Ich hab' dann lange im Walde gesessen und darüber nachgedach

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter und

unterstrichener Text sind _so ausgezeichnet_. Im Original in

Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text

ist =so dargestellt=.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des

Buches.

Mark Twains

ausgewählte

Humoristische Schriften

Illustriert von =H. Schrödter= u. =Albert Richter=

Zweiter Band

Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn

[Illustration]

Stuttgart

Verlag von Robert Lutz

1907

Abenteuer und Fahrten

des

Huckleberry Finn

Von

Mark Twain

Illustriert von _H. Schrödter_

Stuttgart

Verlag von Robert Lutz

1907

Alle Rechte vorbehalten.

Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.

Erstes Kapitel.

Huck soll ›sievilisiert‹ werden. -- Moses in den ›Schilfern‹.

-- Miß Watson. -- Tom Sawyer wartet.

Da ihr gewiß schon die Abenteuer von Tom Sawyer gelesen habt, so

brauche ich mich euch nicht vorzustellen. Jenes Buch hat ein gewisser

Mark Twain geschrieben und was drin steht ist wahr, -- wenigstens

meistenteils. Hie und da hat er etwas dazu gedichtet, aber das thut

nichts. Ich kenne niemand, der nicht gelegentlich einmal ein bischen

lügen thäte, ausgenommen etwa Tante Polly oder die Witwe Douglas

oder Mary. Toms Tante Polly und seine Schwester Mary und die Witwe

Douglas kommen alle in dem Buche vom Tom Sawyer vor, welches wie

gesagt mit wenigen Ausnahmen eine wahre Geschichte ist. -- Am Ende

von dieser Geschichte wird erzählt, wie Tom und ich das Geld fanden,

das die Räuber in der Höhle verborgen hatten, wodurch wir nachher

sehr reich wurden. Jeder von uns bekam 6000 Dollars, lauter Gold. Es

war ein großartiger Anblick, als wir das Geld auf einem Haufen liegen

sahen. Kreisrichter Thatcher bewahrte meinen Teil auf und legte ihn

auf Zinsen an, die jeden Tag einen Dollar für mich ausmachen. Ich

weiß wahrhaftig nicht, was ich mit dem vielen Geld anfangen soll.

Die Witwe Douglas nahm mich als Sohn an und will versuchen, mich zu

›sievilisieren‹, wie sie sagt. Das schmeckt mir aber schlecht, kann

ich euch sagen, das Leben wird mir furchtbar sauer in dem Hause mit

der abscheulichen Regelmäßigkeit, wo immer um dieselbe Zeit gegessen

und geschlafen werden soll, einen Tag wie den andern. Einmal bin ich

auch schon durchgebrannt, bin in meine alten Lumpen gekrochen, und --

hast du nicht gesehen war ich draußen im Wald und in der Freiheit.

Tom Sawyer aber, mein alter Freund Tom, trieb mich wieder auf,

versprach, er wolle eine Räuberbande gründen und ich solle Mitglied

werden, wenn ich noch einmal zu der Witwe zurückkehre und mich weiter

›sievilisieren‹ lasse. Da that ich's denn.

Die Witwe vergoß Thränen, als ich mich wieder einstellte, nannte mich

ein armes, verirrtes Schaf und sonst noch allerlei, womit sie aber

nichts Schlimmes meinte. Sie steckte mich wieder in die neuen Kleider,

in denen es mir immer ganz eng und schwül wird. Ueberhaupt ging's

nun vorwärts im alten Trab. Wenn die Witwe die Glocke läutete, mußte

man zum Essen kommen. Saß man dann glücklich am Tisch, so konnte man

nicht flott drauf los an die Arbeit gehen, Gott bewahre, da mußte man

abwarten bis die Witwe den Kopf zwischen die Schultern gezogen und

ein bischen was vor sich hin gemurmelt hatte. Damit wollte sie aber

nichts über die Speisen sagen, o nein, die waren ganz gut soweit, nur

mißfiel mir, daß alles besonders gekocht war und nicht Fleisch, Gemüse

und Suppe alles durcheinander. Eigentlich mag ich das viel lieber, da

kriegt man so einen tüchtigen Mund voll Brühe dabei und die hilft alles

glatt hinunter spülen. Na, das ist Geschmacksache!

Nach dem Essen zog sie dann ein Buch heraus und las mir von Moses in

den ›Schilfern‹ vor und ich brannte drauf, alles von dem armen, kleinen

Kerl zu hören. Da mit einemmale sagte sie, der sei schon eine ganze

Weile tot. Na, da war ich aber böse und wollte nichts weiter wissen,

-- was gehen mich tote und begrabene Leute an? Die interessieren mich

nicht mehr! --

Dann hätt' ich gern einmal wieder geraucht und fragte die Witwe ob

ich's dürfe. Da kam ich aber gut an! Sie sagte, das gehöre sich nicht

für mich und sei überhaupt ›eine gemeine und unsaubere Gewohnheit‹, an

die ich nicht mehr denken dürfe. So sind nun die Menschen! Sprechen

über etwas, das sie gar nicht verstehen. Quält mich die Frau mit dem

Moses, der sie weiter gar nichts angeht, der nicht einmal verwandt mit

ihr war und mit dem jetzt nichts mehr anzufangen ist, und verbietet

mir das Rauchen, das doch gewiß gar nicht so übel ist. Na, und dabei

schnupft sie, aber das ist natürlich ganz was andres und kein Fehler,

weil sie's eben selbst thut.

Ihre Schwester, Miß Watson, eine ziemlich dürre, alte Jungfer, die

gerade zu ihr gezogen war, machte nun einen Angriff auf mich, mit

einem Lesebuch bewaffnet. Eine Stunde lang mußte ich ihr Stand halten

und dann löste sie die Witwe mit ihrem Moses wieder ab und ich war

nun sozusagen zwischen zwei Feuern. Lange konnte das nicht so weiter

gehen und es trat denn auch glücklicherweise bald eine Stunde Pause

ein. Nun langweilte ich mich aber schrecklich und wurde ganz unruhig.

Alsbald begann Miß Watson: »Halt' doch die Füße ruhig, Huckleberry,«

oder »willst du keinen solchen Buckel machen, Huckleberry, sitz' doch

gerade!« und dann wieder: »so recke dich doch nicht so, Huckleberry,

und gähne nicht, als wolltest du die Welt verschlingen, wirst du denn

nie Manieren lernen?«, und so schalt sie weiter bis ich ganz wild

wurde. Dann fing sie an, mir von dem Ort zu erzählen, an den die

bösen Menschen kommen, worauf ich sagte, ich wünsche mich auch dahin.

Da wurde sie böse und zeterte gewaltig, so schlimm hatte ich's aber

gar nicht gemeint, ich wäre nur gern fort gewesen von ihr, irgendwo,

der Ort war mir ganz einerlei, ich bin überhaupt nie sehr wählerisch.

Sie aber lärmte weiter und sagte, ich sei ein böser Junge, wenn ich

so etwas sagen könne, sie würde das nicht um die Welt über die Lippen

bringen, ihr Leben solle so sein, daß sie dermaleinst mit Freuden in

den Himmel fahre. _Der_ Ort, mit ihr zusammen, schien mir nun gar nicht

verlockend, und ich beschloß bei mir, das meinige zu thun, um nicht mit

ihr zusammenzutreffen. Sagen that ich aber nichts, das hätte die Sache

nur schlimmer gemacht und doch nichts geholfen.

Sie war aber nun einmal am Himmel, dem ›Ort der Glückseligen‹, wie

sie's nannte, angelangt und teilte mir alles mit, was sie drüber wußte.

Sie sagte, alles was man dort zu thun habe, sei, den ganzen Tag lang

mit einer Harfe herumzumarschieren und dazu zu singen immer und ewig.

Das leuchtete mir nun gar nicht ein, ich schwieg aber und fragte nur,

ob sie meine, mein Freund Tom Sawyer werde auch dort hinkommen, was sie

ziemlich bestimmt verneinte. Mich freute das nicht wenig, denn Tom und

ich, wir beide müssen beisammen bleiben.

Miß Watson predigte immer weiter und mir wurde dabei ganz elend zu

Mute. Dann kamen die Nigger herein, es wurde gebetet und jedermann

ging zu Bett. Ich auch. Ich stieg mit meinem Stummel Kerze in mein

Zimmer hinauf und stellte das Licht auf den Tisch. Dann setzte ich

mich auf einen Stuhl vors Fenster und probierte an etwas Lustiges zu

denken. Das nützte aber wenig. Ich fühlte mich so allein, daß ich

wünschte, ich wäre tot. Die Sterne glitzerten und blitzten und die

Blätter rauschten so schaurig auf den Bäumen. Ich hörte aus der Ferne

eine Eule, deren Schrei jemandes Tod bedeutete, und dann einen Hund,

dessen klägliches Geheul verkündigte, daß einer im Sterben liege, und

der Wind schien mir etwas klagen zu wollen, was ich nicht verstand,

sodaß ich bald am ganzen Leib zitterte und mir der kalte Schweiß auf

die Stirne trat. Die ganze Nacht schien von lauter armen, unglücklichen

Geistern belebt, die keine Ruhe in ihren Gräbern fanden und nun da

draußen herumheulten, jammerten und zähneklapperten. Mir wurde heiß

und kalt und ich hätte alles drum gegeben, wenn jemand bei mir gewesen

wäre. Da kroch mir auch noch eine Spinne über die linke Schulter, ich

schnellte sie weg und gerade ins Licht, und ehe ich noch zuspringen

konnte war sie verbrannt. Daß das ein schlimmes Zeichen ist, weiß

jedes Kind, und mir schlotterten die Kniee, als ich nun begann meine

Kleider abzuwerfen. Ich drehte mich dreimal um mich selbst und schlug

mich dabei jedesmal an die Brust, nahm dann einen Faden und band mir

ein Büschel Haare zusammen, um die bösen Geister fern zu halten; doch

hatte ich kein großes Vertrauen zu diesen Mitteln. Sie nützen wohl,

wenn man ein gefundenes Hufeisen wieder verliert, anstatt es über der

Thür anzunageln, oder bei dergleichen kleineren Fällen; wenn man aber

eine Spinne getötet hat, da weiß ich nicht, was man thun kann, um das

Unglück fernzuhalten.

So setzte ich mich zitternd auf den Bettrand und zündete mir zur

Beruhigung mein Pfeifchen an. Das Haus war so still und die Witwe

nicht in meiner Nähe. So saß ich lange, lange. Da schlug die Uhr von

der Ferne -- bum -- bum -- bum -- bum, zwölfmal und wieder war alles

still, stiller als vorher. Plötzlich hörte ich etwas unten im Garten

unter den Bäumen, ein Rascheln und Knacken, ich sitze still, halte den

Atem an und lausche. Wieder hör' ich's, und dabei, leise wie ein Hauch,

das schwächste ›Miau‹ einer Katze. »Miau, miau« tönt's kläglich und

langgezogen. Und »miau, miau« antworte ich ebenso kläglich, ebenso

leise, schlüpfte rasch in meine Kleider, lösche das Licht aus und

steige durchs Fenster auf das Schuppendach. Dann lasse ich mich zu

Boden gleiten, krieche auf allen Vieren nach dem Schatten der Bäume und

da war richtig und leibhaftig Tom Sawyer, mein alter Tom, und wartete

auf mich.

[Illustration]

Zweites Kapitel.

Die Jungen entwischen. -- Jim! -- Tom Sawyers Räuberbande. --

Finstre Pläne!

Wir schlichen auf den Fußspitzen den kleinen Pfad hinab, der unter den

Bäumen hin nach der Rückseite des Gartens führt, wobei wir den Kopf

beständig bücken mußten, um von den Zweigen nicht getroffen zu werden.

Gerade als wir an der Küchenthür vorüber wollen, muß ich natürlich

über eine Wurzel stolpern und hinfallen, wodurch ein kleines Geräusch

entstand. Jetzt hieß es still liegen und den Atem anhalten! Miß Watsons

Nigger Jim saß an der Thür; wir konnten ihn ganz gut sehen, weil das

Licht gerade hinter ihm stand. Er steht auf, streckt den Kopf heraus,

horcht eine Minute lang und sagt dann:

»Wer's da?«

[Illustration]

Dann horcht er wieder und -- jetzt schleicht er sich auf den

Zehenspitzen heraus und steht gerade zwischen uns, ich hätte ihn

zwicken können, wenn ich gewollt hätte. Er steht und wir liegen

still wie die Mäuse, und so vergehen Minuten auf Minuten. An meinem

Fuß fängt's an mich zu jucken und ich kann mich nicht kratzen. Jetzt

juckt's am Ohr, dann am Rücken, gerade zwischen den Schultern, es ist

zum Tollwerden! Warum's einen nur immer juckt, wenn man nicht kratzen

kann oder darf! Darüber hab' ich oft nachgedacht seitdem. Entweder wenn

man bei feinen Leuten ist, oder bei einem Begräbnis, oder wenn einen

der Lehrer was fragt, oder in der Kirche, oder wenn man im Bett liegt

und will schlafen und kann nicht, kurz, wenn man irgend wo ist, wo man

nicht kratzen kann und darf, da juckt's einen gerade erst recht an

hundert verschiedenen Stellen. Endlich sagt Jim:

»He da, wer's da? Ich mich lassen tot hauen, ich haben was gehört! Aber

Jim sein nicht so dumm! Jim sitzen hier hin und warten!«

Und damit pflanzte er sich gerade zwischen mich und Tom auf den Boden,

lehnt den Rücken an einen Baum und streckt die Beine aus, daß das eine

mich beinahe berührt. Jetzt beginnt mein Juck-Elend von neuem. Erst

die Nase, bis mir die Thränen in den Augen stehen, ich wage nicht zu

kratzen, dann allmählich jeder Körperteil, bis ich nicht weiß, wie ich

still halten soll. Fünf, sechs Minuten geht das Elend so weiter, mir

scheinen's Stunden. Ich zähle schon elf verschiedene Orte, an denen

mich's juckt. Gerade als ich denke, nun kannst du's aber nicht mehr

aushalten, höre ich Jim tief aufatmen, dann schnarchen und -- ich bin

gerettet.

Tom gab mir jetzt ein Zeichen, er schnalzte leise mit den Lippen und

wir krochen auf allen Vieren davon. Vielleicht zehn Fuß weit entfernt

hielt Tom an und flüsterte mir zu, er wolle Jim zum Spaß am Baum

festbinden. Ich sagte nein, ich wolle nicht, daß er aufwache, Lärm

schlüge und man dann entdecken würde, daß ich nicht im Bett sei. Dann

sagte Tom, er habe nicht genug Lichter und wolle sich daher in der

Küche ein paar mitnehmen. Das wollte ich aus Angst vor Jim auch nicht

erlauben, aber Tom bestand darauf, und so schlichen wir uns in die

Küche, fanden die Lichter und Tom legte fünf Cents zur Bezahlung auf

den Tisch. Ich schwitzte nun förmlich vor Angst, fortzukommen, Tom aber

ließ sich nicht halten und kroch zu Jim zurück, um ihm einen Streich

zu spielen. Ich wartete und die Zeit wurde mir sehr lang; alles war so

still und unheimlich um mich herum.

Endlich kam Tom und nun rannten wir eilig den Pfad hinunter und

kletterten den steilen Hügel hinter dem Hause hinauf. Tom erzählte,

daß er Jim mit einem Strick an den Baum gebunden und seinen Hut oben

an einen Ast gehängt habe, der Kerl habe aber immer weiter geschlafen

und sich nicht gerührt. Später behauptete Jim, die Hexen hätten ihn

verzaubert und seien auf ihm über den ganzen Staat geritten. Dann

hätten sie ihn wieder unter dem Baume niedergelassen und zum Zeichen,

wer es gethan, seinen Hut auf den Ast gehängt. Als Jim seine Geschichte

das nächste Mal erzählte, waren die Hexen bis New Orleans auf ihm

geritten, und jedesmal, so oft er es wieder erzählte, war der Ausflug

weiter gewesen, bis er schließlich behauptete, daß der Ritt um die

ganze Erde gegangen und sein Rücken ganz zerschunden worden sei. Jim

war riesig stolz darauf und sah auf die anderen Nigger nur noch vornehm

herab. Aus meilenweiter Ferne kamen Nigger herbei, um Jims Geschichte

zu hören. Es gab keinen angeseheneren Neger in der Gegend und die

fremden Gäste glotzten ihn mit offenem Munde an wie ein Meerwunder. Die

Nigger unterhalten sich gern im Dunkeln beim Herdfeuer über Hexen: so

oft einer aber darüber seine Weisheit auskramte und Jim dazu kam, dann

rief er: »Ach, was wißt ihr von Hexen«, worauf jener Nigger beschämt

in den Hintergrund schlich. Jim trug jenes fünf Centsstück stets an

einer Schnur um den Hals und behauptete, es sei ein Zaubermittel, das

ihm der Teufel eigenhändig gegeben habe mit der Bemerkung, er könne

damit jedermann heilen und Hexen herbeizaubern, so viel er wolle, wenn

er einen gewissen Spruch dabei hersage. Auch das trug nicht wenig zur

Erhöhung der Berühmtheit Jims bei.

Als Tom und ich oben auf dem Hügel ankamen, konnten wir gerade ins

Städtchen hinunter sehen, und da blinkten noch drei oder vier Lichter,

wahrscheinlich bei Kranken. Ueber uns blitzten die Sterne und drunten

zog der Strom dahin, so breit und ohne Laut, es war großartig. Wir

rannten dann auf der andern Seite den Hügel hinunter und fanden Joe

Harper und Ben Rogers und noch ein paar Jungens, die auf uns warteten.

Ein Boot wurde losgemacht und wir ruderten den Fluß hinunter, bis

dahin, wo der große Einschnitt im Ufer ist. Dort legten wir an.

Wir kletterten auf ein dichtes Buschwerk zu und nun ließ Tom uns alle

schwören, das Geheimnis nicht zu verraten, und zeigte uns ein Loch im

Hügel. Wir steckten die Lichter an und krochen auf Händen und Knieen

hinein. So ging es ungefähr 200 Meter in einem engen Gange fort, bis

sich die Höhle aufthat. Tom tastete an den Wänden der Höhle umher und

verschwand auf einmal unter einem Felsen, wo niemand eine Oeffnung

vermutet hatte. Wir folgten ihm durch einen schmalen Gang, bis wir in

einen Raum gelangten, ungefähr wie ein Zimmer, nur etwas kalt, feucht

und dumpfig, und da blieben wir dann. Tom hielt nun eine feierliche

Ansprache und sagte:

»Hier wollen wir also eine Räuberbande gründen und sie ›Tom Sawyers

Bande‹ nennen. Jedermann, der beitreten will, muß einen Eid schwören

und seinen Namen mit Blut unterschreiben!«

Alle waren dazu bereit und so zog Tom einen Bogen Papier aus der

Tasche, auf den er einen furchtbaren Eid geschrieben hatte, den er uns

jetzt vorlas. Darin stand, daß jeder Junge treu zur Bande halten müsse

und niemals deren Geheimnisse verraten dürfe bei Todesstrafe. Wenn

irgend jemand irgend einem von uns irgend etwas zu Leid thäte, müsse

einer das Racheamt übernehmen, den man dazu erwähle, und er dürfe nicht

essen und nicht schlafen, ehe er den Beleidiger und seine ganze Familie

getötet und allen ein blutiges Kreuz in die Brust geritzt habe, was

das Zeichen der Bande sein solle. Und niemand außer uns dürfe dieses

Zeichen benützen, und wenn er es doch thäte, solle er gerichtlich

belangt, und wenn dies nichts helfe, einfach getötet werden. Wenn

aber eines aus der Bande die Geheimnisse verrate, werde ihm der Hals

abgeschnitten, der Körper verbrannt und die Asche in alle vier Winde

zerstreut, sein Name dann dick mit Blut von der Liste gestrichen, ihn

auszusprechen bei Strafe verboten und er selbst solle vergessen sein

für immer und ewig.

Wir alle fanden den Eidschwur für prächtig und fragten Tom, ob er ihn

ganz allein aus seinem eignen Kopf gemacht habe. Er sagte ja, zum

größten Teil, einiges habe er auch in alten Piraten-, und Räuberbüchern

gefunden; jede ordentliche Bande schwöre einen solchen Eid.

Jetzt meinte einer, man solle doch auch die Familie töten von den

Jungens, die das Geheimnis verrieten. Tom sagte, das sei eine gute

Idee, nahm einen Bleistift und korrigierte es noch hinein in den

Eidschwurbogen. Da meinte Ben Rogers:

»Ja, aber, hört einmal, wie ist denn das? Der da« -- dabei zeigte er

auf mich -- »hat doch gar keine Familie nicht -- wen sollen wir denn da

töten?«

»Er hat doch auch einen Vater,« sagte Tom Sawyer.

»Den hat er wohl, aber wo ihn finden? Früher lag er manchmal betrunken

in der Straße, aber seit einem Jahr hat ihn niemand hier herum gesehen!«

Nun berieten sie hin und her und hätten mich beinahe ausgestoßen, denn

jeder, so sagten sie, müsse jemanden zum Töten haben, was dem einen

recht, sei dem andern billig, und so saßen sie und überlegten, und ich

heulte beinahe, so schämte ich mich. Da fiel mir plötzlich Miß Watson

ein, und ich bot ihnen die zum Töten an, das leuchtete ihnen ein und

alle riefen:

»Das geht, die ist recht dazu, Huck kann eintreten!«

Dann nahmen wir Stecknadeln, stachen uns in die Finger und

unterzeichneten unsern Namen mit unsrem ›Herzblut‹, wie Tom sagte.

»Nun,« meinte jetzt Ben Rogers, »auf was soll unsere Bande sich

hauptsächlich verlegen?«

»Auf weiter nichts,« versetzte Tom, »als Raub und Mord und Totschlag!«

»Wen sollen wir denn berauben? Häuser -- oder Vieh -- oder --«

»Unsinn!« schrie Tom, »das nennt man diebsen und stehlen, nicht rauben

und plündern! Wir wollen keine Diebe sein, sondern Räuber! Das ist viel

vornehmer! Räuber und Wegelagerer! Wir überfallen die Postkutschen und

Wagen auf der Landstraße, mit Masken vor dem Gesicht, und schlagen die

Leute tot und nehmen ihnen Uhren und Geld ab!« --

»Müssen wir immer alle tot hauen?«

»Gewiß, das ist am einfachsten. Ich hab's auch schon anders gelesen,

aber gewöhnlich machen sie's so. Nur einige schleppt man hie und da in

die Höhle und wartet, bis sie ranzioniert[1] werden!«

[1] Durch Lösegeld befreit, losgekauft.

»Ranzioniert? Was ist denn das?«

»Das weiß ich selber nicht, aber so hab' ich's gelesen und so müssen

wir's machen!«

»Ho, ho, das können wir ja nicht, wenn wir nicht wissen, was es ist!«

»Ei zum Henker, wir _müssen's_ eben! Hab' ich dir nicht gesagt, daß

ich's gelesen habe? Willst du's anders machen, als es in den Büchern

steht, und alles untereinander bringen?«

»O, du hast gut reden, Tom Sawyer, aber wie in der Welt sollen wir die

Burschen ›ranzionieren‹, wenn wir nicht wissen, wie man's macht? Das

möcht' ich wissen! Wie, zum Beispiel, denkst du dir's eigentlich?«

»Ich, -- ich weiß nicht, aber ich denke, wenn wir sie behalten, bis sie

ranzioniert sind, so wird das heißen, bis sie tot sind!«

»Das läßt sich hören, das begreife ich, aber warum hast du das nicht

gleich gesagt? Natürlich behalten wir sie, bis sie zu Tode ranzioniert

sind. Sie werden uns aber genug zu schaffen machen, uns alles

wegfressen und dabei immer auskneifen wollen!« --

»Wie du schwatzest, Ben! Wie können sie auskneifen, wenn einer immer

Wache steht, der bereit ist, sie niederzuschießen, wenn einer nur den

Finger krumm macht?«

»Einer, der Wache steht? Das ist gut! Das freut mich! Also soll einer

die ganze Nacht dastehen, ohne zu schlafen, und sie bewachen! Das ist

eine gräßliche Dummheit. Warum nimmt man da nicht sofort einen Knüttel

und ranzioniert sie, sobald sie hierher kommen?«

»Weil's so nicht in den Büchern steht, darum! Ich frag' dich, Ben

Rogers, willst du alles den Regeln nach thun oder nicht? Darauf

kommt's an! Ich glaube, die Leute, welche die Bücher schreiben, wissen

besser wie man's macht, als du! Denkst du, sie könnten von dir etwas

lernen? Noch lange nicht! Und drum wollen wir die Burschen genau so

ranzionieren, wie's da angegeben ist und nicht ein bischen anders!« --

»Schon recht, mir liegt nichts dran, ich sage aber, es ist gräßlich

dumm so. Sollen wir die Weiber auch töten?«

»Ben Rogers, wenn ich so dumm wäre wie du, hielt ich lieber den

Mund! Die Weiber töten! Wer hat je so etwas gehört oder gelesen!

Nein, die werden in die Höhle geschleppt und man ist so höflich und

rücksichtsvoll gegen sie, als man kann. Nach einer Weile verlieben sie

sich dann in einen und wollen gar nicht wieder fort.«

»Gut, damit bin ich einverstanden! Ich für mein Teil aber danke. Bald

werden wir die ganze Höhle voll Weiber haben und voll Kerle, die aufs

Ranzionieren warten, so daß am Ende kein Platz mehr für die Räuber da

sein wird. Ich seh's schon kommen! Aber mach' nur weiter, Tom, ich bin

schon still!«

Der kleine Tommy Barnes war inzwischen eingeschlafen, und als sie ihn

weckten, fürchtete er sich und weinte und wollte zu seiner Mama und gar

kein Räuber mehr sein.

Da neckten sie ihn alle und hießen ihn Mamakind; das machte ihn ganz

wild und er schrie, nun wolle er auch alles sagen und alle Geheimnisse

verraten. Da gab ihm Tom fünf Cents um ihn stille zu machen und sagte,

nun gingen wir alle nach Hause und kämen nächste Woche wieder zusammen

und dann wollten wir ein paar Leute berauben und töten.

Ben Rogers sagte, er könne nicht viel loskommen, nur an Sonntagen,

und wollte deshalb gleich nächsten Sonntag anfangen. Aber die anderen

Jungens meinten, am Sonntag schicke sich so etwas gar nicht und so

ließen wir's sein. Sie machten aus, so bald als möglich wieder zusammen

zu kommen und dann einen Tag zu bestimmen. Hierauf wählten wir noch Tom

Sawyer zum Hauptmann und Joe Harper zum Unterhauptmann der Bande und

brachen dann nach Hause auf.

Ich kletterte wieder aufs Schuppendach und von da in meine Kammer,

gerade als es anfing Tag zu werden. Meine neuen Kleider waren furchtbar

schmutzig und voller Lehm und ich war hundemüde.

Drittes Kapitel.

Eine ordentliche Strafpredigt. -- Die Gnade triumphiert. -- Die

Räuber. -- Die Geister. -- Eine von Toms Lügen!

Das setzte am andern Morgen eine ordentliche Strafpredigt für mich

von Miß Watson über meine schmutzigen Kleider. Die Witwe aber, die

zankte gar nicht, sondern putzte nur den Schmutz und Lehm weg und sah

so traurig dabei aus, daß ich dachte, ich wolle eine Weile brav sein,

wenn ich's fertig brächte. Dann nahm mich Miß Watson mit in ihr Zimmer

und betete für mich, aber ich spürte nichts davon. Sie sagte mir, ich

solle jeden Tag ordentlich beten, und um was ich bete, das bekäme ich.

Das glaub' ein anderer! Ich nicht. Ich hab's probiert, aber was kam

dabei heraus? Einmal kriegte ich wohl eine Angelrute, aber keine Haken

dazu und ich betete und betete drei- oder viermal, aber die Haken kamen

nicht. Da bat ich Miß Watson, es für mich zu thun, die wurde aber böse

und schimpfte mich einen Narren. Warum weiß ich nicht, sie sagte es mir

nicht und ich selbst konnt's nicht herausfinden.

[Illustration]

Ich hab' dann lange im Walde gesessen und darüber nachgedacht. Sag' ich

zu mir selber: wenn einer alles bekommen kann, um was er betet, warum

bekommt dann der Nachbar Winn sein Geld nicht zurück, das er an seinen

Schweinen verloren hat? Und die Witwe ihre silberne Schnupftabaksdose,

die ihr gestohlen worden? Und warum wird die dürre Miß Watson nicht

dick? Nein, sag' ich zu mir, da ist nichts dran, das ist Dunst. Und ich

ging zur Witwe und sagte ihr's und die belehrte mich, man könne nur um

›geistliche Gaben‹ beten! Da dies viel zu hoch für mich war, so suchte

sie mir's deutlich zu machen: ich müsse brav und gut sein und den

andern helfen wo ich könne, und nicht an mich, sondern immer nur an die

andern denken. Damit war auch Miß Watson gemeint, wie mir's schien. Ich

ging hinaus in den Wald und überlegte mir die Sache noch einmal. Aber

meiner Seel', dabei kommt nur was für die andern heraus und gar nichts

für mich, und so ließ ich denn das Denken sein und quälte mich nicht

länger damit. Zuweilen nahm mich die Witwe vor und erzählte mir von der

gütigen, milden Vorsehung, die's so gut mit den Menschen meine und wie

sie sich meiner in Gnaden erbarmen wolle, bis mir der Mund wässerte

und die Augen naß wurden. Nachher kam wieder Miß Watson und ließ ihre

Vorsehung donnern und blitzen, daß ich mich ordentlich duckte und den

Kopf einzog. Es muß zwei Vorsehungen geben, dachte ich mir, und ein

armer Kerl wie ich hat's sicher bei der Witwe ihrer besser, denn bei

Miß Watsons ihrer ist er verloren. So dachte und dachte ich und nahm

mir vor, zu der Witwe ihrer Vorsehung zu beten, wenn die sich überhaupt

aus so einem armen, unwissenden und elenden Kerl, wie ich einer bin,

etwas macht und sich nicht viel wohler befindet ohne mich. --

Mein ›Alter‹ war nun schon seit einem Jahre nicht mehr gesehen worden,

was für mich nur eine Wohlthat war; ich hatte wahrhaftig kein Heimweh

nach ihm. Gewöhnlich walkte er mich durch, wenn er nüchtern war und

mich erwischen konnte; ich versteckte mich daher meistens im Wald,

sobald er wieder auftauchte. Eines Tages sagten die Leute, man habe

meinen Vater im Flusse, etwas oberhalb der Stadt, ertrunken gefunden.

Sie meinten wenigstens, er müsse es sein. Sie sagten, der Ertrunkene

sei gerade so groß, so zerlumpt gewesen und habe so ungewöhnlich langes

Haar gehabt, genau wie mein Alter, das Gesicht aber war nicht zu

erkennen gewesen, es hatte zu lange im Wasser gelegen. Sie verscharrten

ihn am Ufer, aber ich war nicht ruhig, glaubte nicht an den Tod

des alten Mannes und dachte, der würde schon mal wieder irgendwo

auftauchen, um mich zu quälen und zu hauen.

Wir spielten hie und da einmal Räuber, vielleicht einen Monat lang,

und dann verzichtete ich auf das Vergnügen, -- die anderen auch. Wir

hatten keinen einzigen Menschen beraubt, keinen getötet, sondern

immer nur so gethan. Wir sprangen aus dem Wald und jagten Sautreibern

nach oder hinter Frauen her, die Gemüse in Karren zum Markte führten,

nahmen aber nie irgend etwas oder irgend jemand in unsre Höhle mit.

Tom Sawyer nannte das Zeug, das auf den Karren lag, ›Goldbarren‹ und

›Edelgestein‹ und 's waren doch nur Rüben und Kartoffeln und wir gingen

dann zur Höhle zurück und nahmen den Mund voll und prahlten, was wir

alles gethan hätten, wie viel Kostbarkeiten geraubt und Leute getötet

und Kreuze in die Brust geritzt. Aber allmählich fing die Sache an,

langweilig zu werden.

Eines Tages sandte Tom einen Jungen mit einem brennenden Kienspan,

einem ›Feuerbrand‹, wie er es nannte, durch die Straßen der Stadt, das

war das Zeichen für die Bande sich zu versammeln. Als wir alle bei

einander waren, teilte er uns mit, er habe gehört, daß andern Tags

ein ganzer Haufen spanischer Kaufleute und reicher ›Ah-raber‹, wie er

sagte, samt zweihundert Elefanten und sechshundert Kamelen und über

tausend ›Saumtieren‹ -- was das für Tiere waren wußte er selber nicht

-- alle schwer mit Diamanten beladen im ›Höhlen-Grunde‹ lagern wollten.

Da nur eine kleine Bewachung von vielleicht vierhundert Soldaten dabei

sei, sollten wir uns in ›Hinterhalt‹ legen, die Mannschaft töten und

die Diamanten rauben. Er gebot uns, unsere Schwerter zu wetzen, die

Flinten zu laden und uns bereit zu halten. Er konnte niemals auch

nur hinter einem Rübenkarren hersetzen, ohne daß die Schwerter und

Flinten, die doch nur Holzlatten und Besenstiele waren, mit dabei

sein mußten. Ich für meinen Teil glaubte nun nicht, daß wir es mit

einem solchen Haufen Spanier und Ah-raber aufnehmen könnten, hatte

aber große Lust die Kamele und Elefanten zu sehen. Ich stellte mich

also am Sonnabend zur bestimmten Stunde ein und legte mich mit in

›Hinterhalt‹. Tom kommandierte und wir brachen los, stürmten aus dem

Walde und rannten den Hügel hinunter. Mit den Spaniern, den Ah-rabern,

Kamelen, Elefanten aber war's Essig. Nur eine Sonntagsschulklasse

hatte einen Ausflug gemacht und sich im Gras gelagert und noch dazu

nichts als die allerkleinsten Mädchen. Wir jagten sie auf und rannten

hinter den Kindern her, eroberten aber nur etwas Eingemachtes und

ein paar Stückchen Kuchen, Ben griff nach einer Puppe und Joe nach

einem Gesangbuch, aber als die Lehrerin kam, warfen wir die Sachen

weg und rannten davon. Diamanten hatte ich ebensowenig gesehen und

sagte das Tom auch. Es seien doch massenhaft da gewesen, erwiderte er,

desgleichen Ah-raber und Kamele und alles. Warum haben wir's dann aber

nicht gesehen? fragte ich. Er sagte, wenn ich kein solcher Dummkopf

wäre und ein Buch gelesen hätte, das ›Domkuischote‹ oder ähnlich hieß,

so wüßte ich warum, ohne ihn zu fragen. Er sagte, es sei alles nur

Zauberei gewesen. Es wären Hunderte von Soldaten und Elefanten und

Schätze dort gewesen, aber wir hätten mächtige Feinde, Zauberer, die

uns zum Trotz alles in eine Kleinkinder-Sonntagsschule verwandelt

hätten. Darauf meinte ich, das sei alles ganz schön, dann wollten wir

einmal ordentlich gegen die Zauberer losgehen. Tom Sawyer sagte, ich

sei ein Esel.

»So ein Zauberer,« sagte er, »würde ein ganzes Heer von Geistern zu

Hilfe rufen, und die würden dich in Stücke hauen, ehe du Amen sagen

könntest. Die sind so groß wie Bäume und so dick wie Kirchtürme.«

»Gut,« sagte ich, »laß uns doch ein paar Geister nehmen, die _uns_

helfen, dann wollen wir die andern schon zwingen.«

»Wie willst du sie denn bekommen?«

»Das weiß ich nicht. Wie kriegen _die_ sie denn?«

»Die? O, ganz einfach. Die reiben eine alte Blechlampe oder einen

eisernen Ring und dann kommen die Geister angesaust mit Donner und

Blitz und Dampf und Rauch, und was man ihnen befiehlt, das thun sie. Es

ist ihnen eine Kleinigkeit, einen Kirchturm aus der Erde zu reißen und

ihn dem nächsten besten um den Kopf zu hauen.«

»Wer befiehlt ihnen denn?«

»Nun, der Zauberer, der die Lampe oder den Ring reibt, und sie müssen

thun, was er sagt. Wenn er ihnen sagt, sie sollen einen Palast bauen,

vierzig Meilen lang und ganz aus Diamanten und ihn mit Brustzucker oder

Hustenleder oder irgend etwas füllen und dann die Tochter vom Kaiser

von China holen zum Heiraten -- und Gott weiß was noch -- sie müssen

alles thun. Und wenn man den Palast wo anders hingestellt haben will,

müssen sie ihn rings im Lande herum schleppen, bis er an der rechten

Stelle ist, und --«

»Aber,« sag' ich, »warum sind sie denn solche Esel und behalten den

Palast nicht für sich selber, anstatt damit herumzukutschieren für

andre. Wegen mir könnte, wer wollte, eine alte Blechlampe oder einen

eisernen Ring reiben bis er schwarz würde, mir fiel's gar nicht ein,

deswegen zu ihm zu laufen und mir befehlen zu lassen.«

»Wie du jetzt wieder redest, Huck Finn, du _müßtest_ eben kommen, wenn

du ein Geist wärst und einer riebe den Ring, ob du wolltest oder nicht.«

»Was? Und dabei wär' ich so groß wie ein Baum und so dick wie ein Turm?

Gut, ich käme, aber der riefe mich nicht zum zweitenmal, das kannst du

mir glauben!«

»Pah, mit dir ist nicht zu reden, Huck Finn, du weißt und verstehst

auch rein gar nichts -- du bist der vollkommenste Hohlkopf!« --

Zwei oder drei Tage lang überlegte ich mir nun die Sache, und dann

beschloß ich zu probieren, ob wirklich etwas dran sei. Ich verschaffte

mir eine alte Blechlampe und einen eisernen Ring, ging hinaus in den

Wald und rieb und rieb bis ich schwitzte wie ein Dampfkessel, ich hätte

so gerne einen Palast zum Verkaufen gehabt. Aber es war alles umsonst,

es kam kein Donner und kein Blitz und kein Dampf und kein Rauch und

am allerwenigsten ein Geist. Da begriff ich denn, daß all der Unsinn

wieder einmal eine von Toms Lügen gewesen war. Er glaubt vielleicht an

die Ah-raber und die Elefanten, ich aber denke anders -- es schmeckte

alles zu sehr nach der Sonntagsschule. --

[Illustration]

Viertes Kapitel.

›Langsam aber sicher.‹ -- Huck und der Kreisrichter. --

Aberglaube.

So vergingen drei oder vier Monate und wir waren nun mitten im Winter

drin. Ich ging fleißig zur Schule, konnte buchstabieren, lesen,

schreiben, das Einmaleins hersagen bis zu sechs mal sieben ist

fünfunddreißig,[2] weiter kam ich nicht und wäre auch wohl nie weiter

gekommen, und wenn ich hundert Jahre dran gelernt hätte -- ich habe

einmal kein Talent zur Mathematik.

[2] Ja, Huck Finn hat's nach diesem Exempel nicht sehr weit in

der Rechenkunst gebracht!

Erst verabscheute ich die Schule, dann gewöhnte ich mich allmählich

daran. Strengte sie mich einmal übermäßig an, so schwänzte ich einen

Tag, und die Prügel, die ich dafür andern Tags bekam, thaten mir gut

und frischten mich auf. Je länger ich hinging, desto leichter wurde

mir's. Auch an der Witwe ihre Art gewöhnte ich mich nach und nach und

ärgerte mich nicht mehr über alles. Nur das Wohnen in einem Hause und

Schlafen im Bette wollte mir noch immer nicht hinunter, und eh' das

kalte Wetter kam, rannte ich manchmal des Nachts in den Wald und ruhte

dort einmal gründlich aus. Ich liebte mein altes, freies Leben viel --

viel mehr als das neue, aber ich fing doch an, auch das ein klein wenig

gern zu haben. Die Witwe und ich, wir kamen uns ›langsam aber sicher‹

näher und waren ganz zufrieden miteinander. Sie sagte auch, sie schäme

sich meiner gar nicht mehr.

Eines Morgens stieß ich beim Frühstück das Salzfaß um und wollte eben

ein paar Körnchen von dem verschütteten Salz nehmen, um es über die

linke Schulter zu werfen, damit es mir kein Unglück bringe, da kam mir

Miß Watson zuvor: »Die Hand weg, Huckleberry,« zeterte sie, »du mußt

auch immer Dummheiten machen!« Die Witwe wollte ein gutes Wort für

mich einlegen, aber das konnte das Unglück nicht abhalten, das wußte

ich nur zu gewiß. Als ich vom Tisch aufstand und mich drückte, war

mir's ganz unbehaglich und beklommen zu Mute. Ich mußte immer daran

denken, wo mir wohl etwas Schlimmes zustoßen und was es sein werde.

Ich weiß noch andre Mittel, um Unglück fern zu halten, aber die ließen

sich hier nicht anwenden und so hielt ich still und that gar nichts,

schlängelte mich nur niedergeschlagen meines Weges weiter, immer auf

der Hut vor irgend etwas Unbekanntem. Ich ging den Garten hinunter und

kletterte über den hohen Bretterzaun. Es war in der Nacht frischer

Schnee gefallen und ich sah Fußspuren in demselben. Sie führten direkt

vom Steinbruch hierher und rings um den Gartenzaun. Im Garten selbst

sah ich nichts und das machte mich stutzig. Was hatte einer da draußen

herum zu lungern? Ich wollte den Spuren nachgehen, bückte mich aber

erst noch einmal, um sie zu untersuchen. Zuerst fiel mir nichts dran

auf, dann aber, Herr du mein Gott, da sah ich etwas, das mir bekannt

war und ich wußte sofort, was die Uhr geschlagen hatte. Am linken

Absatz der Fußspur befand sich ein mir nur allzu bekanntes Kreuz aus

dicken Nägeln, um den Bösen fern zu halten.

In einer Sekunde war ich auf und davon und den Hügel hinunter. Von

Zeit zu Zeit sah ich ahnungsvoll über die Schulter zurück, konnte aber

niemand entdecken. Wie der Blitz rannte ich zum Kreisrichter, welcher

mich mit den Worten empfing:

»Junge, du bist ja ganz außer Atem. Kommst du wegen deiner Zinsen?«

»Nein,« sag' ich, »hab' ich denn wieder 'was zu bekommen?«

»O ja, gestern abend sind die vom letzten halben Jahr eingelaufen.

Ueber hundertfünfzig Dollars; ein ganzes Vermögen für dich, mein Junge.

Ich lege dir die Zinsen aber wohl besser mit dem Kapital an, denn wenn

du sie hast, gibst du sie auch aus.«

»O nein,« sag' ich, »ich will sie gar nicht haben, die Zinsen nicht und

auch die sechstausend nicht, Sie sollen's behalten, Herr, ich will's

Ihnen geben, alles, alles!«

Er sah mich erstaunt an und schien mich nicht zu verstehen. Dann sagte

er:

»Wie -- wie meinst du das, Junge?«

Sag' ich: »Fragen Sie mich, bitte, nicht weiter, Herr, aber nehmen

Sie's, bitte, nehmen Sie's!«

Darauf er:

»Junge, ich versteh' dich nicht, was ist denn mit dir?«

Darauf ich:

»Bitte, bitte nehmen Sie's und fragen Sie mich nicht weiter -- dann muß

ich Ihnen auch nichts vorschwindeln!«

Er dacht' eine Weile nach, dann sagt er:

»Holla, ich glaub' ich hab's. Du willst mir deine Ansprüche abtreten,

verkaufen, nicht schenken. Das liegt dir im Sinn, nicht wahr?«

Und ohne weiteres schreibt er ein paar Zeilen auf ein Stück Papier,

liest's noch einmal durch und sagt dann:

»Da -- sieh' her. Es ist ein Vertrag und es steht drin, daß ich

dir deine Ansprüche abgekauft habe. Da hast du einen Dollar. Nun

unterschreibe!«

Ich unterschrieb und trollte mich.

[Illustration]

Miß Watsons Nigger Jim hatte eine haarige Kugel, so groß wie eine

Faust, die einmal aus dem vierten Magen eines Ochsen herausgenommen

worden war. Mit der konnte er wahrsagen, da sich ein Geist drin befand,

der alles wußte. Ich ging also zu Jim am Abend und sagte ihm, mein

Alter sei richtig im Land, ich habe seine Fußspuren im Schnee gefunden.

Was ich wissen wollte war, was der Alte im Schilde führte und wie

lang er bleiben werde. Jim nahm seine haarige Kugel, brummte etwas

drüber hin, hob sie in die Höhe und warf sie dann zu Boden. Sie fiel

derb auf und rollte kaum einen Zoll weit von der Stelle. Noch einmal

probierte es Jim und noch einmal und immer blieb es gleich. Jetzt

kniete Jim nieder und legte sein Ohr an die Kugel und horchte, aber

's wollte nichts sagen. Er sagte, manchmal redet es nicht ohne Geld.

Ich bot ihm nun eine alte, nachgemachte Münze an, bei der überall das

Messing durchsah, und die so fett und schlüpfrig sich anfühlte, daß

sie mir niemand für echt abgenommen hätte. Von meinem Dollar schwieg

ich natürlich, denn für die alte Kugel war wahrhaftig die schlechte

Münze gut genug. Jim nahm die Münze, roch daran, rieb sie, biß hinein

und versprach es einzurichten, daß die Haarkugel die Unechtheit nicht

merke. Er sagte, er wolle eine rohe Kartoffel nehmen und die Münze

hineinstecken und die Nacht über drin lassen, am andern Morgen sehe man

dann kein Messing und fühle keine Fettigkeit und kein Mensch werde den

Betrug merken, noch weniger eine Haarkugel. Das Ding mit der Kartoffel

wußt' ich, hatt's nur vergessen im Moment.

Jim steckte also nun die Münze unter die Kugel und legte wieder das Ohr

dran. Jetzt sei alles in Ordnung, sagt' er, und die Kugel werde mir

wahrsagen soviel ich wolle. »Nur zu!« sag' ich. Und die Kugel sprach

nun zu Jim, und Jim sagt's mir wieder:

»Deine alte Vater noch nix wissen, was wollen thun. Einmal wollen

gehen, einmal wollen bleiben. Du sein ganz ruhig, Huck, lassen thun die

alte Mann, wie er wollen. Sein da zwei Engels, fliegen um ihn rum. Sein

der eine weiß, der andere schwarz. Wollen der weiß ihn führen gute Weg,

kommen der schwarz un reißen ihn fort. Arme Jim nich nix können sagen

von Ende, ob schwarz, ob weiß! Bei dir aber allens sein gut. Du haben

noch viel Angst im Leben, aber auch viel Freud! Werden kommen Krankheit

und Unglück, un dann Gesundheit un Glück. Sein deine Engel zwei Mädels,

eine blond und eine braun, eine reich un eine arm. Werden du heiraten

erst die arm un dann die reich! Du nix gehen zu nah an Wasser, sonst du

müssen fallen rein un ganz ersaufen! Du hören arme, alte Jim, Huck, du

nix vergessen, was er sagen!«

Das versprach ich denn auch hoch und heilig. Nachdem ich an diesem

Abend mein Licht angezündet hatte und mit demselben in mein Zimmer

trat, -- saß da mein Alter in Lebensgröße!

[Illustration]

Fünftes Kapitel.

Hucks Vater. -- Bekehrung. -- Zärtlichkeiten.

Ich hab' mich stets vor ihm gefürchtet, er hat mich immer so tapfer

gegerbt, aber diesmal merkt' ich gleich, daß es anders war. Das

heißt, zuerst schnappte ich nach Luft -- es nahm mir den Atem, ihn so

plötzlich zu sehen; aber dann raffte ich mich schnell zusammen und trat

näher.

Er war beinahe fünfzig und sah auch so aus. Sein Haar war lang und

verwirrt und fettig und hing ihm übers Gesicht, daß seine Augen wie

hinter Buschwerk hervorstachen. Es war noch ganz schwarz und kein

bischen grau, so war auch sein langer Schnauzbart. In seinem Gesicht,

soweit man's sehen konnte, war keine Farbe, es war ganz weiß, aber

nicht von einem gewöhnlichen Weiß, sondern so, daß es einem übel

machte, wenn man's sah, daß es einem eine Gänsehaut über den Rücken

jagte, so totenähnlich, so fischbauchartig war es. Seine Kleider --

waren Lumpen, weiter nichts. Er hatte den rechten Fuß aufs linke Knie

gelegt und der Stiefel sperrte das Maul so weit auf, daß zwei oder drei

Zehen heraus sahen, an denen er herum fingerte. Sein Hut, ein alter

zerrissener Filzdeckel, lag auf dem Boden.

Ich starrte ihn an. Er hatte den Stuhl etwas hinten übergekippt und

starrte mich wieder an. Endlich stellte ich das Licht hin und sah,

daß das Fenster offen war; der Alte war also übers Schuppendach

eingestiegen. Der verflixte Schuppen! Der Alte folgte mir mit den

Augen, ich spürt' es, endlich sagt er:

»Donnerwetter, feine Kleider -- sehr fein! Du bild'st dir wohl was

drauf ein, he? Denkst, du bist ein Herr geworden, he?«

[Illustration]

»Vielleicht, -- vielleicht auch nicht,« sag' ich.

»Wirst du mir wohl ordentlich antworten, he?« brüllt er, »du scheinst

dir tüchtige Mücken in den Kopf gesetzt zu haben, seit wir uns nicht

gesehen. Die treib' ich dir aus, das laß dir gesagt sein! Du gehst

auch in die Schule, hab' ich mir sagen lassen, und kannst lesen und

schreiben. Glaubst jetzt wohl, daß du besser bist wie dein Vater, he,

du Racker? Wart' ich will dir kommen! Wer hat dir erlaubt, da hin zu

gehen, wer, frag' ich, wer hat dir's erlaubt?«

»Die Witwe! Sie hat's erlaubt.«

»Die Witwe, he? Und wer hat's der Witwe erlaubt, daß die ihre Nase in

Dinge steckt, die sie absolut nichts angehen, wer, he?«

»Niemand!«

»Gut, der will ich's zeigen! Und du, Bengel, infamer, du läßt das

Schulegehen bleiben, verstanden? Ich werd's den Leuten schon zeigen,

was es heißt, einem solchen Flegel, wie dir, in den Kopf zu setzen, er

sei besser als sein Vater. Laß du dich wieder in der Schule erwischen!

Deine Mutter hat nicht lesen und schreiben können eh' sie starb und

keiner von der Familie konnt's, ich kann's auch nicht und da kommt so

ein Racker und will besser sein als wir alle und bildet sich was drauf

ein und thut sich dick damit. Das laß ich mir aber nicht gefallen,

verstanden? Da -- zeig' einmal was du lesen kannst.«

Ich nahm ein Buch und stotterte etwas vom General Washington und dem

Kriege. Eine Minute lang hörte er zu, dann versetzte er dem Buch einen

Stoß, daß es an die andre Zimmerwand klatschte, und sagte:

»Kann's der Bengel ja wahrhaftig! Ich hätt's nicht geglaubt, dacht' es

sei Geflunker. Aber du, wart', ich werd' dir die Mücken austreiben, ich

leid's nicht, verstanden? Ich werde aufpassen, und erwisch' ich dich

an der Schule, mein feiner Herr, so gerb' ich dir das Leder durch, daß

du die Engel im Himmel pfeifen hörst! Nächstens wirst du noch fromm

werden! Donnerwetter, so ein Sohn!«

Er griff nach einem kleinen blau und gelben Bildchen, auf dem ein Junge

und ein paar Kühe abgemalt waren, und fragt:

»Was ist das?«

»Das hab' ich gekriegt, weil ich meine Aufgabe gut gelernt habe.«

Rasch war's zerrissen und er brüllte:

»Ich will dir was Bessres geben, wart', ich werd' dir ein Bild auf den

Buckel malen.«

Nun saß er still und murmelte und brummte vor sich hin. Dann fängt er

wieder an:

»Hat man je schon so etwas erlebt! Das nenn' ich einen feinen Herrn!

Ein Bett, wahrhaftig, und Betttücher! Und ein Stückchen Teppich am

Boden! Und der eigne Vater schläft bei den Schweinen oder wo er gerade

hinkommt! Und das will ein Sohn sein! Wart', Kerl, die Mücken fliegen

dir aus dem Kopf, eh' du Amen sagen kannst, das sag' ich dir. Mit dir

werd' ich noch fertig werden, Racker! Die Leute sagen auch, du hättest

Geld! Wie ist das?«

»Die Leute lügen, -- so ist das!«

»Ich sag' dir, Bursche, denk' dran, daß du mit deinem Vater sprichst,

bald bin ich fertig mit meiner Geduld, also sieh' dich vor! Jetzt bin

ich zwei Tage in der Stadt und überall hab' ich von deinem Geld gehört,

schon weiter unten im Thal erzählten sie davon, und so muß doch was

dran sein! Deshalb bin ich gekommen. Also morgen schaffst du mir das

Geld, verstanden? -- ich brauch's!«

»Ich hab' kein Geld!«

»Du lügst! Der Kreisrichter hat's für dich und du schaffst mir's her --

ich brauch's, sag' ich dir!«

»Ich hab' kein Geld! Frag' den Kreisrichter selbst, der wird dir's auch

sagen!«

»Gut, ich werd' ihn fragen und er muß blechen oder ich will wissen

wie's damit steht. Was hast du in der Tasche, he? Ich will's haben!«

»Ich hab' nur einen einzigen Dollar und den brauch' ich, um --«

»Das ist ganz Wurst wozu du ihn brauchst, her damit! Raus!«

Er nahm ihn und biß hinein, um zu sehen, ob er echt sei und sagte dann,

er gehe in die Stadt, um sich Whisky zu holen, er habe den ganzen Tag

noch keinen Tropfen über die Lippen gebracht, dabei roch er wie ein

Schnapsladen. Dann kletterte er zum Fenster hinaus auf den Schuppen,

steckte den Kopf wieder herein, fluchte noch einmal über meine Mücken

und darüber, daß ich besser sein wolle als er, und als ich dachte, nun

sei er sicher fort, erschien er noch einmal und erinnerte mich an die

Schule und die versprochenen Prügel, wenn ich mich dort blicken lasse.

Am andern Tag war er betrunken, ging zum Kreisrichter und drohte ihm

wegen des Geldes, das der nicht herausgeben wollte; er sagte, er wolle

vor Gericht gehen und ihn dazu zwingen.

Der aber und die Witwe kamen selbst drum ein, daß man mich meinem

Alten wegnehme und eines von ihnen zu meinem Vormund mache. Und das

wäre meiner Seel' das beste gewesen. Aber da war ein neuer Ortsrichter

gekommen, der kannte den alten Mann nicht, und meinte, es sei unrecht,

Familien zu trennen, er könne nichts thun, er wolle dem Vater das Kind

nicht rauben. So mußten der Kreisrichter und die Witwe die Sache eben

gehen lassen wie's ging.

Das war Wasser auf die Mühle meines Alten und stieg ihm riesig zu

Kopfe. Er drohte, er wolle mich schwarz und blau dreschen, wenn ich

ihm nicht sofort Geld verschaffe. Ich lief also zum Kreisrichter und

lieh mir drei Dollars von meinem Geld. Der Alte nahm's, betrank sich,

lärmte, schimpfte, fluchte und spektakelte durch die Straßen der Stadt,

bis sie ihn festnahmen und für eine Woche einsperrten. Das war ihm nun

nichts Neues und genierte ihn weiter nicht. Wenn sie jetzt auch Meister

über ihn seien, so bleibe er doch immerhin Herr und Meister seines

Sohnes, meinte er, und werde das der ganzen Stadt und seinem Herrn

Sohne selbst noch klar beweisen. Dem wolle er schon noch einheizen in

seinem Leben!

[Illustration]

Nach Verlauf der Strafzeit ließen sie ihn dann laufen. Der Ortsrichter

aber sagte, er wolle einen ›neuen Menschen‹ aus ihm machen, nahm ihn

mit nach Hause, gab ihm saubere, ordentliche Kleider statt der Lumpen,

behielt ihn zum Frühstück, Mittagessen und Abendbrot und schloß so

zu sagen dicke Freundschaft mit ihm. Nach dem Abendessen redete er

dann auf ihn ein von Gott und dem letzten Gericht, der Bibel und dem

›Temperamentsverein‹,[3] bis der alte Mann zu schluchzen und zu weinen

begann und sagte, er sei ein Narr gewesen all' sein Leben lang, ein

elender, erbärmlicher, lumpiger Narr! Jetzt aber gehe er in sich und

wolle von neuem beginnen und ein Mann werden, dessen sich kein Mensch

in der Welt zu schämen brauche, wenn ihm der Herr Richter nur helfen

und ihn nicht verachten wolle. Der sagte, er möchte ihm um den Hals

fallen für diese Worte und weinte vor Rührung, und seine Frau weinte

mit. Mein Alter versicherte nun, er sei immer verkannt worden in seinem

Leben; alles, was ein verlorener Mensch brauche, um gerettet zu werden,

sei Sympathie; der Richter stimmte ihm zu und dann weinten sie wieder.

Als es Zeit war zum Schlafengehen erhob sich mein bekehrter Vater,

hielt seine Hand hin und sagte:

[3] Huck meint den Temperenzverein = Mäßigkeitsverein.

Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn · 第 1 / 22 段