jetzt die Mühle für ein gutes Geld verkaufen, stellten sich alle Kinder
um ihn her, faßten ihn an der Hand und baten unter Thränen, er solle
doch das nicht thun. Sie würden, wenn sie aus der Mühle fortmüßten und
außerhalb des stillen Thales leben sollten, unglücklich sein.
Diesen dringenden Bitten zufolge versprach auch der Müller, die Mühle
zu behalten. „Nein“, sagte er nach kurzem Besinnen, „ich will nicht
gegen Eure Wünsche handeln, aus purer Liebe zu Euch. Wegen eines
irdischen Gewinnes soll Euer Glück nicht gestört werden.“
Das Bindewort.
68. Ungleiche Brüder.
(Zusammenstellende Bindewörter.)
Melchior +und+ Sebastian waren Brüder. Melchior beschäftigte sich mit
Allerhand, was ihm gut lohnte. Er besserte Körbe aus, +auch+ flocht
er zuweilen neue. +Zudem+ strich er Fenster- und Thürstöcke, außerdem
auch Möbel an. Ueberdies half er im Sommer nicht selten in der Ernte.
Schließlich schämte er sich auch nicht, einmal sogar den Dreschflegel
in die Hand zu nehmen. Wo er arbeitete, war man sowohl mit seinem
Fleiße als auch mit seiner Geschicklichkeit zufrieden. Weder Wind noch
Wetter konnten ihn abhalten, einmal übernommene Dienste auszuführen.
Melchior war aber nicht blos fleißig und geschickt, sondern auch
sparsam. Als er etwa vierzig Jahre zählte, kaufte er sich erstens ein
kleines Haus, zweitens etwas Feld, drittens eine Ziege und endlich gar
eine Kuh. Hierauf heirathete er ein sehr braves Mädchen aus seinem
Orte, mit dem er alsdann seine kleine Oekonomie bewirthschaftete,
ferner ein Gemüsegeschäft anlegte und auch noch nebenbei
Federviehhandel trieb.
Ganz anders verhielt und zeigte sich sein Bruder Sebastian. Er dachte
weder an das Sparen, noch an das Arbeiten. Er trieb sich tagediebisch
umher, zudem liebte er das Kartenspiel und trank überdies oft über den
Durst. Auch in Bezug auf die Ehrlichkeit wollte ihm Niemand so recht
trauen.
Kein Wunder, daß Sebastian nicht nur alle Achtung verlor, sondern auch
oft kein Brod hatte. Sowohl seine Nachbarn als auch sein Bruder warnten
ihn. Außerdem bemühte sich sogar die Ortsgemeinde, ihn zu bessern. Man
trug ihm zunächst lohnende Beschäftigung, sodann eine Hausknechtsstelle
in einem Gasthofe an, ferner einen Posten auf dem Bahnhofe; schließlich
wollte man ihm sogar Geld zu einem kleinen Kohlenhandel vorschießen.
Sebastian mochte von alledem nichts wissen und nichts hören. Natürlich
blieben die Folgen davon nicht aus. Bald versetzte er sein letztes
Hemde, führte dann allerlei Betrügereien aus, vergriff sich hierauf an
fremdem Eigenthume, trieb sich alsdann mit einer Zigeunerbande in den
Wäldern umher und wurde endlich als Räuber eingefangen.
Er wurde verhört, alsdann verurtheilt und hierauf auf viele Jahre in
einer Strafanstalt untergebracht. Schließlich, nach langen Jahren,
klopfte er eines Tages an Melchior’s Thür als bettelnder Greis.
69. Die goldene Freiheit.
(Entgegenstellende Bindewörter.)
An einem Fenster hing ein großes, geräumiges Gebauer, in welchem ein
Rothkelchen auf und nieder hüpfte. Es sang +zwar+ fleißig, +aber+
keineswegs so hell, wie einst draußen im grünen Walde. Es hatte das
beste Futter, +dennoch+ dachte es immer und immer an die fetten
Würmchen draußen unter dem Moose. Es bekam jeden Tag zweimal frisches
Wasser, gleichwohl konnte es die frischen, klaren Waldbächlein nicht
vergessen. Wol grüßte die liebe Sonne freundlich zum Fenster herein,
allein diese wohlthuenden Strahlen schienen das Rothkelchen nur immer
noch düsterer zu stimmen.
Hermann bemerkte nur zu wohl die trübe Stimmung des Thierchens, doch
ihn rührte es nicht. Zwar liebte er selbst die goldene Freiheit
außerordentlich, gleichwohl konnte er sie hartherzig dem Rothkelchen
versagen.
Als er im Herbste das Vöglein nach Hause brachte, hatte ihm sein Vater
gesagt: „Gut, Du magst es den Winter über behalten, aber zum nächsten
Frühjahre mußt Du es wieder fliegen lassen. Nun thue, was Du willst.
Entweder sperre es gar nicht erst ein, oder versprich, ihm dann die
Freiheit wieder zu schenken.“
Hermann hatte Letzteres zugesagt. Allein jetzt, als der Frühling da
war, dachte er nicht mehr daran. Er kannte nicht nur kein Mitleid,
sondern meinte sogar, das Thierchen könne es nirgends besser haben, als
bei ihm. „Ein Vögelchen im Käfige zu halten“, sagte er einmal, „kann
kein Unrecht sein, nur muß man es gut pflegen.“
Sein Vater indessen dachte anders. „Gut essen und trinken“, sagte er,
„ist viel werth, nichtsdestoweniger möchte ich dabei in einem Kerker
stecken. Fesseln und schmale Kost drücken den Verbrecher sehr, der
Verlust der Freiheit dagegen drückt ihn am empfindlichsten.“
Der Frühling schritt inzwischen immer tiefer in das Land, Hermann
jedoch machte keine Anstalt, seinem Gefangenen den Kerker zu öffnen. Er
fürchtete auch keineswegs den Unwillen seines Vaters, sondern glaubte,
derselbe wolle jetzt selbst, daß das Vöglein im Käfige bleiben solle.
Wie sehr aber erschrak er, als er denselben eines Tages leer fand.
Hermann weinte, das Vöglein indessen jubelte bereits längst draußen im
Walde ob der neugeschenkten goldenen Freiheit.
70. Amerika.
(Begründende Bindewörter.)
„Warum wandern denn eigentlich so viele Menschen nach Amerika aus?“
fragte Ludwig seinen Vater.
„Ganz einfach“, erwiderte dieser, „+weil+ Viele glauben, dort ihr Glück
zu machen. Viele täuschen sich freilich auch, +denn+ es ist nicht alles
Gold, was glänzt. Amerika bezahlt zum Beispiel die Arbeit weit besser
als Deutschland, deshalb aber wird noch lange nicht jeder Arbeiter
reich. Er muß dafür auch seinen Lebensunterhalt theuer erkaufen, und
sonach gleichen sich Einnahme und Ausgabe wieder aus. Amerika gestattet
dem Volke in mancher Hinsicht mehr Freiheit als Europa, daher aber
erlauben sich dort auch Einzelne aus dem Volke manche Gewaltthaten.
Amerika ist der Zufluchtsort von unzähligen Taugenichtsen, Betrügern
und Dieben, deswegen kommen dort verhältnißmäßig mehr Verbrecher
vor, als bei uns. Amerika besitzt unermeßliche Ländereien, demnach
ist für wenig Geld ein bedeutender Grundbesitz zu erwerben. Diese
Länderstrecken aber sind mit Urwald bedeckt und müssen mithin erst
urbar gemacht werden. Dergleichen Arbeit ist indeß äußerst mühsam und
anstrengend und darum verlieren Viele die Lust, lassen die Hände sinken
und gerathen somit in Noth und Elend.
Es sei damit nicht gesagt, lieber Ludwig, daß in der neuen Welt
Niemand auf einen grünen Zweig kommen könne, denn eine große Zahl
Eingewanderter hat ihr Glück gefunden. Falsch aber ist es, zu denken:
Diese sind reich und glücklich geworden, folglich muß ich es auch
werden und also gehe ich hinüber.“
„Du würdest sonach Niemandem rathen, nach Amerika auszuwandern?“ sagte
Ludwig hierauf.
„Das habe ich deshalb noch nicht gesagt“, erwiderte der Vater. „Wer
nach Amerika geht, muß arbeiten wollen, weil der Faule dort in
der Regel zu Grunde geht. Folglich würde ich allerdings zu einem
Arbeitsscheuen sagen: Bleibe Du hier, da Du den Schweiß des Angesichts
nicht gut vertragen kannst. Ebenso würde ich zu einem, der hier in
guten Verhältnissen lebt, sagen: Du hast, was Dein Herz wünscht, darum
bleibe im Lande und nähre Dich redlich. Einem jungen Manne aber, der
brav und strebsam ist, es aber hier zu nichts bringen kann, werde ich
stets sagen: Gut, Du wirst drüben die Hände nicht müßig in den Schooß
legen und somit vorwärts kommen, mithin gehe!
Verstehe mich also nicht falsch, lieber Ludwig. Ich meine durchaus
nicht, weil Viele dort drüben ein trauriges Loos ziehen, daher dürfe
Niemand mehr nach Amerika auswandern. Wohl aber bin ich, wie schon
gesagt, gegen den Glauben, der da spricht: Hinz und Kunz sind da drüben
Millionäre geworden, demnach kann mir es auch nicht fehlen.
Die neue Welt jenseits des Oceans ist eine gar eigene und deswegen muß
die Uebersiedelung dahin wohl überlegt werden.“
71. Treue Freundschaft.
(Wiederholung der Bindewörter.)
Paul und Robert waren zwei gute Freunde. Beide jedoch besaßen eine sehr
verschiedene Bildung. Das konnte aber auch nicht anders sein, denn
jeder hatte eine andere Erziehung genossen.
Paul gehörte reichen, Robert dagegen armen Eltern an. Paul genoß daher
viel Schulunterricht. Er sprach nicht nur französisch, sondern auch
englisch. Er lernte reiten, auch fechten und schwimmen. Er bewegte
sich überdies stets unter vornehmen Leuten und besaß ferner eine gute
Bibliothek. Zudem ging er auch mit seinen Eltern öfters auf Reisen.
Somit war ihm Alles geboten, was Bildung schafft.
Robert dagegen besuchte nur eine einfache Dorfschule. Hier gab es
wohl einen guten Lehrer, allein nicht viel Schulzeit. Zwar strengte
sich Robert sehr an, aber seine Kenntnisse blieben doch sehr dürftig.
Gleichwohl gehörte er zu den besten Schülern des Ortes. Deswegen wurde
er auch von seinem Lehrer, sowie von seinen Mitschülern sehr geachtet.
Und deshalb verging kein Examen, an welchem er nicht entweder eine
Prämie oder sonst eine Auszeichnung erhielt.
Paul blieb das nicht unbekannt und daher erwählte er Robert zu seinem
Freunde. Weder Robert’s Armuth, noch seine geringe Bildung waren
ihm ein Anstoß. Paul liebte ihn, weil er ein ebenso fleißiger als
gesitteter Knabe war. Und Paul hat diese Wahl nie bereut, denn Robert
hing so treu an ihm, daß er sein Leben hätte für ihn lassen können.
Paul kam zwar später aus dem Elternhause fort, aber die Entfernung
trennt ja wahre Freundschaft nicht, da diese im Herzen wohnt. Paul
und Robert schrieben sich oft; infolge dessen konnte keine Entfremdung
eintreten. Ja, sie blieben treue Freunde bis zum Tode.
Das Empfindungswort.
72. Ein Spaziergang.
Arthur und Emilie gingen an einem Waldrande spazieren. „+Ei!+“ rief
Arthur plötzlich aus, indem er sich bückte, „ein Graspferd! ein
Graspferd!“
„+Pfui!+“ erwiderte Emilie, „das häßliche Thier!“
„+Ei+, +ei!+ Emilie“, tadelte Arthur, „so darf man nicht sagen. O,
auch die Graspferde sind schön in ihrer Art. Hopp! hopp! Sieh nur,
was es für große Sätze machen kann! O weh! Jetzt hüpfte es in einen
Wassergraben! Ach, das arme Thier! Es wird ertrinken müssen! Ist es
mir doch, als riefe es mir zu Hilfe! Hilfe! -- Ha! ich muß sein Retter
werden!“
Arthur langte in den Graben hinab und packte das Thier an. In demselben
Augenblicke aber schrie er auch: „Au! au!“ und ließ es auf die Erde
fallen.
„Was schreist Du denn so?“ fragte Emilie schnell.
„Abscheulich!“ versetzte Arthur. „Das Heupferd hat mich in den Finger
gezwickt.“
„Hahaha!“ lachte da Emilie hell auf. „Aetsch! Nun hast Du doch etwas
von Deinem allerliebsten Thierchen!“
„Ssssst! Schwesterchen“, entgegnete Arthur, mit dem Finger drohend,
„nicht schadenfroh sein!“
Beide Geschwister gingen jetzt weiter. Bald darauf vernahmen sie hinter
sich her die Rufe: „Heda! Bst! Bst!“ Als sie sich umsahen, erblickten
sie vier bekannte Knaben, die an dem Spaziergange theilnehmen wollten.
„Hurrah!“ rief Arthur begeistert aus, „nun wird es hübsch! Jetzt können
wir Soldaten spielen.“
„Und ich?“ fragte Emilie bedeutungsvoll.
„Hm!“ erwiderte Arthur nachdenklich. „Nun ja, das hatte ich mir
freilich nicht überlegt, daß Du Dich auf das Exerciren nicht verstehst.
Also rrrr! ein anderes Spiel!“
Nachdem die Kinderschaar Haschekater, Blindekuh u. dergl. m. gespielt
hatte, trat sie den Heimweg an. Eben überschritten die Kinder eine
Stoppel. Da auf einmal ging’s „brrr!“ und ein Volk Rebhühner flog vor
ihnen auf.
„Hoho! Bin ich doch erschrocken!“ versetzte einer der Knaben. Arthur
aber sagte: „Ei, hätten wir doch jetzt Flinten! Da sollte es aber
gehen: Piff, paff! puff! und kein einziges Rebhuhn dürfte davonkommen.
Heisa! wie würden sich unsere Mütter freuen, wenn wir solche Braten mit
nach Hause brächten!“
Arthur wollte noch weiter reden, da aber kam ein Graben und -- pardauz!
lag er darin, so lang er war. Natürlich gab das ein gewaltiges
Gelächter.
Unter dem Gesang des Liedes: „Tra ri ra! sind die Jäger da“ etc.
kehrten endlich die Knaben fröhlich heim.
~B.~ Satzlehre.
73. Das Gewitter.
(Satzarten.)
[Sidenote: Einfacher Satz.]
Der Blitz zuckte.
[Sidenote: Erweiterter einfacher Satz.]
Ein langer Donner grollte unter dem dunklen Himmel dahin.
[Sidenote: Zusammengezogener Satz.]
Menschen und Thiere suchten ein baldiges Unterkommen.
[Sidenote: Zusammengesetzter Satz.]
Die Schnitter eilten in ihre Hütten und die Heerde hüpfte nach dem
schirmenden Stalle.
[Sidenote: Satzgefüge.]
Ein warmer Regen, welcher längst erwünscht war, tränkte später das
durstige Erdreich.
74. Ursache und Folge.
(Desgleichen.)
[Sidenote: Einfacher Satz.]
Der Herbst war da. Die Früchte reiften. Die Aepfel glänzten. Die
Pflaumen winkten.
[Sidenote: Erweiterter einfacher Satz.]
Der liebe Gott hatte die Gärten reich gesegnet. Manche Aeste konnten
ihre Last kaum tragen. Sie mußten mit starken Pfählen gestützt werden.
Und dennoch neigten sich ihre äußersten Zweige fast bis zur Erde herab.
[Sidenote: Zusammengezogener Satz.]
Eines Tages gingen Emil und Otto in ihren Obstgarten. Beide jubelten
und jauchzten. Sie durften und sollten sich an den Aepfeln und Birnen
gütlich thun. Vater und Mutter hatten es ihnen erlaubt. Dieser Genuß
sollte sowohl eine Belohnung als auch eine Erquickung für sie sein.
Emil eilte sofort auf einen Pflaumenbaum los und Otto kletterte auf
einen Apfelbaum. Emil war bald gesättigt, Otto aber schien gar nicht
genug bekommen zu können. Jener befleißigte sich überhaupt stets der
Mäßigkeit, denn er ehrte das Gebot der Eltern.
Otto, welcher eben zu viel Aepfel aß, fühlte sehr bald die üblen
Folgen. Das, was ihm ein Genuß gewesen war, bereitete ihm jetzt die
bittersten Schmerzen. Ehe noch der Tag zu Ende ging, lag er jammernd
und seufzend im Bette. Ihm wurde nun klar, das die Unmäßigkeit sich
selbst bestraft. Der Apfelbaum, sagte er wiederholt, soll mir eine
Warnungstafel bleiben, so lange ich lebe.
Der einfache Satz.
75. Das Pferd.
(Welche Wörter als Subject dienen können! Alle.)
+Das Pferd+ ist ein nützliches Hausthier. +Es+ ist sehr stark und
schön gebaut. +Die Stärke+ liegt in seinen Muskeln. Das Schöne spricht
namentlich aus der Hals- und Kopfbildung. Sein ganzes Sein ist freilich
nicht selten eine Kette schwerer Arbeit. Das Ziehen wird ihm leider oft
zu sauer gemacht. Dieses Leider fällt leider dem Fuhrmanne zur Last. Er
ladet zu viel auf. Das Bergauf wird von ihm wenig beachtet.
Das Pferd ist nun schlimm daran. Das Wollen fehlt ihm nicht. Das Können
indeß hat seine Grenze.
Da knallt die Peitsche. Flüche fallen auf das arme Thier nieder.
Es geht zuweilen wahrhaft grausam dabei zu. Man möchte dazwischen
springen. So zuzuschlagen ist sündlich. Wann wird man endlich auch die
Pferde menschlich behandeln? Dieses Wann wird aber wol noch lange eine
Frage bleiben.
76. Gott.
(Aus welchen Wörterklassen das Prädikat gebildet werden kann.)
Gott ist +Schöpfer+. Er ist +allmächtig+. Sein Wort hat Alles
+hervorgebracht+. Alles ist +sein+.
Gott ist Erhalter. Sein Reich ist freilich groß. Seine Hand doch
sättigt alles Leben. Dieser Trost ist unser.
Gott ist auch Regierer. Sein Regiment ist gnädig. Er schützt. Er
leitet. Dieser Glaube ist mein.
Und Gott ist unser Vater. Er ist allgütig. Seine Liebe umfaßt uns. Mein
Herz sei darum sein.
77. Die Rose.
(Desgleichen.)
Die Rose ist eine +Blume+. Sie ist die +Blumenkönigin+. Ihre Krone ist
ein Wunderbau. Der Juni ist ihre Blütezeit. Die Blätter sind zart. Ihre
Formen sind lieblich. Sie leuchtet weithin. Sie duftet. Sie entzückt.
Dornen sind ihre Schutzwaffe. Jede Spitze ist ein Dolch. Die Dornen
sind wachsam. Sie sind auch tückisch. Sie stechen. Sie verwunden.
Die Rose reizt. Sie ist verführerisch. Ein Kindlein naht. Es ist
hocherfreut. Es pflückt. Ein Tröpfchen Blut ist der Preis.
Der erweiterte einfache Satz.
~A.~ Erweiterung des Subjectes.
78. Das kranke Kind.
(Beifügung vor dem Subjecte.)
Die +kleine+ Emma war krank. Der +heftige+ Pulsschlag bekundete Fieber.
Die +vollen+ Wangen glühten. Das große Auge lag geschlossen. Die
feuchten Hände zitterten.
Zwei Aerzte behandelten das Kind. Mehrere Arzneiflaschen standen auf
dem Tische. Auch etliche Pulverschächtelchen waren zu sehen.
Die treusorgende Mutter wich nicht von dem Bette. Ihr weinendes Auge
ruhte unverwandt auf der Kranken. Ihre pflegende Hand war jederzeit zur
Hilfe bereit.
Die verordneten Wärmegrade in der Stube wurden streng erhalten. Die
verhangenen Fenster schufen Dunkelheit. Das gedämpfte Licht aber hatte
etwas Unheimliches. Der vorgeschriebene Thee stand fortwährend über
einem Spiritusflämmchen. Die zu verbrauchende Arznei dagegen schwamm in
einem Glase mit Brunnenwasser.
So waren alle Vorsichtsmaßregeln getroffen. Keine Veränderung an dem
Kinde blieb unbeachtet. Die zu hoffende Genesung ließ indeß lange auf
sich warten.
„Unser Kind ist noch sehr krank“, klagte die Mutter oft den Aerzten.
„Sein Bewußtsein scheint oft zu schwinden. Seine Hände sind bald warm,
bald kalt. Meine Emma wird doch am Ende noch sterben! Ach, mein Herz
würde es kaum ertragen! Unser Lebensglück sänke mit ihr ins Grab.
Dieses Kind hat uns nie betrübt. Ein solcher Edelstein könnte uns nie
wieder ersetzt werden!“
Die theilnehmenden Aerzte trösteten sie. „Der liebe Gott wird Ihnen
schon das Kind erhalten“, sagten sie. „Die allmächtige Gotteshand hat
ja schon oft Wunder gethan. Sein Arm ist nicht zu kurz, daß er nicht
helfen könnte.“
Und der treue Himmelsvater half. Das tückische Fieber wich endlich. Die
arme Emma konnte das Bett wieder verlassen. Stärkende Nahrung gab ihr
bald wieder Kräfte. Kleine Spaziergänge erzeugten wieder Heiterkeit.
Die frische Luft hauchte wieder Rosen auf die Wangen.
Herzinniger Dank stieg von den Mutterlippen zum Himmel empor.
79. Berlin.
(Eine Beifügung nach dem Subjecte.)
Die Stadt +Berlin+ ist zu einer Weltstadt geworden. In ihr hat nun der
Kaiser +von Deutschland+ seinen Sitz.
Der Umfang der Stadt wächst fast zusehends. Die Regelmäßigkeit der
Straßen ist eine Zierde von ihr. Die Prachtbauten der Regierung
erwecken Bewunderung. Die Stätten der Wissenschaft werden sorglich
gepflegt. Werke der Kunst sind in Berlin reich vertreten. Die
Sammlungen der Kunstschätze erfahren von Jahr zu Jahr Bereicherungen.
Die Helden des Volkes prangen als Prachtdenkmäler an den Straßen. Die
Fürsten des Reichs glänzen in Erzguß. Unter ihnen nimmt Friedrich der
Große den Vorrang ein. Plätze ohne Denkmäler sind überhaupt selten in
Berlin.
Der Handel der Stadt ist im Flor. Die Großartigkeit der
Fabrikwerkstätten erregt Staunen. Das Streben nach Vergnügen hat
Lustörter in Menge hervorgerufen. Natürlich wird dadurch auch die Lust
zu schwelgen gefördert. Auch soll das Verbrechen des Taschendiebstahls
in Berlin häufig vorkommen.
Die Lage der Stadt ist freilich keine sonderlich schöne. Die Umgebungen
derselben sind Sandebenen. Und eine Stadt ohne Naturreize verliert viel
an Anziehungskraft.
80. Peter.
(Die Beifügung ein Zeitwort in reiner Form.)
Der Trieb +zu spielen+ war bei dem zwölfjährigen Peter ziemlich stark
und verdrängte die Lust zu arbeiten. Kein Wunder daher, daß er in der
Schule keine Fortschritte machte. Während des Unterrichts beschäftigte
er sich oft mit den Händen unter der Tafel.
Für diese Sucht zu tändeln und den Hang zu faulenzen erhielt er zwar
oft Strafe, aber sie weckte keineswegs in ihm das Bestreben zu lernen.
Leider gesellte sich zu diesen Fehlern bei dem Peter auch noch die
Unart zu necken und zu schimpfen und die Neigung zu lügen.
Eines Tages ließ der Lehrer den Knaben zu sich kommen und sagte zu ihm:
„Peter, mein Beruf zu erziehen und meine Pflicht zu bilden werden mir
an Dir sehr schwer. Dein Streben zu wachsen im Geiste ist gleich Null.
Glaube mir, daß Du Deine jetzige Art Dich zu verhalten und zu gebaren
einst noch bitter bereuen wirst.“
Peter aber, anstatt den Vorsatz zu hören und zu gehorchen zu fassen,
überließ sich auch fernerhin in der Schule dem Drange zu träumen,
zu brüten und zu tändeln. Und so wurde nach und nach aus ihm ein
liederlicher Mensch, den endlich seine Leidenschaft zu faulenzen und
Karte zu spielen an den Bettelstab brachte.
81. Weihnacht.
(Eine Beifügung vor, eine nach dem Subjecte.)
Das +schönste+ Fest +der Kinderwelt+ war da. Die heilige Nacht der
Geburt Christi breitete ihre Flügel über die Stadt. Sämmtliche Glocken
des Domes hallten über die Dächer dahin.
Die feierliche Harmonie des Geläutes klang wie ein Gruß aus Himmelshöhe.
Auf den Straßen wogte noch lange der bunte Strom des Volkes. Die
betreßten Diener der Paläste eilten mit Packeten dahin. Die breiten
Rücken der Dienstmänner waren vielfach mit Körben belastet. Die
zerlumpten Kinder der Armuth boten ihre Pflaumenmänner feil. Bepackte
Bewohner des Landes zogen zu den Thoren hinaus. Dort huschte wol auch
bereits ein vermummter Knecht Ruprecht in ein Haus hinein. Aus den
Bäckerläden stieg der bezaubernde Duft der Weihnachtsstollen.
Die zierlichen Rouleaux der Salonfenster sind heute nicht
heruntergelassen. Bald strahlt hinter ihnen der helle Lichtglanz des
Christbaums. Bis auf die Straße herab schallt der jauchzende Jubel der
Kinder. Ihre Hoffnung auf die Christbescherung ist glänzend erfüllt.
Eine reiche Menge von Geschenken liegt vor ihnen ausgebreitet. Die
lockenden Titel der Geschichtenbücher lachen in die Augen. Das liebe
Klappern der Nüsse schlägt an die Ohren. Das tiefe Roth der Aepfel
reizt die Gaumen.
Aber nicht blos in den Palästen entzückt die holde Pracht der
Christfestkerzen. Auch das niedere Stübchen der Souterrainbewohner dort
erleuchtet ein Weihnachtslicht. Die freundlichen Gaben des Christkindes
liegen hier freilich nur spärlich zuertheilt. Der zu spendende Dank der
Kinder bleibt indeß auch für das Wenige nicht aus.
So ist jedes Haus in der Stadt heute ein Freudentempel. Das selige
Jauchzen aus den Familienkreisen steigt preisend zum Himmel hinauf.
82. Die Zigeunerkinder.
(Zwei Beifügungen vor dem Subject.)
Eines Tages ging +mein lieber+ Vater mit mir in einen Wald, erzählte
Felix. In dem Walde lagerten mehrere erwachsene Zigeuner. Ihre sechs
Kinder hüpften um sie her. Drei mächtige Buchen wölbten ihre Aeste über
den Fremdlingen zu einem Dache.
„Diese bunte Gruppe kann einem Maler Stoff zu einem Bilde geben,“
sagte der Vater. „Jener dicke Junge dort ist ein Prachtbursche. Seine
dunklen Augen funkeln wie Sterne. Sein blendendweißes Gebiß gleicht
einer Perlenschnur. Und nun sein sonnverbranntes Gesicht! Diese braune
Gesichtsfarbe vollendet seine Schönheit.
Aber auch jenes kleine Mädchen dort gefällt mir. Sein pechschwarzes
Haar sieht reizend aus. Solche volle Zöpfe sind unter unsern Kindern
etwas Seltenes. Und wieder diese strahlenden Augen! Sind diese
rollenden Augen nicht eine Pracht?
Und wie kräftig sind alle diese Kinder gebaut! Dein schwächliches
Brüderchen daheim würde sich unter dem Zigeunervölkchen sonderbar
ausnehmen. Selbst unsere sechsjährige Emma würde noch bedeutend
abstechen.
Unsere deutschen Kinder führen freilich auch kein solches Naturleben,
wie diese hier. Diese ihre gekünstelte Lebensweise thut ihrer
Körperentwickelung manchen Eintrag. Trotzdem aber geht ihr aufrichtiger
Wunsch gewiß nicht dahin, ein Zigeunerkind zu sein.“
83. Das Grab der Mutter.
(Eine Doppelbeifügung nach dem Subject.)
In einem Winkel +eines weitläufigen Kirchhofs+ lag ein Grab. Der Sand
+des leichtgewölbten Hügels+ war noch ziemlich frisch. Der Leichenstein
am oberen Ende schien nur gestern erst gesetzt zu sein.
Dieses Grab im einsamen Winkel barg eine Mutter. Die Liebe ihres treuen
Herzens hatte ihrem Leben frühzeitig ein Ziel gesetzt. Die Pflege eines
kranken Kindes erschöpfte ihre Kräfte. Die Nächte ohne erquickenden
Schlaf griffen ihre Nerven an. Endlich befiel auch sie das Fieber des
leidenden Kindes. Die Kunst der geschicktesten Aerzte vermochten sie
nicht zu retten. Die Schwäche ihres angegriffenen Körpers war zu weit
vorgeschritten. Sie starb.
Die Genesung des kranken Kindes schritt kurz darauf vorwärts. Nach
Wochen entsetzlicher Leiden konnte es endlich zum ersten Male
ausgehen. Das Grab der geliebten Mutter war dabei sein Ziel. Die
Dankbarkeit seines echtkindlichen Herzens trieb es dazu.