Ein solcher Beobachter fragt dann still für sich: „Wo bleibt hier die

Gerechtigkeit? Womit haben jene Braven ihr bitteres Geschick verdient?

Warum folgt die Strafe der Sünde nicht auf dem Fuße?“

Nur dort oben, wo hoch die Sterne stehen, woher alles Licht uns

zuströmt, wohin die Erdenpilger einst alle eingehen müssen, sucht er

des Räthsels Lösung. Der Glaube an den Allvater, der Gerechtigkeit

lieb hat, der Jedem nach seinem Thun vergelten will, dessen Gedanken

freilich hoch und dessen Wege wunderbar sind, hilft ihm über das Dunkel

dieses Lebens hinweg.

Hat doch auch Christus, um jenen Zweifelfragen zu begegnen, den

unschuldig Leidenden zu trösten und überhaupt den Blick in das Jenseits

einigermaßen zu lichten, das „Hier und dort“ in dem Gleichnisse vom

armen Lazarus vortrefflich beleuchtet.

127. Das Turnen.

(Desgleichen.)

Wer seinem jugendlichen Körper eine heilsame Bewegung verschaffen,

seine Muskelkraft gleichmäßig ausbilden und seinem ganzen Menschen eine

sichere Haltung verschaffen will, der muß turnen. Was das Turnen nützt,

wie es stärkt und belebt und wie es sogar den Geist frischer macht,

wissen gar viele Menschen noch gar nicht.

Ohne Furcht zu verspüren, auf seine Gewandtheit bauend und seiner

Körperkraft vertrauend, geht der echte Turner leiblichen Gefahren

entgegen. Denke hierbei an die Turnerfeuerwehr, die eben aus Turnern

besteht, die sich gewöhnlich freiwillig zu dem schweren Dienste des

Rettungswerkes stellt und die bei einem Brande nicht selten die größten

Wagnisse unternimmt. Wo die Gefahr am größten, wo das Rettungswerk am

schwierigsten, wo es vor allen Dingen Menschenleben zu sichern gibt, da

ist der Turnerfeuerwehrmann zur Hand.

Weil nun das Turnen eine so gute Schule für den Körper ist, weil es

den Geist freier macht und weil es somit den ganzen Menschen bildet, so

werde auch Du ein Turner.

128. Die Thierschutzvereine.

(Der Nebensatz enthält wieder einen Nebensatz.)

Man muß sich leider gar oft überzeugen, daß viele Leute noch gar nicht

einsehen, wie höchst segensreich die Thierschutzvereine wirken. Diese

Erscheinung aber, die eine recht betrübende ist, hat ihren Grund meist

darin, daß viele Menschen, namentlich viele Pferdebesitzer, dem Thiere

nicht die Stellung in der Welt zugestehen, die ihm gebührt.

Manche vermeinen wol auch, das Thier, als ein vernunftloses Wesen,

empfinde den Schmerz, der ihm durch Mißhandlungen zugefügt wird, nicht

in dem Grade wie ein Mensch.

Möchten dergleichen Anschauungen, die doch ganz irrige sind, weil

sie eben auf falscher Beurtheilung der Natur des Thieres beruhen,

bald gänzlich verschwinden. Möchte es den Thierschutzvereinen,

die, trotz mancherlei Hindernissen, ihr edles Werk mit allem Eifer

treiben, gelingen, das Mitgefühl mit der Thierwelt, ohne welches der

Thierquälerei Thür und Thor geöffnet sind, in jedes Menschen Brust zu

pflanzen.

Man muß es mit Freuden wahrnehmen, daß da, wo das Auge solcher Vereine,

das ja oft ein tausendfaches ist, wacht, Mißhandlungen von Thieren, wie

sie sonst fast täglich zu erleben waren, zu den größten Seltenheiten

gehören.

Dank aber auch den Behörden, welche, die gute Sache erkennend, jene

wohlthätigen Vereine, wo sie immer ihren Sitz haben, nachdrücklich

unterstützen, indem die Thierquäler, und zwar ohne Ansehen der Person,

vor Gericht gestellt und gebührend bestraft werden.

129. Ein Apfelkern.

(Desgleichen.)

Man glaubt gar nicht, was in einem einzigen Samenkerne, den wir

vielleicht mit Füßen treten, für Wunder enthalten sind.

Du weißt z. B., daß ein Apfel, der die gehörige Reife erlangt hat,

sechs bis acht braune Kerne enthält. Du erinnerst Dich, wie einfach ein

solcher Kern, der noch dazu ziemlich klein ist, aussieht.

Nun aber bedenke, daß in ihm eigentlich schon der zukünftige Apfelbaum,

dessen breitarmige Aeste später einen geraumen Theil des Gartens

beschatten, enthalten ist. Es bedarf von Deiner Seite weiter nichts,

als daß Du ihn in die Erde, die natürlich kein unfruchtbarer Boden sein

darf, legst.

Was er zu seiner Entwickelung, die dann geheimnißvoll vor sich geht,

nöthig hat, verleiht ihm die gütige Natur. Nach nicht allzulanger Zeit

bemerkst Du, wie sein zarter Keim, hellgrün von Färbung, die Erdrinde,

die sogar etwas fest sein kann, durchbohrt. Bald siehst Du dann, daß

sich aus der grünen Spitze ein Blättchen, das schon ziemlich die Form

der künftigen Baumblätter zeigt, entwickelt.

Die weitere Ausbildung zum Stämmchen, die nun vor sich geht, ist es

werth, von Dir beobachtet zu werden. Wer dergleichen Vorgänge in

der Natur, die eben ein großes Wunderreich ist, mit Aufmerksamkeit

verfolgt, dem muß ein Licht über die Größe des Schöpfers, dessen Kraft

alles Geschaffene durchdringt, aufgehen.

130. Eine Wohlthäterin.

(Desgleichen.)

Barbara Uttmann, die unvergeßliche Wohlthäterin des sächsischen

Erzgebirges, wurde 1514 -- also noch vor der Reformation -- geboren.

Sie verheirathete sich mit einem Bergherrn, welcher den Namen Uttmann

führte und in der Nähe von Annaberg, der Berg- und Gebirgsstadt,

mehrere Grubenwerke besaß.

Das Klöppeln erlernte Barbara -- wie man gewöhnlich annimmt -- von

einer Brabanterin, welche um ihres protestantischen Glaubens willen

aus ihrem Vaterlande, in dem der Katholicismus die Oberhand hatte,

vertrieben worden war. Um diese Kunst, die zu jener Zeit gut lohnte,

weiter zu verbreiten, lehrte sie Barbara Uttmann, ohne aber irgendwie

Bezahlung dafür zu nehmen, zunächst den Mädchen und Frauen Annabergs.

Kaum waren zehn Jahre vergangen, hatte der Klöppelsack -- so nennt man

das Werkzeug, an dem geklöppelt wird -- im ganzen Erzgebirge, wo damals

viel Armuth herrschte, Eingang gefunden. Somit legte die brave Frau

den Grund zu einem Erwerbszweige, der unzähligen Armen Brod gab und

noch heute über 40000 Menschen, die zwischen der bairischen Grenze und

Geising wohnen, beschäftigt.

Barbara Uttmann verdient deshalb auch, daß man ihr, um ihr Andenken

in Ehren zu halten, auf dem Friedhofe zu Annaberg, welcher die

Hospitalkirche umgibt, ein Denkmal gesetzt hat. Es ist aus weißem

Marmor gearbeitet und stellt Barbara dar, wie sie vor ihrem

Klöppelsacke, der ungemein kunstreich ausgeführt ist, sitzt und

arbeitet.

Dieser schöne Grabstein, welcher von allen Fremden, die nach Annaberg

kommen, aufgesucht wird, enthält die Inschrift: „Ein thätiger Geist,

eine sinnige Hand, sie ziehen den Segen ins Vaterland.“

131. Grille und Ameise.

(Der Anführungssatz ist ein Satzgefüge.)

Eine Grille, welche den Sommer in Trägheit verlebt hatte, sprach zur

nahenden Winterzeit zu ihrer Nachbarin, einer Ameise: „Borge mir ein

wenig zu essen, damit ich nicht Hunger leiden muß.“

Ohne etwa augenblicklich vom Mitleid ergriffen zu werden, fragte die

Ameise: „Hast du dir denn keine Speise für den Winter, den du doch

kommen sahst, gesammelt?“

„Ich würde das gewiß gethan haben“, erwiderte die Grille, indem sie

einen etwas schnippischen Ton annahm, „wenn ich nur Zeit dazu gehabt

hätte.“

„Womit hast du denn die Sommertage, die doch sehr lang und für alle zur

Arbeit bestimmt sind, verbracht?“ fragte, nicht ohne Verwunderung, die

Ameise.

Der Grille Antwort, die etwas zögernd erfolgte, war: „Du weißt doch,

daß ich den Sommer über emsig gespielt und gesungen habe!“

Darauf sagte die Ameise, ohne indeß einen bitteren Ton anzunehmen: „Du

hast gewußt, was nach dem Sommer folgt. Wer während des Sommers, der

Zukunft uneingedenk, singt, mag im Winter tanzen.“

132. Eine Geburtstagsscene.

(Zusammengezogene, zusammengesetzte Sätze und Satzgefüge verbunden.)

Der dreizehnjährige Otto schenkte gestern mit freudestrahlendem

Gesichte seinem lieben Vater zum fünfzigsten Geburtstage ein Paar

goldene Knöpfchen von der neuesten Form und ein Rosenstöckchen mit

acht lachenden Knospen; das kleine Lischen überbrachte dem guten

Papa lächelnd eine große Torte aus Chocolade, sowie sechs reizende

Liqueurgläschen aus geschliffenem Glase, und der zehnjährige Sigismund

überreichte ihm fast mit gerührtem Herzen ein prachtvoll gebundenes

Gebetbuch mit herrlichen Stahlstichen und sprach mit bewegter Stimme

ein langes, ergreifendes Gedicht dazu.

Der Vater, welcher sichtlich gerührt war, dankte den Kindern, indem

er jedem einen Kuß auf die Stirn drückte, aufs herzlichste, daß sie

ihn heute in so sinniger Weise überrascht hätten; zu gleicher Zeit

reichte er aber auch der Mutter, welche, ebenfalls Glück wünschend,

hinter den Kindern stand, dankbar die Hand, weil er sie sich als die

Veranstalterin der schönen Feier dachte, und zu dem Ende ordnete er

noch an, daß heute, um auch den Kindern ein besonderes Vergnügen zu

bereiten, ein Ausflug in die etwas entlegene Waldschenke, die in einem

reizenden Buchenhaine lag und deshalb einen herrlichen Aufenthalt

gewährte, unternommen werden solle.

Otto, ein großer Freund des Waldes, jubelte, als er dies hörte, hochauf

vor Freude; Sigismund, der da meinte, es ginge noch dieselbe Stunde

fort, eilte sogleich nach seiner Botanisirtrommel, die ihm, sobald

er ins Freie ging, nie fehlen durfte, und Lischen hüpfte, um ihrer

Freude Ausdruck zu geben, auf einem Beine in der Stube umher, sodaß

die Mutter schließlich noch sagte, sie solle doch ihre Kräfte für die

bevorstehende Partie sparen.

133. An Dich.

(Die Periode.)

Wenn Du die Sprachbilder, welche eigens für Dich, um Dich in Deiner

Muttersprache zu unterrichten, geschrieben sind, mit rechter

Aufmerksamkeit durchgearbeitet hast; wenn Dir die Regeln, welche darin

veranschaulicht werden, recht zum Bewußtsein gekommen sind; wenn Du

namentlich im Auflösen der einzelnen Sätze eine gehörige Fertigkeit,

die allerdings nur durch Uebung erreicht wird, erlangtest; und wenn

Du schließlich, ohne zu ermüden, im Nachbilden des Gegebenen recht

fleißig warst: so wird und muß Dir jetzt Deine Muttersprache, dieses

theure Eigenthum, wie ein herrlicher Baum vorkommen, an dem kein

Blättchen umsonst gewachsen ist; so muß es Dir jetzt möglich sein,

die bewundernswerthen Geisteserzeugnisse unserer Dichter, wie sie

immer heißen mögen, genügend zu verstehen und infolge dessen muß

Deine Achtung vor diesen großen Männern, die mit der Feder in der Hand

Unsterbliches geschaffen haben, immer höher steigen.

Wer sich schon als Kind befleißigt, jedes Wort rein zu sprechen; wer

es durch unermüdlichen Fleiß in der Schule dahin bringt, daß er seine

Gedanken in wohlgeordneter Weise mündlich auszudrücken vermag; wer mit

der Feder, diesem weltbewegenden Instrumente, in befriedigender Weise

umgehen lernt: der legt für sein Fortkommen im Weltverkehre, der solche

Kenntnisse und Fertigkeiten wohl zu schätzen weiß, einen guten Grund;

dem können sich dadurch sogar Gelegenheiten bieten, vortheilhafte

Lebensstellungen einzunehmen; dem wird man wenigstens immer mir einer

gewissen Achtung, die ja viel Werth hat, begegnen.

Befähigten Dich Deine erlangten Sprachkenntnisse indeß später auch

nicht gerade zu einem Volksredner, die allerdings eine Rolle in der

Welt spielen; reichten Deine Errungenschaften auf dem Sprachgebiete

nicht hin, um als Schriftsteller, deren Loos freilich nicht immer

ein beneidenswerthes ist, aufzutreten; vermöchtest Du später Dein

sprachliches Wissen und Können, das Du mit vieler Mühe Dir angeeignet,

nur in einem ganz bescheidenen Berufskreise zu verwenden: immerhin

wirst Du nie bereuen, Dich von dem inneren Baue Deiner Muttersprache

gehörig unterrichtet zu haben, wirst vielmehr dankbar der Zeit

gedenken, da Du ihr inneres Wesen verstehen lerntest, und wirst Dich

gemüßigt finden, der Jugend, die Dich seiner Zeit umgibt, das Studium

der deutschen Sprache aufs dringlichste zu empfehlen.

[Illustration]

Druck von +Otto Huschke+ in Nordhausen.

Sprachbilder nach bestimmten Sprachregeln Ein einfaches und praktisches Hilfsbuch für den deutschen Sprachunterricht in der Volksschule · 第 18 / 18 段