in Aufregung versetzte. Oft brachte er Exempel, die er nicht selbst
gerechnet hatte. Zuweilen lieferte er einen Aufsatz ab, der durchaus
nicht aus seiner Feder geflossen war. Nicht selten legte er Zeichnungen
als die seinigen vor, die fremde Hände ausgeführt hatten.
Er war demnach ein Schüler, der log. Er war ein Mensch, der betrog.
Natürlich erhielt Theodor Strafen, die sehr empfindlich waren. Er bekam
Censuren, die fast nicht schlechter sein konnten.
Der Lehrer wies ihm endlich einen Platz an, der ihm zur großen Schande
gereichen mußte. Theodor’s Hände mußten zuletzt sogar Bekanntschaft mit
dem Dinge machen, das man gewöhnlich nur zum Linienziehen verwendet.
Trotzdem aber blieb er ein Schüler, der für die Schule ein Kreuz war.
61. Ein muthiger Knabe.
(Der Beifügesatz in der Mitte.)
Ein Knabe, der im Walde Beeren suchte, fühlte Hunger. Er setzte sich
deshalb unter einer Eiche, die mit ihren riesigen Aesten viel Schatten
bot, nieder. Ein Stück trockenes Brod, das er aus der Tasche zog,
diente ihm als Mahl. Die Beeren, die er bereits gepflückt hatte, rührte
er indeß nicht an.
Bald war die höchst einfache Mahlzeit, die ihm jedoch vortrefflich
gemundet, beendet. Da fühlte er plötzlich an dem einen Fuße, den er an
einen Stein gestemmt hielt, einen stechenden Schmerz. Fast zu gleicher
Zeit huschte eine Otter, die er sofort für die Kreuzotter erkannte,
unter den Stein.
Der Knabe, der sich sofort von der Natter gebissen hielt, erschrak über
die Maßen. Ihm war die Gefahr, die aus einem solchen Bisse entsteht,
aus der Naturgeschichte bekannt. Ihm war aber auch das Mittel, das hier
allein retten konnte, nicht verborgen.
Er führte den Fuß, der bereits zu schwellen begann, an den Mund.
Hierauf nahm er die verwundete Stelle, die nur unbedeutend blutete,
zwischen die Lippen. Nun fing er mit aller Kraft, die seine Lungen
gestatteten, zu saugen an. Das Blut, das er auf diese Weise in
ziemlichen Massen aussog, spuckte er natürlich aus.
Dieses Aussaugen der Wunde, das er mit allem Eifer betrieb, setzte er
wol eine halbe Stunde fort. Darauf hielt er den Fuß, der nicht weiter
angeschwollen zu sein schien, in den nahen Waldbach.
Jetzt erst ging der Knabe, der sich indeß ziemlich ermattet fühlte,
nach Hause. Die Eltern, welche über das Geschehene in große Aufregung
versetzt wurden, riefen sofort einen Arzt herbei. Der betreffende
Arzt, der in seiner Kunst wohl erfahren war, erklärte alle Gefahr für
beseitigt.
Der Knabe, dessen Geistesgegenwart man allgemein bewunderte, hatte sich
selbst von den schrecklichen Folgen eines Otternbisses gerettet.
62. Flora.
(Die Beifügesätze umschreiben ein Eigenschaftswort.)
Flora, welche sehr strebsam war, liebte besonders die Musik. Ihr Ohr,
das für die Harmonien sehr viel Empfänglichkeit besaß, lauschte jedem
Tone. Kein Genuß ging ihr über das Anhören eines Concertes, das sich
einer guten Ausführung erfreute.
Flora besaß einen musikalischen Nachahmungstrieb, der oft Staunen
erregte. Melodien, die zum Gemüthe sprachen, spielte sie sofort auf dem
Piano nach. Arien, die einen gediegenen Charakter offenbarten, sang sie
mit Leichtigkeit nach dem Gehör.
Dieses Talent Flora’s bemerkte ihr Onkel, der ein reicher Mann war. Er
ließ ihr sofort musikalischen Unterricht ertheilen, wie er besser wol
kaum gefunden werden konnte. Durch seine Verwendung genoß sie überhaupt
eine musikalische Ausbildung, die nach jeder Richtung hin ausgezeichnet
genannt werden mußte.
Flora machte in kurzer Zeit Fortschritte, die abermals der Bewunderung
werth waren. Schon nach zwei Jahren trat sie in dem Theater, welches
das größte der Stadt war, als Sängerin auf. Ihr Gesang, dessen Reinheit
nichts zu wünschen übrig ließ, fand außerordentlichen Beifall.
Flora, die bei aller Auszeichnung ihre Bescheidenheit bewahrte, ward
eine berühmte Sängerin. So hatte jener Onkel, der bei allem Reichthum
ein gutes Herz besaß, ihr Glück begründet.
63. Eine Bergpartie.
(Der Beifügesatz umschreibt ein Mittelwort.)
Der Fuß des Berges, den wir besteigen wollten, war erreicht. Unser
Führer, der im Reisen wohlerfahren zu sein schien, rieth zu einer
kurzen Rast.
Diesem Rathe, der uns sehr wohlgemeint dünkte, folgten wir gern.
Schnell warfen wir die Reisebündel, die uns nicht wenig drückten, ab.
Ein jeder suchte sich sofort ein Ruheplätzchen, das Schatten gewährte.
Bald machte ein Trunk, der uns schier erquickte, die Runde. Auch ein
Imbiß, der uns Stärke verleihen sollte, wurde genommen.
Nach einer halben Stunde, die wir traulich verplaudert hatten, setzten
wir unsere Reise fort. Langsam stiegen wir den Abhang, welcher indeß
bald sehr steil wurde, hinan. Namentlich wurde der Marsch durch das
Steingeröll, welches den Pfad bedeckte, ungemein erschwert. Die
Alpenstöcke, die wohl mit Eisen beschlagen waren, fanden bei jedem
Schritte Verwendung.
Nach einem einstündigen Marsche erreichten wir eine Matte, welche
viel Reize bot. Dicht vor einem Felsen stand eine Sennhütte, welche
zahlreiche Geisen umlagerten. Freundlich grüßte ihr Geläute, das sanft
in die Luft hallte, uns entgegen. Der Anblick der Alpenwiese, die üppig
grünte, war für das Auge ein Genuß. In vollen Zügen schlürften wir den
Alpenkräuterduft, der uns wahrhaft stärkte.
Mit einem Marschliede, das aufs neue erheiterte, schritten wir über
die liebliche Bergeinsamkeit hinweg. Der Punkt, den wir erreichen
wollten, lag noch etwa 2000 Fuß hoch. Von jetzt an gab es mitunter
Weghindernisse, die nur höchst mühsam zu überwinden waren. Wir
gelangten außerdem wiederholt auf Felsenvorsprünge, welche Schwindel
verursachten. Unter des Führers Zusprache, die uns ermuthigte, strebten
wir indeß vorwärts.
Ohne Kampf, der allerdings ermüdet, kein Sieg. Nach einer Stunde,
die uns noch fürchterlich anstrengte, standen wir endlich auf dem
Gipfel des Berges. Hier aber lohnte auch der Umblick, der uns förmlich
bezauberte, reichlich unsere Mühe.
64. Verschiedene Besitzungen.
(Der Beifügesatz umschreibt ein Besitz anzeigendes Fürwort.)
Das Haus, das mir gehört, steht an einem Bache. Der Freund, welchen ich
mein nenne, besitzt auch ein Grundstück. Das Grundstück, das ihm zu
eigen gehört, liegt nahe am Walde.
Die beiden Besitzungen, die unser Eigenthum sind, haben beide ihre
Vorzüge. Die Lagen, deren sie sich erfreuen, bieten mancherlei Reize.
Ziemlich öde ist dagegen die Lage der Villa, die Du angekauft hast. Ein
Gleiches gilt von dem Rittergute, das Dein Bruder inne hat. Die Asyle,
die Ihr Euch da zu eigen gemacht habt, könnten mir nicht gefallen.
Der Geschmack, den ich in dieser Beziehung besitze, weicht eben von dem
Eurigen ab. Die Wünsche, die ich in dieser Hinsicht hege, erstrecken
sich auf eine romantische Umgebung. Die Ansprüche dagegen, die Ihr
macht, beziehen sich mehr auf eine schöne Einrichtung im Innern der
Gebäude.
65. Ein Todtenbette.
(Der Beifügesatz umschreibt eine Ortsbestimmung.)
Das Schloß, das inmitten eines wundervollen Parkes lag, war heute eine
Stätte unendlichen Schmerzes. Der große Saal, durch den sonst heitere
Musik rauschte, hatte müssen in eine stille Todtenhalle verwandelt
werden. Das kostbare Fußgetäfel, über welches oft die geflügelten Füße
fröhlicher Ballgäste glitten, trug heute einen Sarg. Dieser Sarg, um
den herum unzählige Kerzen brannten, barg einen Jüngling.
Der Todte, auf dem Aller Augen mit tiefer Wehmuth ruhten, war der
einzige Sohn des reichen Schloßbesitzers. Theilnehmende Verwandte
hatten kostbaren Blumenschmuck gesendet, der vor dem Sarge in sinniger
Ordnung aufgestellt war. Riesige Fächerpalmen, die man oberhalb des
Hauptes angebracht hatte, bildeten eine Art Himmelbette.
An dem Betstuhle, der dicht neben dem Sarge stand, kniete ein betender
Priester. Das Crucifix, das zu Füßen des Paradebettes lehnte, war
umflort.
Des Jünglings Vater, der an einer nahen Marmorsäule lehnte, sah in
stummem Schmerze vor sich nieder. Die Mutter, welche dicht hinter ihm
stand, barg ihr thränenzerflossenes Antlitz in ihr weißes Taschentuch.
Sogar des Todten Lieblingshund, der nicht von der Seite des Sarges
wich, schien seinen Herrn zu betrauern.
Dieser Todesfall, der bei Alt und Jung die größte Theilnahme
hervorrief, zeigte so recht die Ohnmacht des Reichthums. Dieser
Schicksalsschlag, der ja doch von oben kam, machte all das irdische
Glück der Schloßfamilie zu nichte. Er führte sie aber auch zur Demuth
vor dem, der jenseits der Sterne wohnt.
66. Deutschland.
(Der Beifügesatz umschreibt eine Zeitbestimmung.)
Der deutsch-französische Krieg, der nach verhältnißmäßig kurzer Zeit
beendet war, ist für die deutschen Länder von großem Segen gewesen. Das
Blut, das damals floß, ist nicht umsonst geflossen. Die verschiedenen
deutschen Staaten, die es vorher gab, haben sich zu einem großen Ganzen
vereinigt. Die vielen deutschen Heerkörper, die sonst unter ebenso
vielen obersten Befelshabern standen, stehen nun unter einem einzigen
Kriegsherrn.
Die mancherlei deutschen Stämme, die sich vor kurzem noch mehr oder
weniger von einander absonderten, reichen sich jetzt die Bruderhand.
Aus den einzelnen Gebieten, welche vordem zerstückelt umherlagen, ist
ein einziges großes Reich erstanden. Das Deutschthum, das zeither
von gewissen Nationen über die Achsel angesehen wurde, hat sich eine
außerordentliche Geltung erobert. Selbst der gewöhnliche Mann, der
sonst auf seine Angehörigkeit wenig Gewicht legte, fühlt sich jetzt als
Deutscher.
Aber die Sonne, die nach jenem glücklichen Kriege über unser Vaterland
aufgegangen ist, hat auch sonst noch große Veränderungen bewirkt. Die
Milliarden, die noch heute als Kriegsentschädigung nach Deutschland
einwandern, haben in der Verkehrswelt einen großen Umschwung
hervorgebracht. Der Unternehmungsgeist, der allerdings den Deutschen
stets innewohnte, hat gegenwärtig einen ungeheuren Anlauf angenommen.
Dadurch sind freilich die Arbeitskräfte, welche bisher in ziemlich
genügender Zahl vorhanden waren, rar geworden. Infolge dessen haben
sich die Arbeitslöhne, die vor dem Kriege mäßige waren, fast um das
Doppelte gesteigert. In gleichem Maße sind die Lebensmittelpreise, wie
wir sie im Jahre 1870 kannten, in die Höhe gegangen.
Doch das, was einst war, müssen wir vergessen lernen. Halten wir
trotzdem unser liebes Deutschland, wie es jetzt ist, hoch und hehr.
67. Der Lebensmüde.
(Der Beifügesatz umschreibt eine Art und Weise.)
Ein Greis, welcher unter vielen Lebensstürmen ergraut war, wollte sich
in die Einsamkeit zurückziehen. Zu diesem Zwecke ließ er sich am Ende
seines Vaterdorfes, dessen Häuser ziemlich zerstreut in einem Thale
lagen, eine Hütte bauen. Diese Hütte, die er sich ganz nach seiner
Weise einrichten ließ, sollte sein letztes Asyl im Leben sein.
Die Wände, die kaum die Dicke eines Mauerziegels hielten, wurden aus
Lehm errichtet. Die Fenster, die beinahe wie Kerkerfenster aussahen,
waren durchaus nicht auf viel Stubenhelle berechnet. Das Dach, welches
man in einfachster Weise mit Stroh gedeckt hatte, reichte an der
Hinterseite fast bis auf die Erde. Auch die innere Einrichtung der
Wohnstube, in der man vergeblich nach dem kleinsten Luxus suchte, trug
das Gepräge der größten Einfachheit.
Endlich zog der lebensmüde Greis, der längst auf die Vollendung der
Hütte gewartet hatte, ein. Er, der lange genug im Schweiße seines
Angesichts sein Brod gegessen hatte, pflegte hier nun der Ruhe. Um
die Welt, der er unverdrossenen Sinnes seine Kräfte gewidmet hatte,
kümmerte er sich wenig mehr.
Seine Welt war jetzt ein kleines Gärtchen, das er ohne alle Anstrengung
mit Blumen bepflanzte. Sein treuester Freund war der alte Mops, der ihm
beständig auf Schritt und Tritt folgte.
So floß sein Lebensabend, der bei aller Entbehrung doch noch manche
stille Freude bot, ruhig dahin. Der stille Rückblick auf die
Vergangenheit, die wie ein sturmbewegter See heute vor ihn lag, kürzte
ihm die Zeit.
Endlich nahte seine Sterbestunde, der er schon längst ergebenen Sinnes
entgegengesehen hatte. Sein Ende, das unter einem gläubigen Gebete
erfolgte, war ein sanftes Entschlummern. Die Hütte aber, aus der man
den Entschlafenen ohne Sang und Klang zur Ruhe trug, hieß von Stund an
das Friedenshäuschen.
68. Vaterlandsliebe.
(Der Beifügesatz umschreibt einen Grund oder Zweck.)
Ein Bauer, der durch eine Erbschaft sehr reich geworden war, hatte
einen einzigen Sohn. Diesen Sohn, für dessen Zukunft sich nun eine
glänzende Aussicht eröffnete, liebte er mit rührender Herzlichkeit.
Sein Gotthold, der wegen seiner guten Aufführung auch im ganzen Dorfe
geliebt wurde, war sein größter Stolz. Uebrigens gehörte Gotthold,
seines schlanken Wuchses halber, zu den schönsten Burschen der Umgegend.
Da brach ein Krieg herein, der zur Rettung des Vaterlandes geführt
werden mußte. Der König, welcher kraft seiner Macht das Kriegsheer
verstärken konnte, ließ sofort Rekruten ausheben. Einzelne junge
Männer, die aus Furcht vor den Kriegsgefahren entflohen, wurden
gewaltsam zurückgebracht. Viele Jünglinge indeß, die um des Vaterlandes
willen gern ihr Leben einsetzen wollten, stellten sich freiwillig. Auch
Gotthold, der überhaupt für den Soldatenstand schwärmte, eilte aus
freiem Entschlusse zu den Waffen.
Wenige Wochen darauf wurde er dem Regimente, das zum Schutze der
Hauptstadt bestimmt war, einverleibt. Sein schon betagter Vater, der
vor Besorgniß um den einzigen Sohn keine Nacht ruhig schlafen konnte,
holte täglich Nachricht über den Stand der Dinge ein.
Da endlich langte gerade an dem Sonntage, der der Erinnerung an die
Heimgegangenen geweiht ist, die Kunde von einem blutigen Kampfe um den
Besitz der Hauptstadt an. Glücklicherweise ließ die Botschaft von der
gänzlichen Niederlage des Feindes, die durch den Telegraphen vermittelt
wurde, nicht lange auf sich warten.
Leider hatte Gotthold diesen Sieg, der für die Rettung des Landes den
Ausschlag gab, mit seinem Leben bezahlen müssen. Sein Vater, der zwar
für den Augenblick von diesem Schicksalsschlage wie zerschmettert
schien, brach indeß keineswegs in ein verzweifeltes Wehklagen aus. Er
ertrug den Schmerz über den herben Verlust, den er um des Vaterlandes
willen erlitten, mit stiller Ergebung. Von seinem Sohne aber, der
durch seinen Tod den Sieg erkaufen half, sprach er sein Lebelang mit
sichtlichem Stolze.
69. Gleiche Rechte, gleiche Pflichten.
(Der Beifügesatz umschreibt ein Hauptwort im zweiten Falle.)
Das Gesetz, wonach in Deutschland jetzt jeder gesunde junge Mann
zum Militärdienste verpflichtet ist, ist gewiß ein gerechtes. Die
frühere Einrichtung, welcher zufolge sich die Söhne der Reichen vom
Militär freikaufen konnten, hatte große Schattenseiten. Warum sollte
blos der Arme die Pflicht, den Fürstenthron zu schützen, zu erfüllen
haben? Warum sollten blos die Söhne unbemittelter Eltern den schweren
Eid, nach welchem der Soldat das Vaterland mit Blut und Leben zu
vertheidigen hat, auf sich nehmen?
Die Zusicherung, daß Jedermann vom Staate gleichen Schutz genießt,
legt auch Allen gleiche Pflichten gegen den Staat auf. Wollen wir also
die weise Verfügung, kraft deren jetzt der Millionär neben dem ärmsten
Nachtwächterssohne unter der deutschen Fahne steht, freudig begrüßen.
Möge jeder junge Soldat den Schwur, vermöge dessen er unverbrüchliche
Treue gelobt, in Ehren halten!
70. Das kindliche Spiel.
(Der Beifügesatz umschreibt ein Zeitwort in reiner Form.)
Der Trieb, demzufolge das Kind gern spielt, ist ein sehr natürlicher.
Es darf darüber natürlich die Pflicht, die es für die Schule arbeiten
heißt, nicht vergessen.
Sehr verschieden ist die Art, in der manche Kinder ein Spiel treiben.
Kleinen Kindern muß oft die Weise, nach welcher ein Spiel zu handhaben
ist, erst gelehrt werden. Sie zeigen in der Regel anfänglich das
Bestreben, daß sie die Spielgegenstände am liebsten zerstören möchten.
Bei geselligen Spielen tritt leider oft die Sucht, daß der Einzelne
über die Andern gern herrschen möchte, recht deutlich hervor. Man muß
aber diesen Hang, demzufolge ein Einzelner allen Andern befehlen will,
unbedingt tadeln. Jedem Mitspielenden muß das Recht, wonach er sich für
ein gewisses Spiel entscheiden kann, freistehen.
Ebenso darf auch bei sogenannten Glücksspielen der Wunsch der Kinder,
daß sie gewinnen möchten, nie zur Leidenschaft werden. Die Möglichkeit,
daß man im Glücksspiele auch verlieren kann, muß jedem Spieler vorweg
einleuchten.
71. Räthsel.
(Der Beifügesatz umschreibt ein Doppelhauptwort.)
Alfred und Heino gaben sich gegenseitig Räthsel auf. Alfred brachte
folgende zum Vorschein:
Wie heißt das Stroh, womit das Dach man deckt,
Wie nennst du das, drauf man im Bett sich streckt,
Wie heißt das Dach, das man aus Stroh gewinnt,
Und wie der Mann, deß Glieder Stroh nur sind?
Nenn’ mir das Bier, das gleich vom Faß man trinkt,
Und wieder das, das aus der Flasche blinkt.
Wie heißt das Faß, dem frisch das Bier entfließt,
Und wie das Glas, aus dem man Bier genießt?
Wie heißen Maler, die die Stube schmücken,
Und die, die uns durch Landschaftsbilder oft entzücken?
Wie nennst die Stube Du, da still ein Maler schafft,
Und die, drin uns der Schlaf gibt neue Kraft?
72. Die Bienen.
(Der Beifügesatz umschreibt eine Zahlbestimmung.)
Die Bienen eines Stockes, deren Zahl oft 15000 beträgt, bilden eine
Art Königreich. Die Honigbienen, die ziemlich stark vertreten sind,
erscheinen als die eigentlichen Arbeiter. Die Drohnen, deren Zahl
geringer ist, machen den Hofstaat aus.
Neben den Honigzellen bauen die Bienen auch Brutzellen, die man
ebenfalls nach Tausenden zählen kann. Die Eier, welche eine gleich
große Menge bilden, legt einzig und allein die Königin.
An einem günstigen Tage kann von den Bienen eines reich bevölkerten
Bienenstockes eine Honigmenge, die das Gewicht von zehn Pfund
erreichte, eingeheimst werden.
73. Biblische Beinamen.
(Der Beifügesatz umschreibt eine Apposition.)
Die Sitte, in irgend einer Weise sich auszeichnenden Menschen einen
besonderen Beinamen zu geben, ist uralt. Den ersten erhielt Adam, den
man den Stammvater des Menschengeschlechts nannte. Einer gleichen Ehre
hatte sich Abraham, der als der Erzvater bezeichnet wurde, zu erfreuen.
Zu diesen bevorzugten biblischen Personen gehört auch der König Salomo,
dem man bekanntlich den Ehrentitel „der Weise“ beilegte. Unbestritten
aber führt Christus, der als der Sohn Gottes bezeichnet wird, den
erhabensten Beinamen.
Die biblischen Beinamen sind indeß nicht immer solcher Natur, daß die
betreffende Person dadurch geehrt wird. Wir denken dabei an Herodes,
welcher der Grausame benannt worden ist. Auch an Judas, der den Namen
„Verräther“ führt, müssen wir uns hierbei erinnern. Ebenso ist Thomas,
den man als den Ungläubigen bezeichnet hat, hierher zu rechnen. Nicht
minder gehört Antiochus, den man zu den Tyrannen zählt, in diese Klasse.
Wiederholung.
(Alle Arten Beifügungen.)
74. Der sterbende Löwe.
Ein Löwe, der ein hohes Alter auf seinem Rücken trug, lag vor seiner
Höhle. Die Mähne, die einst in üppiger Fülle seinen Leib schmückte,
hing nur noch in dünnen Büscheln über die Schultern. Das Auge, das
sonst feurig durch die Wüste spähte, stierte matt vor sich hin. Aus
den früher so mächtigen Tatzen, die sich jetzt auf dem heißen Sande
hinstreckten, war alle Kraft gewichen.
Das Mahl, das sich der Löwe gestern herbeigeholt hatte, war von ihm
unberührt geblieben. Der gute Appetit, dessen er sich stets erfreute,
schien gänzlich verschwunden. Auch an ihm behauptete das Naturgesetz,
demzufolge selbst der Stärkste dem Tode verfällt, seine Rechte.
Der Wunsch, daß man den Beherrscher der Wüste gern noch einmal sehen
möchte, führte eine Menge Thiere herzu. Darunter befanden sich freilich
auch solche, welche die Schadenfreude herbeitrieb. Man sah sogar
einige, die nun ihren Haß an dem hinfällig Gewordenen auslassen wollten.
Der Fuchs, der zu den ärgsten Feinden des Löwen gehörte, kränkte ihn
mit allerlei beißenden Reden. Der Wolf, dem der Wüstenkönig einmal
ein feistes Lamm abgejagt hatte, schimpfte den Sterbenden einen
schändlichen Räuber. Ein Büffel, der seit Jahren in Furcht vor dem
Löwen lebte, stieß ihn mit seinen Hörnern. Sogar ein träger Esel, der
aus bloser Laune den König der Thiere nie leiden konnte, versetzte ihm
noch einen Schlag mit seinen Hufen.
Da trat endlich ein Roß, dem der Löwe nur unlängst noch sein Junges
zerrissen hatte, herzu. Es richtete sein Auge, dessen Ausdruck von
Mitleid zeugte, schweigend auf den Sterbenden. Dieses edle Thier
konnte die gemeine Gesinnung, derzufolge man sich an einem unschädlich
gewordenen Feinde rächt, nur verabscheuen. Es hielt eine solche
Handlungsweise, die nur aus Niederträchtigkeit hervorgehen kann, für
die größte Schande.
Der Löwe, dem dieser Edelmuth nicht entging, warf dem Pferde einen
dankbar gerührten Blick zu. Bald darauf aber machte der Tod, mit dem er
schon geraume Zeit kämpfte, seinem Leben ein Ende.
75. Das Wasser.
(Desgleichen.)
Das Wasser, welches ein tropfbar-flüssiger Körper ist, bedeckt zu
zwei Drittheilen die Erdoberfläche. Seine Farbe, die durch die darin
aufgelösten Stoffe bedingt wird, tritt verschieden auf.
Fast himmelblau leuchten uns die Spiegel derjenigen Seen, welche sich
zwischen den Alpen ausbreiten, entgegen. Im schillernden Dunkelgrün
wälzt die Woge, die der Sturm auf dem Weltmeere vor sich her treibt,
dem Ufer zu. Fast farblos dagegen erscheint der Strahl, der sich aus
dem Röhrbrunnen ergießt.
Außerordentlich mannichfaltig sind die Formen, in denen uns das Wasser
begegnet. Als Dunstbläschen, in welche es durch Wärme verwandelt
worden ist, steigt es in die Luft. In Tropfen fällt es aus den Wolken,
die langsam über unsern Häuptern dahinziehen, herab. Im Frühlinge
überzieht es zuweilen die Flur mit Reif, der uns dann als eine Art
Feenschleier erscheint. Auch in Gestalt von Graupeln, die in den höhern
Luftschichten gebildet werden, bekommen wir es nicht selten zu sehen.
Grausig klingt bei mächtigem Gewitter das Herniederdonnern der
Schloßen, die durch ihren Niederschlag oft große Verheerungen
anrichten. Alle Eisdecken, welche im Winter die Gewässer tragen, sind
Gebilde aus Wasser. Und wem wäre nicht die Entstehung des Schnees, der
das Schlummergewand der Erde bildet, bekannt?
Unendlich groß ist der Segen, den das Wasser gewährt. Es erhält alles
Leben, das die weite Erde trägt. Selbst das kleinste Pflänzchen, das
auf dem dürrsten Sandboden gedeiht, kann ohne Wasser nicht fortbestehen.
Das Wasser trägt auf seinem Rücken Lasten, deren Gewicht Staunen
erregen muß. Es setzt gewaltige Räder, durch welche wieder große
Maschinen in Thätigkeit gebracht werden, in Bewegung. Durch die
Eigenschaft, vermöge deren es sich durch Hitze in Dämpfe verwandelt,
wird es für die riesigsten Fahrzeuge zum treibenden Elemente.
Freilich kann auch das Wasser, wenn es zur Flut wird, unsagliches
Unheil anrichten. Wer zählt die unglücklichen Opfer, die schon das
sturmdurchtobte Meer verschlungen?
2. Abgekürzte Beifügesätze.
76. Bete und arbeite.
Wendler, ein schlesischer Leineweber, hatte vom Leben sehr verkehrte
Ansichten. Die Pflicht, sein Daheim zu erhalten, legte er lediglich in
Gottes Hand. Die Annahme, Gott erhöre jedes Gebet, verleitete ihn zum
Müßiggange. Der Gedanke, einen Tag verfaulenzt zu haben, störte ihn
nicht.
Dagegen befriedigte ihn das Bewußtsein, heute wieder ein recht
fleißiger Beter gewesen zu sein. Die Hoffnung aber, durch Gebet Alles
erreichen zu können, ist eine Thorheit.
Gott, unser wahres Wohl im Auge habend, fordert auch den Gebrauch
unserer eigenen Kraft. Er, obgleich von unendlicher Güte, gibt nichts
im Schlafe.
Wendler, einst gar nicht unbemittelt, versank mit der Zeit in Armuth.
Der Arbeit, dieser Würze des Lebens, hatte er sich gänzlich entwöhnt.
Und so wurde er, alle Mahnungen unbeachtet lassend, auch noch ein
vollendeter Taugenichts. Endlich mußte Wendler, unter dem Namen
Betbruder bekannt, sein Brod sogar vor den Thüren suchen.