nur wissen vom alten König Sallermon un -- ja, von die Kartenkönige!
Wie viel so ein König denn kriegen?«
»Kriegen?« sag' ich, »was die kriegen? Tausend Dollars im Monat, oder
mehr, so viel sie wollen kriegen sie, alles gehört ihnen ja!«
»Hui, das sein schön! Was sie haben zu thun, Huck?«
»Thun? nichts! Könige thun gar nichts, Jim, die sitzen nur so herum!«
»Nein, warraftig?«
»Natürlich, Jim, ganz gewiß, die sitzen nur so herum. Vielleicht wenn's
Krieg giebt müssen sie einmal aufstehen und mitgehen, aber sonst
faulenzen sie nur so in allen Ecken herum oder jagen oder fi--scht,
hast du nicht 'was gehört?«
Wir krochen vor und lauschten, es war aber nur das Geräusch einer
Dampferschaufel. Ein Dampfer verschwand eben an einer Biegung des
Flusses und so zogen wir uns denn wieder zurück.
»Ja,« fuhr ich fort, »und manchmal, wenn's ihnen gar zu langweilig
wird, ärgern sie das ›Parlerment‹ ein bißchen oder lassen ein paar
Köpfe abhauen. Gewöhnlich aber halten sie sich im Harem auf!«
»Im -- wo?«
»Im Harem!«
»Was das sein?«
»Der Ort, wo sie die Weiber halten. Was, du weißt nichts vom Harem,
Jim? ›Sallermon‹ hat ja auch einen gehabt mit einer Million Frauen
drin!«
»Ach -- warraftig, alte Jim haben ganz vergessen, warraftig -- das
sein so! Jim denken, Harem sein so groß wie große Wirtshaus! He, Huck?
Müssen haben ganze Haus voll Kinnerstuben, nix als wie schreien, nix
als wie zanken! Schreien die Kinner, zanken die Weiber! Alte Sallermon
sein nix gewesen weiser Mann, wie Leute sagen. Sein gar nix gewesen
weise, alter Jim sagen. Weiser Mann nix gehen un bauen ein Haus un
stopfen ihr voll Weiber un Kinner, un sitzen in die Mitt' von all die
Lärm un Geschrei. Weiser Mann nix thun so dumme Sach', er bleiben schön
allein oder bauen ganz kleine Laden un verkaufen Ziehgarren un Whiskey,
un schließen die Laden, wann er wollen Ruhe haben. Un _eine_ Weib sein
ganz genug für weise Mann un keine so vielen Kinner -- nein, Jim sagen,
Sallermon sein gar nix weise!«
»Er war aber doch der weiseste König, der ›Sallermon‹, das hat mir
schon die Witwe gesagt, und die Witwe die weiß es!«
»Jim nix wollen wissen, was der Witwe sagen -- Sallermon sein nix
weise! Er sein halber verrückt, Jim sagen. Du hören von die Kind, die
er wollen hauen entzwei?«
»Ja, das hat mir die Witwe gerade erzählt und --«
»Drum eben! Waren das nix verrückt? Du hören eine Augenblick! Dort
die Baumstumpf sein _eine_ Frau, du dort sein die _anner_, Jim sein
Sallermon un hier Dollarschein sein Kind! Baumstumpf un du wollen haben
der Schein. Jim nix gehen un fragen der Nachbarn, wem sein der Schein,
dir oder anner Frau, Jim nix als nehmen Schein, reißen ihn in zwei
Stücken un sagen: hier _du_ haben, un hier _du_! Sein das weise? Du nix
haben, anner Frau nix haben! So Sallermon wollen thun mit der Kind! Jim
dir nun fragen, was sein halbe Schein wert? Nix! Was sein halbe Kind
wert? Wieder nix! Sein eine _Million_ halber Kinner nix, gar nix wert!
Nein, Sallermon nix sein weise!« --
»Aber Jim, laß dich begraben, du hast ja gerad' am Kernpunkt
vorbeigeschossen, Gott straf' mich, tausend Meter weit vorbeigeschossen
sag' ich dir!«
»Wer haben geschossen? Jim? Du dir lassen begraben! Du nix Jim kommen
mit deine Kernpunkt. Jim wissen, was sein dumm, wann er sehen was
Dummes, un alter Sallermon _waren_ dumm mit die Kind! Ueber was sein
der Streit angefangen, he? Ueber halbe Kind oder ganze Kind? Jim sagen
über ganze Kind, un du da nix können machen gut mit halbe Kind, und
wann Sallermon denkt das, er sein dumm, Jim sagen, sein nix wert, daß
Sonn' ihn warm machen. Du mir nix kommen mit Sallermon, sein nix Jim
seine Freund!«
»Aber, Jim, wahrhaftig, hör' doch, darum handelt sich's ja gar nicht,
der Kernpunkt --«
»Kernpunkt sein verd--! Jim wissen, was er wissen. Und du, Huck, Jim
dir was sagen! Deine ›Kernpunkt‹ sein viel wo anders, sein ganz, ganz
tief da drunten, liegen in Sallermon seine Eltern, die 'n haben falsch
erzogen! Du nehmen einmal eine Mann, der nur haben zwei oder drei
Kinner! Da nix sein verschwenderisch mit! Der wissen gut, was Kinner
sein wert! Aber dann du nehmen eine Mann, der haben fünf Millionen
Kinner in seine Haus rumstolpern, der sein ganz anners! Er nix fragen,
ob sein Kind oder Katz', was er entzweihacken, sein so viele da,
er können entbehren eins oder zwei! Un alter Sallermon -- er nix
fragen nach Dutzend mehr oder weniger, er haben Vorrat -- _das_ sein
Kernpunkt, Huck, du alte Jim können glauben!«
So ein Nigger ist noch gar nicht dagewesen! Wenn der sich etwas
in den Kopf setzt, so treibt's ihm kein Kuckuck heraus! Hat 'nen
harten Schädel, der alte Jim, und der ›Sallermon‹, der hat's bei ihm
verschüttet, ein für allemal. So ließ ich den ›Sallermon‹ denn fallen
und erzählte Jim von einem andern König, über den ich eben las, von
Ludwig dem Sechzehnten von Frankreich, dem sie dort einmal den Kopf
abgeschlagen haben, und von seinem kleinen Sohn, dem Delphin, der König
hätte werden sollen als sein Vater keinen Kopf mehr hatte, um die Krone
drauf zu setzen, den sie aber in den Kerker warfen, wo er denn auch
gestorben sein soll, -- so sagen die Leute, wenigstens die meisten.
»Arme kleine Kerl!«
»Aber, denk' einmal, Jim, viele sagen auch, er sei nicht gestorben,
sondern durchgebrannt und hierher zu uns nach Amerika gekommen!«
»Das sein gescheit! Aber, Huck, kleine Kerl werden sein ganz allein,
werden haben Heimweh, sein hier nix von Könige bei uns -- er sein ganz
allein!«
»Ja, Könige findet er hier nicht, das ist wahr!«
»Wird nix haben zu thun, arme Kerl! Wovon er leben?«
»Ja, das weiß ich auch nicht. Er kann vielleicht bei der Polizei
angestellt werden, oder französische Stunden geben!«
»Was, Huck, sprechen die französische Leut' nix wie wir?«
»Nein, Jim, bewahre! Man kann kein Wort verstehen, wenn sie 'was sagen.«
»Ei du mein Himmel! Jetzt aber Jim wissen gar nix, was er sollen
denken! Woher das kommen, Huck?«
»Ja, ich weiß das nicht, aber so ist's! Ganz gewiß! Wart' einmal, ich
hab' da etwas in meinem Buch gefunden, Jim, wenn 'mal einer zu dir käme
und sagte: ›Pallewuhfranzä‹? was würdest du da denken?«
»Denken? Jim gar nix denken. Jim ihm hauen die Kopf voll, aber nur,
wenn er nix sein Weißer; Jim sich nix lassen so schimpfen von Nigger!«
»Dummheit! Das ist doch nicht geschimpft! Der will dich nur fragen, ob
du französisch sprichst.«
»Warum er's denn nix sagen?«
»Aber, er sagt's ja, nur auf französisch!«
»Das sein dumm, Jim nix wollen hören davon, sein ganz zum Lachen dumm!«
»Jim, gieb 'mal acht: spricht denn eine Katze wie wir?«
»Nein, warraftig, aber --«
»Thut's 'ne Kuh?«
»Nein, auch nix, aber --«
»Spricht die Katze wie die Kuh, oder die Kuh wie die Katze?«
»Nein, gar nix, aber --«
»Und das ist ganz natürlich, daß jedes Tier anders spricht, nicht?«
»Jim sollen denken ja -- aber --«
»Wart', wart', nur einen Augenblick! Ist es nicht auch ganz natürlich,
daß ein Tier anders spricht wie wir, he?«
»Warum du fragen so dumm, Huck?«
»Also warum soll ein Franzose denn nicht anders reden wie wir?«
»Sein Katze ein Mensch, Huck?«
»Nein!«
»Gut, warum sollen Katze reden wie Mensch? Sein Kuh Mensch? Oder sein
Kuh Katz'?«
»Nein, eine Kuh ist 'ne Kuh!«
»Gut, so sie brauchen nix zu reden wie Katz un Mensch! Sein Franzose
Mensch?«
»Na, ob!«
»Also! Warum er dann nix reden wie Mensch? Das möcht ich wissen, Huck!«
Das war mir zu viel! Streit' einer mit einem Nigger! Die Schädel sind
zu hart. Ich gab's auf. --
[Illustration]
Fünfzehntes Kapitel.
Huck verliert das Floß aus Sicht. -- Im Nebel. -- Wiederfinden.
-- Träume. -- Unrat!
In weiteren drei Nächten dachten wir mit Leichtigkeit bis nach Kairo zu
kommen, ganz unten in Illinois, wo der Ohio in den Mississippi fließt,
das war das eigentliche Ziel unserer Fahrt. Dort wollten wir dann das
Floß verkaufen, auf ein Dampfboot gehen, den Ohio hinauf fahren, bis zu
den Staaten, wo die Nigger frei waren, um dann außer aller Gefahr zu
sein.
In der zweiten Nacht kam ein dicker Nebel herunter; wir suchten daher
nach einem Ort, um bequem anlegen zu können, denn eine Fahrt im Nebel
lockte uns nicht. Ich ruderte im Boot voraus, fand aber zum Anbinden
nichts als junge Bäumchen. Ich schlang die Leine um eines derselben;
unglücklicherweise gerade an einer Stelle, wo das Ufer einen Vorsprung
bildete und eine scharfe Strömung entstand. Von derselben erfaßt schoß
das Floß nur so dahin, und eh' ich mich's versah, hatte es sich vom
Boot losgerissen und war auch schon im Nebel verschwunden. Ich seh'
noch, wie dieser sich hinter ihm schließt; mir wurde ganz schwarz vor
den Augen und ich konnte mich kaum rühren, viel weniger einen Laut von
mir geben. Denk' ich, nun bist du verloren, verlassen gewiß, denn Jim
ist weg auf Nimmerwiedersehen! Ich stürze ins Boot und falle über die
Ruder her, aber es weicht nicht von der Stelle; ich hatte vergessen, es
loszubinden. Ich probier' jetzt den Knoten zu lösen, aber ich war so
aufgeregt und meine Hände zitterten so, daß ich nichts anfangen konnte.
Als ich dann endlich flott war, setzte ich hinter dem Floß her, hielt
mich, so lang' ich konnte, in der Nähe des Ufers, um die Richtung nicht
zu verlieren, kam aber doch schließlich ab und mitten in den dicken
Nebel hinein und wußte nun gerade so wenig wie ein Toter, wohin ich
getrieben wurde.
Denk' ich, rudern lohnt sich hier nicht, sitzest am Ende doch nur auf
einer Sandbank fest, läßt dich lieber vom Wasser treiben, das ist
jedenfalls sicherer. Aber still sitzen und die Hände in den Schoß
legen, wenn man innerlich wie mit Dampf geladen ist, um vorwärts zu
kommen, ist eine mißliche Sache. Ich konnt's kaum fertig bringen und
rutschte auf meiner Bank herum, rief dann einmal und lauschte auf
Antwort. Plötzlich hör' ich den Strom herauf einen schwachen Ruf und da
kommen mir auch die Lebensgeister und der Mut wieder. Ich drauf los,
hör's noch einmal, merk' aber auch, daß ich in ganz anderer Richtung
bin, viel zu viel nach rechts. Dann hör' ich's wieder und diesmal zu
weit links, komm' auch nicht näher, denn mit dem Hin und Her verlier'
ich Zeit und das Floß treibt offenbar immer gerade fort! --
Ich hoffte nun, der Narr von Jim würde einen alten Blechdeckel nehmen
und ordentlich Lärm schlagen, wer's aber nicht that war er, und gerade
die Pausen zwischen den verschiedenen Rufen machten mich so irre. Na,
ich immer voran, aber man denke sich mein Erstaunen, als ich plötzlich
den Ruf _hinter_ mir höre. Da war guter Rat teuer. Entweder kam der Ruf
von jemand anders her, oder hatte sich das Boot gedreht. Nun wußte ich
nicht ein noch aus!
Ich ließ die Ruder sinken. Wieder kam der Ruf, immer noch hinter mir,
aber von ganz wo anders her; er kam immer näher, aber es wechselte
beständig und ich antwortete stets, bis der Ruf nach und nach wieder
von vorne kam und ich merkte, daß die Strömung mein Boot wieder in das
richtige Geleise stromab gebracht haben müsse. Jetzt war alles wieder
gut, wenn's nur Jim war, der da rief, und nicht sonst jemand; denn bei
Nebel erkenn' der Kuckuck die Stimmen, im Nebel sieht alles geisterhaft
aus und lautet auch so.
Das Rufen dauerte an und nach einer Minute etwa stieß ich hart an
einer Sandbank auf, von der alte Baumstümpfe wie Geister aus dem Nebel
aufragten. Die Strömung packte mich und warf mich zur Linken, hart an
vorstehenden Baumzweigen vorbei, die ordentlich pfiffen, so sauste das
Wasser an ihnen dahin.
Im nächsten Moment war alles wieder Nebel und still. Ich hielt mich
ganz ruhig und hörte nur wie mein Herz hämmerte und klopfte, während
ich kaum zu atmen wagte.
Nichts war mehr zu hören und nun wußte ich auch genau, woran ich war.
Die Sandbank, auf welche ich, wie ich glaubte, aufgerannt, war eine
Insel, und die Strömung hatte mich zur Linken gerissen, während Jim
drüben auf der Rechten dahintrieb. Und die Insel schien nicht klein.
Ab und zu konnte ich durch den Nebel hohe Bäume sehen, und das konnte
stundenlang so weiter gehen; wer konnt's sagen, ob ich je wieder Jim
und das Floß erreichen würde?
Ich hielt mich ganz still und spitzte die Ohren soviel ich konnte.
Alles umsonst. Ich wurde schnell immer weiter und weiter gerissen,
denn die Strömung war stark; aber das wird einem nicht klar, man fühlt
es kaum. Im Gegenteil! Man meint ganz, ganz still zu liegen auf dem
Wasser, und wenn man einen Baum oder sonst was vorbeihuschen sieht,
kommt es einem gar nicht in den Sinn, daß man _selber_ so schnell
fährt, sondern man hält den Atem an und denkt, ei, hat's der Baum aber
einmal eilig! Wer's nicht glaubt, wie unheimlich und einsam es einem
zu Mut ist, so allein im Nebel auf dem Wasser, mitten in der stillen,
dunklen Nacht, der soll nur einmal hingehen und 's probieren, dann wird
er schon sehen.
Nach vielleicht einer halben Stunde fing ich wieder an zu rufen, denn
ich dachte, nun könne die Insel endlich ein Ende haben, und wahrhaftig,
ich hörte auch einen Antwortruf, aber weit, weit weg. Ich versuchte,
demselben zu folgen, bracht's aber nicht fertig. Gleich drauf kam es
mir vor, als sei ich in ein ganzes Nest von Inselchen geraten, denn
ein schwacher Schein derselben war alle Augenblicke zu beiden Seiten
sichtbar und zuweilen war es mir, als führe ich durch einen schmalen
Kanal. Manche von den Eilanden konnte ich gar nicht unterscheiden,
aber daß sie vorhanden waren, merkte ich an dem Rauschen der Strömung,
die sich an dem herüberhängenden Gesträuch und Laubwerk brach. Die
Rufe konnte ich immer von Zeit zu Zeit wieder hören, aber der Richtung
folgen zu wollen wäre schlimmer gewesen als die Jagd auf ein Irrlicht,
so sprang der Ton hin und her, von einer Richtung zur andern.
Dann mußte ich auch mit dem Ruder nachhelfen, daß ich nicht einmal
irgendwo aufsaß und irgend einen von den kleinen Landbrocken
unversehens vom Platz rückte. Ich vermutete, daß auch das Floß aus
demselben Grund so langsam vorwärts kam, denn nach dem Rufen zu
urteilen -- immer vorausgesetzt, daß es Jim war, der da rief, -- trieb
es jetzt kaum schneller, wie ich selbst, dahin.
Nun schien ich wieder im freien Fahrwasser angelangt zu sein, konnte
aber mit einem Male gar nichts mehr hören. Denk ich, Jim ist ganz
sicher irgendwo angeprallt und Floß und Jim sind weg und verloren! Ich
war so müde und erschöpft, so traurig und mutlos, daß ich mich ruhig
in mein Boot legte und mir sagte: nun läßt du alles gehen wie's kommt!
Schlafen wollte ich eigentlich nicht, aber allmählich fielen mir doch
die Augen zu, ohne daß ich's merkte, und ich nickte ein.
Aber es muß wohl mehr wie ein bloßes Einnicken gewesen sein, denn wie
ich wieder zu mir selbst kam, war der Nebel weg, die Sterne standen
klar am Himmel und ich trieb auf einer ruhigen, breiten Wasserfläche
still dahin. Erst dachte ich, es sei ein Traum, wußte nicht wo ich war,
und als mir allmählich die Erinnerung an alles aufdämmerte, schien es
mir, als sei's in voriger Woche gewesen.
Der Fluß war hier furchtbar breit, mit großen, alten, hohen Bäumen
zu beiden Seiten, die wie dicke Mauern dastanden, so viel ich im
Sternenlicht sehen konnte. Nun späh' ich nach vorn und entdecke einen
schwarzen Punkt mitten im Wasser. -- Ich drauf los; wie ich aber
hinkomme ist's nichts als ein paar zusammengebundene Baumstämme. Wieder
seh' ich was Schwarzes, jag' dem Ding nach und wieder ist's nichts,
dann aber noch ein dunkler Punkt, ich hinterdrein und wahrhaftig, das
ist's -- ist das Floß mit Jim und allem.
Wie ich hinkomme sitzt Jim da mit dem Kopf zwischen den Knieen, fest
eingeschlafen, den Arm noch über das Steuerruder geworfen. Das andre
Ruder war mitten durchgebrochen und das Floß selbst ganz bedeckt mit
Laub, abgerissenen Baumzweigen und Schlamm. Da ist's auch nicht sanft
hergegangen, denk' ich.
Ich leg' mein Boot fest, streck mich lang und breit vor Jims Nase auf
den Boden, fang an zu gähnen, mich zu recken und zu strecken und Jim
anzustoßen. Sag' ich:
»Herrje, Jim, ich hab' wohl gar geschlafen, warum hast du mich denn
nicht wach gerüttelt?«
»Großer, allbarmherziger Himmel! Sein das du, Huck? Sein du nix tot?
Nix vertrinkt? Sein du wieder da? Sein zu schön, zu gut für wahr zu
sein. Jim gar nix können glauben, arme alte Jim denken, er träumen! Da
Jim lassen sehen, lassen fühlen, ob du sein Huck! Nein, du nix sein
tot, du sein wieder da, gute, alte, treue Huck -- ganz die alte, treue
Huck, Gott sei Lob und Dank und Preis und Ruhm!«
»Hallo -- drei Schritte vom Leib, Jim! Was ist denn los, alter Kerl?
Hast wohl ein Gläschen zu viel gehabt?«
»Wer -- alte Jim? Gläschen zu viel? Alte Jim nix haben gehabt Zeit zu
denken an Trinken!«
»Weshalb läßt du denn solchen Unsinn los?«
»Was -- Unsinn?«
»Wie? Und du fragst noch, Jim? Hast du nicht von Weggehn, Ertrinken
und Wiederkommen geschwatzt? -- und ich lieg' hier und schlaf' wie 'ne
Ratte!«
»Huck -- Huck Finn, du sehen Jim in die Augen, sehen alte Jim in die
Augen! Sein du denn nix weg gewesen?« --
»Weg gewesen? -- Aber Jim, was, zum Henker, willst du denn eigentlich?
Weg gewesen? Wo in der Welt soll ich denn gewesen sein?«
»Alte Jim sein ganz dumm von alles! Hier etwas nix sein richtig! Sein
Jim ich, oder was sein Jim? Sein Jim auf die Floß oder wo? Jim wollen
das wissen -- alte Jim sein ganz toll!«
»Na, ich denk', daß du auf dem Floß bist, Jim. Das ist ebenso klar, als
daß du ein ganz verrückter, alter Kerl bist.«
»Also Jim sein Jim? Dann du mir sagen, Huck, du mir sagen, Huck, sein
du nix gegangen in Boot zu machen fest der Floß?«
»Wo denn? -- Wann denn?«
»Du nix machen fest Floß und dann kommen Wasser -- brr -- un reißen
Floß los un Floß schießen immerfort, immerfort un lassen Huck un Boot
hinten in Nebel?«
»In welchem Nebel?«
»Ei -- in die Nebel, dicke, weiße, große Nebel, was sein gewesen in die
Nacht. Un hat nix Jim gerufen un geschreit, un Huck wieder gerufen un
geschreit, bis sein gekommen die viele Insel un Huck ging verloren un
Jim beinahe verloren! Arme Jim gar nix wissen wo sein! Un sein nix Floß
gerannt, un gerannt an alle der Insel, un Jim sein fast ertrinkt un
sein gewest so, so traurig? Sein das so, Huck, oder sein das nix so? Du
Jim sagen!«
»Na, das ist mir zu hoch, Jim! Ich hab' keinen Nebel, keine Inseln,
kein Aufrennen, gar nichts gesehen! Ich hab' die ganze Nacht hier
gesessen und mit dir geschwatzt bis vielleicht vor zehn Minuten und
dann bist du eingenickt und ich werd's wohl auch so gemacht haben.
Getrunken kannst du da wohl nichts haben, es muß also ein Traum gewesen
sein!«
»Hol's der un jener, Huck, -- das nix können sein wahr, Jim nix können
träumen alle das in zehn Minuten, -- nix können sein wahr!«
»Na, dann glaub's nicht, Dickkopf, aber geträumt muß es doch gewesen
sein, denn passiert ist's nicht!«
»Aber, Huck, Jim wissen alles, alles -- sein so klar wie --«
»Darauf kommt's nicht an, wie klar dir's ist, alter Faselhans, es ist
doch nichts dran! Ich werd's doch wissen, war ja die ganze Zeit hier!«
Fünf Minuten lang sagte nun Jim nichts weiter, sondern brütete nur so
vor sich hin, dann fing er an:
»Also Jim haben geträumt, Huck? Du das sagen, dann müssen sein wahr!
Aber Huck -- sein gewesen so ganz schrecklich natürliche Traum, wie Jim
nie nix haben gehört. Jim nie nix haben je geträumt, was machen so müd!«
»Ach, das ist gar kein Wunder, so geht's oft, wenn man recht lebhaft
träumt, da kann man nachher kein Glied regen. Deiner scheint aber
wahrhaftig der reine Durchhautraum gewesen zu sein, so verhagelt siehst
du aus, -- leg' mal los, Jim, und erzähl'!«
Nun fing Jim an und erzählte die ganze Geschichte von vorn bis hinten,
nur schmückte er alles gewaltig aus. Dann meinte er, nun müsse er
versuchen, den Traum auszulegen, denn er sei uns sicherlich zur
Warnung gesandt von oben. Er sagte, unser erster mißglückter Versuch
zum Anlegen bedeute, daß uns irgend einer Gutes thun wolle, nun aber
komme der Feind, die Strömung, und risse uns weg. Das Rufen, das er
dann gehört und selbst ausgestoßen, seien Mahnungen des Schicksals,
die wir versuchen müßten recht zu verstehen, sonst brächten sie uns
Unglück, statt uns davor zu behüten. Die Inseln schließlich und unsere
Arbeit und Gefahr, dran vorüber zu kommen, seien Streitigkeiten mit
bösen Menschen, in die wir verwickelt werden würden; wir aber müßten,
ohne uns viel drum zu kümmern, sehen, wie wir an den Inseln ungefährdet
vorüber kämen und durch den dicken Nebel ins glatte Fahrwasser, das
heißt in die freien Staaten, wo dann all unsre Not ein Ende habe. --
Der Himmel hatte sich wieder tüchtig umwölkt gehabt, allmählich aber
blitzten doch einige Sternchen hindurch.
»Das ist alles recht schön und gut, Jim, du hast deine Sache brav
gemacht, aber -- was bedeutet denn das da?«
Dabei deutete ich auf die Blätter, die abgerissenen Baumzweige, und den
Schlamm, womit das Floß ganz übersäet war. Man bemerkte es deutlich
beim Licht der Sterne.
Jim starrte drauf hin, dann mir ins Gesicht, dann wieder auf all das
Zeug, ohne eine Silbe zu erwidern. Der Traum schien sich in seinem Hirn
so eingenistet zu haben, daß es ihm schwer wurde, die Idee davon fahren
zu lassen und sich mit der Wirklichkeit vertraut zu machen. Dann, als
ihm das Ding doch wirklich endlich klar wurde, sah er mich an, lange,
starr, ohne eine Spur von Lächeln, beinah' traurig und sagte zuletzt:
»Was das bedeuten Jim dir sagen. Wenn alte Jim ganz müde waren von
Rufen un Rudern un Kummer, dann er denken, Huck sein ganz fort, Huck
sein verloren, alte Jim seine Herz sein beinah gebrochen un er wollen
schlafen un nix mehr hören, nix mehr sehen von der Welt un Elend. Wenn
er dann wach werden, er sehen Huck gesund un heil un ganz vor sich, er
müssen weinen heiße Thränen un wollen küssen deine Füß, so Jim sein
froh un dankbar. Du aber, Huck, nur denken, wie können machen Narr
aus arme alte Jim un schwindeln un lügen. Das Zeug da sein Unrat --
un Unrat es sein, was Leute setzen arme alte Freund in Kopf, zu haben
seinen Spaß daran, wenn arme alte Freund sein betrogen un angeführt!«
Langsam erhob er sich und ging nach der Hütte, ohne etwas Weiteres zu
sagen als das, aber ich hatte genug. Ich fühlte mich ganz furchtbar
beschämt und hätte nun selbst am liebsten seine alten, schwarzen Hufe
geküßt, um ihm meine Reue zu zeigen und die Sache wieder gut zu machen.
Fünfzehn Minuten brauchte ich aber doch, ehe ich mich selbst so weit
gebracht hatte, daß ich einen Nigger um Verzeihung bitten konnte.
Gethan hab' ich's dann und hab's auch nie bereut nachher. Streiche
spielte ich ihm keine mehr und hätte auch den nicht losgelassen, wenn
ich vorher gewußt hätte, daß es dem armen, alten Kerl so leid thun
würde.
[Illustration]
Sechzehntes Kapitel.
Erwartung. -- ›Gute, alte Kairo!‹ -- Eine Notlüge. -- Kairo
verfehlt! -- Wir schwimmen ans Ufer!
[Illustration]
Den ganzen nächsten Tag über schliefen wir bombenfest, die nächtlichen
Abenteuer lagen uns wie Blei in den Gliedern. Am Abend machten wir uns
dann wieder weiter, immer hinter einem kolossal langen Floße her, das
feierlich wie eine Prozession vor uns dahinzog. An Bord waren vier
große Hütten, hohe Flaggenmasten an beiden Enden und in der Mitte
ein freies, lustig flackerndes Feuer, um das viele Männer rauchend,
trinkend und Karten spielend lagerten. Es mochten wohl etwa dreißig
Leute Bemannung darauf sein. Ja, das lohnte der Mühe, Steuermann an
Bord eines solchen Ungeheuers zu werden, das war doch etwas! Unser
kleines Ding kam mir dagegen vor wie eine Wasserfliege, die sich an den
Schwanz einer Seeschlange klammert.