gut zu verbergen. Dann beschäftigte er sich

den ganzen Tag über damit, unsre Sachen in Bündel zu packen, um zum

Verlassen des Floßes fertig zu sein.

Gegen zehn Uhr am andern Abend kamen endlich die Lichter einer Stadt am

linken Ufer in Sicht.

Ich stieß im Boot ab, um Erkundigungen einzuziehen. Bald fand ich auch

einen Mann in einem Nachen, der eine Leine auswarf.

»Ist das Kairo dort?« frag' ich.

»Kairo? Nein. Ich glaub' du bist nicht recht gescheit!«

»Wie heißt denn die Stadt?«

»Wenn du's wissen willst, geh' hin und frag'! Wenn du noch eine Minute

lang mir hier die Fische verjagst mit deinem dummen Gefrag', geb' ich

dir was, nach dem du nicht verlangt hast!«

Ich also wieder zum Floß zurück. Jim war schrecklich enttäuscht, ich

aber tröstete ihn und meinte, Kairo käme gewiß jetzt erst.

Vor Tagesanbruch noch kamen wir an einer andern Stadt vorbei und ich

wollte eben hin und fragen. Da sagte Jim, die Ufer seien zu steil hier,

Kairo liege flach, das wisse er; so blieb ich denn. Wieder bargen

wir unser Floß für den Tag. Allmählich dämmerte mir eine Ahnung, Jim

desgleichen. Sag' ich:

»Jim, ich glaub', wir sind am Ende letzte Nacht im Nebel an Kairo

vorbeigefahren!«

Antwortet er:

»Wir nix wollen reden mehr davon. Arme Nigger können nix haben Glück!

Jim immer denken, Schlangenhaut von Insel hören noch nix auf zu bringen

Unglück!«

»Wollt', ich hätt' die verd-- Haut nie gesehen, Jim, wahrhaftig, ich

wollt's!«

»Sein nix deine Schuld, Huck, du nix konnten wissen von

Schlangenhaut-Unglück!«

Als es Morgen ward sahen wir deutlich, wie sich das klare Ohio-Wasser

mit dem schmutzigen Gelb des Mississippi mengte. Nun war's also aus

und vorbei, war verpaßt, soviel war sicher! An ein Zurückgehen, an ein

Stromaufwärtsfahren mit dem Floß war nicht zu denken, es blieb uns nur

übrig, unser Heil in dem Boot zu probieren. Im Augenblick ließ sich

nichts andres thun als die Nacht abzuwarten. So schliefen wir denn den

ganzen Tag im Weidendickicht, um uns fürs Kommende zu stärken, und als

wir gegen Abend zum Floß gingen, war das Boot, unsere letzte Hoffnung,

-- fort! Losgerissen, fortgeschwemmt von der Strömung!

Lange, lange sagten wir kein Wort, wir wußten, daß die Schlangenhaut

nochmals im Spiel gewesen. Was ließ sich da also sagen? Das hätte am

Ende nur noch mehr Unglück heraufbeschworen; es war daher das Beste,

geduldig stille zu halten! --

Dann berieten wir uns, was wir nun anfangen wollten, und fanden, daß

es ratsam sei, ruhig im Floß weiter zu treiben, bis wir uns einmal

irgendwo ein Boot verschaffen, d. h. kaufen könnten. Auf meines Alten

Art eins zu ›leihen‹, kam uns nicht in den Sinn, man hätte uns am Ende

dabei abfassen können. --

Also vorwärts auf dem Floß und gute Miene zum bösen Spiel gemacht! Nach

Einbruch der Dunkelheit setzten wir denn auch unsern Weg fort.

Wer bis jetzt vielleicht noch nicht fest geglaubt hat an das Unglück,

welches das Anfassen einer Schlangenhaut bringt, der wird's nun

unfehlbar thun, wenn er hört, wie es uns weiter ergangen!

Nirgends konnten wir eine Gelegenheit entdecken, uns ein Boot zu

verschaffen, so viel wir auch ausspähten. Sonst begegnet man doch

immer Flößen oder dergleichen, die ein übriges Boot haben und es

gerne abgeben, aber nein, wir sollten kein Glück haben! Die Nacht

wurde schwärzer und schwärzer, es war beinahe so schlimm wie Nebel,

man konnte die Hand kaum vor den Augen sehen, geschweige denn den

Strom überblicken. Allmählich war's spät geworden und sehr still

und da hören wir ein Dampfboot in der Entfernung heranbrausen. Wir

zündeten unsere Laterne an, damit man uns sehen könne. Wir hörten das

Schnauben und Keuchen der Maschine näher und näher, konnten aber erst

etwas entdecken, als das Ungetüm schon ganz dicht bei uns war und wir

merkten, daß es direkt auf uns lossteuerte. Das thun die großen Dampfer

manchmal, um zu zeigen, wie geschickt sie im Lenken des Kolosses sind.

Wenn sie nun so dicht an einem vorbeistreifen und das Rad ein Ruder

faßt und abknackst, da streckt dann wohl der Steuermann lachend den

Kopf heraus und meint wunder, welche Heldenthat er vollbracht. Wir

dachten, sie wollten dies auch bei uns probieren und waren selbst

voller Erwartung, wie es gelingen würde. Das Ungetüm kam aber näher und

näher, furchtbar schnell, und sah aus, wie eine dicke, pechschwarze

Wolke mit kleinen Glühwürmchen gespickt. Und ehe wir uns nur besinnen

konnten glühten schon dicht über uns die weitoffenen Luken des

Maschinenraums wie feurige Schlünde, bereit, uns zu verschlingen. Man

schrie uns zu, gellendes Pfeifen ertönte, Dampf zischte und qualmte,

Jim wälzte sich von der einen, ich von der andern Seite über Bord und

im selben Moment krachten und splitterten die Planken unseres Floßes,

in Fetzen gerissen, auseinander.

[Illustration]

Ich tauchte unter und suchte möglichst auf den Grund zu kommen, um das

Rad des Dampfers, der über mich wegrauschte, nicht zu genieren. Eine

Minute hab' ich's immer unter Wasser aushalten können, diesmal blieb

ich wohl anderthalb, aber dann schoß ich auch nur so nach oben, sonst

wäre ich im nächsten Moment geborsten. Als ich bis an die Schultern

wieder an der Luft war, blies ich erst das Wasser aus den Nüstern

und prustete und keuchte mich zurecht. Vom Dampfer konnte ich nichts

mehr sehen in der argen Finsternis, hörte nur noch das Schnauben und

Stampfen und fühlte die wilden Wellen. Man hatte nach ein paar Sekunden

Aufenthalt die Maschine wieder in Gang gesetzt und dampfte nun davon,

ohne sich weiter um das elende, kleine Floß zu kümmern.

Ich rief nach Jim, wieder und wieder, aber vergebens. Weiß Gott,

was aus dem armen Kerl geworden! Eine Planke trieb gegen mich, die

erfaßte ich und ließ mich eine Weile treiben, um zu ruhen und nach Jim

auszuspähen. Ich konnte aber nichts entdecken, vielleicht war er doch

dem Ufer zugeschwommen. Die Strömung trieb nach der linken Seite, so

überließ ich mich derselben, in der Hoffnung, daß Jim es ebenso machte,

und so erreichte ich denn auch nach einiger Anstrengung sicher das Ufer.

Hier lief ich hin und her und schrie: Jim, Jim! Aber kein Jim war zu

hören und zu sehen und endlich fiel ich todmüde und elend an einem Baum

zu Boden und weinte mich in Schlaf -- mir war gar so einsam und allein

zu Mute! So öde -- so verlassen von aller Welt!

[Illustration]

Siebzehntes Kapitel.

Jim findet sich wieder. -- Floß zurückgewonnen. -- Neue

Kameraden! -- Der Herzog von Somerset. -- Königliches

Schicksal. -- Eine Gebetsversammlung. -- Der Wolf unter den

Schafen.

Als ich am andern Morgen erwachte, stand die Sonne schon hoch am

Himmel. Ich brauchte ein paar Augenblicke, bis ich mich auf die

Abenteuer der letzten Nacht besinnen konnte. Ich richtete mich auf und

sah mich um, meinte, ich müsse Jims altes, treues, breites Gesicht

irgendwo aus dem hohen Ufergras auftauchen sehen, aber nichts regte

sich, -- ich rief, ein-, zweimal, -- alles blieb still. Da erhob ich

mich mühsam und schlich mich, elend, zerschlagen und ganz mutlos,

flußabwärts dem Ufer entlang. Das Wasser behielt ich scharf im Auge,

vielleicht konnte ich doch wenigstens seine Leiche -- ich meine Jims

Leiche -- entdecken und so Gewißheit darüber erlangen, was aus dem

armen Kerl geworden war. Da ich nichts zu essen hatte, rebellierte

mein Magen sehr gegen die weitere Entdeckungsreise am einsamen Fluß.

Der Hunger hätte mich weit lieber landeinwärts, bewohnten Gegenden zu,

getrieben; ich aber konnte Jim nicht ohne weiteres aufgeben. Lange,

lange schlenderte ich so hin, ohne das geringste zu entdecken. Ziemlich

weit vor mir sah ich den Wald in scharfem Bogen bis zum Wasser hin

reichen. Denk' ich, bis dahin gehst du noch und ist Jim dort auch

nicht, so hat ihn richtig die Schlangenhaut ins Unglück gebracht.

Entweder ist er dann ertrunken, oder aber am Ufer Leuten in die Hände

gefallen, die ihn für einen der durchgebrannten Nigger gehalten und

ihn festgenommen haben. So schlepp' ich mich denn noch weiter, immer

auf den Wald zu. Das Ufer griff dort landzungenartig in den Fluß

hinein, so daß man einen freien Ausblick auf das Wasser haben mußte.

Endlich bin ich dort und schau' mich um und -- was seh' ich? Von Jim

-- nichts, aber -- einen Teil von unsrem Floß, dem guten, alten Floß,

und zwar den größeren, mit der Hütte drauf. Die war nun freilich etwas

zusammengerissen, der Dampfer war haarscharf dran hingestreift, aber

sie stand doch noch. Ich wußte gar nicht wie mir war! Ich sank fast in

die Kniee vor freudiger Erregung und mußte auf allen Vieren draufzu

kriechen. Wie ich näher komm', seh' ich, daß das Ding sogar mit einem

Seil am Ufer festgemacht ist und nicht, wie ich dachte, zufällig dort

hängen geblieben war. Das macht mich stutzig! Vorsichtig kriech' ich

näher und schiel' erst einmal durch einen Spalt in die Hütte hinein.

Und richtig -- leer war sie nicht. In der einen dunklen Ecke liegt's

wie ein großer Klumpen zusammengeballt, und jetzt regt es sich, --

Arme und Beine und ein schwarzer Wollkopf hebt sich und -- weiß Gott,

ich glaub' ich hab' laut aufgeschrieen, und dann muß ich geweint haben

wie ein kleines Kind, denn als ich dann wieder zu mir kam, hielt mich

Jim in den Armen und mein Gesicht war ganz naß von Thränen und seines

auch. Wer aber von uns beiden diese geweint hat, weiß ich nicht recht.

-- Dann setzten wir uns zusammen und ich sprudelte und stammelte alle

meine Angst, meinen Kummer und meine Verzweiflung hervor, die mich

diesen Morgen beim Aufwachen gepackt hatte. Dann erzählte Jim:

»Huck, Herzensjung', weißt du, wie sein kommen Dampfer und sein kommen

so ganz schrecklich nah, Jim denken, das beste wäre, sich ins Wasser

zu rollen. Jim 's thun un bleiben lang unten, kommen dann mal rauf,

hören aber noch Schiff un gehen gleich wieder 'nunter. So noch mal un

noch mal. Denken, wollen nix gleich fortschwimmen, wollen erst mal

sehen nach gute, alte Floß. Un wie Jim dann wieder rauf kommen, Jim

sehen dicke schwarze Schiffsklumpen schon weit weg un kleine, schwarze

Klumpen hinter sich. Er schwimmen auf kleine, schwarze Klumpen zu, weil

er denken, holla, sein am Ende Floß, un richtig, wie er kommen hin,

sein warraftig diese Stück Floß un sein alte, gute Hütte noch da un gar

nix viel fort. Jim also rein in Hütte.«

[Illustration]

»Hast du mich denn gar nicht rufen hören, Jim?« frag' ich, »hab' da

drüben am Ufer so schrecklich nach dir gebrüllt!«

»Jim gar nix hören, sein zu viel weit weg! Jim immer denken, Huck sein

gewiß am Ufer mit Strömung, un die sein links; so Jim auch kommen links

mit Floß un finden Huck dann am Morgen. Un so sein's dann auch gewesen!«

Ja, so war's gewesen, Gott sei Dank! Da waren wir drei denn wieder

beisammen: Jim und das Floß und ich. Keine Schlangenhaut hatte uns was

anhaben können; aber viel drüber reden thaten wir lieber nicht! Jim

machte mir ein Frühstück zurecht und ich ließ mir's köstlich schmecken.

Danach machten wir uns an die Ausbesserung unsres Floßes, das fast um

die Hälfte kleiner geworden war, aber doch immerhin noch reichlich

Raum bot. Vor Abend waren wir fertig damit und nun konnte das alte

Leben wieder losgehen.

Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn · 第 8 / 22 段