»Rennen weiter, immer weiter an die Fluß, wollen stehlen Boot an die

Wasser, sehen Jim aber Leute, Leute und immer Leute, warraftig die

ganze Nacht, immer müssen jemand da sein. Legen sich Jim in die Schilf

zum Warten. Kommen schon um sechs Uhr in die Morgen viele Menge Herrn

und Damens, steigen in die Boot, sagen, Huck sein tot gemacht drüben

in die Wald, wollen geh'n und seh'n die Mordplatz. Waren arme Jim

so traurig, wenn er das hören, denken er: arme Huck, waren so brave

Bursch, so junge Bursch, so lustige Bursch! Arme Huck!

»Arme, alte Jim müssen liegen also in die Schilf ganze Tag lang. Sein

er furchtbar hungrig, aber gar nix ängstlich. Er wissen, alte Missus

und der Witwe wollen gehen früh in die Morgen über Land in große

Gebetsversammlerung. Jim müssen treiben die Vieh in die Feld, werden

si'en also nix suchen jetzt.

»In die Abend kriechen denn Jim also raus un gehen weiter, Fluß nunter.

Denken er, was thun? Denken er, wenn Jim gehen zu Fuß, kriegen'n die

Hunde, wenn er stehlen Schiff kriegen'n die Menschen, er müssen haben

Floß, Floß sein gut, lassen keine Spur hinter sich.

»Er also sehen um sich, -- un sehen bald Licht schwimmen in die Wasser.

Er denke, das sein Floß, springen in die Wasser un schwimmen bis weit,

weit in die Mitt! Kommen denn auch warraftig Floß daher und Jim, alte,

arme, nasse Jim halten sich fest und setzen sich drauf ganz hinten.

Er denken, Nacht sein schwarz, Jim sein auch schwarz, werden also nix

gesehen, und legen er sich so auf die Rücken. Sein viele Männer vorn

bei die Licht, spielen un lachen un trinken, un arme Jim denken, er

können fahren so die ganze Nacht.

»Haben aber kein Glück nix, arme Jim! Kaum sein die Floß hier an'r

Insel, kommen einer mit Latern' auf Jim los. Arme Jim müssen wieder in

kalte Wasser! Schwimmen so nach'r Insel, müssen lang suchen, bis er

können landen, sein Ufer so viel steil. Er gehen in die Wald, wollen

nix mehr wissen von Floß, wo Mann mit Latern' kommen. Haben aber doch

noch sein' Pfeif' und trockene Schwefelhölzer in sein' Kapp', so er

sein ganz zufrieden, alte Jim!« --

»Und so hast du die ganze Zeit gar kein Fleisch und gar kein Brot zu

essen gehabt, armer Jim? Hast dich natürlich immer nur im dicksten

Wald versteckt halten müssen! Hast du gehört, wie sie die Kanone

losfeuerten?«

»Warraftig ja, Jim denken: arme, kleine Huck, jetzt sie suchen nach

seine Knochen! Jim haben auch Boot gesehen durch die Büsch!«

Jetzt kamen ein paar junge Vögel daher, sie flogen immer einige Meter

weit und ließen sich dann nieder. Sagt Jim, das sei ein Zeichen von

Regen, wenigstens bei jungen Hühnern sei es eines, dann werd's wohl

auch so bei andern jungen Vögeln sein. Ich wollte mir ein paar fangen,

Jim aber hielt mich zurück, das bedeute Tod, sagt er. Sein Vater

sei einmal sehr krank gewesen, sagt er, und einer von ihnen habe

einen Vogel gefangen, worauf die alte Großmutter gleich gesagt habe,

nun werd' der Vater sterben, und richtig, so sei's gewesen, er sei

gestorben, aber freilich erst etwas später.

Jim sagt auch, man dürfe die Sachen nie aufzählen, die man zum

Mittagessen kocht, das bringe Unglück, ebenso wenn man das Tischtuch

nach Sonnenuntergang ausschüttle. Und er sagt, wenn ein Mann stirbt,

der einen Bienenstock hat, so muß man's den Bienen sagen, eh' die Sonne

am nächsten Morgen aufgeht, oder sie hören alle auf zu arbeiten und

sterben auch. Die Bienen stechen nie Dummköpfe, sagt Jim, das aber

glaub' ich ihm nicht, denn oft und oft war ich hinter ihnen her und

sie haben mich noch nie gestochen, und ich halt' mich nicht gerade für

einen Dummkopf.

Vieles hatte ich schon vorher gehört, aber doch nicht alles. Jim wußte

alle Arten von Vorzeichen, sagte, er kenne beinahe alle. Mir schien's

als ob alle Vorzeichen immer nur Schlechtes bedeuten und so fragte ich

ihn, ob's nicht auch einige gäbe, die Glück brächten. Darauf meint er:

»Furchtbar wenig! -- und die sein nix viel wert. Warum du denn wollen

wissen, wenn Glück kommen? Du dich wollen schützen vor ihr? Glück sein

mächtig stark, Glück kommen ganz von selbst ohne Zeichen. Wenn du haben

Haar an die Brust un Haar auf die Arm, du werden noch reich einmal.

Sein gute Zeichen das! Wenn du sein arm un elend und wollen lieber

gar nix mehr leben, du sehen auf die Haar und denken, warten mal noch

bischen, wird kommen besser, -- bald, bald!«

»Hast du haarige Brust und Arme, Jim?«

»Warum du fragen das? Du das nix selbst sehen? Jim haben Haare!«

»Drum eben! Bist du reich?«

»Nein, aber Jim sein gewesen _so_ reich un _Jim_ werden wieder reich

einmal, bald! Einmal er haben vierzehn Dollars gehabt -- _vierzehn

Dollars!_ -- aber Jim haben speckliert un alles -- verloren!«

»In was hast du denn ›speckliert‹, Jim?«

»In'r Kuh, Huck, in'r lebendigen Kuh! Dumme, alte Jim, gehen hin und

stecken zehn Dollars in alte, kranke Kuh, elend Vieh, was krepiert nach

drei Tag!«

»Und die zehn Dollars, Jim, waren futsch?«

»Nein, nix ganz futsch! Nur neun! Jim gehen hin und verkaufen die Haut

un den Talg für ein Dollar zehn Cents!«

»Sind dir also noch fünf Dollars und zehn Cents geblieben, Jim. Weiter!

Hast du noch mehr ›speckliert‹?«

»Ja! Huck, du kennen das einbeinerige Nigger, das dem alten Mista

Bradish sein? Altes Nigger da gründen eine Bank un sagen, jeder Nigger,

was einen Dollar bringen, kriegen vier am End' von die Jahr. Alle

Niggers laufen und bringen sein Geld, haben aber nur nix viel. Sein Jim

der einzige, wo hat viel, so er wollen haben auch _mehr_ als wie annre

Niggers. Er sagen, wenn Jim kriegen nix mehr, er selber wollen halten

Bank. Das einbeinerige Nigger wollen das nicht haben, sagen, es sein zu

wenig Geld für zwei Banken, er wollen Jim geben fünfunddreißig Dollars

for fünf am End' von die Jahr.

»Dumme Jim also geben fünf Dollars in die Bank. Denken dann, er gleich

wollen anlegen die fünfunddreißig Dollars un nix warten auf die End'

von die Jahr. Eine annre Nigger, Bob, haben gefischt viele Holzstämme

aus die Wasser, ganze Floß, ohne daß 's seine Herr wissen. Jim kaufen

also die Holz un sagen, Bob sollen sich lassen geben die fünfunddreißig

Dollars, wo sein in Bank am End von die Jahr. In die Nacht aber werden

die Holz gestohlen un die annre Morgen sagen das einbeinerige Nigger,

Bank sein falleriert un so keiner nix kriegen Geld, Jim sein fünf

Dollars sein weg!«

»Und die zehn Cents, Jim, wo hast du die hingebracht?«

»Erst Jim wollen sich was kaufen mit. Da er träumen in die Nacht,

er sollen geben die zehn Cents alte Nigger Balam -- ›Balams Esel‹

er heißen, weil er sein so viel dumm -- haben aber immer Glück alte

Balam, un arme Jim haben gar nix Glück! Sagen also Traum: Jim sollen

geben Balam Geld un lassen Balam ihr anlegen, dann Jim werden haben

auch Glück! Balam also nehmen zehn Cents, gehen in die Kirche un hören

Pfarrer sagen: ›wenn du geben die Armen, du leihen die Herrn un du

werden kriegen hundertfach alles zurück!‹ Alte Balam also, er geben die

zehn Cents annre arme, alte Nigger un sitzen un warten un warten, was

jetzt kommen!« --

»Nun, und was kam dann, Jim?«

»Nie nix, Huck! Arme Jim sein Cents war auch noch weg. Du werden

kriegen hundertfach, sagt'r Pfarrer. Hundertfach! Jim wollten sein so

froh mit sein arme, kleine zehn Cents, wenn er's wieder hätten!«

»Na, Jim, laß gut sein! So lang du noch die Haare auf deiner Brust und

deinen Armen hast, wirst du ja noch reich werden!«

»Warraftig! Un Jim sein schon reich jetzt! Jim sein doch sein eigen

Herr! Hätten er nur die Geld, arme Jim, mehr er gar nix wollen!«

Neuntes Kapitel.

Die Höhle. -- Das schwimmende Haus. -- Reiche Beute.

Ich wollte nun noch einmal einen Ort aufsuchen, den ich bei meiner

Expedition neulich entdeckt hatte, ungefähr in der Mitte der Insel. So

machten wir uns denn auf die Beine und waren auch bald dort, denn die

ganze Insel war nur ungefähr eine Stunde lang und eine halbe breit.

Der Ort, an den ich hin wollte, war ein ziemlich steiles Felsenriff

oder eine Art Hügel, gegen 40 Fuß hoch. Das Hinaufklettern ward uns

schön sauer, denn der steile Abhang war voll dichten Buschwerks. Oben

krabbelten wir ringsherum und entdeckten auf der Seite nach Illinois,

ziemlich an der Spitze, eine schöne, große Höhle. Sie war so groß, wie

zwei oder drei Zimmer zusammen, und Jim konnte aufrecht drin stehen.

Und so schön kühl war's da drinnen! Jim sagte, wir sollten gleich hier

Quartier aufschlagen, mir aber wollte das ewige Klettern nicht ganz

passen.

Jim meinte aber, wenn wir unser Boot versteckten und alle unsere Sachen

hierher brächten, so könnten wir uns so schön verbergen, wenn einmal

irgend jemand käme; ohne Hunde könnte uns dann kein Kuckuck finden.

Und, sagt er nochmals eindringlich, die jungen Vögel von vorhin hätten

doch Regen angezeigt, ob ich durchaus alles eingeweicht haben wolle!

[Illustration]

Das leuchtete mir ein! Wir also zurück und rudern das Boot bis zu einem

Platz am Ufer, der unserm Felsen möglichst nahe war, schifften unsre

Habseligkeiten aus und verbargen sie in der Höhle. Dann fanden wir

unter dichtem Weidengestrüpp ein Versteck für unser Boot, sahen nach

der Fischleine, nahmen einige Fische weg, warfen die Leine wieder aus

und dachten nun an unser Mittagbrot.

Die Oeffnung der Höhle war ziemlich groß und an einer Seite war der

Boden etwas erhöht, wo man bequem ein Feuer anzünden konnte, was wir

denn auch gleich thaten und unser Essen kochten.

Unsere Decken legten wir als Teppiche auf den Boden, lagerten uns

drauf und verzehrten unser Mahl. Alle andern Dinge ordneten wir im

Hintergrunde der Höhle. Bald danach sah man draußen wirklich graue,

dicke Wolken, und es fing an zu blitzen und zu donnern; -- die jungen

Vögel hatten diesmal also wahrhaftig recht gehabt! Ein solches Unwetter

hatte ich noch nie erlebt. Das goß und goß; wahre Fluten sausten durch

die Luft, daß alles draußen grauschwarz aussah und die nächsten Bäume

nur noch wie Spinngewebe durchblickten. Bei jedem Windstoß fuhren die

Bäume mit den Kronen nach unten, als wollten sie Purzelbäume machen und

zur Abwechslung einmal die Wurzeln in die Luft strecken; alles schien

wie toll und losgelassen. Da -- als es gerade noch am schwärzesten

ist und am tollsten rast -- wird auf einmal alles hell und klar, wie

blankes Gold, daß man weit, weithin die Bäume herüber und hinüber

schwanken sieht; im nächsten Moment ist wieder alles stockfinster, der

Donner bricht mit einem furchtbaren Krach los und geht dann über in ein

Gerumpel, als ob leere Fässer steile Treppen hinabgerollt würden, wo

sie so recht stoßen und poltern und krachen können.

»Das ist nett, Jim,« sag' ich, »Gott sei Dank, daß wir im Trocknen

sind. Reich' mir doch den Fisch nochmals her und ein ordentliches Stück

Brot.«

»Alte Jim aber sein Schuld, daß du sein hier, Huck. Ohne alte Jim du

wären naß un kalt un halber ertrinkt da drunten im Wald. Ja, ja, Alter,

junge Hühner wissen wann Regen kommt, un junge Vogel auch!«

Der Fluß stieg und stieg, zehn oder zwölf Tage lang, bis er zuletzt

aus dem Ufer trat. Die Insel war an den niedrigen Stellen drei bis

vier Fuß unter Wasser. Am Tag ruderten wir überall drauf umher. Es war

herrlich kühl inmitten des Waldes, während die Sonne draußen stach und

brannte. Wir wanden uns zwischen den Bäumen durch, kamen aber oft an

solche Massen von wilden Waldreben, die sich von Baum zu Baum schlangen

und uns den Weg versperrten, daß wir umwenden und eine andere Richtung

suchen mußten. Auf jedem alten, umgestürzten Baumstamm saßen Kaninchen,

Eichhörnchen, Schlangen, Schildkröten und andres Getier, und als

das Wasser einmal zwei, drei Tage da war, wurden sie aus Hunger so

zahm, daß man sie greifen konnte, d. h. wir fingen die Kaninchen und

Eichhörnchen, die andern ließen wir laufen, denn wir hatten in unserer

Höhle mehr davon als uns lieb war.

[Illustration]

Der ganze Fluß war wieder voll von Treibholz. Einmal fischten wir

ein tüchtiges Stück von einem Holzfloß heraus, das aus neun dicken

tannenen, fest zusammengezimmerten Bohlen bestand. Es war vielleicht

zwölf Fuß breit und ungefähr fünfzehn bis sechzehn lang, ein starkes,

solides Ding, das wir sogleich unter den Weiden versteckten, im

Gedanken, daß es uns vielleicht noch einmal gute Dienste leisten

könnte, was denn auch wirklich später der Fall war. In einer Nacht --

tags wagten wir uns nicht heraus -- gerade ehe es zu dämmern anfing,

sahen wir ein Haus, ein wirkliches Haus, aus Holz gezimmert, auf einem

kurzen Floß daher treiben. Wir natürlich drauf los, angelegt und zum

untern Fenster hineingeguckt. Sehen konnten wir noch nichts und so

machten wir denn unser Boot fest und warteten geduldig, bis es tagen

würde.

Wir waren noch nicht an der Insel vorbei, als es hell genug wurde, um

alles unterscheiden zu können. Wir guckten also ins Zimmer hinein,

sahen ein Bett, einen Tisch, zwei alte Stühle und eine Menge Dinge

überall umhergestreut. In der Ecke lag etwas, das wie ein Mensch

aussah, sich aber nicht rührte.

»Holla, ihr da!« ruft Jim. Es regt sich nichts. Nun schrei' ich --

keine Antwort. Dann sagt Jim:

»Der nix schlafen, der sein tot. Du bleiben hier, Huck, Jim sehen nach.«

Er lief drauf zu, beugt sich über ihn, betrachtet ihn und sagt dann:

»Der sein tote Mann! Ja, warraftig, un Kleider sein auch fort. Sein

geschossen in den Rücken. Sein schon lange tot, vier Tag, fünf Tag.

Komm' rein, Huck, aber nix hinsehen, sein schauderhaft -- puh!«

Ich sah mich also nicht um. Jim warf dann ein paar alte Lumpen über

die Leiche, hätte es aber nicht zu thun brauchen, mich zog's wahrlich

nicht dahin. Alte, schmutzige Karten lagen auf dem Boden herum,

Schnapsflaschen dazwischen, auch zwei schwarze Tuchmasken, und die

Wände waren mit dummen Sprüchlein und Bildern bemalt, die einer mit

Kohle drauf geschmiert hatte. Ein paar schmutzige Kattun-Kleider, ein

Frauenstrohhut und einige Unterröcke hingen an der Wand, auch Mannszeug

war dabei. Auf dem Boden lag ein gestreifter Kinderstrohhut, unweit

von einer zerbrochenen Milchflasche für einen Säugling. Ein alter

Koffer, von dem die Scharniere losgerissen waren, lag offen da; es war

nichts von Wert darin. Man sah, die Bewohner hatten nicht Zeit zu einem

feierlichen Abschied von ihrem Heim gehabt, als sie es verließen.

Wir schleppten eine Menge Sachen in unser Boot, weil wir dachten,

mit der Zeit ließe sich alles verwenden. Eine alte Blechlaterne,

ein Metzgermesser ohne Griff, ein nagelneues Taschenmesser, das in

jedem Laden etwas wert gewesen wäre, eine Masse Talglichter, einen

Blechleuchter, eine Feldflasche und eine Blechtasse, eine alte,

zerfressene Bettdecke, ditto Pferdeteppich, einen Arbeitsbeutel mit

Näh- und Stecknadeln, Garn, Fingerhut, Wachs und Scheere, Hammer und

Nägel, eine dicke Fischleine mit festem Haken, eine alte Kuhhaut und

ein Hundehalsband, ein Hufeisen und ein paar Medizinflaschen ohne

Aufschrift, kurz, alles schleppten wir mit, und zuguterletzt fand ich

noch einen Kamm mit drei Zinken und Jim einen alten Fiedelbogen ohne

Saiten, die mußten auch noch mit. Reich beladen stießen wir ab.

Alles in allem genommen hatten wir wahrhaftig eine reiche Beute gemacht

und konnten recht zufrieden sein. Inzwischen war's aber heller Tag

geworden und wir waren ziemlich weit von der Insel weg. So hieß ich Jim

denn im Boot niederliegen und deckte ihn mit der alten Bettdecke zu,

denn wenn er aufrecht dagesessen hätte, hätte jedes Kind sehen können,

daß er ein Nigger sei und wenn's eine Meile weit weg gewesen wäre. So

ruderte ich denn eifrig unserer Insel zu und ohne daß wir etwas oder

irgend jemanden sahen, oder selbst gesehen worden wären, kamen wir von

unsrem nächtlichen Abenteuer glücklich und ohne Unfall wieder nach

Hause.

[Illustration]

Zehntes Kapitel.

Der Fund. -- Vater Bunker. -- Verkleidet.

Nach dem Frühstück hätte ich gern unsere Erlebnisse besprochen und

begann von dem Toten, den wir in der schwimmenden Hütte gefunden;

Jim aber wollte nicht drauf eingehen, weil das Unglück bringe. Auch

meinte er, der Geist des Toten könne uns erscheinen, denn einer,

der nicht begraben sei, treibe sich noch viel leichter um, als

einer, der zufrieden und behaglich in der Erde liege. Das schien mir

soweit vernünftig und so bestand ich nicht weiter drauf die Sache zu

besprechen, zerbrach mir aber im stillen den Kopf, wer wohl den Mann

erschossen habe und warum sie es gethan.

Dann untersuchten wir die alten Lumpen von Kleidern, die wir uns

mitgenommen hatten, und fanden in dem zerrissenen Futter eines alten

Ueberziehers acht Dollars in Silber eingenäht. Jim meinte, die Leute

in jenem Hause hätten gewiß den Rock gestohlen, denn wenn sie etwas

vom Gelde gewußt, hätten sie es wohl nicht so freundlich hinterlassen.

Ich dachte mir, der Rock habe gewiß dem Toten gehört, aber da mich Jim

gewarnt hatte, wollte ich nicht länger mehr drüber sprechen. Etwas aber

mußte ich ihn doch fragen:

»Jim, du sagst, es bringt Unglück, wenn man von den Toten spricht, aber

das nämliche hast du auch behauptet, als ich neulich die Schlangenhaut

fand und anrührte. Da hast du gemeint, das sei das Schlimmste, was man

thun könne. Siehst du nun das furchtbare Unglück, das es uns gebracht

hat? Wir haben acht Dollars und dazu diesen ganzen Kram erobert. Hätten

wir doch jeden Tag solch' ein Unglück, Jim!«

»Du nix sein so sicher, Huck, nix sein so sicher. Dich nix machen

mausig. Es schon kommen! Jim dir sagen: es schon kommen!«

Und es kam wirklich. Am Dienstag war's, daß wir uns so drüber

unterhielten. Am Freitag darauf, nach dem Mittagessen, lagen wir oben

auf dem Hügel im Grase und schmauchten unser Pfeifchen. Der Tabak

war uns ausgegangen und ich lief zur Höhle, um welchen zu holen, und

entdeckte dort plötzlich eine Klapperschlange. Ich nicht faul, hau' ihr

eins über den Kopf, daß sie das Aufstehen vergißt, nehm' sie dann und

lege sie so natürlich als möglich zusammengerollt unten auf Jims Lager;

ich wollt' ihn einmal tüchtig erschrecken und ordentlich auslachen

hinterher. Am Abend hatte ich jedoch alles wieder vergessen, und als

wir zur Höhle kamen und Jim sich auf seine Decke ausstreckte, während

ich Licht machte, wurde er von dem Weibchen der toten Schlange, das am

Nachmittag herzugekrochen war, gebissen.

Brüllend sprang er auf und das erste, was wir beim Lichte sahen, war

das Schlangenvieh, wie's den Kopf bedrohlich erhob und sich eben zu

einem zweiten Biß anschicken wollte. Im nächsten Moment hatte ich mit

einem Knüppel das Biest seinem Kameraden nachgesandt, während Jim

meines Alten Branntweinkrug zu fassen kriegte und den Inhalt hastig

hinunter zu stürzen begann.

Er war barfuß und die Schlange hatte ihn gerade in die Ferse gebissen.

Das war nun ganz allein meine Schuld. Jedes Kind weiß, daß, wo man

eine tote Schlange liegen läßt, sich deren Gefährte unfehlbar nach

kurzer Zeit einstellt, um sich um den toten Kameraden zu ringeln, und

ich Dummkopf mußte das vergessen. Jim hieß mich der Schlange den Kopf

abhacken, denselben wegwerfen, dann die Haut abziehen und ein Stück vom

Fleische rösten. Ich that's und er aß es und sagte es werde ihm helfen.

Auch die Klappern mußte ich loslösen und sie ihm ums Handgelenk binden,

das sei auch ein gutes Mittel, sagte er. Dann schlich ich mich leise

hinaus und warf die Schlangen in die Büsche; Jim durfte nicht dahinter

kommen, daß ich der Anstifter von all dem Unheil war, wenn ich's irgend

wie verhindern konnte.

[Illustration]

Jim saugte und saugte an dem Branntweinkrug wie ein Kind an seiner

Milchflasche, hie und da kam's über ihn und er tanzte wie besessen auf

einem Bein herum und brüllte fürchterlich dazu, jedesmal aber, wenn

er wieder zu sich kam, machte er sich aufs neue an den Schnaps. Sein

Fuß schwoll dick an, ebenso das Bein, aber allmählich stellte sich

ein ordentlicher, regelrechter Rausch ein und ich dachte, nun sei er

gerettet. Ich hätte lieber selbst für den Biß gebüßt, als des Alten

Branntwein so herhalten sehen zu müssen.

Vier Tage und vier Nächte mußte Jim auf seinem Lager aushalten, dann

war die Geschwulst wieder vergangen und er war wieder heil und gesund.

Ich schwor mir innerlich, nie wieder eine Schlangenhaut anzurühren,

ich hatte genug an den Folgen vom letztenmal. Jim meinte, ein andermal

würde ich wohl gleich auf ihn hören und ihn nicht wieder auslachen.

Und das will ich auch, weiß Gott! Dann sagte er, er sei immer noch

nicht überzeugt, ob wir ganz über die schlimmen Folgen hinaus seien.

Er wolle lieber tausendmal über seine linke Schulter in den Neumond

sehen, denn das sei nicht halb so gefährlich, als die Berührung einer

Schlangenhaut. Davon war ich jetzt beinahe selbst überzeugt, obgleich

ich bis dahin das erstere für das Schlimmste und das Dümmste gehalten

hatte, was der Mensch thun könne. Der alte Vater Bunker, wie er in

der Stadt hieß, hatte es einmal gethan und es war ihm schrecklich

übel bekommen, denn beinahe zwei Jahre danach war er im Rausch

vom Kirchturm gestürzt und war unten beim Auffallen flach wie ein

Pfannkuchen geworden, so daß sie ihn, statt im Sarge, zwischen zwei

alten Stallthüren begraben mußten, -- so wurde wenigstens erzählt,

ich bin nicht dabei gewesen. Mein Alter hat noch oft davon gesprochen

und daß alles nur daher gekommen sei, weil Vater Bunker einmal

unvorsichtigerweise über die linke Schulter in den Neumond gesehen. Der

alte Narr, der er war!

[Illustration]

Die Tage verstrichen und der Fluß trat wieder in seine Ufer zurück.

Wir wußten nichts Eiligeres zu thun, als einem Kaninchen die Haut

abzuziehen, es als Köder auf einem der großen Fischhaken zu befestigen,

die wir mit den andern Sachen im schwimmenden Hause gefunden hatten,

und die Leine auszuwerfen. Wir fingen damit auch wirklich einen

Katzenfisch, der seinesgleichen suchte. Er war groß und schwer wie

ein Mensch, sechs Fuß lang und wog zweihundert Pfund. Wir konnten ihn

natürlich nicht ans Ufer ziehen, der hätte uns quer übers Wasser nach

Illinois hinübergerissen, und so saßen wir und warteten geduldig, bis

er sich zu Tode gezappelt hatte. In seinem Magen fanden wir einen

Messingknopf, eine runde Kugel und sonstigen Kram. Als wir die Kugel

spalteten, war in der Mitte eine Spule, um die sich allmählich die

runde Kruste gebildet hatte. Jim meinte, dazu habe der Fisch lange,

lange Jahre gebraucht, um aus der Spule eine Kugel zu machen. Es war

wohl der größte Fisch, der je im Mississippi gefangen wurde; Jim

wenigstens sagte, er habe nie einen größeren gesehen. Was der drüben

in der Stadt wert gewesen wäre! Da hätte man das Fleisch pfundweise

verkaufen können; es ist so schneeweiß und schmeckt so gut, besonders

gebacken.

Am andern Morgen war es mir gar so traurig und langweilig zu Mute und

ich überlegte mir, was ich anstellen könne, um mich wieder ein bißchen

aufzurappeln. Da fiel mir ein, daß ich ja einmal ein wenig ans Land

übersetzen und sehen könne, was dort los sei. Jim gefiel der Plan,

nur riet er, ruhig zu warten bis es dunkel zu werden anfange, und

empfahl mir, überhaupt sehr vorsichtig zu sein. Nach einigem Besinnen

meinte er, ob ich mich nicht mit den Frauenkleidern und Hüten, die wir

erbeutet, vielleicht als Mädchen verkleiden könnte. Das war mal wieder

eine gute Idee! Wir machten also einen der Röcke kürzer, dann schlug

ich meine Hosen übers Knie hinauf und schlüpfte in den Rock hinein.

Jim hakte ihn hinten ein und er paßte wundervoll. Dann nahm ich einen

der Hüte, einen alten Kapothut mit riesigen Scheuledern nach vorn,

und band ihn unterm Kinn zusammen. Wer nun mein Gesicht sehen wollte,

mußte sich große Mühe geben, um dasselbe in dem Hintergrunde der

Ofenröhre erblicken zu können. Jim meinte, kein Sterbensmensch könne

mich so erkennen, selbst bei Tageslicht nicht. Den ganzen Tag lang übte

ich mich in dem ungewohnten Anzug und war am Abend so ziemlich damit

vertraut, nur tadelte Jim, daß ich gar nicht zierlich wie ein Mädchen

gehe, und auch immer den Rock aufhebe, um an meine Hosentasche zu

gelangen. Das ließ ich mir gesagt sein und suchte es besser zu machen.

Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn · 第 4 / 22 段