schütteln Sie sie. Es war einstmals die Hand eines Schweines, aber
sie ist's nicht mehr, sie ist die Hand eines Mannes, der ein neues
Leben begonnen hat und der eher sterben wird, als daß er ins alte
zurückkehrt. Denken Sie an diese Worte, gedenken Sie dessen, der sie
sagte. Es ist eine reine Hand jetzt, nehmen Sie, fürchten Sie nichts,
schütteln Sie dieselbe!«
Der Richter, seine Frau und seine Kinder schüttelten sie der Reihe
nach und die Frau Richter küßte sie sogar. Dann sollte er noch ein
feierliches Gelöbnis unterschreiben -- und er that's, indem er drei
Kreuze drunter setzte. Der Richter bemerkte noch, das sei der schönste
Tag seines Lebens und dann führten sie meinen Alten im Triumph in ihr
allerbestes Gastzimmer. Der aber fühlte sich sehr durstig, und in der
Nacht, als alles schlief, kletterte er aus dem Fenster aufs Vordach der
Hausthüre, ließ sich am Gitter nieder, witschte in die Stadt, versetzte
seinen neuen Rock für eine schwer geladene Schnapsflasche und stieg
so bewaffnet wieder in sein warmes Nest und feierte die Bekehrung auf
seine Weise. Gegen Morgen wollte er sich auf dem alten Wege aus dem
Staube machen, war aber nicht fest auf den Beinen, fiel vom Dach und
brach den Arm an zwei verschiedenen Stellen, konnte nicht weiter und
wurde dann nach ein paar Stunden halb erfroren im Schnee aufgefunden.
Man schaffte ihn zur Pflege ins Krankenhaus, wo ich ihn nun für einige
Wochen wenigstens gut aufgehoben wußte. Im Gastzimmer bei Richters
aber mußten sie eine Art Ueberschwemmung anstellen, ehe es wieder zu
gebrauchen war.
Beim Ortsrichter selbst blieb die Bekehrung meines Alten ein wunder
Punkt. Er meinte, die sei für die Dauer nur mit einem Flintenschuß ins
Werk zu setzen, er wisse kein andres Mittel und meiner Treu -- ich
glaub' er hat recht.
[Illustration]
Sechstes Kapitel.
Der Alte geht zum Kreisrichter. -- Huck entschließt sich
Reißaus zu nehmen. -- Ernsthaftes Nachdenken! -- Politisches.
-- Nächtliche Lustbarkeit.
Soweit also war's gut! Bald aber war der alte Mann wieder zurecht
geflickt und machte die Gegend aufs neue unsicher. Er ging zum
Kreisrichter und drohte ihn zu verklagen und that's auch wirklich,
als der sich weigerte das Geld herauszugeben. Dann wollte er mich
verklagen, weil ich trotz seines Verbots in die Schule trabte. Er
fing mich ein paarmal ab und walkte mich tüchtig durch, ich aber ging
nach wie vor hin und es gelang mir meistens ihn zu überlisten, oder
aber davon zu rennen. Vorher war mir die Schule gerade kein Vergnügen
gewesen, nun aber fand ich Lust daran, weil es den Alten so ärgerte.
Der Prozeß vor Gericht wegen des Geldes ging nur sehr langsam von
statten, sie schienen drüber einschlafen zu wollen. So borgte ich denn
ab und zu zwei oder drei Dollars vom Kreisrichter, mit denen ich mich
dann beim Alten von einer versprochenen Tracht Prügel loskaufte. So oft
er Geld hatte, hatte er auch einen Rausch, und so oft er einen Rausch
hatte, tobte er durch die Straßen, und so oft er das that, wurde er
eingesperrt. Solch ein Leben gefiel ihm, das war gerade was er wollte!
Allmählich aber machte er doch die Gegend um das Haus der Witwe allzu
unsicher. Diese warnte ihn zwar ein paarmal und drohte, sie wollte die
Nachbarn zu Hilfe rufen gegen ihn, aber das half nichts. Er wurde nur
wütend und sagte, er wolle zeigen, wer Huck Finns Herr sei! So fing
er mich an einem schönen Frühlingstage ab, als ich nichts Schlimmes
ahnte, schleppte mich mit Gewalt zum Fluß in ein Boot, setzte nach dem
Illinois-Ufer über, wo der Wald am dicksten stand, und brachte mich da
in eine alte Blockhütte, die niemand hätte auffinden können, der nicht
genau wußte, wo sie lag.
[Illustration]
Ich mußte immer an seiner Seite bleiben und zum Durchbrennen gab's
nicht die kleinste Gelegenheit. So wohnten wir denn in der alten Hütte
und bei Nacht verschloß er die Thüre und legte den Schlüssel unter
seinen Kopf. Er besaß eine alte Flinte, die er wahrscheinlich irgendwo
gestohlen hatte. Wir jagten und fischten und lebten von der Beute.
Von Zeit zu Zeit schloß er mich ganz ein, ging hinunter an die Fähre,
tauschte dort Fische und was er geschossen hatte gegen Schnaps ein, kam
heim, betrank sich, vergnügte sich auf seine Weise und prügelte mich
durch. Die Witwe hatte mittlerweile herausgefunden, wo mich der Alte
hingeschleppt, und sandte einen Mann, der mich befreien sollte. Den
trieb aber mein Vater mit der Flinte in die Flucht. Bald hatte ich mich
denn auch an das Leben gewöhnt, befand mich wohl dabei und liebte es;
nur das Durchhauen war nicht ganz nach meinem Geschmack.
Es war so lustig und so faul und so behaglich, den ganzen Tag nach
Herzenslust herum zu liegen, nur zu rauchen oder zu fischen und Bücher
-- Bücher, und Lernen -- Lernen sein zu lassen. Zwei oder drei Monate
verflossen so, meine Kleider waren nur noch schmutzige Lumpen und ich
konnte kaum mehr begreifen, wie ich es je bei der Witwe ausgehalten
hatte, wo man sich waschen mußte, vom Teller essen, sich kämmen, zu
Bett gehen und zur bestimmten Stunde aufstehen, ewig sich mit Büchern
herumplagen und dazu das Keifen und Zetern der alten Miß Watson mit
anhören. Ich _wollte_ gar nicht wieder zurück in das Gefängnis! Das
Fluchen hatte ich mir abgewöhnt, weil es die Witwe nicht gerne hörte,
nun machte ich mich aber lustig wieder dran, mit meinem Alten um die
Wette. Ich hatte es eigentlich ganz gut da draußen im Walde, wenn ich
so alles in allem nehme.
Allmählich aber wurde der Alte zu beweglich mit seinem Stock, ich
konnt's kaum mehr aushalten, ich war voll Striemen und Beulen. Auch
ging er immer öfter weg und schloß mich ein. Einmal blieb er beinahe
drei Tage aus. Es war schrecklich einsam und ich dachte schon, er sei
ertrunken und ich müsse hier verhungern. Das war mir denn doch zu bunt!
Wie oft hatte ich schon versucht durchzubrennen, aber es ging nicht.
Die Fenster waren Löcher, durch die kein Hund durch gekonnt hätte, das
Kamin war zu eng, und die Thüren aus festen Eichenbohlen gezimmert. Ein
Messer oder irgend etwas derartiges hütete sich der Alte wohl zurück zu
lassen, wenn er ging. Wie oft schon hatte ich die Hütte durchstöbert,
von oben bis unten, ohne je etwas zu entdecken, diesmal aber fand ich
unter einem Dachbalken, ganz in der Ecke eine alte, rostige Holzsäge.
Wer war froher als ich! Rasch eingeschmiert und nun frisch drauf los!
Ich hob ein Stück von einer alten Pferdedecke auf, die in eine Ecke
beim Tisch genagelt war, damit der Wind das Licht nicht ausblase, und
begann dahinter die Balken anzusägen, um ein Stück heraus zu nehmen, so
groß, daß ich durchschlüpfen konnte. Es war eine tüchtige, saure Arbeit
und als ich beinahe damit zu Ende war, hörte ich Vaters Flinte im Wald.
Ich nun schnell, schaff' die Sägspäne beiseite, leg' den Teppich vors
Loch und verberg' die Säge. Kaum war ich fertig, stolperte richtig der
Alte zur Thür herein.
Er war schlechter Laune -- hatte also nicht getrunken, erzählte, er sei
in der Stadt gewesen und alles ginge verkehrt. Der Advokat sage, er
werde ohne Zweifel den Prozeß gewinnen, wenn derselbe nur erst einmal
zur Verhandlung käme. Es werde aber immer wieder hinaus geschoben und
daran sei nur der Kreisrichter mit seinem Einfluß schuld. Dann sollten
die Leute gesagt haben, es würde einen neuen Prozeß geben, um mich von
ihm fort zu nehmen und die Witwe zu meinem Vormund zu machen und dann
würde die Sache wahrscheinlich gegen ihn ausfallen. Diese Nachricht
versetzte mir einen gewaltigen Stoß, denn zur Witwe wollte ich
keinenfalls zurück, wo sie mich in alles mögliche hineinzwängten, in
Kleider und Manieren, um mich zu ›sievilisieren‹. Jetzt fing der alte
Mann an zu fluchen und fluchte auf alles und jeden, den er kannte, dann
fing er von vorn an, um sicher zu sein, daß er keinen vergessen hätte,
und endlich rundete er das Ganze mit einem saftigen Fluch auf die Welt
im allgemeinen ab.
Die Witwe solle nur einmal kommen und mich zu holen versuchen, er wisse
einen Platz, sechs oder sieben Meilen weit im Walde drin, da wolle
er mich hinstecken, da könnten sie nach mir suchen, bis sie schwarz
würden, eh' sie mich fänden. Einen Augenblick stand mir der Atem still,
dann aber fiel mir ein, daß ich bis dahin kaum mehr zur Hand sein
dürfte, um ihm diese Freude zu machen.
Der Alte hieß mich, nun zum Boot gehen und die Sachen holen, die er
eingehandelt. Es war ein Sack mit ungefähr fünfzig Pfund Mehl, eine
Speckseite, Munition und ein tüchtiger Krug Branntwein, ein altes Buch,
zwei Zeitungen und sonst allerlei, dann noch ein Stück Seil. Ich machte
mir die Ladung zurecht, schaffte sie ans Land und setzte mich dann in
das Boot, um einmal ernsthaft über meine Lage nachzudenken. Ich hielt
es für das beste, mit der Flinte und ein paar Angelruten in die Wälder
durchzubrennen, mich da zu verbergen, dann nach einiger Zeit während
der Nacht weiter zu wandern, zu jagen und zu fischen, um etwas zu essen
zu haben, und so immer weiter und weiter bis weder der Alte, noch die
Witwe mich je würden wiederfinden können.
In dieser Nacht wollte ich meine Sägarbeit an der Hütte fertig machen,
sobald der alte Mann betrunken sein würde, worauf ich sicher zählte,
wenn ich den Vorrat von Branntwein betrachtete, mit dem er sich
versehen. Ich war so voll mit meinen Plänen, daß ich alles um mich her
vergaß, bis mich mein Alter von der Hütte her anrief und fragte, ob ich
schlafe oder was sonst mit mir los sei.
Ich schaffte nun die Sachen nach der Hütte und darüber war's beinahe
dunkel geworden. Während ich das Abendessen kochte, hatte sich der Alte
an seinen Krug gemacht, einige herzhafte Züge gethan und war dadurch
warm geworden. Seinen letzten Rausch hatte er in der Stadt gehabt,
wo er die ganze Nacht über in der Gosse gelegen hatte. Er sah aber
auch darnach aus! Man hätte ihn für Adam halten können, er schien ein
wandelnder Erdenkloß, so überzogen mit Kot und Lehm war er. Wenn der
Schnaps lebendig in ihm wurde, beschäftigte er sich beinahe immer mit
Politik und der Regierung. Diesmal schimpfte er nicht schlecht:
»Das will eine Regierung sein, Donnerwetter, und dabei ist sie, bei
Licht besehen, keinen Pfifferling wert! Kommen sie da mit dem Gesetz
und wollen einem alten Mann den Sohn wegnehmen, den einzigen Sohn, den
er mit Mühe, Angst und Not und schweren Kosten groß gezogen hat. Ja
und gerade dann, wenn der Sohn glücklich soweit ist, daß er verdienen
könnte, und etwas für seinen armen, alten Vater thun, dann kommen sie
mit dem Gesetz und wollen ihn wegnehmen. Und das will eine Regierung
sein, wahrhaftig, allen Respekt davor! Und das ist noch nicht alles!
Noch lange nicht! Da giebt's auch noch ein Gesetz, das dem Schurken von
Kreisrichter hilft, mir mein Geld nicht herauszugeben -- mein _eignes_
Geld! Solch ein Gesetz giebt's! Ein Gesetz, das einen Mann, der seine
sechstausend Dollars und mehr wert ist, nimmt und ihn in ein altes Loch
stopft, wie dies hier, ihn statt mit Kleidern mit Fetzen behängt, die
für ein Schwein zu schlecht wären, ihn -- wahrhaftig eine wundervoll
weise Regierung, bei der man nicht zu seinem Rechte kommen kann! Ich
hätte gute Lust dem ganzen Bettel den Rücken zu kehren und das Land zu
verlassen! Hab's aber dem Kreisrichter auch gesagt, tüchtig, und alle
konnten's hören, war mir ganz eins, sie können's wieder sagen, wenn
sie wollen! Sag' ich, für zwei Cents wend' ich dem vermaledeiten Land
den Rücken und, straf' mich Gott, wenn ich ihm je wieder nahe komme.
Das ist weiß Gott und wahrhaftig gerad', was ich gesagt hab'. Und,
sag' ich, da seht meinen Hut an, wenn man das Ding überhaupt einen Hut
nennen kann, an dem der Kopf fehlt und der Rand nur ein Fetzen ist,
mit solchem Hut läßt die Regierung dieses gesegneten Landes einen Mann
laufen, der einer der wohlhabendsten der Stadt wäre, wenn er zu seinem
Recht kommen könnte -- so eine Regierung, daß Gott erbarm!«
Und so ging's weiter, immer in derselben Tonart. Dabei stolperte der
Alte in der Hütte hin und her in heller Wut und da er nicht aufpaßte,
wo ihn seine wackeligen Spazierhölzer hintrugen, so fiel er schließlich
über das kleine Fäßchen mit gesalzenem Schweinefleisch und stieß sich
die beiden Schienbeine wund. Nun aber hätte man ihn hören müssen, wie
er loszog! -- Gott und die Welt im allgemeinen, die Regierung und das
Fäßchen ganz im besonderen bekamen ihr redlich Teil ab. Weiß Gott, so
hatte ich ihn selber noch nicht gehört! Er hüpfte erst auf einem Bein,
dann auf dem andern und strich mit der Hand über den geschundenen Teil,
plötzlich holte er kräftig aus und versetzte dem Missethäter von Faß
einen schallenden Fußtritt. Da hatte er sich aber versehen und den Fuß
genommen, an dem die Zehen aus dem Stiefel herausguckten. Das Gebrüll,
das dem Tritte folgte, machte mir ordentlich die Haare zu Berg stehen
-- plumps lag er am Boden und wälzte sich, heulend vor Schmerz und die
gräßlichsten Flüche herunterrasselnd, die ihm zu Gebote standen. --
Nach dem Abendessen zog der Alte den Schnapskrug liebäugelnd heran
und meinte, darin sei genug für zwei Räusche und ein ›~Delerium
tramens~‹ oder wie er's nannte. Das war immer seine Redensart und
es schien ein Witz sein zu sollen, denn er grinste dabei, aber ich
verstand ihn nicht. In einer Stunde, so rechnete ich, würde er schwer
geladen sein und dann konnte ich entweder den Schlüssel nehmen, oder
die Wand vollends durchsägen, je nachdem. Er trank und trank und fiel
schließlich auf sein Lager, aber das Glück war mir doch nicht günstig.
Er kam zu keinem tiefen Schlaf, sondern warf sich unruhig von einer
Seite zur andern. Er ächzte und stöhnte und hieb um sich und konnte
keine Ruhe finden. Schließlich wurde ich selbst so müde, daß ich meine
Augen nicht mehr offen halten konnte, und ehe ich wußte, was ich that,
war ich selig hinübergeschlummert, während das Licht immer weiter
brannte.
Wie lange ich schlief weiß ich nicht, aber plötzlich wurde ich durch
einen furchtbaren Schrei geweckt und fuhr in die Höhe. Der Alte stand
mitten in der Hütte, hieb um sich wie ein Toller nach allen Seiten und
brüllte etwas von Schlangen. Er jammerte, sie kröchen an seinen Beinen
herauf und sprang wie wahnsinnig laut schreiend hin und her, ächzte
dann, nun habe ihn eine gebissen, ich aber sah und sah und konnte keine
einzige Schlange entdecken. Jetzt lief er wie toll immer im Kreis herum
und brüllte: »Nimm sie weg, thu' sie fort, sie beißt mich ja in den
Hals!« Ich habe noch an keinem Menschen so wilde Augen gesehen, wie er
sie machte. Bald wurde er müde, fiel zu Boden und lag kurze Zeit still.
Plötzlich fing er an, sich hin und her zu rollen, mit den Händen in der
Luft zu fechten, immer schneller und schneller, nach allem zu stoßen
und zu treten, was ihm in den Weg kam, wobei er immerzu kreischte: der
Teufel wolle ihm den Hals umdrehen. Auch damit hatte er bald genug
und lag ächzend eine Weile still. Allmählich wurde er ruhiger und gab
keinen Ton mehr von sich. Ich konnte die Eulen und Wölfe draußen im
Walde hören; die Stille war grausig. Der Alte lag drüben in der andern
Ecke. Auf einmal richtete er sich halb auf, legt den Kopf auf eine
Seite und lauscht. Dann sagte er ganz leise:
»Trab -- trab -- trab, jetzt kommen die Toten! Trab -- trab -- trab,
die wollen mich holen. Ich will aber nicht mit -- nein -- da sind sie
-- laßt mich in Ruh' -- rührt mich nicht an, oder -- Hand weg, sag' ich
-- puh, wie kalt -- weg oder -- o, laßt mich armen Teufel in Frieden!«
Jetzt kroch er auf allen Vieren herum und bat und beschwor die Toten,
ihn in Ruhe zu lassen, wickelte sich schließlich fest in seine alte
Decke und kugelte sich unter den Tisch, immerfort um Loslassen flehend.
Dann fing er an zu heulen; man hörte es unter der Decke hervor.
Nach einer Weile warf er die Decke von sich, sprang auf, blickte wild
um sich, entdeckte mich und jagte mir durch die ganze Hütte nach. Er
sagte, ich sei der Engel des Todes und er wolle mich einfangen und
töten und dann könne ich ihm nichts mehr thun. Ich flehte ihn an, mich
gehen zu lassen, ich sei ja nur der Huck, aber er lachte gellend auf
und brüllte und fluchte und setzte immerzu hinter mir her. Einmal
machte ich plötzlich Kehrt, um ihn zu überraschen und an ihm vorbei zu
schlüpfen, unter seinem Arm durch. Da erwischte er mich bei der Jacke,
oben am Kragen, und ich dachte schon, ich sei geliefert, aber schnell
wie der Blitz schlüpfte ich aus der Jacke und rettete mich so. Zum
Glück war er bald zu müde, um die wilde Jagd weiter fortzusetzen und
setzte sich mit dem Rücken gegen die Thür, sagte, er wolle eine Minute
ausruhen und mich dann töten. Das Messer legte er unter sich, brummte
dabei etwas von ›schlafen und neue Kraft sammeln und dann zeigen, wer
der Stärkere sei‹.
So schlummerte er denn auch bald ein. Nach einer Weile nahm ich den
alten Stuhl, so leise ich konnte, stieg hinauf und nahm die Flinte von
der Wand. Ich zog den Ladstock heraus, stieß ihn in den Lauf, um zu
sehen, ob geladen sei, legte dann die Flinte über das Fleischfaß, mit
der Mündung gegen den Alten, verkroch mich selbst dahinter und wartete
nun, bis er sich regen würde. Und wie langsam und stille schleppte sich
die Zeit dahin! --
[Illustration]
Siebentes Kapitel.
Auf dem Anstand. -- In die Hütte eingeschlossen. --
Vorbereitung zur Flucht. -- Versenken der Leiche. -- Ein neuer
Plan. -- Ruhe.
»Wirst du wohl aufstehen! Was ist denn hier los?«
Ich öffnete meine Augen und sah um mich, war noch ganz wirr und betäubt
und suchte mich vergeblich an alles zu erinnern. Ich mußte fest
geschlafen haben; es war schon ganz hell. Vater stand vor mir, sah
brummig aus und als ob ihm nicht recht gut sei, und fragte:
»Was hast du mit der Flinte vor?«
Ich sah gleich, daß er nichts von seinen nächtlichen Thaten wisse. So
sagt' ich:
»Es wollte jemand zur Thüre herein, da hab' ich mich auf den Anstand
gestellt!«
»Warum hast du mich nicht geweckt?«
»Ich hab's probiert, aber es ging nicht!«
»Schon gut! Heb' dich weg und schwatz' nicht so viel. Mach' und sieh'
nach, ob ein Fisch an der Leine hängt, für unser Frühstück. Ich komm'
gleich nach!«
Er schloß die Thüre auf und ich machte mich davon, hinunter ans
Flußufer. Ich sah Baumäste und Holzstücke im Wasser treiben und wußte,
daß es nun im Steigen begriffen. Das waren schöne Zeiten in der Stadt,
wenn der Fluß stieg. Da kamen oft große Stücke Holz, manchmal ganze
Baumstämme daher geschwommen, oft fünf, sechs auf einmal, oft noch mehr
und man brauchte sie nur heraus zu fischen und auf dem Holzplatz oder
in der Sägemühle zu verkaufen. Das war ein einträgliches Geschäft.
So schlenderte ich am Ufer hin, mit einem Auge schielte ich nach dem
Alten, mit dem andern lugte ich, ob das Wasser etwas herantreiben
würde. Wahrhaftig, sehe ich da plötzlich ein kleines Boot
heranschwimmen, ein prächtiges Ding, zwölf bis vierzehn Fuß lang und
so stolz daher segelnd wie ein Schwan. Ich schieße ins Wasser wie ein
Frosch, ohne mich zu besinnen, gerade so wie ich war, und steure auf
das Boot los. Ich war darauf gefaßt, jemanden drin liegen zu sehen,
der mich für all meine vergebliche Mühe tüchtig auslachen würde;
ich hatte schon gehört, daß sie die Leute manchmal auf solche Weise
foppen. Diesmal war's nicht so, es war wirklich ein leeres Boot und
ich kletterte hinein und lenkte es ans Ufer. Denk' ich, der alte Mann
wird sich freuen, wenn er's sieht, es ist wenigstens zehn Dollars wert.
Aber als ich ans Ufer kam war der Alte noch nicht in Sicht. Plötzlich
kam mir eine neue Idee und ich legte das Boot in einer kleinen Bucht
ganz unter Reben und Weiden versteckt an. Ich wollte es für mich
behalten, dacht' ich, es gut verbergen und dann, statt in die Wälder
durchzubrennen, in dem Boot davon gehen, den Fluß hinunter rudern,
mir einen versteckten Platz am Ufer aussuchen und dort mein Lager
aufschlagen; dann brauchte ich doch nicht zu Fuß Reißaus zu nehmen
und mir die Beine abzulaufen. Da ich mich ziemlich nahe bei der Hütte
befand, konnte mich der Alte jeden Augenblick überraschen, aber es
gelang mir doch, das Boot sicher zu verstecken. Wie ich fertig bin und
hinter einer alten Weide vorschaue, -- richtig, da steht er, hat aber
das Gewehr an der Backe und zielt gerade nach irgend etwas. Er hatte
also nichts gemerkt.
Als er näher kam war ich eifrig mit den Angelleinen beschäftigt. Er
schimpfte und brummte, daß ich so langsam sei, und ich sagte, ich
sei ins Wasser gefallen bei der Arbeit, drum daure es so lange, denn
ich wußte, er würde meine nassen Kleider sehen und mich ausfragen.
Wir zogen fünf Katzenfische mit der Leine ans Land und gingen sehr
befriedigt heim.
Nach dem Frühstück legten wir uns wieder hin, um zu schlafen, denn wir
waren beide etwas erschöpft von den nächtlichen Lustbarkeiten. Vor dem
Einschlafen kam mir der Gedanke, daß es für mich viel sicherer wäre,
wenn ich den Alten und die Witwe ganz davon abhalten könne, mich zu
verfolgen, als wenn ich mich darauf verließe, einen möglichst großen
Vorsprung zu gewinnen, bevor sie mich vermißten. Gut ist gut und
besser ist besser! Zuerst wollte mir gar nichts Gescheites einfallen;
mit einem Mal hebt der Alte den Kopf, um ein neues Maß Wasser zu dem
vorhergegangenen hinunter zu gießen, und sagt:
»Wenn wieder einer um die Hütte schnüffelt, Huck, rüttelst du mich
wach, hörst du? Der hatte nichts Gutes im Sinn, dem brenn' ich eins auf
den Pelz! Also, du weckst mich!«
Dann legte er sich hin und schlief weiter. Aber was er gesagt, hatte
mich gerade auf das gebracht, was ich suchte, und nun wußte ich, wie
ich's anzustellen habe, daß niemand mir nachsetzen würde.
Gegen zwölf Uhr standen wir von unserm Lager auf und gingen den Fluß
entlang. Das Wasser stieg ziemlich schnell und trieb eine Menge Holz
mit sich. Auch ein Floß schwamm vorbei, oder ein Teil von einem, etwa
neun zusammengebundene Baumstämme; wir stiegen in unser Boot und
brachten sie ans Land. Dann kam das Mittagessen. Jeder andre hätte nun
am Ufer gewartet und gesehen, was er noch weiter herausschlagen könnte,
das war aber des Alten Art nicht. Neun Baumstämme waren genug für einen
Rausch, so wollte er sie denn sofort zur Stadt bringen und versilbern.
Er schloß mich also ein, nahm das Boot, befestigte das Stück Floß dran
und ruderte fort, -- es war so gegen halb drei, -- heute nacht würde
er nicht wiederkommen, dessen war ich ziemlich sicher. Ich wartete
nun, bis ich ihn gänzlich außer Hörweite glaubte, kriegte dann meine
Säge vor und begann meine Arbeit von gestern fortzusetzen. Ehe der
Alte noch das andre Ufer erreicht haben konnte, war ich glücklich aus
dem scheußlichen Loch heraus und konnte gerade noch sehen, wie er als
schwarzer Punkt mit seinem Schiff und Floß drüben verschwand.
[Illustration]
Ich nahm den Sack Mehl und schleppte ihn ans Boot, bog die Reben und
Zweige beiseite und that ihn hinein, dann machte ich's gerade so mit
der Speckseite und dem Branntweinkrug. Ich nahm allen Kaffee und
Zucker, der da war, und alle Munition, ich nahm den Wassereimer und den
Würfelbecher, den Feuerhaken und eine alte Zinntasse, meine rostige
Säge, zwei Pferdedecken, den Kessel und den Kaffeetopf. Ich nahm die
Angelleinen, die Schwefelhölzer, kurz alles, was sich nur wegtragen
ließ und einen Kupferdreier wert war. Ich räumte die Hütte rein aus.
Eine Axt hätte ich noch gern gehabt, aber es war keine da, bis auf die
eine draußen auf dem Holzhaufen, und ich wußte, warum ich die liegen
ließ. Zuletzt nahm ich noch die Flinte und dann war ich fertig.
Durch das Aus- und Einsteigen und Herausschleppen der Sachen war der
Boden vor dem Loch ordentlich fest getreten worden. Daher gab ich ihm,
so gut es ging, das vorige Aussehen wieder, indem ich Staub darauf
streute, der auch das Sägmehl verdeckte. Das herausgenommene Stück
Balken paßte ich wieder sorgfältig in die Oeffnung, legte zwei Steine
davor, um's fest zu halten, und wenn man zwei oder drei Fuß entfernt
stand und nicht wußte, daß es losgesägt war, konnte man's auch nicht
bemerken. Außerdem war's auf der Rückseite der Hütte, wo selten jemand
hinkam.
Bis zum Boot gab es nur Grasboden, da war meine Spur nirgends zu
entdecken, wovon ich mich überzeugte. Ich stand am Ufer und spähte in
den Fluß hinein. -- Alles sicher! So nahm ich die Flinte und ging ein
Stück in den Wald hinein, um irgend einen Vogel zu schießen. Da sehe
ich ein wildes Schwein. Die werden doch immer gleich wild, wenn sie
erst einmal von einer Farm ausgebrochen sind. Ich schoß den Kerl und
schleppte ihn zur Hütte.