Damit es körperlich gedeihe, reicht sie ihm wohlgewählte Nahrung. Ihr
Auge wacht mit ängstlicher Sorgfalt, daß ihm kein Unfall zustoße. Um es
vor Gefahren zu behüten, warnt sie es bei jeder Gelegenheit.
Wie treubesorgt ist nun erst eine Mutter um ein krankes Kind, damit
es bald wieder genese. Sie entsagt nächtelang dem Schlafe, um keine
Veränderung in dem Zustande ihres Lieblings unbeobachtet vorübergehen
zu lassen.
Eine treue Mutter ist aber auch darauf bedacht, daß ihr Kind geistig
gedeihe. Sie hütet es vor schlechtem Umgange, weil dieser sein Herz
verderben könnte. Sie bewahrt es vor widerwärtigen Eindrücken, da
diese ein zartes Gemüth leicht abstumpfen. Sie leuchtet ihm in jeder
Hinsicht stets mit einem guten Beispiele voran, indem ein gutes Vorbild
auf des Kindes Veredlung jedenfalls am segensreichsten wirkt. Sie
ermahnt ihr Kind tagtäglich zu allem Guten, weil sie ihm ein reines
Herz erhalten will. Sie straft aber auch ihr Kind zur rechten Zeit,
weil sie es eben lieb hat.
Wiederholung.
(Alle Arten Umstandssätze des Grundes.)
114. Der Mensch.
Woraus die Erde besteht, daraus besteht auch der thierische Körper. Und
woraus sich der thierische Körper aufgebaut hat, daraus hat sich auch
unser Leib entwickelt.
Die Wahrheit dieser Behauptung erkennt man deutlich daran, daß sich
jeder Leichnam schließlich wieder in Erde verwandelt. Da nun überhaupt
der Mensch in körperlicher Hinsicht ganz dem Thierwesen entspricht, so
gehört er auch dem Körper nach zu den Thieren. Natürlich nimmt er unter
diesen die höchste Stellung ein, weil sein Körper der vollkommenste ist.
Um aber den Menschen zu seinem Ebenbilde zu erheben, verlieh ihm der
Schöpfer einen Geist. Er stattete ihn, damit er einst als Himmelsbürger
in die andere Welt eingehen könne, mit einer unsterblichen Seele aus.
So wurde der Mensch dadurch auch zum Herrn der Welt, daß er eben in
seinem Körper einen Geist birgt. Unser Leib wird deshalb wol auch ein
Tempel Gottes genannt, weil jener göttliche Funke in ihm wohnt.
Beide Bestandtheile des Menschen stehen in Wechselwirkung zu einander,
da sie eng mit einander verbunden sind. Wenn der Leib kränkelt, leidet
der Geist mit. Wenn der Geist leidet, verkümmert nicht selten der
Leib. Halte darum Deinen Leib in Ehren, weil Deine geistige Gesundheit
davon abhängt. Veredle Deinen Geist, denn dadurch begründest Du
Dein Glück. In jeder dieser Hinsichten hat uns Christus ein Vorbild
gelassen, daß wir sollen nachfolgen seinen Fußtapfen.
Hauptwiederholung.
(Umstandssätze des Ortes, der Zeit, der Weise und des wirklichen
Grundes.)
115. Der Apfelbaum.
Wo der Garten ziemlich zu Ende ging, stand ein Apfelbaum. Er hing so
voll Früchte, daß sich seine Zweige weit herabbogen. Dieses reichen
Segens hatte er sich deshalb zu erfreuen, weil er auf einem fetten
Boden stand. Seine Aepfel glänzten, wie wenn sie in Gold getaucht wären.
Kaum waren sie völlig gereift, erhielt der Apfelbaum viel Besuch.
Bevor der Kutscher in den Stall ging, holte er sich von ihm einige
Aepfel. Sobald die Köchin früh aufstand, war ihr erster Gang zu diesem
Apfelbaume. Sogar das Kindermädchen holte sich, während die Herrschaft
speiste, einige der goldenen Aepfel.
Weil sich nun so viel Gäste einfanden, wurde der Apfelbaum stolz auf
sich. Je mehr man an seinen Zweigen schüttelte, desto mehr wuchs sein
Hochmuth. Mit aufgeblasenem Wesen richtete er jeden neuen Tag seine
Blicke dahin, woher seine vielen Freunde kommen mußten. Dabei sah er
auf andere Bäume um sich her so verachtend herab, als wären diese
nichtsnutziges Gesindel.
Da sich indeß so viel Gäste fanden, schmolz sein Reichthum zusehends
zusammen. Kaum waren zwei Wochen ins Land gegangen, hatte er nur noch
drei Aepfel auf seinen Zweigen. Um dieser habhaft zu werden, warf ein
Knabe mit einem Steine danach.
Da der Apfelbaum nun keine Früchte mehr hatte, kam ihm kein Mensch
mehr zu nahe. Er stand da, wie ein von aller Welt Verlassener. Ohne
daß er es natürlich gestand, schämte er sich jetzt seines ehemaligen
Hochmuthes.
Wahre Freunde erkennt man daran, daß sie uns ohne Eigennutz lieben.
~b~) Mögliche Gründe.
~aa~) Bedingungssätze.
116. Der sterbende Vater.
Als Vater Aminth sein Ende nahen fühlte, ließ er seinen Sohn noch
einmal an sein Bett kommen. Unter Anderem legte er ihm Folgendes ans
Herz: Wenn es Dir nur irgend möglich ist, so sei dem Bedrängten ein
Helfer. Hast Du viel, so gib reichlich. Wofern Du nicht mit einer That
einstehen kannst, gib wenigstens einen guten Rath. Wäre auch dieser
nicht möglich, so zeige Deine Theilnahme in einem tröstenden Worte.
Hast Du irgend ein Werk vor, so fange es mit Gott an. Wo der Herr nicht
das Haus behütet, wachen ja doch die Wächter umsonst. Wenn Du stets
deine Hauptstütze in dem Herrn suchst, wirst Du wohlfahren. Wolltest
Du Dich aber zu sehr auf Menschenhilfe verlassen, würdest Du Dich oft
getäuscht sehen.
Suche Dir vor allen Dingen selbst zu helfen, so wird Dir in vielen
Dingen geholfen sein. Schicke Dich in alle Verhältnisse, dafern Deine
Rechtschaffenheit nicht darunter leidet.
Falls Du gehorchen mußt, thue es mit Lust. Beuge sogar einmal Deinen
Nacken, wenn es die Klugheit gebietet. Hast Du selbst zu gebieten, thue
es mit Freundlichkeit. Müßtest Du auch einmal darben, bewahre Dir die
Zufriedenheit. Fiele Dir Reichthum zu, so verfalle nicht in Hochmuth.
Würdest Du einmal verkannt, laß den Muth nicht sinken. Stießest Du
je auf persönliche Feinde, gib nie dem Zorne Raum. Willst Du Dich an
Deinen Beleidigern rächen, so vergib ihnen.
~bb~) Einräumungssätze.
117. Die Zunge.
Trotzdem die Zunge ein kleines Glied ist, kann sie doch großen Schaden
anrichten. Obgleich dies eine allbekannte Sache ist, wird sie doch
nicht immer beachtet. Ein einziges Wort kann ja sogar einen Weltkrieg
heraufbeschwören, wiewohl ein Wort doch eigentlich nur ein flüchtiges
Luftwellengebild ist.
Wie verletzend wirkte nicht schon oft ein einziger Ausspruch,
wenngleich er ohne allen Vorbedacht hingeworfen wurde. Gar nicht selten
zerriß ein einziges winziges Wörtchen, ungeachtet es durchaus nicht
böse gemeint war, die heiligsten Bande der Liebe auf immer. Und wurde
nicht zuweilen durch einen einzigen ausgesprochenen Verdacht, obwohl
man ihn vielleicht gar im Scherze zum Vorschein brachte, Jemand gar arg
an seiner Ehre gekränkt?
Auch ein Scherzwort, wie unschuldig es an sich immer scheinen mag,
kann zum zündenden Funken für ein großes Feuer werden. Hat doch unter
besonderen Umständen selbst das Schweigen, obschon die Zunge hierbei
eben gar nichts thut, viel Unheil gestiftet.
Halte darum Deine Zunge stets im Zaume, wenn Du Dich auch in den
vertrautesten Kreisen bewegtest. Wäge stets Deine Worte ab, ob Du auch
keine Ursache dazu zu haben vermeinst. Das einmal gesprochene Wort läßt
sich nie wieder vernichten, trotzdem es eben nur ein Erzeugniß einer
Luftbewegung ist.
Wiederholung.
(Bedingungs- und Einräumungssätze.)
118. Bildung.
Obwohl Du in der Schule viel lernen kannst, bleibt Dir doch nach der
Schulzeit noch viel zu lernen übrig. Wenn ein Schüler auch noch so
fleißig wäre, kann er doch in der Schule immer erst den Grund zu seiner
weitern Ausbildung legen. Hast Du aber in der Schule einen guten Grund
gelegt, wird Dir das spätere Lernen sicher leicht werden.
Bildung ist ein großer Schatz, obschon er sich nicht in Zahlen
bezeichnen läßt. Hast Du also Gelegenheit zur Fortbildung, benutze
sie. Dem kenntnißreichen Manne steht die Welt offen, wenngleich seine
Tasche keinen Kreuzer beherbergte. Hätte Mancher in seiner Jugend mehr
gelernt, er brauchte jetzt nicht Steine zu klopfen.
Wie sehr auch heutzutage das Geld die Welt regiert, die Bildung wird
doch endlich den Sieg davontragen. Falls Du also auch gleich nach
Deiner Confirmation nach Brod arbeiten müßtest, ein nützliches Buch
wirst Du nebenbei doch lesen können. Und müßtest Du Dir auch einige
Vergnügungen darob versagen, suche Dir vor allen Dingen bildende
Schriften zu erwerben.
Falls Du in Deinem Berufe auch nicht viel zu schreiben hättest, laß
die Feder nicht liegen. Wenn Du nur ernstlich willst, etwas Zeit zur
Fortbildung läßt sich schon gewinnen.
Obgleich man sich für Geld große Genüsse verschaffen kann, Bildung
bleibt doch der Schlüssel zu den edelsten.
Wiederholung.
(Umstandssätze des Ortes, der Zeit, der Art und Weise, des wirklichen
und möglichen Grundes.)
119. Die Raubritter.
Als das Ritterthum in voller Blüthe stand, gab es leider auch
Raubritter. Wo ihre Burgen emporragten, dort war besonders für die
Kaufleute ein gefährliches Reisen.
Ohne daß es sich der Reisende oft versah, wurde er von einer Schaar
solcher Wegelagerer überfallen. Sie kamen, um ihn seiner Schätze zu
berauben. Zuweilen verlegten sie ihm auch blos den Weg, damit sich der
Reisende zu Opfern für seine Freiheit verstehen solle. Falls der so
Gehemmte sich zu keiner Zahlung verstehen wollte, wurde er nicht selten
als Gefangener abgeführt.
Wo diese Raubritter ihre Burgen erbauten, führten gewöhnlich wichtige
Verkehrswege vorüber. Damit kein Mensch ungesehen diese Straßen ziehe,
stellten sie Wachen aus. Kaum graute der Morgen, standen diese schon
auf ihren Posten.
Mit diesen Verhältnissen vertraut, reiste darum auch selten ein
Handelsmann mit seiner Waare allein. Damit man nöthigenfalls Widerstand
leisten könne, verband man sich zu Karavanen. Obgleich aber diese
Gesellschaften oft ziemlich stark waren, entgingen sie doch selten
ihrem Schicksale.
Sobald es zu irgend einem Kampfe kam, trugen die wohlbewaffneten
Reisigen in der Regel den Sieg davon. Je mehr diese dann dabei Verluste
erlitten hatten, desto größeren Tribut mußten die Besiegten zollen.
Da nun ein Raubritter neidisch auf das Glück des andern sah, entstanden
nicht selten unter diesen selbst blutige Fehden. Ehe es sich der eine
versah, umzingelten mißgünstige Nachbarn seine Burg. So kurze Zeit eine
solche Fehde auch dauerte, so blutig war sie doch oft. Nicht selten
schleifte man den Rittersitz des Besiegten, weil dieser sonst doch
wieder hätte zu Macht gelangen können.
Wiewohl es auch heute noch Straßenräuber gibt, ist doch die
Gefährlichkeit des jetzigen Reisens mit der jener Tage gar nicht zu
vergleichen. Niemand wird, ohne ein gewisses Grauen zu empfinden, an
jene Zeit zurückdenken.
Während damals die überlegene Gewalt regierte, regiert jetzt das Recht.
Die Zeit wollen wir ja nicht die goldene nennen, während welcher das
Faustrecht galt.
5. Einschaltsätze.
120. Ein Dieb.
Vergangenen Montag -- es konnte wol nachmittags gegen drei Uhr sein
-- entstand auf der Straße ein gewaltiger Menschenauflauf. Zwei
Polizeidiener ergriffen einen Menschen, welcher -- man sollte es kaum
glauben -- am hellen Tage einen Herrenrock von einem Schaufenster
gestohlen hatte.
Dieser freche Dieb -- er schien übrigens der Polizei als solcher
bekannt zu sein -- wehrte sich dermaßen, daß man ihn binden mußte.
Jetzt aber -- welch eine Frechheit! -- stellte er sich, als ob er nicht
laufen könne. Und so mußte er -- den Polizeiern blieb nichts Anderes
übrig -- auf einen Schubkarren geladen werden.
Im ersten Verhöre soll er sich -- wie sich nicht anders erwarten ließ
-- auch äußerst widerspenstig benommen haben. Hoffentlich wird ihn aber
die Strafe für seine Vergehungen -- und diese wird wahrscheinlich eine
ziemlich strenge sein -- mürbe machen.
Hauptwiederholung.
(Subject-, Präd.-, Beif.-, Ergänz.-, Umstands-, Anführ.- und
Einschaltsätze.)
121. Der Mäusethurm.
Gegen Ende des zehnten Jahrhunderts lebte ein berüchtigter
Kirchenfürst, mit Namen Hatto. Nachdem er mehrere Jahre Abt zu Fulda
gewesen war, wurde er zum Erzbischof von Mainz erhoben. Diese Stadt
liegt bekanntlich da, wo sich der Main in den Rhein ergießt.
Wer jenem hohen Herrn untergeben sein mußte, konnte nicht ohne Furcht
zu ihm aufblicken. Hatto war -- man sollte dies von einem Bischofe
kaum glauben -- vom Geize besessen. Nehmen erschien ihm jederzeit
angenehmer als das Geben. Daran, daß sein Herr und Heiland in Armuth
dahinwandelte, wollte er sich wahrscheinlich ganz absichtlich nicht
erinnern.
Da ihn nun die Habsucht gefangen genommen hatte, kannte sein Herz
natürlich kein Mitleid. Ohne daß es ihn rührte, konnte er an den
Hilfsbedürftigsten vorübergehen. Die Geschichte berichtet sogar, daß er
sich ganz unmenschliche Grausamkeit habe zu Schulden kommen lassen:
Als er schon lange Jahre Bischof zu Mainz war, entstand einmal eine
furchtbare Hungersnoth. Die Rheingegend war es, wo das Uebel am ärgsten
auftrat. Hunderte von Familien hatten nicht, womit sie auch nur eine
Mahlzeit ihren Hunger stillen konnten. Von den entsetzlichsten Qualen
langsam aufgerieben, erlagen eine große Anzahl Menschen endlich dem
Tode.
Daß die Noth groß war, konnte dem Erzbischof nicht unbekannt bleiben.
Wessen Herz freilich der schändlichste Eigennutz beherrscht, der mag
fremdes Elend nicht sehen. So blieb Hatto angesichts alles Jammers, der
er war.
Nachdem die Hungersnoth den höchsten Grad erreicht hatte, versammelten
sich eines Tages mehrere Hundert Halbverhungerter vor der Burg des
Erzbischofs. Obgleich man seine Härte kannte, wollte man doch einen
Bittversuch wagen. Der Trieb, das Leben zu erhalten, läßt ja kein
Mittel unbenutzt.
„Hab’ Erbarmen!“ flehte eine Anzahl solcher Unglücklichen zu den
Burgfenstern hinauf. Und Andere riefen mit herzzerreißender Stimme:
„Nur ein einziges Stück Brod laß uns werden.“
Obwohl nun Hatto’s Speicher überreich gefüllt waren, hatte er doch kein
Ohr für das Hungergeschrei. Er äußerte sogar, das Volk da unten sei nur
liederliches Gesindel.
Da nun aber die armen Menschen ihr Flehen fortsetzten, gerieth er
endlich in Zorn. In diesem Zorne befahl er seinen Knechten, daß sie das
lästige Bettelvolk in eine große Scheune sperren sollten. Die Knechte,
weil es ihr Herr befohlen, führten die Schändlichkeit augenblicklich
aus.
Was aber that Hatto, der Wütherich, nun? -- Er ließ -- fast sträubt
sich die Feder vor diesem Berichte -- die betreffende Scheune an allen
vier Ecken anzünden. Ohne daß es ihn nur im geringsten rührte, sah er
der auflodernden Flamme zu. Während des entsetzlichen Geschreies der
Verbrennenden rief er sogar seiner Umgebung, teuflisch spottend, zu:
„Hört Ihr das Piepen der Brodmäuse?“
Hören wir nun, was die Sage über das Lebensende dieses Grausamen
berichtet: Kurz nach dieser fluchwürdigen That zogen in die Burg, die
Hatto bewohnte, eine unerhörte Menge Mäuse ein. Wo man nur hinsah,
wimmelte es von diesen Thieren.
Wie entsetzlich dies dem Erzbischof sein mußte, läßt sich leicht
denken. Je mehr er aber das Ungeziefer verfolgen ließ, desto
zahlreicher wurde es.
Um sich diesen Feinden zu entziehen, siedelte er in die Stadt Bingen
über. Aber auch hier wurde es wieder, wie es gewesen war. Die Mäuse,
die sich einmal gegen ihn verschworen zu haben schienen, folgten ihm
auch hierher. Von ihnen aufs neue gequält, sann er abermals auf Rettung.
Endlich hatte er einen Plan, wie er sich vor der Höllenschaar
unzweifelhaft sichern könnte, entworfen. Da, wo sich der Ruppertsberg
im Rheine spiegelt, ließ er sich einen kleinen Thurm mitten in dem
Strome erbauen. „Dort muß ich doch endlich vor den Bestien Ruhe haben“,
dachte er bei sich.
Als der Thurm vollendet war, segelte Hatto auf einem Nachen hinüber.
Daß freilich die Mäuse auch schwimmen können, hatte er nicht bedacht.
Ihr Rächeramt zu vollenden, ruderten sie in zahlloser Menge dem Thurme
zu. Bald war derselbe, der an sich nicht viel Räumlichkeiten bot, von
ihnen überschwemmt.
In diesem Thurme aber wurde Hatto -- so berichtet eben die Sage -- von
den Mäusen endlich aufgefressen. Der Thurm, in dem dies geschehen sein
soll, steht übrigens heute noch. Man nennt ihn, eingedenk der Sage, den
Mäusethurm.
~F.~ Mehrfach gegliederte Sätze etc.
122. Gellert.
(Alle Arten Sätze.)
Gellert war ein Dichter. Er wurde am 4. Juli 1715 in dem damals
ziemlich kleinen sächsischen Städtchen Hainichen geboren. Sein frommer
und darum hochgeachteter Vater war Pfarrer daselbst. Sowohl der Vater
als auch die Mutter erzogen ihren Knaben sehr streng.
Gellert versuchte sich bereits in früher Jugend in der Dichtkunst und
über manches seiner kleinen Lieder konnte sich sein Vater schon freuen.
Das erste größere Gedicht, welches er seinem Vater zu dessen Geburtstag
überreichte, erregte sogar einiges Aufsehen.
Gellert studirte. Nach dem Wunsche seines frommen Vaters sollte er
sich zu einem tüchtigen Prediger ausbilden. Gellert aber zeigte
weder besondere Lust zu dem geistlichen Stande, noch schien er sich
für denselben besonders geeignet zu halten. Der junge Mann hatte
jedenfalls ein richtiges Urtheil über sich, denn schon in seiner ersten
Begräbnißrede blieb er stecken.
Nachdem ihm seine Schriften einen besonderen Ruf erworben, trat er als
Lehrer in einer höheren Schule auf. Seine Vorträge gefielen. Wegen
seines lauteren Charakters genoß er unter der studirenden Jugend bald
die größte Achtung.
Seine Oden, geistlichen Lieder und Fabeln erlangten die allgemeinste
Anerkennung. Seine frommen Lieder werden noch heute in den Kirchen
gesungen und an seinen lehrreichen Fabeln ergötzt sich noch heute die
Kinderwelt.
Was Gellert geschrieben, ist in sechs starken Bänden der Nachwelt
aufbewahrt.
123. Geistesgegenwart.
(Desgleichen.)
In einem großen, schönen Garten, welcher dicht an einer Straße, die
nicht eben sehr belebt war, lag, befanden sich eines Tages drei
Geschwister. Sie hatten sich hier eingefunden, um sich zu erholen und
sich zu gleicher Zeit angenehm zu beschäftigen.
Paul, der Zwölfjährige, beschnitt mit seinem scharfen Taschenmesser
ein wildes Obstbäumchen, damit seine Krone eine bessere Form erhalten
sollte. Wo der Weg nach einem kleinen Hügel führte, kauerte Bertha, die
zehn Jahre zählte, vor ihrem Blumenbeete, Nelken und Tausendschönchen
pflanzend. Wilhelm, erst im siebenten Lebensjahre stehend und in der
Familie gewöhnlich der Wilde genannt, zimmerte vor einer duftenden
Jasminlaube aus den braunen Bretchen eines Cigarrenkastens, die ihm der
Vater geschenkt hatte, ein Segelschiff.
Alle drei Kinder waren fröhlich und wohlgemuth, denn jedes trieb seine
Lieblingsbeschäftigung. Paul pfiff, Bertha sang und Wilhelm trällerte
bei der Arbeit, sodaß es eine Lust war, ihnen zuzuhören. Wer hätte zu
ahnen vermocht, daß ihre Freude plötzlich in erschrecklicher Weise
gestört werden sollte!
Plötzlich nämlich -- es mochte nachmittags gegen ein Uhr sein --
erschien ein fremder Hund, ohne einen Laut von sich zu geben, im
Garten. Sein dickes Fell war zerzaust, seine Augen waren geröthet, die
Zunge hing ihm weit zum Maule heraus und die Ruthe trug er zwischen die
Hinterbeine geklemmt.
Paul, welcher den Hund zuerst erblickte, erschrak, denn das Aussehen
des Thieres, das ihm noch dazu ganz unbekannt war, kam ihm sogleich
verdächtig vor. Bertha, die nur erst kürzlich in der Schule von der
Wuthkrankheit der Hunde gehört hatte, schrie aus Leibeskräften:
„Hilfe! Hilfe! Ein toller Hund!“ Und der kleine Wilhelm, um der Gefahr
zu entgehen, wollte eben in eine Laube flüchten. Noch aber hatte er
dieselbe nicht erreicht, als der Hund auf ihn losfuhr, wie wenn er
ihn beißen wolle. Der Kleine schrie und zitterte vor Angst am ganzen
Körper, sodaß er keinen Schritt von der Stelle wagte. Seine Lage war
entsetzlich!
In diesem verhängnißvollen Augenblicke jedoch sprang Paul herbei,
packte das gefährliche Thier mit beiden Händen am Halse, drückte ihm
die Kehle zusammen und hob es empor.
Während nun der beherzte Knabe den Hund über der Erde hielt, konnte
sich Wilhelm in die Laube retten und die Thüre derselben hinter sich
verschließen.
Auf das Geschrei der Kinder, das jetzt aus drei Kehlen zugleich
erfolgte und ganz entsetzlich klang, eilte der Vater, vor Schreck
fast bleich, herbei. Er erkannte sofort, daß der Hund, der in den
Händen des Knaben wie verzweifelt hin- und herschnellte, toll war. Die
schreckliche Gefahr, in der seine Kinder schwebten, ermessend, und
ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, ergriff er eine in der Nähe
liegende Hacke und führte damit einen wohlgezielten Schlag auf die Nase
des wüthenden Thieres.
Mit einem grellen Aufschrei fiel es zu Boden, woselbst es
augenblicklich von dem Vater den Todesstreich erhielt.
Um seines Muthes und seiner Geistesgegenwart willen, die einzig und
allein ein furchtbares Unglück verhindert hatten, erhielt Paul,
ehe noch der Tag zu Ende ging, von seinem Vater eine prachtvolle
Bilderbibel. Die ganze Familie aber, in welcher überhaupt ein frommer
Sinn herrschte, dankte in ihrem Abendgebete, dem der Vater heute eine
besondere Feierlichkeit verlieh, dem lieben Herrgott, daß er in jenen
verhängnißvollen Augenblicken ihr gnädiger Beschützer gewesen.
124. Schlaf und Tod.
(Zwei vollständige Satzgefüge verbunden.)
Der Schlaf, welcher unserm Körper Erholung gewährt, hat viel
Aehnlichkeit mit dem Tode, und der Tod, der einst unser aller Loos ist,
hat Vieles mit dem Schlafe gemein.
Sobald uns der Schlaf befällt, hören verschiedene Thätigkeiten des
Körpers auf, ebenso vermindern sich allmälig verschiedene Bewegungen
der Muskeln, wenn der Tod an den Menschen herantritt. Das völlige
Entschlummern wird dadurch herbeigeführt, daß die Sinnesnerven
endlich ihre Dienste einstellen, und der Tod tritt ein, indem die
Athmungsorgane schließlich zum Stillstand gelangen.
Das Einschlafen erfolgt so allmälig, daß der eigentliche Augenblick
des Entschlafenseins gar nicht genau beobachtet werden kann, ebenso
erlöscht auch zuweilen ein Lebenslicht in so unmerklicher Weise, daß
die am Sterbelager Stehenden den Eintritt des Todes gar nicht gewahren.
Der Schlafende weiß nicht mehr, was um ihn her vorgeht, auch dem Todten
ist bekanntermaßen verschlossen, wie das Leben um ihn her waltet.
Wer schläft, erwacht nach einer bestimmten Zeit wieder, und wer im
Grabe ruht, den wird einst ebenfalls die Stimme des Herrn erwecken.
125. Die Zukunft.
(Es beziehen sich mehrere Nebensätze auf einen Hauptsatz.)
Wüßte der Mensch, was morgen sein wird, und läge ihm die Zukunft
überhaupt klar vor Augen, so würde das durchaus kein Glück für ihn
sein. Obgleich er sich manchen Kummer ersparen und auf manches traurige
Geschick vorbereiten könnte, obschon er sich manche Freude mehr zu
verschaffen und manche schon im voraus zu genießen vermöchte, müßte ihn
dieser Zukunftsblick doch in steter Aufregung erhalten.
Was er von den künftigen Tagen zu erhoffen und was er von ihnen zu
fürchten hätte, beschäftigte ihn sicher Tag und Nacht. Die Zeit, da er
gesunden, oder in der ihm eine besondere Ehre zu Theil werden, oder
zu welcher er Reichthum erlangt haben soll, würde er unter quälender
Ungeduld herbeisehnen. Wiederum ginge er der Stunde, die ihn aufs
Krankenlager werfen, oder dem Tage, der ihm Zurücksetzung bringen, oder
dem Zeitpunkte, zu welchem der Bettelstab sein Loos sein soll, gewiß
mit Zittern und Zagen entgegen.
Wer aber möchte nun vollends im voraus wissen wollen, wann er einmal
sterben, wie einmal sein Ende sein und wo man sein Grab graben wird?
Wir sind daher unserm Gott Dank schuldig, daß er uns über unser
künftiges Geschick im Unklaren läßt, daß er uns das künftige Ungemach
verbirgt und daß uns vor allen Dingen die Stunde unseres Abscheidens
ein Geheimniß bleibt.
126. Hier und dort.
(Desgleichen.)
Wer die verschiedenen Schicksale der Menschen beobachtet, den
Lebensgang einzelner verfolgt, ihren sittlichen Werth mit ihrem äußeren
Loose in Vergleich zieht, der wird manche Frage aufzuwerfen haben.
Er sieht da oft, wie der Fromme im Elend schmachtet und wie das Laster
im Ueberflusse schwelgt, wie man den Verdienstvollen zu Boden sinken
läßt und den Unwürdigen erhebt, wie man einen Ehrenmann über die
Schultern ansieht, vor dem Ehrlosen aber einen tiefen Bückling macht.