So nahm ich denn mein Boot und begab mich gegen Abend auf den Weg

nach der Stadt, kreuzte die Fähre und trieb am Ufer entlang bis zu

den ersten Häusern. In einer kleinen Hütte, die ich kannte und die,

wie ich wußte, lange leer gestanden hatte, brannte ein Licht. Ich war

neugierig, wer sich wohl da einquartiert haben könnte. So schlich ich

zum Fenster und spähte hinein. Eine Frau von vielleicht vierzig Jahren

saß vor einem Talglicht und strickte. Ihr Gesicht war mir unbekannt,

sie mußte fremd sein in der Gegend, denn auf Meilen in die Runde gab's

niemand, den ich nicht gekannt hätte. Das fremde Gesicht war nun

ein Glückszufall, denn mir war mittlerweile das Herz in die Stiefel

gefallen; ich hatte schon angefangen zu befürchten, ich könnte erkannt

werden, und bereute das ganze Abenteuer. Selbst meine Stimme konnte

mich verraten und zur Entdeckung führen. Der Fremden gegenüber brauchte

ich nun aber gar keine Angst zu haben, und hielt sich die Frau auch nur

seit zwei Tagen in dem kleinen Städtchen auf, so konnte sie mir so gut

Auskunft geben über alles was ich zu wissen wünschte, wie sonst jemand.

So klopfte ich denn an die Thür und nahm mir fest vor, ja nicht zu

vergessen, daß ich ein Mädchen sei.

[Illustration]

Elftes Kapitel.

Huck und die Frau. -- Nachforschungen. -- Ausflüchte. -- ›Ich

will nach Goshen!‹ -- ›Jim, Jim, sie sind hinter uns her!‹

»Herein!« rief die Frau, und ich trat hinein. Sie beginnt: »Nimm 'nen

Stuhl!«

Ich that's. Sie betrachtet mich aufmerksam von oben bis unten mit ihren

kleinen, glänzenden Aeuglein und fragt dann:

»Wie heißt du denn?«

»Sarah Williams!«

»Wo wohnst du? Hier in der Gegend?«

»O nein, in Hookerville, sieben Meilen von hier. Ich bin den ganzen Weg

zu Fuß gegangen und halb tot vor Müdigkeit!«

»Gewiß auch hungrig! Wart', ich hol' dir was!«

»Nein, hungrig bin ich nicht, ich war's aber so schrecklich, daß ich

zwei Stunden von hier auf einer Farm die Leute um Essen bat, und

deshalb bin ich auch so spät dran. Meine Mutter ist krank und hat kein

Geld und nichts, und ich soll zu meinem Onkel Abner Moore und es ihm

sagen. Er wohnt am andern Ende der Stadt, sagt Mutter. Ich bin noch nie

hier gewesen. Kennen Sie ihn?«

»Nein! Aber ich bin auch erst vierzehn Tage hier und kann noch nicht

jedermann kennen. Es ist aber ein weiter Weg bis ans andere Ende der

Stadt. Du bleibst am besten die Nacht über bei uns. Nimm doch deinen

Hut ab!«

»Nein, danke,« sag' ich, »ich will nur ein Weilchen ausruhen und dann

wieder weiter gehen. Ich fürchte mich nicht im Dunkeln!«

[Illustration]

Sie sagte, allein ließe sie mich auf keinen Fall gehen, ihr Mann käme

bald nach Hause und der solle mich begleiten. Dann erzählte sie von

ihrem Mann und von ihren Verwandten stromauf- und stromabwärts, und

wie es ihnen früher so viel besser ergangen und ob es nicht vielleicht

eine Thorheit gewesen, hierher zu kommen, anstatt zu bleiben wo sie

waren, und so weiter und so weiter, bis ich dachte, ich hätte eine

Dummheit gemacht, zu ihr zu kommen, um Neues aus der Stadt zu erfahren.

Allmählich aber kam sie ins richtige Fahrwasser und fing von meinem

Alten und dem Morde an; ich ließ sie weiter schwatzen, solange es

ihr behagte. Sie erzählte von mir und von Tom Sawyer, wie wir die

sechstausend Dollars gefunden -- nur waren's bei ihr zehntausend

geworden --, von meinem Alten, was er für ein Lump sei, und was für

ein Lump ich gewesen, und nach und nach war sie bis zu meinem Morde

vorgerückt. Da frag' ich:

»Wer hat's denn eigentlich gethan? Von dem Mord haben wir auch in

Hookerville gehört, aber nicht wer's gethan hat!«

»Na, da geht's euch gerade wie allen hier! Wie viele würden was drum

geben, wenn sie wüßten wer's gethan hat. Manche glauben, der alte Finn

sei's selbst gewesen!«

»Nein! wahrhaftig?«

»Fast alle glaubten's zuerst. Der wird wohl nie erfahren, wie dicht am

Galgen er vorbeigestreift ist, der Lump! Noch vor Nacht aber änderte

sich die Meinung der Leute und man hatte nun einen durchgebrannten

Nigger Namens Jim im Verdacht!«

»Was, der war ja --«

Ich schnappte ab und dachte, ich will lieber still sein. Sie hatte gar

nichts gemerkt und fuhr ruhig fort:

»Ja, der Nigger war in derselben Nacht durchgebrannt, in welcher Huck

Finn ermordet wurde. Man hat eine Belohnung auf seinen Kopf gesetzt --

dreihundert Dollars. Auch für die Auffindung des alten Finn ist eine

Belohnung von zweihundert Dollars ausgesetzt worden. Der war am Morgen

nach dem Morde zur Stadt gekommen, um Anzeige zu machen, war auch mit

den Leuten auf dem Boot, um den Leichnam zu suchen, gleich danach aber

war er verschwunden, und als am Abend die Leute sich so weit klar

waren, daß sie ihn hängen wollten, war er nirgends mehr zu finden.

Am andern Tag kam denn heraus, daß auch der Nigger fehle und daß der

gerade in der Mordnacht um 10 Uhr zum letztenmal gesehen worden sei.

Jetzt fiel der Verdacht auf den, und am selben Tag kam auch der alte

Finn zurück und plagte Kreisrichter Thatcher, ihm Geld zu geben, daß er

dem Nigger, dem elenden Mörder, nachsetzen könne. Der gab ihm ein paar

Dollars und am Abend hatte er einen tüchtigen Rausch und randalierte

in den Straßen herum mit noch zwei anderen Strolchen, welche recht

gerieben aussahen. Mit denen ging er auch schließlich davon. Seitdem

ist er nicht wieder gesehen worden und niemand sehnt sich nach ihm,

denn nun ist wieder alles fest davon überzeugt, daß er seinen Jungen

selbst tötete und dann alles so zurecht machte, als seien es fremde

Mörder gewesen, nur um den Leuten Sand in die Augen zu streuen. Er

dachte dadurch viel schneller das Geld seines Sohnes ausgeliefert zu

bekommen, als wenn er den langweiligen Prozeß abwarten müßte. Man traut

ihm alles zu, dem schlechten Kerl! O, der ist schlau! Wenn er sich

jetzt ein Jahr lang fern hält, wird alles verblasen sein. Beweisen kann

man ihm ja nichts und er kann dann mit der größten Leichtigkeit Hucks

Erbschaft antreten.« --

»Natürlich, dann hindert ihn nichts mehr dran, das sag' ich auch. Der

Schuft! Auf den Nigger hat man also gar keinen Verdacht mehr?« --

»Ei freilich, aber so ganz sicher ist man doch nicht. Na, den werden

sie bald wieder haben und es dann schon aus ihm herauspressen!«

»Was, sind sie denn hinter ihm her?« --

»Na, du bist aber gut! Dreihundert Dollars läßt man doch nicht so mir

nichts dir nichts auf der Straße liegen. Weit kann er ja auch noch

gar nicht sein. Das sagen viele, und ich gehöre zu denen. Sprech' ich

da vor ein paar Tagen mit einem alten Pärchen, das gleich da vorn in

der kleinen Blockhütte wohnt. Die erzählten mir, die Insel da draußen

im Fluß sei ganz unbewohnt, da komme nie jemand hin. Denk' ich, du

willst doch blind werden, wenn du nicht vor ein paar Tagen dort Rauch

gesehen hast; wer weiß, ob da nicht der Nigger steckt? Seitdem hatt'

ich nichts wieder gesehen, vielleicht war er also schon weiter. Sagen

that ich aber nichts, sondern denk': wartst bis dein Alter kommt. Der

war nämlich vor ein paar Tagen mit einem Freunde flußaufwärts gegangen

und ist erst vorhin, vor zwei Stunden, wiedergekommen. Da hab' ich ihm

gesagt, was ich weiß und was ich denke, und nun will er mit noch einem

hinüber und nachsehen!«

Mir war's als säß' ich auf heißen Kohlen. Ich rutschte hin und her und

mußte mir was zu schaffen machen. Ich nehm' also eine Nadel vom Tisch

und probier' sie einzufädeln. Aber meine Hände zitterten in einem fort

und ich konnte nicht damit fertig werden. Plötzlich hört die Frau zu

reden auf und als ich aufblicke bemerke ich, wie sie mir immerfort

zusieht und dabei so sonderbar vor sich hingrinst. Ich leg' Nadel und

Faden weg und thu', als hätt' ich nur noch Sinn für die Geschichte, die

mich auch wirklich interessierte, und frage:

»Weiß Gott, dreihundert Dollars ist ein ordentlicher Klumpen Geld.

Wollt', meine Mutter hätt's. Geht Euer Mann noch heut' nacht hinaus?«

»Versteht sich, so was muß schnell gethan werden oder gar nicht. Er ist

nur noch in die Stadt, um sich ein Boot und eine Flinte zu leihen! Ich

glaub' nach Mitternacht wollen sie ausziehen!«

»Könnten sie denn am Tag nicht besser sehen?«

»O du liebe Unschuld, du! Denkst du, der Nigger sei am Tag blind? Nein,

nein! Jetzt in der Nacht schläft er sicher und die Männer können sich

um so besser durch den Wald schleichen und ihn bei seinem Lagerfeuer

überraschen -- wenn er eins hat, heißt das!«

»Ach natürlich! Daran hab' ich gar nicht gedacht!«

Ich fühlte, daß die Frau mich immerzu ganz merkwürdig anstarrte und mir

war gar nicht wohl in meiner Haut. Auf einmal fragte sie:

»Wie hast du doch gesagt, daß du heißt?«

»M--Mary Williams!«

Mir war's als hätt' ich vorhin nicht Mary gesagt, ob's aber Sarah

oder sonst ein Name gewesen, das wußte ich nicht mehr genau, und so

wagte ich in meiner Verlegenheit kaum aufzublicken. Ich fühlte mich

barbarisch in die Enge getrieben und sah sicherlich auch so aus. Hätte

doch die Frau in Kuckucksnamen wenigstens etwas gesagt, aber sie saß da

und starrte mich an und brachte mich beinahe zur Verzweiflung. Spricht

sie endlich ganz honigsüß:

»Ei, ei, Liebchen, ich dachte, du hättest Sarah gesagt, als du vorhin

kamst. Wie ist denn das?«

»Ganz recht, natürlich, Sarah Mary Williams. Sarah heiße ich ebenfalls.

Man ruft mich einmal Sarah und einmal Mary, mir ist's ganz einerlei!«

»Ach so ist's? Na natürlich!« Sie lachte vor sich hin.

Ich fühlte mich etwas weniger unbehaglich, wünschte aber doch zu Gott,

glücklich mit heiler Haut aus der Klemme zu sein. Aufstehen mochte ich

noch immer nicht.

Dann fing die Frau an zu klagen, wie schlecht die Zeiten seien und wie

viel besser sie's früher gehabt. Wie sie jetzt so kümmerlich leben

müßten und wie die Ratten sie hier plagten, als seien sie Herren im

Hause, und so ging's fort, bis ich wieder ganz beruhigt war. Sie

war immer noch an den Ratten. Hie und da konnte man sehen, wie eine

ihre Nase aus einem Loch in der Ecke des Zimmers streckte. Die Frau

erzählte, wie sie immer etwas zur Hand habe, um's nach den frechen

Geschöpfen zu werfen, wenn sie allein sei, sonst hätte sie keine

leibliche Ruhe mehr. Sie zeigte mir einen Klumpen Blei, der in einer

Schlinge befestigt war, und damit warf sie nach den Ratten und sagte,

sie sei für gewöhnlich ein guter Schütze, habe aber eben ihren Arm

verstaucht und wisse nicht, ob sie richtig zielen könne. Sie probierte

es zwar, verfehlte aber das Ziel um einen Meter, schrie ›autsch‹, rieb

sich den Arm und bat mich, es das nächste Mal zu thun. Ich wäre nun

für mein Leben gern weg gewesen, ehe ihr Mann einrückte, wollte mir's

aber nicht merken lassen. So nahm ich denn das Ding und zielte nach der

ersten Ratte, die die Schnauze vorstreckte, und wenn sie dort geblieben

wäre, wo sie war, hätte man sie keine gesunde Ratte mehr heißen

können. Die Frau meinte, fürs erstemal sei's ein Meisterschuß und die

nächste Ratte sei ihres Lebens nicht sicher. Sie ging den Klumpen Blei

aufzuheben und brachte einen Strang Garn zum Winden mit, wobei ich ihr

helfen sollte. Ich streckte die beiden Arme aus, sie legte das Garn

darüber und erzählte immer weiter von sich und ihrem Manne. Auf einmal

sagte sie:

»Gieb nur auf die Ratten acht; da, nimm den Bleiklumpen in deinen

Schoß, dann hast du ihn zur Hand!«

Sie ließ den Klumpen richtig in meinen Schoß fallen, und ich preßte

die Beine fest zusammen, um ihn zu halten. Sie sprach noch eine Minute

weiter, dann hört sie plötzlich auf, sieht mir fest ins Gesicht und

sagt, aber gar nicht unfreundlich:

»Jetzt komm', gesteh' einmal, wie du wirklich heißt!«

»W--wieso?«

»Also wie du in Wahrheit heißt,« fährt sie fort und tippt mir mit dem

Finger auf den Arm, »heißt du Bill oder Tom oder Jack? He, heraus mit

der Sprache!«

Ich zitterte und bebte am ganzen Leib und wußte kaum was ich thun

solle. Stotter' ich endlich:

»Das ist nicht schön, wahrhaftig nicht, so ein armes Mädchen, wie ich

eins bin, auch noch auszuspotten. Wenn ich Ihnen zur Last falle, will

ich --«

»Nichts willst du, still gesessen, ich thu' dir nichts und ich verrat'

dich auch nicht. Sag' mir nur wer du bist und was mit dir los ist, ich

sag' niemand was und helf' dir, das versprech' ich dir, und mein Mann

soll dir auch helfen, wenn er kann. Du bist ganz gewiß ein Lehrling,

der irgendwo durchgebrannt ist; gelt, ich hab's getroffen? Das ist

aber gar kein Unglück, Kind. Man hat dich gewiß schlecht behandelt und

da hast du dich durchgemacht. Nicht so? Komm, komm, ich sag' nichts,

erzähl' du mir nur alles, komm, sei ein guter Junge!«

So sagt' ich denn, ich sehe schon, es nütze nichts, noch weiter

Komödie zu spielen, und ich wolle alles gestehen, wenn sie ihr

Versprechen halte und mich nicht angebe. Dann erzählte ich ihr, daß

Vater und Mutter tot seien und das Gesetz mich einem Vormund, einem

alten Farmer, dreißig Meilen landeinwärts, zugesprochen habe, und wie

er mich mißhandle und hungern lasse, so daß ich beschlossen habe,

durchzubrennen. Er habe für ein paar Tage verreisen müssen; diese

Gelegenheit habe ich benutzt, mir einige nette Kleider seiner Tochter

anzueignen und in denselben das Weite zu suchen. Ich sei nun schon drei

Nächte unterwegs. Bei Tag habe ich mich versteckt und nur des Nachts

sei ich gewandert. Fleisch und Brot hätt' ich auch mitgenommen und das

habe so ziemlich ausgereicht. Abner Moore, mein Onkel, würde sich gewiß

meiner annehmen und mich vor dem alten Farmer schützen, deshalb sei ich

auch hierher nach Goshen gekommen.

»Goshen, Kind? Aber du bist ja gar nicht in Goshen! Dies hier ist ja

Petersburg. Goshen liegt ja noch zweieinhalb Stunden flußaufwärts. Wer

hat denn dir gesagt, dies sei Goshen?«

»Ei, ein Mann, den ich ganz in der Frühe traf, gerade ehe ich mich im

Walde verkriechen wollte, um dort auszuschlafen. Der sagte, wenn ich an

einen Kreuzweg komme, solle ich mich rechts wenden, und dann sei ich in

einer Stunde in Goshen.«

»Der war sicherlich betrunken, denn er hat dich ganz falsch gewiesen,

armes Kind!«

»Ja, er sah beinahe so aus, aber es liegt ja gar nichts dran. Ich mach'

mich wieder auf die Beine und will schon vor Tag in Goshen sein, da ist

mir nicht bange.«

»Wart' noch einen Moment, ich hol' dir noch etwas zu essen, wer weiß,

wie du's brauchen kannst!«

Und sie stopfte mir schnell allerlei zu. Dann fragte sie:

»Sag' einmal, mit welchem Ende eine liegende Kuh _zuerst_ aufsteht. Und

nun antwort' schnell ohne dich lang zu besinnen!«

»Mit dem hinteren!«

»Und ein Pferd?«

»Mit dem vorderen!«

»Auf welcher Seite eines Baumes wächst am meisten Moos?«

»Auf der Nordseite!«

»Und wenn fünfzehn Kühe zusammen weiden, wie viele davon kauen dann

wohl ihr Futter und sehen nach derselben Richtung?«

»Alle fünfzehn!«

»Gut! Ich glaub's dir jetzt, du hast auf dem Land gelebt, ich dachte,

du wolltest mich am Ende noch einmal anführen. Und wie heißt du nun

wirklich?«

»Georg Peters!«

»Na, vergiß das nur nicht und sag' du heißt Alexander, eh' du weggehst,

und lüg' dich dann mit einem Georg-Alexander heraus, wenn ich dich

fange. Und zeig' dich keiner Frau mehr in dem alten Kattunrock, du

kannst dich da drin für kein Mädchen ausgeben. Männern könntest du's

vielleicht weiß machen, aber einer Frau nie. Und Kind, wenn du wieder

eine Nadel einfädeln willst, so halt' die Nadel fest und steck' den

Faden durch, und nicht umgekehrt; so machen's die Männer und ein ganz

kleines Mädchen würde dich daran erkennen, wenn du mit der Nadel so

in der Luft herum fuchtelst. Und wenn du nach einer Ratte oder irgend

etwas werfen willst, so stell' dich auf die Fußspitzen und heb' den

Arm über die Schulter, so ungeschickt du nur kannst, und wirf sechs

bis sieben Fuß daneben -- wie ein Mädchen, nicht wie ein Junge aus dem

Handgelenk und Ellenbogen. Und, denk' dran, wenn ein Mädchen etwas

fangen will, das man ihr in den Schoß wirft, so spreizt sie die Kniee

auseinander und preßt sie nicht zusammen, wie du's bei dem Bleiklumpen

thatst. Sieh', ich wußte gleich, daß du ein Junge seist, als du die

Nadel einfädeln wolltest, und hab' dich absichtlich all das andre thun

lassen, um meiner Sache sicher zu sein. -- Jetzt troll' dich zu deinem

Onkel, Sarah Mary Williams George Alexander Peters, und wenn du jemand

brauchst, der dir in irgend etwas helfen soll, so schick' zu Frau

Judith Loftus, -- so heiß' ich -- und ich will für dich thun, was ich

kann. Halt' dich immer am Fluß hin, und wenn du wieder durchbrennen

willst, nimm Schuh und Strümpfe mit, der Weg ist ordentlich steinig und

deine Füße werden gut aussehen, bis du nach Goshen kommst!«

Etwa fünfzig Meter weit ging ich den Fluß entlang, dann stahl ich mich

wieder zurück, am Hause vorbei bis dahin, wo ich mein Boot gelassen

hatte, stieg hinein und hast du nicht gesehen ging es fort. Ich ließ

mich am Ufer hin treiben, bis ich meiner Berechnung nach etwa der Insel

gegenüber war, und legte mich dann ordentlich ins Zeug in der Richtung

quer übers Wasser. Den Hut hatte ich abgenommen; Scheuleder brauchte

ich keine mehr. Da hör' ich die Uhr schlagen, zähle und merke, daß es

schon elf ist -- elf Uhr! Als ich zur Insel kam, nahm ich mir nicht

einmal Zeit, die Nase zu putzen, obgleich ich's sehr nötig hatte,

sondern landete gerade an meinem alten Lager-Platz und zündete ein

tüchtiges Feuer dort an.

Dann wieder ins Boot und weiter nach unsrem Höhlenfelsen zu, so schnell

sich's nur irgend thun ließ. Ich legte an, kroch den Felsen hinauf und

in die Höhle. Da lag Jim in süßem Schlaf. Ich schrei' ihm in die Ohren:

»Auf, Jim, Jim, sie sind hinter uns her!«

Der sagt kein Wort und fragt auch nichts weiter, schnellt nur auf,

aber die Art, wie er in der nächsten halben Stunde ochste, zeigte, wie

ihm der Schreck in die Glieder gefahren war. In kürzester Zeit hatten

wir unser ganzes Hab und Gut aufs Floß gebracht, das im Weidengebüsch

versteckt lag, und alles zur Abfahrt bereit gemacht. Das Feuer in der

Höhle hatten wir gleich anfangs ausgelöscht und uns wohl gehütet, Licht

sehen zu lassen.

Ich fuhr im Boot zuvor noch eine kleine Strecke ins Wasser hinaus,

um Ausschau zu halten; aber wenn sich auch ein Fahrzeug in der Nähe

befand, so war es bei der ungünstigen Beleuchtung doch nicht zu

erkennen. So zogen wir denn das Floß hinaus, glitten leise im Schatten

des Ufers dahin, dann weg von der Insel ins offene Wasser, und keiner

redete nur ein Sterbenswörtchen dabei.

[Illustration]

Zwölftes Kapitel.

Langsame Fahrt. -- Geliehene Dinge. -- Besteigung des Wrack.

-- Die Verschwörer. -- ›Das ist unmoralisch!‹ -- Jagd nach dem

Boot.

Es mußte beinahe ein Uhr sein, als wir endlich aus dem Bereich der

Insel kamen; es war eine verflixt langsame Fahrt auf dem Floß. Sollte

uns irgend was Verdächtiges begegnen, so hatten wir verabredet, das

Floß zu verlassen, unser Boot, das wir angehängt hatten, zu besteigen

und uns so schnell als möglich nach dem Illinois-Ufer zu aus dem Staube

zu machen. Glücklicherweise hatten wir das aber nicht nötig, sonst

wäre es uns übel ergangen, denn wir hatten mit keinem Gedanken daran

gedacht, Flinte oder Angelleine oder irgendwelche Lebensmittel in

unser Boot zu thun. Der Mensch kann nicht an alles denken, aber es war

wahrhaftig sehr dumm gewesen, unsre ganze Habe aufs Floß zu schaffen.

Wenn die Männer wirklich nach der Insel gekommen sind, werden sie wohl

mein Lagerfeuer gefunden und die ganze Nacht dabei auf Jim gewartet

haben. Auf jeden Fall kamen sie uns nicht nach, und wenn das Feuer sie

nicht an der Nase herumgeführt hat, so ist das nicht meine Schuld,

ich zündete es in der besten Absicht an. Als sich der erste Streifen

im Osten zeigte, landeten wir in einer Bucht am Illinois-Ufer und

verbargen unsere Flotte im dichten Weiden- und Binsengestrüppe.

[Illustration]

Drüben an der Missouri-Seite gab's Berge, hier bei uns nur dichte

Waldungen, auch war drüben die fahrbarere Strecke des Stroms, so daß es

für uns keine Gefahr gab, entdeckt zu werden. So lagen wir denn den Tag

über still und sahen den Fahrzeugen drüben zu, wie sie auf- und abwärts

glitten, den Booten, den Flößen und den Dampfern, die in der Mitte des

Stroms daher keuchten und schnaubten. Ich erzählte Jim mein Abenteuer

von gestern mit der Frau in der Hütte, die sich durch meinen Rock und

Hut nicht hatte täuschen lassen, und er meinte, die sei schlau gewesen,

die hätte uns wohl schwerlich so leicht entwischen lassen, wie's

die Männer gethan. Die hätte sich nicht schläfrig hingelegt und ein

einsames Lagerfeuer bewacht, statt drauf los zu suchen, die wäre gar

nicht ohne Hund ausgerückt und hätte überhaupt die Sache viel schlauer

angefaßt. Warum sie dann wohl den Männern nicht geraten habe, einen

Hund mitzunehmen, warf ich ein. Das habe sie wahrscheinlich zuletzt

noch gethan, meinte Jim, deshalb hätten sich auch gewiß die alten

Schlafhauben von Männern verspätet und all die kostbare Zeit verloren

und wir säßen hier auf dem Floß im Weidengestrüpp, statt da drüben

hinter Schloß und Riegel im Städtchen, ›ja warraftig!‹ Mir war's nun

ganz und gar einerlei, was die Ursache sei, daß wir hier waren statt

dort, solange wir nur wirklich frei blieben und sie uns nicht wegfingen.

Als es anfing dunkel zu werden, streckten wir unsre Köpfe vorsichtig

aus dem Weidengestrüpp vor und sahen uns um. Vorn, hinten, hüben,

drüben -- alles sauber, nichts zu sehen! Jim nahm nun ein paar von den

obersten Planken des Floßes und stellte eine Art Hütte her, um uns und

unsre Habseligkeiten gegen das Wetter zu schützen; die Hütte erhielt

einen Bretterboden, ungefähr einen Fuß höher als die Oberfläche des

Floßes, so daß unsere Decken und anderen Sachen aus dem Bereich der

Wellen der Dampfboote waren. Gerade in der Mitte der Hütte machten

wir dann von Lehm eine Art Herd, worauf wir unser Feuer anzünden

konnten, ohne daß dasselbe von außen viel gesehen werden würde. Dann

verfertigten wir noch ein zweites Steuerruder, um nicht in Not zu

geraten, im Fall das eine zerbrochen werde. Ein gabeliger Baumast

diente uns als Laternenpfosten, denn es war nötig, Licht zu haben, um

nicht von irgend einem Dampfboot in den Grund gebohrt zu werden.

In der zweiten Nacht ließen wir uns ungefähr sieben bis acht Stunden

von einer ziemlich reißenden Strömung dahin tragen. Wir fingen

Fische und plauderten, schwammen auch mal neben her, um den Schlaf

fernzuhalten. Es war uns ordentlich feierlich zu Mute, so auf dem

großen, stillen Strom hinzugleiten in der lautlosen Nacht. Wir legten

uns dann auf den Rücken und schauten nach den Sternen, und es kam uns

gar nicht in den Sinn, laut zu sprechen, oder gar zu lachen, höchstens

hie und da mal ganz leise. Wir hatten fabelhaft gutes Wetter und

nichts passierte uns, weder in dieser Nacht, noch in der nächsten und

übernächsten.

Jede Nacht kamen wir an Städten vorüber, die oft weit drüben an den

schwarzen Abhängen gelegen waren; kein Haus war zu erkennen, nichts

als Nester voll schimmernder Lichter. In der fünften Nacht kamen wir

an St. Louis vorüber und das leuchtete und funkelte, als habe man die

ganze Welt in Brand gesteckt. Bei uns zu Haus in Petersburg hatten

sie immer gesagt, wie furchtbar groß St. Louis sei und wie da zwanzig

oder dreißigtausend Menschen alle auf einem Fleck zusammen lebten. Ich

hatt's nie geglaubt. Als ich aber den Bündel Lichter dort sah, in der

Nacht um zwei Uhr, wo sonst alles gesund und fest schläft, da wurde mir

begreiflich, daß es wahr sein müsse und daß die Leute nicht geflunkert

hatten.

Jeden Abend begab ich mich nun ans Ufer in irgend ein kleines Dorf,

meist so gegen zehn Uhr, und kaufte ein, was wir gerade brauchten,

Speck oder Mehl oder Tabak, wie's kam. Manchmal verhalf ich auch

einem Huhn, das nicht recht ruhen wollte, zu einer bequemeren Lage

in meinen Armen. Mein Alter sagte immer: wenn du irgendwo ein Huhn

kriegen kannst, nimm's mit, unter allen Umständen. Brauchst du's nicht,

braucht's ein anderer, und eine gute That lohnt sich jedesmal. Der Alte

zwar brauchte das Huhn immer selbst, unter allen Umständen, allein dies

änderte nichts an seinem Wahlspruch.

Morgens, eh' der Tag kam, schlüpfte ich dann in die Felder und pumpte

mir irgend eine Melone oder einen Kürbis oder andere Früchte, die

mir gerade in den Weg kamen. ›Pumpen‹ sei nichts Schlimmes, hatte

mein Alter immer gesagt, wenn man nur die Absicht habe, es einmal

heimzugeben, die Witwe aber meinte, das sei nur ein schönerer Ausdruck

für Stehlen und kein ordentlicher Mensch thäte dergleichen. Jim, den

ich frug, sagte, die Witwe habe recht, der Alte aber auch, und wenn wir

zwei oder drei Sachen von unserer ›Pumpliste‹ strichen, z. B. schlechte

Wassermelonen oder saure Aepfel, und uns fest vornehmen würden, diese

künftig liegen zu lassen, dann sei's wohl jedem recht gemacht und wir

könnten das übrige leichten Herzens lustig weiter nehmen. Vorher war's

uns nicht ganz wohl bei der Sache gewesen, aber nun wir diesen Ausweg

gefunden hatten, wurde es uns wieder ganz behaglich, -- Wassermelonen

und saure Aepfel ließen sich ja leicht entbehren.

Ab und zu schossen wir ein vorwitziges Wasserhuhn, das sich des Morgens

zu früh erhob oder des Abends zu spät legte, kurz, wir lebten ganz

behaglich, glücklich und zufrieden und freuten uns unsres Daseins.

Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn · 第 5 / 22 段