Eines Tages aber sagte sein Vater zu ihm: „Theodor, heute werden wir

eine kleine Reise unternehmen. Ziehe Deine Sonntagskleider an. Hänge

Deine Botanisirtrommel um. Nimm Dein Spazierstöckchen und stecke Dein

Notizbuch zu Dir. Wir werden heute unsern alten Onkel überraschen, der

ein großes Bauergut besitzt. Das Leben und Treiben auf diesem Gute wird

Dir gewiß Vergnügen bereiten.“

Nach etwa zwei Stunden sahen Vater und Sohn das betreffende Dorf

im Thale liegen. Bald war des Onkels Besitzthum vollends erreicht.

Freundlich begrüßten sie den Alten. Herzlich hieß dieser die Gäste

willkommen.

Nachdem ein gutes Frühstück eingenommen war, verließ Theodor das

Zimmer. Er wollte dem Hofe einen Besuch abstatten. Aber welches Leben

entdeckte er hier! Welch buntes Treiben gewahrten seine Augen! Bunte

Tauben pickten ihr Frühstück von der Erde auf. Eine alte Gans führte

ihre Jungen dem nahen Teiche zu. Der Pfauhahn schlug ein Rad mit seinem

Schweife. Schwalben bauten Nester unter das Dach. Junge Schweine

durchwühlten den Düngerhaufen. Ammi, der Haushund, jagte den alten

Kater über den Hof. Der Kettenhund bewachte eifrig das Thor und wollte

seine Kette zersprengen, wenn er einen fremden Menschen gewahrte.

Hier schirrte ein Knecht die Pferde ein und bespannte dann den Wagen.

Ein anderer führte ein schmuckes Füllen aus. Ein dritter wetzte die

Sense. Dort, auf einer Tenne, drasch man Getreide. Auf einer andern

reinigte man Korn. Auf einer dritten siebte man Weizen.

Auch die Kuhställe boten viel Unterhaltendes. Die Großmagd fütterte die

Kühe. Die Mittelmagd streute ihnen frisches Stroh unter. Die Kleinmagd

melkte die Ziege. Ein Ziegenböcklein neckte unaufhörlich seinen

Nachbar, ein scheckiges Kälbchen. Eine Heerde Kaninchen knapperte

frische Krautblätter. Oben im Hühnerstalle saßen zwei Hühner und legten

Eier.

Theodor durchstreifte jetzt auch den Garten. Wohin er sein Auge

richtete, entdeckte er auch hier immer neue Bilder. Und so gewährte

ihm das Landleben außerordentlich viel Freuden. Zuletzt wußte er nicht,

sollte er das Stadt- oder das Landleben mehr loben.

43. Nach der Schlacht.

(Unbezügliche Zeitwörter.)

Die Waffen +ruhen+. Die Kanonen +schweigen+. Ihre Mündungen +gähnen+

stumm in die Nacht hinaus. Die Reiter +sitzen ab+. Kein Säbel blitzt

mehr im Sonnenglanze. Keine Flintenkugel heult und summt und zischt

mehr durch die Luft. Die Soldaten hungern und dursten. Die Müdigkeit

aber ist mächtiger als Hunger und Durst, und so liegen sie umher und

schlafen. Nur der Wachtposten steht und lugt aufmerksam nach dem

Schlachtfelde.

Dort sitzt freilich noch Mancher und blutet. Dort liegt noch Mancher

und stöhnt und jammert. Wohl lächelt der Sieg, wohl duftet schon der

Siegeskranz, aber die Schmerzen der Wunden wüthen immer ärger und ärger

und lassen keine Freude aufkommen. Viele der Armen wachen und wimmern

die ganze Nacht, ohne daß ihnen Hilfe werden kann. Ihre Hoffnung auf

Rettung schwindet endlich. Hunderte verscheiden noch. Die Zahl der

Todten wächst mit jeder Stunde.

Alle Aerzte sind beschäftigt, die Verwundeten zu verbinden. Ein Wagen

nach dem andern fährt vor den Lazarethen vor, die Unglücklichen

herbeizubringen. Die Sanitätssoldaten schwitzen bei ihrer anstrengenden

Arbeit. Ganze Reihen mit Tragen, auf denen Verwundete liegen, kommen

daher. Ja, das Elend nach einer Schlacht ist groß. Millionen jubeln und

Tausende bluten!

44. Arbeitsstunde.

(Bezügliche und unbezüglich gebrauchte Zeitwörter.)

Eines Morgens trat der Direktor in die Arbeitsräume seines Institutes.

Er wollte sehen, ob sich alle Schüler nützlich beschäftigten. In dem

einen Zimmer saßen Knaben, in dem andern Mädchen. Ein Blick über die

Knaben hinweg sagte ihm, daß alle thätig waren. Walther +schrieb+,

Günther +malte+, Berthold +zeichnete+, Thomas rechnete, Ewald pappte,

Rudolph schnitzte, Just heftete und Valentin las.

Ebenso regsam ging es in der Mädchenklasse zu. Sophie nähte, Fanny

strickte, Elfriede stickte, Olga häkelte, Rosalie flechtete, Susanne

lernte auswendig, Ottilie studirte in einem Buche, Helene sang und

Jenny wiederholte eifrig.

Von hier ging der Direktor in die Küche, denn auch hier waren Mädchen

beschäftigt. Er fand alle bei ihrer Arbeit. Lottchen kochte, Anna

röstete, Louise bratete und Doris wusch auf.

Eine Stunde später durchschritt der Direktor die Räume noch einmal,

um sich nun genauer zu überzeugen, worauf sich denn eigentlich die

verschiedenen Thätigkeiten seiner Schüler erstreckt hätten. Da fand

er denn Folgendes: Walther +schrieb einen Brief+, Günther +malte

eine Landschaft+, Berthold +zeichnete einen Esel+, Thomas rechnete

ein großes Divisionsexempel, Ewald pappte sich eine Mappe, Rudolph

schnitzte ein Federkästchen, Just heftete ein Schreibebuch und Valentin

las ein lustiges Märchen.

In der Mädchenklasse sah er, daß Sophie eine Schürze nähte, Fanny einen

Strumpf strickte, Elfriede ein Paar Schuhe stickte, Olga eine Börse

häkelte, Rosalie einen Klingelzug flocht, Susanne ein Gedicht lernte,

Ottilie die Pflanzenklassen studirte, Helene die Wacht am Rheine sang

und Jenny die Reformationsgeschichte wiederholte.

Als der Direktor in die Küche gehen wollte, kam ihm seine Frau

entgegen. „Nun“, sagte er zu dieser, „was haben denn Deine kleinen

Köchinnen heute geschafft?“

„Lottchen“, erwiderte die Direktorin, „hat Suppe gekocht, Anna Kirschen

geröstet, Louise ein Hühnchen gebraten und Doris Schüsseln und Teller

aufgewaschen, denn das müssen die Mädchen auch lernen.“

Der Direktor war mit dem Fleiße der Schüler sehr zufrieden und sprach

ihnen sein Lob aus.

45. Eine Angstnacht.

(Unpersönliche Zeitwörter.)

In einem einsamen Felsenthale stand eine kleine, ärmliche Hütte. Darin

saßen an einem schwülen Sommertage die Bewohner derselben, eine arme

Bergmannsfamilie, bei ihrem Abendbrode.

„Es +wird+ wol heute Abend noch +regnen+“, sagte der Vater. „Es

+umwölkt+ sich nach Sonnenuntergang zu.“

„Leicht möglich“, erwiderte die Mutter, „es hat schon lange mit Regen

gedroht.“

„Es wird wol gar ein Gewitter geben“, sagte einige Minuten später der

älteste Knabe. „Es blitzt schon und -- höre ich recht -- es donnert

auch bereits in der Ferne.“

Daraufhin ging der Vater hinaus, um nach dem Himmel zu sehen. „Es kann

ein hartes Gewitter kommen“, meinte er bei seiner Rückkehr. „Es tost

und braust gewaltig in der Ferne. Und oben in den Tannen rauscht und

heult es, als ob das wüthende Heer im Anzuge wäre.“

Binnen einer Viertelstunde stand das Gewitter über dem Thale und ein

furchtbarer Sturm brach los. „Hört nur“, sagte die Mutter bänglich,

„wie es draußen tobt und saust und wirthschaftet! Es gießt wie mit

Gießkannen! Hu! wie es den Hausgiebel peitscht und wie es an die

Fenster schlägt! Still! Krachte es nicht jetzt auf dem Dache?“

Alle lauschten. „Der Sturm wird einen Balken losgelöst haben“, sagte

der Vater. „Hört nur auch, wie es in den alten Schindeln rasselt und

hämmert und klappert! Das Dach wird morgen gut aussehen.“

Kaum hatte der Vater diese Worte gesprochen, zuckte ein mächtiger Blitz

durch die Nacht und gleich darauf folgte ein furchtbarer Schlag. „Jetzt

hat es sicher eingeschlagen“, rief der zehnjährige Gotthelf entsetzt.

„Sei nur ruhig, mein Sohn“, tröstete die Mutter, „es täuscht dies auch

oft.“

„Horch!“ versetzte bald darauf der ältere Knabe. „Es läutet drüben auf

der Kapelle. Es muß irgendwo brennen!“

„Es schlägt vielleicht bloß zehn Uhr“, entgegnete der Vater.

„Nein, nein“, sagte jener wieder, „ich höre es ganz deutlich, daß es

stürmt.“

Wieder gebot jetzt die Mutter, aufzuhorchen. „War mir’s doch“, sagte

sie, „als ob es draußen unter den Fenstern wimmere! Ja, ja, ganz

sicher! Es wimmert und weint und schluchzt! Horcht! Jetzt klopft es an

die Thür! Wer mag das sein?“

Der Vater eilte hinaus und brachte einen Bettler mit seinem jammernden

Kinde herein. Der Arme hatte sich verirrt und bat um Obdach für diese

Nacht, was ihm gern gewährt wurde.

Es wetterte, schloßte und hagelte wohl noch eine Stunde fort. Erst

gegen Mitternacht verzog sich das Gewitter und ließ die armen Leute zur

Ruhe gehen.

46. Auf dem Spielplatze.

(Abwandlung der Zeitwörter nach den Personen.)

„Ich +spiele+ gern Soldaten“, sagte Bruno, als eine Anzahl Knaben

beriethen, womit man sich unterhalten wolle. „Aber ich weiß schon“,

wendete er sich an Karl, „Du +spielst+ lieber Jagd. Und Otto dort hat

auch keine Lust dazu. Er +spielt+ am liebsten Räuber.“

„Nun, wißt Ihr was“, sagte Otto, „damit Jeder freie Wahl hat, theilen

wir uns in drei Gruppen. Wir spielen Räuber und Ihr dort spielt

Soldaten.“

„Und die Uebrigen?“ fragte Bruno.

„Sie spielen Jagd“, sagte Otto.

„Was soll denn aber die kleine Marie dort spielen?“ fragte Robert.

„Sie spielt einstweilen mit ihrer Puppe“, versetzte Arno.

„Und das kleine Suschen?“ fragte Robert wieder.

„Es spielt natürlich mit der Marie“, erwiderte Arno.

„Du lachst, Otto?“ fragte plötzlich Arno.

„Ich lache“, versetzte Otto, „weil Emil dort solch schnurrige Grimassen

macht. Sieh nur hin, er lacht selbst über sich.“

„Ach so“, sagte Arno, „ich glaubte, Du lachtest über mich.“

Das Spielen begann. Die Kinder hatten sich in drei Gruppen getheilt und

überall ging es lustig zu. Da auf einmal entstand bei der einen Partei

ein helles Gelächter.

„Ihr lacht doch nicht etwa über uns hier?“ rief Arno hinüber.

„Nein“, rief Otto zurück, „wir lachen wieder über den Emil, den kleinen

Kobold.“

„Und was lachen denn die fremden Kinder dort drüben, die gar nicht zu

unserer Gesellschaft gehören?“ fuhr Arno fort.

„Ach, so laß sie doch“, sagte Otto. „Sie lachen, weil wir lachen, und

das kann uns durchaus nicht stören.“

Nachdem die Kinder eine Stunde gespielt hatten, fingen sie zum Schlusse

auch noch an zu singen. Besonders war es ein Liedchen, das sie gern

immer und immer wieder sangen. In demselben kam der Vers mit vor:

Ich singe, du singest, er singt!

Wie herrlich ein Liedchen doch klingt!

Was immer die Tage auch bringen,

Wir singen, ihr singet, sie singen.

47. Ein Feriengespräch.

(Abwandlung des Zeitwortes nach der Zeit.)

„Was machst Du denn da?“ fragte Bernhard, als er zu Horst ins Zimmer

trat.

„+Ich zeichne+“, erwiderte Horst.

„Womit hast Du Dich denn gestern Nachmittag beschäftigt, Horst?“ fragte

Bernhard wieder.

„+Ich habe+ auch +gezeichnet+“, gab Horst zur Antwort.

„Ich glaubte, Du hättest Klavier gespielt, als ich vorbeiging“, sagte

Bernhard.

„Nein, da hast Du Dich getäuscht, Bernhard“, erwiderte Horst. „+Ich

zeichnete+.“

„Sicher aber arbeitetest Du nicht mehr“, sagte Bernhard, „als es abends

neun Uhr geschlagen hatte, denn um diese Zeit, sah ich kein Licht mehr

in Deinem Zimmer.“

„Allerdings“, entgegnete Horst. „Als es neun Uhr schlug, erholte ich

mich im Garten. Ich hatte da meine Landschaft fertig gezeichnet.“

„Was wirst Du denn morgen vornehmen?“ fragte Bernhard weiter.

„Ich werde wieder zeichnen und zwar einen Affenkampf“, antwortete Horst.

„Und wann gedenkst Du damit fertig zu sein?“ sagte Bernhard.

„Ich werde dieses Bild hoffentlich schon nächsten Sonntag fertig

gezeichnet haben“, meinte Horst. „Aber, sage mir, Bernhard“, fuhr er

fort, „was treibst Du denn jetzt, während der Ferien?“

„Ich schreibe, ich lese, ich turne, ich bade und so weiter“, erwiderte

Bernhard.

„Womit vertriebst Du Dir denn gestern die Zeit?“ fragte Horst wieder.

„Mit Allerhand“, sagte Bernhard. „Ich habe gemalt, an meiner Festung

gebaut und einen Luftballon gefertigt.“

„Und was machtest Du vorgestern“, fuhr Horst fort, „als das

fürchterliche Gewitter kam?“

„Was sollte ich thun?“ erwiderte Bernhard. „Ich ging in der Stube auf

und ab, ich stellte meine Soldaten auf, ich hörte auf die herrlichen

Donnerschläge und sah nach den prächtigen Blitzen. Als das Gewitter

vorüber war, lobte mich mein Vater, denn ich hatte nicht die geringste

Furcht gezeigt; ich hatte gespielt wie immer und hatte sogar meinen

kleinen Geschwistern noch Muth zugesprochen.“

„Wollte nicht Dein Vater verreisen?“ fragte Horst weiter. „Was wirst Du

denn dann anfangen, wenn Du allein bist?“

„Ich werde fleißig spazieren gehen und werde auch meinen Onkel einmal

besuchen“, sagte Bernhard.

„Wolltest Du nicht auch Deine Tante in Berlin einmal besuchen?“

versetzte Horst wieder.

„Dies Jahr noch nicht“, entgegnete Bernhard. „Uebers Jahr aber werde

ich mir so viel Geld gespart haben, daß ich diese Reise unternehmen

kann.“

48. Aus einem Tagebuche.

(Die Aussageweise.)

+Ich stand um sechs Uhr auf.+ Ich glaubte, +es regne+, es war indeß

blos der Wind, der an den Giebel blies. Wenn +es wirklich geregnet

hätte, würde ich mich+ auch geärgert haben. Mein Vater sagte nämlich

gestern Abend noch: „Kinder! Morgen früh zeitig aus den Federn! Ja

nicht verschlafen! Ihr sollt mit mir in die Heidelbeeren gehen.“

„Ach, wäre doch nur ein schöner Morgen!“ dachten wir in unserer

Freude. „Schiene doch die Sonne morgen früh recht klar und freundlich

hernieder!“ sagte Bruder Johannes beim Zubettgehen noch.

Der Morgen war schön. Wir alle hofften, im Walde einige frohe Stunden

zu verleben. Wir hätten schon um sieben Uhr aufbrechen können, wäre

Eduard nicht so saumselig mit seinem Anziehen gewesen.

„Jetzt die Botanisirtrommel auf den Rücken und vorwärts!“ befahl

endlich der Vater.

Wie lustig hüpften wir dahin! Wie freuten wir uns auf das Frühstück mit

blauen Beeren! „Wären wir nur schon dort!“ sagte Johannes wiederholt

unterwegs.

Endlich langten wir im Walde an. Zu unsern Füßen stand der saftige

Frühstückstisch. Man glaubte, einen mit schwarzen Perlen gestickten

grünen Teppich zu erblicken. Wir würden sofort an die süße Arbeit

gegangen sein, hätte nicht der Vater jetzt gerufen: „Halt! Erst fünf

Minuten abkühlen!“ -- Wie sehnsüchtig blickten wir alle nach den

herrlichen Beeren hin! „Daß doch die fünf Minuten schon um wären!“

wünschten wir alle.

Endlich begann der Schmaus. Jeder aß nach Herzenslust. Ich meinte

anfänglich, ich äße die meisten Beeren, aber Eduard war doch noch

fleißiger. Er sagte auch scherzend: „Wenn es möglich wäre, äße ich

einen ganzen Scheffel voll!“

Nach etwa einer Stunde mochte der Vater meinen, wir könnten nun genug

haben. „Jetzt Schicht!“ befahl er. „Alle her zu mir! Keine Beere mehr

anrühren!“

Wir gehorchten. Johannes aber sagte mit einem tiefen Seufzer: „Ach,

hätte ich nur noch fünf Minuten zulangen dürfen!“ Der Vater hatte dies

gehört und erwiderte: „Wollte doch Monsieur Johannes einsehen, daß

allzuviel ungesund ist!“

49. Ein Sommertag.

(Mittelwort der Gegenwart.)

Es war ein +reizender+ Julitag. Auf den weithin sich +dehnenden+ Wiesen

lag +duftendes+ Heu. Singende Schnitter mähten mit ihren blitzenden

Sensen die wogenden Kornfelder. Hier trabten wiehernde Rosse mit

einem leeren, rasselnden Erntewagen daher. Dort fuhr ein anderer, die

goldglänzenden Garben hochaufgethürmt, langsam und mit schwankender

Bewegung der Scheune zu. Ueberall sah man eifrig arbeitende und emsig

schaffende Landleute mit glühenden Gesichtern und schweißtriefenden

Stirnen.

An den noch grünenden Hügeln weideten blökende Heerden mit lieblich

tönenden Glocken. In dieses anheimelnde Geläute mischte sich das

jodelnde Lied und die knallende Peitsche der Hirten. Aus dem unzählige

Früchte bergenden Walde erklangen die jubelnden Stimmen der eifrig

pflückenden Heidelbeergänger.

Um die bunt leuchtenden Blumen auf den Rainen und an dem murmelnden

Bache tanzten flatternde Falter, schwirrten schillernde Käfer, summten

Honig suchende Bienen.

Ueber dem Allen aber schwebte am lachenden Himmel die trillernde

Lerche, den allliebenden Schöpfer preisend, dessen segnende Hand die

nährenden und erquickenden Gaben alle gespendet.

50. Unter dem Kreuze.

(Mittelwort der Vergangenheit.)

An einem +vielbegangenen+ Feldwege stand ein +gezimmertes+ Holzkreuz

mit dem +gekreuzigten+ Heilande. Das aus Kupfer getriebene, bemalte

Bild zeigte hier und da durchlöcherte Stellen. Die beschädigten Theile

rührten von den Geschossen einer unlängst hier geschlagenen Schlacht

her.

Vor diesem entstellten und zersplitterten Krucifixe lag ein

verwundeter Krieger. Sein abgezehrtes Gesicht zeugte von entsetzlichen

Qualen. Sein umflortes Auge ließ auf einen baldigen Tod schließen.

Der zerfetzte und beschmutzte Waffenrock, die verbogene Säbelscheide,

der eingedrückte Feldkessel und der unverschlossene Tornister mit dem

geleerten Brodbeutel vollendeten das Bild des Jammers.

Die abgemagerten Hände des gänzlich entkräfteten Kriegers falteten sich

zum Gebete. Er hob den halbgebrochenen Blick zum sonnenbeleuchteten

Kreuze empor. Seine erblaßte, vom Schmerze umzuckte Lippe lallte nur

noch abgebrochene Worte. „Meine Mutter!“ war sein letzter Ausruf. Das

erloschene Auge schloß sich und der tapfere Krieger war eine Leiche.

51. Ein Stück Kriegsarbeit.

(Mittelwort der Zukunft.)

Die +zu stürmende+ Schanze lag auf einer bedeutenden Anhöhe. Die dabei

+zu überwindenden+ Hindernisse sahen drohend aus. Das zum Angriffe

zu ordnende deutsche Heer schaute nicht ohne Besorgniß nach den zu

übersteigenden Wällen empor. Das zu verwendende Geschütz und die zu

benutzenden Sturmleitern standen bereit. Die zu verschießenden Bomben

lagen hochaufgethürmt.

Jetzt wurden die zu besetzenden Punkte bezeichnet und die Orte der zu

grabenden Minen erwählt. Der commandirende General war der Ansicht, das

zu eröffnende Feuer müsse gleich mit allem Nachdrucke gegeben und das

zu verwendende Pulver dürfe gleich anfänglich nicht geschont werden,

damit die zu besiegende Schanzenmannschaft einen heilsamen Schrecken

bekäme.

Der Kampf begann. Die Kugeln durchwühlten die zu erringenden Wälle. Die

zu beseitigenden Palissaden stürzten von den schweren Geschossen und

füllten die zu übersteigenden Gräben.

Endlich erfolgte der Sturm. Der zu überwältigende Feind wehrte sich

tapfer. Die zunächst zu erobernden Vorwälle feuerten mörderisch. Aber

umsonst. Der zu vollführende Befehl der Deutschen hieß: „Siegen oder

sterben!“ Binnen einer Stunde war die zu nehmende Schanze in deutschen

Händen.

52. Das Brod.

(Leideform.)

Die Mittagsglocke +wird+ geläutet. Der Tisch +wird+ gedeckt. Wir setzen

uns daran. Das Gebet +wird+ gesprochen. Messer, Gabeln, Löffel und die

Zähne +werden+ in Bewegung gesetzt. Fleisch, Gemüse und Brod werden

gegessen. Das liebe Brod! Es wird sowohl an der Tafel des Kaisers als

am Tische des Bettlers genossen. Wohl des Tages dreimal wird Brod von

uns gegessen. Wie selten aber denken wir daran, wie es erzeugt wird,

wie viel Hände dabei in Thätigkeit gesetzt und wie viel Schweißtropfen

dabei vergossen werden.

Zuerst muß der Acker gedüngt werden. Dann wird er gepflügt und geeggt.

Darauf wird er von der Hand des Landmannes mit Samen bestreut.

Erdklöse, die durch ein abermaliges Eggen nicht zerkleinert worden

sind, werden nicht selten jetzt noch durch eine Walze zermalmt.

Durch geheimnißvolle Kräfte wird nun der Keim in dem Korn entwickelt.

Die Saat geht auf. Durch Sonnenschein und Regen wird sie von Tag zu Tag

größer gezogen. Die Halme werden kräftiger. Nach mehreren Wochen werden

die Aehren angesetzt. Sie blühen. Durch den Blütenstaub wird das Korn

befruchtet. Es entwickelt sich. Bald darauf werden die Halme von der

Sonne gebleicht und die Fruchtkörnchen gehärtet.

Jetzt wird das Korn gemäht und in die Scheune gebracht. Hier werden die

Garben ausgedroschen, die Körner gesiebt, gereinigt und in die Mühle

gebracht. Dort werden sie gemahlen und somit in Mehl verwandelt. Das

Mehl wird dem Bäcker überliefert und von diesem in einen Backtrog

geschüttet. Hierauf wird es mit Wasser und Sauerteig vermengt und zu

einem Teige geknetet. Dieser Teig wird nun eine Zeit lang der Gährung

überlassen.

Ist die Gährung erfolgt, wird der Teig zu Kugeln geformt und diese

werden in den heißen Backofen geschoben. Damit die Brode Glanz

bekommen, werden sie mit Wasser überstrichen. Sind sie gebacken, werden

sie endlich in die frische Luft gestellt, damit sie abkühlen. Jetzt

erst ist das Brod fertig.

Daß doch kein Bissen Brod gegessen werden möchte ohne den Gedanken,

daß es vom lieben Gott gegeben wird und daß unzählige Schweißtropfen

vergossen werden müssen, ehe wir es auf unsern Tisch bekommen.

53. Die Berufswahl.

(Wiederholung der Formen des Zeitwortes.)

„Du mußt Dich nun ernstlich entschließen“, sagte ein Vater zu seinem

Sohne, „was Du einmal werden willst. Du zählst bereits vierzehn Jahre

und kannst nun wissen, welche Berufsart Dich am meisten anspricht.“

„Ich will die Gärtnerei erlernen“, erwiderte August, „da kann man doch

immer im Freien arbeiten, schalten und walten.“

Der Vater erklärte sich damit einverstanden und brachte den Knaben zu

einem Lehrherrn. Bald aber kam August wieder nach Hause und klagte, er

müsse zu viel hacken, graben, harken und sich bücken und überhaupt zu

viel arbeiten. Er wolle lieber Jäger werden, da könne er den grünen

Wald durchstreifen, das muntere Wild verfolgen, auf weichem Moose

ruhen; und wenn es auch einmal regne oder schneie oder stürme, das sei

schon zu ertragen und solle ihn nicht verdrießen.

Der Vater ließ sich bewegen und bald studirte August in einem

Forsthause.

Allein auch das Leben im Walde gefiel ihm nicht lange. Es war ihm

unbequem, daß er früh zeitig aufstehen, seinem Herrn die Stiefel putzen

und wichsen und die Kleider klopfen und bürsten mußte. Er beschloß

jetzt, ein Fischer zu werden. „Ein Fischer“, dachte er, „kann alle Tage

auf den klaren Wellen umhergondeln. Er braucht nur das Netz auszuwerfen

oder die Angelschnur in das Wasser zu halten, und die Fische fangen

sich von selbst.“

So wanderte August zu einem Fischer in die Lehre. Sehr bald indeß

verdroß ihn auch diese Beschäftigung. Daß er rudern, steuern, Netze

stricken und flicken und oft im Wasser waten müsse, hatte er sich nicht

gedacht. Jetzt bat er seinen Vater, ein Koch werden zu dürfen. „Ein

Koch kann Tag für Tag etwas Gutes essen und trinken“, meinte er. „Er

kann nie vom Hunger geplagt werden. Er steht stets vor dem Feuer und

kann nie frieren. Er braucht sich auch nicht sonderlich zu mühen und zu

plagen, denn das Essen kocht ja ganz allein.“

Was aber geschah? Schon nach vier Wochen kehrte August klagend und

jammernd auch aus dieser Lehre zurück. Jetzt hatte ihm wieder nicht

gefallen, daß er Kartoffeln schälen, Möhren schaben, Gurken hobeln,

Pfeffer stoßen, Kaffee mahlen, Geflügel rupfen mußte und dergleichen.

Da aber tadelte ihn sein Vater aufs ernstlichste und sagte: „Wenn Du

so fortfährst und keine Lasten ertragen lernen willst, wirst Du es zu

nichts bringen und Du wirst schließlich zu den Taugenichtsen gezählt

werden. Darum gehe jetzt auf der Stelle wieder zu Deinem letzten

Lehrherrn, bitte ihn um Verzeihung, lerne arbeiten und gehorchen und

die kleinen Unannehmlichkeiten geduldig hinnehmen. Niemals aber vergiß,

daß jeder Beruf seine Lust und seine Last mit sich führt.“

54. Ein Zwist.

(Das Hilfszeitwort.)

„+Ich bin+ sehr böse, daß Du in meinem Schränkchen +gewesen bist+“,

sagte Laura zu ihrem Bruder Paul, der etwas naschhaft war. „+Ich hatte+

sechs Aepfel darin und habe nur noch drei Stück. Ich werde auch nicht

eher wieder gut werden, bis ich von Dir das Versprechen habe, daß Du

mir drei andere schenken werdest. Und das wirst Du doch thun? Wir

Schwestern sind nie in Eure Schränke gegangen. Ihr dagegen seid schon

oft in den unserigen gewesen.“

„Nun gut“, sagte Paul, „wenn der Onkel seine Obsternte gehalten haben

wird und ich bei ihm gewesen sein werde, sollst Du Deine drei Aepfel

wieder haben. Ich wurde durch einen plötzlichen Aepfelappetit in Deinen

Schrank verleitet. Seitdem ich aber überzeugt worden bin, daß Du das

übel genommen hast und böse auf mich bist, thut es mir leid! Also magst

Du nur einige Tage Geduld haben und guter Hoffnung sein. Der Verlust

soll Dir reichlich ersetzt werden.“

„Ich habe immer Vertrauen zu Dir gehabt“, erwiderte Laura, „und bin von

Dir in Bezug auf ein Versprechen noch nie getäuscht worden. Du wirst

gewiß auch diesmal ein Mann von Wort sein.“

Sprachbilder nach bestimmten Sprachregeln Ein einfaches und praktisches Hilfsbuch für den deutschen Sprachunterricht in der Volksschule · 第 4 / 18 段