Die Obsternte hatte stattgefunden. Paul war bei dem Onkel gewesen.

Laura wurde befriedigt. Sie konnte mit dem Ausgleiche sehr zufrieden

sein, denn ihr Aepfelverlust war dreifach ersetzt worden.

„Nicht wahr“, sagte Paul lachend zu ihr, „nun bist Du nicht mehr böse

und wir sind wieder gute Leute?“

„Aller Grimm, den ich in mir gehabt habe“, scherzte Laura „soll für

immer getödtet sein. Du hast es ja auch nur zu gut gewußt, lieber Paul,

daß ich es gar nicht so böse gemeint haben konnte. Ich würde auch

wieder gut gewesen sein, wenn ich die Aepfel nicht ersetzt bekommen

hätte.“

Die Umstandswörter.

55. Die Verirrten.

(Umstandswörter des Ortes.)

Lorenz und Albert waren in den Wald gegangen, um +dort+ Erdbeeren zu

suchen. Der Wald lag +seitswärts+ von ihrem Dorfe und zwar +hochoben+

auf einem Bergrücken. Bei dem Erdbeersuchen daselbst aber hatten sich

die Knaben verirrt und wußten zuletzt nicht mehr, ob sie rechts oder

links, vorwärts oder rückwärts gehen sollten. Nirgends auch stießen sie

auf irgend einen Pfad.

Nachdem sie etwa eine Stunde hin und her und auf und nieder geirrt

waren, fingen sie an zu rufen. Sie riefen überall hin, aber von keiner

Seite kam eine Antwort. Und wieder liefen sie bald hierhin, bald

dorthin, nach einem Ausgange suchend.

Schon ging die Sonne unter und Dämmerung sank in den Wald herab. Da

wurde den Knaben ernstlich bange. „Westlich“, sagte Lorenz, „dürfen

wir unbedingt nicht weiter gehen. Wir müssen uns ostwärts halten. Auch

dürfen wir nicht aufs neue aufwärts, sondern müssen abwärts steigen.“

„Weißt Du was“, erwiderte Albert, „laß uns hier, rechts von dieser

Felswand, hinabklettern. Ich glaube, dort unten muß unser Thal liegen.“

Lorenz stimmte diesem Vorschlage bei und so kletterten die Knaben den

Abhang hinunter. Lorenz, als der Aeltere, stieg voran, Albert dagegen

hielt sich mehr hinten.

Der Weg war nicht ungefährlich, denn es rollten sehr oft Steine von

oben herab, auch gab es links und rechts kleine Schluchten.

Nach einem halbstündigen Marsche gelangten sie endlich, zu ihrer großen

Freude, hinab in ein breites Thal. Hier sahen sie ein Licht von drüben

herüberschimmern. Auf dieses Licht steuerten sie zu. Unterwegs stießen

sie indeß noch auf ein Hinderniß, auf einen ziemlich breiten Bach.

„Hilft nichts“, sagte Lorenz, „hier heißt’s: Hindurch und hinüber! Wenn

wir auch unten ein wenig naß werden.“

Bald war das Licht und mit ihm eine Hütte erreicht. Das Licht stand

vorn an einem kleinen Fenster. Daneben saß ein alter Waldarbeiter und

las in einem Kalender. Er schien mitten in einer schönen Erzählung zu

sein.

Die Knaben klopften an. Augenblicklich kam der Alte heraus. Kaum hatte

er das Mißgeschick der Knaben vernommen, zündete er eine Laterne an und

brachte die Verirrten eine Stunde weit das Thal dahin in ihr Vaterdorf

zurück.

56. Ein Brief.

(Umstandswörter der Zeit.)

Liebe Susanne!

Erst +neulich+ hast Du mir versprochen, daß Du mich +nächstens+

besuchen wollest. +Heute+ aber sind nun schon fünf Tage vergangen und

+immer+ noch erwarte ich Deine Ankunft vergeblich. Viertelstundenlang

habe ich gestern und auch heute früh nach Dir ausgeschaut, aber wer

nicht kam, war meine liebe Susanne.

Da Du nun stets Wort gehalten hast, fange ich bereits an, zu fürchten,

daß Du unwohl geworden sein könnest. Sei doch so gut und schreibe

mir sofort, ob Du krank bist, oder was Dich sonst gestern und

vorgestern und noch früher von Deinem Besuche abgehalten hat. Wenn Du

Dich sogleich hinsetzest -- und wäre es auch abends noch -- und mir

antwortest, kann Dein lieber Brief spätestens morgen zehn Uhr in meinen

Händen sein.

Jetzt laß Dir nun noch in aller Eile erzählen, was sich, seit wir uns

das letzte Mal trafen, zugetragen.

Denke Dir nur, Nachbars Lenchen, die sonst immer so gesund aussah,

liegt schon seit vorvorgestern hart darnieder. Sie klagt fortwährend

über Kopfschmerzen und fiebert unaufhörlich. Erst seit heute hat sich

etwas Schlaf eingestellt. Die Eltern haben natürlich sehr bald einen

Arzt gerufen. Dieser hat die Kranke augenblicklich untersucht und

verordnet, daß sie täglich zwei Stunden ununterbrochen schwitzen muß.

Leider aber hat er auch gleich sagen müssen, daß der Krankheitszustand

nicht blos noch tage-, sondern noch wochenlang anhalten könne.

Das arme Lenchen! Weißt Du noch, wie wir unlängst zusammen in der Laube

saßen und spielten? Damals ahnte sie noch nicht, daß sie gegenwärtig

werde das Bett hüten müssen. Möge ihr der liebe Gott recht bald die

verlorene Gesundheit wiederschenken!

In der Hoffnung, umgehende Antwort von Dir zu erhalten begrüßt Dich

aufs herzlichste

Deine

Dir ewig getreue

+Natalie+.

57. Der tolle Reiter.

(Umstandswörter der Zeit.)

Der junge Baron von Sydlow galt als ein sehr kühner Reiter. Die armen

Pferde hatten es freilich nicht zum besten bei ihm. Dasjenige, welches

er +eben+ geritten hatte, rauchte +gewöhnlich+, wie ein Backofen.

+Selten+ ritt er blosen Schritt. +Zuweilen+ fegte er dermaßen die

Straßen entlang, daß Kies und Funken stoben. Oft sah man dann vor

Staub weder Pferd noch Reiter. Manchmal schon waren Menschen in Gefahr

gekommen, von ihm überritten zu werden. Oefters auch war er schon

gestürzt, ohne indeß erheblichen Schaden zu nehmen.

Der Baron wurde von seinen Freunden wiederholt vor diesem gar zu tollen

Reiten gewarnt. Sie sagten, es könne doch einmal schlimm ablaufen.

Darauf aber erwiderte er jedesmal: „Mir kann nichts passiren. Selbst

wenn mein Pferd einmal stürzt, komme ich allemal auf meine Beine zu

stehen.“

Allein der Krug geht insgemein so lange zu Wasser, bis der Henkel

bricht.

Der Baron ritt regelmäßig jeden Morgen um neun Uhr aus und traf

niemals später als um elf Uhr wieder in seinem Schlosse ein. Eines

Morgens sprengte er auch wieder zum Thore hinaus, aber -- um nimmer

wiederzukommen.

Von elf Uhr an erwartete man seine Heimkehr stündlich. Er aber kam

nicht. Da endlich brachte eine alte Botenfrau, die täglich auf dem

Schlosse verkehrte und den jungen Herrn schon jahrelang kannte, die

Nachricht, daß er sammt seinem Pferde in einem tiefen Steinbruche läge.

Roß und Reiter aber seien todt.

Man eilte sogleich hin an den Ort und fand die Hiobspost vollkommen

bestätigt. Wie der Baron mit seinem Pferde in den Steinbruch gerathen

war, konnte nicht ermittelt werden.

An der Stelle, wo das Unglück geschehen war, wurde ein Kreuz errichtet

und dieses traurige Denkmal alljährlich am Todestage des tollen Reiters

frisch bekränzt.

58. Am Bache.

(Umstandswörter der Weise.)

Eines Tages ging ein Großvater mit seinem Enkel +gemüthlich+ im Walde

spazieren. Indem sie +so langsam+ dahin gingen, kamen sie an einen

Bach. Seine Wellen plätscherten +lustig+ dahin. Die kleinen, silbernen

Schaumperlen drängten unaufhaltsam vorwärts. Ebenso eilig rollten

Hunderte von Sandkörnchen auf dem klaren Grunde dahin.

Vor diesem Bache blieb der Großvater plötzlich stehen. „Sieh Dir dieses

Wässerchen einmal recht genau an“, sagte er hierauf bedächtig zu seinem

Enkel. „Es redet gar ernst zu Dir! Es predigt Dir nachdrücklich eine

wichtige Lehre.“

Der Knabe sah dem Wellenspiele eine Weile unverwandt zu und sagte dann

wie verwundert: „Was meinst Du damit, Großpapa?“

„Sieh, mein Kind“, erwiderte dieser feierlich, „wie diese Wellen

schnell dahinfließen, so rastlos flieht die Zeit, so eilig geht unser

Leben dahin. Ist es doch, als treibe ein Tropfen den andern. Ebenso

drängt mächtig eine Stunde die andere. Umsonst suchst Du hier ein

Tröpfchen, das noch einmal umkehre. Vergebens flehst Du eine Stunde

Deines Lebens zurück. Stracks eilt hier jeder Tropfen dem großen Oceane

zu. Gerade so eilen unsere Tage in das Meer der Ewigkeit.

Ob wir fromm und weise leben, oder anders: unser Weg geht schnurgerade

nach dem Grabe. Tausende kommen unerwartet dort an und blicken dann

oft reuevoll auf ihre Vergangenheit zurück. Darum hüte Dich fein, mein

lieber Sohn, daß es Dir nicht auch einmal also ergehe.“

59. Der Geizhals.

(Umstandswörter der Stärke.)

Der Bauer Murmel war +überaus+ geizig. Er aß sich +kaum+ satt. Er trank

nie ein Glas Bier, wie andere Bauern, sondern +nur+ Wasser. Ein Rock

mußte bei ihm mindestens zwanzig Jahre halten. Er arbeitete von früh

bis abends fast ununterbrochen. Dabei strengte er sich oft dermaßen an,

daß er plötzlich entkräftet zusammensank.

Höchst selten schlief er länger als vier Stunden. Sehr oft sah man

ihn sogar noch vor Sonnenaufgang wieder auf dem Felde arbeiten. Des

Sonntags an eine kleine Erholung zu denken, davon war er weit entfernt.

Er sah es sogar nie gern, wenn ihn an diesem Tage irgend ein Freund

besuchte. In die Kirche ging er gar nie. Das kostete ihn zu viel

Zeit. Von ihm auch nur eine kleine milde Gabe zu erlangen, hielt

außerordentlich schwer. Selbst die gesetzlichen Steuern zu zahlen,

wurde ihm unsäglich sauer.

Seine Dienstboten hatten es unerhört schlecht bei ihm. Ihre Kost war

unbeschreiblich mager und kärglich. Und dabei nun Lust und Liebe

zur Arbeit zu zeigen, war doch am Ende zu viel verlangt. Uebrigens

behandelte er sie beinahe wie Sklaven. Kein Wunder daher, daß er

wenigstens alle Vierteljahre neue Leute hatte.

Auf diese Weise scharrte Murmel freilich schrecklich viel Geld

zusammen. Die ärmeren Leute des Ortes hielten ihn sogar für

unmenschlich reich. Was aber half ihm all sein Reichthum? Der Tod

klopfte doch eines Tages unerbittlich auch an seine Thür. Daß aber der

Geizhals nun von seinen Schätzen Abschied nehmen sollte, machte ihm die

Sterbestunde ungeheuer schwer. Er kämpfte entsetzlich. Der Tod aber

schloß ihm endlich erbarmungslos die Augen und bald darauf theilten

sich seine Erben höchlichst vergnügt in seine Güter.

60. Die Landbewohner.

(Umstandswörter der Aussageweise.)

„Es ist +durchaus+ unrecht“, sagte eines Tages Vater Wolfram zu seinen

Kindern, „daß manche Städter die gewöhnlichen Landleute mißachten.

Diese haben +freilich+ keine hohe Schule besuchen können. Sie sprechen

+kein+ regelrechtes Deutsch. Sie gehen nicht in Sammt und Seide einher.

Sie kleiden sich überhaupt keineswegs stets nach der neuesten Mode.

Sicher aber sind sie trotzdem ganz ehrbare Leute.

Es finden sich wohl unter den Landbewohnern zuweilen rohe Naturen.

Aber sind dergleichen etwa innerhalb der Stadt vergeblich zu suchen?

Vielleicht trifft man gerade in den Städten oft mehr Ungeschliffenheit

unter dem niederen Volke, als auf dem Lande. Jedenfalls darf sich

keine Stadt rühmen, lauter anständige Bewohner zu zählen. Wir Städter

würden es sicherlich bitter empfinden, wenn die Landleute uns einmal

ihre Dienste versagen wollten. Wer Vorrath an Lebensmitteln hätte,

könnte es allenfalls einige Wochen mit ansehen. Die Anderen aber würden

wahrscheinlich sehr bald flehentlich bitten: Kommt wieder, Ihr lieben

Bauern und bringt uns Brod, wir müssen ja sonst verhungern!

Darum, Kinder, fragt Euch, ob Ihr vielleicht auch einmal verächtlich

auf jene Leute hingeblickt habt. Und wäre es ja der Fall gewesen, so

dürfte das schlechterdings nicht wieder vorkommen.

Möglicherweise gehe ich in nächster Zeit mit Euch einige Tage auf

das Land, dann werdet Ihr Euch gewiß selbst überzeugen, daß die

Landbewohner wirklich allermeist kreuzbrave Leute sind, die unbedingt

unsere Achtung verdienen. Wer freilich stolz auf sie herabblickt, dem

begegnen sie allerdings nicht selten mit Mißtrauen.

Werdet Ihr sie bei ihrer schweren Arbeit auf dem Felde sehen, denkt

Ihr gewiß bei Euch: Nein, um dieses Loos sind sie wahrlich nicht zu

beneiden! Und doch, Kinder, hört man sie fast nie klagen, daß sie so

recht im Schweiße ihres Angesichts ihr Brod essen müssen.“

61. Die Staare.

(Umstandswörter der Frage.)

„+Was+ sind denn das für Kästchen, die dort auf den Bäumen hängen?“

fragte der kleine sechsjährige Gustav seinen Vater, mit dem er eben an

einem Garten vorüberging.

„Das sind Staarmästen, mein Sohn“, sagte der Vater.

„+Wozu+ sind denn diese Staarmästen da, Papa?“

„Damit die Staare ihre Nester hineinbauen können.“

„+Wovon+ bauen denn die Staare ihre Nester?“

„Meist aus Stroh, Heu und Moos.“

„Aber womit bauen sie denn? Sie haben ja keine Werkzeuge, wie Du, Papa,

wenn Du einmal etwas baust?“

„Sie bauen mit ihrem Schnabel und mit ihren Füßen.“

„Wo sind denn aber jetzt die Staare? Man sieht ja keinen?“

„Sie sind zur Zeit noch nicht von ihrer Reise zurück, lieber Gustav.“

„Wohin sind sie denn gereist?“

„Nach wärmeren Ländern, weil es ihnen bei uns zu kalt wurde.“

„Wann reisten sie denn ab?“

„Sie reisen stets mit Eintritt des Herbstes von uns fort, weil es ihnen

eben bei uns zu kalt wird.“

„Wie finden sie denn aber den Weg hin und zurück?“

„Den zeigt ihnen der liebe Gott, mein Sohn.“

„Ob sie denn nun bald wiederkommen?“

„Es kann nicht lange mehr dauern.“

„Woher weißt Du denn das?“

„Weil der Februar bald zu Ende geht und Anfang März kehren sie

gewöhnlich zurück.“

„Aber, sage mir, Papa, weshalb bauen denn die Staare ihre Nester nicht

zwischen die Aeste, wie andere Vögel?“

„Ganz einfach. Weil sie die geschützten Räume lieben.“

„Und warum hängt man denn nicht auch für die Finken und Zeisige solche

Mästen auf?“

„Weil diese Vögel es vorziehen, ihre Nester frei zwischen die Zweige zu

bauen.“

„Wieviel Eier legt denn ein Staar?“

„Vier bis sechs Stück und das jährlich zwei- bis dreimal.“

„Papa, da fällt mir eben ein, daß einmal unsere Köchin sagte, man könne

die jungen Staare essen, aber man dürfe es nicht. Weswegen denn?“

„Weil die Staare sehr viel Ungeziefer vertilgen und deshalb sehr

nützlich werden.“

„Papa, sieh, sieh! Dort setzte sich eben ein schwarzer Vogel auf den

Baum. Nicht wahr, das ist ein Staar?“

„I bewahre, Gustav.“

„Wofür hältst Du ihn denn?“

„Es ist eine Amsel.“

62. Eine Wanderschaft.

(Wiederholung der Umstandswörter.)

Hans, der noch sehr jung, aber schon ziemlich leichtsinnig war, ging

eines Tages gänzlich unerwartet auf die Wanderschaft. Wo er eigentlich

hin wollte, wußte er nicht. Ob ihn sein Wanderstab hierhin oder dorthin

führen werde, war ihm ganz gleich. Er meinte immer, es sei überall viel

zu sehen und man dürfe sich deshalb auch nirgends zu lange aufhalten.

Trotzdem aber saß er zuweilen stundenlang auf einem Berge und stierte

träumerisch in die Welt hinein. Bald sah er links, bald rechts, bald

vorwärts, bald rückwärts.

Nur selten nahm er Arbeit an. Hatte er einmal kein Geld mehr, schrieb

er schleunigst heim an seine Mutter und flugs kamen wieder einige

Kassenscheine angewandert. „Heisa!“ jubelte er nun da gewöhnlich,

„jetzt habe ich wieder Geld! Jetzt frisch und fröhlich weiter!“

So durchwanderte er sorgenlos, aber eigentlich auch zwecklos Städte

und Länder und war jederzeit wohlgemuth. An den wirklichen Zweck des

Wanderns dachte er selten und nie ernstlich. „Heute hier, morgen dort

und immer lustig und gut leben“ war sein Wahlspruch.

Fünf Jahre war er jetzt bereits auf Reisen. Sein Aeußeres hatte sich

in dieser Zeit merklich verändert. Ein starker Bart bedeckte über

und über sein Gesicht. Das blühende, zarte Roth war längst von den

Wangen gewichen. Sie hatten sich tief gebräunt. Sein Körper war hoch

aufgeschossen und hatte sich kräftig entwickelt. Seine früher dünne

Stimme klang jetzt tief, voll und männlich.

Da beschloß Hans endlich, wieder heimzukehren. Und mit der Ausführung

dieses Entschlusses zögerte er auch keineswegs lange. Als ihn wenige

Tage darauf einmal der Regen tüchtig durchpeitschte, kehrte er

plötzlich um und nahm seinen Weg schnurstracks nach Hause.

„Ob man mich denn daheim wiedererkennen wird, oder nicht?“ dachte er

still für sich.

Er reiste jetzt außerordentlich schnell. Nirgends rastete er lange.

Er gönnte sich kaum Zeit, gehörig auszuschlafen. Bald war die Heimat

erreicht. Langsam schritt er jetzt sein Vaterdorf entlang. Die Leute

gingen stumm und gleichgiltig an ihm vorüber. Niemand erkannte ihn,

sogar seine Schwester nicht. Kaum aber erblickte ihn seine Mutter, die

zufällig unter der Hausthür stand, rief sie ihn sogleich bei seinem

Namen und fiel ihm gerührt und weinend um den Hals.

Was aber hatte dem Hans die lange Wanderschaft wirklich genützt?

Nichts, wenigstens nicht viel. Er hatte nur gesehen, hatte blos gut

gegessen und getrunken, aber blutwenig gelernt.

Das Verhältnißwort.

63. Das Vaterhaus.

(Verhältnißwörter des Ortes.)

Ach wie gern, schrieb ein siebzigjähriger Greis, denke ich noch heute

+an+ mein liebes Vaterhaus zurück! Es war eigentlich nur eine Hütte

und stand dicht +an+ einem Felsen +in+ dem schönen Lande Tyrol. +Auf+

ihrem niederen Moosdache blühten niedliche Waldblümchen. Ach, unter

ihnen habe ich manch schönen Knabentraum geträumt! Hinter den schmalen

Fenstern standen im Sommer stets Sträußchen Alpenrosen und Edelweiß.

Neben der Hausthür kletterte wilder Epheu an der Wand empor. Ueber

der Thür war ein Muttergottesbild gemalt. Noch sehe ich, wie lieb die

fromme Maria auf uns Kinder herniederschaute!

Vor der Hütte rann ein frischer Waldbach murmelnd dahin. Zwischen

ihm und dem Häuschen lag ein kleines Gärtchen, das uns Salat, Möhren

und Rüben in die Küche lieferte. Oberhalb des Gärtchens führte ein

schmaler Steg über das Wässerchen. Jenseits desselben beschattete

niederes Gebüsch die Silberwellen und diesseits desselben zog sich eine

blumenreiche Wiese hin.

Wie oft habe ich an diesem Bächlein gesessen, wenn über ihm die Mücken

spielten und innerhalb seiner Tümpel die Schmerlen hin- und herhuschten.

Unterhalb unserer kleinen Besitzung hatte mein Vater ein kleines Wehr

erbaut. Vor demselben staute natürlich das Wasser und so hatten wir

zur heißen Sommerzeit ein kühlendes Bad. Welche Lust in dem frischen

Wasser! Wie Frösche hüpften wir in die klare Tiefe, wie Fische tauchten

wir unter das Wasser, wie kleine Wassernixe tanzten wir dann wieder

längs des Ufers hin. Kein Wunder, daß wir des Tages mehr als einmal zu

dem erquickenden Plätzchen eilten.

Aber auch außerhalb des engen Kreises unserer Häuslichkeit gab es

für uns Kinder viel Lust. Wie herrlich war es, wenn wir unsere zwei

Geisen hinter die Felsen an den stillen Schwummersee führen konnten!

Während sie nach den saftigen Kräutern gingen, legten wir uns zwischen

schattiges Gebüsch oder hinter einen Felsblock. Hatten sich die Geisen

gesättigt, streckten auch sie sich zuweilen neben uns hin.

Läutete dann das Abendglöcklein von der Dorfkapelle, ertönte kein Laut

mehr aus den Zweigen, zogen wir heimwärts, singend und jodelnd bis vor

unsere Hütte.

O schöne, süße, goldene Jugendzeit im geliebten Vaterhause!

64. Vor Paris.

(Verhältnißwörter der Zeit.)

+Während+ der Belagerung stand ein deutscher Soldat auf Vorposten. Er

war erst +vor+ zwei Tagen aus dem Lazarethe entlassen worden und noch

etwas schwach. +Seit+ dem frühen Morgen schon quälte ihn der Hunger.

Aber unter zwei Stunden durfte er den Brodbeutel noch nicht öffnen.

Binnen dieser Zeit mußte er seine Augen streng auf die feindlichen

Wälle gerichtet halten.

Da trat eine arme Mutter mit drei todtenblassen Kindern an ihn heran

und flehte um einen Bissen Brod. Sie habe, erzählte sie, schon vor

dem letzten Ausfalle Paris verlassen und irre bereits seit drei Tagen

umher. Während dieser Zeit aber hätten sie und ihre Kinder noch keinen

Bissen zu essen gehabt.

Nach kurzem Besinnen griff der brave Soldat in seinen Beutel und

reichte den Aermsten all sein Brod. „Hier, eßt“, sagte er. „Habe ich

auch bereits bei acht Stunden Hunger gelitten, ich halte es noch aus,

Ihr aber würdet binnen vierundzwanzig Stunden dem Hungertode erlegen

sein.“

65. Die Rückkehr der Helden.

(Verhältnißwörter der Weise.)

+Unter+ dem Geläute der Glocken zogen die rückkehrenden Krieger

in die Residenz ein. +Mit+ Sang und Klang marschirten sie die

reichgeschmückten Straßen dahin. Die Reihenfolge der verschiedenen

Truppen war nach dem Befehle des Feldmarschalls bestimmt worden.

Ohne Heuchelei wurden die Helden von allen Seiten aufs herzlichste

begrüßt. Sie sahen, wider alles Erwarten, frisch und munter aus,

obgleich viele von ihnen heute schon mehrere Stunden bei heißem

Sonnenbrande marschirt waren. Selbst dem Feldmarschall, der sammt

seinem Stabe die Spitze bildete, schien dieser wahrhaft begeisterte

Empfang gegen alle Voraussetzung zu sein.

Mit Blumen reich geschmückt langten endlich die Soldaten in ihren

Quartieren an, wo sie unter warmen Händedrücken empfangen wurden und

sich nun meist bei einer Flasche Wein gütlich thun konnten. Da trank

denn auch mancher alte Papa heute fast wider seinen Willen und gegen

seine Gewohnheit ein Gläschen mehr mit dem glücklich heimgekehrten

Sohne.

Freilich verlief das schöne Fest auch in mancher Familie nicht ohne

bittere Thränen. Zuweilen den einzigen Sohn, ein Kind nach aller

Herzen, hatte die feindliche Kugel durchbohrt. Er kehrte sammt vielen

Tausenden nie mehr heim!

66. Joachim.

(Verhältnißwörter des Grundes.)

Der erst zwanzigjährige Joachim stand +wegen+ eines Raubanfalls vor

Gericht. +Laut+ Aussage seines Vaters hatte er sich als Knabe sehr

naschhaft gezeigt. Der Ordnung gemäß wurde auch sein ehemaliger

Lehrer über seine Aufführung als Schüler befragt. Zufolge dieses

Schulzeugnisses hatte es Joachim im Bezug auf Ehrlichkeit nie recht

genau genommen. Um eines lumpigen Schiefers willen, den er doch für

einen Pfennig haben konnte, war er sogar einmal vermittelst eines

Nagels in seines Nachbars Schränkchen eingebrochen.

„Vermöge seiner Geistesanlagen“, schloß des Lehrers Zeugniß,

„hätte Joachim etwas Tüchtiges lernen können. Aus purem Leichtsinn

aber blieb er hinter allen seinen Mitschülern zurück. Kraft eines

Lehrerconferenz-Beschlusses mußte er deshalb einmal vier Wochen lang

auf der Strafbank sitzen.“

Den Raubanfall hatte Joachim mehr aus Rache, als um des Raubes willen

ausgeführt. Laut seiner Auslassungen sollte ihn der Angefallene einmal

infolge eines Kirschendiebstahls grausam durchgeprügelt haben. Auch

habe er ihn wegen eines kleinen Schimpfwortes einmal tüchtig an den

Haaren gezaust. Daß er ihn mittels eines dicken Stockes auf den Kopf

geschlagen habe, zufolge dessen der Mann niedergestürzt sei, leugnete

Joachim. Er habe, sagte er, ihm blos mit der Hand einen Stoß versetzt

und es wäre wohl möglich, daß er infolge dieses Stoßes hingefallen sei.

Dem Urtheile der Richter gemäß wurde Joachim für schuldig erkannt

und erhielt für seine That, kraft des Strafgesetzbuches, fünf Jahre

Zuchthaus.

67. Die Mühle.

(Wiederholung aller Arten Verhältnißwörter.)

In einem düsteren Waldgrunde stand seit langer Zeit eine Mühle. Sie

lehnte mit ihrer Rückseite an einem kleinen Hügel. Eine alte Linde

breitete ihre schattigen Aeste über sie hin. Vor der Mühle lag ein

kleines Blumengärtchen. Oberhalb derselben, mehr nach einem Felsen zu,

erblickte man zwischen Gebüsch einen Teich, aus dem sich ein Bächlein

unter dumpfem Gemurmel hervorschlängelte. Es eilte in raschem Laufe auf

die Mühle zu. Dort stürzte sich sein Wasser mit ziemlichem Geräusche

über das Mühlrad und setzte dieses, vermöge seiner Schwere, in Bewegung.

Das Mühlrad klapperte ohne Ruh und Rast bei Tag und Nacht. Nur am

Sonntage, um der Sabbathfeier willen, stand es still. Laut einer

Verordnung hätte sonst der Müller vor Gericht Strafe zahlen müssen.

Viele Stunden im Umkreise gab es kein Haus. Des Müllers Kinder waren

ohne alle Kameraden. Selten traten sie aus dem Thale hinaus. Die

Blumen am Bachrande waren ihre Bilder, die Fischlein im Wasser und die

Käfer auf und unter den Blumen ihre Gespielen, die Vöglein innerhalb

des Thales ihre Singlehrer.

Im Winter kamen sie selten aus der Stube. Sie nähten dann Säcke aus

grober Leinwand für ihren Vater. So führten sie während des Sommers und

Winters ein einsames Leben. Und doch hingen sie mit ganzem Herzen an

ihrem Vaterhause und hätten um keinen Preis dasselbe mit einem andern

vertauscht.

Sprachbilder nach bestimmten Sprachregeln Ein einfaches und praktisches Hilfsbuch für den deutschen Sprachunterricht in der Volksschule · 第 5 / 18 段