Jetzt nahm ich die Axt zur Hand, zerschmetterte die Thüre und hieb um

mich, daß die Fetzen nur so flogen. Dann schleppte ich das Schwein bis

zum Tisch, hieb ihm mit dem Beil ein Loch in den Hals und legte es

auf den Boden zum Verbluten, -- die Hütte war nicht gedielt, sondern

hatte gestampften Lehmboden. Dann nahm ich einen alten Sack, füllte

den mit schweren Steinen, wälzte ihn durch die Blutlache und zog ihn

dann hinter mir her dem Flußufer zu, wo ich ihn hinein warf. Er hatte

eine breite, blutige Spur hinterlassen, die ein Blinder finden konnte.

Ich wollte, Tom Sawyer wäre dabei gewesen, der hätte noch allerlei

dazu erfunden, um dem Ding einen romantischen Anstrich zu geben, -- in

solchen Sachen war er groß.

Zuletzt riß ich mir dann noch ein paar Haare aus, tauchte die Axt ins

Blut, klebte die Haare hinten dran und warf die Axt darauf in einen

Winkel. Dann nahm ich das Schwein, preßte die Wunde fest gegen mich,

daß sie nicht mehr tröpfeln konnte und schleppte das Tier eine gute

Strecke weit unterhalb an den Fluß, wo ich's hineinwarf. Da fiel mir

noch etwas andres ein. Ich nahm den Sack Mehl und trug ihn zurück

in die Hütte, dann holte ich die Säge, stellte den Sack an den Ort,

an dem er gestanden, ritzte mit der Säge ein Loch hinein, denn es

waren keine Messer oder Gabeln da; der Alte besorgte alles mit seinem

Taschenmesser. Dann schleppte ich den Sack ein paar hundert Meter durch

das Gras und die Weiden nach einem östlich von der Hütte gelegenen

Teich, der voll Binsen war und -- voll Enten, wenn die rechte Zeit dazu

war. Am andern Ende des Sees führte ein Pfad in die Wildnis, das wußte

ich, aber nicht wohin, jedenfalls aber entgegengesetzt vom Flusse. Das

Mehl kam ganz langsam aus dem Riß heraus und hinterließ eine kleine

weiße Spur über den ganzen Weg bis zum See, dann ließ ich noch des

Alten Wetzstein fallen, als ob es zufällig geschehen sei, band das Loch

im Sack mit einer Schnur zu, damit das Mehl nicht mehr herausfallen

konnte, nahm den Mehlsack, holte die Säge und ging zu meinem Boot

zurück.

Jetzt war's beinahe dunkel geworden und so ruderte ich denn das

Boot eine Strecke weit den Fluß hinunter, befestigte es an einem

Weidenstamm, aß 'nen Mund voll und wartete auf den Mond, der eben

aufging. Ich zündete mir eine Pfeife an und begann ernstlich über

meinen Plan nachzudenken. Sag' ich zu mir selbst: natürlich werden

sie der Spur folgen, auf der ich den alten Steinsack zum Fluß gezogen

habe, und werden dann das ganze Wasser nach meiner Leiche absuchen.

Und dann rennen sie hinter der Mehlspur her bis zum See und weiter,

durch den Wald in die Schluchten jenseits, um die Räuber zu finden,

die mich gemordet und alles gestohlen haben. Außer im Fluß werden sie

nirgends nach meiner Leiche suchen, des bin ich sicher, und sie werden

es bald müde sein und sich nicht weiter um mich kümmern. Das ist mir

gerade recht! Ich kann dann bleiben, wo ich will! Die Jackson-Insel

da drüben ist gut genug für mich, dort bin ich von früher her mit

jedem Schlupfwinkel bekannt und niemand kommt je dahin. Nachts kann

ich dann in die Stadt rudern und sehen, ob ich nicht hie und da etwas

erwischen kann, was sich brauchen läßt. Hurra, die Jackson-Insel sei

mein Reich! --

[Illustration]

Ich war ziemlich müde geworden und das erste was ich that, war, daß

ich einschlief. Als ich wieder aufwachte wußte ich einen Augenblick

lang gar nicht, wo ich war. Ich setzte mich auf und blickte nicht

wenig verwundert nach allen Seiten um. Jetzt kam mir wieder alles ins

Gedächtnis zurück. Der Fluß sah aus, als sei er Meilen und Meilen

breit. Der Mond schien so hell, daß ich die Holzstücke zählen konnte,

welche hundert Meter weit entfernt still und schwarz dahin glitten.

Alles war totenstill und es sah aus, als sei's sehr spät und es roch

auch so, so frisch, so so -- ihr wißt, was ich sagen will, ich kann nur

keine Worte dafür finden.

Ich gähnte und reckte und streckte mich und wollte gerade mein Boot

los machen und weiter rudern, als ich drüben über dem Wasser etwas

hörte. Ich horchte. Bald hatt' ich's heraus was es war. Ein dumpfer,

regelmäßiger Laut, wie ihn Ruder von sich geben, wenn sie sich in den

eisernen Klammern bewegen, drang durch die stille Nacht. Ich spähte

unter den Weidenzweigen hervor und richtig, da war's ein Boot, das

übers Wasser herüber kam. Wie viele drin seien konnte ich noch nicht

sagen. Es kam näher und näher und bald erkannte ich, daß nur ein

einziger Mann drin saß. Denk' ich, holla, das ist doch am End' der

Alte, obgleich ich ihn diese Nacht nicht erwartete. Der Mann wurde mit

der Strömung unterhalb von mir angetrieben und ruderte dann im seichten

Wasser dicht am Ufer herauf, so dicht, daß ich ihn mit ausgestrecktem

Gewehr hätte berühren können. Und richtig, -- da saß der Alte und zwar

nüchtern, was ich sofort an der Art, wie er die Ruder führte, erkannte.

Jetzt galt's keine Zeit zu verlieren. Im nächsten Augenblick trieb ich

leise aber schnell den Strom hinunter, immer im Schatten des Ufers hin.

So ruderte ich eine oder zwei Meilen weiter, dann ließ ich mein Boot

mehr der Mitte des Flusses zutreiben, da ich wußte, daß das Fährhaus

in der Nähe sein mußte, von dem mich die Leute bemerken und anrufen

konnten. Ich war nun mitten im Treibholz drin, zündete mir eine Pfeife

an, legte mich längelangs in mein Boot und ließ mich von den Wellen

treiben.

Da lag ich und rauchte, und starrte in den Himmel, an dem kein

Wölkchen stand. Daß der so bodenlos tief aussehen kann, wenn man so im

Mondschein auf dem Rücken liegt und immerzu hineinstarrt, hatte ich

gar nicht gewußt. Aber so war's! Und wie weit man in solcher Nacht auf

dem Wasser hören kann! Ich hörte die Leute an der Fähre sprechen und

konnte jedes Wort verstehen, das sie sagten. Der eine meinte, die Tage

würden nun immer länger und die Nächte kürzer. Drauf sagte ein andrer,

die heutige sei aber keine von den kurzen, worauf alle lachten; er

wiederholte den Ausspruch, den er wohl für einen guten Witz hielt, und

die andern lachten wieder. Dann sagte einer, es sei schon drei Uhr,

hoffentlich bliebe der Morgen nun keine Woche mehr aus, was wieder

viel Spaß erregte, und dann trieb mein Boot weiter und weiter und die

Stimmen wurden allmählich undeutlich, so daß ich nur noch den Ton

hörte, aber die Worte nicht mehr verstehen konnte; das Lachen hörte ich

noch länger, aber dann verklang auch dies.

Nun war ich ziemlich weit unterhalb der Fähre. Ich erhob mich und

erblickte vor mir die Jackson-Insel, die, mit dichtem Wald bestanden,

sich von fern groß und dunkel und massig, wie ein Dampfschiff ohne

Lichter, vom Wasser abhob. Die Sandbank vorn konnte man nicht sehen;

das Wasser stand gerade zu hoch im Augenblick.

Bald war ich dort. Erst trieb mich die starke Strömung an der Spitze

vorbei, dann kam ich in stilles Wasser und landete am Ufer gegen

Illinois zu. Ich versteckte mein Boot in einer kleinen Bucht, die ich

kannte, in dichtem Weidengebüsch, so daß es kein Mensch von außen

entdecken konnte. Hurra, nun war ich sicher!

Dann kroch ich am Ufer hinauf, setzte mich auf einen Baumstamm und sah

auf den mächtigen Strom hinaus, auf dem das viele Treibholz so schwarz

und so still dahin glitt. Weit, weit da drüben lag die Stadt, drei oder

vier Lichter glitzerten wie Sterne von dorther. Jetzt kam ein mächtiges

Holzfloß daher mit einer Laterne drauf. Ich beobachtete es, wie es so

langsam näher schwamm. Ein Mann stand drauf und ich hörte ihn sagen:

»Achtung, Jungens da vorn, he, Steuerbord!« Es war, als ob er neben mir

stünde, und er war doch weit da draußen mitten auf dem Strome.

Am Himmel zeigte sich ein Streifchen Grau und ich zog mich in den Wald

zurück, um mich noch ein wenig aufs Ohr zu legen vorm Frühstück. --

Achtes Kapitel.

Schlafen im Walde. -- Auferweckung der Toten. -- Auf der Wacht!

-- Expedition ins Innere der Insel. -- Ruhelose Nacht. -- Jim

erscheint. -- Jims Flucht. -- Schlimme Anzeichen. -- ›Das

einbeinerige Nigger.‹ -- ›Balam.‹

Die Sonne stand hoch am Himmel als ich erwachte, und es war sicher

schon acht Uhr, wenn nicht mehr. Ich lag im Gras unter dem Schatten

der Bäume und fühlte mich so behaglich und zufrieden, wie der Vogel im

Neste. Die Sonne war nur durch einige Lücken zwischen ein paar Bäumen

zu erblicken, sonst standen die Bäume jedoch so dicht, daß sie alles in

dunkeln Schatten hüllten. An der Stelle, wo sich das Licht durch die

Blätter stahl, sah's am Boden wie gesprenkelt aus und an dem Hin- und

Hertanzen der glänzenden Flecken merkte man, daß oben ein leiser Wind

wehte. Ein paar Eichhörnchen saßen auf einem Aste und blinzelten mir

freundlich zu.

Ich war mächtig faul und bequem und dachte gar nicht dran, aufzustehen

und das Frühstück zu bereiten. Gerade schloß ich die Augen wieder, um

noch einmal einzuduseln, als ich, freilich noch unbestimmt, ein tiefes,

fernes ›Bum -- bum‹ auf dem Flusse zu hören meinte. Ich richte mich

halb auf, stütze den Kopf in die Hand und horche. Da schallt's wieder!

Nun aber auf und ans Ufer und durchs Gebüsch hinaus gespäht! Und

richtig, eine gute Strecke weiter oben, ungefähr der Fähre gegenüber,

sehe ich eine Rauchwolke auf dem Wasser liegen. Da kommt auch die Fähre

und ist voller Leute. Jetzt wußte ich, woran ich war! Bum! ein kleines

Rauchwölkchen kommt aus der Seite des Schiffes hervor, ich kann's

deutlich sehen. Weiß Gott! sie feuern die Kanone über dem Wasser ab, um

meinen Leichnam an die Oberfläche zu treiben!

Ich war unterdessen tüchtig hungrig geworden, durfte aber nicht dran

denken, Feuer anzuzünden; der Rauch hätte mich verraten können. So

setzte ich mich denn hin und hörte dem Bumbum der Kanonen zu und sah

dem Rauche nach. Der Fluß war hier eine halbe Stunde breit und sieht

an einem Sommermorgen immer wundervoll aus, -- ich hatte somit eine

ganz vergnügliche Zeit, während sie dort nach meinen irdischen Resten

suchten. Nur hätte ich gern etwas zu essen gehabt! Da fiel mir auf

einmal ein, daß die Leute Quecksilber in einen Brotlaib zu stecken

pflegen und den ins Wasser werfen, weil sie sagen, der treibe alsdann

direkt dem toten Körper zu. Holla, denk' ich, kannst vielleicht so

ein Totenbrot erwischen, wird dir viel besser schmecken als deinem

Leichnam. Und richtig, kaum seh' ich mich um, kommt auch schon was

dahergeschwommen, was einem Brot verzweifelt ähnlich sieht. Mit einer

Stange zieh' ich's 'ran, erwisch's auch glücklich, und wahrhaftig,

es ist das schönste Bäckerbrot, wie's die feinen Leute essen, keins

von dem harten, grauen, armseligen Zeug, an dem sich unsereiner sonst

die Zähne ausbeißt. Man muß wahrlich erst ›sterben‹, um solches zu

bekommen! --

Da saß ich denn auf meinem Baumstamm, ließ mir mein Brot schmecken und

sah den Anstrengungen meiner Leichenjäger zu. Auf einmal kommt mir ein

Gedanke, der mir ordentlich heiß macht. Siehst du, denk' ich so bei

mir, da hat gewiß die Witwe oder der Pfarrer gebetet, daß dies Brot

mich erreichen solle, und weiß Gott, da ist's zu mir hergeschwommen.

Muß also doch etwas dran sein! Heißt das, nur wenn's die Witwe oder

der Pfarrer oder sonst jemand thut, denn mir selbst wollt's nie

gelingen, es mußte irgendwo einen Haken haben. Es wirkt eben nur bei

der richtigen Sorte!

Nun zündete ich mir mein Pfeifchen an und schaute immerzu nach dem

Fährboot aus. Es trieb mit der Strömung daher, und da diese längs

der Insel hinzog, kam es sicher dicht an mir vorüber, wie das Brot

auch. Auf diese Weise konnte ich mir meine ›lachenden Erben‹ genau

betrachten. Wie's näher und näher kam, löschte ich meine Pfeife, stieg

zum Ufer hinunter und legte mich dicht hinter einen Baumstamm, der zwei

Aeste hatte, wo ich bequem durchschielen konnte.

[Illustration]

Jetzt kamen sie heran und zwar so dicht, daß sie, wenn sie eine Planke

ausgelegt hätten, bequem ans Ufer gelangen konnten. Fast alle meine

Bekannten waren im Boot. Der Alte, der doch ein wenig betreten aussah,

und der Kreisrichter und seine Tochter, und Joe Harper und Tom Sawyer

mit seinem Bruder, seiner Schwester und der alten Tante Polly und sonst

noch andre. Die Witwe und Miß Watson vermißte ich, die waren wohl zu

tief gebeugt vor Kummer. Alle sprachen unter einander von dem Morde,

bis sie der Kapitän unterbrach, indem er rief:

»Sehen Sie sich jetzt hier gut um, meine Herrschaften, hier an der

Insel ist der Strom am reißendsten. Da ist es leicht möglich, daß er

ans Ufer gespült worden ist und hier im Gestrüppe hängt. Wenigstens

hoffe ich, daß wir ihn hier finden!«

Das hoffte ich nun gar nicht! Sie drückten sich jetzt alle ans

Geländer, starrten ins Wasser und wagten kaum zu atmen, ich hätte ihnen

ins Gesicht lachen mögen, so urkomisch kamen mir die ernsten Mienen

vor, die sie schnitten.

»Bumm--mm--m--m!« Die Kanone knallte diesmal so dicht neben mir los,

daß ich beinahe taub von dem Schlag und blind von dem Rauch wurde und

meinte, ich sei des Todes. Wären ein paar Kugeln drin gewesen, dann

hätten sie den Leichnam, nach dem sie suchten, gewiß bekommen. Ganz

allmählich kam ich wieder zu mir selber und merkte, daß ich, Dank dem

Himmel, wirklich noch heil und ganz sei. Inzwischen war das Boot schon

weit an der Insel entlang gefahren und bald ganz außer Sicht. An der

Spitze der Insel wendeten sie und fuhren an der andern Seite herauf,

immer ab und zu ein Bum hören lassend. Ich rannte quer über die Insel

und konnte sie nun noch einmal sehen, wie sie, der Totenjagd müde,

wieder der Stadt zusteuerten. Nun hoffte ich, wieder meine ungestörte

Ruhe zu haben!

Ich schaffte meine Siebensachen aus dem Boot herauf und richtete mich

mitten im dichtesten Walde häuslich ein. Mit meinen Decken machte

ich mir eine Art Zelt und stellte meine Habseligkeiten drunter, um

dieselben vor etwaigem Regen zu schützen. Hernach fing ich mir einen

Fisch, zündete ein Feuer an und kochte mein Abendessen. Dann warf ich

noch eine Leine aus, um auch für das Frühstück am andern Morgen gesorgt

zu haben.

Als es dunkel wurde setzte ich mich rauchend an mein Feuer und war

sehr wohl zufrieden mit mir selbst. Allmählich aber fühlte ich mich

ein bißchen einsam, ging ans Ufer und sah den Wellen zu, wie sie

vorbeizogen, sah die Sterne am Himmel blitzen, zählte sie und dann die

Stücke Holz, die vorbeitrieben, und darauf ging ich zurück und legte

mich schlafen. Ein bessres Mittel, sich das Gefühl der Einsamkeit zu

vertreiben, giebt es gar nicht.

So ging's nun drei Tage und Nächte weiter, immer dasselbe ohne jede

Abwechslung. Dann aber fiel mir ein, eine Expedition ins Innere

zu unternehmen. Die Insel war mein Reich, ich war hier sozusagen

Alleinherrscher und wollte jeden Winkel kennen lernen; vor allem aber

galt's die Zeit tot zu schlagen. Ich fand eine Masse schöne, reife

Erdbeeren und dabei eine Menge andrer noch unreifer Beeren, die aber

alle mit der Zeit eßbar würden, wie ich hoffte.

Ich schlug mich also durch den dichten Wald, bis ich dachte, nun müsse

das Ende der Insel ungefähr erreicht sein.

[Illustration]

Meine Flinte hatt' ich auch mitgenommen, aber noch gar nichts

geschossen, ich fürchtete, der Knall könne mich verraten. Fast wäre ich

über eine ganz ansehnliche Schlange gestolpert; sie ringelte sich durch

das Gras und die Blumen weiter, ich immer dahinter her, seh' weder

rechts noch links und stehe plötzlich vor der Asche eines Lagerfeuers,

die noch warm war und rauchte.

Mein Herz fiel mir fast in die Stiefel. Ohne mich viel umzusehen

schlich ich mich, so leise ich konnte, auf den Fußspitzen davon. Von

Zeit zu Zeit stand ich ein wenig still und spitzte die Ohren, mein

Herz schlug aber so laut, daß ich gar nichts hören konnte. Noch ein

Stück weiter schleichend lauschte ich dann wieder, und so machte ich's

abwechselnd eine ganze Zeit lang. Sah ich einen Baumstamm, so hielt ich

ihn für einen Menschen, trat ich auf einen Ast und der knackte, so war

mir's, als schnitte mir jemand den Atem entzwei und ließe mir nur die

eine Hälfte davon, und zwar die kleinere.

In meinem Lager angelangt war mir nicht mehr sonderlich

unternehmungslustig zu Mut, mein Barometer war beträchtlich gesunken

und ich dachte bei mir: sei kein solcher Narr und schnüffle da noch

lange im Wald herum! Pack' deine Siebensachen ins Boot, dann bist du

zur Flucht bereit, wenn's gilt! -- Schlepp' ich also meinen ganzen Kram

wieder ans Wasser und ins Boot hinein, lösch' mein Feuer und reiß' die

Asche auseinander, so daß man denken konnte, es habe vor einem Jahr

zum letztenmal gebrannt, und setze mich dann oben auf einen Baum, um

Ausschau zu halten.

So saß ich also da oben eine oder zwei Stunden und hörte nichts und

sah auch nichts, meinte aber immer tausenderlei zu sehen und zu hören.

Ewig konnte ich dort nicht kleben bleiben und so kroch ich denn wieder

herunter, hielt mich aber doch immer im dichten Wald und gab gut acht

auf alles um mich her. Zum Essen hatte ich nur Beeren und was mir vom

Frühstück übrig geblieben war.

Als es dunkel wurde war ich denn auch ziemlich hungrig geworden. Bevor

der Mond aufging nahm ich mein Boot, ruderte hinüber ans Illinoisufer,

landete dort und kochte mir im Walde mein Essen. Eben wollte ich mir

mein Nachtlager zurecht machen, da -- trab, trab, trab -- höre ich

Pferdehufe und kann auch Stimmen unterscheiden. Ich, nicht faul, auf,

und alles ins Boot zurück geschleppt, dann aber kroch ich wieder

herbei, um zu sehen, was los sei.

Weit kam ich nicht, als ich plötzlich einen Mann sagen hörte: »Wenn wir

einen geeigneten Platz finden, lagern wir am besten hier, die Pferde

sind totmüde.«

Ich zögerte nicht lange, sondern kroch schleunigst zu meinem Boot

zurück und ruderte davon. An der alten Stelle legte ich wieder an und

entschloß mich, für heute im Boot zu übernachten.

Schlafen konnte ich aber nicht viel, die Gedanken hielten mich wach,

und wenn ich dann einmal einnickte und wieder erwachte, meinte ich

jedesmal, es habe mich schon einer am Kragen. Das war mir nun sehr

ungemütlich. So konnte ich nicht weiterleben und da denk' ich: du gehst

und siehst, wer mit dir auf der Insel wohnt, um jeden Preis, und wenn

du drüber zu Grund gehst! Danach war mir besser zu Mut.

Gedacht, gethan! Ich nehm' mein Ruder, geb' dem Boot einen leichten

Stoß und laß es sachte im Schatten des Ufers an der Insel entlang

gleiten. Der Mond schien so klar und draußen auf dem Fluß war's hell

wie am Tage. Eine Stunde wohl trieb ich so dahin, alles um mich her

war lautlos, wie im tiefsten Schlaf. Das Ende der Insel hatte ich nun

beinahe erreicht. Ein kühles Lüftchen erhob sich und begann lustig

zu wehen und das war so gut, wie wenn mir einer gesagt hätte, nun

sei's vorbei mit der Nacht. Ich wendete also mein Boot und ließ den

Schnabel ans Land stoßen, nahm meine Flinte und schlüpfte lautlos in

den Wald. Dann setzte ich mich auf einen Baumstamm und sah zu, wie

der Mond allmählich verschwand, Dunkelheit das Wasser deckte und dann

im Osten ein schmaler, grauer Streifen den Tag ankündigte. Nun hing

ich mein Gewehr über und stahl mich leise nach dem Ort, an dem ich das

Lagerfeuer gesehen. Ich hatte aber kein Glück und konnte die Stelle

lange nicht wiederfinden. Endlich erblickte ich einen Feuerschein durch

die Bäume. Ich schlich sachte heran und als ich ganz nahe war, fiel

mein Blick auf einen Mann, der am Boden lag. Ich meinte, ich müßte

vergehen. Der Mann hatte ein Tuch um seinen Kopf geschlungen und lag

mit dem Kopf beinahe im Feuer. Ungefähr sechs Fuß entfernt kauerte ich

im Gebüsch und wandte keinen Blick von ihm. Es war inzwischen dämmerig

geworden und wurde heller und heller. -- Mit einem Male reckte er sich,

gähnt, streckt sich, fängt an, sich aus der Decke zu wickeln. Mir

bleibt das Herz eine Sekunde still stehen, als ich dann aber genauer

hinsehe, wen entdecke ich da? -- Jim, Miß Watsons Jim, den alten,

treuen Nigger! Wie froh war ich, ihn zu sehen!

[Illustration]

»Jim, holla Jim!« schrei' ich und setz' hinter dem Buschwerk vor.

Er starrt mich an mit rollenden Augen, faltet die Hände und sinkt in

die Kniee:

»Nix thun, alte Jim nix thun! Sein nur arme, alte Nigger, sein nix bös

mit arme Geist! Alte Jim haben immer lieb gehabt arme Geist von tote

Mensch. Du gehen wieder in die Wasser, wo du kommen her. Nix thun gute

alte Jim, nix thun Geist von arme Huck, sein immer gewesen deine gute

Freund!«

Bald hatte ich ihm begreiflich gemacht, daß ich nicht tot und auch

nicht mein Geist sei. Ich war so froh, Jim gefunden zu haben; so war

ich jetzt doch nicht mehr allein. Ich sagte ihm, mir sei nicht bange,

daß er mich verraten würde. Ich schwatzte und schwatzte und er saß da

und starrte mich noch immer ungewiß an, thut aber den Mund nicht auf.

Endlich sag' ich:

»Geh', 's ist beinah' hell, laß uns das Frühstück kochen. Schür's Feuer

tüchtig, alter Kerl!«

»Warum sollen Jim schüren Feuer? Sollen kochen Erdbeeren un solchen

Zeug? Du haben Flinte warraftig, du schießen anner Sach' wie Erdbeeren!«

»Erdbeeren und solcher Zeug?« wiederhol' ich, »hast du davon gelebt bis

jetzt, armer Teufel?«

»Haben nix können anners finden!« antwortete er.

»Wie lang bist du denn schon hier, Jim?«

»Sein Jim kommen in die Nacht, wenn du sein gestorben!«

»Was? Schon so lange?«

»Ja, warraftig!«

»Und die ganze Zeit hast du nur von Beeren und ›solcher Zeug‹ gelebt?«

»Nur solcher schlechte Zeug, arme Jim!«

»Ei, du mußt ja halb verhungert sein, armer Kerl!«

»Jim könnten essen ganze Pferd, könnten Jim, warraftig! Wie lange du

sein auf Insel?«

»Seit der Nacht, in der ich getötet wurde!«

»Warraftig? Was du haben gessen? Ach, du haben Flint! das 's gut! Jetzt

du schießen gute Braten, Jim dann machen Feuer an!«

Nun gingen wir zuerst zum Boot und während er einen guten Platz

aussuchte zum Feueranmachen, holte ich Mehl, Speck, Kaffeetopf,

Bratpfanne, Zucker und Blechtassen. Jim starrte nur so mit offenem

Munde als er die vielen Sachen sah, und dachte, es sei eine Hexerei im

Spiel. Dann fing ich einen tüchtigen Fisch, Jim machte ihn zurecht und

briet ihn.

Als das Frühstück fertig war verschlangen wir's kochend heiß,

namentlich Jim ging mit Dampfkraft ans Werk; er war wirklich ganz

ausgehungert, der arme Bursche. Nachdem wir uns gehörig gestopft

hatten, legten wir uns bequem in das Gras hin und Jim sagte:

»Aber, Huck, gute liebe Huck, hör' mal alte Jim. Wer denn sein worden

tot gestochen in alte Hütte drüben?«

Ich erzählte ihm alles und er fand's furchtbar klug und pfiffig. Er

sagte, selbst Tom Sawyer hätte es nicht feiner fertig bringen können.

Ich fühlte mich sehr stolz auf sein Lob und fragte dann:

»Aber wie in der Welt kommst du hierher, Jim? Wie und warum?«

Er sah mich unruhig an, schwieg aber und sagte kein Wort. Dann meinte

er:

»Jim lieber nix sagen!«

»Warum, Jim?«

»Jim wissen warum! Du werden doch alte Jim nix verraten, Huck, werden

doch nix?«

»Hol' mich der und jener, wenn ich's thu', Jim!«

»Jim dir glauben, alte Jim dir glauben, Huck! Jim, -- arme, alte Jim

sein _davongelaufen_!« --

»Jim!!! --«

»Huck, du Jim nix verraten, du versprechen, Huck -- du nix sagen von

arme Jim!«

»Gut, ich hab's versprochen, Jim, und ich halt' mein Wort, straf' mich

Gott, ich halt's! Und wenn sie mich drum verachten und tot hauen und

einen ›Ablitionisten‹[4] schimpfen, das ist mir alles eins. Ich sag'

nichts und ich geh' auch nicht wieder zurück, Jim, also heraus mit der

Sprache!«

[4] ›Abolitionisten‹ hießen die Gegner der Sklaverei vor dem

Bürgerkrieg.

»Ja, Huck, sein das gewesen so! Alte Missus -- was sein Miß Watson --

hat arme Jim so viel geplagt, sein gewesen so viel bös mit arme, alte

Jim, hat aber immer versprochen, will arme Jim nix verkaufen nach New

Orleans. Aber da sein gekommen Nigger-Händler, haben viel gehandelt mit

alte Missus, sein Jim geworden so arg unruhig. Eine Abend spät, arme,

alte Jim sein gelegen vor die Thüre, haben hören alte Missus sagen

zu die Witwe: ›Missus Douglas‹, sie sagen, ›ich nix wollen verkaufen

meine Nigger, aber achthundert Dollars sein schöne Stück Geld, sein

viele, viele Geld, ich nix wissen was thun!‹ Sagen die Witwe: ›O, nix

verkaufen arme, alte Jim, sein gute Kerl, sein brave Nigger!‹ Jim

das hören un warten da nix länger, rennen nur fort, fort, schnell,

schnell! --

Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn · 第 3 / 22 段