Da aber mischte sich sein Gewissen darein. Ein unehrlicher Finder,

hielt es ihm vor, sei einem Diebe gleich zu achten. Einen Dieb

aber, setzte es hinzu, nenne die Bibel ein schändlich Ding. Unrecht

Gut, warnte es weiter, habe noch niemals Segen gebracht. Und der

Allwissende, mahnte es noch, wisse dergleichen Schlechtigkeiten ans

Licht zu bringen.

Dieser innern Warnung, äußerte der Dienstmann nach einiger Erwägung

ganz laut, wolle er aber auch folgen. Somit ging er auf die Polizei und

meldete den Fund an.

Wiederholung.

(Alle drei Fälle.)

97. Ochs und Esel.

Ein Ochse und ein Esel stritten sich um den Ruhm der größten Klugheit.

Der Ochse meinte, er sei unter allen Umständen der Klügste. Ihm sei

die Weisheit gleich angeboren, behauptete der Esel. Schon seine breite

Stirn, brummte der Ochs, müsse doch seine Gelehrsamkeit beweisen. Der

Esel behauptete dagegen, er würde jedenfalls seiner Zeit das Pulver

auch erfunden haben. Gerade diese Eingebildetheit müsse er für einen

Beweis großer Dummheit erklären, höhnte der Hornträger.

Diesen unangenehmen Streit, meinten endlich beide, werde der Löwe am

besten entscheiden.

Sie gingen zu ihm.

Der Löwe eröffnete ihnen nach kurzer Ueberlegung, sie gehörten beide zu

den Narren. Keiner habe in der Dummheit etwas vor dem andern voraus,

versicherte er. Das hätten sie, fügte er hinzu, gerade durch ihren

Streit bewiesen.

Ochs und Esel wurden auch wirklich jetzt der Meinung, der Löwe habe

Recht.

98. Das Gespenst.

(Wörtlich und nicht wörtlich.)

„Hörst Du das Poltern?“ sagte der abergläubische Johann um die

Mitternachtsstunde zu seinem Bruder Gottlieb.

„Freilich“, erwiderte dieser, „höre ich es.“

Ob dies nicht gar ein Gespenst sein könne, meinte Johann.

Ihm wolle es, flüsterte Gottlieb, auch ganz so scheinen.

Gleich darauf rief Johann dem neben ihm schlafenden Großknechte zu: „Es

sind Gespenster im Hause!“

Im Erwachen äußerte Töffel, er habe das bereits auch verspürt.

„Leuchte nur einmal mit einer Laterne auf den Oberboden“, gebot

Gottlieb dem Großknechte.

Da muthe man ihm freilich viel zu, entgegnete dieser.

Johann aber tröstete ihn mit den Worten: „Vor Deinen Fäusten werden

schon die Gespenster Respekt haben.“

Töffel stand auf und ging. Bald kehrte er zurück. Fast wie aus einem

Munde fragten beide Brüder, was es denn gewesen sei?

Wie man doch aber auch, murmelte der Großknecht verdrossen, gleich eine

Mücke für einen Elephanten ansehen könne.

„Aber“, fiel Gottlieb schnell ein, „so gib uns doch nur Bescheid!“

„Das ganze Gespenst war unsere alte Hausmietze“, berichtete jetzt

Töffel.

„Wie so denn?“ fragte Johann.

„Sie stak mit dem Kopfe in einem Topfe und konnte nicht wieder heraus“,

war die Antwort.

Hauptwiederholung.

(Subjectiv-, Prädikat-, Beifügungs-, Ergänzungs- und Anführungssätze.)

99. Ehre das Alter.

Der alte Römhild, ein achtzigjähriger Greis, saß eines Tages vor der

Thür seiner Hütte. Wer ihn kannte, hielt ihn hoch in Ehren.

Ueber seinem Haupte, das die Silberkrone des Alters schmückte, war

mancher Sturm hinweggezogen. Er war sich aber bewußt, daß ihn keiner

vom Wege der Glaubenstreue abgebracht habe. Er durfte sich sagen, stets

rechtschaffen gehandelt zu haben.

Daß er ein höchst ehrwürdiger Greis sei, war in der ganzen Umgegend

bekannt. „Vor Vater Römhild,“ hörte man oft sagen, „sollte Jeder die

Mütze abnehmen.“

Nicht so dachten zwei gottlose Knaben, deren Vater Frohnvogt im Orte

war. Sie spotteten, daß der alte Römhild gar so gebückt dort saß. Sie

wollten sich todtlachen, daß die zitternden Hände des Greises kaum das

thönerne Tabackspfeifchen zu halten vermochten.

Was die beiden Buben thaten, schmerzte den Alten tief. Sein Grundsatz

aber, demzufolge er auch alles Unrecht geduldig ertragen wollte, ließ

in seinem Herzen keinen Groll aufkommen.

Ganz freundlich sprach er zu den Knaben: „Tretet doch einmal zu mir

heran!“

Sie würden sich hüten, äußerte höhnisch der eine. Und der andere

meinte, sie hätten nichts mit ihm zu schaffen.

Darauf nahm Vater Römhild, dem es um die Besserung der beiden Knaben

zu thun war, zwei ganz neue Groschenstücke aus der Tasche. „Diese

blitzenden Groschen sollt Ihr Euch bei mir holen“, sagte er.

Dieses Angebot reizte die Knaben, den Schritt zu wagen. Sie traten also

hinzu.

Vater Römhild faßte, ohne seine freundlichen Züge zu verändern, jeden

Knaben bei der Hand. „Ihr habt meiner gespottet“, begann er darauf.

„Damit“, setzte er hinzu, „habt Ihr mir sehr weh gethan.“

Bei diesen Worten, die seiner Brust mit einem tiefen Seufzer

entstiegen, zitterte eine Thräne von seinen grauen Wimpern. Darauf fuhr

er fort: „Werdet Ihr nicht selbst auch einmal alt werden?“ Und weiter

fragte er: „Würde Euch denn in Euren alten Tagen der Spott der Jugend

gefallen?“

In ähnlicher Weise redete der Alte, der dabei einen wahrhaft

väterlichen Ton annahm, noch längere Zeit zu den Herzen der beiden

Knaben.

Beide sahen jetzt ein, daß sie sich an dem Alten versündigt hatten.

Beide gelobten auch endlich, daß sie sich ein solches Vergehen nie

wieder wollten zu Schulden kommen lassen.

Daß ihnen dieses Versprechen wirklich aus dem Herzen kam, sah der Alte

an ihren Mienen. Ob sie der Zusage für immer eingedenk sein würden,

konnte Vater Römhild freilich nicht wissen. Zur Ehre gereicht ihnen

aber noch, daß sie die neuen Groschen durchaus nicht nehmen wollten.

Hoffentlich blieben sie solcher Gesinnung, wie sie jetzt waren.

VI. Umstandssätze.

1. Umstandsnebensätze des Ortes.

100. Unschuldig Verfolgte.

Wo man die Sperlinge vertilgt, da züchtet man schädliche Insekten. Wo

man die Maulwürfe erwürgt, da hegt man ein dem Graswuchse nachtheiliges

Gewürm. Wo man den Eulen nachstellt, liebäugelt man mit den Feldmäusen.

Dort steht es nicht gut mit der Oekonomie, wo jene drei Unschuldigen

verfolgt werden. Ein solcher Unverstand kommt eben daher, woher aller

Unverstand kommt. Und er führt dahin, wohin alle Unwissenheit führt. Er

führt zu Nachtheilen.

Der Landbebauer möge daher sein Ohr dahin halten, wo die Ordnung der

Natur gelehrt wird. Er möge da hineingucken, wo von den wirklichen

Feinden der Landwirthschaft geschrieben steht. Gewiß wird er dann jene

drei unschuldig Verfolgten dahin zählen, wohin sie gehören.

101. Reichthum.

(Desgleichen.)

Wo der Reichthum thront, da wohnt nicht immer auch das Glück. Das wahre

Glück ist weit öfter dort zu finden, wo die Armuth um den Tisch sitzt.

Wo der Hausherr stolz zu Rosse dahinfegt, hinkt sehr oft die Sorge

hinterdrein. Wo die Hausfrau dreimal täglich das Gewand wechseln kann,

kann leicht auch dreimal die gute Laune wechseln.

Da, wo die Tafel die fetten Bissen kaum zu tragen vermag, stellen sich

in der Regel viel ungeladene Gäste ein. Und dort hat man den Grünspan

am meisten zu fürchten, wo sich viel Silber anhäuft.

Dahin, wohin der Reichthum zuweilen führt, möchte mancher Arme wol um

keinen Preis gelangen. Wohin der Ueberfluß an Mammon den Weg erschwert,

dahin deutet auch Christus in einer Unterredung mit seinen Jüngern.

Woher sich daher Mancher in dieser Beziehung ein beneidenswerthes Loos

träumt, daher kann gerade sein Verderben kommen. Trachte doch ein Jeder

zunächst dahin, woher ein zufriedener Sinn das Gemüth durchdringt.

2. Umstandsnebensätze der Zeit.

~a.~ Gleichzeitigkeit.

102. Peter der Große.

Eines Tages fuhr Peter der Große, als er zu Mittag gespeist, in seiner

Schaluppe nach Sesterbank. Während seine Matrosen die Ruder schlugen,

mußten sie zur Ergötzlichkeit des Kaisers ihre Lieder anstimmen. Dieses

Concert unterhielten sie stets so lange, bis er winkte.

Indem die Schiffsleute noch sangen, erhob sich von Westen her etwas

Wind. Kaum aber waren zehn Minuten vergangen, entwickelte sich aus

diesem Winde ein arger Sturm.

Indeß sich des Kaisers Fahrzeug seinem Ziele nähert, bemerkt er in der

Ferne einen mit den Wogen kämpfenden Kahn. Sowie Peter die große Gefahr

für das kleine Fahrzeug erkennt, schickt er sofort seine Matrosen

zur Rettung aus. Noch aber haben diese kaum die Schaluppe verlassen,

entdeckt er mitten in der Flut eine Frau mit ihrem Kinde.

Schon drohen die Wogen die Unglückliche zu begraben, als Peter selbst

zu ihrer Rettung in die schäumende Flut stürzt. Sobald es Menschenleben

zu retten gilt, denkt er nicht an seine Kaiserwürde.

Indem ihn eine Welle hoch emporhebt, erfaßt er die Unglückliche. Mit

starker Hand hält er sie fest, bis der Schiffsjunge die Schaluppe

herbeigeführt hat.

Während seine ausgesendeten Matrosen jenen Kahn in Sicherheit bringen

helfen, führt er die beiden Geretteten dem Ufer zu. Für diese aber war

nun gesorgt, solange sie lebten.

103. Aus dem Tagebuche eines Kriegers.

(Desgleichen.)

Als die Sonne zu sinken begann, rückten wir in N. ein. Sobald die

nöthigen Befehle für die nächste Nacht verlesen waren, ging das

Bataillon auseinander.

Kaum war ich zwei Minuten weit gegangen, stand ich vor meinem Quartier.

Ich klopfte so lange an, bis sich mir die Thür des einfachen Dorfhauses

öffnete.

Während ich mein Gepäck ablegte, brummten meine Wirthsleute einige

unwillige Worte. Ihr Widerwille steigerte sich noch, als ich endlich zu

essen begehrte.

Indeß endlich die Wirthin einige karge Lebensmittel herbeibrachte,

trat ihr vierjähriges Töchterchen zu mir. Seitdem wir die französische

Grenze überschritten hatten, war mir noch kein so hübsches Kind

vorgekommen.

Ich nahm das Kind auf meinen Schooß und liebkoste es in der

väterlichsten Weise. Sowie die Wirthin dies sah, veränderten sich auf

einmal ihre zeither so mürrischen Gesichtszüge. Währenddem ich nun

vollends dem lieben Kinde die Stirn küßte, verklärte sich ihr Gesicht

in ein glückliches Lächeln.

Wie staunte ich indeß, als sie plötzlich das dürftige Abendbrod wieder

entfernte. Indem ich aber noch über dieses seltsame Gebaren nachdachte,

trat sie auch schon mit einem großen Teller höchst appetitlicher

Speisen an den Tisch.

Schon wollte ich zulangen, als die Wirthin mir Einhalt gebot. Noch

aber hatte ich meine Gabel kaum wieder hingelegt, brachte der Wirth

eine Flasche köstlichen Wein herbei. Jetzt erst sollte ich mir es

wohlschmecken lassen.

Die beiden Wirthsleute blieben meine freundlichen Nachbarn, solange ich

aß. Als ich sie den nächsten Morgen verließ, erhielt ich von ihnen noch

einen halben Schinken auf den weiten Marsch.

Seit ich dieses einfache Dorfhaus verließ, habe ich nie wieder ein so

gutes Quartier gefunden.

~b.~ Ungleichzeitigkeit.

104. Gewissenhaftigkeit.

Bevor ein guter Schüler die Feder zu irgend einer schriftlichen Arbeit

ansetzt, sammelt er in seinem Kopfe erst den Stoff dazu. Nachdem dies

geschehen ist, ordnet er denselben. Ehe er aber dann die fertige Arbeit

dem Lehrer übergiebt, sieht er sie noch einmal gewissenhaft durch.

So oft ein Schüler dies thut, so oft wird er mit seinem Schaffen auch

Ehre einlegen.

So gewissenhaft sollte der Mensch überhaupt in allen seinen

Unternehmungen sein. Er muß stets ein bestimmtes Ziel ins Auge fassen,

bevor er handelt. Er muß auch stets die möglichen Folgen seiner Thaten

erwägen, ehe er die Hand an irgend ein Werk legt.

Gar Viele sehen ihre Thorheiten erst dann ein, nachdem sie vollbracht

sind. Halte daher weisen Rath, so oft Du etwas Neues unternehmen willst.

Wiederholung.

(Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit.)

105. Das Wüstenungeheuer.

Bevor wir die mühsame Wanderung durch die Wüste ganz beendet hatten,

sollten wir noch deren schrecklichstes Ungeheuer kennen lernen. Als die

Sonne ihre Strahlen gegen Mittag sengendheiß herabschoß, bemerkten wir

an unsern Kameelen eine gewisse Unruhe. Kaum hatten wir wieder eine

Meile hinter uns, fühlten wir selbst eine eigenthümliche Schwere in der

Luft.

Während wir noch darüber sprachen, schien sich in der Ferne der

Himmel zu verdunkeln. Noch waren wieder nicht zehn Minuten vergangen,

vernahmen wir auch ein fernes Brausen. Wenn aber dieses Zeichen

auftritt, dann kann sich der Wüstenreisende auf Schlimmes gefaßt machen.

In der Regel schickt der Samum erst einzelne leichte Sandwolken vor

sich her, ehe er selbst in seiner ganzen Macht losbricht. Sowie die

erste dieser Staubwellen auf uns zugewälzt kam, warfen sich sämmtliche

Kameele im Nu platt auf die Erde nieder. Sobald dies geschehen,

streckten auch wir uns lang neben ihnen hin. Indem wir uns aber auf

diese Weise in Sicherheit zu bringen suchten, tobte auch schon das

Ungeheuer in seiner wilden Macht daher.

Die ganze Welt schien verwüstet werden zu sollen, indeß der furchtbare

Sturm über uns dahinwüthete. Die Gluthitze drohte uns zu ersticken,

während der feine Sand unsere zarten Hautstellen wie mit Nadeln ritzte.

Solange der entsetzliche Samum wüthete, sahen wir uns in schauerliche

Nacht gehüllt. Erst nachdem wir etwa zwei Stunden diese fürchterlichen

Qualen erduldet, lichtete sich das grausige Dunkel allmälig.

Wie dankten wir Gott, da der erste Sonnenstrahl wieder durch die immer

schwächer werdenden Sandwirbel drang. Noch immer rieselt mir es kalt

durch die Adern, so oft ich jener Schreckensstunde gedenke.

Umstandssätze des Ortes und der Zeit.

106. Die Missionäre.

Die Heidenboten haben einen sehr schweren Beruf. Wohin sie gesendet

werden, dahin ist in der Regel noch kein Wort vom Christenthume

gedrungen. Wo sie ihre Arbeit beginnen sollen, da kniet das Volk noch

vor todten Götzen.

Häufig erfahren sie das schnödeste Mißtrauen, sobald sie sich nur unter

einem solchen wilden Stamme blicken lassen. Dieses Mißtrauen verwandelt

sich nicht selten in Haß, wenn sie dann die ersten Bekehrungsversuche

wagen. Sowie der Wilde seine angestammte Religion durch ihn gefährdet

sieht, betrachtet er den Heidenboten gewöhnlich als einen ärgsten

Feind. Gerade da aber, wo dieser den härtesten Widerstand findet, ist

auch sein Werk am verdienstvollsten.

Es kostet oft große Anstrengung, ehe nur ein Einziger für den

christlichen Glauben gewonnen wird. Noch viel größere Opfer aber

erfordert es, bevor sich ein ganzer Stamm unter das Kreuz des Erlösers

beugt.

Woher aber der Missionär die Neigung zu seinem so gefahrvollen Berufe

erhält, daher erhält er auch die Kraft dazu. Indem er nur die geringste

Frucht seiner Saat aufgehen sieht, wächst sein Muth. Die glücklichen

Erfolge mehren sich indeß auch in der Regel auffällig, nachdem einmal

erst eine Seele gerettet ist.

Möge das Licht des Christenthums überall aufgehen, wo jetzt noch

Finsterniß herrscht. Möge es so lange Missionäre geben, solange es noch

Heiden gibt. So oft uns Gelegenheit geboten ist, so oft wollen wir aber

auch unsern Theil zu dem heiligen Werke der Heidenbekehrung beitragen.

3. Umstandsnebensätze der Art und Weise.

~a~) Unverkürzt.

~aa~) Ohne Vergleichung.

107. Roderich.

Indem der kleine Roderich mit seinen Eltern oft Concerte besuchte,

entwickelte sich in ihm der Sinn für Musik. Ohne daß er es eigentlich

wollte, prägten sich seinem Gedächtnisse einzelne schöne Melodien ein.

Diese sang er dann wol auch, indem er vielleicht gerade ein Kartenhaus

baute, vor sich hin.

Bald bat er seine Eltern so dringend um Musikunterricht, daß sie ihm

nicht widerstehen konnten. Er machte glänzende Fortschritte, ohne

daß er sich etwa besonders angestrengt hätte. Schon nach einem Jahre

spielte er ziemlich schwere Klavierstücke so, daß man staunen mußte.

So trug er z. B. eine ziemlich schwere Sonate von Mozart vor, ohne

daß ihm auch nur ein falscher Ton entschlüpfte. Dabei bearbeitete er

an gewissen Stellen das Instrument dermaßen, daß die Saiten hätten

springen mögen.

Indem er Klavier spielte, bildete sich sein Gehör auch für den Gesang.

Seine kleinen Lieder ertönten so rein, daß man seine Freude daran haben

mußte.

So reifte Roderich zu einem Künstler heran, ohne daß er es eigentlich

wußte. Indem er aber auch als Künstler ein harmloser Charakter blieb,

lohnte er am besten die von seinen Eltern ihm gebrachten Opfer.

~bb~) Mit Vergleichung.

108. Ein Sprichwort.

Wie es in den Wald hineinschallt, schallt es wieder heraus. Dieses alte

Sprichwort ist so verständlich, daß sein Sinn schon von einem Kinde

erfaßt werden kann. Es ist aber auch so beherzigenswerth, daß man es

auf die Zifferblätter der Uhren schreiben sollte.

Je gewissenhafter ein Mensch seinen Verkehr mit andern nach dieser

Erfahrung regelt, desto weniger wird er über fremde Unbill zu klagen

haben. Wie wir Andern begegnen, so pflegen diese uns entgegen zu

kommen. Je freundlicher wir sind, desto mehr schützen wir uns vor

Beleidigungen. Je theilnehmender wir uns erweisen, desto sicherer

können wir auf fremdes Mitleid rechnen.

Muß sich ja doch der Christ vor allen Dingen zu seinen Mitmenschen

stellen, wie sich ein Bruder zum Bruder stellt. Erscheint er doch

überhaupt nie so edel, als wenn er im Sinne seines himmlischen

Vorbildes handelt.

Manche Menschen treten freilich so rücksichtslos gegen andere auf, wie

wenn sich die ganze Welt vor ihnen beugen müßte. Dadurch aber machen

sie sich dermaßen verhaßt, daß sie endlich selbst verachtet werden.

Ihr Schicksal verhält sich dann zu ihrem Gebaren, wie sich Ursache und

Folgen verhalten.

Behandle also Deinen Nächsten, gleichwie Du von ihm behandelt zu sein

wünschest.

~b~) Abgekürzt.

109. Auf der Wolfsjagd.

Mit allem Jagdgeräthe wohl ausgestattet, verließen wir unsere

Behausungen. Einige Diener, reichlich mit Lebensmitteln versehen,

folgten. Eine Wolfsjagd kann sich ja, wie alle Jagden auf wilde Thiere,

sehr in die Länge ziehen.

Uns über den Jagdplan besprechend, erreichten wir den Wald. Berathen

ist freilich leichter, als handeln.

Einander gegenseitig Glück wünschend, gingen wir an der Waldesgrenze

bis auf gewisse Entfernungen auseinander. Wir schritten langsam

vorwärts, ohne uns jedoch aus dem Auge zu verlieren. Jeder freute sich

auf den ersten Schuß, wie auf irgend ein frohes Ereigniß.

Die Flinte zur Seite, schritt ich fürbaß. Mich an einer Felsenwand

hindrückend, gelangte ich vor den Eingang einer kleinen Höhle. Alsobald

meine Schritte hemmend, spähte ich nach dem dunklen Hintergrunde

derselben. Hier leuchteten mir, wie grünfeurige Flammen, zwei Augen

unheimlich entgegen. Diese sprühenden Punkte sogleich als Wolfsaugen

erkennend, lege ich mein Gewehr an. Nicht ohne vorher die beiden

Feuersterne gehörig aufs Korn zu nehmen, drücke ich endlich ab.

Ein kurzes Geheul ausstoßend, stürzt der Wolf dem Eingange der

Höhle zu. Hier aber bricht er, noch einen tiefen Seufzer ausstoßend,

zusammen. Ich aber schleppte meine Beute, nicht ohne einen gewissen

Stolz, an den Rand des Waldes zurück.

Wiederholung.

(Unverkürzte und abgekürzte Nebensätze der Art und Weise.)

110. Die Rettung.

Den hellen Tag in düstere Nacht verwandelnd, zog ein Gewitter über

ein Thal hinweg. Die Blitze folgten so schnell auf einander, daß man

dazwischen kaum bis zehn zählen konnte. Der Donner rollte so mächtig

durch den Himmel hin, daß die nahen Berge zu erzittern schienen. Zudem

strömte der Regen vom Himmel herab, wie zur Zeit der Sündflut.

Von allen Seiten Zufluß erhaltend, trat der sonst so unbedeutende

Thalbach über seine Ufer. In wenig Minuten gestaltete er sich, das

ganze Thalbecken überflutend, zum reißenden Strome. Er nahm ebenso

zu an Tiefe, als er in der Breite wuchs. Seine schmuziggelben Wogen

brausten dahin, daß es Jedermann mit Entsetzen erfüllte.

Mitten in dem Thale stand eine alte Mühle, von den Wogen jetzt auf das

entsetzlichste bedroht. Die armen Bewohner derselben schrieen, auf dem

Dache sitzend, mit herzzerreißender Stimme um Hilfe. Niemand freilich

konnte sie ihnen bringen, ohne selbst das Leben auf das Spiel zu

setzen. Die eigene Gefahr war zu groß, als daß sich sogleich rettende

Hände gefunden hätten.

Je höher indeß das Wasser stieg, desto entsetzlicher ertönte der

Hilferuf der Unglücklichen. Ihr Angstgeschrei erscholl so verzweifelt,

daß es hätte Steine erweichen können.

Je größer aber die Noth, desto näher oft die Hilfe. Plötzlich brachten

zwei wackere Männer, vor Anstrengung keuchend, einen kleinen Nachen

herbei. Ohne daß sie weiter viel redeten, ließen sie denselben ins

Wasser. Indem jeder ein Ruder zur Hand nahm, stiegen sie in das

dürftige Fahrzeug ein.

Der Mensch erscheint nie so groß, als wenn er sein eigenes Leben für

die Rettung eines anderen einsetzt.

Mit kräftigen Armen den Nachen lenkend, erreichten die beiden Männer

glücklich die Mühle. Nicht ohne daß es große Vorsicht gegolten hätte,

wurde die Müllerfamilie in den Nachen gebracht.

Schon die nächste Minute darauf versank das ganze Gebäude, sich noch

einige Male im Kreise drehend, in den Fluten. Die edlen Männer aber

gelangten, dem lieben Gott für seinen Beistand innig dankend, mit der

armen Familie glücklich ans Land.

Hauptwiederholung.

(Umstandssätze des Ortes, der Zeit und der Weise.)

111. Eine Lebensgeschichte.

Wehmüthig auf einem Stäbchen seines Gebauers sitzend, erzählte ein

Rothkehlchen einem Kanarienvogel seine Lebensgeschichte:

Wo die jungen Kiefern mit Birkenbüschen im bunten Wechsel standen, da

war mein liebster Aufenthalt. Hier lebte ich, mein treues Weibchen

meist zur Seite, in ungestörtem Glücke.

Sobald der erste Morgenstrahl durch die Zweige drang, stimmte ich

mein Lied an. Ein Tag nach dem andern floß dahin, ohne daß uns irgend

ein Leid bewegte. Je höher die Sonne stieg, desto lustiger wurde mein

Gesang.

Sowie der Frühling einzog, bauten wir uns ein Nest. Wohin wir es

bauten, dahin konnte sich kaum ein Raubthier finden.

An einem schönen Herbsttage nun fliege ich, einigen Hunger verspürend,

an einem Waldbache hin. Indem ich mich auf ein Tannenbäumchen

niederlasse, bemerke ich am Stamme desselben rothe Beeren. Während

ich mir dieselben noch betrachte, erblicke ich sogar dicht dabei einen

fetten Mehlwurm.

Ueber meine Entdeckung höchst erfreut, fliege ich hinab. Zu meiner noch

größeren Freude bemerke ich da, wo die Beeren hingen, ein bequemes

Hölzchen. Nichts Schlimmes ahnend, setze ich mich darauf. Kaum aber

berühre ich dasselbe, werde ich an den Füßen von einer Schlinge

festgehalten.

Ich ringe natürlich mit allen Kräften, gleich einem Löwen im Netze,

nach meiner Freiheit. Die Schlinge aber zieht sich dadurch so zusammen,

daß sie mir die Beine zu durchschneiden droht.

Währenddem ich nun um Hilfe rufe, kommt ein Bube herbeigesprungen. Er

rieb sich vor Freude die Hände, als er mich erblickte. Woher er kam,

daher sah ich sonst selten einen Menschen kommen.

Dieser Bube steckte mich, ohne daß er nur das geringste Mitleid

empfunden hätte, in ein Leinwandsäckchen. Wo er mich hinbrachte, da

waren hartherzige Menschen. Sie kauften mich so gleichgiltig, wie wenn

sie eine Schuhbürste gekauft hätten.

Nachdem ich jetzt in einen Käfig gesperrt war, übersah ich erst mein

trauriges Loos!

Seitdem ich ein armer Gefangner bin, ist mein ganzes Lebensglück

vernichtet. Woher ich gekommen, dahin darf ich nie zurückkehren. Die

Freiheit aber ist ein zu edles Gut, als daß man sie ganz vergessen

könnte. Vielleicht erlöst mich mein Schöpfer, von meinem Elende

gerührt, bald durch den Tod aus dieser Qual.

4. Umstandssätze des Grundes.

~a~) Wirkliche Gründe.

~aa~) Stoff, Ursache, Erkenntnißgrund.

112. Die Fledermaus.

Die Fledermaus erkennt man daran als Säugethier, daß sie lebendige

Junge erzeugt. Da sie aber fliegen kann, rechnet sie mancher

Unwissende zu den Vögeln. Indem ihre Füße mit den Flügeln verbunden

sind, kann sie nicht gut sitzen. Auf das Laufen muß sie fast ganz

verzichten, weil sie eigentlich gar keine Gehwerkzeuge besitzt.

Da sie sich meist von nächtlich schwärmenden Insekten nährt, beginnt

sie zur Dämmerzeit ihre Jagd. Woraus ihre Nahrung besteht, daraus

besteht auch das Mahl der Nachtschwalbe.

Die Fledermaus gewinnt dadurch etwas Unheimliches, daß sie fast stets

in einem Kreise umherfliegt. Besonders häufig zeigt sie sich in den

Gehöften, weil sie dort jedenfalls reiche Beute findet. Wenn sie

gefangen wird, stößt sie kläglich pfiepende Töne aus.

Mancher Landmann will danach das Wetter bestimmen, ob sie hoch fliegt

oder nicht.

Da sie im Winter keine Nahrung finden würde, verschläft sie denselben.

Zu diesem Zwecke sucht sie oft die Gemäuer der Thürme auf, weil sie

hier Schutz vor den Winterstürmen findet.

~bb~) Beweggrund, Zweck, Ziel.

113. Mutterliebe.

Sprachbilder nach bestimmten Sprachregeln Ein einfaches und praktisches Hilfsbuch für den deutschen Sprachunterricht in der Volksschule · 第 16 / 18 段