In der fünften Nacht, nachdem wir an St. Louis vorbei waren, kam

ein furchtbares Gewitter mit Donner und Blitz und der Regen goß wie

Bindfaden herunter. Wir verkrochen uns in unsre Hütte und ließen Floß

Floß sein, das schwamm schon von selbst weiter. Beim Schein der Blitze

konnten wir sehen, daß die Ufer felsig und steil waren und auch im

Wasser zeigten sich Felsen. Auf einmal ruf' ich: »Hallo, Jim, sieh'

mal dorthin!« Und was war's? Ein Dampfboot, das an einem der Felsen

gestrandet war. Wir hielten gerade darauf los und konnten es ganz

deutlich sehen beim Schein der Blitze. Ein Teil des Oberdecks ragte

noch aus dem Wasser hervor und wenn gerade ein heller Blitz kam, konnte

man alles was darauf war deutlich erkennen, sogar einen Stuhl, der nahe

bei der großen Schiffsglocke stand, samt einem Hut, der an der Lehne

hing.

Puh, mich überlief's! Es war so schauerlich da draußen in der Nacht

bei dem Sturm und mir ging's wie's jedem Jungen in meinem Alter beim

Anblick des einsamen, traurigen Wracks da mitten im Strom gegangen

wäre, mir gruselte, und doch wollt' ich für mein Leben gern an Bord und

ein wenig dort herumschnüffeln.

»Laß uns anlegen, Jim,« bat ich.

Jim aber war zuerst taub für die Bitte und meinte:

»Jim nix brauchen zu sehen auf Wrack, Jim sein gar nix neugierig. Du

viel besser bleiben davon, oder du dir verbrennen die Finger. Jim nix

wollen haben zu thun mit Polizei!«

»Polizei? Selbst Polizei! Was hätte denn die da zu thun? Das Deck und

das Lotsenhaus zu bewachen, he? Glaubst du, irgend einer riskiere

sein Leben in einer solchen Nacht wegen ein paar alter Planken, die

jeden Augenblick auseinandergerissen und weggespült werden können?«

Jim glaubte das nun keineswegs und so blieb er still. »Und außerdem,«

fuhr ich fort, »können wir uns gewiß etwas aus des Kapitäns Kajüte

pumpen, Jim -- ›Ziehgarren‹, wett' ich, fünf Cents das Stück, feine

Ware, Jim! Dampfboot-Kapitäne sind immer reich, Jim! Haben sechzig

Dollars im Monat und fragen nicht lang was etwas kostet, wenn sie's

brauchen. Komm', steck eine Kerze ein, Jim, ich hab' keine Ruh' mehr,

bis wir dort sind. Meinst du, Tom Sawyer hätte zu so was nein gesagt?

Niemals! Der nicht! Der hätt's ein Abenteuer genannt, ›ein heldenhaftes

Abenteuer‹, so hätt' er's genannt, und wäre an Bord gegangen, wenn's

auch sein Leben gekostet hätte. Und wie hätt' er sich dabei benommen!

Mit Anstand, sag' ich dir! Der hätt' sich hingestellt wie ›Christian

Klumbus‹, als er das tausendjährige Reich entdeckte! Ach, ich wollte

Tom wär' hier!«

Jim brummte noch etwas in seinen Bart, den er nicht hatte, und gab dann

nach. Er sagte aber, wir dürften nur so wenig als möglich reden, nur

das Allernotwendigste und ganz, ganz leise. Der Blitz zeigte uns das

Wrack wieder, gerade rechtzeitig, um anlegen zu können.

Das Deck ragte hier hoch empor. Wir schlichen im Dunkeln auf der

schrägen Fläche nach Backbord auf die Kajüte zu, indem wir uns Schritt

für Schritt behutsam vorwärts bewegten und die Hände ausstreckten, um

nirgends anzustoßen. Wir erreichten auch bald das vordere Ende des

Oberlichts und kletterten in die Oeffnung; noch ein paar Schritte und

wir standen vor der Thür des Kapitäns. Dieselbe stand offen und -- Herr

des Himmels -- ganz im Hintergrund des Ganges, der zum Salon führt,

erblicken wir ein Licht und vernehmen Stimmengemurmel.

Jim flüsterte mir zu, ihm sei sterbensübel und beschwor mich, mit ihm

wegzugehen. Ich sagte: »gut, komm' fort.« Da hörte ich gerade eine

Stimme stöhnen und flehen:

»Ach, laßt mich doch, Jungens, ich schwör's, ich verrat' euch nicht!«

Drauf antwortete eine andre Stimme ziemlich laut:

»Das lügst du, Jim Turner, wir sind dir hinter die Schliche gekommen!

Immer hast du den größten Teil gewollt, wenn's etwas zu teilen gab,

und auch gekriegt, was noch wichtiger ist, weil du uns immer verraten

wolltest, wenn wir's nicht thäten. Diesmal aber haben wir dich

gefangen, Kerl! Gemeiner, verlogener Hund du!«

Jim hatte sich schon lange davon gemacht und mußte bereits beim Floß

angelangt sein, in mir aber regte sich die Neugier immer mehr. Tom

Sawyer hätte nun erst recht nicht locker gelassen, sagte ich mir, und

ich thu's auch nicht, ich muß sehen, was da vorgeht. Ich ließ mich

daher auf Hände und Kniee nieder und kroch in dem kleinen Durchgange in

der Dunkelheit nach hinten, bis mich nur noch die Breite einer Kabine

von dem Salon trennte. Da drinnen lag ein Mann, an Händen und Füßen

geknebelt auf dem Boden, zwei andre standen vor ihm, der eine mit einer

kleinen Laterne, der andre mit einer Pistole in der Hand. Der mit der

Pistole zielte nach dem Kopf des Geknebelten und wiederholte immer

wieder:

»Ich möcht' ihn niederschießen, den Hund, und ich sollt's eigentlich

auch thun -- dieser Verräter!«

Der am Boden krümmte sich dann jedesmal und ächzte:

»Thu's nicht, Bill, thu's, bitte, nicht -- ich sag' gewiß und

wahrhaftig kein Sterbenswörtchen mehr!«

Und als er so wimmerte, lachte der mit der Laterne und höhnte:

»Was Gescheiteres und was Wahreres hast du noch nie gesagt, das schwör'

ich dir!« Und einmal sagte er: »Hör' nur, wie der Kerl bettelt, und

doch, wenn wir nicht stärker gewesen wären als er, hätt' er uns beide

getötet, so gewiß ich hier stehe. Und warum -- weshalb? Für nichts,

rein für nichts! Nur weil wir haben wollten, was uns gehörte. Nur

darum! Ich wett' aber, du drohst keinem mehr, Jim Turner! -- Thu' die

Pistole weg, Bill!«

[Illustration]

Drauf Bill:

»Ich will aber nicht, Jack, ich will den Hund zum Schweigen bringen.

Verdient er's nicht, der schlechte Kerl? Hat er nicht von selbst dem

alten Hatfield den Garaus gemacht?«

»Ich aber will nicht, daß du ihn tötest, und ich habe meine Gründe

dafür!«

»Gott segne dich für diese Worte, Jack, ich werde sie nie vergessen, so

lang ich lebe,« -- schluchzte der am Boden.

Jack hörte nicht auf ihn, hing seine Laterne an einen Nagel und ging im

Dunkeln gerade auf die Stelle zu, wo ich war, indem er Bill veranlaßte,

ihm zu folgen. Ich retirierte wie ein Krebs, so schnell ich konnte. Um

nicht entdeckt zu werden blieb mir nur übrig, mich in eine der nächsten

Kabinen zu flüchten.

Vor dem Eingang der Kabine, in welche ich geflüchtet war, blieb Jack

stehen und rief:

»Komm hier herein.«

Und Jack, gefolgt von Bill, trat ein. Ich aber hatte mich zuvor

geschwind in eine der oberen Kojen verkrochen. Sehen konnte ich sie

nicht, wohl aber riechen, so viel Branntwein hatten sie geladen. Gott

sei Dank, daß ich keinen trinke, aber ich glaube, sie hätten's doch

nicht gerochen. Mir war fast der Atem vergangen, so beklommen fühlte

ich mich. Da lieg' aber auch mal einer und atme, wenn zwei dicht unter

seiner Nase solches Zeug verhandeln! Sie sprachen leise und eifrig.

Bill wollte Turner durchaus töten. Spricht Bill:

»Er hat gedroht, uns zu verraten, und er wird's thun, wenn wir ihn

jetzt laufen lassen, und wenn wir ihm selbst unser Teil noch dazu

geben. Das weißt du so gut wie ich, Jack, warum also zögern? Ich bin

dafür, daß wir ihn von dieser Welt erlösen!«

»Ich auch!« bestätigte Jack sehr ruhig.

»Hol's der Teufel, das hab' ich dir bis jetzt nicht angemerkt! Gut

also, voran denn!«

»Wart' noch eine Minute Bill, und hör' mich erst zu Ende, ich bin noch

nicht fertig. Eine Kugel ist ganz gut, aber es giebt auch noch eine

geräuschlosere Art, so was zu thun, wenn's gethan sein muß! Warum

sich in Gefahr begeben, wenn du ganz dasselbe _ohne_ jede Gefahr haben

kannst? Hab' ich nicht recht?«

»Natürlich! Aber was willst du eigentlich thun?«

»Hör' mich an! Ich denke, wir sehen noch einmal alle Räume nach, damit

wir nichts vergessen mitzunehmen, drauf stoßen wir ab ans Ufer und

verbergen die Beute. Dann warten wir's ruhig ab. In weniger als zwei

Stunden geht diese alte Rattenfalle doch auseinander und wenn der

Kerl dann mit ersäuft, wer ist Schuld dran außer ihm? Warum kommt er

her? Merkst du's nun? Ich bin immer dagegen gewesen, einen Menschen

zu töten, wenn man's vermeiden kann, -- 's ist dumm und 's ist

_unmoralisch_!« --

»Da hast du recht! Aber wenn nun die Geschichte nicht so schnell

auseinandergeht?«

»Na, die zwei Stunden wollen wir auf jeden Fall einmal warten. Komm',

vorwärts!«

Sie verdufteten und ich auch, und zwar ziemlich rasch, von kaltem

Schweiß bedeckt. Ich kroch eiligst dahin zurück, wo wir angelegt

hatten. Es war dort so dunkel wie in einer Kuh und ich konnte die Hand

nicht vor den Augen sehen, flüsterte nur ganz leise: »Jim!« Dicht neben

mir stöhnt etwas Antwort.

»Schnell, Jim, wir haben mit Stöhnen gar keine Zeit zu verlieren. Das

ist eine Räuber- und Mörderbande da drinnen, und wenn wir ihr Boot

nicht erwischen und es forttreiben lassen, so ist einer von den Kerlen

arg in der Klemme. Ich möcht' sie aber alle drei zappeln lassen und dem

Sheriff ausliefern. Schnell, eil' dich! Ich will diese absuchen nach

dem Boot, du die andre. Dann setzest du dich ins Floß und --«

»Floß? O Herr, Herr Jemine, Floß? Da sein kein Floß nix mehr! Floß sein

losgerissen, sein fort und arme alte Jim und Huck sein verloren! Sein

kein Floß nix da!« --

Dreizehntes Kapitel.

Flucht aus dem Wrack. -- Der Wächter an der Fähre. --

Untergang. -- Gesunder Schlaf.

Mir ging der Atem aus und ich fiel beinahe um vor Entsetzen. Hier auf

dem Wrack allein mit einer solchen Bande wie die da drunten, das war

kein Spaß! Jetzt _mußten_ wir ihr Boot finden -- mußten's für uns

selbst haben! So krochen wir zitternd und bebend nach Steuerbord zurück

und es schien uns eine Ewigkeit, bis wir zum Hinterteil des Schiffes

gelangten. Ein Boot aber war nirgends, nirgends zu sehen. Jim sagte,

er könne sich kaum noch aufrecht halten, so schlottern ihm die Kniee,

solche Angst habe er in seinem Leben noch nicht ausgestanden. Ach, du

mein Himmel, mir ging's nicht viel besser, aber gesagt hätte ich nichts

um alles in der Welt. Ich trieb ihn nur vorwärts und versicherte ihm,

daß wir, wenn wir hier bleiben, zwischen den Wellen und den Kerlen da

drinnen garstig in der Klemme säßen. Wir also wieder drauf los und

weiter gesucht! Immer vorwärts tastend hatten wir schon beinahe den

Teil erreicht, wo das Deck sich gegen die Wasserfläche gesenkt hatte,

da -- seh' ich einen dunklen Klumpen im schwarzen Schatten da drunten,

und weiß Gott und wahrhaftig, es war ein Boot! Wie froh und dankbar

atmeten wir auf! Eben wollten wir uns hinunterlassen, da öffnet sich

dicht neben mir eine Luke und ein Kopf erscheint. Es ist einer von den

Kerlen! Daß er mich nicht gesehen war das reine Wunder! Er aber dreht

den Kopf nach rückwärts und flüstert:

»Thu' doch die verdammte Laterne weg, Bill, die kann uns ja verraten!«

Er warf einen gefüllten Sack ins Boot, schwang sich selbst nach und

setzte sich. Es war Jack. Dann kam Bill nachgekrochen und war auch

schnell unten. Wispert Jack:

»Fertig -- stoß ab!«

Ich konnte mich kaum mehr festhalten, so schwach wurde mir. Da

flüsterte Bill:

»Wart' ein wenig. Hast du ihn auch noch einmal genau durchsucht, den

Hund?«

»Nein -- hast du's denn nicht gethan?«

»Nein, Gott straf' mich! Da hat der Kerl also noch seinen Teil an Barem

in der Tasche!«

»Nun, dann aber geschwind zurück! -- es hat freilich keinen Wert, all

den Kram fortzuschleppen und das Geld ihm zu lassen. Komm' schnell!«

»Wird er denn aber nicht merken, was wir im Schilde führen?«

»Vielleicht -- vielleicht auch nicht! Einerlei -- haben müssen wir's,

also vorwärts!«

So kletterten die Kerle wieder zurück und verschwanden.

Ob wir flink unten und im Boot drin waren! Mir schien's, als packe uns

ein Wirbelwind! Messer heraus, Leine durch -- auf und los und davon,

eh' einer Amen sagen konnte!

Wir rührten keine Ruder, verloren kein Wort, atmeten kaum. Lautlos

glitten wir davon, totenstill, am Schiff entlang, und waren in ein paar

Minuten außer Hör-, Gesichts- und Schußweite, sahen das Wrack in der

Dunkelheit verschwinden, waren gerettet -- und dankten unserm Schöpfer.

Als wir ungefähr zwei- oder dreihundert Meter entfernt waren, sahen wir

eine Laterne wie ein kleines Sternchen für einen Augenblick über dem

Wasser aufblitzen; jetzt hatten die Kerle gewiß entdeckt, daß das Boot

weg war und daß sie ungefähr so schlimm dran seien wie Jim Turner.

Wir aber legten uns tüchtig in die Ruder und spähten nach unserem Floß

aus. Da kam es mir plötzlich in den Sinn, mir wegen des Schicksals der

Männer Gedanken zu machen; vermutlich hatte ich bisher keine Zeit dazu

gehabt. Mir schien die Klemme, in die ich sie gebracht hatte, selbst

für Mörder etwas allzugrausam. Sag' ich zu mir selbst: wer weiß, Huck,

was aus dir noch einmal wird, vielleicht nicht viel Besseres, und da

wär' dir so was auch recht unangenehm. Ruf' ich deshalb Jim zu:

»Jim, beim ersten Licht, das wir sehen, machen wir Halt, legen an,

verstecken dich und das Boot und ich geh' dann hin und fable den Leuten

was vor, daß sie nach den Kerlen dort im Wrack sehen, damit die nicht

wie Ratten ersaufen, sondern schön gehängt werden können, wenn sie

einmal reif dafür sind!«

Die Idee aber war Essig, denn auf einmal begann der Sturm wieder wie

toll drauf los zu rasen, schlimmer als je. Es goß nur so in Strömen

und nirgends war ein Licht zu entdecken, bei dem Hundewetter war wohl

alles im Bett. Wir arbeiteten uns vorwärts, durch alles hindurch, und

schauten scharf nach einem Licht und nach unserm verlorenen Floße aus.

Nach einiger Zeit ließ der Regen etwas nach, aber die Wolken blieben

und der Blitz flammte hie und da noch auf. Auf einmal zeigte uns ein

Strahl etwas Schwarzes, das vor uns dahinglitt. Wir natürlich flink

drauf los.

[Illustration]

Und wahrhaftig, es war unser Floß. Wir waren froh wie die Maikäfer,

uns drauf verkriechen zu können, auf unserm alten, lieben, verlorenen

und wiedergeschenkten Floße. Wie doch der Mensch an dem Seinen hängt!

Jetzt entdeckten wir auch ein Licht drüben am Ufer, nach dem wollte

ich mich denn auch hinmachen, -- die drei Kerle lagen mir zu schwer

im Magen. Unser Boot war halb voll geladen mit Kram, den die Schurken

gestohlen hatten. Den luden wir nun in einem Haufen auf unser Floß und

ich hieß Jim langsam weiter treiben und nach einiger Zeit, so etwa nach

einer Stunde, ein Feuer machen und es brennen lassen, bis ich zurück

sei, damit ich ein Zeichen habe. Dann zog ich los und auf das Licht

zu. Als ich näher kam entdeckte ich noch andre an einem Hügel aufwärts

-- es mußte ein Dorf sein. Ich hielt auf das Uferlicht zu, zog die

Ruder ein und ließ mich treiben, um erst ein wenig auszukundschaften.

Im Vorbeigleiten sah ich denn, daß das Licht eine Laterne war, die

an einem Fährboot befestigt hing. Ich schaute nun nach dem Wächter

aus, wo er schliefe, und fand ihn richtig vorn bei den Tauwinden selig

eingeschlummert, mit dem Kopf zwischen den Knieen. Ich stieß ihn dann

zwei- oder dreimal leicht an und begann zu schluchzen und zu heulen.

Er fuhr auf und sah sich dann verstört um. Als er aber entdeckte, daß

nur ich es sei, reckte und streckte und dehnte er sich erst behaglich

und brummte dann:

»Hallo, was ist denn wieder los? Heul' nicht, Bub'! Was giebt's denn?«

Schluchz' ich:

»Vater und Mutter und Schwester und --«

Ich konnte nicht weiter vor Jammer. Dann sagt' er:

»O, verdammt, heul' nicht so, Junge, jeder hat seinen Packen zu tragen

und deiner wird nicht gar zu schwer sein! Was ist denn los mit Vater

und Mutter und Schwester?«

»Sie sind -- sie sind -- Sind Sie der Wächter von dem Fährboot?«

»Ja,« bestätigte er selbstgefällig, »der bin ich! Ich bin Kapitän,

Eigentümer, Matrose und Lotse, Steuermann, Wächter -- alles in einer

Person. Oftmals auch alleinige Fracht und Passagier zugleich. So reich

wie der alte Jim Hornback bin ich nicht, kann nicht so mit dem Gelde

um mich werfen, wie er's thut, der's den Schlingeln -- dem Tom und dem

Dick und dem Harry -- nur so in die Taschen stopft, aber ich möcht'

doch nicht mit ihm tauschen, nicht um viel. Denn, sag' ich zu ihm, ein

Leben auf dem Wasser, das _ist_ doch ein Leben; lieber ließ ich mich

hängen, als dahinten an den Bergen zu kleben, wo man nicht weiß, ob die

Welt geht oder still steht, nicht um alles möcht' ich das, und wenn du

mich in Gold fassen ließest, und, sag' ich --«

Nun fiel ich ein:

»Ach, ach, meine Leute werden gar nicht wissen, was sie thun sollen

und --«

»Wer wird's nicht wissen?«

»Ei, der Vater und die Mutter und die Schwester und Miß Hooker. Ach,

guter Herr, wenn Sie doch Ihr Boot nehmen wollten und hingehen und --«

»Wohin? Wo sind sie denn?«

»Auf dem Wrack!«

»Auf welchem Wrack?«

»Ach, es ist ja nur eins da!«

»Was, du willst doch nicht sagen auf dem ›Walter Scott‹?«

»Ja! Dort!«

»Großer Gott! Was ums Himmels willen thun sie denn da?«

»Nun, freiwillig sind sie nicht hingegangen!«

»Das glaub' ich wohl! Herr des Himmels, da sind sie ja einfach

verloren, wenn sie nicht machen, daß sie schleunigst wegkommen. Wie in

Gottes Namen sind sie denn eigentlich da hingeraten?«

»Sehr einfach! Miß Hooker war zu Besuch dort oben in der Stadt --«

»Booths Landing meinst du -- weiter!«

»Also sie war zu Besuch in Booths Landing und gegen Abend wollte sie

dann fort und noch eine Freundin besuchen, um da zu übernachten, ein

Fräulein -- ach ich hab' den Namen vergessen. Mitsamt ihrer alten

Niggerfrau ließ sie sich in der Fähre übersetzen und da verloren sie

das Steuerruder mitten auf dem Wasser und wurden nun fortgerissen von

den Wellen und gegen das Wrack geschleudert, und Fähre und Fährmann und

die Niggerfrau, alles war verloren. Nur Miß Hooker erwischte etwas vom

Schiff, woran sie sich halten konnte, und rettete sich so auf Deck.

-- Vielleicht eine Viertelstunde später kamen wir denn in unsrem Boot

flußabwärts vom Markt heim; es war so stichdunkel, daß wir das Wrack

nicht eher sahen, als bis wir mit der Nase drauf stießen und es zu

spät war. Das Boot war natürlich zum Kuckuck, aber retten thaten wir

uns alle, nur Bill Whipple -- der ertrank -- ach, und der war der beste

Kerl von der Welt, wahrhaftig, ich hätt' beinahe lieber all das Wasser

selbst geschluckt, -- das hätt' ich, meiner Seel'.« --

»Herr, du mein Gott, das ist gewiß und wahrhaftig die merkwürdigste

Geschichte, die ich je gehört habe! Na und dann? Was habt ihr dann

gethan?«

»Nun, wir riefen und schrieen natürlich und waren wie toll; aber es ist

so weit da draußen, da konnte uns niemand hören. Sagt' mein Alter: das

nutzt alles nichts, einer von uns muß sehen, wie er ans Land kommt und

Hilfe schafft. Gut also! Ich war der einzige, der schwimmen konnte,

so mußte ich denn 'ran und mein Heil probieren. Da gab's kein langes

Zaudern! Ich denn 'rein und los. Miß Hooker rief mir nach, wenn ich

nicht früher Hilfe fände, so solle ich nur machen, daß ich zu ihrem

Onkel käme, der werde schon Rat wissen. So schwimm' ich denn drauf

los und komme auch richtig ans Land, vielleicht eine Stunde weiter da

unten, aber wo ich auch anklopfe und meine Geschichte erzähle, alle

weisen mich ab. ›Was‹ sagen sie, ›in der schrecklichen Nacht? Nein,

mein Junge, das wäre Unsinn, da such' du sonst jemand -- mach', daß

du zur Dampf-Fähre kommst; wenn dir einer hilft, so wird dir der dort

helfen!‹ Und da bin ich, und -- ach, wenn Sie doch wirklich gehen

wollten und sehen und --«

»Meiner Seel', das will ich, will's gern thun, aber -- sag' mal, weißt

du, ganz umsonst kann ich's nicht, wie steht's denn mit -- na, du

weißt, was ich sagen will, wer wird mir's denn vergüten? Glaubst du,

dein Vater kann --«

»Ach, darüber machen Sie sich keine Angst, daran soll's nicht fehlen.

Miß Hooker sagte noch ganz extra, ihr Onkel Hornback --«

»Was -- der ist ihr Onkel? Paß mal auf, was ich dir sage, -- siehst

du dort das Licht? -- Gut -- also, darauf gehst du los, und wenn du

hinkommst, fragst du in der Wirtschaft nach Jim Hornback. Die werden

dich dann zurecht weisen; aber eil' dich und halt' dich unterwegs nicht

auf, denn der wird's schnell wissen wollen. Und sag' ihm, ich wolle

ihm seine Nichte bringen, heil und ganz, eh' er noch selbst zur Stadt

kommen könne, er soll sich ja nicht ängstigen und -- aber mach' doch,

daß du fortkommst, Schlingel, -- steht da und sperrt das Maul auf,

statt den Weg unter die Füße zu nehmen! Vorwärts, ich werd' gleich

abstoßen!«

Ich thu' also, als ob ich dem gewiesenen Licht zurenne. Kaum bin ich

aber außer Hör- und Sehweite, schleich' ich in großem Bogen zurück,

bis dahin, wo ich mein Boot versteckt hatte, mach' dieses flott und

lass' mich nun leise am Ufer hintreiben und verberg' mich dann zwischen

ein paar Holzschiffen, denn ich mußte sehen, ob der Mann wirklich

Ernst mache. Im Ganzen war ich sehr mit mir zufrieden, denn, denk'

ich, viele hätten sich nicht so viel Mühe gemacht wegen der alten

Diebsbande, sondern sie ruhig Wasser schlucken lassen, bis sie genug

gehabt -- und verdient hätten sie's auch, die Kerle! Ich wollte die

Witwe hätte die Geschichte gehört, die hätte gewiß geweint vor Rührung

über meine Großmut gegen die Schurken, denn, merkwürdig, für Mörder und

dergleichen Lumpengesindel hatte sie wie andere gute Seelen immer die

größte Teilnahme.

Jetzt seh' ich, wie sich die Fähre richtig in Bewegung setzt. Ich also

'raus aus meinem Versteck und flink drauf los gerudert, um zuerst an

Ort und Stelle zu sein. Da erhebt sich auch schon das Wrack aus den

Wellen, ganz geisterhaft dunkel und schwarz. Aber es sinkt rasch und

zusehends, ist schon beinahe ganz mit Wasser gefüllt. Viel Spielraum,

um frische Luft zu schöpfen, hatten die Kerle drin nicht mehr, --

soviel war klar. Ich rudre dann noch ein bißchen näher, versuch' auch,

die Burschen, falls sie überhaupt noch existierten, schwach anzurufen,

krieg' aber keine Antwort und denk': wollt ihr nicht, so will ich erst

recht nicht!

Jetzt kommt auch schon die Fähre mit voller Kraft angedampft. Ich

halt' nun schleunigst nach der Mitte des Stroms zu und wie ich glaubte

außer Hörweite zu sein, zieh' ich die Ruder ein, um alles sehen und

beobachten zu können. Ich sah wie die Fähre um das Wrack herum dampfte

und schnupperte, um nach Fräulein Hookers irdischen Resten zu suchen,

zum Trost des armen, seiner geliebten Nichte beraubten Onkels Hornback.

Der Fährmann konnte aber offenbar nichts entdecken, und da das Wrack

von Minute zu Minute erschreckend rasch tiefer und immer tiefer sank,

gab er schließlich den Versuch nach kurzem ganz auf und dampfte dem

Ufer zu. Ich aber zog nun gewaltig aus, den Fluß hinunter.

Schrecklich lang kam es mir vor, ehe ich Jims Licht entdeckte, und als

es endlich, endlich in Sicht kam, schien mir's noch wenigstens tausend

Meilen entfernt. Als ich schließlich glücklich anlangte, dämmerte im

Osten schon der Tag herauf. Wir hielten also auf eine kleine Insel zu,

verbargen unser Floß, bohrten das vom Wrack mitgenommene Boot an, daß

es sank, krochen in unsre Hütte und schliefen wie die Toten den Schlaf

der Gerechten. --

[Illustration]

Vierzehntes Kapitel.

Gelehrte Unterhaltungen. -- Der Harem. -- Französisch.

Nachdem wir uns allmählich aus unserm Schlaf herausgerappelt hatten,

untersuchten wir die Beute, die wir den Kerlen vom Schiff abgejagt, und

fanden herrliche Dinge drunter. Stiefel, wollne Decken, Kleider, viele

Bücher, ein Fernglas, zwei Kistchen ›Ziehgarren‹ und sonst noch eine

ganze Menge Brauchbares. So reich an derartigen schönen Sachen waren

wir noch nie zuvor gewesen, keiner in seinem Leben! Die ›Ziehgarren‹

besonders waren wundervoll, echte ›Harrwanna‹ oder wie sie die Dinger

heißen. Wir lagen den ganzen Nachmittag unter den Bäumen und dampften,

und ich las dazu in den Büchern, es war ganz herrlich! Ich erzählte

nun Jim alles, was ich in dem Wrack und an der Fähre erlebt hatte und

wie das nun doch einmal ein ordentliches Abenteuer gewesen sei. Er

aber wollte nichts von Abenteuern wissen, dankte dafür und sagte, er

sei schon halb tot gewesen, als er das Floß nicht mehr habe finden

können, und habe geglaubt, nun sei alles aus, so oder so. Entweder

müsse er ertrinken und sei verloren oder er werde gerettet und würde

ausgeliefert und verkauft, und das sei auch nicht viel besser für ihn.

Darin hatte er nun recht, er hatte überhaupt beinahe immer recht; er

war ein merkwürdiger alter Schlaukopf für einen Nigger.

Ich las Jim dann aus einem Buche vor. Da stand viel von Königen,

Herzögen und Grafen und dergleichen drin, wie vornehm die sich anziehen

und wie kostbar, und wie sie sich gegenseitig ›Majestät‹ und ›Hoheit‹

und ›Durchlaucht‹ anreden nicht bloß mit ›Herr‹. Jims Augen quollen

förmlich aus dem Kopf heraus, so interessierte es ihn. Sagt' er:

[Illustration]

Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn · 第 6 / 22 段